Notärztin Andrea Bergen 1553 - Gesine Sonntag - E-Book

Notärztin Andrea Bergen 1553 E-Book

Gesine Sonntag

0,0
1,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Eigentlich will Thomas Kramer nur einen alten Freund besuchen - doch im Krankenhaus begegnet er Elisabeth, seiner großen Liebe aus Jugendtagen. Vierzig Jahre Schweigen lösen sich in einem einzigen Blick, und zwischen ihnen entsteht ein neues, warmes Vertrauen. Zum ersten Mal seit langer Zeit wagt Elisabeth, an ein spätes Glück zu glauben. Doch das zarte Band wird jäh bedroht: Thomas, kurz vor einem halbjährigen Hilfseinsatz in Marokko, leidet unter zunehmenden Kopfschmerzen und bricht am Flughafen zusammen. Aus einem Neubeginn wird ein dramatischer Wettlauf gegen die Zeit. Während Andrea Bergen und das Ärzteteam um sein Leben kämpfen, steht Elisabeth vor einer Entscheidung, die nur sie treffen kann. Ist ihre wiedergefundene Liebe stark genug, diese Verantwortung zu tragen?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 119

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Cover

Inhalt

Spätes Glück

Vorschau

Hat Ihnen diese Ausgabe gefallen?

Impressum

Cover

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsbeginn

Impressum

Spätes Glück

Wie froh waren mein Mann und ich, als Thomas und Elisabeth nach all den Jahren ihre Liebe wiedergefunden hatten – und nun das! Thomas ist auf dem Flughafen mit einem geplatzten Aneurysma zusammengebrochen und liegt nach weiteren tragischen Komplikationen im Koma! Elisabeths Träume, mit ihrer großen Jugendliebe doch noch glücklich zu werden, schwinden mit jedem Tag. Und sie muss auch noch eine folgenschwere Entscheidung treffen: Soll Thomas in seinem hilflosen Zustand eine Behandlung bekommen, die bisher kaum erforscht ist? Die neuartige, sehr kostspielige Cerebvasin-Mikroinfusion könnte sein Leben retten – aber auch seinen Zustand verschärfen! Diese Verantwortung, das Richtige für Thomas zu entscheiden, droht Elisabeth zu erdrücken. Und die Zeit läuft ihm davon! Ich mag mir nicht vorstellen, an Elisabeths Stelle zu sein und über Leben und Tod meines Liebsten entscheiden zu müssen ...

Die Cafeteria des Elisabeth-Krankenhauses war um diese Tageszeit fast menschenleer. Thomas Kramer schob die Glastür auf und sah Werner Bergen bereits am Fenster sitzen.

»Werner!« Thomas umarmte seinen Freund herzlich. »Schön, dass du dir die Zeit nehmen konntest!«

»Gerne doch.« Werner setzte sich. »Du siehst gut aus.«

»Danke. Du auch – und mir fällt auf, dass wir uns lange nicht gesehen haben.«

»Das stimmt wohl! Du bist ja fast nie im Lande ... Bist du immer noch so viel in der Entwicklungshilfe unterwegs?«

Während sie sprachen, wanderte Thomas' Blick durch die Cafeteria. An einem Tisch in der Ecke saß eine Frau allein, den Blick nachdenklich aus dem Fenster gerichtet. Etwas an ihr kam ihm seltsam vertraut vor.

Sie drehte sich um, als spürte sie seinen Blick. Ihre Augen trafen sich für einen Moment. Thomas fühlte einen merkwürdigen Ruck in der Brust. Diese Augen ... Wo hatte er sie schon einmal gesehen?

