Es ist Liebe - was sonst? - Haes Buck - E-Book

Es ist Liebe - was sonst? E-Book

Haes Buck

0,0

Beschreibung

Grundthema ist das Erleben eines Paares in der heutigen Zeit, in der Mitte dieses Jahrzehnts. Der Erzähler ist Mitte 50 und blickt auf das Leben an der Seite seiner Frau zurück. Er ist durch seinen Beruf bis zur Erschöpfung gefordert. Des Alltags oft überdrüssig und oft melancholisch, ist er dennoch glücklich. Voller Staunen erschließt sich ihm die Bedeutung der Liebe zueinander für ihr gemeinsames Glück. Dieses Glück findet nicht zuletzt in ihrer körperlichen Liebe - zu Hause und auf Reisen - seine größte Erfüllung. So erschließt sich ihm, was er insgeheim seit seiner frühen Jugend wusste. Immer skeptisch, es zu finden, offenbart es sich nun als das spannende Geheimnis ihrer Liebe und Sexualität. Das Werk lässt sich als Liebesroman mit starken erotischen Bezügen einordnen. Die Orte der Handlung wechseln zwischen der Heimat des Erzählers, einer westdeutschen Großstadt, und Gegenden, die er mit seiner Frau bereist, an Mosel, Nord- und Ostsee, in Südtirol, Südeuropa und auf einer Insel im Atlantik. Der Erzähler spricht von sich in der dritten Person.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 500

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Prolog

Wochenende

Früher

Südtirol

Oben auf der Alm

Zu Hause

Zurück aus dem Süden

Zu Hause

Bremm

Flandern

Nordsee

Zu Hause

Sauna

Zu Hause

Karneval

Dazwischen

Weit draussen im Meer

Mosel

Abends

Sauna

Mosel

Ostsee

Prolog

Er wusste, er hatte seinen beruflichen Zenit längst überschritten. Er lebte in einer Metropole an einem großen Fluss seines Landes.

Er war Mitte fünfzig, mittelgroß, schlank geblieben. Oft fühlte er sich als geprügelter Hund, vor Beginn seiner mühevoll empfundenen Arbeitstage. Sie würden ihren Lauf nehmen, im Rhythmus aller Tage.

Aber er war froh, Vater von drei Kindern zu sein. Vor allem war er stolz darauf, den Mut zu ihnen aufgebracht zu haben. Wenn er einmal auf sein Leben zurückblicken würde, wäre der Stolz auf seine Familie und seine Kinder das entscheidende Detail.

Alles an ihm und seiner Familie erschien normal. Ihr Sein war in geregelten Bahnen verlaufen. Dennoch empfand er das Leben, sein eigenes Leben, als ständigen Wechsel steiler Höhen und tiefer Abgründe.

Welchen jeweiligen Bedingungen mussten sich Menschen stellen? Die Nachrichten waren voll von Krieg, Terror, Willkür, staatlichem und gesellschaftlichem Versagen, Flucht und weiteren Schrecken. Um ihn herum herrschten tiefer Friede, Wohlergehen, oft ausgelassene Heiterkeit.

Er war ein etwas atypischer Vertreter derer, die in den Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ihre Jugend erlebt hatten, aufgewachsen im Dunstkreis einer Kleinstadt der Provinz, von Feldern umgeben. Vielleicht etwas ehrgeiziger als andere, etwas spätreifer als andere, war die in den späten sechziger Jahren offen ausgerufene Ära sexueller Libertinage eine seiner entscheidenden emotionalen Herausforderungen gewesen.

´Make love not war´ repräsentierte die heißeste Utopie seit Menschengedenken, befeuert von erotisierender Musik aller Schattierungen, Jugendlichkeit in Abwesenheit irgendwelcher Wohlstandsbäuche und den Versuchungen einer mit den bisherigen Traditionen brechenden Drogenkultur. Griffige Parolen wurden legendär durch ihren Gehalt an Körperlichkeit und waren in Einfachheit an Eleganz und Genialität nicht zu überbieten.

Wer sollte sich mit dem Muff von tausend Jahren unter den Talaren abgeben? Niemand hatte Lust auf eingesperrte, abgestandene Körperlichkeit unter dicken Gewändern. Nacktheit war Trumpf, junge, unverbrauchte Haut aus allen, wirklich allen Blickwinkeln. Glücklich, wer diese Blicke gratis bekam. Glücklicher, wer zugleich den Genuss der unendlich zarten und unendlich dominanten Gerüche der körperlichen Liebe erfahren durfte. Noch glücklicher, wer sich der Bindungskraft dieser Gerüche zu entziehen verstand, niemand wollte sich die eben gewonnene Freiheit wieder nehmen lassen. Im Paradies, wer viele und noch mehr solcher Blicke und Gerüche fand und doch an der Spitze der gesellschaftlichen Umwälzung stand.

Niemand wollte zum Establishment gehören. Höchstens, wenn es den eigenen Interessen diente. Niemand wollte mehr als einmal mit derselben ins Bett gehen. Niemand bedachte, dass die Natur im Allgemeinen und die körperliche Liebe im Besonderen Tricks auf Lager haben könnte.

Davon, diese Tricks zu kennen und zu verstehen, war er als Heranwachsender in den siebziger Jahren Lichtjahre entfernt. Seiner Libido und seines Dings war er sich sicher, zuverlässig würde er sein Ding beim Anblick vielfältiger Formen der Nacktheit hochbringen können, nicht beim Anblick nackter Engel auf irgendwelchen barocken Gemälden, nicht beim Anblick junger pastös-adipöser Frauen der Renaissance, nicht beim Anblick welker freudloser Körper, denen die Tricks der körperlichen Liebe immer vorenthalten geblieben waren.

Nein, die Nacktheit, die sein Ding hochbrachte, war in diesen Jahren universell präsent. Sie stimulierte seine Gedanken, seine Wünsche und Sehnsüchte nach Liebe, die ihm während seiner Bewusstwerdung mit körperlicher Liebe eins zu sein schien.

War er dem Voyeurismus verfallen? War es genuines Interesse am Sex, an seiner Natürlichkeit? Wie viele Phantasien drehten sich seit Menschengedenken um Sex? Er war glücklich aufgewachsen, mit Aufmerksamkeit und liebevoller Strenge von seinen Eltern als jüngstes Kind unter vier Geschwistern groß gezogen worden.

Gleichgeschlechtliche Liebe war nicht seins, er wusste es. Viel zu intensiv empfand er platonische Phantasien, die sich auf gleichaltrige, aus gegenseitiger Schüchternheit unerreichbare Mädchen projizierten.

Viel zu schön und erregend empfand er den Anblick einer wohlgeformten nackten Frau, deren Tränen eine glänzende Spur am Hals herab nahmen und symmetrisch auf zwei hochgradig erigierte Mamillen zuzulaufen schienen. Waren diese Tränen Zeichen eines Liebeskummers oder bevorstehender purer Lust gewesen? Das Letztere schien ihm plausibler. Sein Ding trieb bei diesem Anblick die Spannung in der Hose sofort auf die Spitze. Und es war allenthalben bekannt, daß Bathseba und König David ein wildes erotisches Verhältnis eingegangen waren. Seit Jahrtausenden hatte das Lied der Lieder die erotischen Phantasien der Menschen beflügelt.

Erotisch war aber nicht bloss die direkte Beschreibung der lustgebenden Organe, erotisch war auch die Kunst ihrer Umschreibung. Erotisch war das nicht enden wollende Vorspiel, schwarz-weiß ausgeleuchtet. Erotisch waren die Schatten, die den Blick auf jene Organe verstellten, auf straffen Körpern, die sich in wildesten Verrenkungen einander näherten.

König David, ein junger, muskulöser, aufgeweckter Mann, dessen Neugierde und Ekstase eins zu sein schienen, Bathseba, eine junge, wohlgeformte, brünette Frau, die wusste, ich will ihn, egal, was ist, ich will ihn auf mir, unter mir, in mir. Es konnten keine unechten Empfindungen sein, die ihm in seiner Kindheit, noch im Alter unter zehn Jahren, bei der Durchsicht eines den elterlichen Bücherregalen entnommenen Bildbandes der Aktphotographie geweckt worden waren. Der Plot dieses Buches war das Lied der Lieder, freizügig visuell unterlegt.

Wochenende

Am Morgen danach schlief er seine vollkommene Erschöpfung noch aus. Sie war aufgestanden, ohne jede Hülle. Sie spürte, wie die Flüssigkeit in ihrem Schritt nach außen quoll. Alles roch gut, besonders mochte sie diesen Geruch auf sich und an ihm. Nachdem er wach geworden war und sich erstmals seit langem ausgeschlafen fühlte, beschwerte sie sich über das Problem.

„Liebster, wegen Dir kann ich heute keinen trocken bleibenden Slip anziehen!“

Nur scheinbar mitleidig lächelte er sie an. Spätestens jetzt hatte er das sichere Wissen, dass ihr heißer und schneller Akt am vorhergehenden Abend keine Einbildung gewesen war. Waren seine Zweifel am Vortag stetig gewachsen, dass es überhaupt zu diesem Akt kommen würde.

Zunächst hatte alles gestimmt, als sie mit befreundeten Familien zu einem Wochenendausflug mit Rädern huckepack auf den Autos aufgebrochen waren. Die Sonne hatte geschienen und angenehm warme Temperaturen produziert. Morgens noch hatte ihn ein Staunen über die versteckten Schönheiten dieser Gegend erfasst. Alle kannten das Land aus der Autobahnperspektive, nur wenige interessierte die Vielfalt der versteckten Seitentäler, deren Straßen sich in steten Windungen und im Schatten einer dichten Natur zu dem Fluss herab schlängelten, an dessen Ufern sie zwei Tage entlang radeln wollten.

Neue Aussichten, Blickwinkel, Eindrücke standen bevor. Oft schon hatte er von diesem Fluss gehört und gelesen, der einer Weinanbauregion den Namen gegeben hatte, der in ihm verschiedenste Assoziationen weckte, nicht an graue Alltage, eher an lustige, weinselige Ausflüge älterer Gruppenreisender, die sich dort ihrer einstigen guten jungen vergangenen Zeiten erinnerten. Zeiten, in denen ihre ganz eigene körperliche Liebe präsent gewesen war, in denen es ´Wein, Weib und Gesang´ geheissen hatte. Der hier angebaute Wein bot ihm eine Projektion für dieses populäre Idiom.

