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Tim Weiner

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Beschreibung

Hervorragend recherchiert, mitreißend erzählt: die dunkle Geschichte des FBI Wie bereits in seinem Weltbestseller ›CIA‹ schreibt der zweifache Pulitzer-Preisträger Tim Weiner mit »FBI« die Geschichte einer legendären und mächtigen Organisation neu. Sein glänzend recherchiertes und spannend geschriebenes Buch, das u.a. auf bislang unbekannten Quellen basiert, erhellt auf eindrucksvolle Weise die dunklen Seiten der amerikanischen Geschichte und stellt die Machenschaften des FBI in einen profunden politischen Kontext. Ein Buch packender als ein Thriller. »Eine brillante Reportage über eine der schillerndsten Institutionen der USA.« Deutschlandradio Kultur »Und wieder zeigt sich Weiner als ein Meister des thrillerhaften Sachbuchs. Selten dürfte so fundiert und spannend zugleich das System der amerikanischen Geheimdienste beschrieben worden sein wie hier.« Neue Zürcher Zeitung »So altertümlich es klingen mag: ›FBI. Die wahre Geschichte einer legendären Organisation‹ ist eine Sittengeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Ein spannendes Sachbuch, das ohne jede Hysterie darlegt, was in den letzten gut 120 Jahren falsch gelaufen ist und warum.« Krimi-Couch.de »Weiners größtes Verdienst […] ist, dass er alle Intrigen und Aktionen sorgfältig in ihren politisch-historischen Kontext einbettet und nie aus den Augen verliert, dass zur Demokratie auch die Spannung zwischen bürgerlicher Freiheit und nationaler Sicherheit gehört. Und es verschlägt einem beim Lesen mancher alten Politikersprüche den Atem, sie klingen wie von heute.« Deutschlandradio Kultur

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Seitenzahl: 979

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Tim Weiner

FBI

Die wahre Geschichte einer legendären Organisation

 

Aus dem Amerikanischen von Christa Prummer-Lehmair, Sonja Schuhmacher und Rita Seuß

 

Über dieses Buch

 

 

Berühmt und berüchtigt: das FBI. Einige setzen ihre Hoffnung in den Kampf seiner »Special Agents« gegen das organisierte Verbrechen, Korruption und Terrorismus. Andere halten es aufgrund seiner illegalen Verhaftungen, Einbrüche und Lauschangriffe für einen sinistren Staat im Staate. Doch was ist Legende, was ist Realität?

Wie bereits in seinem Weltbestseller ›CIA‹ schreibt der zweifache Pulitzer-Preisträger Tim Weiner die Geschichte dieser mächtigen Organisation neu. Sein glänzend recherchiertes und spannend geschriebenes Buch, das u.a. auf bislang unbekannten Quellen basiert, erhellt auf eindrucksvolle Weise dunkle Seiten der amerikanischen Geschichte, deckt völlig neue Zusammenhänge auf und stellt die Machenschaften des FBI in einen profunden politischen Kontext. Ein Buch packender als ein Thriller.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Tim Weiner, Journalist bei der New York Times und einer der intimsten Kenner des amerikanischen Geheimdienstsystems, erhielt für seine Reportagen über das ›National Security Program‹ (von CIA und Pentagon heimlich ins Leben gerufen) zwei Pulitzer-Preise. Er berichtete als Korrespondent u.a. aus Afghanistan, Pakistan, dem Sudan und weiteren fünfzehn Staaten. Für ›CIA. Die ganze Geschichte‹ wurde er 2007 mit dem National Book Award und dem Los Angeles Times Book Award for History ausgezeichnet.

 

 

 

Weitere Informationen, auch zu E-Book-Ausgaben, finden Sie bei www.fischerverlage.de

Impressum

 

 

Covergestaltung: R.M.E., Roland Eschlbeck und Rosemarie Kreutzer

Coverabbildung: © Corbis

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2012

unter dem Titel »Enemies. A History of the FBI«

im Verlag Doubleday, New York

© 2012 Tim Weiner

Für die deutsche Ausgabe:

© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2012

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-400783-0

 

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Inhalt

Für Robert D. Loomis, von [...]

Die Sicherung vor äußerer [...]