»Du warst so geheimnisvoll am Telefon.« Werner lehnte sich vor. »Was liegt dir denn auf dem Herzen?«

Thomas riss sich los und konzentrierte sich auf seinen Freund. »Es geht um Marokko. Das neue Projekt.«

»Das Kinderkrankenhaus in den Berber-Dörfern?«

»Genau. Wir suchen noch einen Kinderarzt für das Team.« Thomas zögerte. »Ich dachte ... vielleicht hättest du Lust? Oder kennst jemanden?«

Werner lächelte. »Du gibst nicht auf, was?«

»Es wäre perfekt. Du weißt, wie wichtig solche Projekte sind.«

»Lass mich darüber nachdenken.« Werner sah ihn nachdenklich an. »Wann geht es denn los?«

»In drei Wochen. Ich weiß, es ist kurzfristig, aber ...«

»Ich hole mir noch einen Kaffee.« Thomas stand auf und ging zum Tresen. »Einen Kaffee, bitte.«

Mit der dampfenden Tasse in der Hand drehte er sich schwungvoll um – und stieß mit der Frau zusammen, die direkt hinter ihm stand. Beide Tassen fielen klirrend zu Boden.

»O nein!« Sie wurde rot. »Entschuldigung, ich ...«

»Mein Fehler.« Thomas griff nach den Servietten. »Ich war viel zu hastig.«

Sie bückte sich gleichzeitig nach den Scherben, und ihre Stimme war ganz nah: »Wir sind wohl beide nicht ganz bei der Sache.«

Thomas erstarrte. Diese Stimme. Sanft, mit diesem leichten Lachen darin. Er kannte dieses Timbre.

»Elisabeth?« Das Wort kam heraus, bevor er darüber nachdenken konnte.

Sie hielt inne und sah ihn an. Sekundenlang schwiegen beide.

»Thomas?« Ihre Stimme war nur noch ein Flüstern. »Thomas Kramer?«

Eine Pflegerin kam mit einem Lappen und einem Kehrbesen zu ihnen. »Ist alles in Ordnung?«

»Mein Gott, Thomas.« Elisabeth stand langsam auf. »Nach all den Jahren.«

Thomas konnte den Blick nicht von ihr wenden. Älter geworden, die Züge weicher, aber unverkennbar.

»Elisabeth Schneider.« Er schüttelte den Kopf. »Ich kann es nicht glauben.«

Werner, der hinzugetreten war, sah zwischen den beiden hin und her. »Ihr kennt euch?«

»Wir waren ...« Thomas suchte nach Worten.

»Aus der Schulzeit.« Elisabeth lächelte schwach. »Ist sehr lange her.«

»Vierzig Jahre.« Thomas spürte, wie sein Herz schneller schlug. »Du hast dich kaum verändert.«

»Schmeichler.« Elisabeth wurde leicht rot. »Was führt dich denn hierher?«

»Ich treffe mich mit Werner. Wir sind ...«

»Frau Schneider!« Eine energische Stimme unterbrach ihn. Eine Krankenschwester kam eilig auf sie zu. »Da sind Sie ja! Ich suche Sie schon überall. Die Visite wartet.«

»Aber ich dachte, das wäre erst ...«

»Frau Dr. Keller musste den Termin vorziehen. Sie müssen bitte sofort mitkommen.«

Elisabeth sah hilflos zwischen Thomas und der Schwester hin und her. »Ich ... Wir haben uns gerade erst ...«

»Tut mir wirklich sehr leid, aber die Frau Doktor wartet.« Die Schwester schob schwungvoll einen Rollstuhl hinter Elisabeth und half ihr hinein.

»Wo ...« Thomas machte einen Schritt vor. »Wo finde ich dich?«

»Station drei!«, rief Elisabeth, während sie schon hinausgeschoben wurde. »Zimmer dreihundertzwölf!«

»Ich komme dich besuchen!«

»Das wäre ...« Elisabeths Stimme verlor sich im Flur. »Das wäre schön!«

Thomas starrte ihr nach, bis sie hinter der Glastür verschwunden war.

Werner räusperte sich. »Das war ...«

»Elisabeth.« Thomas setzte sich wie benommen. »Meine erste große Liebe.«

»Aha.« Werner grinste. »Und ich dachte, du willst nur über Marokko reden.«

Thomas lachte unsicher. »Das wollte ich auch ...« Er sah noch mal lächelnd zur Tür. »Apropos Marokko. Fällt dir niemand für das Projekt ein?«

Werner überlegte. »Da wäre Dr. Fuchs. Junger Kollege, sehr engagiert. Hat schon öfter nach Auslandseinsätzen gefragt.«

»Würdest du dich für mich einmal erkundigen?«

»Gerne. Aber Thomas ...« Werner sah ihn ernst an. »Drei Wochen sind nicht viel Zeit.«

Thomas nickte abwesend. Drei Wochen. Gestern war ihm das noch lang erschienen.

