Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Scharf und witzig nimmt Dubravka Ugrešić in ihren Essays mal Erinnerungskultur, mal Migrationspolitik auseinander, zerlegt Nationalismus und rechte Strömungen, offenen Frauenhass oder den Sexismus in der Literaturbranche. Mit feinem Gespür erkundet sie die Frage: Was ist eigentlich »europäisch« an diesem Europa? Sie schreibt über unsere ungewisse Zukunft und die Angst, die aus dem Fehlen von Utopien entsteht – von Utopien, die die Welt strukturell verändern könnten. Im Original erstmals 2013 erschienen, treffen ihre brillanten, unterhaltsamen Analysen gegenwärtiger Probleme auch heute noch den Nerv der Zeit.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 353
Veröffentlichungsjahr: 2026
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Dubravka Ugrešić |
Aus dem Kroatischen von Marie Alpermann
The European Commission's support for the production of this publication does not constitute an endorsement of the contents, which reflect the views only of the authors, and the Commission cannot be held responsible for any use which may be made of the information contained therein.
1. EUROPA IN SEPIA
Nostalgie
Europa in Sepia
Wittgensteins Stufen
Die Schatten der Mäuse
Kroatische Fee
Museum der Zukunft
Manifest
2.MEINE KLEINE MISSION
Zirkus
Bissen
Fatal Attraction
Göttliche Vitamine
Battle Royale
Liquide Zeiten
Filipinas
Sprung von der Brücke
Der Traum des Dorian Gray
Spektakulärer Mittelfinger
O wie fein, o wie fein!
Schlechte Schüler
Seele zu vermieten
Wer ist das Timmy-Monster?
3. BEDROHTE ART
Kann ein Buch Leben retten?
Weiblicher Kanon?!
Ansichtskarte von Bali
Woraus besteht der Autor?
Zagreber Zoo
Fliege
ON-Zone
Quellen
ÜBER DIE ÜBERSETZERIN
Impressum
»Wir sind die Menschheit, die bis an die äußerste Grenze vorgedrungen ist«, sagte er und klopfte mit seinem Bierkrug wie mit einem Huf auf die Marmorplatte.
Jurij Olescha, Neid
Im Oktober 2011 reiste ich nach New York, und schon am zweiten oder dritten Tag machte ich mich auf den Weg zur Wall Street, ohne vorher nachzusehen, wo genau eigentlich der Zuccotti Park liegt. Zum Glück entdeckte ich gleich, als ich aus der U-Bahn stieg, einen Infoschalter.
»Entschuldigen Sie, können Sie mir bitte helfen, wo ist denn hier … die Revolution?«, fragte ich blöd.
»Immer geradeaus, nur ein paar Blocks von hier«, sagte der junge Mann und grinste über beide Backen.
Ermutigt durch sein Lächeln marschierte ich los und spürte, wie mein Puls schneller wurde. Erwachte da etwa ein alter Rebellionsvirus in mir? Rebellion?! Nun, wenn man ein paar historische Fakten und biografische Details von mir zusammennimmt, kann man durchaus sagen, dass mir Rebellion nicht fremd ist.
Meine Eltern zeugten mich zur Zeit des Informbüros, als Tito sein berühmtes NEIN an Stalin richtete. Ich kam im Jahr 1949 zur Welt, als die Sowjetunion und die ihr angeschlossenen Mitgliedsstaaten Jugoslawien vorwarfen, »vom Weg des Marxismus-Leninismus abzuweichen«. Tito wurde zum Verräter erklärt und Jugoslawien isoliert. Am 27. März wurde ich geboren. Am gleichen Tag, wenn auch acht Jahre früher, fanden die Demonstrationen gegen die Unterzeichnung des Dreimächtepakts statt, und der Spruch Lieber tot als Sklave, lieber Krieg als Pakt! 1 wurde geboren. Ich verinnerlichte ihn in zartem Alter und entwickelte nach und nach ein Verhalten, das die heutige Psychologie, die so schnell ist im Hervorbringen neuer Fachbegriffe, dem Low Authoritarianism Tolerance-Syndrom (LAT-Syndrom) zuordnen würde. Absolut möglich, dass mich Titos historisches NEIN zu einem späteren Naysayer machte. Ich bekomme am ganzen Körper eine Gänsehaut, wenn die Internationale erklingt, Wacht auf, Verdammte dieser Erde, und bei Bandiera Rossa verdrücke ich eine Träne. In einer Zeit, als die Kinder in anderen, friedlicheren Ländern Bilderbücher über Teddybären anschauten, lauschte ich begierig der Geschichte vom Jüngling Danko2. Darin reißt sich der mutige Danko das Herz aus der Brust, um damit den verängstigten Menschen, die in einem finsteren Wald feststecken, den Weg zu leuchten und sie auf eine sonnige Lichtung zu führen. Am Ende stirbt Danko. Dass irgendein Blödian beim Hinaustreten aus dem Wald auf das noch schlagende Herz von Danko trampelt, hat sich für immer in meine Fantasie gebrannt. Die unproduktive Sympathie für enthusiastische Menschen, die ihr Herz als Batterie benutzen, verfolgt mich mein Leben lang.
Schon in der Grundschule schickte ich gemeinsam mit meinen Mitschülerinnen und Mitschülern Unterstützungsbriefe an Patrice Lumumba ins Gefängnis im fernen Kongo. Die Namen der Anführer der Blockfreien-Bewegung – Jawaharlal Nehru, Gamal Abdel Nasser, Kwame Nkrumah und Sirimavo Bandaranaike – konnte ich als Mädchen mit einer Leichtigkeit aussprechen, die Kinder heute an den Tag legen, wenn sie Rubeus Hagrid, Albus Dumbledore oder Alastor Mad-Eye Moody sagen. Kein Wunder, schließlich war ich zwölf, als die erste Konferenz der Bewegung der Blockfreien Staaten in Belgrad stattfand. Ich demonstrierte gegen den Vietnamkrieg, obwohl ich gar nicht genau wusste, wo Vietnam liegt. Meine Kindheit verging in der ehrlichen Überzeugung, alle Menschen auf der Erde egal welcher Hautfarbe hätten dasselbe Recht auf Freiheit und Gleichheit …
Auf dem Weg zum Zuccotti Park prüfte ich irgendwann kurz meinen Puls. Ich fragte mich, ob die Losung Alle Macht den Arbeitern, Bauern und der ehrlichen Intelligenzija nicht doch ihre Spuren in mir hinterlassen hatte; und ob die Landsleute, die mir vor zwanzig Jahren Jugonostalgie vorwarfen, nicht doch im Recht waren. Damals empörte ich mich öffentlich gegen die Hysterie des Nationalismus, ohne zu begreifen, dass Nationalismus eine Frage des Profits ist, nicht des Gefühls. Ich empörte mich gegen den Krieg, statt die These hinzunehmen, dass Krieg nur die Fortsetzung wirtschaftlicher Logik mit anderen Mitteln ist. Meine Landsleute begriffen diese Dinge auf Anhieb und zertraten mich ebenso gleichgültig wie der blöde Typ aus dem Bilderbuch das noch schlagende Herz von Danko. Während ich also in Richtung Zuccotti Park lief, fragte ich mich, ob die revolutionäre Begeisterung in mir überwintert und nur darauf gewartet hatte, jetzt loszustürmen, zur falschen Zeit am unerwarteten Ort.
