Familie in Tieren - Luitgard Brem-Gräser - E-Book

Familie in Tieren E-Book

Luitgard Brem-Gräser

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Beschreibung

Der bewährte Zeichentest "Familie in Tieren" ist für die Praxis der Erziehungs- und Schulberatung unverzichtbar. Er ermöglicht eine differenzierte Diagnosestellung und erleichtert die familienspezifische Hilfeplanung. Auf umfangreicher Datenbasis werden Kriterien vorgestellt, die von der Tierzeichnung eines Kindes auf sein spezielles Problemverhalten schließen lassen. Statistische Grundlagen, Durchführung, Auswertung und Anwendungsgebiete des Tests werden anschaulich beschrieben.

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Seitenzahl: 259




„Wär ich allein in einer Wüste, wo mir gruselte,

hätte ich da bei mir ein Kind, so verginge mir

das Gruseln, und ich würde mich ermannen;

soviel Adel und Lust liegt im Leben.

Und könnte ich nicht ein Kind haben: hätte ich ein Tier,

ich würde schon getrost.“

Meister Eckhart

Prof. Dr. phil. Dipl.-Psych. Luitgard Brem-Gräser (1919–2013), Psychologie-Studium an den Universitäten Göttingen und München. Promotion in den Fächern Psychologie, Pädagogik und Psychopathologie in München. Berufliche Schwerpunkte: Leiterin der Zentrale für Erzieher- und Jugendberatung des Schulreferats der Stadt München (1951–1970). Professorin an der Fachhochschule München, Fachbereich Sozialwesen. Aus- und Fortbildung von Lehrern aller Schularten zu Schuljugendberatern bzw. Beratungslehrern in Bayern, Fortbildung von Erzieherinnen in München. Veröffentlichungen auf den Gebieten der Entwicklungs-, Pädagogischen und Klinischen Psychologie, unter anderem „Handbuch der Beratung für helfende Berufe“ (3 Bde. Ernst Reinhardt Verlag 1993).

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-497-02913-6 (Print)

ISBN 978-3-497-61272-7 (PDF-E-Book)

ISBN 978-3-497-61311-3 (EPUB)

12. Auflage

© 2020 by Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, Verlag, München

Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne schriftliche Zustimmung der Ernst Reinhardt GmbH & Co KG, München, unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen in andere Sprachen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Printed in EU

Ernst Reinhardt Verlag, Kemnatenstr. 46, D-80639 München Net: www.reinhardt-verlag.de E-Mail: [email protected]

Inhalt

Vorwort

Einleitung

  I.  Die methodologische Vororientierung

1.  Die wissenschaftlichen Zugänge zur Persönlichkeit

2.  Die direkte und die indirekte Methode

 II.  Das Tier im Erleben des Menschen

1.  Die geistesgeschichtliche Betrachtung

2.  Die anthropologische Fragestellung

3.  Die Beziehungen zwischen Kind und Tier

Entwicklungspsychologische Aspekte

Vergleichende Gesichtspunkte

Tierquälerei

4.  Die Fabel als Spiegelung des Erlebens

5.  Die Tierkarikatur und -satire

III.  Die statistische Auswertung von zweitausend gezeichneten „Familien in Tieren“

1.  Die zeichnerische Gestaltung des Kindes

2.  Die statistischen Erhebungen

a)  Die Versuchsanordnungen

b)  Die Statistik

c)  Die Eigenschaften der Tiere und die im Volksmund geläufigen Redewendungen

3.  Die formalen und inhaltlichen Merkmale

Die graphologische Analyse

a)  Die Strichstruktur

b)  Die Flächenbehandlung

c)  Die Formbehandlung

4.  Kritische Einwände

IV.  Die „Familie in Tieren“ als diagnostisches Hilfsmittel in der Praxis der Erziehungs- und Schulberatung

1.  Die thematische Aufschlüsselung des Fallmaterials

a)  Die grundlegenden Beziehungsformen

Das Geborgenheitserleben

Das Kontakterleben

Das Machterleben

b)  Vergleich zwischen Bildmaterial und psychologischen Befunden

c)  Die spezifische Eigenart der Merkmale in Bezug auf die Beziehungsformen

2.  Die neunundzwanzig Fallbeispiele

Die Stellung des Kindes

a)  Das nestverhaftete und das ungeborgene Kind

(Fallbeispiele 1, 2, 3, 4, 5, 6)

b)  Das mittelpunkthafte und das periphere Kind

(Fallbeispiele 7, 8, 9, 10)

c)  Das dominierende und das unterlegene Kind

(Fallbeispiele 11, 12, 13, 14, 15)

Die Haltung der Beziehungspersonen

a)  Die Glucken- und die Kuckucksmutter

(Fallbeispiele 16, 17, 18, 19)

b)  Die bewundernde und die teilnahmslose Familie

(Fallbeispiele 20, 21, 22, 23)

c)  Der nachgiebige und der despotische Vater

(Fallbeispiele 24, 25, 26, 27, 28)

Der Erfolg einer psychologischen Behandlung

(Fallbeispiel 29a und 29b)

  V.  Schlußbetrachtung

Literatur

Anhang: Bildteil

Vorwort

Der Test „Familie in Tieren“ entstand in der Praxis der Erziehungs- und Schulberatung im Jahre 1950. Ein elfjähriger Bub, Zwillingskind, wurde zur psychologischen Untersuchung angemeldet, weil er nach Ansicht der Eltern und Lehrer faul, lahm, interesselos, unkonzentriert, unproduktiv etc. sei. Nach Erhebung einer Anamnese mit der Mutter, Durchführung der einschlägigen psychologischen Tests und einer Exploration mit dem Kinde blieb die Ursache seiner Persönlichkeitsstörung noch verborgen. Einem Einfall folgend, wurde der Bub gebeten, seine Familie als Tiere zu zeichnen, was er mit sichtlicher Freude sofort ausführte. Er zeichnete sich als winzige Laus im Fell des großen Löwenbruders (Zwillingsbruder als Löwe).