***

Thomas steckte den Schlüssel ins Schloss und hörte das vertraute Quietschen der alten Haustür. Das Haus empfing ihn mit der gewohnten Stille.

Er blieb einen Moment im Flur stehen und betrachtete die halb abgerissenen Tapeten an der Wand. Rostige Nägel ragten aus dem Putz, wo einmal Bilder gehangen hatten. Vor zwei Jahren hatte er angefangen, hier sesshaft zu werden. Die Farbe und das Werkzeug lagen immer noch im Keller.

In der Küche schaltete er den Wasserkocher ein und nahm eine Packung Earl Grey aus dem Schrank. Hier stimmte wenigstens alles. Edles Holz, klare Linien, hochwertige Geräte. Alles von einer Firma erledigt, während er letztes Jahr in Kenia gewesen war.

Thomas lehnte sich gegen die Arbeitsplatte und dachte an Elisabeth. An ihre Augen, als sie ihn erkannt hatte. An ihre Stimme, die sich kaum verändert hatte.

Station drei, Zimmer dreihundertzwölf.

Mit dem dampfenden Teebecher in der Hand ging er ins Wohnzimmer. Die hässliche Eichenschrankwand seiner Eltern hatte er zur Seite gerückt – eigentlich um zu renovieren. Stattdessen hatte er die freie Wand für etwas anderes genutzt.

Überall klebten Zettel, Pläne, Fotos von Bauprojekten. Eine große Karte von Marokko war mit Reißzwecken befestigt, rote Kreise markierten die Dörfer im Atlas-Gebirge. Drei Wochen noch bis zum Abflug.

Thomas setzte sich auf die alte Couch seiner Eltern und betrachtete seine Planungswand. So hatte er schon in unzähligen Hotelzimmern gearbeitet – improvisiert, aber effektiv.

Er stand auf und öffnete eine der Schranktüren. Dahinter stapelten sich alte Aktenordner und Fotoalben. Er suchte, bis er das Album fand, das ihm vorschwebte. Dunkelblauer Einband, an den Ecken abgewetzt.

Zurück auf der Couch schlug er es auf.

Da war sie. Elisabeth mit siebzehn, lachend neben dem alten Brunnen auf dem Schulhof. Ihr Haar wehte im Wind, die Augen strahlten.

Er blätterte weiter. Elisabeth und er beim Abiturball, beide viel zu feierlich gekleidet und doch so glücklich. Elisabeth in seinem ersten Auto, einem klapprigen VW Käfer.

»Wir werden die Welt verändern«, hatte sie damals gesagt. »Du und ich zusammen.«

Wie war es dazu gekommen, dass sie sich aus den Augen verloren hatten? Die Studienwahl. Sie wollte Kunstgeschichte in München studieren, er Ingenieurswesen in Aachen.

»Das sind nur fünfhundert Kilometer«, hatte er gesagt. »Das schaffen wir.«

Aber sie hatten es nicht geschafft. Die ersten Monate hatten sie sich noch jedes Wochenende gesehen. Dann nur noch alle zwei Wochen. Irgendwann war da nichts als Schweigen gewesen.

Thomas klappte das Album zu und stand auf. Er nahm einen Stift und schrieb auf einen gelben Zettel: Dr. Fuchs – Kinderarzt für Marokko-Team? Den klebte er neben die Karte.

Sein Handy lag auf dem Tisch. Er scrollte durch die Kontakte und rief seinen Projektpartner in Rabat an.

»Ahmed? Thomas hier. Ja, alles läuft nach Plan. Hör zu, wir haben vielleicht einen Kinderarzt für das Team ...«

Zehn Minuten später beendete er das Gespräch und klebte weitere Notizen an die Wand. Die Routine beruhigte ihn.

Durch das Fenster sah er in den verwilderten Garten. Die Rosenstöcke seiner Mutter brauchten dringend Pflege. Thomas stellte den Teebecher ab und ging nach draußen.