Sein Wissen um das Jetzt des angestaubten Tourismus in dieser Region liess ihn befürchten, dass es vielleicht noch zu Wein und Gesang, nicht aber zum Weibe oder zum Manne reichen würde. War unter Wein und Gesang der Sex des Alters zu verstehen? Irgendwann würde das wohl in seinem Leben so sein, und ein bisschen graute ihm davor.

Trotz seines Alters und seiner alltäglichen Beschwerden fühlte er sich nach wie vor jung. Nicht zufällig konfrontierten ihn bis zuletzt Reaktionen seiner Mitmenschen, die ihn wesentlich jünger einschätzten. Und seine Frau konnte nicht unehrlich sein. Auch sie hatte immer wieder Worte zu seinem jugendlichen Aussehen parat. Im Kontext mit ihrer Erscheinung, die sich auf ihre aparte Schönheit und Ausstrahlung und eine seit ihrer prekids-Phase unveränderte Figur gründete, fühlte er sich zu jung, dem Klischee eines gemeinsam alt gewordenen und in sexueller Abstinenz eingefrorenen Ehepaares zu entsprechen.

Dieses Klischee sollte auf ihn und seine Frau, die jetzt als Radtouristen an diesem Fluss unterwegs sein wollten, nicht zutreffen dürfen. Seit dem Vorabend hatte er subtile Signale seiner Frau nach Lust auf richtig guten Sex empfangen. Nach langen Jahren gemeinsamer Ehe und spannender Liebe war er sicher in der Wahrnehmung solcher Signale. Mit dem allerersten Signal, was tatsächlich auch Tage vor dem entscheidenden Akt sein konnte, begann das eigentliche Vorspiel. Sie hatte ihn gestern darauf hingewiesen, dass sie für ihn und sich ein eigenes großzügiges Zimmer in der Unterkunft reserviert hatte. Die Aufmerksamkeit des mitreisenden, zaghaft pubertierenden Sohnes würde durch die Anwesenheit seiner Freunde komplett gebunden sein. Aufmerksamkeit, die sich sicher nicht auf das Liebesleben der Eltern in deren separatem Zimmer richten würde. Ein Liebesleben, dessen Nacktheit, Freizügigkeit und Ekstase nicht für die Augen und Ohren eines Dreizehnjährigen bestimmt war.

Dennoch, der Tag nahm seinen Lauf, und nicht in die gewünschte Richtung. Seine Frau mochte längere Autofahrten nicht, noch dazu Autofahrten, die länger dauerten als geplant. Ihre Ankunft hatte sich verzögert, auch wegen Umwegen durch dicht bewachsene Täler und kleine Weiler. Dem sofortigen Start ihrer Radtour standen die logistischen Probleme einer Fahrt mit mehreren Erwachsenen und Kindern entgegen. Erst mussten die Autos zur Unterkunft gebracht werden, um Gepäck, Schlüssel, Modalitäten der Übernachtung und Rücktransport des Autos, das die Väter an den Ausgangspunkt zurückbringen sollte, sicherzustellen. Alles keine wirklichen Probleme. Die eigentliche Radtour inclusive Picknicks und dreimaliger Fährquerung des Flusses blieb im Zeitrahmen.

Das wirklich wichtige Problem im Laufe des Tages wurde eine ihn langsam, aber unaufhaltsam erfassende, zuletzt bleierne Müdigkeit, die abends beim gemeinsamen Essen in einem der Unterkunft nahe gelegenen Lokal kaum noch zu kaschieren war. Er fühlte sich elend müde und erschöpft, wollte diesen lang ersehnten Abend mit den Freunden aber nicht durch seine Erschöpfung belastet wissen. Wenn er eines wusste, fehlte ihm in diesem Zustand jede Fähigkeit zu angeregter Konversation. Die Sorge, wie seine Frau das zum Ausdruck gebrachte Verlangen nach Sex mit diesem müden Mann aufrechterhalten sollte, war noch schlimmer.

Mit seiner Erschöpfung kamen Zweifel an seiner Körperlichkeit hinzu. Sex ging mit höchster Erregung einher, wenn die Körperlichkeit dazu passte und flirrende Wachheit die Wahrnehmung dynamischer Aktion der eigenen Muskeln erlaubte.

An diesem warmen Sommertag war ihm dieses Gefühl von seiner Körperlichkeit abhanden gekommen. Sich vorzustellen, diesem leicht schwitzenden, 54jährigen Mann auf dessen Hollandrad würde abends noch eine Chance als Lover gegeben, fiel ihm schwer. Die libidinöse, auf seine Frau gerichtete Energie bestand aber fort, und er hoffte, dass ihr durch Subtilitäten bekundetes Verlangen nach Sex nicht verloren ging.

Schlimmer noch an diesem für ihn pseudogeselligen Abend erfreuten sich die anderen bester Laune und liessen keine Spur von Müdigkeit erkennen. Sie wollten den Abend nach ihrer Rückkehr vom Restaurant mit einem lokalen Wein in gemeinsamer Runde am Lagerfeuer im Garten der Unterkunft begiessen! Es bedeutete für den heiß ersehnten Sex weitere Verzögerungen und Erschwernis.

Ein Glas Wein konnte ein perfekter Auftakt zum eigentlichen Vorspiel sein, auch zwei oder drei Gläser, sofern sie in ein Arrangement zu zweit allein genossener kulinarischer Köstlichkeiten eingebettet waren, begleitet von zunehmend eindeutigeren Anspielungen auf die Schönheiten und magischen Anziehungspunkte des Liebespartners. So könnten bis zum eigentlichen Sex aus Minuten lustvolle Stunden werden.

Aber wie sollte das am Lagerfeuer mit den anderen Freunden funktionieren? Wie sollte dort die auf schlüpfrigen Sex zielende Kommunikation mit seiner Frau in Gang kommen? Noch dazu im alles überdeckenden Geruch frisch brennender Holzscheite?

Ein Teil der Anziehungskraft, die er auf seine Frau ausübte, verdankte er dem Geruch seines Körpers. Vor vielen Jahren hatte sie sich nach ihren allerersten intimen Begegnungen lustvoll auf seinen gerade verlassenen Schlafplatz gedreht und den von ihm hinterlassenen Geruch genussvoll eingeatmet. Abgestanden wirkender Brandgeruch hingegen entfremdete ihn seiner Frau.

Er beschloss, dem geselligen Abend am Lagerfeuer keine Chance einzuräumen, hätte es wegen seiner Müdigkeit auch nicht gekonnt. Er beschloss, ein Glas Wein herunter zu kippen, sich dem Lagerfeuer möglichst nicht zu nähern und den biologischen Zeichen seiner Müdigkeit breiten, für die Anderen sichtbaren Raum zu geben, um sich nach kurzer Zeit in ihr eigentlich als Liebesnest geplantes Zimmer zurückzuziehen. Weil sich auch seine Frau ohne spezielle Absprache von der geselligen Runde zurückzog, ging sein Plan unverhofft auf.

Nach Ankunft in ihrem Zimmer bestimmte zunächst die übliche Routine den Ablauf. Sich ausziehen, den eigentlich überflüssigen Schlafanzug, das eigentlich überflüssige Nachthemd anziehen, die schnelle, möglichst nicht die Zeit dehnende Abendtoilette hinter sich bringen, geduscht hatten beide vor dem Essengehen.

Er kroch immer noch müde und erschöpft unter die Laken. Ihm blieb die Kraft, sich unbemerkt von seiner Frau den Schlafanzug wieder auszuziehen. Die Vorstellung des bevorstehenden Akts liess sein Ding hochschnellen. Die Müdigkeit war sofort weg. Seine Blicke wandten sich zum Badezimmer. Seine Frau vollzog letzte ihrer Schönheit dienende Handlungen.

Sie knipste das Licht aus und kam im Halbdunkel des durch die Fenster dringenden Mondscheinlichts die wenigen Schritte auf die andere Seite des Doppelbetts zu. Seine ihm jahrzehntelang zugefallenen und genossenen Erfahrungen liessen ihn an ihrer Haltung und ihren Bewegungen erkennen, dass sie unverändert und gerade jetzt daran interessiert war. Er konnte es nicht genau beschreiben. Eine Vielzahl kleinster Regungen und Momente, die er in den Horizont seiner Wahrnehmungen aufgenommen hatte, gaben ihm keine Zweifel. Seine Frau wollte jetzt und sofort mit ihm schlafen. Umgekehrt galt das Gleiche. Es hatte Situationen gegeben, wo er alles versucht hätte, mit ihr Sex haben zu können, sie aber verstand, ihn liebevoll und effektiv von der Aussichtslosigkeit seiner Bemühungen zu überzeugen. Jetzt war Sex gefordert, beide forderten ihn. Und dieses Einfordern von Sex verstärkte seine Libido über das schon hohe Niveau hinaus.

Ein kurzer Moment, und die Hände seiner Frau hatten bemerkt, dass er nackt war, von ihrer wunderbar weichen Stimme leicht spöttisch kommentiert, er wäre doch so müde gewesen. Ein weiterer kurzer Moment, und sie hatte sich kopfüber ihr Nachthemd ausgezogen, bereit, ihm ihren ganzen Körper zur Verfügung zu stellen.

Hier waren sie wieder, diese im Mondscheinlicht das Wichtige hervorhebenden Halbschatten, welche den Weg seiner Hände zu den erogenen Zonen bahnten und diesen Weg seinem Körper gleich mit. Es war still. Still genug, um ihr tiefes Atmen und erste Laute ihrer Lust zu vernehmen. Obwohl ihnen bewusst war, dass es nach dem tagelangen Vorspiel kein weiteres langes Vorspiel werden würde, gehörte dazu, seinen harten Penis nicht zu schnell ihrem Körper zu nähern. Jedesmal aufs Neue war es eine spannende Exploration ins bekannte Unbekannte, die zärtliche, leichte und vorsichtige Massage ihrer Rundungen, die natürlich ihre Brüste einschloss, ihre schmale Taille, ihren Hintern, diesen erotisierenden Spalt in dessen Mitte, die vorsichtige, aber bestimmte, von seinen Händen dirigierte Spreizung ihrer Oberschenkel.

