Fahr zur Hölle - Kathy Reichs - E-Book

Fahr zur Hölle E-Book

Kathy Reichs

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Beschreibung

Bist du stärker als der Hass? Bist du schneller als das Böse? Bist du bereit für die Wahrheit?

In Charlotte, Tempe Brennans Heimatstadt, ist die Hölle los. 200.000 Motorsport-Fans sind auf dem Weg zum Charlotte Motor Speedway und dem großen NASCAR-Rennwochenende. Auf einer Müllhalde nahe der Strecke werden in einem Teerfass menschliche Überreste gefunden. Das Mitglied eines NASCAR-Teams wendet sich an die Forensikerin und erzählt ihr, dass seine Schwester Cindi vor zwölf Jahren verschwunden ist – zusammen mit ihrem damaligen Highschoolfreund Cale Lovett. Lovett hatte Verbindungen zu einer rechtsextremen Gruppe namens Patriot Posse. Könnte die Leiche Cindis sein? Oder Cales? Zum Zeitpunkt ihres Verschwindens interessierte sich das FBI für die beiden. Doch die Suche wurde früh eingestellt. Sollte da etwas vertuscht werden? Wollte das Paar mit der paramilitärischen Gruppe in den Untergrund gehen? Oder hat Cale Cindi auf dem Gewissen? Tempe Brennan arbeitet fieberhaft daran, den Fall schnell aufzuklären. Doch gerade sie weiß: Das Böse holt dich immer ein.

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Seitenzahl: 352

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Kathy Reichs

Fahr zur Hölle

Roman

Aus dem Amerikanischen

von Klaus Berr

Karl Blessing Verlag

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Titel der Originalausgabe: Flash and BonesOriginalverlag: Scribner, New York
Copyright © der Originalausgabe 2011 by Temperence Brennan, L.P.Published by arrangement with the original publisher,Scribner, an imprint of Simon & Schuster, Inc.Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2011by Karl Blessing Verlag, München,in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 MünchenUmschlaggestaltung: Hauptmann und Kompanie Werbeagentur, ZürichSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN: 978-3-641-06977-3V003
www.blessing-verlag.de

FürDeclan Rex Reichs,

geboren am 1. Juli 2010

1

Rückblickend betrachte ich es als die Rennwoche im Regen. Fast jeden Tag Gewitter. Okay, es war Frühling. Aber diese Unwetter waren der Hammer.

Letztendlich hat Summer mir das Leben gerettet.

Ich weiß. Das klingt bizarr.

Aber hier ist die Geschichte.

Dralle, dunkle Wolken hingen tief über der Erde, aber bis jetzt regnete es noch nicht.

Glück gehabt. Den Vormittag hatte ich damit zugebracht, eine Leiche auszubuddeln.

Klingt makaber? Gehört zu meinem Job. Ich bin forensische Anthropologin. Ich berge und untersuche Tote, die sich in weniger als frischem Zustand präsentieren – die Verbrannten, Mumifizierten, Verstümmelten, Zerstückelten, Verwesten und Skelettierten.

Okay. Der Untersuchungsgegenstand des heutigen Tages war nicht unbedingt eine Leiche. Ich hatte nach übersehenen Körperteilen gesucht.

Die Kurzversion. Im letzten Herbst verschwand eine Hausfrau aus ihrem ländlichen Zuhause in Cabarrus County in North Carolina. Vor einer Woche, ich war zu der Zeit noch auf einem Arbeitsurlaub in Hawaii, gestand ein Lastwagenfahrer, die Frau erwürgt und ihre Leiche in einer Sandgrube vergraben zu haben. Die örtliche Polizei hatte sich ungeduldig mit Schaufeln und Eimer auf den Weg gemacht. Sie lieferte die Knochen in einem Karton für Motts Apfelsauce bei meinem Arbeitgeber, dem Büro des Medical Examiners im benachbarten Mecklenburg County, ab.

Gestern hatte ich, noch in voller Aloha-Bräune, meine Untersuchung begonnen. Ein Skelettinventar zeigte, dass Zungenbein, Warzenfortsatz und alle oberen Schneide- und Eckzähne fehlten.

Keine Zähne, keine dentale Identifikation. Kein Zungenbein, kein Beweis für die Strangulation. Dr. Tim Larabee, der Medical Examiner des Mecklenburg County, bat mich, die Fundstelle im Sand noch einmal abzusuchen.

Normalerweise nervt es mich, anderer Leute Fehler ausbügeln zu müssen. Aber heute war ich vergnügt.

Die fehlenden Teile hatte ich sehr schnell gefunden und an das Institut des MCME nach Charlotte geschickt. Ich war unterwegs zu einer Dusche, einem späten Mittagessen und Zeit mit meiner Katze.

Es war 13 Uhr 50. Mein schweißnasses T-Shirt klebte mir am Rücken. Meine Haare waren zu einem zerzausten Knoten zusammengefasst. Sand klebte mir auf der Kopfhaut. Trotzdem summte ich. Al Yankovitch, White and Nerdy. Was soll ich sagen? Ich hatte mir auf YouTube ein Video angeschaut, und die Melodie ging mir nicht mehr aus dem Kopf.

Wind rüttelte an meinem Mazda, als ich auf die I-85 in Richtung Süden fuhr. Mit leichtem Unbehagen schaute ich zum Himmel hoch und stellte dann im Radio NPR ein.

Terry Gross beendete eben ein Interview mit W. S. Merwin, dem amerikanischen Poeta laureatus. Beiden waren die Bedingungen außerhalb meines Autos ziemlich gleichgültig.

Verständlich. Die Sendung wurde in Philadelphia produziert, fünfhundert Meilen nördlich von Dixie.

Terry witzelte eben über einen kommenden Gast. Den Namen verstand ich nicht.

Piep! Piep! Piep!

Der nationale Wetterdienst hat eine Unwetterwarnung für die Vorgebirgs-Countys von North Carolina ausgegeben, darunter Mecklenburg, Cabarrus, Anson, Stanley und Union. Es wird erwartet, dass innerhalb der nächsten Stunde schwere Gewitterstürme durch das Gebiet ziehen. Niederschlagsmengen zwischen drei und neun Zentimetern werden prognostiziert, plötzliche Überschwemmungen drohen. Atmosphärische Bedingungen begünstigen das Entstehen von Tornados. Bleiben Sie auf diesem Sender für neueste Informationen.

Piep! Piep! Piep!

Ich packte das Lenkrad fester und beschleunigte auf fünfundsiebzig Meilen. Riskant in einer Fünfundsechzig-Zone, aber ich wollte vor dem Wolkenbruch zu Hause sein.

Augenblicke später wurde Terry schon wieder unterbrochen, diesmal von einem gedämpften Tatü-Tata.

Mein Blick schnellte zum Radio.

Tatü!

Ich kam mir blöd vor und schaute in den Rückspiegel.

Ein Streifenwagen klebte mir an der Stoßstange.

Verärgert fuhr ich an den Rand und ließ mein Fenster herunter. Als der Polizist erschien, zeigte ich ihm meinen Führerschein.

»Dr. Temperance Brennan?«

»Leider etwas derangiert.« Ich strahlte ihn mit einem, wie ich hoffte, gewinnenden Lächeln an.

Der Gesetzeshüter strahlte nicht zurück. »Das ist nicht nötig«, sagte er und deutete auf meinen Führerschein.

