Familie mit Herz 206 - Gesine Sonntag - E-Book

Familie mit Herz 206 E-Book

Gesine Sonntag

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Beschreibung

Der Wind peitscht über das Meer, als Carolin die Küste von Juist erblickt. Hier, zwischen den Dünen und der endlosen Weite, sucht sie nach einem Neuanfang. Nach dem Tod ihres Sohnes Ben ist ihre Welt zerbrochen - und mit ihr auch ihre Ehe mit Sebastian. Die unendliche Trauer hat sie von allem entfremdet, selbst von ihrer Tochter Ida. Auf der Insel hofft Carolin, eine neue Kraft zu finden, die es ihr erlaubt, wieder glücklich zu werden und für ihre fünfjährige Tochter die liebevolle Mutter zu sein, die sie verdient. Unterstützung findet Carolin bei Hannes, einem ruhigen, verlässlichen Fischer, der sie mit seiner sanften Art auffängt. Doch während Carolin lernt, wieder ins Leben zurückzufinden, muss sie sich fragen: Ist sie bereit, sich noch einmal auf die Liebe einzulassen? Und was bedeutet das für ihr Verhältnis zu Ida?

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Seitenzahl: 132

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Cover

Nach der Ebbe kommt die Flut

Vorschau

Impressum

Nach der Ebbe kommt die Flut

Von Verlust, Hoffnung und einem Neubeginn am Meer

Von Gesine Sonntag

Der Wind peitscht über das Meer, als Carolin die Küste von Juist erblickt. Hier, zwischen den Dünen und der endlosen Weite, sucht sie nach einem Neuanfang. Nach dem Tod ihres Sohnes Ben ist ihre Welt zerbrochen – und mit ihr auch ihre Ehe mit Sebastian. Die unendliche Trauer hat sie von allem entfremdet, selbst von ihrer Tochter Ida. Auf der Insel hofft Carolin, eine neue Kraft zu finden, die es ihr erlaubt, wieder glücklich zu werden und für ihre fünfjährige Tochter die liebevolle Mutter zu sein, die sie verdient.

Unterstützung findet Carolin bei Hannes, einem ruhigen, verlässlichen Fischer, der sie mit seiner sanften Art auffängt. Doch während Carolin lernt, wieder ins Leben zurückzufinden, muss sie sich fragen: Ist sie bereit, sich noch einmal auf die Liebe einzulassen? Und was bedeutet das für ihr Verhältnis zu Ida?

Die Fähre schob sich durch das graue Wasser, während sich Carolin Schönauer am Geländer festklammerte. Ihre Hände waren kalt, und die Gischt, die der Wind mit sich brachte, fühlte sich wie feine Nadelstiche auf ihrer Haut an. Die kalte Luft drang durch ihre Jacke, und sie zog sie fester um sich. Alles war ihr zu viel – der endlose Horizont, das rhythmische Tuckern der Motoren, der salzige Geruch des Meeres.

Sie hatte eine lange Reise hinter sich. Der frühe Zug aus München, die stundenlange Fahrt durch das platte Land, und jetzt das Schaukeln der Fähre. Ihre Glieder fühlten sich schwer an, als würde sie das Gewicht der letzten Jahre noch immer mit sich tragen.

Ein lauter Pfiff der Fähre ließ sie zusammenzucken, und sie wandte den Kopf, suchte instinktiv nach dem Ursprung des Geräuschs. Ihre Augen streiften das Deck – die wenigen Passagiere, die sich im Wind hielten, die Männer, die die Taue kontrollierten, und die Wellen, die sich gegen den Bug warfen.

Die Luft roch nach Freiheit, nach etwas Neuem. Für einen kurzen Moment ließ sie das Geländer los und atmete tief durch. Der Wind, der eben noch wie eine Peitsche auf ihrer Haut gelegen hatte, fühlte sich jetzt an wie eine kräftige Hand, die ihr die langen lockigen Haare aus dem Gesicht strich. Es war nicht angenehm, aber es war real.

Dann hörte sie ein Kinderlachen – klar und hell, getragen vom Wind. Sie drehte sich um und sah einen kleinen Jungen, der über das Deck tobte, verfolgt von seiner lachenden Mutter. Der Anblick schnitt in ihre Brust wie ein Messer. Es war, als würde die Welt sie zwingen, hinzusehen – auf das, was sie verloren hatte.