Die Art und Weise, wie sie ihre Oberschenkel dieser Spreizung folgen liess, machte ihn umso gespannter auf das feuchte Areal dazwischen und presste erste Tropfen aus seiner Eichel hervor. Es war gewollt, während dieser ganzen, bereits sehr intimen Begegnungen deren Kontakt zum Körper seiner Frau möglichst lange zu vermeiden. Je mehr dieses Lustsekret auf der Spitze seiner Eichel sich zu einer prallen Portion einer der Natur entnommenen Gleitsubstanz angesammelt hätte, um so stärker wäre deren lustgebende Wirkung auf seine Frau. Dies wusste er aus ihren früheren Äußerungen und Reaktionen. Überdies verstand dieser Mechanismus die sonst fehlende Gleitfähigkeit seiner Eichel auszugleichen, die seit frühesten Kindertagen wegen einer Phimose freigelegen hatte.

Nun galt es, höchstens einen Teil dieser Tropfen an einer ihrer Stellen zu verlieren, gerade so viel, dass sie merken würde, er war zu allem bereit. Der andere Teil sollte ihre Labien noch mehr befeuchten. Auch bei diesem Plan spürte er ein Entweder Oder, eine Qual der Wahl. War der kurze Kontakt seiner nassen Eichel mit ihrem nackten Bein oder Hintern geeigneter, ihr lustvolles Stöhnen zu provozieren, oder der erste volle Kontakt seines harten erigierten Gliedes mit ihrem Körper in enger Umschlingung?

Das erste bedeutete mehr Verzögerung, mehr Vorspiel, mehr Zeit, seine Eichel und ihre Scheide zu nähern. Die Empfindungen seiner Finger kamen dazu, sie signalisierten zuverlässig, dass die heisseste Phase ihres Akts unmittelbar bevorstand. Benetzt von ihrem Sekret nahmen seine Finger sanfte Massagen ihrer Klitoris vor, vermieden jeden Schmerz, weil die Natur und ihre Sekrete etwas wie Reibung nicht zu kennen schienen. Näher und näher kamen sie sich, voller Spannung und Gier auf ihre Paarung.

Gerne noch hätte er ihre Vagina, Labien und Klitoris oral ertastet, geleckt, gesaugt, rhythmisch geführt von ihren sich ihm entgegenstreckenden Bewegungen. Dieses Mal sollte es nicht lange dauern. Ihre Münder und Körper suchten und fanden sich, sie mit breit gespreizten Beinen auf ihm. Ihre jahrelangen Erfahrungen liessen seinen steil aufragenden Schwanz und ihre weit geöffnete Vagina vorsichtig ineinander rutschen, als gäbe es keinen anderen Weg, keinen lustvolleren, heisser empfundenen Weg ins Glück. Rein und nicht ganz raus, wieder rein und nicht ganz raus, tiefer rein und nicht ganz raus, nasser, heißer Kontakt, dazu dieser unverschämt erotisierende Geruch der Liebe an ihr und seinen Fingern. Ihre Lippen und Zungen begegneten sich, je tiefer sein Penis in sie eindrang, desto tiefer spielten ihre Zungen im Mund des anderen. Dies alles ein maximal erregendes Spiel, in dem sie ineinander glitten, um den kommenden erlösenden und befreienden Glücksrausch miteinander zu vermischen. Wenige Minuten, bis die aufkommende Woge in seinem Ding ihren Weg nahm und sein Sperma mit diesem unbeschreiblichen, von einem langgezogenen Kitzel begleiteten Gefühl in ihre Scheide spritzte.

War sie zur gleichen Zeit gekommen? Eine der wesentlichen Fragen, deren Beantwortung die Natur ihm Zeit seines Lebens vorenthalten würde. Bei allen physiologischen Kenntnissen, bei all der medizinisch-psychologischen Vorbildung, die er dazu hatte, bei aller Empathie, die er für seine Mitmenschen im Allgemeinen und seine Frau im Besonderen empfand, würde sie ihm das Wissen um diese Antwort immer voraushaben.

Nie würde er ihr einen Orgasmus vorspielen können, hunderte Male hatte sie dessen Beweis in sich getragen, meistens vaginal deponiert, seltene Male diesen eher neutral schmeckenden Beweis geschluckt, seltene Male sein Ejakulat auf ihren Schamhügel, ihre Vulva oder ihren Hintern spritzen lassen. Diesen Beweis war er jedesmal aufs Neue und sich selbst schuldig gewesen. Dieser Beweis allein brachte ihm die fast vollendete Erfüllung.

Hatte er aber das Gefühl, dass auch sie zutiefst befriedigt war, war diese Erfüllung erst vollendet. Aus was sich dieses Gefühl speiste, waren Indizien. Ihre sich steigernde Ekstase, ihr Stöhnen, dass scheinbar auch gespielt sein konnte, ihr Schweiss, der sich als dünner Film auf ihrer Haut bildete und sich mit seinem Film vermischte, der triefende Kontakt ihrer Geschlechtsteile, der Geruch der Liebe, der engste Kontakt, den beide hatten, die Gestik und Mimik des Glücks, das seine Frau bei ihrem Orgasmus und danach empfand und sei es auch nur als beabsichtigtes Element ihres Akts, ihn restlos zufrieden zu stellen. Darüberhinaus sicherten weitere Indizien diesen Eindruck ab, die wohlige Erschöpfung, die engen Umschlingungen und zärtlichen Streicheleien danach, die von einer zunehmenden Schläfrigkeit begleitet waren. Und der Morgen danach, wenn sie den Eindruck einer aussergewöhnlich warmherzigen Person machte, die besonders zufrieden mit sich und der Welt war. Die subtilen Zärtlichkeiten zwischen ihnen hörten ja nicht auf, tiefe, verräterische Blicke, die Aussenstehenden durchaus vermitteln durften, dass die körperliche Liebe zwischen ihnen absolute Harmonie hergestellt hatte.

Der zweite Tag der Radtour am Fluss nahm seinen Lauf, alle trafen sich bei schönstem Wetter im Garten ihrer Unterkunft zum Frühstück, das die Wirte mit Liebe zum Detail zubereitet hatten.

Die ganzen Lasten, Müdigkeiten, verqueren Gedanken, die seinen gestrigen Tag auch bestimmt hatten, waren weggeblasen. Nichts liess ihn an die bevorstehenden Arbeitswochen mit den vielen Bereitschaftsdiensten denken. Seine Frau saß neben ihm, gelöst, entspannt, glücklich, offenherzig. Sie strahlte genau das aus, was auch er empfand. Der Tag würde ebenso glücklich vergehen und enden, seine Wahrnehmung liess nichts anderes zu, trotz irgendwelcher Nichtigkeiten, von denen das verspätete Eintreffen des Zuges, der sie zu den Autos an ihrer Unterkunft zurückbringen sollte, noch die erinnerungswürdigste Kleinigkeit war. Nichts, gar nichts konnte ihrem gemeinsamen Glück an diesem Tag etwas anhaben. Ihr schneller heisser Akt am Abend zuvor, der mit dem platonisch langen Vorspiel, der durch relevante Störfaktoren alles andere als gesichert erschien und nur deshalb eintrat, weil ihn beide unbedingt wollten, dieser erfüllte Akt hatte sich wie eine schützende Schicht um ihr Gefühlsleben gelegt.

Beide wussten, es würde dauern, bis sie das gleiche Feuer wieder erfassen würde, zu viele Pflichten und Verpflichtungen standen auf dem Programm.

Früher

Sie hatten ein Haus in ruhiger Lage, mit einem Schlafzimmer, das den gebotenen Abstand zu ihrem jüngsten Sohn, der als einziges Kind noch zu Hause war, gewährleistete. Notfalls wären sie abends, kurz nachdem ihr Sohn eingeschlafen wäre, übereinander hergefallen. Guter Sex, noch besserer Sex, liess sich aber nicht anknipsen.

Genau dies war für die Plots der allermeisten pornographischen Handlungen bestimmend. Beide hatten sich in der Laufbahn ihrer Liebe auch mit pornographischen Inhalten befasst, er weitaus früher als sie, auch schon vor ihrer gemeinsamen Zeit.

Als Achtzehnjähriger hatte er seinen ersten Film gesehen, mit seinem damaligen Freund, zu dem er heute noch seltenen, aber herzlichen Kontakt hatte. Traumatisch hatte er diesen Film nicht empfunden, trotz der etwas verruchten Lokalität im Bahnhofsviertel der mit dem Zug circa fünfundvierzig Minuten entfernten Großstadt. Sie, zwei junge Kerle, die beide während des Films ihr dauererigiertes Ding in der Hose liessen, während um sie herum vorwiegend ältere Männer oder das, was sie dafür hielten, ihre teils offenen Hosen bearbeiteten, in einem Halbdunkel ohne jede erotisierende Halbschatten, ein Setting, das nichts mit der seit der Kindheit so verehrten Atmosphäre seines Buchs der Aktphotographie zu tun hatte.

Auf was projizierte sich diese arme, traurige Erregtheit? Die Handlung war schnell erzählt: eine nackte Frau um die zwanzig liess sich von drei verschiedenen Männern in allen möglichen Positionen und unter Äußerung einförmiger Laute ficken. Diese Laute hätten als Stöhnen, Pressen oder auch Quieken durchgehen können. Er bekam den Eindruck, die Hauptdarstellerin hätte auf ihre Uhr schauen wollen, um zu wissen, wie lange sie ihre Dienste noch zu tun hätte. Den Männern schien es zumindest teilweise Spaß zu machen, an der Härte ihrer Schwänze und der robusten Kraft ihrer Bewegungen war kein Zweifel. Und von sich selber wusste er um das schöne Gefühl, das in seinem Schwanz bei den charakteristischen Bewegungen entstand, wenn er seine Hände zu einer dem typischen Hohlorgan nachempfundenen Struktur formte.