[Kapitel]

Vorwort

I Spione und Saboteure

1 Anarchie

»Die größte Bedrohung«

2 Revolution

»Diese Leute müssten alle herausgefischt werden«

»Der Justizminister weiß oder sollte wissen«

3 Verräter

»Die schwerwiegendste Bedrohung für dieses Land«

»Wir werden euch in die Luft sprengen!«

»Das Feuer der Revolution«

»Geheimagenturen müssen überall aufgebaut werden«

»Wenn die Zeit für eine Revolution gekommen ist«

4 Kommunisten

»Die Regierung zu stürzen«

»Nach Sibirien«

5 »Wer ist Mr Hoover?«

»Ein Menschennetz, dem kein Gesetzloser entrinnen kann«

»Die Demokratie scheint jetzt bedroht«

»Rot sehen«

»Wir kriegen sie«

6 Unterwelten

»Eine ungesetzliche Organisation«

»In der Unterwelt ging die Kunde«

»Die radikalen Anführer«

»Die gigantischste Verschwörung«

»Eine Geheimpolizei«

7 »Sie hatten uns die ganze Zeit im Visier«

»Dafür sorgen, dass höchste Geheimhaltung gewahrt wird«

8 Im nächsten Krieg

»Ein stehendes Heer von Kriminellen«

II Weltkrieg

9 Das Geschäft der Spionage

»Übereifrige«

»TO-MI-MU-RA«

»Nazi Spies in America«

»Höchste Geheimhaltung«

10 Der Jongleur

»Entsetzliche Katastrophen«

»Eine Bedrohung für den Frieden und die öffentliche Sicherheit«

»Und wenn es illegal ist?«

»Der Präsident dachte, Sie würden das vielleicht gern durchsehen«

11 Geheimdienst

»Spione, Saboteure und Verräter«

12 »Die Vereinigten Staaten von Amerika strangulieren«

»Ich telegraphiere noch heute meinen Rücktritt«

»In meinem Besitz befindet sich eine geheime Landkarte«

13 Kriegsrecht

»Hochverrat«

»Wir hatten niemanden, der uns beraten hätte«

14 Die Erfassungsmaschine

»Wie Kinder, die sich im Wald verirrt haben«

15 Die Organisation der Welt

III Kalter Krieg

16 Keine Gestapo

»Das muss aufhören«

»Eine neue Waffe von außergewöhnlicher Zerstörungskraft«

»Geheime, weltumspannende nachrichtendienstliche Erfassung«

17 Machtprobe

»Eine direkte Unterwanderung«

»Eine Zeit großer Hysterie«

»Es war ungeheuerlich«

18 »Roter Faschismus«

»Ein heimtückischer und bösartiger Lebensstil«

19 Überraschungsangriff

»Es ist eine Tragödie«

»Eine in die Vereinigten Staaten eingeschmuggelte Atombombe«

»Im Haus des Feindes«

»Feuerprobe«

»Er nahm von Truman keine Anweisungen entgegen«

20 Paranoia

»Deshalb weiß auch Russland Bescheid«

»Was die Konkurrenz hat«

21 »Es scheint, der dritte Weltkrieg hat begonnen«

»Zwanzig Jahre Hochverrat«

22 Kein Anstandsgefühl

»Das FBI ist J. Edgar Hoover«

»Opfer extrem gehässiger Kritik«

23 Ein Spiel ohne Regeln

»Die CIA komplett auslöschen«

24 Der lange Schatten

»Wir taten es alle, es war schließlich das FBI«

»Werden wir kriegen, was wir wollen?«

»Wenn er etwas hasste, hasste er es sein Leben lang«

25 »Vertrauen Sie niemandem«

»Der amerikanische Geheimdienst steckt noch in den Kinderschuhen«

Solo

26 Unmoralisches Verhalten

»Der Präsident drückte seine Verwunderung aus«

27 »Mord war gang und gäbe«

»Der Präsident hatte ein Recht, es zu erfahren«

»Arbeiten Sie verdeckt«

28 Ein gefährlicher Mann

»Wir wissen nicht, was zu tun ist«

»J. Edgar Hoover feuern? Du liebe Zeit!«

»Agenten sind keine Busfahrer«

»Keiner war vor der Inquisition sicher«

29 »Eine Herrschaft der Angst«

»Schmutziger Klatsch«

»Wir müssen ihn jetzt bezeichnen«

30 »Haben Sie dieses Telefon angezapft?«

»Diese gottverdammte Kloake J. Edgar Hoover«

»Wir haben vor, ihnen den Krieg zu erklären.«

White Hate

»Ich traue mich kaum noch, auch nur meiner Frau Widerworte zu geben!«

31 »Der Mann, auf den ich mich verlasse«

»Der Feind kontrolliert die Straßen«

»Er sei der Mann der Zukunft«

»J. Edgar Hoovers Mann«

»Es geht ums Ganze«

»Er will gewinnen«

32 Eindeutig illegal

»Ich machte mir keine Illusionen«

Ein perplexes FBI

»Hoover hat uns die Grundlage entzogen«

»Einen großen Auftrag erledigen, bevor Sie abtreten«

