Silvia-Gold 259 - Gesine Sonntag - E-Book

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Gesine Sonntag

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Beschreibung

Mit nur einundzwanzig Jahren hat Clara Schuster bereits alles, was man sich wünschen kann: Sie lebt mit ihrem Verlobten Alexander zusammen, die Hochzeit ist geplant, und die beiden haben gerade das erste gemeinsame Geschäft eröffnet. Ihr Leben ist perfekt - bis ein Anruf alles verändert. Alexander ist tödlich verunglückt. Plötzlich liegt Claras Zukunft in Scherben. Und während sie noch wie gelähmt ist, folgt der nächste Schock: Claras Eltern gestehen ihr, dass sie gar nicht ihr leibliches Kind ist. Sie haben sie als wenige Tage altes Baby adoptiert. Von einem Tag auf den anderen sieht sich Clara nicht nur ihrer Zukunft, sondern auch ihrer Vergangenheit beraubt. Doch nach der ersten Verzweiflung wächst in ihr ein Entschluss. Sie wird ihre leibliche Mutter suchen, um zu erfahren, wer sie wirklich ist. Und so macht sich Clara auf den Weg nach Rom. Alles, was sie im Gepäck hat, ist ein kostbarer alter Siegelring, offenbar ein Familienerbstück, und ein Name: Giulia.

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Seitenzahl: 135

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Cover

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Der Weg, der mich nach Rom führte

Leseprobe

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Impressum

Cover

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsbeginn

Impressum

Der Weg, der mich nach Rom führte

Eine Frau zwischen Verlust, Hoffnung und Neubeginn

Von Gesine Sonntag

  

Mit nur einundzwanzig Jahren hat Clara Schuster bereits alles, was man sich wünschen kann: Sie lebt mit ihrem Verlobten Alexander zusammen, die Hochzeit ist geplant, und die beiden haben gerade das erste gemeinsame Geschäft eröffnet. Ihr Leben ist perfekt – bis ein Anruf alles verändert. Alexander ist tödlich verunglückt. Plötzlich liegt Claras Zukunft in Scherben. Und während sie noch wie gelähmt ist, folgt der nächste Schock: Claras Eltern gestehen ihr, dass sie gar nicht ihr leibliches Kind ist. Sie haben sie als wenige Tage altes Baby adoptiert. Von einem Tag auf den anderen sieht sich Clara nicht nur ihrer Zukunft, sondern auch ihrer Vergangenheit beraubt. Doch nach der ersten Verzweiflung wächst in ihr ein Entschluss. Sie wird ihre leibliche Mutter suchen, um zu erfahren, wer sie wirklich ist. Und so macht sich Clara auf den Weg nach Rom. Alles, was sie im Gepäck hat, ist ein kostbarer alter Siegelring, offenbar ein Familienerbstück, und ein Name: Giulia.

Das rote Band spannte sich vor dem neuen Geschäft, und Clara Schuster spürte die erwartungsvollen Blicke der Menge auf sich. Neben ihr hielt Alexander die große Schere bereit, sein dunkler Anzug tadellos, die Krawatte perfekt gebunden. Auch sie hatte sich besonders sorgfältig angezogen – das marineblaue Kostüm, das sie mit ihrer Mutter zusammen ausgesucht hatte. Links und rechts von ihnen standen beide Familien – die Schusters aus Bad Aibling und die Webers aus München, stolz und zufrieden.figr=garantie_eins/u/remove>

»Sind Sie bereit?«, fragte Bürgermeister Huber mit seinem gewohnten freundlichen Lächeln.

Clara nickte und legte ihre Hand über Alexanders auf die Schere.

»Für die Zukunft«, flüsterte Alexander ihr zu.

»Für unsere Zukunft«, erwiderte Clara und lächelte.

Gemeinsam schnitten sie das Band durch. Die kleine Menge applaudierte, Kameras blitzten auf. Die erste gemeinsame Filiale von »Schuster & Weber« in Rosenheim war offiziell eröffnet – klassische Schuhe und moderne Accessoires unter einem Dach.

»Herzlichen Glückwunsch!« Bürgermeister Huber schüttelte beiden die Hände. »Ein schöner Tag für Rosenheim und die ganze Region.«

Nach einer Stunde entspannter Feier und vielen Glückwünschen räumten sie zusammen mit ihren Eltern auf.

»Ein schöner Tag«, sagte Heinrich Schuster und legte die Hand auf Claras Schulter. »Ihr beide werdet das gut machen.«

»Danke, Papa.« Clara kuschelte sich kurz an ihn. »Wir geben unser Bestes.«

Die Fahrt nach Bad Aibling verlief ruhig. Alexander fuhr, Clara saß entspannt neben ihm und sah aus dem Fenster in die Dunkelheit. Hin und wieder blitzten die Lichter eines entgegenkommenden Autos auf oder die warme Beleuchtung eines Dorfes.