1 Am 27. März 1941 gingen die Menschen in Belgrad mutig auf die Straße und skandierten Parolen gegen Hitler und Mussolini. Der damalige Spruch Bolje grob nego rob, bolje rat nego pakt! löste sich aus seinem historischen Kontext und prägte sich als gut gereimte kämpferische Parole ins kollektive Gedächtnis vieler Jugoslawen ein.
2 Die Rede ist von der Geschichte Die alte Isergil von Maxim Gorki (1894).
Die Reise in die USA unternahm ich auf freundliche Einladung einiger Professorinnen und Professoren vom Oberlin College in Ohio, die eine Vorlesungsreihe organisierten zum Thema »Erinnerung an den Kommunismus: Poetik und Politik der Nostalgie«. Die Einladung des Oberlin Colleges baute mein angeknackstes Veteraninnen-Selbstvertrauen kurz auf, doch dann fiel es ebenso schnell wieder in sich zusammen. Was konnte ich, die zwanzig Jahre im Scherbenhaufen wühlte, schon über Jugonostalgie sagen, außer dass ich seit Langem den Bezug zu ihr verloren hatte?! Von dem Gedanken, trotzdem etwas vorbereiten zu müssen, wurde ich schlagartig müde. Vor mir wuchs ein nicht zu bewältigender Haufen geschriebener und noch ungeschriebener Texte, eigener und fremder, Bücher, Filme, Bilder, Geschichten, Memoiren, Symbole, Souvenirs, eine riesige Rumpelkammer, ein chaotisches Archiv, in dem sich in den letzten zwanzig Jahren alles Mögliche angesammelt hatte; von theoretischen Grundlagentexten (The Future of Nostalgia von Svetlana Boym) und populären Filmen (Goodbye Lenin von Wolfgang Becker) über visuelle Projekte (die Installationen Ilja Kabakows) und zweit- und drittklassige Nostalgieprojekte bis hin zu einigen verirrten, nicht dazu passenden Ausstellungsstücken. Doch wer war das oberste Schiedsgericht, das bestimmen würde, was hier passte und was nicht?! Das »Archiv« selbst ruft nur Nostalgie hervor, solange es chaotisch ist, solange es eine Rumpelkammer ist und seine Existenz illegal. Die Arbeit der postkommunistischen und (im jugoslawischen Fall) Nachkriegs-Kunstproduktion, die Arbeit der Scherbensammler, der selbst ernannten Archivare, der »Doktoren der Nostalgie«, der Archäologen des Alltags, hat nur einen Sinn, solange sie ehrenamtlich ist und den Kunstschaffenden selbst vergeblich vorkommt. Sobald sie Anerkennung erfährt, läuft sie Gefahr, manipuliert zu werden (selbst wertlose Nostalgie kann zu teurer Ware werden), und die Energie, die diese Arbeit angetrieben hat, verpufft. Im Verpuffen liegt, nebenbei bemerkt, auch ein grundlegendes Paradox der Beschäftigung mit Nostalgie: Nostalgie verwischt ihre Spuren, täuscht ihre Jäger, sabotiert die Mühen derjenigen, die sie erforschen wollen, ist nie das, was sie ist oder war.
Die Berliner Mauer fiel vor über zwanzig Jahren. Aus heutiger Perspektive wissen wir, dass sie auf eine äußerst ungewöhnliche Weise fiel. Statt in sich einzustürzen oder zur linken oder rechten Seite wegzukippen, fiel die Mauer von oben nach unten wie ein Meteorit und zerbarst, ihr Betonstaub verteilte sich überall. Jugoslawien zerfiel zwei Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer, und zwar wie Dominosteine: von Norden und Westen nach Osten und Süden.
In dieser Zeit tauschte ich meinen ungültigen jugoslawischen Pass gegen einen neuen kroatischen Reisepass. Zwei Jahre später verließ ich damit das Land, das gerade erst seinen »tausendjährigen Unabhängigkeitstraum« verwirklichte (auch das ein Paradox: je kleiner das Volk, desto länger seine Geschichte). Kroatien proklamierte seine Unabhängigkeit und führte die Demokratie ein, doch in mir (mein Fehler!) reaktivierte sich der vor langer Zeit verinnerlichte Slogan Lieber tot als Sklave, und katapultierte mich – nach Berlin. Für Berlin begann damals gerade das fünfte Jahr n. d. M. (nach der Mauer), unter meinen Füßen knirschten noch Mauerreste, vor dem dunkelblauen Berliner Himmel blitzten Staubpartikel wie Billionen winziger Planktonzellen. Das ganze Jahr 1994 verbrachte ich in der Stadt, wohnte in ihrem Westteil und schrieb an meinem Roman Das Museum der bedingungslosen Kapitulation. Denn Berlin und nicht Zagreb (wieder ein Paradox!) diente mir in dem Moment als Erinnerungsgenerator, als idealer Schnittplatz für meine Erinnerungen, als vollkommenes Metrum, als Verstärker, als Kamerawinkel, als spezielle Brille, mit der ich den jugoslawischen und osteuropäischen Zerfall lesen konnte.
Sofort nach der Unabhängigkeitserklärung begannen die kroatische Politik und die Medien (besonders die Medien!), den wohlklingenden Neologismus »Jugonostalgie« als Synonym für »Feindschaft gegenüber dem neugegründeten Staat Kroatien« zu verwenden. Die Jugonostalgiker erklärte man damals zu menschlichen Dinosauriern, die Jugoslawien hinterhertrauerten. Jugoslawien, Tito, die Partisanen, Brüderlichkeit und Einheit, Kyrillisch, jugoslawische Popkultur – all das und noch vieles mehr wurde auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen, in die Zone verbotener Erinnerungen verbannt. Das anklagende Wort Jugonostalgie sauste wie ein Geschoss um die Köpfe der Leute. Menschen frisierten ihre Biografien, änderten ihre Namen und Geburtsorte; Menschen, die bis gestern atheistisch waren, bekreuzigten sich plötzlich; Restaurants verbannten Gerichte von der Karte, die als jugoslawisch galten, beziehungsweise serbisch; und in Geschichtsschulbüchern wurde Jugoslawien auf eine halbe Seite ohne Bilder gequetscht.
Meine Jugonostalgie kam schon früher auf, als Jugoslawien noch ganz war und es noch keinen greifbaren Grund gab, sein Verschwinden zu betrauern. Ein kapriziöses Raubtier ist diese Nostalgie – stattet uns einen Besuch ab, wenn ihr gerade danach ist, erscheint ohne Ankündigung, ohne Grund, überfällt uns hinterhältig zur falschen Zeit am falschen Ort. Damals verfolgte mich das beunruhigende Gefühl, die Welt um mich herum würde sich in Kürze auflösen. Die neurotische Verlustangst machte aus mir eine Archivarin des jugoslawischen Alltags. Ich dachte, ich könnte das bevorstehende furchtbare Vergessen aufhalten, wenn ich nur den Namen der ersten jugoslawischen Schokolade oder den Titel des ersten jugoslawischen Films in meinem Gedächtnis aufbewahrte (relativ leichte Aufgaben, gebe ich zu). Mit dem definitiven Untergang Jugoslawiens bekam meine Neurose dann einen amtlichen Namen mit einer amtlichen Beschreibung: Jugonostalgie, politische Sabotage des neuen kroatischen Staates. Und ich bekam ein Etikett: Jugonostalgikerin, Verräterin. Als ich mitansehen musste, wie brutal nun bereits in aller Öffentlichkeit das Gedächtnis konfisziert und die kollektive – und damit auch meine persönliche – Geschichte gelöscht wurde, schloss ich mich meiner ganz persönlichen Widerstandsbewegung an. Ich verteidigte mich mit Erinnerungen, sie waren meine einzige Waffe gegen die Gewalt des Vergessens. Durch meine Geschosse – im Gegensatz zu ihren – kam niemand ums Leben. Sie hatten eine geringe Reichweite.