»Vorsicht, Ole!«, rief die Mutter, ihre Stimme voll Sorge und Liebe.

Carolin wandte sich ab, schloss die Augen und drückte ihre Hände wieder ans Geländer. Tränen brannten ihr in den Augen, aber sie blinzelte sie weg. Nicht hier. Nicht jetzt.

Der Wind frischte auf, und das Tuckern des Motors wurde lauter. Sie zwang sich, den Blick wieder aufs Wasser zu richten. Es war endlos. Endlos und unerbittlich. Doch da war auch etwas Tröstliches darin – in dieser Weite, in der die Vergangenheit keinen Platz hatte.

Vielleicht war das der Grund, warum sie hier war. Um den Schmerz irgendwo in diesen Wellen zu lassen, weit weg von München, weit weg von ihrer kleinen Tochter Ida und weit weg von allem, was sie nicht mehr zurückholen konnte.

Aber die Erinnerung ließ sich nicht so leicht abschütteln. Der Geruch des Meeres, der für einen Moment nach Freiheit gerochen hatte, trug jetzt die Schwere ihrer Gedanken. Ihr Atem wurde flacher, und sie presste die Lippen aufeinander, hielt sich wieder fest, als würde sie sonst den Halt verlieren.

Die Fähre stieß einen weiteren Pfiff aus und sie öffnete die Augen. Die Umrisse der Insel tauchten am Horizont auf, verschwommen durch den Regen. Juist. Der Ort, an dem sie sich wiederfinden wollte – oder zumindest die Hoffnung hatte, es zu können.#

♥♥♥

Die Kutsche wartete am Anleger, und Carolin stieg schweigend ein. Es roch nach Leder und Pferden, und das Schaukeln des Wagens erinnerte sie daran, wie weit weg sie von ihrem alten Leben war. München lag nun hinter ihr – all die vertrauten Straßen, die Wohnung, in der sie gelebt hatten. Ida. Ihr Herz zog sich zusammen.

»Dat iss nich' lang, junge Frau«, sagte der Kutscher mit einem freundlichen Lächeln. »Bald is' wie Urlaub hier. Nich' wohr?«

Carolin lächelte höflich zurück. Urlaub. Ein schönes Wort. Es klang so leicht und unbeschwert, etwas, das sie in ihrem Leben nicht mehr kannte.

Als die Kutsche vor dem »Hotel Himmelsgezeiten« anhielt, atmete sie tief durch. Es war ein stattliches, altes Gebäude, elegant und geschmackvoll aber nicht übertrieben pompös.

Drinnen war es warm. Die Luft roch nach frischem Kaffee und Holz, und Carolin spürte, wie etwas von der Anspannung in ihren Schultern nachließ. Sie trat an die Rezeption, wo eine Frau mit zurückgestecktem Haar und einem professionellen Lächeln aufblickte.

»Willkommen, Frau Schönauer. Hatten Sie eine angenehme Reise?«

Carolin nickte, auch wenn es nicht stimmte. Sie zog ihre Brieftasche hervor und hielt inne. Keine Kreditkarte. Ein unangenehmes Prickeln stieg ihr in den Nacken. Sie hatte doch extra ... Wo war sie?

Greta runzelte leicht die Stirn, aber bevor Carolin etwas erklären konnte, kam ein Mann aus der Richtung der Küche. Er war groß, mit etwas lichtem Haar und einem breiten Lächeln. »Alles gut?« fragte er.

»Ich ... ich habe meine Kreditkarte nicht dabei«, stotterte Carolin.

Der Mann lachte herzlich. »Kein Problem. Sie können die Rechnung ja auch abarbeiten – ich suche sowieso noch eine Küchenhilfe.«

Carolin blinzelte und konnte dann nicht anders, als zu lächeln. Es war das erste Mal seit Wochen, dass sie wirklich lächelte.

»Das regeln wir später«, sagte Greta mit beruhigendem Ton. »Willkommen auf Juist.«

Carolin nahm die Schlüssel und ging die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf. Es war gemütlich eingerichtet und bot einen Blick auf das Meer, das sich hinter einer Düne versteckte. Sie schloss die Tür, ließ ihre Tasche auf den Boden fallen und setzte sich auf das Bett.