Was andere Tests sowie Gespräche mit den Eltern, Lehrern und dem Buben selbst nicht verdeutlichen konnten, wurde evident bei der Betrachtung des Bildes: Der Elfjährige, konstitutionell zarter als sein Zwillingsbruder, lebte von klein auf so sehr im Schatten des Stärkeren, daß es ihm kaum gelang, ein Eigendasein zu führen; wie ein „Parasit“ von der Kraft, den Ideen und Anregungen des „Wirts“ existierend, blieb er unselbständig, passiv und unproduktiv. In Gesprächen mit allen Beteiligten wurde diese Annahme abgesichert und konnte somit Basis für die Beratung der Erziehenden und die therapeutische Hilfe des Kindes bilden.

Ermutigt durch diesen frappierenden Einblick habe ich in den folgenden Jahren den inzwischen international anerkannten und in allen Erziehungs- und Schulberatungsstellen der Bundesrepublik sowie in vielen Beratungsstellen des Auslandes praktizierten Test „Familie in Tieren“ entwickelt. Die erste Darstellung des Tests, im Jahre 1957 erschienen, beabsichtigte als Zusammenfassung der Ergebnisse siebenjähriger Forschungsarbeit, das diagnostische Mittel der Praxis zugänglich zu machen.

Bekanntlich hängt der diagnostische und prognostische Wert eines Verfahrens von der Übereinstimmung mit anderweitig gewonnenen Erkenntnissen ab. So werden beispielsweise Testergebnisse mit Beobachtungen in anderen kontrollierbaren Situationen oder mit Daten der Lebensgeschichte bzw. klinischen Erhebungen verglichen.

Diesen Überlegungen folgend, wurde bei achthundert Untersuchungsfällen der Erziehungs- und Schulberatung außer der Interpretation der Zeichnung „Familie in Tieren“ eine gesamte psychologische Untersuchung vorgenommen und die verschiedenen Testanalysen einer vergleichenden Betrachtung unterzogen. In überzeugender Weise gelang es, der „Familie in Tieren“ einen eigenständigen Platz innerhalb der projektiven Methoden einzuräumen.

Aus heutiger Sicht nimmt der Test im In- und Ausland unvermindert seit seinem Erscheinen einen bevorzugten Ort als diagnostisches und therapeutisches Hilfsmittel ein, was vermutlich auch auf die ständige Aktivierung der Forschungen über Bedeutung, Wert, Wandel der Familie zurückzuführen ist. „Projektive Verfahren haben ihren Nimbus als ‚Schleichweg in die Seele‘ zwar verloren …, aus der Klinischen Praxis sind sie so schnell nicht wegzudenken.“ Dieser Stellenwert dürfte in den letzten Jahren, gemessen an den kontinuierlich steigenden Auflagenzahlen, nach oben gerückt sein. Vereinzelte kritische Äußerungen hängen eng mit der jahrelang betonten Hinwendung zu meßbaren, nachprüfbaren, den statistischen Testkriterien entsprechenden Methoden zusammen. So wurde vermerkt, die „Familie in Tieren“ entspreche den testdiagnostischen Gütekriterien nicht genügend, ohne zu bedenken, daß diese z. Zt. der Erarbeitung des Tests erst entwickelt wurden. Dennoch betonten die Kritiker übereinstimmend, daß dieses Verfahren in der Berufspraxis für Berater und Therapeut überaus „fruchtbar“ und „unentbehrlich“ sei. In den letzten Jahren sind Euphorie und Gläubigkeit an die Meßbarkeit des Psychischen erloschen, weil sich – wie konnte es anders sein – deutlich herausstellte, daß trotz intensiven Bemühens und der Entwicklung immer „gesicherterer“ Methoden, Seelisches nicht im veraltet naturwissenschaftlichen Sinn erfaßbar ist, sondern nur auf Wegen des Tastens, Einfühlens, Deutens und einer sensiblen Intuition Annäherungen an Eigen- und Fremdseelisches gelingen. So ist heute generell wieder ein deutlicher Aufwärtstrend des Interesses an projektiven Methoden zu beobachten, eine neue Aufgeschlossenheit für „Nichtmeßbares“.

Dennoch wird nachdrücklich vor unkritischen inhaltlichen Deutungen gewarnt; der Test eignet sich keineswegs als Familienquiz bzw. als Lehrer-Geheimschlüssel! Die „Familie in Tieren“ muß inhaltlich und formal analysiert werden, d. h. die graphischen Merkmale wie gezeichnet wird, sind dem Inhalt der Zeichnungen gleichrangig. In der Praxis wird häufig die Notwendigkeit einer sorgfältigen graphischen Analyse übersehen, erscheinen doch manche Bilder auf den ersten Blick „eindeutig“. Bekanntlich ist bei allen projektiven Methoden zu berücksichtigen, daß die Projektion die tatsächliche Situation widerspiegeln, aber auch Wunsch oder Befürchtung ausdrücken kann.

Versucht sich z. B. ein Kind als gebieterischen Löwen darzustellen, zeichnet sich jedoch mit zartem, unsicherem Strich oder stellt den Löwen kleingezeichnet in eine Ecke, dann liegt die Vermutung nahe, daß der Wunsch, ein starker Löwe zu sein, auf der Kompensation der erlebten Zartheit und/oder Schwäche beruht. So bildet die präzise graphische Analyse das Rückgrat der inhaltlichen Deutung; sie trägt entscheidend dazu bei, Vermutungen zu korrigieren bzw. zu bestätigen.

In Deutschland werden zunehmend Diplom- und Promotionsarbeiten mit Sonderthemen erstellt wie beispielsweise Vergleiche der Zeichnungen „Familie in Tieren“ zwischen lernbehinderten und Schülern der Grund- und Hauptschule sowie zwischen Ausländerkindern und deutschen Kindern.