Ich rede hier von einer Zeit, als das Internet noch nicht massenweise genutzt wurde. Heute kann jede Post-Jugoslawin ihren jugonostalgischen Appetit stillen: Es gibt Internetseiten mit allen alten jugoslawischen Filmen, mit den geliebten Fernsehserien, den Popsongs, den alten Plakaten und Werbespots für jugoslawische Produkte, den alten Designs, den Stühlen, auf denen wir saßen, den Küchen, in denen wir kochten, den Frisuren, die wir trugen, den Moden, denen wir folgten. Heute wird eine jugonostalgische Ausstellung nach der anderen eröffnet; heute kann man sich Socken mit Titos Konterfei und Unterschrift oder Kochbücher mit Titos Lieblingsgerichten als Souvenir kaufen. Heute werden jugonostalgische Stücke im Theater gezeigt und Dokumentarfilme gedreht, in denen die Interviewten den Pulsschlag ihrer Jugonostalgie offen zur Schau stellen. Im Übrigen hat die Jugonostalgie ihren subversiven Charakter verloren, sie ist keine persönliche Widerstandsbewegung mehr, sie ist ein kommerzielles Produkt. Jugonostalgie ist zum mentalen Selbstbedienungsladen geworden, zur Liste toter Symbole, zur bloßen Aktennotiz ohne emotionale Bilder.
Heute kann sich der räuberische postjugoslawische Kapitalismus erlauben, die jugonostalgischen Souvenirs auf dem ideologischen Markt zu tolerieren. Die Jugonostalgie stärkt seine Position sogar. Wie?! Statt ein Schlüssel dafür zu sein, dass der jugoslawische Sozialismus ernsthaft erforscht und verstanden wird, dass tatsächlich und nachhaltig Bilanz gezogen, Altes und Neues miteinander abgeglichen wird, statt ein Motor für produktives Erinnern oder gar eine bessere Zukunft zu sein, hat die heutige Jugonostalgie sich in ihr Gegenteil verkehrt, in eine wirksame Versöhnungs- und Vergessensstrategie nämlich. Postjugoslawische Menschen glauben, mit dem Kauf von Tito-Souvenirsocken das zwanzigjährige Verbot aufzuheben und ihre sozialistische Vergangenheit vom Stigma zu befreien. Nostalgie verändert hier radikal ihren Sinn und bedeutet nicht mehr Protest gegen das Vergessen, Polemik gegen das bestehende System oder Sehnsucht nach dem früheren Leben (falls das je der Fall war), sondern klaglose Akzeptanz der Gegenwart. Oder anders ausgedrückt: Der räuberische Kapitalismus kann sich aufspielen wie der russische Oligarch Michail Prochorow, der sich den Panzerkreuzer »Aurora« kaufte, das Symbol der Oktoberrevolution, und dort eine dem Reichsten aller reichen russischen Oligarchen würdige Party schmiss.
Das bloße Erwähnen des Wortes Jugonostalgie (oder Jugoslawien, jugoslawisch, Sozialismus, Kommunismus und ähnlicher Begriffe) löst trotzdem nach wie vor starken Frust aus, was wiederum bloß zeigt, dass sich die Bürgerinnen und Bürger Ex-Jugoslawiens – die nun Kroaten, Serben, Slowenen und so weiter geworden sind – noch immer nicht von ihrer jugoslawischen Vergangenheit emanzipiert haben. So müssen Personen des öffentlichen Lebens, egal ob aus Politik, Literatur, Kunst oder Philosophie, dem Wort Jugonostalgie stets die Fußnote anfügen, die Erwähnung Jugoslawiens bedeute keinesfalls, sie würden dem Staat oder, Gott bewahre, dem Kommunismus nachtrauern. Die Ausstellung Sozialismus und Moderne im Museum für zeitgenössische Kunst Zagreb, Ende 2011 eröffnet, zeigt die Frustration, die in Kroatien und den anderen ex-jugoslawischen Republiken schon seit zwanzig Jahren schwelt, und nährt sie weiter. Die Besuchenden sehen dort das erste Automobil jugoslawischer Herstellung, den ersten jugoslawischen Radio- und Fernsehapparat, Ausschnitte aus Fernsehserien, Mode, Möbel, Zeitungen, Plakate, Design, Bilder, Architektur und architektonische Projekte, der geschichtliche Kontext hingegen ist mehr als dezent gehalten. Jugoslawien, Kommunismus oder Sozialismus werden kaum erwähnt, es wirkt irgendwie so, als wäre die Moderne der 50er und 60er Jahre eine ausschließlich kroatische gewesen, als würde ihr ein Hauch Dissidententum anhaften, wobei unklar bleibt, worauf sich dieses Dissidententum bezieht. Die Kuratoren der Ausstellung hatten offensichtlich Angst vor dem Fakt, dass Kroatien in dieser Zeit eine jugoslawische Republik war, und dass es der jugoslawische Sozialismus war, der Kroatien in die Moderne führte. Sozialismus und die damalige Moderne gehörten ideologisch fest zusammen.
Auch der US-amerikanische Kapitalismus weiß Nostalgie für sich zu nutzen, bloß wesentlich geschickter und attraktiver. Das Beispiel der Levi's-Kampagnen Go Forth und Go Work zeigt, wie er sich in der Werbung neu erfindet.3 Mit ihrer Ästhetik – verwüsteten postkapitalistischen Kulissen (verlassenen Fabrikhallen in Pittsburgh und Detroit) und Laien statt professionellen Fotomodellen – wecken die Werbebilder der Marke Levi's unsere Sehnsucht nach grundlegenden Werten wie Individualismus, Kraft, Ehrlichkeit, Arbeit, Selbstachtung und Mut, oder, anders gesagt, die Sehnsucht nach den amerikanischen Pionierzeiten (daher die ganzen Bilder von Güterwaggons, in denen Leute fahren, die sich keine Fahrkarte leisten können; von verlassenen Bahngleisen, neben denen Menschen in eine ungewisse Zukunft laufen; von oberkörperfreien jungen Männern mit schweißbenetzten Muskeln, ein bescheidenes Bündel in der Hand, einen zupackenden, lebensbejahenden Ausdruck im Gesicht). Unterlegte Phrasen wie Things got broken here entlassen die eigentlichen Schuldigen aus der Verantwortung, weil die Wirtschaftskrise verkürzt dargestellt wird als Naturkatastrophe, die alle Menschen gleichermaßen treffe. Der knappe Slogan We need to fix it ruft die Menschen, die Arbeiterklasse (!), dazu auf, in die Hände zu spucken, die Sache in die Hand zu nehmen, ihr Leben in den Griff zu kriegen, weil unsere Leben, nun ja, unsere Leben seien (Your life is your life!). Doch mit nacktem Hintern kann niemand das eigene Leben verbessern. Dafür braucht es eine minimale Startinvestition: die Levi's Jeans.