Dann kamen die Tränen – Tränen der Erleichterung, des Schmerzes und vielleicht auch der Hoffnung.

♥♥♥

Die Sonne stand jetzt hoch über der Insel und tauchte alles in ein weiches, goldenes Licht. Carolin ließ ihre Finger über die blassgrünen Halme am Wegrand gleiten, während sie einem schmalen Pfad durch die Dünen folgte. Der Sand knirschte unter ihren Schuhen, und der frische Wind spielte mit ihren Haaren.

Es war fast komisch, wie anders alles wirkte. Hatte sie gestern noch das Gefühl gehabt, von der Insel verschluckt zu werden, schien heute alles sie einladen zu wollen, die Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Dann entdeckte sie einen kleinen Garten. Er lag still, fast versteckt zwischen den Dünen, als würde er darauf warten, gefunden zu werden. Kleine, verwitterte Figuren standen zwischen wilden Blumen: ein Engel mit abgebrochenen Flügeln, eine Schnecke, deren Lack sich abgeblättert hatte, und eine Katze, die halb vom Sand umschlossen war. In den Zweigen eines niedrigen Strauchs hingen Windspiele aus Muscheln, Steinen und alten Metallscheiben. Sie drehten sich leise im Wind, ihre Bewegung schien fast hypnotisch.

Carolin trat näher und zog die Schultern ein wenig hoch, als würde sie sich unwillkürlich verbeugen. Die Luft war hier anders, ruhiger. Sie konnte nicht sagen, warum, aber irgendetwas an diesem Ort berührte sie tief.

»Wunderschön, nicht wahr?«

Carolin fuhr herum. Eine ältere Frau mit silbernem Haar und einem leichten Lächeln stand ein paar Schritte entfernt, einen Korb mit Treibgut in der Hand.

»Oh, ich ... Entschuldigung«, stammelte Carolin. »Ich wollte nicht ...«

Die Frau winkte ab. »Kein Grund, sich zu entschuldigen. So ein Garten ist dafür da, dass man bleibt.« Carolin nickte und sah sich wieder um. »Es ist wirklich ... besonders hier.«

»Ja«, sagte die Frau und trat näher. »Das ist es. Ich komme oft hierher. Er hat so eine ... Stille, die man sonst nicht findet.«

Carolin spürte, wie sie instinktiv nickte, ohne zu wissen, warum. Die Worte der Frau schienen die Atmosphäre des Gartens zu verstärken, und für einen Moment fühlte Carolin sich, als würde dieser Ort sie einhüllen, ganz sanft, wie ein Tuch.

»Ich bin Frauke«, stellte sich die Frau vor und streckte die Hand aus.

»Carolin«, antwortete sie und ergriff sie.

Fraukes Griff war fest, aber warm, und ihre Augen schienen Carolin direkt anzusehen, als wüsste sie mehr, als sie sagen wollte.

»Wollen Sie ein Stück mitkommen? Mein Haus ist gleich da vorne.«

Carolin folgte Frauke den schmalen Weg entlang, bis sie ein kleines, windschiefes Häuschen erreichten, das in Sichtweite ihres Hotels lag. Der Garten war voller Blumen und wilder Pflanzen, und ein schmaler Weg führte zur Tür.

»Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder«, sagte Frauke, als sie die Stufen hinaufstieg. »Vielleicht auf einen Tee? Ich bin fast immer zu Hause.«

»Das klingt schön«, antwortete Carolin.

Carolin trat einen Schritt zur Seite, um den schmalen Pfad freizugeben. Ein Mann kam langsam auf sie und Frauke zu und zog einen quietschenden Bollerwagen hinter sich her. Darin lagen glänzende Fische, die in der Sonne schimmerten, während feine Tropfen Meerwasser von ihren Schuppen perlten.

Er trug eine dicke, dunkle Jacke mit weit hochgeschlagenem Kragen und eine grobe Mütze, die tief ins Gesicht gezogen war. Nur sein Vollbart und ein paar graue Strähnen lugten darunter hervor. Sein Gang war ruhig, die Schritte gleichmäßig, als wüsste er genau, wohin er ging und was er tat.