Verwirrt schaute ich den Kerl an. Er war Mitte zwanzig, schlank und hatte einen Pennäler-Schnauzbart, der nicht recht wachsen wollte. Auf dem Schild auf seiner Brust stand R. Warner.

»Das Concord Police Department wurde vom Medical Examiner des Mecklenburg County ersucht, Sie aufzuhalten und umzudirigieren.«

»Larabee lässt mich von der Polizei suchen?«

»Ja, Ma’am. Als ich an der Bergungsstelle ankam, waren Sie bereits weg.«

»Warum hat er mich nicht direkt angerufen?«

»Offensichtlich kam er nicht durch.«

Natürlich nicht. Während der Grabung hatte ich mein iPhone im Auto gelassen, um es vor Sand zu schützen.

»Mein Telefon ist im Handschuhfach.« Man musste Officer Warner ja nicht unbedingt beunruhigen. »Ich nehme es jetzt heraus.«

»Ja, Ma’am.«

Die Zahlen auf dem kleinen Monitor zeigten mir, dass ich drei Anrufe von Larabee verpasst hatte. Drei Nachrichten. Ich hörte mir die erste an.

»Lange Geschichte, die ich Ihnen erzähle, wenn Sie zurück sind. Die Polizei von Concord erhielt die Meldung einer Leiche auf der zugeschütteten Müllkippe an der Morehead Road. Chapel Hill will, dass wir das übernehmen. Ich stecke bis über die Ellbogen in einer Autopsie. Da Sie in der Gegend sind, hatte ich gehofft, Sie könnten vorbeifahren und sich darum kümmern. Joe Hawkins ist mit seinem Transporter bereits dorthin unterwegs, nur für den Fall, dass die tatsächlich was für uns haben.«

Die zweite Nachricht klang genauso wie die erste. Die dritte ebenfalls, nur nervöser. Sie schloss mit der Anfeuerung: »Sie sind die Allerbeste, Tempe.«

Eine zugeschüttete Müllkippe in einem Sturm? Der Allerbesten war das nicht ganz koscher.

»Ma’am, wir sollten uns beeilen. Der Regen lässt nicht mehr lange auf sich warten.«

»Fahren Sie voraus.« Mit weniger Enthusiasmus hätte ich das nicht sagen können.

Warner ging zu seinem Streifenwagen zurück, tutete einmal und reihte sich dann in den Verkehr ein. Innerlich Larabee, Warner und die Müllkippe verfluchend, legte ich den Gang ein und folgte ihm.

Für einen Donnerstagnachmittag war der Verkehr auf der I-85 ziemlich dicht. Als wir uns Concord näherten, sah ich, dass die Abfahrt zum Bruton Smith Boulevard eher ein Parkplatz war.

Und erkannte, was für ein Albtraum Larabees kleiner Abstecher sein würde.

Die zugeschüttete Müllkippe an der Morehead Road ist ein Zaunnachbar des Charlotte Motor Speedway, eine wichtige Strecke für die NASCAR-Rennsaison. An diesem und am nächsten Wochenende würden Rennen steigen. Die örtlichen Zeitungen und die Lokalsender berichteten ausführlichst darüber. Sogar ich wusste, dass im morgigen Qualifying entschieden würde, welche glücklichen Fahrer es am Samstag ins Hauptrennen, das All Star Race, schafften.

Zweihunderttausend begeisterte Fans würden für die Rennwoche nach Charlotte strömen. Als ich das Meer von SUVs, Wohnmobilen, Pick-ups und Limousinen sah, vermutete ich, dass viele bereits in der Stadt waren.

Warner fuhr auf der Standspur. Ich folgte ihm und ignorierte die feindseligen Blicke derjenigen, die im Stau feststeckten.

Mit Blaulicht bahnten wir uns einen Weg durch das Chaos auf dem Bruton Smith Boulevard, vorbei am Dragway, der Rennstrecke für die Dragster, der Aschenbahn und unzähligen Fast-Food-Buden. Am Straßenrand schleppten die Tätowierten und die Tanktop-Trägerinnen Babys, Bier, Kühltaschen und Radios mit sich herum. Fliegende Händler verkauften Souvenirs auf Klapptischen unter improvisierten Zelten.

Warner fuhr an der surrealistischen Geometrie der eigentlichen Rennstrecke entlang, bog ein paarmal ab und hielt dann vor einem kleinen Gebäude, dessen Wandverkleidung einmal blau gewesen sein mochte. Hinter dem Gebäude erhob sich eine Reihe von Hügeln, die an eine Gebirgskette auf dem Mars erinnerte.

Ein Mann trat heraus, gab Warner einen gelben Schutzhelm und eine neon-orangefarbene Weste und deutete, während er mit ihm redete, auf einen Kiesweg, der steil nach oben führte. Warner wartete, bis ich Schutzausrüstung erhalten hatte, dann fuhren wir den Hügel hoch. Lastwagen rumpelten in beide Richtungen, aufwärts mit kreischendem, abwärts mit schnurrendem Motor.

Als die Straße wieder flacher wurde, sah ich drei Männer neben einem riesigen Kipplaster stehen. Zwei trugen Overalls. Der dritte trug eine schwarze Hose und ein langärmeliges schwarzes Hemd über einem weißen T-Shirt. Joe Hawkins, der langjährige Todesermittler des MCME. Alle drei trugen die gleiche Schutzausrüstung wie die, die auf meinem Beifahrersitz lag.

Warner fuhr dicht an den Laster heran und stellte den Motor ab. Ich stellte mich neben ihn.

Die Männer sahen zu, wie ich ausstieg und Schutzhelm und Weste anzog. Bezaubernd. Die perfekte Ergänzung meines augenblicklichen hygienischen Zustands.

»Wir müssen aufhören, uns immer so zu treffen.« Vor knapp einer Stunde hatten Joe und ich uns bei der Sandgrube verabschiedet.

Der ältere Mann streckte die Hand aus. »Weaver Molene.« Molene hatte ein rotes Gesicht und schwitzte stark, sein Overall spannte, als würde er gleich zerreißen.

»Temperance Brennan.«

In Anbetracht der schwarzen Halbmonde unter Molenes Fingernägeln hätte ich das Händeschütteln gerne ausgelassen, aber ich wollte nicht unhöflich sein.

»Sind Sie der Coroner?«, fragte er.

»Ich arbeite für den Medical Examiner«, sagte ich.

Molene stellte den Jüngeren als Barcelona Jackson vor. Jackson war sehr dünn und sehr schwarz. Und sehr, sehr nervös.

»Jackson und ich arbeiten für die Firma, die diese Müllkippe betreibt.«

»Beeindruckender Abfallhaufen«, sagte ich.

»Das Gelände hat eine Kapazität von über zweieinhalb Millionen Kubikmetern.« Molene wischte sich mit einem schmuddeligen Taschentuch übers Gesicht. »Und dieser Kauz Jackson hier stolpert über den einen halben Quadratmeter, auf dem eine Leiche liegt. Oder vielleicht auch nicht. Wahrscheinlich liegen noch Dutzende da draußen.«

Jackson hielt die Augen niedergeschlagen. Bei Molenes Worten hob er schnell den Blick und senkte ihn dann wieder auf seine Stiefel.

»Berichten Sie mir, was Sie gefunden haben, Sir.«

Obwohl ich Jackson angesprochen hatte, antwortete Molene.