Aber auch die simpelste Handlung erforderte Einleitung, Vorbereitung und den Höhepunkt selbst. Die Einleitung war, dass die Hauptdarstellerin unvermittelt den Schwanz des Hauptprotagonisten bearbeitete und zur Hochform brachte. Nichts mit Kennenlernen, kein Dialog, der erklären würde, warum sie mit diesen drei Männern zusammengetroffen war, nicht die geringsten gestischen Elemente eines Dialogs, der die Absicht auf gemeinsamen Sex andeuten würde, nichts davon. Ihm schienen es drei Sekunden, dass sie sich, bereits nackt, seinen bereits entblössten, zwar geschwollenen, aber noch etwas schlaffen, dennoch überdimensionierten Schwanz in den Mund steckte und ihn wie ein Eis ablutschte. Der tonale Hintergrund dazu bestand in gepresst hervorgebrachten Lauten beider Akteure, ab und an unterbrochen von Aufforderungen wie ´nimm ihn!´ oder ´fester!´ oder ´tiefer!´. Nach gefühlten fünfzehn Minuten spritzte sein Sperma gut sichtbar und maximal ausgeleuchtet in ihren weit geöffneten Mund und hinterliess auf ihren Wangen seine weißlichen Fäden.

Ein erster Höhepunkt war erreicht, aber der zweite liess nicht auf sich warten. Aufwand genug, dass sich beide von einem Bademantel verhüllt gegenübertraten. Ein Handgriff, und die Bademäntel waren weg. Wieder war es an ihr, in knieender Position seinen Schwanz zu trimmen, sich danach vor ihm mit breit geöffneten Schenkeln hinzulegen und ihn gefühlte zwanzig Minuten lang rein und raus zu lassen. Zu dessen Ende zog er seinen Schwanz heraus und spritzte über ihrer Nabelregion ab, von ihm in reinstem Machismo mit dem Befehl ´Zerreib es!´ kommentiert.

Es ging weiter, der dritte ultimative Höhepunkt wurde erreicht, als alle drei Männer, der eine vaginal, der andere oral, der dritte manuell stimuliert über ihrem Körper abspritzten.

Erregt und konfus verliess er mit seinem Freund das Kino, diese Schmuddelecke der wie auch immer zu verstehenden körperlichen Lust. Hatte diese Lust mit Liebe zu tun? Konnte sie ohne Liebe überhaupt Lust sein? Und würde Lust so aussehen, wenn sie auf Liebe treffen oder erst aus ihr entstehen würde?

Damals hatte er keine Antworten. Er spürte diese kraftvolle sexuelle Energie in sich selbst, diese ins Leere stossende Energie, die keine Entsprechung beim weiblichen Geschlecht fand, unter Schüchternheit und Selbstzweifeln vergraben. Welches Mädchen, geschweige denn Frau sollte Interesse an diesem grünen achtzehnjährigen Jungen haben, der bisher nichts als eine einigermaßen passable Schullaufbahn vorweisen konnte? Er beneidete die Typen, denen die normale pubertäre Entwicklung den Status des Platzhirschen verschafft hatte. Damit einhergehend war es nicht weit zu der Frage ´Willst Du mir mir gehen?´ und nur unwesentlich weiter zur ersten Kopulation. Dieser Mut zum Kontakt mit dem anderen Geschlecht, zum Flirt, zur Negierung seiner Komplexe, zum brünftigen Röhren, Brusttrommeln, zur senkrechten Präsentation seines Kamms, seiner Pfaufedern, dieser Mut hatte ihm bislang gefehlt, diesen Mut hatte er bei anderen immer aber auch ein bisschen belächelt.

Vielleicht waren die Umgangsformen der ausklingenden sexuellen Revolution geeignet, diese aus der evolutorischen Vorzeit stammenden, für den Fortbestand der Populationen gleichwohl wichtigen Rituale außer Kraft zu setzen. Warum sonst sollten Lebensmodelle, die in progressiv sich fühlenden Wohngemeinschaften ein ´Jeder mit Jedem´ beinhalteten und die in anderen Spielarten Gruppensex ermöglichten, von solcher Aufmerksamkeit begleitet sein.

Selbst in politischen Magazinen waren dies grosse Aufhängerthemen gewesen. Eine Reportage war ihm in Erinnerung geblieben, doppelseitiges schwarz-weisses Bild, circa zwanzig Nackte beiderlei Geschlechts, die Männer jeweils ohne äußere Anzeichen körperlicher Erregtheit, den Frauen sah man diese eh nicht zwingend an. Zwanzig Nackte standen nebeneinander, die Arme an den Schultern des oder der jeweils anderen, einmal von vorne, einmal von hinten präsentiert, noch ohne Rasur ihrer Schamhaare, noch ohne Tattoos und noch ohne diese gewissen und typischen Dreingaben eines hochkalorischen Lebensstils, die an einer Sportlichkeit im allgemeinen Leben und beim Sex im Besonderen zweifeln liessen.

Würde ihm die Teilhabe an einer solchen Gruppe über seine sexuelle Not hinweghelfen können? Sofort schienen sich Tausende von Hindernissen der Scham und Verschämtheit vor ihm aufzubauen. Mit mehreren ein bewusstes Arrangement treffen, freizügig und möglichst flexibel miteinander zu kopulieren, kam ihm nicht in den Sinn. Zu sehr hätten sich Selbst- und Fremdbildnisse in seinem Kopf über die Szenerie gelegt und die notwendige körperliche Erregtheit zum Erliegen gebracht.

Für den unwahrscheinlichen Fall, dass in der Gruppe ein Mädchen, eine Frau sofort und bereitwillig einen Akt mit ihm gewollt hätte, wäre er möglicherweise dazu in der Lage gewesen. Wie viele Schritte wären es von dort zu Handlungen, die Lust nur vorspielen, aber nicht wirklich ausdrücken würden? Und die in sich zusammensinken und die Akteure in tiefer Scham entlassen würde, sollten all die kleinen, nickligen, dem Sex feindlichen Umstände zum Vorschein kommen.

Wenn sich Schweißgeruch ausbreiten würde? Nicht dieser ganz besondere Körpergeruch seiner Frau, der ihn jederzeit in höchste Erregung versetzen konnte. Nein, ordinärer Geruch nach Schweiß, imstande, jedes Gefühl nach Annäherung und zunehmend engerem Kontakt zu ersticken. Wenn sich die Handlung des Vorspiels in einem profanen Akt des an sich selbst vorgenommenen Ausziehens erschöpfen würde?

Nach langer, wahrscheinlich quälender Diskussion hätte man sich zum Gruppensex verabredet. In welchem Raum träfe man sich? Vielleicht im Partykeller der verreisten Eltern eines Eingeweihten. Ein cleverer männlicher Kopf der Gruppe hätte einen Kasten Bier und Cola besorgt und sogar kaltgestellt. Eine clevere weibliche Teilnehmerin hätte einen Topf mit Sangria zubereitet.

Wer hätte gerne hungrig Sex? Kulinarische Köstlichkeiten hätten sich in der Bereitstellung von Chips und Salzstangen erschöpft.

Musik aus den dröhnenden Boxen des ebenfalls involvierten Technik-Freaks hätte nun die sicherlich größte aphrodisiakische Wirkung entfaltet.

Hätte an dieser Stelle eine von wem auch immer ausgehende Regie begonnen? Mutig, der als erster seinen trainierten, möglichst nicht behaarten Oberkörper gezeigt hätte, fortan sein Becken rhythmisch zu kreisen begonnen hätte und es nach vorne zu strecken in der Lage gewesen wäre, beeindruckend die in den damals angesagten Hosen voluminöse Beule. Es hätten sich Mädchen gefunden, die diesen Liebestanz ergänzt und ihm seine Legitimation hätten zukommen lassen.

Wären die anderen zu Statisten degradiert worden? Der, dessen zum Rhythmus ungelenke Bewegungen keine Aufmerksamkeit beim anderen Geschlecht weckte? Der, dessen ausgeprägte Akne noch von den wildesten ekstatischen Tänzen ablenkte? Der, dessen gewohnte Protzerei auch jetzt über das Ziel hinausschiessen würde? Der, dessen plötzliche Ekstase nicht von der sonst gezeigten Schüchternheit, Verschlossenheit, gar langweiligen Aura ablenken könnte? Das Mädchen, dessen ganze, kompliziert schwingende und bezogen auf essentielle Fragen des Lebens noch unbeantwortete Sexualität sich in der einen einzigen Attitüde „Ich will es jetzt und mit jedem!“ öffnen sollte, um nicht als Spielverderberin zu gelten? Das Mädchen, dessen Körperlichkeit trotz offensiver Bereitstellung vielleicht doch nicht den Zuspruch des heimlich Angebetenen fand? Sollte der Zweite oder Dritte herhalten müssen? Umschreibung für einen Vorgang, der sicher nicht mehr Erfüllung als die sonst praktizierten Masturbationsversuche bot.

Der Zweite oder Dritte, der merken würde, dass er nur als Ersatz gedacht war?

Dass sich jeder mit dem gleichen Anspruch an die eigene körperliche Hygiene träfe, galt als selbstverständlich - oder auch nicht.

Jeder würde mindestens einmal seinen Orgasmus vorzuführen haben. Der vorschnell kam, würde als besonders potent gelten. Der nicht kam, als impotent. Was wäre mit dem Mädchen oder der Frau, deren Orgasmus nur mit Einsatz künstlicher Gleitmittel zu provozieren war? Nicht jede hätte eine professionell anmutende Routine, noch den persönlich langweiligsten Akt gestisch und akustisch in solcher Weise zu untermalen, überhaupt nicht, wenn dieser Akt eigentlich nicht gewollt war. In der Phantasie männlicher jugendlicher Hirne, die noch nie in die körperliche Liebe zum anderen Geschlecht eingeführt worden waren, hatten Nymphomaninnen Platz, wohlgeformte Mädchen gleichen oder jüngeren Alters, die noch den erfahrensten Womanizer sexuell von sich abhängig zu machen wussten. Wie und mit welchen Details, war diesen jugendlichen Hirnen verborgen. Nicht fremd war diesen Hirnen der Gedanke, selbst mit dem dazugehörigen Phantasie-bewehrt göttlichen Körper irgendwann Objekt einer solchen Nymphomanin zu werden.