»Moin, Frauke«, sagte er knapp, aber freundlich, und nickte ihr zu.

»Moin, Hannes«, erwiderte sie mit einem leichten Lächeln. »Du bist früh dran heute.«

Er hob leicht die Schultern. »Der Fang war gut. Wollte ihn gleich zum Hotel bringen.«

Sein Blick streifte kurz Carolin, blieb jedoch nicht an ihr hängen. Es war ein neutraler, höflicher Gruß, nicht mehr und nicht weniger.

»Was hast du Schönes dabei?«, fragte Frauke und trat näher an den Bollerwagen.

Hannes hielt ihn an und drehte ihn ein wenig, sodass Frauke besser hineinsehen konnte. »Makrelen, Dorsche. Such dir was aus.«

Frauke musterte die Fische und tippte schließlich auf einen. »Die da.«

Hannes hob den Fisch ohne ein Wort heraus, hielt ihn Frauke hin und ließ ihn dann vorsichtig in ihren Korb gleiten.

»Und was willst du dafür?«, fragte Frauke, doch ihre Stimme klang mehr neckend als ernst.

Hannes schüttelte den Kopf. »Beim nächsten Mal.«

Carolin stand still daneben und beobachtete die Szene, unsicher, ob sie etwas sagen sollte. Hannes schien sie kaum wahrzunehmen, und doch spürte sie eine seltsame Präsenz, als wäre er mehr als das, was sie auf den ersten Blick sah.

»Gut, dass du es nicht vergisst«, sagte Frauke mit einem Zwinkern und wandte sich dann an Carolin. »Kommen Sie, ich bringe Sie noch ein Stück. Wir sehen uns später, Hannes.«

Er nickte nur, packte den Griff des Wagens und ging weiter den Pfad entlang.

Carolin blickte ihm unwillkürlich nach. Seine Bewegungen waren ruhig und schwerelos, trotz des knarrenden Wagens, den er hinter sich her zog. Er hatte nichts Auffälliges an sich, und doch konnte sie den Blick nicht ganz abwenden, bis er um eine Biegung verschwand.

♥♥♥

Carolin saß an dem kleinen Tisch in ihrem Zimmer, die Finger um eine dampfende Tasse Tee geschlungen. Die Sonne schien durch das Fenster, und die helle Wärme des Lichts stand in starkem Kontrast zu dem Schmerz in ihrer Brust.

Sie griff nach ihrem Handy und wählte die Nummer, die sie auswendig kannte. Es klingelte zweimal, bevor Ida stürmisch abnahm.

»Mama!«, rief die helle Stimme ihrer Tochter, und Carolin musste blinzeln, um die Tränen zurückzuhalten.

»Hallo, mein Schatz«, sagte sie und zwang sich zu einem Lächeln, das Ida durch die Leitung sicher nicht sehen konnte, aber vielleicht spüren würde. »Wie geht es dir?«

»Gut! Ich hab heute im Kindergarten etwas gemalt. Eine Insel! Mit ganz vielen Möwen!«

Carolin lachte leise. »Das klingt wunderschön. Möwen gibt es hier auch. Ganz viele.«

»Sind die laut? Oma sagt, Möwen schreien immer.«

»Ja, ein bisschen«, antwortete Carolin. »Aber sie sind auch sehr schön.«

»Mama?« Idas Stimme wurde plötzlich leiser. »Wann kommst du wieder?«

Das Lächeln auf Carolins Gesicht erstarrte, und sie brauchte einen Moment, um zu antworten. »Noch nicht so schnell, Schatz. Aber vielleicht kannst du mich bald hier besuchen.«

»Ja! Das will ich!« Idas Stimme wurde wieder fröhlicher, und Carolin schloss kurz die Augen, um die Welle von Gefühlen zu ordnen, die in ihr hochstieg.

»Gibst du mir mal Papa?«, fragte sie schließlich.

Es raschelte, und Carolin hörte Idas fröhliches »Tschüss, Mama!«, bevor Sebastians Stimme ertönte.

»Carolin.« Sein Ton war knapp, und sie konnte den Lärm im Hintergrund hören.