»Ist wahrscheinlich am besten, wir zeigen es ihnen einfach. Und zwar schnell.« Er steckte das Taschentuch wieder ein. »Der Sturm zieht ziemlich schnell auf.«

Molene legte ein Tempo vor, das ich bei einem Mann seiner Masse für unmöglich gehalten hätte. Jackson stolperte hinter ihm her. Ich schloss mich ihnen an und versuchte, so gut wie möglich auf das unebene Gelände unter meinen Füßen zu achten. Warner und Hawkins bildeten die Nachhut.

Ich hatte bereits in zugeschütteten Müllkippen gegraben und war vertraut mit diesem speziellen Aroma, einer zarten Mischung aus Methan und Kohlendioxid, mit Spuren von Ammoniak, Schwefelwasserstoff, Stickstoff, Chlorwasserstoff und Kohlenmonoxid als zusätzliche Highlights. Ich machte mich auf den Gestank gefasst. Doch er war nicht vorhanden.

Gutes Geruchsmanagement, Jungs. Vielleicht war es aber auch Mutter Natur. Der Wind verwirbelte Staub zu kleinen Zyklonen und jagte Zellophanfetzen, Plastiktüten und zerrissenes Papier über die Landschaft.

Unser Weg führte uns quer durch die noch aktive Verfüllung, einen Hügel hinunter und dann an Gelände entlang, das bereits geschlossen zu sein schien. Die älteren Erhebungen waren nicht mehr mit nackter Erde, sondern mit Gras bedeckt.

Wir ließen das Rumpeln von Lastwagen hinter uns, dafür wurde das Jaulen feiner abgestimmter Motoren lauter. Ich nahm an, dass die Rennstrecke hinter einer Anhebung rechts von uns lag.

Nach zehn Minuten blieb Molene am Fuß eines abgeflachten, kleinen Hügels stehen. Obwohl oben auf der Kuppe zaghaft Gras spross, war die Flanke direkt vor uns gefurcht und vernarbt wie eine von Jahrtausenden des Winds geformte Felsformation in der Wüste.

Molene sagte etwas, was ich nicht verstand. Ich konzentrierte mich auf die bloß liegende Stratigrafie.

Im Gegensatz zu Sandstein oder Schiefer, woraus metamorphes Gestein besteht, waren die Schichten dieses Hügels aus platt gedrückten Pontiacs und Matratzen, zerdrückten Pepsis, Pop-Tarts, Pringles und Pampers zusammengesetzt.

Molene deutete auf einen Krater in einer braun-grünen Schicht knapp zwei Meter über unseren Köpfen, dann zu einem Gegenstand, der gut zwei Meter vor dem Fuß der Erhebung lag. Seine Erklärung ging in Donner unter.

Egal. Es war offensichtlich, dass Jacksons »Leiche« von dem Hügel heruntergefallen war, wahrscheinlich hatte der gestrige Sturm sie herausgerissen.

Ich ging zu dem Ding und kauerte mich hin. Molene, Warner und Hawkins kamen dazu, blieben aber stehen. Jackson hielt Abstand.

Der Gegenstand war ein Fass, ungefähr fünfzig Zentimeter im Durchmesser und fünfundsiebzig Zentimeter hoch. Der Deckel lag seitlich daneben.

»Sieht aus wie irgendein Metallbehälter«, sagte ich, ohne hochzusehen. »Er ist zu verrostet, um ein Logo oder eine Beschriftung erkennen zu lassen.«

»Stellen Sie das Ding auf«, rief Molene. »Jackson und ich haben es umgekippt, um das Zeug im Inneren zu schützen.«

Ich versuchte es. Es wog eine Tonne.

Hawkins kauerte sich neben mich, und gemeinsam stemmten wir das Ding hoch. Es war angefüllt mit einer festen, schwarzen Masse.

Ich beugte mich darüber. Etwas Blasses hing in der dunklen Füllung, aber das Dämmerlicht kurz vor dem Sturm verhüllte jedes Detail.

Ich griff eben nach meiner Mag-Lite, als ein Blitz über den Himmel zuckte.

Eine menschliche Hand blitzte weiß im elektrischen Gleißen auf.

Und verschwamm wieder in Dunkelheit.

2

Ich ließ den Strahl meiner Taschenlampe über die tintige Topografie wandern.

Der weiße Einschluss war fraglos eine menschliche Hand.

Die Füllung war steinhart, bröckelte jedoch an den offen liegenden Kanten. Ich vermutete Asphalt. Die Größe der Tonne deutete auf ein Volumen von etwa hundertdreißig Litern hin.

Nach dreißig Sekunden Diskussion hatten wir einen Plan.

Warner und Jackson würden Wache halten, während wir anderen ins Büro der BFI, der Betreiberfirma der Deponie, zurückkehrten. Jackson meinte, er wäre lieber woanders, protestierte jedoch nicht weiter.

Die Wolken brachen, als Hawkins, Malone und ich zurückmarschierten. Schlammbespritzt und völlig durchnässt erreichten wir das Gebäude.

Zu meiner Verärgerung warteten ein kurzes Stück weiter unten auf dem Kiesweg zwei Fahrzeuge mit laufendem Motor und zuckenden Scheibenwischern. Ich erkannte den Fahrer des Ford Focus.

»Verdammt«, sagte ich.

»Was?« Molene hinter mir atmete schwer.

»Reporter.« Ich deutete in die Richtung der Fahrzeuge.

»Ich habe mit niemandem gesprochen. Ich schwöre es.«

»Die haben mit ihren Scannern wahrscheinlich den Funkkontakt zwischen der Polizei und dem ME abgefangen.«

»Soll das ein Witz sein?«

»Es ist Rennwoche.« Ich versuchte erst gar nicht, meine Verärgerung zu verbergen. »Ein Mord an der Rennstrecke wäre eine knallige Schlagzeile.«

Als die Reporter uns sahen, stiegen sie aus ihren Autos und schlitterten zum Checkpoint. Der eine war ein pilzförmiger Mann mit einem Regenschirm. Ihm folgte eine Frau in Regenmantel und pinkfarbenen Plastikstiefeln.

Der Wachmann schaute fragend in unsere Richtung. Molene winkte mit beiden Händen ab.

Da man ihnen den Zugang verwehrte, schrien die beiden durch den Wolkenbruch.

»Wie lange ist die Leiche schon da draußen?«

»Ist es das Mädchen, das aus der Bar Carolina verschwand?«

»Irgendwelche Verbindungen mit der Rennstrecke?«

»Dr. Brennan – «

»Hat der ME vor – «

Hawkins, Molene und ich eilten in das Büro des Managements. Die Tür knallte zu und schnitt das Sperrfeuer der Fragen ab.

»Könnte es tatsächlich das Leonitus-Mädchen sein?« Hawkins meinte eine junge Frau, die vor zwei Jahren nach einer abendlichen Kneipentour mit Freundinnen verschwunden war.

»Wie alt ist dieser Sektor?«, fragte ich Molene.

»Da muss ich in den Unterlagen nachsehen.«

»Ungefähr.« Ich nahm Helm und Schutzweste ab und hielt sie auf Armeslänge ausgestreckt. Was nichts brachte. Ich triefte ebenso sehr wie sie.