1986 wurde in Japan von einem Expertenteam (Psychologen und Psychiater) begonnen, die „Familie in Tieren“ auf der Grundlage der deutschen Bearbeitung für dortige Verhältnisse zu eichen. Inzwischen sind die statistischen Erhebungen so weit fortgeschritten, daß ab 1993 Referate vor Angehörigen der „Japanischen Gesellschaft für Klinische Psychologie“ und der ‚Japanischen Gesellschaft für Klinische Zeichnungen“ über die Ergebnisse gehalten werden konnten und einige Veröffentlichungen in Fachzeitschriften vorliegen.

Abschließend sei darauf hingewiesen, daß das 1993 erschienene 3-bändige „Handbuch der Beratung für helfende Berufe“ der Verfasserin (L. B.-Gr.) eine unverzichtbare Fundierung und Weiterführung bedeutet, insbesondere für die 29 Fallbesprechungen in diesem Testbuch durch das Kapitel „Das psychosoziale Beratungsgespräch“ im 3. Band, d. h. es wird aufgezeigt, wie diagnostische Erhellung in Beratung und Therapie umgesetzt werden kann.

München, Frühjahr 1995

Luitgard Brem-Gräser

Einleitung

Erziehungs- und Schulschwierigkeiten sowie alle Lebensschwierigkeiten können „familienbedingt“ sein, d. h., sie können ursächlich mit der Familie zusammenhängen. Die meisten Kinder werden in den „Schoß der Familie“ oder in eine familienähnliche Gruppe hineingeboren und das Kind ist – zumindest in den ersten Lebensjahren – diesem engsten und unmittelbarsten Einfluß nahezu ausgeliefert. Heute ist allgemein bekannt, daß im ersten Lebensjahr bzw. in den ersten Lebensjahren die Charakter- und Intelligenzstruktur eines Menschen in der Regel weitgehend grundgelegt wird, was die Möglichkeit permanenter Wandlungen zeitlebens nicht ausschließt.

Das Kleinkind erfährt seine ersten und tiefsten Eindrücke in der „Primärgruppe“; hier erwirbt es die grundlegenden sozialen und intellektuellen Fähigkeiten sowie die motivationalen Verhaltensdispositionen, die die Grundstruktur seiner Persönlichkeit bilden. Im Spannungsfeld der Familie bzw. einer analogen Gruppierung begegnet dem Kind die Welt, erfährt es doch in diesem Umkreis Geborgenheit und Ungeborgenheit, Wunscherfüllung und Wunschversagung, Verwöhnung und Härte, Macht und Ohnmacht, wobei Mutter, Vater und Geschwister dem Kinde gegenüber bestimmende Rollen spielen.

Während der Konzipierung des Tests „Familie in Tieren“ war es noch zutreffend, vor allem der Mutter die Rolle der „Hüterin des Heims“, welche den Familienmitgliedern, insbesondere den Heranwachsenden, Wärme und Geborgenheit „spendete“ und dem Vater die Rolle des Hauptverantwortlichen im extrafamilialen Bereich, des Aktiven, Mächtigen zuzuschreiben. Die sich aus den Zeichnungen ergebende thematische Aufschlüsselung des Materials bestätigte diese genannten Rollenmerkmale: In den Tier-Familie-Zeichnungen wurde in überwiegender Anzahl die Geborgenheitsthematik durch „Mutterbilder“ und die Machtthematik durch „Vater-Darstellungen“ ausgedrückt. Die Auswertung heutiger Tierfamilie-Zeichnungen ergibt, daß diese geschlechtstypischen Zuordnungen nicht mehr allgemein gültig sind. Offensichtlich vollzog sich ein Demokratisierungsprozeß, welcher zu einem Abbau der früheren patriarchalischen zugunsten einer partnerschaftlichen Beziehung führte. Die Partnerschaft bezieht sich heute vor allem auf den innerfamilialen Bereich. Die weitgehende Trennung von Berufsrolle und Autorität, deren Ausübung sich auf die Frau und Mutter verlagert, ist verbunden mit einer „Entdifferenzierung der Geschlechtsrollen“ [10], wobei der Mann zunehmend Tätigkeiten übernimmt, die traditionell der weiblichen Geschlechtsrolle zugeschrieben wurden. Für den Sozialisierungsprozeß des Kindes bedeutet diese wachsende „Egalisierung und Entdifferenzierung“, daß die Mutter mehr und mehr Disziplinierungsfunktionen übernimmt, während der Vater häufiger in affektiver Hinsicht Bedeutung gewinnt. „Beide kontrastierenden Aspekte – affektive Unterstützung des Kindes und autoritäre Kontrolle – werden mithin typischerweise in jeder Elternfigur miteinander verbunden“ [10]. Diese Wandlungen der Rollenfunktionen ändern jedoch nichts an der Tatsache, daß nach wie vor die in der Familie erfahrenen Geborgenheits-, Kontakt- und Machterlebnisse von zentraler Bedeutung für die Entwicklung des Menschen sind. Somit wird die Relevanz des thematischen Aufbaus des Tests „Familie in Tieren“ in die drei Themata: Geborgenheit, Kontakt, Macht durch die Wandlung der Rollenfunktionen nicht beeinträchtigt. Die spezifische Art und Weise, wie die ersten Bezugspersonen (Mutter, Vater, Geschwister, Pflegepersonen) dem Kleinkind begegnen, ob freudig bejahend oder gleichgültig, ablehnend oder annehmend, wird sensibel vom Kinde vermerkt und bildet den Grund für ein sich stabilisierendes „Urvertrauen“ oder „Urmißtrauen“ (E. Erikson); jedoch ist der Mensch diesen Einflüssen nicht wehrlos ausgeliefert, sondern er vermag aufgrund einer Eigenaktivität sein Da- und Sosein mitzugestalten.