Wie nahe käme die Realität diesen Gedanken, wenn bei den einschlägigen Treffen eines oder mehrere dieser Mädchen kurzerhand die Regie an sich rissen und ihren Trieben freien Lauf liessen, möglichst viele Schwänze ausdauernd in sich reinstecken zu lassen. Jeder hätte endlich seine Chance. Und es war bestimmt so, dass alle diese Mädchen an die Jungen und vor allem deren Schwänze dachten. Wie erginge es dem, der den anderen um die Grösse seines Schwanzes bewunderte und beneidete? Die Grösse des Schwanzes war bestimmt das entscheidende Detail, wenn es um das Ob und Wie beim anderen Geschlecht ging.

Fragen über Fragen eines emotional überforderten männlichen jugendlichen Hirns, keine Antworten, ins Leere stossende Energie, zwanghafte Gedanken, Druck allerorten, verletzte Eitelkeiten, Sucht nach Selbstbestätigung, ohne andere zu verletzen, der verschämte, kontrollierende, nur phasenweise bestätigende Blick in den Spiegel, ob angezogen oder nicht.

Narzisstisch zu sein, wollte er sich nicht zugestehen, zu sehr war in seiner Erziehung der Widerwille gegen eine im Spiegel bestätigte Selbstliebe verankert. Für diese Sünde gäbe es nicht mal eine Beichte, nicht die Spur einer Erlösung, würde er den Schritt vor den Spiegel, den Griff an sein prompt steifes Glied doch selbst vollziehen, seine den pornographischen Bildern entlehnten Posen und Verrenkungen doch selbst einnehmen. Er würde doch selbst wollen, sein Sperma möglichst lange zurückzuhalten, ein, wenn es gelang, äußerst luststeigerndes Gefühl. Er würde doch selbst wollen, sein Sperma dann aber möglichst weit und schnell herauszuspritzen. Er würde doch selbst in die Rolle des imaginären professionellen Lovers schlüpfen wollen, der möglichst vielen vor ihm liegenden und ihm sich entgegenstreckenden Frauen durch Benetzung mit seinem tollen Sekret die ihnen größte anzunehmende Befriedigung verschaffen würde. Dies alles würde er wollen und dafür die schwere Bürde der Sünden von Selbstverliebtheit, Eitelkeit, Kult um die eigene Person, mangelnder Bescheidenheit und Ausnutzung der Bedürfnisse anderer auf sich nehmen müssen. Diese Selbstverantwortung würde ihm keiner nehmen können und wollen.

Und doch, er hatte ein grosses Privileg und viele damit verbundene Chancen: er war in das Zeitalter der größtmöglichen Nacktheit und freiestmöglichen Sexualität hineingewachsen, das es wahrscheinlich je gegeben hatte. Diesbezügliche und eindeutige Bilder hatten sich überall um ihn herum breit gemacht. Diese Bilder hatten ihn von Anfang an interessiert und in seinen Bann gezogen. Verschämtheit oder grösstmögliche Offenheit, Verhülltsein oder Nacktheit, Licht aus oder Licht an, Sünde oder Freiheit, Pflicht oder Spass, Vollzug der Ehe oder ein an Intensität und Emotionalität nicht zu überbietender Akt.

Treue oder Untreue war kein salonfähiges Thema, wo sich Untreue schließlich doch auf bestehende Verhältnisse auszuwirken begann, wurde der Spiess herumgedreht und über mindere Eigenschaften wie Besitzergreifung, Okkupation und Eifersucht gesprochen. Eheversprechen, ins Belieben gestellt und interpretierbar. Fortpflanzung und Kinder, nicht grundsätzlich verboten, aber weit weit weg, dem Sex sicher erst mal hinderlich, irgendwie konträr zur eroberten und gewonnenen Modernität. Für die Männer war es durch die Pille richtig einfach geworden. Mann und Frau konnten sich durch ihr Leben ficken und nebenbei die Gesellschaft revolutionieren.

In seinem unerfüllten Jüngling-Dasein spielten alle diese Gedanken eine Rolle, drangen aber nicht wirklich zu ihm vor. Er war skeptisch, sich ohne Liebe auf Sex mit anderen einzulassen. Erregtheit und das schöne Gefühl des spontanen oder manuell taktil provozierten Orgasmus waren ihm nicht fremd. Sexuelle Handlungen auch dies, aber ohne das eine Mädchen, ohne die eine Frau vollzogene sexuelle Handlungen. Was ihn beim Sex mit diesem einen Mädchen, mit dieser einen Frau, nach der er sich sehnte, erwarten könnte, war voller Geheimnisse.

Südtirol

Angespannte und arbeitsreiche Wochen gingen zu Ende. Die Urlaubszeit hatte begonnen, mit ihr die Vertretung der bereits in Urlaub befindlichen Kollegen. Die Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft in seiner Klinik verteilte sich auf weniger Köpfe, die täglich anfallende Arbeit auch.

Trotz seiner langjährigen Berufserfahrung empfand er die Bereitschaftsdienste als den eigentlichen Stressor seiner Arbeit. Das Gefühl, zu jeder Tages- und Nachtzeit präsent sein zu müssen, und sei es nur punktuell, liess ihn während dieser Dienste nicht wirklich entspannt sein. Sobald die aufkommende Nacht es erlaubte, legte er sich schlafen. Er war froh, innerhalb von Minuten, wenn nicht Sekunden einschlafen zu können. Bis zu diesem Zeitpunkt lagen eine Vielzahl beruflicher Verrichtungen des vorangehenden Arbeitstages hinter ihm.

Vom Tag erschöpft, schlüpfte er unter seine Decke und arrangierte die Kissen. Damit seine Kopfhaltung zunächst keine Schmerzen im Nacken auslösen würde. Mit fortschreitender Nacht und Bettruhe und ohne störendes dienstliches Telefonat würden sich diese Schmerzen häufig melden. Ohne Kopfkissen in Rückenlage würden die Schmerzen abklingen, und er würde meistens und prompt wieder einschlafen. Beim morgendlichen Aufwachen läge die viel zu kurze Nachtruhe hinter ihm, während des Bereitschaftsdienstes aber mit dem angenehmen Gefühl verbunden, einem nächtlichen klinischen Einsatz entkommen zu sein. Egal, ob Bereitschaftsdienst oder nicht, die viel zu kurze Nachtruhe würde ihn in einem erschlagenen Körper mit Schmerzen an Knie, Waden und Füßen, mit eingesteifter, nach Dehnung schreiender Rückenmuskulatur und mit dem Bewusstsein, jetzt und hier nicht in diese Welt hinaus zu wollen, wach werden lassen. Während der Momente eines notwendigen klinischen Einsatzes, der seine viel zu kurze Nachtruhe weiter verkürzen sollte, verfluchte er im Stillen alles, was ihm in den Sinn kam.

Das Wochenende mit den Rädern am Fluss lag zwei, drei Wochen zurück. Auf die kommende Reise hatten seine Frau und er sich seit Monaten gefreut. Sie würden ohne ihren dreizehnjährigen Sohn verreisen. Er würde zur gleichen Zeit an einer Jugendfreizeit in Frankreich teilnehmen. Während dieser Reise würden sie einen seiner alten Freunde im Berchtesgadener Land besuchen. Davor würden sie Städte-, Wander- und Wellness-Urlaub in Südtirol machen wollen, sie beide allein, jeder dem anderen und in jeder Beziehung zur vollen Verfügung, keine Dritten, auf die Rücksicht genommen werden müsste. Wenige Tage vor der Reise sprach ihn seine Frau auf die Hotelbuchungen an. Wegen der kurzen Buchungszeit waren die in die nähere Auswahl genommenen Unterkünfte teurer als erwartet. Die von ihnen gemachten Erfahrungen während zurückliegender Liebes- und Lustreisen hatten ihre Ansprüche höher geschraubt. So hatten sich ihre Wander- oder Städtereisen für beide zu Chiffren einer gelebten Sexualität entwickelt, die ihnen höchstmögliche Spannung und Befriedigung versprechen sollten.

Noch konnte er sich wegen seiner beruflich bedingten Anspannung wenig darunter vorstellen. Seine Frau spürte dies und hielt ihre aufkommenden Wünsche zurück. Abends im Bett machte sie ihm, ihrem müden und erschlagenen Mann, vage Andeutungen, was sie bereits vermisste. Unverhohlen drückte sie ihre Freude über die bevorstehende Reise aus.

Er konnte sein Glück kaum fassen, als die Reise am geplanten Datum begann, ohne irgendwelche Zwischenfälle, welche die Planung behindert hätten. Alles stimmte, beide hatten frei, beide hatten Urlaub, aller alltäglichen Verpflichtungen ihren Kindern, ihrem Haus, Hof und Garten gegenüber ledig.

Beide stiegen ins Auto, dessen Aussehen trotz des kräftigen Motors nicht unbedingt seinem Geschmack entsprach. Beim Kauf hatte sie die entscheidende Stimme gehabt. Die Fahrt verlief ohne Probleme und entspannt, weniger finanzielle Sorgen als früher, keine Rücksicht auf mitreisende Kinder, relative Ausgeschlafenheit, überwiegend sonniges Wetter, kein Termindruck, abschnittsweise Stau auf den seit Jahren zahlreicher werdenden Baustellen, sonst zügiges Vorankommen.

Das erste eigentliche Ziel war eine Stadt in Südtirol, wo die Unterkunft erst tags darauf genutzt werden konnte. Beiden kam der Zwischenstop entgegen, den seine Frau kurz vor der Abreise arrangiert hatte. Ungefähr auf der Mitte der Strecke, ein ihnen bislang unbekanntes Städtchen, angenehmes Hotel. Ein Blick ins Internet hatte ergeben, dass am späten Nachmittag ein klassisches Konzert in einer Kirche dieses Ortes stattfinden würde.

Sie waren rechtzeitig da und checkten im Hotel ein. Moderner Zweckbau, der dem angegliederten Kongresszentrum als Unterbringungsmöglichkeit diente. Aussergewöhnlich waren die Lage des Hotels auf dem Felsen über der Stadt mit Blick auf die beschaulich versammelten Gebäude und mit Blick auf das benachbarte, von einem mittelalterlichen Herzog erbaute Schloss. Das Restaurant und der Biergarten des Hotels öffneten sich in gleicher Weise der Landschaft. Es herrschten angenehme sommerliche Temperaturen.