3 Diesen Trend analysiert Sarah Banet-Weiser außerordentlich scharfsinnig, unter anderem in der niederländischen Dokumentarfilmreihe Tegenlicht:Metarmorfose van een crisis.
Am Morgen verließ ich das Hotel, noch immer benommen von der Zeitverschiebung, und spazierte durch Oberlin. Es gab nicht viel zu besichtigen. Mein Hotel grenzte an einen großen Park. Auf der anderen Seite des Parks standen die Universitätsgebäude, zu meiner Linken lag die Hauptstraße mit zwei, drei kleinen Geschäften und der Buchhandlung, in der in ein paar Stunden meine Lesung stattfinden sollte. Ein bescheidenes Plakat, das auf der Innenseite des Schaufensters klebte, kündigte sie an. Eigentlich war es keine richtige Buchhandlung, sondern ein Laden mit allem möglichem Krimskrams. Ich erstand ein Paar völlig unnützer Hausschuhe made in China, um mich als Kundin zu tarnen (o, Eitelkeit, der Verkäufer hätte das Foto auf dem Plakat ohnehin nicht mit mir in Verbindung gebracht!), und vielleicht auch, um meiner Vergangenheit ein symbolisches Trinkgeld zuzustecken. Der Laden erinnerte mich nämlich vage an die alten jugoslawischen Geschäfte der Fünfziger. Außer den Hausschuhen kaufte ich noch mein eigenes Buch. Dabei fühlte ich mich wie Allison MacKenzie, die nach rund 40 Jahren in ihr Städtchen Peyton Place zurückkehrt, im örtlichen Buchladen ihren Roman kauft und hofft, der uralte Buchhändler würde sie erkennen.
Genau an diesem Ort sollte ich später also etwas über Jugonostalgie erzählen. Das kleine Publikum bestand aus Studierenden und Professoren. Sie erwarteten, etwas zum Thema Jugonostalgie zu hören, doch der morgendliche Streifzug durch das Städtchen hatte irgendwelche Saiten in mir angeschlagen, sodass plötzlich lauter Kindheitsbilder in meinem Kopf auftauchten. Ich war in einem ganz ähnlichen Städtchen geboren und aufgewachsen, nur ohne Studierende und Uni. Im zentral gelegenen ehemaligen Hotel der Stadt gab es damals ein improvisiertes Kino mit langen Holzbänken ohne Lehne (es waren die Fünfzigerjahre!), in dem meine Mutter und ich uns Hollywoodfilme anschauten. Wie ist es möglich, dass mein Zeitvertreib damals aus Hollywoodfilmen bestand? Dank Titos historischem NEIN gegenüber Stalin wurden die jugoslawischen Kinos ab 1953 mit Hollywoodfilmen überschwemmt. Die Filme aus Hollywood waren eine starke ideologische Stütze für Titos NEIN. Tito war, nebenbei bemerkt, ein großer Filmliebhaber, genau wie meine Mutter, genau wie ich als junges Mädchen.4 Der erste Hollywoodfilm, der in die jugoslawischen Nachkriegskinos kam, war angeblich Bathing Beauty mit Esther Williams. Mein Lieblingsschauspieler war der kleinwüchsige Audie Murphy, ein amerikanischer Held, der im Zweiten Weltkrieg 240 Deutsche umgebracht haben soll und für seinen Mut 33 Orden bekam, der dann in 44 Filmen mitspielte (in denen er Native Americans umbrachte) und schließlich bei einem Flugzeugabsturz starb. Audie Murphy war für uns Kinder eine Art jugoslawischer Peter Pan. Die Welt war damals einfach. Faschisten waren unsere Feinde. Wir knallten Faschisten ab, genau wie Audie Murphy und die anderen Amerikaner im Film Native Americans abknallten. Stalin hatte zwar auch Faschisten abgeknallt, aber der war unser Erzfeind.
Audie Murphy wurde recht bald von anderen Stars abgelöst: Marlon Brando, James Dean, Elvis Presley, Pat Boone, Natalie Wood, Warren Beatty … Meine Mutter hatte die Filmski svet abonniert, aus der wir uns den neuesten Klatsch über die Promis vom Film herauspickten wie zuckersüße Bonbons. Später, schon im Gymnasium, fühlte ich mich eine Zeit lang wie Allison MacKenzie, die Gedichte schrieb und stets ein Buch mit sich herumtrug, an die Brust gedrückt wie eine Art Schutzschild. Ich übernahm sogar ihre Art, Bücher zu tragen, bis Allison irgendwann durch neue Idole, neue Attraktionen ersetzt wurde.
Hier also, im Oberliner Buchladen Mindfair Books, stellte sich heraus: Das Objekt meiner Nostalgie war das Amerika der Fünfzigerjahre, wie ich es in einem kleinen Provinzkino an einem kleinen Provinzort irgendwo in Jugoslawien in mich aufgesogen hatte. Es stellte sich heraus: Der Gegenstand meiner Jugonostalgie waren nicht die Stereotype, die die jungen Zuhörerinnen und Zuhörer von mir erwarteten (roter Stern, Hammer und Sichel, jugoslawische Hymne), sondern andere Stereotype (Americana, Yugo-Americana). Hatte mich die Nostalgie also schon wieder im Stich gelassen! Ah, nostalgia, ah, you bitch.
Das junge Publikum hat meine Geschichte nicht ganz verstanden, fürchte ich, einfach weil ihnen die Namen, mit denen ich da um mich warf wie mit Konfetti, nicht viel sagten. Zwei, drei Leute in meinem Alter nickten zustimmend, sich an unsere gemeinsame frühe Kindheit erinnernd. Vielleicht haben sie sich später gefragt, wie es sein kann, dass unsere Kindheit so ähnlich war in unseren so weit entfernten und unterschiedlichen Ländern. Meine kleine Schwäche, die ich mir mit dem Internet angewöhnt habe, erwähnte ich ihnen gegenüber nicht. Jedes Mal nämlich, wenn mir ein Hollywoodstar aus meiner Kindheit in den Sinn kommt, öffne ich sofort Google und schaue nach, ob er oder sie noch lebt. Esther Williams: zum Glück ja. Pat Boone auch!
4Der legendäre jugoslawische Regisseur Dušan Makavejev sagte einmal treffend, der Zerfall Jugoslawiens habe in dem Moment begonnen, als der passionierte Filmliebhaber Tito beschloss, in jeder jugoslawischen Teilrepublik einen persönlichen Filmvorführer zu brauchen.
Vom Zuccotti Park spazierte ich weiter zum Washington Square und setzte mich auf eine Bank. Es war später Nachmittag, ein überreifer Tag im goldenen Frühherbst. Mir fiel sofort auf, dass die Schwarzen Leute nicht mehr da waren, die früher immer auf dem Washington Square Schach gespielt, in der Sonne gesessen und in Papiertüten versteckten Alkohol getrunken hatten. Auch war der Washington Square lange ein beliebter Platz zum Rauchen gewesen – heute weisen Schilder am Eingang streng auf das Rauchverbot unter freiem Himmel hin. Keine Leute mehr da, die dich um eine Zigarette anschnorren, kein Anlass für Smalltalk mehr. Mir kam der Park erschreckend ordentlich vor, wie der Campus einer Provinzuniversität.