D. Cooper [12] führt aus, daß die Macht der Familie in ihrer sozialen Mittlerfunktion liegt: Die Form der Familie wiederholt sich in den Sozialstrukturen der Kindergärten, der Schulen, der Universität, der Fabrik, der Gewerkschaft, der Kirche, des Regierungsapparates, der Krankenhäuser etc. Ständig „begegnet“ das Individuum den guten oder schlechten, geliebten oder gehaßten „Müttern“ und „Vätern“, den älteren oder jüngeren „Brüdern“ und „Schwestern“ und neigt dazu, seine eigenen Familienerfahrungen auf Partner, Kinder, Freunde, Kollegen, Vorgesetzte zu übertragen. So ist es nicht verwunderlich, daß schulische Leistungen und die allgemeine soziale Anerkennung eines Kindes mit seinen Startchancen verknüpft sind; auch abweichendes Verhalten, wie es sich u. a. in mangelnder und/oder diskontinuierlicher Lern- und Handlungsfähigkeit sowie in Kommunikationsschwierigkeiten äußert, muß im Kontext mit „Sozialisationsdefiziten“ gesehen und interpretiert werden.

Die fundamentale Bedeutung der Familie zwingt notwendigerweise zu einer intensiven Erforschung ihrer Genese und Struktur im allgemeinen; so ist bei der psychologischen Durchleuchtung des einzelnen Menschen eine genaue Analyse seiner individuellen Familiengeschichte unabdingbar. Die Erforschung der Familie nimmt in den einschlägigen Wissenschaften einen zentralen Ort ein, u. a. ablesbar an der Häufung von Büchern über Sozialisation, welche die Familie vorwiegend kritisch unter die Lupe nehmen: „Zerschlagt die Familie“, „Der Tod der Familie“, „Die Familie als Sozialisationsagentur“, „Familiensoziologie“, „Repressive Familienpolitik“ u. a. m. Diese Buchtitel als Vorboten eines Zeitalters „ohne Familie“ zu deuten, wäre zweifellos voreilig, gilt es doch erst einmal den Komplex Familie von den verschiedensten Seiten zu durchleuchten, um genügend Material für eine produktive Kritik an der Institution „Familie“ zu gewinnen.

Im Mittelpunkt der folgenden Darlegungen steht die verfemte, verleumdete, idealisierte Familie als Ort primärer Sozialisation des Individuums. Theorie und Praxis, in langjähriger psychologischer Behandlungs- und Beratungstätigkeit auf dem Gebiet der Erziehungs- und Schulberatung mit Eltern, Lehrern, Erziehern, Jugendlichen und Kindern stets aufs neue erfahren und erprobt, liefern das Material für diese Aufzeichnungen. Mit den Worten: „Was machen wir nur falsch?“ beginnt die Klage vieler Eltern über mangelnden Familienzusammenhalt, die resignierenden, vorwurfsvollen Jugendlichen, die lernunwilligen Kinder und nicht zuletzt über die eigenen und beruflichen Probleme. Gewiß gibt es seit eh und je Schwierigkeiten zwischen Eltern und Kindern sowie zwischen Partnern; für unsere Zeit ist jedoch bezeichnend, daß alle Beteiligten, insbesondere Eltern und Lehrer, massive Schuldgefühle entwickeln, weil es nicht mehr befriedigend zu gelingen scheint, die Familie im traditionellen Sinn als einen Hort der Geborgenheit und Sicherheit zu gestalten bzw. die Schüler-Klasse zu einer lern- und kommunikationsfähigen Gruppe zu entwickeln. Heranwachsende unterschiedlicher Herkunft verlassen plötzlich die Schule, geben ihr Studium auf, steigen aus der „bürgerlichen Welt“ aus, ziehen in eine Wohngemeinschaft und versuchen, ihr eigenes Leben zu führen. Insgesamt ist eine beängstigende Zunahme an schwerwiegenden emotionalen Konflikten und im Zusammenhang damit steigender Drogen-, Tabletten- und Alkoholmißbrauch als „Überlebenshilfe“ zu beobachten; gleichzeitig vermehrt sich die Anzahl der Beratungsstellen für Erziehungs- und Schulberatung, Ehe- und Familienberatung, Lebensberatung usw.

Vor nicht allzu langer Zeit wurde das einzelne Familienmitglied als Sorgenkind, Sündenbock, Prügelknabe, schwarzes Schaf oder Star bedenkenlos abgestempelt und gegebenenfalls dem Psychiater zugeführt.