»Hallo, Sebastian. Danke, dass du mich mit Ida sprechen lässt.«

»Kein Problem«, sagte er, doch die Worte klangen flach.

Carolin zögerte. »Ich ... wollte dich noch um etwas bitten. Ich habe meine Kreditkarte vergessen ... Du hast doch meinen Wohnungsschlüssel. Könntest du sie mir nachschicken?«

Am anderen Ende blieb es einen Moment still. »Ehrlich, Carolin? Das musst du jetzt klären. Ich habe hier genug zu tun.«

Carolin spürte, wie sich ihre Schultern anspannten. »Es wäre wirklich wichtig.«

»Du hättest das vorher organisieren können«, sagte Sebastian kühl. »Aber gut, ich schau mal, ob ich es diese Woche schaffe.«

Plötzlich hörte sie im Hintergrund eine andere Stimme – die ihrer Schwiegermutter. »Worüber redet ihr denn?«

»Carolin hat ihre Kreditkarte vergessen«, antwortete Sebastian, leiser, aber nicht leise genug. »Worum sollst du dich denn noch alles kümmern? Ihr seid doch jetzt geschieden«, sagte die Schwiegermutter, und Carolin konnte den spitzen Ton in ihrer Stimme hören. »Typisch.«

Das Wort traf Carolin härter als beabsichtigt. Sie biss die Zähne zusammen. »Ich könnte auch die Bank anrufen«, sagte sie schließlich, ihre Stimme so ruhig wie möglich. »Dann kümmere ich mich selbst darum.«

»Wie du meinst«, antwortete Sebastian, hörbar erleichtert, dass die Diskussion beendet war. »Alles andere läuft hier übrigens gut.« Das klang, als wollte er sie beschwichtigen, und doch ließ es Carolin das Gegenteil fühlen.

»Danke, dass du dich um Ida kümmerst«, sagte sie und hoffte, dass ihre Stimme wärmer klang, als sie sich fühlte.

»Klar«, sagte Sebastian, bevor er das Gespräch mit einem knappen »Bis dann« beendete.

Carolin legte das Handy auf den Tisch und atmete langsam aus. Die Sonne schien immer noch auf den Boden des Zimmers, und die Wärme des Lichts wirkte beruhigend. Sie nahm sich einen Moment, bevor sie zur Tasche griff, in der sie ihre Unterlagen hatte, und begann, nach den Informationen der Bank zu suchen.

♥♥♥

Der gepflasterte Weg zog sich wie eine schmale Landzunge ins Meer hinaus, gesäumt von massiven Steinwällen, die den Wellen trotzen sollten. Dies war die Seebrücke von Juist, ein Bollwerk gegen die unermüdliche Kraft des Wassers und zugleich ein Weg, der scheinbar direkt in die offene See führte. Links und rechts schlugen die Wellen dagegen und schickten feinen Salznebel in die Luft, der sich kühl auf Carolins Haut legte.

Am Ende des Weges erhob sich das Seezeichen – das Wahrzeichen von Juist. Eine schlanke, weiße Metallkonstruktion, siebzehn Meter hoch und einem Segel gleich. Offen und durchbrochen wie ein Gerüst aus Licht und Schatten stand sie auf einer kreisrunden Plattform aus Beton, umgeben von einem Geländer, das den Blick auf das weite Meer nicht versperrte. Im Inneren führten steile Treppen in spitzen Winkeln nach oben, Stufe um Stufe, bis zur obersten Aussichtsplattform, von der aus man die Insel und das endlose Blau in alle Richtungen überblicken konnte.

Carolin stieg die Stufen hinauf. Hier draußen, umgeben von Wasser, war der Wind stärker, riss an ihrem Haar und ließ ihre Jacke flattern. Die salzige Luft füllte ihre Lungen, und die Sonne lag warm auf ihrer Haut. Unter ihr, am Fuß der Mole, brachen sich die Wellen glitzernd an den Steinen, während der Horizont in unendlicher Ferne lag.

Das Meer breitete sich vor ihr aus, eine glänzende, sich bewegende Fläche, die sich am Horizont mit dem Himmel verband. Es wirkte unendlich, wie eine Welt für sich. Carolin schloss die Augen und ließ sich für einen Moment von dieser Weite tragen.