Wo sind all die Leute hin, die Abtrünnigen der allgemeinen Werteordnung, die überflüssigen Menschen – die Alkis, die Raucherinnen, die Obdachlosen, die Taschendiebe, die Schmarotzerinnen, die Hütchenspieler? Wo sind sie geblieben, die Unzufriedenen, die mit sich selbst reden, die Arbeitslosen, die Bettler, die Verliererinnen, die Träumer? Wo sind sie hin, die Skeptikerinnen, die Neider, die Faulpelze, die Schwachen, die Erniedrigten, die Verletzten, die Menschen, die längst kapituliert haben? Wo sind sie?
Auf der Bank mir gegenüber saß eine Frau mittleren Alters, die ich sofort erkannte. Sie war Schauspielerin und Model, die berühmte Tochter einer noch berühmteren Mutter, und bis vor Kurzem das Markenzeichen einer bekannten Kosmetiklinie. Auf einmal empfand ich Mitleid mit den Falten in ihrem Gesicht, als wären es meine eigenen. Ihr göttliches Gesicht zeigte eindeutige Anzeichen der Kapitulation. Krass, wie viele Menschen auf der Welt herumlaufen, die unsichtbare weiße Taschentücher und Fahnen schwenken. Und was ist mit mir? Wie stehe ich eigentlich da?
Auf einem der Transparente im Zuccotti Park stand: Listen to the drumming of the 99% revolution. Ich fotografierte ein paar Sprüche und merkte sie mir. In den wenigen Tagen wurden die jungen Leute aus dem Zuccotti Park öfter abgelichtet als Manneken Pis, der berühmte bronzene Junge in Brüssel, von allen europafaszinierten japanischen Touristen zusammen. Und deshalb, nur deshalb wummert ihr Trommeln bis an jeden einzelnen Punkt auf dem Erdball. Und dort, an unterschiedlichsten Punkten auf der Erde, erheben die Menschen trommelnd ihre Stimme. Schicken einander Botschaften desselben Inhalts. Und ich frage mich, ob die gleichen Medien sie bald vernichten und dem Gespött preisgeben, ob die Medienindustrie sie einsaugt und aus ihnen Profit macht, oder ob sich die artigen Aufständischen eines Tages wirklich aus dem begrenzten Raum Zuccotti Park auf die Straßen ergießen und sich zusammentun mit den Menschen aus London, Barcelona, Athen, Amsterdam, Berlin, Zagreb, Moskau und wer weiß von wo noch, das ist im Moment auch gar nicht wichtig. Fürs Erste trommeln sie. Die fetten Jahre sind vorbei.5
Da saß ich also auf der Parkbank, wärmte mich in der milden Herbstsonne und musterte möglichst unauffällig die Figur der Schauspielerin: schwarz-graue Kleidung ohne ein Detail, das im Gedächtnis haften geblieben wäre, herabhängende Schultern – ein Körper, der sich offensichtlich nicht mehr um Blicke anderer Leute scherte. Die Schauspielerin nickte. Ich nickte freundschaftlich zurück. Sie bemerkte mich nicht. Sie hielt ihr Handy ans Ohr und nickte dem unsichtbaren Menschen am anderen Ende zu.
»What's the time?«, fragte mich ein junger Mann im Vorübergehen. Ich war kurz verwirrt, keine Ahnung, wann zuletzt jemand Unbekanntes so eine Frage an mich gerichtet hatte, heutzutage fragt doch niemand mehr nach der Uhrzeit. Ich sah auf die Uhr. Sie zeigte in fast jeder Zeitzone das Gleiche an.
»It's time for revolution«, sagte ich, stand auf und ging eilig in Richtung U-Bahn.
Dezember 2011
5 Deutsch-österreichischer Film, der im englischsprachigen Raum unter dem Titel The Educators im Verleih war.
In letzter Zeit verwandle ich die Landschaften Mitteleuropas samt den Gesichtern der Menschen, die ich treffe, automatisch in Fotos, indem ich auf den Auslöser meiner inneren Kamera drücke. Gleich im Anschluss aktiviert sich in mir die Bildbearbeitung: import – effects – sepia – done. Als hätte ich einen unsichtbaren Schalter und könnte die mich umgebende Wirklichkeit mit drei optionalen Effekten versehen: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Allerdings funktioniert nur einer: Vergangenheit, Sepia.
Vielleicht hat die schlaflose Nacht neulich in Bratislava diesen Reflex in mir ausgelöst. Mein Zimmer hatte ein seltsames Fenster, das nicht nach draußen ging, sondern ins Hotelinnere, zur Rezeption. Ich hielt es geschlossen, die Vorhänge zugezogen, was die klaustrophobische Atmosphäre noch verstärkte. Es muss schon zwei Uhr morgens gewesen sein, als ich, erschöpft von meinen Einschlafversuchen, die druckfrische Ausgabe des Economist aufschlug und lange auf eine dreifarbige Europakarte starrte. Alarmierendes Rot stand für Rezession, Gelb für einen Mittelwert und Grün für keine Rezession. Ganze drei Länder waren grün markiert: die Slowakei, Estland und Slowenien. Wobei Slowenien den Nachrichten zufolge bereits am nächsten Tag in die gelbe Zone abrutschte. Dann blätterte ich mit lauem Interesse in einer Reisebroschüre, die ich an der Rezeption mitgenommen hatte, und hoffte, das würde mir beim Einschlafen helfen. In dem Prospekt war eine Karte der Slowakei abgedruckt. Mein Blick blieb nordöstlich von Bratislava an einem kleinen Ort mit meinem Namen hängen. Doch statt überrascht oder gar erfreut zu sein (guck an, der Ort heißt ja wie ich!), traf mich plötzlich die Erkenntnis, dass uns vor allem verbindet, klein und bedeutungslos zu sein. Slawische Etymologie, dub – dubrava, Eiche – Eichenhain, ach ja, Ortsnamen mit Wald und Wäldchen, Forst und Hain, Hügel und Berg, See und Moor, die klingen in den slawischen Sprachen so schmerzhaft ähnlich. Missmutig fuhr ich mit dem Finger die slowakischen Orte auf der Karte ab, als suchte ich nach Flöhen. Slovensky Grob, und da noch ein Chorvatsky Grob … grob – gerb – brijeg – grb – brlog – graba6 … (Hieß Zagreb vielleicht doch Zagrob, also »hinter dem Grab«, und war ein Ort im Jenseits, nicht einfach nur ein Ort hinter einem Hügel oder Graben?) Die Ränder der Broschüre wimmelten von Werbung: Gänsebraten, Gulaschteller, Lebkuchenherzen, Mädchen mit Blumenkränzen und in Volkstracht, dazu Ausblicke auf ein neues Leben: Thaimassagen und Sushibars …Chinarestaurants, Thaimassagen und Sushibars durchziehen Mitteleuropa wie erste Vorboten (Begleiterscheinungen?) der Globalisierung.