»Nach 2005 haben wir dort keinen Müll mehr abgeladen. Ich würde diese Schicht auf Ende der Neunziger bis vielleicht 2005 schätzen.«

»Dann ist das Opfer nicht Leonitus«, sagte Hawkins.

Oder Teile von ihr, dachte ich.

Während Hawkins und Molene mit einem Motorkarren zurückfuhren, um die Tonne zu holen, rief ich Larabee an. Er sagte, was ich erwartet hatte. Bis morgen.

So viel zu faulenzen mit meiner Katze.

Dreißig Minuten später stand Jacksons Fundstück schlammiges Wasser triefend und Rost bröselnd auf Plastikplanen im Transporter des ME. Fünf Minuten später war es zusammen mit den Zähnen und Knochen aus der Sandgrube in Cabarrus County unterwegs nach Charlotte.

Officer Warner brachte mich zur Interstate zurück. Danach war ich auf mich allein gestellt.

Der Wolkenbruch, die Stoßzeit und der Wahnsinn der Rennwoche sorgten für einen Rückstau bis Minneapolis. Zum Glück stand der auf meiner Gegenrichtung, doch auch der Verkehr nach Westen war sehr dicht. Während ich rollend und bremsend in Richtung Heimat zockelte, dachte ich über die Person nach, die wir eben entdeckt hatten.

Eine ganze Leiche? In einer Tonne dieser Größe wäre das ziemlich schwierig, aber nicht unmöglich. Abgetrennte Teile? Ich hoffte es nicht. Ein unvollständige Leiche würde bedeuten, dass ich noch einmal zur Deponie würde zurückkehren und eine systematische Suche durchführen müssen.

Diese Aussicht war eindeutig unerfreulich.

Der Freitag versprach eine Wiederholung des Donnerstags zu werden. Heiß und schwül mit weiteren Unwettern am Nachmittag.

Mir konnte es egal sein. Ich würde den ganzen Tag im Institut verbringen.

Nach einem schnellen Frühstück aus Müsli und Joghurt fuhr ich Richtung downtown. Oder uptown, wie die Charlotter sagen.

Das Institut des Medical Examiner für das Mecklenburg County belegt eine Seite eines nichtssagenden Backsteinkastens, der seine frühen Jahre als Sears Garden Center zugebracht hat. Die andere Seite des Kastens beherbergt ausgelagerte Büros des Mecklenburg County Police Department. Ohne jeden architektonischen Charme bis auf die leicht abgerundeten Kanten steht der Kasten an der Ecke College und Tenth, knapp außerhalb des schicken Teils der Innenstadt. Obwohl es Pläne gibt, das Gelände neu zu bebauen und das Institut zu verlegen, ist mit dem MCME bis jetzt noch nichts passiert.

Für mich ist das okay. Der Kasten ist nur zehn Minuten von meinem Stadthaus entfernt.

Um 8 Uhr 05 fuhr ich auf den schmalen Streifen Parkplatz vor dem MCME-Eingang, nahm meine Handtasche und ging auf die Glasdoppeltür zu. Auf der anderen Seite der College saßen oder lehnten etwa ein halbes Dutzend Männer an einer Mauer, die ein leeres Grundstück begrenzte. Alle trugen jenes Sammelsurium zerschlissener Kleider, das die Uniform der Obdachlosen ist.

Hinter ihnen schob eine schwarze Frau einen Kinderwagen über den Bürgersteig auf das County-Sozialzentrum zu und kämpfte dabei mit dem unebenen Pflaster.

Die Frau blieb stehen, um ihr Stretchtop hochzuziehen. Ihr Blick wanderte in meine Richtung. Ich winkte. Sie winkte nicht zurück.

Ich betrat die Vorhalle und klopfte an eine Scheibe über einer Empfangstheke links von mir. Eine pummelige Frau drehte sich auf ihrem Stuhl und schaute durchs Glas. Ihre Bluse war frisch gebügelt, ihre Dauerwelle saß starr auf ihrem Kopf.

Eunice Flowers arbeitet seit Mitte der Achtziger für das MCME, als es aus dem Keller des Law Enforcement Building in seine jetzige Behausung zog. Von Montag bis Freitag kontrolliert sie Besucher, lässt manche eintreten und weist andere ab. Außerdem tippt sie Berichte, organisiert Dokumente und hält sich über alle Informationsschnipsel, die sich aus der Untersuchung der Toten ergeben, auf dem Laufenden.

Mrs Flowers lächelte mich an und drückte auf den Knopf, um mich einzulassen.

»Gestern hatten Sie aber ganz schön zu tun.«

»Ziemlich, ja«, sagte ich. »Ist sonst schon jemand da?«

»Dr. Larabee wird gleich hier sein. Dr. Siu hält eine Vorlesung an der Uni. Dr. Hartigan ist in Chapel Hill.«

»Joe?«

»Unterwegs, um eine arme Seele aus einem Müllcontainer zu ziehen. Der Gute. Viel Glück für ihn. Wird wieder ziemlich heiß werden heute.« Mrs Flowers’ Vokale hätten ihr eine Rolle in Vom Winde verweht einbringen können.

»Gibt’s Medieninteresse an der Leiche von der Deponie?«

»Hat’s in den Observer geschafft. Lokalteil. Ich hatte bereits ein halbes Dutzend Anrufe.«

Mrs Flowers’ Ordentlichkeit richtet sich nicht nur auf ihre Person, sondern auf alles in ihrer Umgebung. Die Post-it-Zettel an ihrem Arbeitsplatz kleben in regelmäßigen Abständen, Papierstapel sind präzise aufeinandergestapelt, Stifte, Hefter und Scheren werden verstaut, wenn sie nicht benötigt werden. Ich bin unfähig zu dieser Art von Ordnung. Obwohl es gar nicht nötig war, rückte sie ein Foto ihres Cockerspaniels gerade.

»Haben Sie die Zeitung noch?«

»Ich hätte sie aber gern zurück, bitte.« Sie gab mir ein sauber zusammengefaltetes Exemplar. »Für die Belk-Anzeige gibt es zwanzig Prozent auf Bettwäsche.«

»Natürlich.«

»Die Gutachtenanfragen liegen auf Ihrem Schreibtisch. Ich glaube, Joe hat alles in den Stinker gebracht, bevor er ging.«

Das Institut hat zwei Autopsiesäle, jeder mit nur einem Tisch. Der kleine hat ein spezielles Lüftungssystem gegen üble Gerüche, deshalb heißt er Stinker.

Für Verweste und Wasserleichen. Meine Fälle eben.

Gute Entscheidung, Hawkins. Die Knochen aus der Sandgrube waren wahrscheinlich relativ aromafrei, bei dem Opfer von der Deponie konnte man das jedoch nicht wissen. Und ich wusste noch nicht so recht, wie ich die Überreste aus dem Asphalt holen sollte. Abhängig von ihrem Zustand, konnte das eine ziemliche Drecksarbeit werden.

Ich ging an den Bürokabinen vorbei, die von den Todesermittlern benutzt wurden, und schaute auf die Informationstafel an der Rückwand. Fünf Neuankünfte waren mit schwarzem Magic Marker eingetragen. Ein Neugeborenes, das man tot in seinem Bettchen gefunden hatte. Ein Mann, der am Mountain Island Lake ans Ufer gespült worden war. Eine Frau, die man in ihrer Küche an der Sugar Creek Road mit einer Bratpfanne erschlagen hatte.