»Müde?«, fragte Alexander.

»Ein bisschen. Aber es war schön.« Clara drehte sich zu ihm. »Denkst du, wir schaffen das? Die Filiale, die Hochzeit, alles?«

»Natürlich schaffen wir das.« Alexander griff nach ihrer Hand. »Wir haben einen Plan, wir kennen unsere Bereiche, die neue Filiale wird sehr gut laufen. Was soll schiefgehen?«

Clara lächelte. Er hatte recht. Alles war durchdacht, alles war vorbereitet. In zwei Monaten würden sie heiraten, die neue Filiale war vielversprechend gestartet, ihre Zukunft lag klar vor ihnen.

Plötzlich blendete Alexander kurz ab. In dem Lichtkegel sprang ein Reh elegant über die Fahrbahn und verschwand schnell im Wald.

»Hast du gesehen?«, sagte Clara leise. »Wie schön es sich bewegt hat.«

»Mmh.« Alexander schaltete das Fernlicht wieder ein. »Zum Glück war es weit genug weg.«

Sie waren fast zu Hause, als Clara zufrieden seufzte.

»Was für ein wunderbarer Tag«, sagte sie.

»Der erste von vielen«, erwiderte Alexander und drückte kurz ihre Hand.

Clara lächelte. Er hatte recht. Alles lag vor ihnen – die Hochzeit, die gemeinsame Arbeit, ein ganzes Leben zusammen.

♥♥♥

Das Licht war so golden, dass es ihre Haut zu küssen schien. Clara lief über warmen Sandstein, ihre nackten Füße spürten jeden Riss, jede Unebenheit der alten Steine. Um sie herum erhoben sich ockerfarbene Häuser, an deren Balkonen Wäsche im Wind tanzte. Irgendwo sang jemand – die Worte verstand sie nicht, aber die Melodie war so vertraut ...

»Clara. Schatz, es ist gleich halb sieben.«

Alexanders Stimme drang sanft, aber bestimmt durch den Traum. Clara blinzelte und sah ihn am Fenster stehen, bereits vollständig angezogen. Dunkelgraue Anzughose, weißes Hemd, die Krawatte perfekt gebunden. Er strich kurz über seinen Kragen und drehte sich zu ihr um.

»Du hast wieder gesummt«, sagte er und kam zum Bett. »Diese Melodie.«

Clara setzte sich auf, ihr seidenes Nachthemd rutschte von der Schulter. »Hab ich?«

»Du kennst sie.« Alexander summte leise ein paar Takte – eine einfache, aber eingängige Melodie mit warmen, südlichen Klängen.

»Keine Ahnung, woher ich die kenne.« Clara strich sich die langen braunen Haare aus dem Gesicht und schwang die Beine aus dem Bett.

»Ich habe übrigens schon mit Tanaka telefoniert.« Alexander sah auf seine Armbanduhr. »Er gratuliert zur Eröffnung und möchte seine Herbstbestellung aufstocken – achtzig Paar Haferlschuhe und dreißig Dirndl-Mieder für seine Oktoberfest-Restaurants.«

Clara lächelte. »Das ist ja wunderbar. Dann haben wir wirklich einen guten Start hingelegt.«

»Definitiv. Und heute öffnen wir zum ersten Mal als Filialleiter.« Alexander konnte seine Vorfreude nicht ganz verbergen. »Frau Meininger kommt um acht. Wir können mit ihr noch mal alles durchgehen, bevor die anderen da sind.«

In der Küche war der Kaffee bereits fertig, die Zeitung ordentlich gefaltet neben ihrem Platz. Ihre Tasse stand schon bereit – zwei Löffel Zucker, wie jeden Morgen. Alexander stand am Fenster und las etwas auf seinem Smartphone.

»Die Vorbestellungen aus München sind auch da«, sagte er, ohne aufzublicken.

Clara schenkte sich Kaffee ein und trat neben ihn. »Da haben wir heute richtig zu tun.«

»Das haben wir.« Alexander legte das Handy beiseite und sah sie an. »Nervös?«

»Ein bisschen. Und du?«

»Auch.« Er lächelte. »Aber es ist ein gutes Gefühl.«

Sie tranken ihren Kaffee im Stehen, beide mit dem Blick auf ihre Handys. Clara checkte ihre E-Mails, Alexander scrollte durch die Bestellübersicht. Eine vertraute Morgenroutine.