Ihr Zimmer bot den erwartungsgemässen Komfort. Breites Doppelbett, modernes Bad, erträgliche Geräusche von der weiter vorgelagerten Strasse trotz offenen Fensters. Nach der Dusche legte er sich zu einem kurzen Schlaf hin. Wo und wann möglich, nutzte er solche Gelegenheiten. In den kommenden Abendstunden wollte er aufmerksam bleiben und Konversation treiben können, mit ihr. Erfrischt machten sie sich zu einem Spaziergang in die zu Füßen des Schlossbergs liegende Altstadt auf. Bis zum Konzert war noch Zeit, in einem Straßenlokal einzukehren. Er probierte ein lokal gebrautes Bier, sie einen Radler. Sie beobachteten die vorbeiziehenden Menschen und musterten die umliegenden Fassaden mit den dazugehörigen Geschäften. Selbst in dieser wohlhabenden süddeutschen Kleinstadt hatten Flächenexplosion im Einzelhandel und die durch das Internet hervorgerufene Änderung des Einkaufsverhaltens breiter Bevölkerungsschichten seine Spuren hinterlassen. ´Sale´ allerorten, beliebig und überall verfügbare Waren, die vordergründig keine Lust aufs Kaufen machten.

Dies war jetzt und für sie beide kein Problem. Sie hatten alles, was man zum Leben brauchte. Natürlich würden immer wieder Wünsche aus dem Nichts auftauchen. Mehr oder weniger vernünftige, mehr oder weniger verrückte Wünsche. Eine neue Küche? Ein neuer Toaster? Eine neue Küchenmaschine im Edeldesign? Auch ganz praktische Wünsche wie den seiner Frau, die nach siebzehn Jahren Gebrauch etwas undicht gewordene Haustür rechtzeitig gegen die nächste winterliche Kälte überholen und abdichten zu lassen.

Schmuck oder Edelsteine? Keinen wirklichen Bedarf. Den wenigen Schmuck, den seine Frau hatte, fand er schön. Er liebte es, wie das bisschen Gold und Silber ihren auch im Winter häufig sommerlichen Teint betonte. Er liebte die zwei, drei teils ererbten Perlengeschmeide an ihrem Hals, an ihren Armen.

Ihre verrückten Wünsche projizierten sich auf alle möglichen Reisepläne. Einiges davon würden sie gerne mit ihren Kindern machen wollen.

Jetzt und hier hatten aber beide den Wunsch nach dem Einen im Sinn. Beide Stühle standen draussen vor dem Lokal nah beieinander. Schneller als er merkte sie, wie der Alkohol ihre Sinne zusätzlich anregte. Zärtlich suchten ihre Hände Kontakt. Dieses Spiel dauerte Minuten und liess die Zeit vorbeifliegen. Begleitet von den gewissen, eingeweihten Blicken, die sie austauschten, Blicke, die jede verbale Kommunikation ersetzten und entbehrlich machten, Blicke, so eindeutig, wie sie gemeint waren, Blicke, die ihn in die Versuchung brachten, seine Hand unter ihr Sommerkleid zu schieben, das ihrer Figur knisternde, erotische Ausstrahlung verlieh, Blicke, die ihn wie so oft zu der Frage verleiteten: „Hast Du eigentlich einen Slip an?“

In dieser Öffentlichkeit führte er nicht seine Hand unter ihr Kleid. Nur für ihn vernehmbar, reichte ihm ihre Antwort, wie das bei der plötzlich aufkommenden Nässe zwischen ihren Schenkeln ohne Slip gehen solle. Gespannt auf den Geschmack dieser Nässe zwischen diesen Schenkeln hätte er jetzt und sofort ihren Körper abküssen wollen. Er musste sich zurückhalten. In diesen Sekunden blieb ihm, mit seinem Mund eins ihrer Ohrläppchen zu suchen und sich mit dessen Geschmack als Ersatz für sein heftiges Verlangen zu begnügen.

Beiden war das bevorstehende Konzert eine willkommene Verzögerung ihres in Gang befindlichen Vorspiels. Klassische Musik in einem gesetzten bürgerlich-kirchlichen Rahmen. Die Qualität der Darbietungen entsprach den regionalen Ansprüchen. Die in seinen Kopf dringenden Laute verhinderten nicht die gedanklichen Abschweifungen zu der Liebe, die er mit seiner Frau machen wollte. Deren abgründiges Sexappeal hatte ihn wieder einmal in seinen Bann gezogen. Wie viele Männer in dieser Kirche hatten heute ein ähnliches Glück? Niemand anders hatte diese Frau! Beide waren den Anderen gänzlich unbekannt und würden nach dem Konzert wieder in ihre Anonymität entschwinden.

Beide waren hungrig geworden, in doppeltem Sinn. Den vorgesehenen Nachtisch malte er sich in allen Farben aus. Das kulinarisch unterlegte Kapitel ihres Vorspiels konnte nur im Biergarten des Hotels mit dessen auf das Schloss ausgerichteter Terrasse stattfinden. Der laue Sommerabend und der Blick auf das in Frieden vor ihnen liegende Arrangement aus Natur und historischen Bauten würden ihre Sinne nochmals schärfen. Sie sassen im Freien an ihrem Tisch auf ihren eng nebeneinander stehenden Stühlen und blickten in den blass orangen Abendhimmel.

Das Essen war gut genug, um nicht zur Hauptsache zu werden. Beide probierten von den Speisen des anderen. Es reichte, ein angenehmes Sättigungsgefühl aufkommen zu lassen, eins, das die Lust auf den ganz besonderen Nachtisch unterhielt. Was hatte es mit der Bemerkung auf sich, Essen sei der Sex des Alters? Er fand es schön, abends nach einem anstrengenden Tag, an dem er wenig gegessen und getrunken hatte, mit einem kalten Bier eine Phase der Entspannung einzuleiten. Ein Drink am Ende des Tages, noch vor dem Essen, mochte der Hunger noch so gross sein. Welches Essen, meistens das von seiner Frau am Tag zubereitete Essen, auf ihn wartete, war ihm egal. Kam die Erschöpfung durch seine Arbeit hinzu, führte dieses Essen oft zu rasch einsetzender Müdigkeit, die zwar Raum liess, um mit seiner Frau über den Tag zu reden, seine libidinöse Energie aber unterdrückte.

Anders an diesem Abend. Ausgeruht, ausgeglichen nahmen sie einen alkoholischen Drink zu sich. Als Vorspeise eine klare Brühe mit fein geschnittenem Wurzelgemüse, dass noch den richtigen Biss hatte, bevor das Hauptgericht den eigentlichen Hunger stillte. Ihre Konversation behandelte keine wirklich wichtigen Themen. Natürlich hatte sie ihr Smartphone dabei. Sein mehr als zehn Jahre altes Mobilphone, dessen Funktion sich für ihn auf die Erreichbarkeit während seiner Bereitschaftsdienste beschränkte, blieb ausgeschaltet. Ihre Konversation erlaubte ihnen, zwischendurch den What´s App Account zu sichten oder den Routenverlauf ihrer am nächsten Tag geplanten Fahrt zu überprüfen. Bemerkten sie Wissenslücken zu einem bestimmten Detail, zu der am Ort ansässigen Weltfirma, zur Historie des vor ihnen liegenden Schlosses, zu dem gerade dort stattfindenden Sommerfestival, genossen sie den schnellen Zugriff auf die Online-Information. An diesem Abend, an diesem Ort führten die Blicke auf das Smartphone ihre Köpfe zusammen und nicht auseinander, wie sie es oft bei anderen Paaren bemerkt hatten. Sie hatten nur dieses eine Smartphone, vor allem aber hatten sie den Magnetismus ihrer Liebe.

Dieses Gefühl, dem anderen widerstehen weder zu können noch zu wollen. Dieses sich verdichtende Wissen, dass sie in Kürze übereinander herfallen würden. Diesen Liebestanz, der den anderen Gästen und Personen um sie herum möglicherweise nicht bewusst war. Selten hatte er den Eindruck gewonnen, dass das Wissen um ihren kurz bevorstehenden Sex anderen Leuten bewusst geworden war, zwei oder drei Mal in ihrem Leben. Vielleicht war es heute wieder so. An diesem Abend waren sie ein eng zusammengerücktes Pärchen in mittlerem Alter in legerer Bekleidung, die ihre Figuren betonte, er mit seinem für sein Alter so typischen Weizenbier, sie mit ihrem für ihr Alter um fünfzig so typischen minzfarbenen Aperitif, die es sich offensichtlich gut gehen lassen konnten, in lockerem, heiterem, für andere nicht hörbaren Gespräch zugetan.

Es war nicht so, dass sie die anderen Personen nicht wahrgenommen hätten, auch dies empfanden sie als Bereicherung ihres Liebestanzes. Sie hatten das Gefühl, dass niemand der anderen hier und an diesem Abend an Sex denken würde. Ein Mann und seine Frau sassen sich an einem der Nebentische gegenüber, jeder der Blicke auf dieses Paar ertappte es beim Schweigen. Eine wahrscheinlich familiär zusammengehaltene Gruppe aus zwei Männern, zwei Frauen unterschiedlichen Alters und gelangweiltem Kind liess Gesprächsfetzen über die bevorstehende Ferienfahrt nach Italien und die Gegend um Padua zu ihnen dringen.

Die junge Kellnerin war freundlich und höflich, bemüht, nichts falsch zu machen. Sie machte den Eindruck, froh über ihren Gelegenheitsjob zu sein. Sie würde angestrengt abends ins Bett fallen. Der Mann am Getränkeausschank schien noch am ehesten auf Beutezug zu sein.