Heute dürfte es selbstverständlich sein, die geistig-seelisch-körperliche Verfassung des einzelnen vor allem in Wechselwirkung mit seiner jeweiligen Gruppe, in diesem Zusammenhang der Familie, zu verstehen. Folglich gewinnt außer der individuellen Beratung und Therapie eine familiengerichtete, wissenschaftlich fundierte Methode immer breiteren Raum. Die Zeichnung „Familie in Tieren“, von einem einzelnen Familienmitglied oder von mehreren Familienangehörigen ausgeführt, gibt Aufschlüsse über die teils unbewußte Struktur und Dynamik innerhalb der Familie, so wie sie der einzelne erlebt. Auf diese Weise bedeuten die Zeichnung und deren Interpretation einen wichtigen Beitrag zur Familienpsychologie: Der Test „Familie in Tieren“ ermöglicht eine differenzierte Diagnosestellung und erleichtert einen familienspezifischen Hilfeplan. Eine derartige Erweiterung des Blickfeldes von der Beachtung der Schwierigkeiten des einzelnen zu der Problematik der Familie, von der Beratung/Therapie des Individuums zur Einbeziehung der Familie führt zwangsläufig über die Familie als mögliche Ursache seelischer Konflikte hinaus zu außerfamiliären, gesellschaftlichen Faktoren, welche wiederum in die Familie hineinwirken; diese Wechselwirkung unterschiedlicher Faktoren enthüllt die „Vernetzung“ (F. Vester) eines hochdifferenzierten Gesamtkomplexes. Desungeachtet quält jedoch viele Eltern „schwieriger“ Kinder die Frage nach ihren eigenen Fehlern und sie fragen nicht nur ratlos: „ Was machen wir falsch?“, sondern: „Sind wir an allem schuld?“ Der Ruf nach Information findet ein immer größeres Echo und die Bildung von Elterngruppen, deren Mitglieder das Thema Erziehung reflektieren und Lernprozesse eingehen, beweist die heutige Aufgeschlossenheit der Erzieher. Generell zeigt sich eine Rehabilitierung der „armen“, „geplagten“ Erzieher weniger deshalb, weil ihre Erziehungsweise zum großen Teil auf ihre eigene frühkindliche Sozialisation zurückzuführen sei, als vielmehr, weil eine – bereits mehrfach angesprochene – Erweiterung des Ursachenfeldes stattgefunden hat. Nun sollen nicht die Erzieher die eigentlich Schuldigen der Erziehungs- und Lernprobleme sein, sondern die „Gesellschaft“. Bei dieser Argumentation wird allzu häufig übersehen, daß es die „Gesellschaft“, als ein uns aufgezwungenes, undurchschaubares Geflecht anonymer Kräfte, nicht gibt, sondern daß wir, der einzelne und seine Familie, einen Teil dieser Gesellschaft bilden und dementsprechend Verantwortung für uns und die Gesellschaft tragen.

Die Auseinandersetzung mit dem Thema „Familie“ bleibt, ungeachtet des Einbeziehens anderer Ursachenherde, für Erziehungs- und Schulschwierigkeiten eine einzigartige Hilfe zur Selbsterkenntnis und zum Verstehen der Heranwachsenden. Für die Praxis der Erziehungs- und Schulberatung bedeutet dies, daß die Erforschung der Familiensituation des Kindes und Jugendlichen eine unerläßliche Grundlage für die diagnostische und behandelnde Arbeit bildet, weshalb die psychologische Untersuchung eines Kindes in der Regel mit einer ausführlichen Anamnese beginnt, die nicht nur die Daten der Lebensgeschichte, sondern gleichzeitig ein Bild der Persönlichkeit von Mutter, Vater, Geschwistern und weiteren Bezugspersonen ermittelt. Darüber hinaus gibt die Auswertung jedes mit dem Probanden durchgeführten Tests Einblick in seine Mitwelt; besonders dient die Exploration, das Gespräch mit dem Kinde, dem Kennenlernen desselben und seiner Bezugspersonen – diesmal aus kindlicher Sicht. Im Vergleich mit anderen Familien-Tests erweist sich für die Erhellung der vom Kind erlebten Mitwelt der Test „Familie in Tieren“ am aufschlußreichsten, hat er doch als einziger Test den Vorteil ohne spezifisches Testmaterial speziell auf die Familie gerichtet zu sein.

In einzigartiger Weise gelang es mit Hilfe dieses Verfahrens, gestützt auf die gesamten psychologischen Untersuchungsergebnisse von achthundert erziehungs- und lernschwierigen Kindern, jene Hauptrichtungen herauszuarbeiten, in denen das Kind seine Primärgruppe und sich selbst in ihr erlebt. Beginnend mit einer methodologischen Vororientierung, in der verschiedene Wege des Zugangs zur Persönlichkeit aufgezeigt und die direkte und indirekte Methode voneinander abgehoben werden, ist der eigentlichen Testanalyse eine kurze geistesgeschichtliche und anthropologische Betrachtung über die Beziehung des Menschen zum Tier vorangestellt; besondere Beachtung finden entwicklungspsychologische und vergleichende Aspekte.

Den Ausgang des Verfahrens bildet die thematisch festgelegte projektive Zeichnung. Das Kind wird aufgefordert, seine eigene Familie (und sich selbst) als Tiere zu zeichnen: „Du kennst doch Märchen, da werden oft Menschen in Tiere verwandelt und umgekehrt. Stelle Dir einmal vor, Deine Familie wäre eine Tierfamilie und zeichne Euch alle, natürlich auch Dich selbst, als Tiere. Numeriere bitte die Reihenfolge nach der Du zeichnest und schreibe unter jedes Tier, wen es darstellen und was für ein Tier es sein soll. Es kommt nicht darauf an, daß Du besonders schön zeichnest, sondern nur darauf, was Du darstellen willst.“ Zu einer wissenschaftlichen Fundierung dieses Ansatzes sind zwei Nachweise erforderlich: Einmal muß die Beziehung des heutigen Menschen zum Tier – insbesondere des Kindes in den verschiedenen Altersstufen – erhellt werden und zum anderen ist zu belegen, daß die gezeichnete Tierfamilie ein Projektionsträger der erlebten Familienverhältnisse ist. Um diesem Anspruch zu genügen, wurde mit zweitausend Kindern eine Erhebung durchgeführt: Die Kinder bekamen vorerst die Aufforderung: „Zeichne drei Tiere“ und gaben auf diese Weise bekannt, welche Tiere überhaupt im kindlichen Erleben eine Rolle spielen; durch Auszählen der Häufigkeit der Darstellung einzelner Tiere ließ sich eine Rangreihe aufstellen. Dieselben zweitausend Kinder wurden zwei Wochen später veranlaßt, ihre „Familie in Tieren“ zu zeichnen. Ein Vergleich zwischen der Häufigkeit der einzelnen Tierdarstellungen im ersten und im zweiten Versuch verrät, in welchem Ausmaß die Aufforderung: „Zeichne Deine Familie in Tieren“ eine besondere Situation des Auswählens unter den bekannten Tieren herbeiführte. In einer letzten Erhebung schrieben die zweitausend Kinder hinter die insgesamt in allen Zeichnungen (“Zeichne drei Tiere“ und „Zeichne Deine Familie in Tieren“) dargestellten Tiere die positiven und negativen Eigenschaften. Schließlich wurden an den zweitausend „Familie in Tieren“-Zeichnungen die verschiedenen Möglichkeiten der Tierfamilien-Darstellung abgelesen und Deutungsgesichtspunkte ermittelt. Diese Deutungskriterien weisen vorerst mehr oder weniger theoretisch auf bestimmte Familienkonstellationen hin, weshalb die Untersuchungsbefunde einer umfassenden psychologischen Testung von achthundert Probanden der „Erzieher- und Jugenberatung“ des Schulreferats der Stadt München mit den Aussagen der jeweiligen „Familie in Tieren“ verglichen wurden.