Meine Bergung aus der Sandgrube hatte die Fallnummer MCME 226-11 erhalten. Die Knochen und Zähne gehörten sehr wahrscheinlich zu der vermissten Ehefrau, doch auch diese Annahme konnte sich immer noch als falsch erweisen. Deshalb hatten sie eine neue Fallnummer bekommen.

Die Überreste von der Deponie hatten die Nummer MCME 227-11.

Mein Büro liegt ganz hinten, neben denen der drei Pathologen. Die Quadratmeter sind so bemessen, dass, würde ich nicht zum Personal gehören, diese Kammer wohl für die Aufbewahrung von Putzeimern und Mopps benutzt würde.

Ich schloss die Tür auf, warf die Zeitung auf den Schreibtisch, ließ mich auf den Stuhl fallen und legte meine Handtasche in eine Schublade. Zwei Gutachtenanfragen lagen auf der Schreibunterlage, beide von Tim Larabee unterzeichnet.

Ich fing mit dem Observer an. Der Artikel stand auf Seite drei des Lokalteils und war nur sechs Zeilen lang. Der Verfasser war Earl Byrne, der pilzförmige Mann, den ich im Focus gesehen hatte.

Mir war es ganz recht. Vielleicht half das Medienecho ja bei der Identifikation.

Ich zog zwei Formulare aus der Plastikablage auf dem Aktenschrank hinter mir, trug die Fallnummern ein und schrieb kurze Beschreibungen der beiden Funde und der Umstände ihrer Entdeckung. Dann ging ich in den Umkleideraum, zog mir Pathologenkluft über und betrat den Stinker.

Die Knochen aus der Sandgrube lagen auf der Arbeitsfläche, und zwar noch in der braunen Beweismitteltüte, in die ich sie gesteckt hatte.

Die Tonne aus der Deponie stand samt schlammverklebter Plastikplane auf einer Rollbahre.

Da die vermisste Hausfrau weiter oben auf der Liste stand, fing ich damit an.

Nachdem ich mir Kamera, Greifzirkel, Klemmbrett und eine Lupe zusammengesucht hatte, band ich mir eine Papierschürze um und zog Latexhandschuhe an. Kein Vergleich mit Schutzhelm und Weste, aber dieser Aufzug hatte seine eigene Eleganz.

Um Viertel nach zehn war ich fertig. Röntgenaufnahmen, Vermessung und Untersuchung per Augenschein sowie unter dem Mikroskop ergaben, dass die Knochen und Zähne vereinbar waren mit dem Skelett aus der Sandgrube. Eine Zahnuntersuchung würde den Befund weiter bestätigen, aber ich war mir ziemlich sicher, dass die von mir geborgenen Teile zu der vermissten Hausfrau gehörten.

Und dass sie tatsächlich ermordet worden war.

Das Zungenbein, ein dünner, u-förmiger Knochen aus ihrem Hals, zeigte Brüche auf jedem Flügel. Solche Verletzungen rühren fast immer von manueller Strangulation her.

Ich beendete eben meinen Bericht, als das Telefon sich mit einem Klingelton meldete, der auf einen internen Anruf hindeutete.

»Ich habe hier einen Herrn, der Sie zu sehen wünscht.« Mrs Flowers klang nervös.

»Kann sich nicht Joe um ihn kümmern?«

»Er ist immer noch unterwegs.«

»Ich versuche, mich auf diese Fälle zu konzentrieren«, sagte ich.

»Der Herr sagt, er hat Informationen, die sehr wichtig sind.«

»Informationen worüber?«

»Die Leiche von der Deponie.«

»Ich kann darüber noch nicht sprechen.«

»Er glaubt zu wissen, wer es ist.« Gedämpft, aber aufgeregt,

»Ist Elvis endlich wieder aufgetaucht?« Gereizt, aber diesen Spruch hatte ich schon zu oft gehört.

Ein Augenblick pikierten Schweigens.

»Dr. Brennan. Dieser Mann ist kein Spinner.«

»Wie können Sie da so sicher sein?«

»Ich habe ihn im People-Magazin gesehen.«

3

Generation? Erziehung? Hormone? Ich habe keine Ahnung, warum, aber in Anwesenheit attraktiver Y-Chromosomen errötet Mrs Flowers immer, und ihre Stimme wird leicht atemlos.

»Dr. Brennan, darf ich Ihnen Wayne Gamble vorstellen?«

Ich schaute hoch.

In meiner Tür stand ein kompakter Mann mit intensiven, braunen Augen und kurz geschnittenen, straff nach hinten gekämmten, dunkelblonden Haaren. Er trug Jeans und ein schwarzes Strick-Polohemd mit dem aufgestickten roten Logo von Hilderman Motorsports.

Ich legte meinen Stift weg.

Gamble kam ins Büro und streckte die Hand aus. Sein Griff war fest, aber kein Testosteron-Schraubstock.

»Bitte setzen Sie sich.«

Ich deutete zu einem Stuhl an der gegenüberliegenden Wand. Das hieß, etwa zwei Meter von meinem Schreibtisch entfernt. Gamble zog ihn heran, setzte sich und stützte die Handflächen auf die Knie.

»Kann ich Ihnen etwas bringen?« Marilyn Monroe säuselte dem Präsidenten ihr Geburtstagsständchen. »Wasser? Limonade?«

Gamble schüttelte den Kopf. »Nein, Ma’am.«

Mrs Flowers blieb bewegungslos im Gang stehen.

»Es ist vielleicht besser, wenn Sie die Tür schließen«, sagte ich freundlich.

Mit lodernden Wangen tat Mrs Flowers wie erbeten.

»Was kann ich für Sie tun, Mr Gamble?«

Einen Augenblick starrte er nur seine Hände an. Überlegte er es sich vielleicht anders? Wählte er seine Worte?

Ich wunderte mich über seine Zögerlichkeit. Immerhin war er zu mir gekommen. Warum diese Vorsicht?

»Ich bin der Wagenheber für Stupaks Nummer 59.«

Meine Verwirrung war anscheinend unübersehbar.

»Die Sprint-Cup-Serie? Sandy Stupak?«

»Er ist NASCAR-Fahrer?«

»Oh, tut mir leid. Ja. Stupak fährt den Chevy Nummer 59 für Hilderman Motorsports. Ich gehöre zu seinem Boxenteam.«

»Deshalb Ihr Foto im People.«

Gamble grinste abfällig. »Die haben ’ne Doppelseite über Autorennen gemacht, und ich war zufällig auf einem der Fotos. Der Fotograf hatte Andy im Visier.«

»Sind Sie wegen des Coca-Cola 600 in der Stadt?« Ich protzte mit meinem Miniwissen über NASCAR.

»Ja. Aber eigentlich lebe ich in Kannapolis, gleich ums Eck. Bin dort aufgewachsen.« Wieder zögerte Gamble, die Situation war ihm offensichtlich unbehaglich. »Meine Schwester Cindi war zwei Jahre älter als ich.«

Die Vergangenheitsform ließ mich vermuten, wohin das führen würde.

»Cindi verschwand in ihrem letzten Highschooljahr.«

Ich wartete eine weitere Pause ab.