Ich fragte mich, warum ich so schlecht gelaunt war. Wieso eigentlich? Durchaus möglich, dass ich schon als Kind nicht auf die Greenwich Mean Time, sondern auf die Sozialistische Zeit geeicht wurde – eine Zeit, die immer voraneilte, in Richtung Fortschritt, in eine bessere Zukunft, in ein Morgen, das wie ein grandioses Feuerwerk in abertausend Farben und Formen am Himmel leuchtete. Hat meine kindliche Fantasie, die von der Hündin Laika und der versprochenen Mondlandung geprägt war, meine Erwartungen bis heute mit Adrenalin hochgepusht? Oder sind sie vom technischen Fortschritt so verwöhnt, dass ich, inzwischen unersättlich geworden, von der Wirklichkeit erwarte, sich wie ein 3D-Film zu benehmen, also besser als sie selbst zu sein? Macht mir etwa die Erkenntnis schlechte Laune, dass ich an einen Ort gefahren bin, an dem ich vorher ganz sicher nie war, und plötzlich, guck an, »nach Hause« komme?! Trage ich etwa eine Blaupause Mitteleuropas mit mir herum, und sobald ich die mitteleuropäische Zone betrete, muss ich meine innere Zeichnung mit dem Zustand im Gelände abgleichen, die Kopie mit meiner Umgebung, vollkommen unfähig, die Schönheit der feinen Unterschiede zu genießen? Liegt der Ursprung der schlechten Laune nicht in der zufälligen Konfrontation mit meiner eigenen Position auf der Karte? Wir alle kratzen uns nun mal dort, wo es uns am meisten juckt. Hatte ich nicht zur Reisevorbereitung die Geschichte der slowakischen Literatur gegoogelt und mich dabei erwischt, dass ich sie ohne sonderliche Begeisterung las, genauso wie ich kroatische Literaturgeschichte lesen würde, und dass ich mir demzufolge unter den hoffnungslosen Namen slowakischer Literaturschaffender leicht meinen eigenen vorstellen konnte? War die schlaflose Nacht in Bratislava in dem Hotelzimmer mit Pseudofenster, das nach drinnen statt nach draußen ging, also bloß die schmerzhafte Konfrontation mit der eigenen Bedeutungslosigkeit? Und wenn dem so wäre, woher nehme ich mir das Recht auf diese »koloniale« Arroganz, auf diesen Ausbruch beinahe justiziabler politischer Inkorrektheit, weshalb erlaube ich mir, eigenmächtig die Koordinaten für Bedeutung und Bedeutungslosigkeit festzulegen? Warum löst das blödsinnige Gulaschbild Übelkeit statt Heiterkeit in mir aus, und dabei bin ich nicht mal Vegetarierin? Ich habe überhaupt keinen Grund, mich zu ärgern, die Slowakei ist nicht mein Land, ich bin hier zum ersten Mal, ich bin zu Gast, das Zimmer mit dem falschen Fenster ist nicht mein Zuhause, die Leute sind ausgesprochen zuvorkommend, Gulasch ist lecker, Bratislava liegt an der Donau, und die Donau – Dunav – Dunaj – Danube – Tuna – Dunărea entspringt im Schwarzwald und mündet ins Schwarze Meer …
Die Brücke des Slowakischen Nationalaufstandes (Most Slovenského národného povstania), die in Bratislava über die Donau führt, ist ein Baudenkmal aus kommunistischer Zeit. Sie erinnert an einen riesigen zweibeinigen Roboter mit einem Römertopf als Kopf. Unter seinem Deckel befindet sich ein Drehrestaurant. Den Kopf in den Wolken, ein Stück Gänsebraten auf dem Teller, konnten die kommunistischen Slowaken vermutlich das Gefühl haben, die ganze Welt liege ihnen zu Füßen. In der kommunistischen Architektur galten Türme mit rotierenden Restaurants eine Weile als schick, man findet sie überall. Im Drehrestaurant in der Kugel des Fernsehturms auf dem Alexanderplatz tragen die Kellnerinnen Retro-DDR-Uniformen und geben sich Mühe, genauso langsam zu arbeiten wie in guten alten kommunistischen Zeiten. Der größenwahnsinnige Kommunismus hatte größenwahnsinnige architektonische Ambitionen. Die stalinistischen, pagodenhaften Sieben Schwestern in Moskau (und ihre achte Schwester in Warschau) werden von vielen immer noch für eine architektonische Schande gehalten, obwohl sich die Wolkenkratzer kaum von denen in New York unterscheiden, und übrigens sogar nach amerikanischem Vorbild gebaut wurden.
Die Brücke in Bratislava wurde zwischenzeitlich umbenannt und hieß eine Weile einfach Neue Brücke. Einst ambitioniert die moderne Zukunft ankündigend, führt sie in den verschlafenen alten Stadtkern; dort erwartet die Besuchenden das rührend kleine Denkmal von Maria Theresia auf einem Pferd. Wie Spielzeug, das aus dem Kindergarten gestohlen wurde, glitzerte Maria Theresia trüb im Novembernebel. Bratislava machte mit seinen ausgeblichenen gelben und grünen Fassaden einen halbverlassenen, ungewöhnlich stillen Eindruck. Der Nebel wirkte wie ein Dämpfer. Von der Altstadtseite aus erschien die Brücke im Nebel wie ein grandioses futuristisches Versprechen.
Hier versammeln wir uns also, eine Gruppe von zehn Intellektualisten, um über die eskalierende Eurokrise zu sprechen, über Angst und Unsicherheit, über labile gesellschaftliche und staatliche Strukturen, über den verheerenden Mangel an Zukunftsvisionen. Die meisten von uns sind Schriftstellerinnen und Schriftsteller, bei Bedarf auch Amateurprophetinnen und -propheten. Die Profis, also die, die sich auskennen müssten, sind in vernachlässigbarer Unterzahl. Unter den Teilnehmenden sind auch Kulturmanager, Führungskräfte kleiner NGOs, Redakteure dubioser Zeitschriften, Universitätsprofessorinnen, Studierende und Volontäre. Leute meines Schlages also. Wir versammeln uns, wenn wir eingeladen werden, beschnuppern uns beiläufig, wedeln mit dem Schwanz, bellen ein bisschen und reisen wieder ab, bis zur nächsten Gelegenheit. Irgendwelche Kleckerbeträge fließen durch unsichtbare Leitungen von der EU aus Brüssel in die Hände jener, die uns einladen. Nur einer von uns ist ein Star, er macht einen kurzen Zwischenstopp bei uns und verkündet dem versammelten Publikum, für den Rindergulasch habe bald das letzte Stündlein geschlagen: Kuhmist stoße einfach zu viele schädliche Gase aus. Ökologinnen und Ökologen wissen zumindest, wovon sie sprechen, wenn sie über die Zukunft sprechen, oder präziser ausgedrückt: Niemand zweifelt an ihrem Wissen. Ökologen sind unsere modernen Propheten, sie fordern von uns Gefolgschaft, Aufopferung und Glauben. Wenn sie sagen, der Weltuntergang stehe kurz bevor, müssen wir das glauben.