Ihm selbst, dem Mittfünfziger, war im Lauf seiner Jahre die Erkenntnis gekommen, dass der Platz an der Bar ein richtig guter Platz im weltumfassenden, fortwährenden Spiel der Suche nach Liebe sei. Im Mittelpunkt aller Blicke und subtiler Wünsche, mit Chancen, die eigene Ausstrahlung zur Geltung zu bringen, kleinere Handfertigkeiten, organisatorische Talente und beim Mixen der Cocktails oder anderen Drinks kreative, gar künstlerische Ambitionen zeigen zu können, war dieser Platz geeignet, Sprache, Mimik, Gestik den Personen zuzuwenden, die ins eigene Beuteschema passten. In den allermeisten Fällen würde die Bezahlung dieser Tätigkeit allerdings kaum die Gründung und Sicherung einer Familie erlauben. Und mit Eintreten des Liebesglücks würden alle diese schönen Tätigkeitsmerkmale ihren Sinn eigentlich verloren haben.

Er war nicht in der Situation, auf Beutezug gehen zu müssen oder zu wollen. Seine Frau hatte er vor mehr als fünfundzwanzig Jahren erobert und verteidigt, und sie ihn. Noch immer waren der ganz bestimmte Blick aus ihren grossen braunen Augen, ihr Profil, ihr Teint, ihre weiblich betonte Figur ohne überflüssige Polster, ihre Hände, ihre Füsse, die in jede Werbung für die jeweils neueste Kollektion von Sandalen gepasst hätten, vor allem ihre Stimme, ihre Haltung und Ausstrahlung geeignet, ihrer Eroberung entgegen zu sinken, entgegen zu fallen. Seit mehr als zwei Jahrzehnten hatten sie sich bis in ihr tiefstes Inneres kennengelernt und wussten doch, dass Geheimnisse dem anderen verborgen geblieben waren. Nach diesen vielen Jahren wussten beide, wie sie diesen Abend beenden würden.

Sich an die Theke zu setzen und nach dem Essen einen weiteren Drink zu nehmen, wäre eine weitere Variation ihres Liebestanzes gewesen, hätte aber Verzögerung bedeutet. Sein in der Hose immer wieder prall werdendes Ding sagten ihm, dass es an der Zeit war. Sie bezahlten die Rechnung. Er war unsicher wie immer, ob das Trinkgeld ausreichen würde. Sie gingen auf ihr Zimmer zurück. Auf dem Weg suchten sich mehr als einmal ihre Hände, ihre schlüpfrigen Zungen. Seine Hände suchten die Konturen ihres Hinterns, ihrer Taille.

Im Zimmer angekommen, gingen sie den üblichen Verrichtungen so beiläufig wie eben möglich nach. Auf die Toilette zu gehen, hätte gestört, hätte sein dauererigiertes Glied auch nicht erlaubt. In dem folgenden Akt würde er deshalb seinen Orgasmus länger zurückhalten können, kalkulierte er. Zähneputzen hätte gestört, im Fall ihrer Fellatio hätten irgendwelche Aromen auf seinen Lippen, seiner Zunge Reizungen ihrer Scheide mit sich bringen können, ein Umstand, der nicht zu ihrer Reiseplanung gepasst hätte.

Währenddessen hatte sich seine Frau, scheinbar noch halb angezogen, auf das Bett, das vom Badezimmer aus nicht einsehbar war, zurückgezogen. Er beschloss, sich bereits im Badezimmer komplett auszuziehen. Im Spiegel sah er seinen hoch aufragenden Penis, bevor er das Licht ausmachte. Er trat aus dem Badezimmer heraus. Im dämmrigen Licht trafen sich ihre Blicke. Die Bettdecke hatte sie komplett zur Seite gezogen. In ihrer ganzen Nacktheit lag sie, ihre Schenkel weit auseinander, auf dem Bett. Als ob die Natur gar nichts anderes erlauben würde, war ihre Vulva weit geöffnet. In exzentrischer Position wartete ihre pralle Klitoris auf schnellen, harten, schlüpfrigen Kontakt. Als erlaubte die Natur nichts anderes, suchte er seine Position zwischen ihren Beinen. Er hatte noch Zeit, sich ihres Geruchs zu versichern, trotz des Abstands. Küsse, Umarmungen und Streicheleien waren in diesem Moment nicht gefragt. Weitere Verzögerungen waren nicht gefragt. Jetzt waren die Sekunden vollkommener Ekstase, die sich möglichst lange, möglichst Minuten vor die Sekunden des vollkommenen Glücks erstrecken sollten. Zielgerichtet und ohne Kontrolle durch seine Blicke fand seine Eichel ihre Öffnung, streckte sich ihre Vulva seinem Penis entgegen. Visuelle Kontrolle erfolgte durch die tiefen, eingeweihten Blicke in die Augen des anderen. Sie fanden ihre Bestätigung in den Empfindungen der dafür vorgesehenen Organe. Es war heiss, es war nass, schlüpfrig, prall, beides fand seinen natürlichen Weg, es glitt rein und wieder raus, alles passte, ihr Stöhnen und die tiefen Atemzüge waren nicht zu unterdrücken und nahezu synchron.

Waren es wirklich nur Sekunden, höchstens ein bis zwei Minuten, dass seine aufkommende Woge ihren ersten Kitzel in seinem Penis ankündigte? Kurz hielt er inne, noch konnte er sie zurückhalten, behielt die Kontrolle, liess sich wieder auf die heftigen Bewegungen ihrer Liebeskür ein. Und trotzdem, alle seine Reflexe hatten ein labiles Niveau erreicht, dass er durch einzelne Bewegungen zur Explosion hätte bringen können, waren seiner Kontrolle teilweise entglitten. Aber er wollte seine und ihre Reflexe wieder in Übereinstimmung bringen. Wie sie sich liebten, war sein einziges bewusstes Ziel, gemeinsam entfesselt zu werden. Für einen kurzen Moment und etwas zu schnell zog er seinen Penis heraus. Wollüstig bedeutete sie ihm, dass sie ihn direkt und unbedingt wieder haben wollte. Etwas zu schnell, etwas zu früh merkte er, dass die Welle seines Spermas ihren Weg nahm. Noch hatte er die Hoffnung, durch prompte Konzentration auf Nebensächlichkeiten oder andere Dinge seine Ejakulation aufteilen zu können, vielleicht zwei Mal zu spritzen und sich anschließend mit noch längerem Genuss seinem finalen Orgasmus hinzugeben. Er verlor etwas zu früh die Kontrolle. Eine kurze versehentliche Anspannung liess seinen erigierten Penis noch härter werden. Sein Orgasmus war unaufhaltbar. Die zwei Spritzer, die er sonst als ersten Teil genossen hätte, waren keine Vorboten, sondern Teil des Ganzen und schleuderten auf ihren Bauch. Ihm blieben Sekunden, die von weiteren Austritten seines Spermas begleitet waren, sein Ding wie von ihr gewollt wieder in ihre Scheide einzuführen und mit festen, tiefen Stössen seines Beckens ihren Orgasmus hervorzurufen. Eng ineinander lagen sie aufeinander, Teile seines Spermas zwischen ihnen, Teile seines Spermas und sein noch praller Penis in ihr, vorsichtige, aufeinander abgestimmte Bewegungen ihres und seines Beckens, die sie vergewisserten, dass alles seinen Platz hatte, heisse Nässe, Feuchtigkeit, unangreifbares Glück, Harmonie, Ursprung des Lebens, Natur.

Nun erst kamen die Küsse, die Streicheleien wieder ins Bewusstsein, bestätigten das Wissen, dem anderen ausgeliefert worden zu sein, dieser Auslieferung keinerlei Gegenwehr geleistet zu haben, sie gar aktiv betrieben zu haben, seine Existenz dieser wunderbaren Vereinigung verschrieben zu haben. Das Leben ging in seiner Natürlichkeit und Offenheit weiter. Irgendwann lagen sie nicht aufeinander, sondern nebeneinander, in ihrer Nacktheit, umhüllt von der Wärme des sommerlichen Abends, der über das offene Fenster im Zimmer präsent war.

Den nächsten Morgen verbrachten sie in dem Bewusstsein, ein Paar auf Durchreise zu sein. Niemand sonst wusste um ihre erfüllte Sexualität. Die meisten aus Familie, Freundes- und Bekanntenkreis wussten, dass sie eine Reise nach Südtirol machen würden. Ein bisschen Städtereise, ein bisschen Wanderreise, frei und flexibel kombiniert. Mitten im Sommer, das Wetter spielte mit. Eine der ersten an sie gerichteten Fragen am nächsten Morgen war, wie es seiner ´Freundin´ gehen würde. Eine liebevolle, zärtlich gemeinte Frage nach dem Zustand ihrer Scheide und Vulva, die seine speziellen Freundinnen und Lustbringerinnen waren.

Genauso zärtlich erwiderte sie, dass alles gut sei, wirklich alles gut sei. Dabei verstellte sie sich nicht. Den akut bei ihr eintretenden Reiz und Schmerz einer honey moon Zystitis hatte er leider einige Male beobachten müssen. Einen Zustand, der die Gedanken an Sex für Tage auf Eis legte. Ein Zustand, der die eigentlichen Absichten dieses Urlaubs durchkreuzen würde.

Seine Morgentoilette hatte er vor ihr beendet. In eingespielter, aus früheren Urlauben im Hotel gewohnter Manier machte er sich vor ihr zum Frühstücksbuffet auf. Er war voller Leben, ausgeschlafen, frei auf dem Weg ins Neue, in die Ferne, sein Geist wach und offen für das, was vor ihnen lag. Nichts an seinen Knochen tat weh. Er freute sich auf die erste Tasse frisch gebrühten Kaffees, die sein Ritual einer intensiven Lektüre irgendwelcher Artikel aus der Zeitung oder auch aus seinem Beruf begleiten würde, bis sie an seinen Tisch treten würde. Im Frühstücksraum schaute er um sich, bodentiefe Fenster rundum mit Austritt auf die Terrasse ihres gestrigen Liebesmahls, moderne Einrichtung, die eigentliche Hotelbar unauffällig in der Mitte des Raumes angeordnet. Von draussen kündigte sich ein weiterer sommerlicher Tag an.