»Ich habe in der Zeitung gelesen, dass Sie auf der Müllkippe an der Rennstrecke eine Leiche gefunden haben. Ich frage mich, ob sie das vielleicht sein könnte.«

»Wann verschwand Ihre Schwester?«

»1998.«

Molene dachte, die Tonne mit unserem/unserer Unbekannten stamme aus einer Schicht, die ungefähr zu dieser Zeit noch bloß lag. Ich behielt das für mich.

»Erzählen Sie mir von ihr.«

Gamble zog einen Schnappschuss aus seiner Tasche und legte ihn mir auf den Schreibtisch.

»Das wurde nur ein paar Wochen vor ihrem Verschwinden aufgenommen.«

Cindi Gamble sah aus, als hätte sie Werbung für Joghurt machen können. Ihre Zähne waren perfekt, ihre Haut war makellos und strotzte vor Gesundheit. Sie hatte eine blonde Kurzhaarfrisur und in jedem Ohr einen Silberring.

»Sind das Autos auf ihren Ohrringen?« Ich gab ihm das Foto zurück.

»Cindi wollte auf Biegen und Brechen NASCAR-Fahrerin werden. Fuhr seit ihrem zwölften Lebensjahr Gokarts und stieg dann auf in die Legends-Klasse.«

Offensichtlich zeigte meine Miene wieder Unverständnis.

»Kleine Einsitzerautos für Anfänger. Das Legends-Fahren ist ein gutes Training für Jugendliche, als Vorbereitung auf die echten Kurzstreckenrennen.«

Ich nickte, ohne ihn wirklich zu verstehen.

Gamble bemerkte das nicht. Sein Blick ruhte noch immer auf dem Foto in seiner Hand. »Komisch, wie das Leben sich entwickelt. In der Highschool ging’s bei mir nur um Football und Bier. Cindi trieb sich mit den Wissenschaftsfreaks rum. War versessen auf Autos und Motoren. NASCAR war ihr Traum, nicht der meine.«

Obwohl ich unbedingt wollte, dass Gamble mit seiner Geschichte weitermachte, unterbrach ich ihn nicht.

»Im Sommer vor ihrem letzten Schuljahr fing Cindi was mit einem anderen Möchtegernfahrer an, ein Kerl namens Cale Lovette. Im Herbst verschwanden dann Cindi und Cale. Einfach so. Spurlos verschwunden. Seitdem wurden sie nicht mehr gesehen.«

Unsere Blicke kreuzten sich. In seinen Augen sah ich Besorgnis. Und wieder aufgebrochenen Schmerz.

»Meine Leute drehten durch. Handzettel überall in der Stadt. Verteilten sie in Einkaufszentren.« Gamble wischte sich schweißfeuchte Hände an seiner Jeans ab. »Ich muss es einfach wissen. Könnte das meine Schwester sein?«

»Wie kommen Sie auf den Gedanken, dass Cindi tot ist?«

»Die Polizei sagte, die beiden hätten die Stadt zusammen verlassen. Aber Cindis Leben drehte sich nur um NASCAR. Ich meine, sie war ganz versessen aufs Fahren. Und wo kann man das besser tun als in Charlotte? Warum sollte sie sich einfach so aus dem Staub machen? Und sie ist nie irgendwo anders aufgetaucht.«

»Gab es eine Ermittlung?«

Gamble schnaubte verächtlich. »Die Bullen stocherten eine Weile herum und kamen dann zu dem Schluss, Cindi und Cale seien abgehauen, um zu heiraten. Sie war damals zu jung, um das ohne elterliche Erlaubnis tun zu dürfen.«

»Sie bezweifeln diese Theorie?«

Gamble hob und senkte die Schultern.

»Verdammt, ich weiß nicht, was ich glauben soll. Cindi hatte sich mir nie anvertraut. Aber ich bin sicher, meine Leute wären nie einverstanden gewesen, dass sie Cale heiratet.«

»Warum nicht?«

»Sie war siebzehn. Er war vierundzwanzig. Und trieb sich mit einem ziemlich üblen Haufen rum.«

»Übler Haufen?«

»Rechtsradikale. Überlegenheit der weißen Rasse. Hassten Schwarze, Juden, Immigranten. Hassten die Regierung. Damals vermutete ich, dass Cales Rassistenkumpels etwas damit zu tun haben könnten. Aber was sollten die gegen Cindi haben? Ich weiß nicht, was ich glauben soll.«

Gamble steckte sich das Foto wieder in die Tasche.

»Mr Gamble, es ist unwahrscheinlich, dass die Person, die wir geborgen haben, Ihre Schwester ist. Ich fange mit meiner Untersuchung gerade erst an. Wenn Sie mir Ihre Kontaktdaten geben, informiere ich Sie, wenn ich fertig bin.«

Ich schob Papier und Stift über den Tisch. Gamble schrieb etwas und gab mir beides zurück.

»Sollte es sich als notwendig erweisen, könnten Sie Cindis Zahnstatus besorgen?«

»Ja.«

»Wären Sie oder andere Verwandte mütterlicherseits bereit, eine DNS-Probe abzugeben?«

»Inzwischen gibt es nur noch mich.«

»Was ist mit Lovette?«

»Ich glaube, Cales Vater lebt noch irgendwo hier in der Gegend. Falls ich ihn im Telefonbuch finde, rufe ich ihn an.«

Gamble stand auf.

Ich erhob mich ebenfalls und öffnete die Tür.

»Ihr Verlust tut mir wirklich sehr leid«, sagte ich.

»Ich mache einfach immer weiter, um mich nicht einfangen zu lassen.«

Mit dieser eigenartigen Bemerkung ging er den Gang hinunter.

Ich stand einen Augenblick da und versuchte, mich an Medienberichte über Cindi Gamble und Cale Lovette zu erinnern. Das Verschwinden eines siebzehnjährigen Mädchens hätte doch Schlagzeilen machen müssen. Bei Angel Leonitus hatte es das auf jeden Fall getan.

Ich konnte mich nicht erinnern, irgendetwas über Gamble gesehen zu haben.

Ich nahm mir vor, den Fall zu recherchieren, und kehrte in den Stinker zurück.

Die Deponietonne war noch genau so, wie ich sie verlassen hatte. Ich umkreiste eben die Rollbahre und überlegte mir, wie ich vorgehen sollte, als Tim Larabee in Straßenkleidern durch die Tür kam.

Der Chief Medical Examiner des Mecklenburg County ist ein Läufer. Nicht die Art, die täglich drei Meilen in der Nachbarschaft läuft, um gesund zu bleiben, sondern die, die für einen Marathon in der Wüste Gobi trainiert. Und das sieht man auch. Larabees Körper ist sehnig, und seine Wangen sind hohl.

»O Mann.« Larabees Blick aus den tief liegenden Augen ruhte auf der Rollbahre.

»Oder Frau«, sagte ich. »Sehen Sie mal.«

Ich deutete auf die Öffnung der Tonne. Larabee ging hin und schaute sich die Hand an.