Mit der Schilderung von 29 Fallbeispielen wird die Durchführung der Testanalyse verdeutlicht: Von dem abweichenden Verhalten des Heranwachsenden ausgehend, wird die Tier-Familien-Zeichnung mit Hilfe der Testkriterien interpretiert. Die Relevanz dieser Deutungen wird sodann an den wesentlichen Daten aus der Lebensgeschichte überprüft; so erhalten die Ergebnisse der Analyse der Zeichnung durch die Anamnese ihre inhaltliche Bestimmung.

In einem Schlußkapitel wird die Anwendbarkeit des Tests „Familie in Tieren“ innerhalb der diagnostischen und beratenden Tätigkeit von Erziehungs- und Schulberatern [6] aufgezeigt, die psychagogische Relevanz des Verfahrens herausgestellt und es werden Hinweise für die künftige Weiterentwicklung des Tests sowie ähnlicher Methoden gegeben.

I. Die methodologische Vororientierung

1. Die wissenschaftlichen Zugänge zur Persönlichkeit

Die seelische Wirklichkeit wird einmal im Erleben der eigenen Innerlichkeit, zum anderen im Erfassen von Ausdruckserscheinungen als Hinweis auf das seelische Leben bei anderen erfahren. Dieser doppelten Erfahrung entsprechend, lassen sich die psychologischen Methoden in solche der Selbst- und der Fremdbeobachtung einteilen. Das Ziel aller dieser auf das eigene Selbst, beziehungsweise das andere Selbst gerichteten Verfahrensweisen ist die Selbst- und Fremderfassung. Gegen die Selbstbeobachtung wurde als Haupteinwand geltend gemacht, daß es unmöglich sei, im gleichen Augenblick intensiv Erlebender und zugleich Beobachtender zu sein. Dieser an sich zutreffende Einwand konnte zum Teil widerlegt werden. Man spricht von „ primärer Selbsterinnerung“ [34] und meint damit, daß das „Erlebnisnachbild“ [23] die teilweise Erfassung des Erlebnisses gestattet. Die Selbstbeobachtung liefert vorwiegend den allgemeinpsychologischen Forschungen Fakten, wärend die Charakterologie und die Entwicklungspsychologie sich zumeist auf Fremdbeobachtung gründen. Der Fremdbeobachtung ist das äußere Verhalten des Menschen im weitesten Sinne zugänglich; das Verhalten kann aber von der Persönlichkeit nicht getrennt werden, sondern ist immer, auch wenn es „aufgesetzt“ ist, unlösbar mit ihr verbunden. So ist eine intuitive Erfassung des Menschen möglich, „die sich direkt auf dieses ungeschiedene Ineinander von Ausdruck und Erlebnis bezieht, ein Verstehen jener personalen Haltung mitsamt dem darin steckenden Erlebnismoment“ [34], man kann zum Beispiel unmittelbar in den aufleuchtenden Augen des anderen dessen Freude erfassen. Dieses unmittelbare intuitive Verstehen des anderen ist die Grundlage aller psychologischen Arbeit. Als Kontrolle und Sicherung sind aber besondere Verfahren notwendig. Dem gleichsam evidenten Erfassen des anderen will die Diagnostik dienend zur Seite stehen; sie ist ein Teilgebiet des Forschungsbereichs der Charakterkunde. Als Lehre von den Mitteln und Methoden, mit denen man zur Erkenntnis fremden Seelenlebens gelangt, gliedert man die Diagnostik mit William Stern [34] in drei große Formkreise: Beobachtung des natürlichen Verhaltens; Experiment; Fernmethoden. In diesem Zusammenhang ist nur das Experiment von Bedeutung.

„Das Experiment ist eine methodisch vorbereitete, vervollkommnete und gesteigerte Beobachtung, bei der es nicht dem natürlichen Gang der Dinge überlassen bleibt, ob ein fragliches Phänomen eintritt … Das Experiment hat somit als Forschungsmittel den Vorteil, daß es im Gegensatz zur bloßen Gelegenheitsbeobachtung eine beliebig häufige Wiederholung des fraglichen Vorgangs zuläßt und auf diese Weise Gesetzmäßigkeiten ermittelt.“ [23]

Das Problematische eines Experiments liegt in der Schaffung einer Modellsituation. Denn „Grenzsituationen des Lebens, Krisen und Schicksalsschläge sind es, die oft erst den eigentlichen Kern in der Seele eines Menschen aufbrechen lassen.“ [23]

In Bezug auf das Experiment teilt Erich Stern [33] die verschiedenen Methoden in drei Gruppen ein: die subjektiven, die objektiven und die projektiven Methoden. Er führt aus, daß das Gemeinsame der subjektiven Methoden darin zu sehen ist, „daß hier der Prüfling eine Art Selbstanalyse geben soll, er soll sich selbst schildern, er soll selbst angeben, ob er gewisse Fähigkeiten, Eigenschaften besitzt oder nicht besitzt … Hier immer und überall weiß er, daß er von sich selbst spricht, diese Tatsache ist in keiner Weise irgendwie verdeckt oder verschleiert.“ [33] Autobiographie und Fragebogen sind subjektive Methoden.