Er sah sie kommen, ihr luftiges Kleid betonte ihre Figur noch besser als gestern, ihre grossen wachen Augen zeigten den einen Ausdruck, von dem er sich einbildete, dass sie ihn reserviert hatte, nur für ihn nach besonders schönem Sex. Mitunter flüchtig, oft aber sekundenlang trafen sich ihre Augen. Er blieb sitzen, um noch etwas Kaffee zu trinken. Ritual ihres Frühstücks im Hotel war, dass sie nach einem kurzen, zärtlichen Gespräch mit ihm ihre Tasche an seinen Platz legen und sich als erste dem Buffet zuwenden würde. So konnte er sie aus einer weiteren Perspektive betrachten. Auf ihren hohen offenen Schuhen bewegte sie sich sicher und souverän. Sie stellte sich Körner, Joghurt, frische Früchte und Milch zusammen und kehrte an ihren Platz zurück. Alles an ihr weckte Lust auf weitere Ausschweifungen. Für den Moment hielt er sich mit allzu eindeutigen Äusserungen zurück. Frühere, ähnliche Situationen hatten ihm gelegentlich das Gefühl gegeben, seine sexuellen Phantasien, Wünsche, Vorstellungen nicht zu früh, nicht zu eindringlich verbalisieren zu dürfen. Sie würde sich unter Druck gesetzt sehen, seinen Vorstellungen zu entsprechen. Wirklich gesprochen hatten sie darüber nie. Seltener als zu Beginn ihrer Liebe hatten sie miteinander Sex, dann aber richtig guten Sex. Dieser Sex funktionierte, wenn beide aus freien Stücken auf ihn zu rannten, funktionierte nicht, wenn in dem ganzen flirrenden Konstrukt ihrer Gefühlswelten ihre oder seine Kompassnadel abgelenkt waren. Es gab so vieles zwischen ihnen, was diese auf dasselbe Ziel ausrichten konnten. Eine im Überschwang geäusserte Bemerkung könnte sie zur Ablenkung bringen. Und auf dieser Reise wollte er sie möglichst lange auf dasselbe ausgerichtet wissen.

Zeitig verliessen sie das Hotel, er steuerte den Wagen. Der Verkehr hatte die angenehme Dichte eines frühen Sonntagmorgens. Auf der Fahrt aus der Stadt heraus kamen sie an Industrieanlagen vorbei, in einer Ausdehnung und Grösse, wie er sie am Tag davor mit einer solch überschaubaren, fast mittelalterlich anmutenden Stadt nie assoziiert hätte. Erst nach mehreren Kilometern begann unvermittelt das Land. Über den Feldern stand noch dieser gewisse, von der Nacht übrig gebliebene Dunst, der darauf wartete, von der Sonne aufgesogen zu werden. Wie viele Millionen von Jahren waren notwendig gewesen, aus weissem Juragestein diese sanft gewellte Landschaft zu modellieren. Zügig erreichten sie die Autobahn. Der dortige Verkehr liess dem Motor freien Lauf und machte die Fahrt zum Spass, den Weg zum Ziel, die Ausblicke auf das rasch heranrückende Alpenvorland zum Heimatfilm, die Blicke auf die vorausfahrenden Autos, die Blicke in die Rückspiegel, das optische Monitoring des Armaturenbretts, das akustische Monitoring der Motor- und Windgeräusche, das sich im Unterbewussten abspielende Registrieren des Kontakts zur Strasse zu einem kurzweiligen Computerspiel, dessen Handlung dennoch echt war.

Selten brandete in ihm bei 190 km/h die Angst auf, was denn wäre, wenn? Wenn die Woge ihres gemeinsamen Glücks wegen irgendeines dämlichen Zufalls, irgendeines kleinen oder kleinlichen Fehlers in Millisekundenschnelle gebrochen würde? Vielleicht wäre es direkt vorbei, mit all den elenden Konsequenzen für ihre Kinder und die anderen Angehörigen. Vielleicht würden sich Monate, Jahre des eigenen Elends anschliessen, das vor allem den Abschied von der Vollkommenheit ihres jetzigen Glücks bedeuten würde. Alles war relativ. Diese Momente und gelegentliche Mahnungen seiner Frau bei deren Blick auf die Tachonadel verhinderten, dass er noch schneller fuhr. Und ihr Glück ging zum Glück weiter.

Sie erreichten die Grenze und folgten dem Lechtal. Auf der Landstrasse machte sich der anschwellende Wochenendverkehr bemerkbar. An einer Tanke nahmen sie Sprit auf und lösten die Autobahn-Vignette. Es wurde zunehmend wärmer, drinnen verhinderte die Klimaautomatik, dass sie ins Schwitzen kamen und so ihre Ausblicke auf die vorbeiziehende Landschaft getrübt wurden. Ein Hörspiel zog sie in ihren Bann. Seine Spannung bezog es aus dem Rachefeldzug eines einzelnen 30jährigen Mannes gegen die mit Drogen, Menschenhandel und dubiosen Immobiliengeschäften befasste Osloer Mafia, die seinen Vater, einen fähigen Polizisten, auf dem Gewissen hatte. Die Fähigkeit diverser Krimi- und Thriller-Autoren, ein Universum des abgrundtief Bösen, bei dessen Bekämpfung das Gute aber noch ein bisschen die Oberhand behielt, vor ihren Lesern auszubreiten, bewunderte er. Sein eigenes Leben schien ihm vor dieser Szenerie besonders unspektakulär zu sein. Er hatte einen auskömmlichen Job, fuhr mit dem Rad zur Arbeit, beachtete häufig, aber nicht immer rote Ampeln, sein Gehalt kam regelmässig an, war er mal auf Ämtern, ging es ruhig, nüchtern und geschäftsmässig zu. Er hoffte, für den Rest seines Lebens nie mit Schiessereien, offener Gewalt oder sogar Krieg konfrontiert zu werden. Wenn sein Alltag grau wurde, lag es meistens daran, dass er seine Unlust aushalten musste, den ganz normalen, eben alltäglichen Verpflichtungen eines öffentlichen Angestellten in höherer Position gerecht zu werden. Jetzt im Urlaub, und noch dazu in diesem Urlaub, war kein Alltag, waren sie nah am Paradies. Und aus dieser Perspektive machte der Blick auf den Rand zur Hölle, den das Hörbuch bot, um so grösseren Spass.

Angenehm überrascht war er, als der Wagen die Auffahrt zum Brennerpass spielend und aus niedrigen Touren heraus bewältigte. Die voll beladene Familienkutsche hatte auf derselben Autobahn dieselbe Steigung nur im dritten Gang mit gerade mal 80 km/h schaffen können, damals, an die Urlaubsfahrt mit seinen Eltern und Geschwistern als Fünfzehnjähriger erinnerte er sich genau. Wie gern hätte er sich damals auf seinem jetzigen Fahrersitz gesehen! Die Baustellen hatte es damals nicht gegeben.

Draussen gewann die Mittagshitze ihr Spiel. An einer Mautstelle ballte sich die Party der Reisenden zum Stau. Drinnen beherrschte die Vorfreude auf das nicht mehr weit entfernte Ziel und die dort in zentraler Lage gebuchte Altbauwohnung ihre Stimmung.

Beide kannten sie ihr Ziel aus der Autobahnperspektive als willkürliches Ensemble eher schlichter Gebäude auf dem Weg in den Süden. Zufällig hatten sie mitbekommen, dass es eine schöne, interessante Stadt sein sollte. Und Überraschungen waren sie von ihren Reisen an Plätze, Orte, Wege, die nicht üblicherweise den Sehnsüchten anderer entsprachen, längst gewohnt. Manchmal schienen es mitleidige Blicke zu sein, die sie von anderen ernteten, wenn es um die Nennung ihrer nächsten Reiseziele ging. Klar, mit Australien, Western U.S.A. war die Aufmerksamkeit der anderen gesichert. Klar, mit Fuerteventura, Costa del Sol, Korfu präsentierte sich der Normalurlauber, dem sein Gegenüber den pflichtgemäss etwas neidhaltigen, ansonsten begeisterten Kommentar zum geplanten Reiseziel schenkte.

Aber irgendwelche Fernwanderwege an den Flüssen seines Landes oder überregional unbekannte Städte oder abgelegene Landstriche in der Provinz waren den Meisten nicht zu vermitteln. Und vor dieser Reise waren ihnen die Kommentare der Anderen erst sicher gewesen, als sie bei der Nennung ihrer Destination den Zusatz Südtirol ergänzten.

Sie fuhren von der Autobahn ab. Der geringe Verkehr entsprach der Hitze eines mediterranen Sonntags zur Mittagszeit. Nah zur Altstadt fanden sie einen Parkplatz in einer schattigen Strasse. Für die Schlüsselübergabe waren sie noch zu früh. Ein kleiner Bummel führte sie zum Platz am Dom. Ein Imbiss an einem zu einer Trattoria gehörenden Tisch auf dem Platz stillte den ersten Hunger. Rechtzeitig waren sie zur Schlüssel- und Wohnungsübergabe wieder zurück. Eine durch das Hotelportal verschuldete Überbuchung verschaffte ihnen Zutritt zu einer eigentlich für vier Personen gedachten Wohnung im ersten Geschoss. In deren Räumen herrschte eine im Vergleich zu draussen wohlig abgestufte Wärme, die ihre schwitzenden Körper direkt zur Abkühlung brachte. Und es herrschte ein fast dämmriges Licht, was sie nicht als bedrückend empfanden, war es doch durch den gleissenden Sonnenschein sommerlich aufgewertet, der an den zugezogenen Vorhängen vorbei in die Wohnung drang. Das Gemäuer war alt, die Einrichtung unaufdringlich modern. Unter den Fenstern waren die Geräusche der im Erdgeschoss befindlichen Gastronomie, die vor allem aus dem stillen unaufgeregten Fluss der Konversation ihrer draussen sitzenden Gäste bestanden.

Wenige Handlungen reichten aus, ihr Gepäck zu sortieren und die Wohnung zu erobern. Sie fühlten sich auf Anhieb wohl. Das Bad war einfach und zweckmässig. Etwas pikant hatten die grosse Küche und die Toilette Fenster zum Atrium des Hauses. Er zog sich aus und nahm eine Dusche. Bar jeder zeitlichen Verpflichtungen und in der Erwartung eines lauen, lauschigen Abends zu zweit in einer fremden Stadt legte er sich ins Bett und schlief prompt ein.