Kriiiiise, Kriiiiise, Kriiiiise, summt es wie eine lästige Fliege zwischen den Wänden des alten Theaters. Wir schlängeln uns durch schmale Gänge, spähen unterwegs in Garderobe und Maske, stolpern über staubige Requisiten und erreichen schließlich die kleine Bühne. Alte Theaterscheinwerfer und die Blicke des Publikums sind auf uns gerichtet. Wir sprechen, unsere Worte sind merklich abgenutzt, wir stoßen uns damit und bleiben ernüchtert zurück, die Luft ist stickig, im Publikum gähnt jemand, es mangelt an Sauerstoff, das Theater wirkt eng. Erleichtert gehen wir in die Pause und stärken uns mit Kaffee im Foyer. Eine Kollegin, eine kleine Frau mit schönem Gesicht und steifer Haltung, trägt Kinderfäustlinge, ihre Hände erinnern unweigerlich an Plüschpfoten. Ihr Begleiter setzt die erklärende Fußnote: »Wissen Sie, sie hatte ein synthetisches Nachthemd an, deshalb hat es sie so schlimm getroffen. Wir können von Glück reden, dass das Feuer nicht ihr Gesicht erfasst hat.« Seine Stimme klingt matt, als hätte er sein emotionales Pulver durch zu häufiges Wiederholen bereits verschossen. Die Frau ist polnische Emigrantin, hat jahrelang in verschiedenen Ländern Europas gelebt und beherrscht mehrere Sprachen fließend. Ihre kleine, zerbrechliche Figur, die steife Haltung und die Pfötchenhände rufen in mir eine beklemmende Mischung aus Unbehagen und Mitleid hervor. Ich entschuldige mich und suche nach dem Ausgang. Im nächsten Foyer sitzen Pförtner erstarrt wie Geister aus der kommunistischen Zeit und sehen fern. Weltweit bringen die Sender aufregende Bilder von den Demonstrationen im Zuccotti Park, aber die Pförtnergeister starren regungslos auf eine mexikanische Serie. Am Ausgang steht eine kleine Bank, offenbar der Platz zum Rauchen. Dort sitzt ein rauchender russischer Kollege – wie ein Hotelportier in kommunistischen Zeiten. Ich setze mich neben ihn, zuerst rauchen wir schweigend, dann unterhalten wir uns ein bisschen über russische Oligarchen. Super Typen seien das, sagt der Kollege, klug und belesen, einer von denen habe eine englische Tageszeitung aufgekauft, ein anderer eine ganze englische Buchhandlungskette, vermutlich werde es bald mehr russische Literatur auf dem westlichen Markt geben. Tja, nichts zu machen, so sei eben das Wolfsgesetz, der Stärkere gewinnt – und bestimmt, für ihn gebe es keine Krise, eigentlich sei es nie besser gelaufen. Zu meiner Erleichterung gesellen sich zwei Slowakinnen zu uns. Ich bilde mir ein, den diskreten Schatten mitteleuropäischer Melancholie wie feine Schminke um ihre Augen zu sehen. Oder sind es bloß die langen Wimpern?
Ach, Mittel-, Ost- und Südeuropa! Deine Landschaften kenne ich wie meine Westentasche. Während des Kommunismus unterschieden sie sich trotz identischer Ikonografie. Das Ende des Kommunismus hob die Unterschiede zwischen ihnen auf. Ich weiß, wie die Leute hier atmen, wie sie sich verstecken, sich totstellen wie der Fuchs in der Fabel, eine billige Masche. Sie senken den Blick, wenn sie mit jemandem sprechen, sie üben sich in der Kunst zurückhaltender Bewegungen, antworten auf jede Frage mit Weißnicht. Ihr Weißnicht wird von einem wehmütigen Lächeln begleitet. Tagtäglich schlucken sie den Kloß der Enttäuschung herunter, sorgen sich, wie sie über die Runden kommen, gehen auf Zehenspitzen, um nichts kaputt zu machen, als fürchteten sie, der Damm könnte brechen und die Flutwelle alles mit sich reißen. Sie machen sich nicht die Mühe, eine Blume zu pflanzen – Blumen symbolisieren den Glauben an die Zukunft, doch sie haben keine. Geblieben ist ihnen nur primitiver Hedonismus à la »Ficken, Fressen, Saufen«. Oder Fatalismus à la Krleža: Es ist niemals gewesen, dass 's nicht irgendwie wäre. Sie haben sich weggeduckt, den Kopf eingezogen, sind auf ihr wahres Maß geschrumpft, und jetzt sind sie klein und können nur noch ihr Kleinsein als zentrale Tugend ausgeben. Sie verkaufen billige Souvenirs, Engelsfiguren, wohin man schaut, die Slowaken klauen sie von den Polen, die Tschechen von den Slowaken. Die Kroaten verkaufen Lebkuchenherzen und Lavendelsäckchen. Kaum einer lässt sich was Neues einfallen, Einfallsreichtum verkauft sich nicht. Sie fordern von der UNESCO den Schutz ihrer immateriellen Güter, und tatsächlich hat Kroatien das bereits erreicht für seine Kulen-Wurst und den Mangoldkuchen Soparnik. Ja, sie leben von Souvenirs, sie sind die europäischen »Indianer« im europäischen Reservat. Honigkuchen, Pfefferkuchen, ein bisschen Folklore, Stickerei und Spitze, Olivenöl von handgepflückten Oliven, alte Hausrezepte. Auf den Flohmärkten im nahegelegenen Wien verkaufen »Indianer« (Serben? Roma? Mazedonier?) gefälschte römische Münzen und antike Broschen. Die »Indianerinnen« – Frauen mit gebleichten Haaren und pekingentenbraunen Gesichtern (Solarium ist immer noch in Mode!) – sortieren Tücher, Mützen und Schals. Alle verkaufen ihren Krimskrams. Ja, die Zukunft liegt definitiv woanders. Im Kommunismus hasteten die Uhren voran, jetzt gehen sie rückwärts. Um auf der Höhe der Zeit zu bleiben, schicken Eltern ihre Kinder heutzutage nach Singapur, Australien, Hong Kong – ja, Asien, nicht mehr Westeuropa, nein, nein. Es stimmt, nach dem Fall der Mauer lebten alle auf, atmeten auf, machten es sich in ihren neuen Mikrostaaten bequem. Dafür nahmen sie den einen was weg, die anderen brachten sie um oder vertrieben sie, bis sie irgendwann ruhiger wurden, sich duckten, als hätte eine unsichtbare Macht von ihnen Besitz ergriffen. Und da sind sie nun, also eigentlich da, wo sie immer schon waren.