Die objektiven Methoden verlangen vom Probanden eine Leistung, die objektiv in Erscheinung tritt und objektiv bewertet wird. Für die Einordnung des Tests „Familie in Tieren“ sind die Projektionen von besonderer Bedeutung.

„Projektive Vorgänge spielen ganz allgemein eine sehr große Rolle. In jeder Erzählung, in jedem Roman, in jeder Zeichnung, in jeder musikalischen Schöpfung drückt der Künstler Vorgänge aus, die sich in ihm selbst abspielen; er kann im Grunde genommen gar nichts anderes darstellen als das, was in ihm selbst gegeben ist; er projiziert es in Personen, die er schafft, in die Melodien, die er komponiert. Jedes Werk läßt so eine doppelte Deutung zu: eine objektive, die das Werk unabhängig vom schaffenden Künstler nimmt, es nach seinem künstlerischen Wert, seinem Ideengehalt beurteilt und bewertet und eine subjektive Deutung, die es als Projektion der psychischen Inhalte des Schöpfers auffaßt und aus dem Werk den Schöpfer zu verstehen, seine Persönlichkeit zu gewinnen sucht. Von hier aus nehmen die projektiven Tests ihren Ausgang. Bei ihnen handelt es sich darum, bewußt, unter genau festgesetzten Bedingungen projektive Prozesse beim Prüfling anzuregen und dann zu versuchen, die Ergebnisse derselben zu interpretieren.“ [33]

Vorzugsweise kommt der Projektionsprozeß im mitgeschöpflichen Bereich – aber auch zwischen Mensch und Tier – zur Auslösung und zum Austrag. Im wesentlichen sind drei Formen projektiver Technik zu unterscheiden [33]:

1.  Die Projektion in der Handlung (Theaterspiel, Kasperletheater, Marionettenspiel, Sceno-Test, Welt-Test)

2.  Verbale Projektion (Thematic-Apperceptions-Test, Children-Apperceptions-Test, Rorschach, Vetter-Auffassungstest)

3.  Graphische Projektion (Schrift, Zeichnen)

Diese projektiven Methoden lassen sich noch einmal unterteilen in Interpretations- und Gestaltungstests. Bei beiden geht man davon aus, daß die Interpretation eines Vorgegebenen beziehungsweise die Eigenart der Gestaltung Rückschlüsse auf das Seelenleben des einzelnen gestatten. Es gibt zwei Formen graphischer Gestaltungstests: das athematische Zeichnen, bei dem der Zeichner seiner Phantasie freien Lauf läßt, irgendetwas zeichnet und das thematische Zeichnen, bei dem er eine gestellte Aufgabe erfüllt. Die bekanntesten graphischen, thematisch festgelegten Gestaltungstests sind folgende:

1.  Zeichnen eines Männchens (Goodenough)

2.  Zeichnen einer Frau, die im Regen auf der Straße spazierengeht (M. H. Fay)

3.  Zeichnen der Familie (F. Minkowska, A. Porot)

4.  Baumtest (K. Koch)

5.  H.T.P.-Technik (house, tree, person), (Buck)

6.  Meine Familie, ich, mein Haus (F. Minkowska)

7.  Zeichne Deine Familie (M. Flury)

Die Zeichnung der „Familie in Tieren“ gehört zu den thematischen Tests, weil durch eine begrenzte Anweisung die Gestaltung eines bestimmten Themas angeregt wird. Im Zeichner lösen sich ohne sein Wissen Affekte und Emotionen, die zur Gestaltung kommen. Auf dem Wege des Deutens werden dann Rückschlüsse auf die Persönlichkeit gezogen. Damit ist das Wesen aller Deutung gekennzeichnet, indem von einem Zeichen auf einen Tatbestand geschlossen wird, „sie geht von außen nach innen, sie ist Tiefenschau. Die Deutungsmaterie ist das mehr Äußerliche, Vereinzelte, Abgehobene; das Deutungsziel stets das mehr Innerliche, mit der Totalität der Person inniger Verschmolzene.“ [33]

2. Die direkte und die indirekte Methode

Die bisher erwähnten Einteilungsmöglichkeiten der psychologischen Methoden ergänzend, wird nun noch zu den direkten und indirekten Verfahren in der psychologischen Diagnostik Stellung genommen.

Der direkte Weg zeichnet sich dadurch aus, daß dem Probanden einsichtig, in unverschlüsselter Form unverhüllt Fragen gestellt werden, beziehungsweise er gebeten wird, etwas Bestimmtes darzustellen. Entscheidend ist, daß die Dinge beim Namen genannt und nicht stellvertretend gemeint sind. Die indirekte Fragestellung hingegen, geleitet von einem vorsichtigen, einfühlenden Herantasten, „umkreist“ bestimmte Komplexe und überläßt es dem Probanden, diese zu artikulieren. Bereits im Alltag werden beide Verfahren mehr oder weniger bewußt praktiziert.

Drei Einsichten bewirkten, bei der Erhellung der vom Kinde erlebten Familienatmosphäre den indirekten Weg zu wählen: Erstens sind Kinder und Erwachsene nur allzu leicht betroffen und verletzt, wenn sie unmittelbar auf ihre Schwierigkeiten angesprochen werden und reagieren auf direkte Befragung häufig ängstlich, abwehrend, sich zurückziehend; hingegen werden die äußeren Daten des Lebens in der Regel freimütig bekanntgegeben, sofern sie nicht mit einer individuellen Problematik (z.B. Herkunfts-, Berufs-, Alterskomplex etc.) beladen sind.