»Ich habe übrigens um drei den Termin beim Steuerberater«, sagte Alexander und stellte seine Tasse ab.

»Gut. Ich kann so lange im Laden bleiben.«

»Perfekt.« Alexander strich sich kurz über das Hemd und justierte seine Krawatte. »Dann fahren wir zusammen?«

»Natürlich.« Clara sah ihn an und spürte eine warme Zufriedenheit.

»Ich bin gleich fertig«, sagte sie und ging ins Badezimmer.

Als sie sich im Spiegel betrachtete, konnte sie ihr Lächeln kaum unterdrücken. Lange braune Haare, die sie für die Arbeit hochstecken würde. Schmales Gesicht, blaue Augen.

Nur warum träumte sie von fremden Orten und unbekannten Melodien?

Clara schüttelte den Kopf über sich selbst und griff nach ihrer Zahnbürste. Träume waren Träume. Die Realität war hier, in Bad Aibling, mit Alexander, mit dem Geschäft.

Alles andere war nur Fantasie.

♥♥♥

Clara sortierte gerade die neuen Haferlschuhe im Schaufenster, als ihr Handy klingelte. Alexanders Mutter.

»Hallo, Elisabeth«, meldete sie sich freundlich.

Schluchzen am anderen Ende. »Clara ... Clara, du musst sofort ins Krankenhaus kommen. Alexander hatte einen Unfall.«

Das Schaufenster verschwamm vor Claras Augen. »Was für einen Unfall?«

»Wildunfall auf der B15. Ein Reh ist vors Auto gesprungen ... Er ist im Klinikum Rosenheim, sie operieren ihn gerade.« Elisabeth konnte kaum sprechen vor Tränen.

»Ich komme sofort.« Clara ließ das Handy sinken, griff nach ihrer Handtasche.

Frau Meininger sah besorgt auf. »Was ist denn, Frau Schuster?«

»Alexander ... Unfall ... Können Sie den Laden ...«

»Natürlich! Fahren Sie sofort!«

Die Fahrt zum Krankenhaus verlief wie in Trance. Clara parkte schief und rannte zur Rezeption.

Im Klinikum erfuhr Clara, dass Alexander schwer verletzt war. Die Ärzte kämpften um sein Leben. Nach stundenlangem Warten kam die Nachricht: »Es tut mir sehr leid. Wir haben alles versucht, aber die inneren Verletzungen waren zu schwer. Herr Weber ist vor zehn Minuten verstorben.«

Die Welt hörte auf sich zu drehen.

Elisabeth Weber brach in den Armen ihres Mannes Manfred zusammen. Claras Mutter griff nach ihrer Hand. Ihr Vater murmelte: »Das kann nicht sein.«

Clara stand nur da. Starrte den Arzt an.

»Möchten Sie sich von ihm verabschieden?«

Clara nickte stumm.

Der Raum war hell und still. Alexander lag friedlich da, als würde er schlafen. Keine Schläuche mehr, keine Geräte. Clara nahm seine noch warme Hand.

»Ich verstehe das nicht«, flüsterte sie. »Heute Morgen warst du noch da. Wir haben über den Laden gesprochen. Über die Zukunft.«

Seine Hand gab keine Antwort.

Als sie nach draußen kam, standen beide Familien ratlos im Flur. Was machte man jetzt? Wie ging man nach Hause? Wie lebte man weiter?

»Wir ... wir müssen Dinge regeln«, sagte Manfred Weber schließlich. »Die Beerdigung. Das Geschäft.«

Clara hörte ihn wie durch Watte. Das Geschäft. Die neue Filiale. Ihre Zukunft, die es nicht mehr gab.

»Clara, kommst du mit zu uns?«, fragte ihre Mutter sanft.

Clara nickte stumm. Allein sein wollte sie jetzt nicht.

Die Fahrt zu ihren Eltern verlief schweigend. Heinrich Schuster hielt seine Tochter fest, während sie endlich weinte. Heute Morgen hatte sie von goldenen Steinen und fremden Melodien geträumt.

Jetzt war Alexander tot, und sie verstand die Welt nicht mehr.

♥♥♥

Clara saß am Küchentisch ihrer Eltern und stocherte in ihrem Mittagessen herum. Die Gulaschsuppe war noch heiß, aber sie brachte kaum einen Löffel hinunter. Seit zwei Wochen war das so – nichts schmeckte mehr richtig.

»Du musst etwas essen, Schatz«, sagte ihre Mutter sanft und schob ihr das Körbchen mit dem frischen Brot hin.

Clara nickte und brach sich ein kleines Stück ab. Ihre Eltern wechselten besorgte Blicke über ihren Kopf hinweg.