»Irgendeine Vorstellung, wie viel da noch drin ist?«

Ich schüttelte den Kopf. »Röntgenaufnahmen scheiden aus wegen des Metalls und der Dichte der Füllung.«

»Was vermuten Sie?«

»Jemand hat eine Leiche oder Leichenteile in der Tonne verstaut und die Tonne dann mit Asphalt aufgefüllt. Die Hand war ganz oben und wurde sichtbar, als der Deckel abging und der Asphalt erodierte.«

»Ziemlich eng für einen Erwachsenen, aber gesehen habe ich so was schon. Irgendwelche Daten zu dem Sektor, in dem das Ding gefunden wurde?«

»Ein Deponieangestellter meinte, dieser Bereich der Deponie wurde 2005 geschlossen.«

»Dann ist es also nicht Leonitus.«

»Nein. Die ist jüngeren Datums.«

»Seit Montag haben wir noch eine vermisste Person. Ein Mann kam wegen der Rennwoche aus Atlanta nach Charlotte. Die Ehefrau meldete ihn als vermisst.« Larabee betrachtete die Tonne. »Wie wollen Sie sie rausholen?«

Wie soll ich sie rausholen?

Klasse.

Ich hatte zwar noch nie Überreste aus Asphalt befreit, aus Beton allerdings schon. In jedem Fall hatte ein kleiner Hohlraum die Leiche umgeben, da Fette aus dem Oberflächengewebe eine nicht bindende Oberfläche erzeugt hatten. Hier erwartete ich eine ähnliche Situation.

»Die Tonne ist kein Problem. Die schneiden wir einfach aufs. Der Asphalt ist komplizierter. Eine Möglichkeit ist, den Block horizontal und lateral anzuschneiden und dann mit einem Presslufthammer Verlaufsrisse zu erzeugen.«

»Oder?«

»Die andere Möglichkeit ist, mit einem Meißel so viel Asphalt wie möglich abzuschlagen und dann den Block in ein Lösungsmittel zu tauchen, um die Reste abzulösen.«

»Was für ein Lösungsmittel?«

»Azeton oder Terpentin.«

Larabee überlegte einen Augenblick. »Asphalt und Zement erzeugen eine sehr gute Versiegelung, es könnte da drin also noch frisches Gewebe enthalten sein. Gehen Sie nach Plan A vor. Joe kann Ihnen dabei helfen.«

»Joe ist unterwegs.«

»Ist eben zurückgekommen.« Larabee wechselte das Thema. »Die neuen Knochen aus der Sandgrube?«

»Alles vereinbar mit dem Rest des Skeletts.«

»Musik in meinen Ohren.« Larabee deutete mit dem Kinn auf die Tonne. »Lassen Sie mich wissen, wie es läuft.«

Ich schoss eben Fotos, als Hawkins den Autopsiesaal betrat und direkt zur Rollbahre ging.

Kadaverdünn, mit dunklen Ringen unter aufgequollenen unteren Lidern, buschigen Brauen und schwarz gefärbten, straff nach hinten gekämmten Haaren sah Joe Hawkins aus wie eine ältere und haarigere Version von Larabee.

»Wie knacken wir dieses Mistding?« Hawkins klopfte mit den Knöcheln auf die Tonne.

Ich erklärte ihm Plan A.

Ohne ein weiteres Wort machte Hawkins sich auf die Suche nach den entsprechenden Werkzeugen. Ich schoss eben letzte Übersichtsfotos, als er in blauer Pathologenkluft zurückkehrte.

Hawkins und ich setzten Schutzbrillen auf, dann schob er ein Sägeblatt in die Elektrohandsäge, steckte und schaltete sie ein.

Die Luft füllte sich mit dem Kreischen von Metall auf Metall und dem beißenden Geruch von heißem Stahl. Rostpartikel stoben in die Höhe und fielen auf die Rollbahre.

Nach fünf Minuten legte Hawkins die Säge weg und zerrte und drehte mit den Händen. Ein Teilstück löste sich.

Wieder Schneiden. Wieder Zerren.

Schließlich lagen ein schwarzer Klumpen auf der Bahre und ein Exoskelett aus zerrissenem Metall auf dem Boden.

Joe schaltete die Säge aus. Ich schob mir die Schutzbrille auf die Stirn und trat näher.

Der Asphaltklumpen hatte exakt die Größe und die Form des Tonneninneren. Objekte zeichneten sich an der Oberfläche ab, bleich und gespenstisch wie Leichenhausfleisch.

Der Umriss eines Unterkiefers? Der Rand eines Fußes? Ich war mir nicht sicher.

Hawkins nahm nun den Presslufthammer zur Hand und begann unter meiner Anleitung, sich von oben auf die Leichenteile zuzuarbeiten. Risse bildeten sich, und ich brach Asphaltbrocken ab und legte sie auf die Arbeitsfläche. Später würde ich jeden untersuchen und Proben nehmen, damit Chemiker seine elementare Zusammensetzung bestimmen konnten.

Brachte vielleicht etwas, vielleicht auch nicht. Aber besser auf Nummer sicher gehen. Man konnte nie wissen, was sich später als wichtig erweisen würde.

Langsam füllte sich die Arbeitsfläche.

Ein Brocken. Drei. Neun. Fünfzehn.

Während der Klumpen kleiner wurde, veränderte sich sein Umriss. Eine Form zeigte sich, wie sich eine Gestalt unter einem Meißel aus einem Marmorblock herausschält.

Der obere Teil eines Kopfes. Ein Ellbogen. Der Schwung einer Hüfte.

Auf mein Signal hin setzte Joe den Presslufthammer ab. Mit Handwerkzeugen bearbeitete ich nun den verbliebenen Asphalt.

Vierzig Minuten später lag eine nackte Leiche auf dem Edelstahl. Die Beine waren angezogen, die Oberschenkel an die Brust gedrückt. Der Kopf war gesenkt, die Stirn drückte auf die Knie. Die Füße deuteten in entgegengesetzte Richtungen, die Zehen waren in unmöglichen Winkeln abgespreizt. Ein Arm war L-förmig nach hinten gebogen. Der andere war nach oben gereckt, mit gestreckten Fingern, als wollte er nach einer Fluchtmöglichkeit greifen.

Ein süßlicher, ekliger Geruch hing nun in der Luft. Keine Überraschung.

Obwohl insgesamt verschrumpelt und verfärbt, war der Kadaver einigermaßen gut erhalten.

Doch das änderte sich schnell.

4

Hawkins beugte sich zur Seite und spähte durch eine schwarz gerahmte Brille, die seit ihrem Kauf viele Male modern und unmodern geworden war.

»Der Kerl hat die komplette Ausstattung.«

Ich stellte mich neben ihn und betrachtete die Genitalien.

»Eindeutig männlich«, sagte ich. »Und erwachsen.«

Ich machte Nahaufnahmen der ausgestreckten Hand und bat dann Hawkins, sie einzupacken. Die Finger, die Jackson gesehen hatte, waren jetzt in ziemlich schlechtem Zustand, aber die tiefer im Asphalt eingebetteten zeigten noch genügend Bindegewebe. Und Nägel, unter denen vielleicht Abwehrspuren zu finden waren.

Während Hawkins die Hände in braunen Papiertüten verpackte, füllte ich einen Fall-Marker aus und veränderte die Kameraeinstellungen. Während ich mich um die Leiche herumbewegte und sie aus allen Blickwinkeln fotografierte, bürstete Hawkins schwarze Krümel weg und hängte das Etikett an einen Zeh.

»Sieht aus, als wäre das einer für Doc Larabee.«

Pathologen arbeiten mit kürzlich Verstorbenen oder relativ frischen Leichen, um die Identität, die Todesursache und das postmortale Intervall festzustellen. Sie setzen Y-Schnitte in Torsos und entfernen Schädeldecken, um Eingeweide und Gehirn zu entnehmen.