Das Unkraut ließ sich leichter herausziehen, als er gedacht hatte. Die körperliche Arbeit tat gut nach dem aufwühlenden Tag. Er arbeitete sich systematisch durch das Beet vor der Terrasse.

Die ersten Regentropfen fielen, als er gerade eine besonders hartnäckige Distel ausgrub. Dann wurde es mehr. Thomas richtete sich auf und rieb sich die Schläfen. Die Kopfschmerzen kamen wieder.

In seinem Schlafzimmer zog er sich um und legte sich auf das breite Bett aus Zirbelkiefer. Der Duft des Holzes sollte für guten Schlaf sorgen – das hatte ihm der Schreiner versprochen.

Draußen prasselte der Regen gegen die Fenster. Thomas schloss die Augen und dachte an Elisabeth. An ihr überraschtes Lächeln, als sie sich erkannt hatten. An die Art, wie sie »Station drei, Zimmer dreihundertzwölf!« gerufen hatte, während die Schwester sie hinausrollte.

Er musste unwillkürlich schmunzeln. Nach all den Jahren. Elisabeth.

Morgen würde er sie besuchen.

***

Thomas stand vor der Tür zu Zimmer dreihundertzwölf und zögerte. In seiner Hand hielt er einen kleinen Strauß Narzissen und Tulpen.

Er klopfte leise.

»Herein.«

Elisabeth saß aufrecht im Bett, ein Buch auf dem Nachttisch. Als sie ihn sah, erhellte sich ihr Gesicht.

»Thomas! Du bist wirklich gekommen.«

»Natürlich.« Er trat näher, hielt ihr die Blumen hin. »Ich hoffe, sie sind nicht zu ...«

»Frau Schneider?« Eine Krankenschwester kam herein, sah die Blumen und lächelte. »Oh, wie schön! Aber die brauchen Wasser. Ich hole schnell eine Vase.«

Thomas und Elisabeth sahen sich an und mussten beide lachen.

»Willkommen im Krankenhaus«, sagte Elisabeth. »Hier ist man nie allein.«

Die Schwester kam mit einer Vase zurück, arrangierte die Blumen und stellte sie ans Fenster. »So, jetzt sind sie perfekt. Und Sie sind?«

»Thomas Kramer. Ein alter ... Freund.«

»Wie schön. Besuch ist die beste Medizin.« Die Schwester verschwand wieder.

Thomas setzte sich auf den Besucherstuhl. »Narzissen magst du hoffentlich immer noch.«

»Du erinnerst dich daran?« Elisabeth lächelte.

»An vieles.« Er musterte sie. »Wie geht es dir denn?«

»Besser. Jeden Tag ein bisschen mehr.« Sie zögerte. »Es ist seltsam, dich nach all den Jahren zu sehen.«

»Seltsam gut oder seltsam komisch?«

»Beides.« Elisabeth lachte leise. »Du siehst aus, wie ich es mir vorgestellt hätte.«

»Älter?«

»Reifer.« Sie neigte den Kopf. »Was machst du denn beruflich? Bist du noch immer der Weltverbesserer von damals?«

Thomas grinste. »Mehr oder weniger. Ich arbeite für Hilfsorganisationen. Baue Brunnen, Schulen.«

»Das passt zu dir.«

»Frau Schneider, Zeit für die Medikamente.« Eine andere Schwester kam herein.

Thomas stand auf. »Ich störe wohl.«

»Nein, bleiben Sie.« Die Schwester lächelte. »Dauert nur eine Minute.«

Aber eine Minute wurde zu fünf, dann kam eine Pflegerin für die Blutkontrolle.

»Es ist wie ein Taubenschlag hier«, murmelte Elisabeth entschuldigend.

»Ist schon in Ordnung.« Thomas wartete geduldig.

Als sie endlich wieder allein waren, schwiegen beide einen Moment.

»Vierzig Jahre«, sagte Elisabeth schließlich.

»Vierzig Jahre«, wiederholte Thomas.

Sie sahen sich an, und in diesem Blick lag die ganze Geschichte, die sie einmal geteilt hatten. Und vielleicht der Anfang einer neuen.