»Die Beerdigung war schön«, sagte Heinrich Schuster schließlich. »Würdevoll. Alexander hätte es gefallen.«

Clara nickte stumm. Die Beerdigung war ein Nebel in ihrem Gedächtnis. Schwarze Kleidung, Blumen, Gesichter von Menschen, die ihr kondoliert hatten. Die Webers, die ihre eigene Trauer trugen. Kollegen, Freunde, Geschäftspartner. Alle waren gekommen.

»Die Webers haben heute Morgen angerufen«, sagte ihre Mutter vorsichtig. »Sie fragen, ob du dir schon Gedanken gemacht hast ... wegen der Filiale.«

Clara sah auf. »Was für Gedanken?«

»Na ja, ob du sie weiterführen möchtest. Oder ob sie einen anderen Geschäftsführer suchen sollen.«

Clara starrte ihre Mutter an. Die Filiale. Das gemeinsame Projekt. Der Traum, den sie mit Alexander geteilt hatte. »Ich ... ich weiß nicht.«

»Das musst du auch nicht sofort entscheiden«, sagte ihr Vater schnell. »Lass dir Zeit.«

Zeit. Als ob Zeit etwas heilen könnte. Clara schob den Teller von sich weg.

»Ich sollte eigentlich mal in die Wohnung«, sagte sie leise. »Nach dem Rechten sehen. Ein paar Sachen holen.«

Ihre Eltern sahen auf. Clara hatte seit der Beerdigung nicht mehr über die Wohnung gesprochen – die Wohnung, die sie mit Alexander geteilt hatte.

»Möchtest du, dass ich mitkomme?«, fragte ihre Mutter.

Clara überlegte. Der Gedanke, allein in die Wohnung zu gehen, zwischen Alexanders Sachen, seine Krawatte, die noch über dem Stuhl hing ... »Ja«, sagte sie schließlich. »Das wäre schön.«

»Wir können auch zusammen fahren«, bot ihr Vater an. »Ich warte im Auto.«

Clara lächelte schwach. Ihre Eltern. Sie kümmerten sich so sehr um sie, passten auf sie auf wie auf ein krankes Kind.

»Vielleicht heute Nachmittag?«, fragte sie.

»Natürlich. Wann immer du bereit bist.«

Die Wohnung roch abgestanden. Clara blieb einen Moment im Flur stehen und atmete durch. Dann machte sie die Fenster auf. Frische Luft strömte herein, bewegte die Vorhänge.

»Ich packe dir ein paar Sachen ein«, sagte ihre Mutter und verschwand im Schlafzimmer.

Clara ging ins Wohnzimmer. Alexanders Zeitschrift lag noch auf dem Couchtisch, aufgeschlagen bei einem Artikel über neue Schuhtrends. Seine Lesebrille daneben. Als würde er jeden Moment zurückkommen.

Im Briefkasten stapelten sich die Briefe. Clara nahm den ganzen Haufen mit, ohne hinzusehen. Rechnungen, Werbung, was auch immer – das konnte warten.

»Ich habe dir Kleidung für eine Woche eingepackt«, sagte ihre Mutter, als sie mit einer Reisetasche zurückkam. »Und deine Lieblingscreme.«

»Danke, Mama.«

Sie schloss die Fenster wieder, löschte das Licht. Ein letzter Blick zurück, dann zog sie die Tür hinter sich zu.

Zuhause bei ihren Eltern legte Clara den Briefstapel ungeöffnet auf den Küchentisch. Ihre Mutter brachte ihr eine Tasse Tee.

»Du musst das nicht heute machen«, sagte sie.

»Ich weiß.« Clara starrte auf den Stapel. Es lugten auch ein paar bunte Umschläge hervor. Wahrscheinlich Glückwünsche zur Filialen-Eröffnung.

Ein anderes Leben. Als sie noch Pläne hatte, eine Zukunft, einen Mann, den sie liebte.

Clara nahm ihre Teetasse und ging ins Wohnzimmer. Die Briefe konnten noch einen Tag warten.

Oder zwei.

♥♥♥

Ein paar Tage später sortierte Clara die Post, die noch mehr geworden war. Zwischen den Briefen lag auch einer vom Klinikum Rosenheim. Clara öffnete ihn, überflog den Text und legte ihn achtlos zur Seite.

Dann hielt sie inne. Sie griff den Brief wieder und las genauer.

Sehr geehrte Frau Schuster, vielen Dank für Ihre Blutspende für Ihren Verlobten. Bei der dabei durchgeführten Typisierung wurde festgestellt, dass Sie die seltene Blutgruppe null negativ haben. Diese Blutgruppe besitzen nur etwa sechs Prozent der Bevölkerung.