Anthropologen beantworten dieselben Fragen, wenn das Fleisch verwest oder verschwunden und nur noch das Skelett als Untersuchungsgegenstand übrig ist. Wir untersuchen per Augenschein, vermessen und röntgen Knochen und entnehmen Proben für mikroskopische und chemische Untersuchungen oder eine DNS-Sequenzierung.

Hawkins vermutete, dass eine normale Autopsie möglich sein könnte.

»Wollen doch mal sehen, wie er ausgestreckt aussieht«, sagte ich.

Hawkins schob die Rollbahre an den Autopsietisch, und gemeinsam hoben wir MCME 227-11 herüber und drehten ihn auf den Rücken. Während ich an den Fußknöcheln zog, drückte Hawkins die Beine nach unten. Es erforderte einige Anstrengung, aber schließlich lag unser Unbekannter flach auf dem Edelstahl.

Das Gesicht des Mannes sah grotesk aus, verzerrt von einer Mischung aus heißem Asphalt und anschließender Ausdehnung und Zusammenziehung während der Liegezeit in der Deponie. Sein Bauch war grün verfärbt und eingesunken aufgrund der Tätigkeit anaerober Bakterien, die sich von ihrem Heimathafen in den Eingeweiden nach außen arbeiten, sobald das Herz aufhört zu schlagen.

Ausgehend vom Umfang der Oberflächenverwesung, schätzte ich, dass noch graue Zellen und Organe vorhanden sein könnten.

»Ich glaube, Sie haben recht, Joe.«

Ich befreite die Hand, die verdreht hinter dem Rücken des Manns lag. Die Finger waren verschrumpelt, die Fingerspitzen zeigten eine gewisse Hautablösung.

»Vielleicht kriegen wir noch Fingerabdrücke. Versuchen Sie, die Finger zu rehydrieren, damit wir es mit Tinte und Abrollen versuchen können.«

Ich wollte, dass Hawkins die Finger aufquellen ließ, indem er sie in Wasser einweichte und dann Balsamierungsflüssigkeit injizierte. Mit etwas Glück erhielten wir so eine genügend detaillierte Linienzeichnung, um sie in landesweite und bundesstaatliche Datenbanken eingeben zu können.

Hawkins nickte.

»Schauen wir uns mal die Größe an.«

Hawkins legte eine Messlatte neben die Leiche, und ich las die Maße ab. Während ich mir meine Schätzung notierte, drückte er den Unterkiefer nach unten. Nach fünfunddreißig Jahren in diesem Job musste ihm keiner mehr sagen, was er zu tun hatte.

MCME 227-11 war kein großer Freund von Zahnpflege gewesen. Sein Gebiss enthielt keine Füllungen oder Kronen. Oben links fehlten ein vorderer und ein hinterer Backenzahn. Drei der verbliebenen Backenzähne zeigten Löcher, in denen kleine Vögel hätten unterkommen können. Die Zungenseite jedes Zahns war kaffeebraun verfärbt.

»Die Weisheitszähne sind alle durchgebrochen, aber die ersten und zweiten Backenzähne zeigen nur wenig Abnutzung«, bemerkte ich laut.

»Junger Kerl.«

Zustimmend nickend schrieb ich meine Altersschätzung in das Formular, und damit war das vorläufige biologische Profil abgeschlossen.

Männlich. Weiß. Dreißig bis vierzig Jahre alt. Circa eins achtundsechzig groß. Raucher. Zahnärztliche Unterlagen unwahrscheinlich.

Nicht sehr viel, aber immerhin ein Anfang für den Pathologen.

»Schießen Sie noch die restlichen Fotos und ein paar Röntgenaufnahmen des ganzen Körpers und der Zähne, und dann schieben Sie ihn wieder in die Kühlung für Dr. Larabee. Und wir sollten Asphaltproben rüber ins forensische Labor schicken.«

Ich nahm Maske, Schürze und Handschuhe ab, warf alles in den Sondermüll und ging dann zu meinem Chef, um ihn auf den neuesten Stand zu bringen.

Larabee saß in seinem Büro und sprach mit einem Mann mit Salz-und-Pfeffer-Haaren und einem Stiernacken. Hellbraunes Sportsakko, blaues Hemd mit offenem Kragen, keine Krawatte.

Da ich sah, dass Larabee Besuch hatte, wollte ich schon weitergehen. Doch was Blauhemd sagte, ließ mich innehalten. Er erkundigte sich nach MCME 227-11, dem Unbekannten, den Hawkins und ich eben untersucht hatten.

» – Leiche von der Deponie könnte Ted Raines sein, der Kerl, der Anfang dieser Woche verschwand.«

»Der Mann, der aus Atlanta zu Besuch war.«

»Ja. Er war zwar auch geschäftlich hier, aber vorwiegend wegen der Rennwoche. Kaufte sich Tickets für das All-Star-Rennen morgen Abend, das Nationwide und das Coca-Cola 600 am nächsten Wochenende. Besuchte wie geplant am Montag Kunden. Danach rief er nicht mehr zu Hause an und ging auch nicht mehr an sein Handy. Seine Frau drehte völlig durch. Sie glaubt, dass in Charlotte irgendwas Schlimmes passiert ist.«

»Wir haben mit der Autopsie noch nicht einmal begonnen.« Larabee klang, als wollte er den Kerl unbedingt loswerden. »Zuerst wird ein Anthropologe den Zustand der Überreste begutachten.«

Hinter mir quietschte eine Gummisohle über Fliesen. Ich drehte mich um.

Hawkins starrte an mir vorbei zu Larabees halb geöffneter Tür. Er machte ein sehr finsteres Gesicht.

»Die Angehörigen kommen aus dem Unterholz«, sagte ich. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil man mich beim Lauschen erwischt hatte.

Mit nach wie vor finsterer Miene ging Hawkins den Gang hinunter.

Na gut.

Ich kopierte mein Fallformular und gab Mrs Flowers die Kopie, damit sie sie an Larabee weiterleitete.

Meine Uhr zeigte 13:48.

Ich überlegte, was mir noch zu tun blieb. Mit den Knochen aus der Sandgrube war ich fertig. Der Unbekannte aus der Deponie war jetzt Larabees Problem. Da ich nur arbeite, wenn Anthropologiefälle hereinkommen, hielt mich jetzt nichts mehr am MCME, und ich hatte den Nachmittag zur gänzlich freien Verfügung.

Ich beschloss, meine Katze zu besänftigen.

Birdie war eingeschnappt. Als ich in Hawaii war, hatte ich ihn bei einem Nachbarn abgegeben. Und gleich am ersten Tag zu Hause hatte ich ihn allein gelassen, um im Sand zu buddeln.

Vielleicht war es aber auch der Donner, der schon wieder grollte. Birdie hasst Gewitter.

»Na, komm raus.« Ich wackelte mit einem Unterteller auf Bodenhöhe. »Ich habe Lo Mein.«

Birdie blieb, wo er war, verschanzt unter dem Sideboard.

»Na gut.« Ich stellte die Nudeln auf den Boden. »Hier ist es, falls du es willst.«

Ich holte mir ein Diet Coke aus dem Kühlschrank, schaufelte mir etwas aus dem kleinen weißen Karton von Baoding auf den Teller und setzte mich an den Küchentisch. Ich klappte den Laptop auf und googelte die Namen Cindi Gamble und Cale Lovette.