»Was wollen Sie denn«, wehrt sich mein Gesprächspartner, ein Kroate. »Nach uns hat man doch schon immer getreten, ja, wir mussten die Köpfe einziehen, uns zusammenrotten, in Stämme aufteilen. Wir Slawen sind ein trauriges Volk. Einen Joyce oder Beckett hatten wir nie, werden wir auch nie haben. Und wissen Sie, warum? Ganz einfach, weil wir Wladimir und Estragon sind! Seit Jahrhunderten warten wir darauf, dass jemand kommt, vom Himmel fällt, wir haben immer nur gewartet, wir haben die Kunst des Wartens perfektioniert. Vielleicht auch, weil wir im Unterschied zu anderen nie jemanden erobert oder unterworfen haben. Wir wurden erobert. Unser rebellischer Geist ist vernachlässigbar, dann und wann betrinken wir uns und hauen unseren Kopf gegen die Wand oder schneiden uns mit dem zerbrochenen, leergetrunkenen Glas die Pulsadern auf. Von den alten Slawen haben wir das Wissen geerbt, unter Wasser zu atmen. Schilfrohratmung – die einzige authentische slawische Erfindung. Ambitionen hatten wir nie. Wien, sagen Sie? Weder uns noch den Slowaken ist doch nach Wien zumute. Bratislava möchte wie Linz sein, Zagreb wie Graz, weiter reichen die Ambitionen nicht. Ja, wir sind bedroht wie indigene Völker, deswegen lassen wir alles schützen, was wir besitzen: Sprache, ein bisschen Mythologie, ein bisschen alte Handwerkskunst. Die Unterschiede zwischen uns kann man getrost vernachlässigen, manche von uns beten zum Regen-, manche zum Sonnengott, manche von uns singen Ganga, manche blasen in die Hirtenflöte, alle beschwören Geister und schichten die Knochen ihrer Vorfahren um. Wir zählen einfach nicht, weder produzieren wir etwas, noch haben wir Geld, um etwas zu kaufen, wir sind weder Produzenten noch Konsumenten, uns braucht kein Mensch, nicht mal die eigenen Kinder …«
Erhöhter Puls – Herzrasen – Müdigkeit – Übelkeit – Panik – Kriiiiise … Keine Regel des Anstands konnte mich davon abhalten, Bratislava Hals über Kopf zu verlassen, früher als geplant. Zuhause (Zuhause?! In Kroatien, in Zagreb? Nein, in den Niederlanden, in Amsterdam) vergaß ich die zweitägige Episode in der Slowakei schnell. Ich löschte sie aus meinem Gedächtnis. Lediglich zwei Bilder konnten sich in mein mentales Album schummeln. Die kleine Statue der reitenden Maria Theresia, die trüb im Novembernebel glitzert, und die Frau mit dem schönen Gesicht und den Kinderfäustlingen über den kleinen verbrannten Händen. Die Bilder gehören nicht unbedingt zusammen, aber sie sind beide sepiafarben. Zurück zuhause sollte mich schon bald die nächste Panikattacke treffen, ausgelöst durch einen neuen Zwischenfall. Die PVV (Partij voorde Vrijheid) von Geert Wilders veröffentlichte eine Website und lud die niederländischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger herzlich dazu ein, gewisse heiße Fragen zu beantworten (Haben Sie Probleme mit den Eingewanderten aus Mittel- und Osteuropa? Haben Sie Ihren Job verloren wegen Polen, Bulgaren, Rumänen oder anderen Osteuropäern?). Zehntausende besuchten die Seite und äußerten ihren Unmut über die legale Anwesenheit der mittel-ost-süd-europäischen Migranten bzw. der Polen, ganz besonders der Polen. Denn die Polen nehmen ihnen die Jobs weg. Die Polen klauen und betrinken sich, sind laut und gern mal kriminell. Die Polen sind für sie der »menschliche Abschaum«.
Kein Grund zur Panik, ich bin ja keine Polin, vorerst gehe ich noch als Kroatin mit niederländischem Pass durch, ich kann die Bulgarin und die ehemalige Jugoslawin in mir gut verstecken. Ich stelle mich einfach tot wie der Fuchs in der Fabel, bis der Sturm vorüberzieht. Ich zahle ordnungsgemäß meine Steuern an dieses von Wasser durchtränkte Land. An der Feuchtigkeit störe ich mich nicht, wir Slawen sind ja gewöhnt an Wald und Wäldchen, Forst und Hain, See und Moor. Mein Gedächtnis ist fit, ich erinnere mich noch an die altslawische Kunst der Unterwasseratmung. Und war die Panikattacke nicht bloß ein Sturm im Wasserglas? Scheint so. Vorerst zumindest. Bis zum nächsten Sturm. Dann wird alles davon abhängen, zu welcher Seite der Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt.
Februar 2012
6 Ugrešić spielt hier mit dem Lautwandel (Liquidametathese) in den slawischen Sprachen: grob (dt.: Grab) – indoeuropäisch *gerbh (dt. kratzen, scharren, graben) – brijeg (dt. Berg) – grb (dt. Wappen) – brlog (dt. Suhle, Höhle) – graba (dt. Graben), Anmerkung der Übersetzerin.
Tauben lieben öffentliche Skulpturen. Für sie gibt es kein größeres Glück, als auf einem Denkmalkopf zu sitzen und ihre Kacke fallen zu lassen. Menschen sind dazu da, zu errichten, Tauben sind dazu da, zu beschmutzen. Doch auch Menschen haben es aus irgendeinem Grund auf öffentliche Skulpturen abgesehen. So beschädigten etwa unbekannte Vandalen im Dezember vergangenen Jahres das Denkmal für Marija Jurić Zagorka, eine kroatische Journalistin und Schriftstellerin. Zagorka erfuhr zu Lebzeiten, aber auch nach ihrem Tod wenig Anerkennung als Schriftstellerin, bis sich das Zagreber Zentrum für Frauenstudien um die Kanonisierung ihrer Person und ihres Werks verdient machte und in diesem Zusammenhang ein Denkmal im Stadtzentrum errichten ließ. Genau dieses Denkmal haben unbekannte Vandalen nun beschädigt, sie sägten den bronzenen Regenschirm ab, auf den sich die Dichterin stützt. Die Mitarbeiterinnen des Zentrums für Frauenstudien wandten sich an die Presse und sorgten für einen medialen Aufschrei. Daraufhin verpflichtete sich die Stadt, einen neuen Regenschirm zu finanzieren. Als die Zagreberinnen und Zagreber von dem hässlichen Vorfall erfuhren, strömten sie gleich am nächsten Tag herbei und legten alte Schirme neben das Denkmal. Ein gutes Beispiel dafür, was Kanonisierung bewegen kann!
Zwischen Kroaten und öffentlichen Denkmälern herrscht eine fatale Anziehung. Seit der Unabhängigkeit Kroatiens (von 1991 bis heute) wurden zahlreiche Denkmäler für die Opfer des Faschismus geschändet. Da die Zerstörungen in die Zeit antijugoslawischer, antiserbischer und antikommunistischer Hysterie fielen, zeigten die Regierungen Verständnis für den wütenden Vandalismus, den die Denkmäler angeblich selbst provoziert hätten, diese vermeintlichen Symbole kroatischer kollektiver Traumata.
Zunächst regte ich mich wegen der Denkmäler nicht sonderlich auf, bis ich irgendwann erfuhr, dass die meisten Menschen in Wahrheit aus Profitgründen Vandalismus betreiben, nicht etwa aus ideologischer oder ästhetischer Überzeugung. In den Niederlanden weiß man, wer Kupfer und Bronze ganz besonders liebt. Die Polen nämlich. Im Januar dieses Jahres wurden Skulpturen von den Friedhöfen der niederländischen Ortschaften Norg und Vries gestohlen. In Rheden wurde das Denkmal des Schriftstellers Simon Carmiggelt entwendet, und da man neue Diebstähle befürchtete, entfernte man vorsichtshalber auch gleich die Statue der Königin Beatrix. Vor ein paar Jahren verschwand in Marienberg die Skulptur einer Mutter mit Kind, das Denkmal war zur Erinnerung an die Opfer des Zweiten Weltkriegs errichtet worden. In Laren wurde 2007 eine Kopie von Rodins