Aufgrund der Seltenheit und weil Null-Negativ-Spender als Universalspender für alle anderen Blutgruppen fungieren können, möchten wir Sie fragen, ob Sie sich vorstellen könnten, regelmäßig Blut zu spenden ...

»Interessant«, murmelte Clara. »Hab ich als einzige von uns so einen Brief bekommen?«

Ihre Mutter drehte sich um. »Was für einen Brief?«

»Vom Blutspendedienst. Wir wurden doch im Krankenhaus alle getestet, ob wir für Alexander spenden können. Hier steht, ich hätte eine seltene Blutgruppe.« Clara hielt den Brief hoch. »Null negativ. Das haben wohl nur sechs Prozent der Menschen.«

»Nein, wir haben keinen Brief bekommen«, sagte ihr Vater. »Aber vielleicht kommt noch einer.«

»Wahrscheinlich hab ich das von einem von euch«, sagte Clara und lächelte schwach. »Wäre schön zu wissen, von wem.«

Ihre Eltern wechselten einen kurzen Blick, den Clara nicht bemerkte.

»Ach ja«, sagte ihre Mutter und wandte sich wieder dem Geschirr zu.

Clara legte den Brief beiseite und griff nach dem nächsten Umschlag. Aber ihre Gedanken kreisten um die Blutgruppe. Sehr selten. Nur sechs Prozent.

Irgendwas nagte an ihr. In der Schule hatten sie mal über Vererbung gesprochen. Bei Herrn Bachmann, in Biologie. Wie war das noch mal gewesen? Mit den dominanten und rezessiven Genen?

»Ich gehe mal kurz nach oben«, sagte sie und stand auf.

In ihrem alten Zimmer setzte sie sich an den Schreibtisch und holte ihr Handy heraus. Google. »Blutgruppen Vererbung null negativ.«

Während sie las, wurde ihr Stirnrunzeln tiefer.

Von unten hörte sie die gedämpften Stimmen ihrer Eltern. Sie sprachen leiser als sonst.

Clara las weiter. Je mehr sie verstand, desto unruhiger wurde sie. Aber vielleicht irrte sie sich auch. Biologie war schon eine Weile her.

Sie würde später noch mal genauer nachschauen. Oder vielleicht fragte sie morgen ihre Eltern, ob sie wüssten, welche Blutgruppe sie hatten.

Erstmal war es genug für heute.

♥♥♥

Sie war zu Hause und doch nicht zu Hause. Das warme Licht umfing sie, Stimmen klangen vertraut und fremd zugleich. Jemand sang eine Melodie, die sie kannte, ohne sie je gehört zu haben. Clara folgte dem Klang durch warme, helle Räume, spürte unter ihren Füßen Stein, der sich anfühlte wie eine Umarmung. Hier gehörte sie hin. Hier war sie richtig. Aber wo war hier?

Clara öffnete die Augen. Das erste schwache Tageslicht sickerte durch die Vorhänge ihres Kinderzimmers. Einen Moment lang blieb sie liegen und versuchte, das Gefühl festzuhalten – diese seltsame Gewissheit, irgendwo hinzugehören, ohne zu wissen, wohin.

Dann kam die Realität zurück. Alexander war tot. Sie lag allein in ihrem alten Bett bei ihren Eltern.

Aber diesmal brach nicht alles in ihr zusammen. Zum ersten Mal seit Wochen dachte sie an ihn, ohne dass der Schmerz sie überwältigte. Sie sah sein Lächeln vor sich, hörte sein Lachen. Schöne Erinnerungen, die nicht mehr nur wehtaten.

Sie drehte sich auf die Seite und betrachtete ihr altes Zimmer. Die Auszeichnungen von der Schule, das Abschlussfoto. Mit achtzehn hatte sie schon gewusst, was sie wollte, während ihre Mitschüler noch suchten.

Clara war früh erwachsen geworden. Mit einundzwanzig schon verlobt, geschäftsführend, erfolgreich.

Diese Träume, dachte sie. Die habe ich doch schon ewig.

Sie erinnerte sich an die Schulzeit. Italienischunterricht bei Frau Torriani. Während die anderen über die Grammatik gestöhnt hatten, war ihr die Sprache wie von selbst zugefallen. Und in Biologie bei Herrn Bachmann – dominant und rezessiv, Vererbung, Gene. Sie hatte das alles verstanden, es hatte sie fasziniert.

Der Brief vom Krankenhaus, fiel ihr ein. Null negativ. Sehr selten. Das muss doch von irgendwoher kommen.