Zweitens scheut man sich häufig aus psychagogischen Gründen, den vermuteten Komplex beim Namen zu nennen, um ihn nicht im unrechten Augenblick bewußt werden zu lassen. So hütet man sich zum Beispiel davor, ein Kind zu fragen:“ Wen hast Du lieber, Deinen Vater oder Deine Mutter?“ Die diesbezügliche indirekte Frage könnte etwa lauten: „Wenn Du Kummer hast, zu wem gehst Du dann?“ Oder: „Wenn Du krank bist, von wem möchtest Du dann am liebsten gepflegt werden?“

Ein dritter Grund für die Bevorzugung der indirekten Methode liegt darin, daß bei sogenannten heiklen Fragen Kind und Erwachsener dazu neigen, dem gesellschaftlichen Kodex und nicht den Tatsachen entsprechend zu antworten. Fragt man beispielsweise eine Mutter: „Welches von Ihren Kindern haben Sie am liebsten?“, dann hört man in der Regel: „Ich liebe meine Kinder alle gleich, das ist aber doch ganz selbstverständlich!“ Eine in diese Richtung zielende indirekte Frage wäre etwa: „Welches Ihrer Kinder gleicht Ihnen denn am meisten?“, oder „Wenn nun aus pädagogischen Gründen eine Trennung der Geschwister erwogen werden und einer Ihrer drei Buben in ein Heim müßte, wer käme denn da in Frage?“

Ergänzend sei hinzugefügt, daß auch im erziehlichen Alltag das Problem direkter oder indirekter Erziehung auftaucht. Besonders bei Ermahnungen und Kritik reagiert der Betroffene oft mit Trotz, Verteidigung und scheinbarer Uneinsichtigkeit. Viel zu häufig wird gesagt: „Da hast Du aber beim Schreiben wieder geschmiert!“; man könnte gewiß ebenso sagen: „Du möchtest doch sicherlich selbst schöner schreiben, nun probier’s noch einmal. “Bei der direkten Kritik besteht immer die Gefahr, daß der darin ausgedrückte Abstand zwischen Erzieher und Kind sich hemmend auf Leistungswillen und Selbstgefühl des Kindes auswirkt. Wirksamer jedoch als jegliche Kritik ist „positive Verstärkung“, das heißt Anerkennen positiver Verhaltensweisen.

Zum Abschluß dieser methodologischen Überlegungen noch der Hinweis, daß die indirekten psychologischen Methoden nicht zu verwechseln sind mit sog. „Trick-Methoden“, die den anderen auf-schlüsseln, ohne daß er es merkt. Der psychologische Test ist ein Hilfsmittel, welches vor allem für den rat- und hilfesuchenden Menschen mit seinem Einverständnis eingesetzt wird und – wie die ärztlichen Methoden – an ein berufliches Ethos gebunden ist, d. h. nicht im Sinne der Fremdbestimmung und Manipulation mißbraucht werden darf.

Diese Darlegungen begründeten in bezug auf den Test „Familie in Tieren“, warum die Aufforderung nicht etwa lautet: „Wie stehst Du zu Deinen Familienangehörigen?“ oder „Zeichne Deine Familie“, sondern „Zeichne Deine Familie in Tieren“. Bleibt noch zu erläutern, weshalb Tiere als Darstellungsinhalt und Zeichnen als Darstellungsform gewählt wurden.

II. Das Tier im Erleben des Menschen

1. Die geistesgeschichtliche Betrachtung

Die eigentliche Testbesprechung wird mit einem kurzen Überblick über das Verhältnis des Menschen zum Tier eingeleitet:

Seit je gehören Mensch und Tier zusammen wie Himmel und Erde. Davon künden der Schöpfungsbericht wie auch die ältesten Kulturdokumente. Das Tier ist Partner und Freund, aber auch Widersacher und Feind. In dieser Doppelrolle erfährt der Mensch von Anfang an das Tier.

Die Geschichte des Verhältnisses des Menschen zum Tier ist so mannigfaltig als es Völkerschaften und Kulturen gibt und es wechselt in dem Maße, wie die Kulturen und Religionen wechseln, untergehen und neu erstehen. So sinnvoll es wäre, an dieser Stelle in großen Zügen die Geschichte dieser Beziehung aufzuzeigen, muß doch ein kurzer Aufriß der diesbezüglichen Gedanken und Vorstellungen innerhalb des westlichen Kulturkreises im Rahmen des Gesamtthemas genügen.

Dem Christenmenschen ist es gemäß der Genesis immer schon klar gewesen, daß Mensch und Tier zwar einander zugeordnet, aber doch wesensverschieden sind. Im Verlauf des abendländischen Denkens hat man von stets wechselnden Standpunkten her versucht, den geistesgeschichtlichen Ort des Tieres zu bestimmen.

Der griechische Philosoph Pythagoras sprach den Tieren hohe Seelenkräfte zu, er vertrat die Wiederverkörperung mit Leidenschaft. Er leitete von dieser Überzeugung Menschenähnlichkeit und Gleichberechtigung der Tiere ab. Seine Anhänger durften keine Tiere töten, auch keine Kleider aus tierischen Stoffen tragen. Bei Platon lebt zwar noch der Gedanke der Wiederverkörperung, doch ist er geistig auf die unsterbliche Ideenwelt ausgerichtet, deren Teilhaber nur der Mensch und nicht das Tier sein kann. Menschen- und Tierseele wurden von ihm daher unterschieden. Aristoteles vollzog die Trennung systematischer. Er legte seine Ansicht in dem Buch „De anima“ nieder. Während die Pflanze sich ernährt und fortpflanzt, kommt beim Tier hinzu, daß es sich bewegt und zu empfinden vermag. Allein der Mensch hat Vernunft. Aristoteles folgerte, daß den Tieren weder rechtlich noch moralisch ein Schutz zustehe.

Es gab aber auch im Altertum Denkrichtungen anderer Art. Bereits im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt war es Plutarch, der die Tiere für beseelt und vernunftbegabt hielt.