***

Elisabeth betrachtete die Narzissen im Klinikpark vor dem Fenster. Das Licht der Nachmittagssonne ließ die gelben Blüten leuchten, und unwillkürlich musste sie lächeln.

Narzissen ...

Sie schloss die Augen und war wieder siebzehn. Als sie eines Morgens das Fenster ihres Zimmers geöffnet hatte: Hunderte von kleinen gelben Blüten, die aus der Erde lugten. Thomas hatte im Herbst zuvor heimlich eine ganze Nacht gegraben und Zwiebeln gepflanzt. Im Frühling war vor ihrem Zimmerfenster ein ganzes Beet aus gelben Blüten gewesen.

»Du spinnst ja«, hatte sie damals gesagt, aber ihre Augen hatten gestrahlt.

»Für dich spinne ich gerne«, hatte er geantwortet.

Das Telefon auf dem Nachttisch klingelte und riss sie aus ihren Gedanken.

»Hier Schneider«, meldete sie sich.

»Elisabeth! Gut, dass ich dich erreiche. Hier ist Susanne.«

Elisabeth richtete sich im Bett auf. »Hallo. Wie geht es dir?« Ein ungutes Gefühl stiegt in ihr auf. Wenn ihre Kollegin anrief, konnte das einen ernsten Grund haben.

»Mir geht es gut. Die Frage ist, wie es dir geht. Wann kommst du wieder?«

»Nächste Woche, denke ich. Die Ärzte sind zufrieden.«

»Das ist schön. Ich wollte dich fragen – das Stillleben von Chardin macht Probleme. Die Farbschicht blättert an der rechten Ecke ab. Soll ich es dir zur Seite legen, oder ist es dringend?«

Elisabeth dachte nach. Achtzehntes Jahrhundert, Öl auf Leinwand, eine Routine-Restaurierung. Vor drei Tagen hätte sie gesagt: »Ich schaue es mir sofort an.«

»Lass es liegen«, sagte sie stattdessen. »Es eilt nicht.«

»Bist du sicher? Du warst sonst immer so ...«

»So pedantisch?«, vollendete Elisabeth den Satz.

Susanne lachte. »Ich wollte ›gründlich‹ sagen.«

»Gründlich kann ich später auch noch sein.« Elisabeth betrachtete wieder die Narzissen. »Wie läuft es denn sonst?«

»Wie immer. Professor Kellner ist mit dem Katalog für die Herbstausstellung beschäftigt. Die neue Praktikantin ist ganz nett. Ach, und der Wasserschaden im Depot ist endlich repariert.«

Elisabeth hörte zu und machte kleine Bemerkungen an den richtigen Stellen, aber ihre Gedanken wanderten. Wie oft hatte sie solche Gespräche geführt? Höflich, kollegial, aber ohne echte Nähe.

»Elisabeth? Bist du noch da?«

»Entschuldige, ich war abgelenkt«, sagte sie.

»Kein Problem. Ruh dich aus. Und melde dich, wenn du etwas brauchst.«

»Mache ich, Susanne. Danke für den Anruf.«

Elisabeth legte auf und blieb nachdenklich liegen. Susanne war nett. Sie arbeiteten seit zwölf Jahren zusammen, respektierten einander, verstanden sich. Aber wenn Elisabeth ehrlich war – sie wusste nicht einmal, wo Susanne wohnte.

Wann war das passiert? Wann hatte sie aufgehört, sich wirklich für andere zu interessieren?

Nach Georgs Tod wahrscheinlich. Es war einfacher gewesen, sich in die Arbeit zu vertiefen, höflich zu bleiben, aber Abstand zu halten.

Aber heute, mit Thomas, war es anders gewesen. Sie hatte gelacht. Richtig gelacht. Und sich gefreut, ihn zu sehen.

Elisabeth sah wieder zu den Blumen auf ihrem Nachttisch. Thomas hatte sich an ihre Lieblingsblumen erinnert. Nach all den Jahren.

Draußen ging die Sonne unter und tauchte die Narzissen in ein warmes, goldenes Licht. Wie damals vor ihrem Jugendzimmerfenster.

Es klopfte an der Tür.