»Ein Hort der Stärke in einer Stadt der Schwachen«

33 Die ultimative Waffe

»Damit kann man nur auf eine Art umgehen«

»Niemand wusste, was richtig und was falsch war«

»Nixon setzte das FBI darauf an«

34 »Reißt den Tempel ein«

»Vereint vergrößert sich unser Potential unbegrenzt«

»Das könnte zur Konfrontation führen«

»Schnappen wir uns die Scheißkerle«

»Das gibt einen Aufstand«

»Eine heftige Auseinandersetzung«

»Er hat mich verraten«

IV Krieg gegen den Terror

35 Verschwörer

»Die sensible Frage der Macht des Präsidenten«

»Unerbittlich«

»Ich wusste, dass irgendjemand nicht dichthalten würde«

»Landesverräter«

36 »Das wird das FBI nicht überleben«

»Ein gefährliches Spiel«

»Ein Kopf-an-Kopf-Rennen«

37 Ein Kartenhaus

»Endloses Sirenengeheul«

»Der Sache ganz auf den Grund gehen«

»Sie haben meinen Namen!«

»Es werden Köpfe rollen«

38 »Ein Zustand ständiger Bedrohung«

»Erniedrigend und entwürdigend«

»Das überlebensgroße Bild des FBI«

»Was fehlte, war gute Geheimdienstarbeit«

»Eine Jahrhundertflut«

»Die Terroristen sollen eines wissen«

39 Der Preis des Schweigens

»Ich glaubte immer, wir wären perfekt«

»Das fünfte Rad am Wagen«

»Der Präsident hat uns gebeten, die Klappe zu halten«

40 Mosaik

»Die Kommandokette gekappt«

»Wir würden die Strafverfolgung einleiten«

41 Der blinde Scheich

»Die Erde unter ihren Füßen beben lassen«

»Das wird die ganze Welt wahnsinnig machen«

42 Schwachstellen

»Das amerikanische Volk leiden lassen«

»Das FBI zertrümmern und wieder neu aufbauen«

»Was für einen Krieg?«

»Ich wollte dem Bureau schaden«

43 Ein einfaches Ziel

»Ich lernte Al-Qaida kennen«

»Tötet die Amerikaner«

»Das Warten auf diesen Sturz«

»Verhaftet den Kaiser«

»Erforderliche Maßnahmen: Keine.«

44 »All unsere Waffen«

»Fassen Sie die Übeltäter«

»Ein Staatsschatz«

»Niemand war entsetzter«

45 »Wenn wir dies nicht machen, werden Menschen sterben«

»Die Anfänge eines Geheimdienstes«

»Wer bestimmt, was gemacht wird?«

»Das ist unsere Aufgabe«

»Das Ziel, das uns bei der Ausübung unserer Macht immer geleitet hat«

Nachwort

Primärquellen

Bildnachweis

Für Robert D. Loomis, von dem ich schreiben gelernt habe.

Für Dora B. Weiner, von der ich lesen gelernt habe.

Für Kate, Ruby und Emma Doyle, die mich lehren zu leben.

Die Sicherung vor äußerer Gefahr ist das Ziel, das das Verhalten einer Nation am nachhaltigsten prägt. Sogar eine überaus starke Freiheitsliebe wird sich nach einiger Zeit den Diktaten dieser Zielsetzung beugen. Die gewaltsame Zerstörung von Leben und Eigentum, die der Krieg mit sich bringt, und die unablässige Anstrengung und Anspannung, die bei einem Zustand ständiger Bedrohung herrschen, werden sogar äußerst freiheitsliebende Nationen dazu zwingen, um der Ruhe und Sicherheit willen zu Einrichtungen Zuflucht zu nehmen, die tendenziell ihre bürgerlichen und politischen Rechte gefährden. Zur Erhöhung ihrer Sicherheit sind sie schließlich dazu bereit, das Risiko einer Verringerung ihrer Freiheit einzugehen.

Alexander Hamilton, 1787[1]

Fußnoten

[1]

Zitiert nach Alexander Hamilton, James Madison, John Jay, Die Federalist Papers, übersetzt, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Barbara Zehnpfennig, Darm- stadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1993, S. 84.

Vorwort

Mein Buch ist die Geschichte des Federal Bureau of Investigation, der bundespolizeilichen Ermittlungsbehörde des Justizministeriums der USA. Für uns ist das FBI eine Polizeitruppe, die Verbrecher verhaftet und für die Einhaltung von Recht und Gesetz sorgt. Dabei liegt seine erste und vorrangige Aufgabe in geheimen Ermittlungen gegen Terroristen und Spione, und das gilt heute ebenso wie für den Großteil der vergangenen hundert Jahre. Diese Aufgabe erzeugt zwangsläufig einen Konflikt, den die Väter der amerikanischen Verfassung vor über zweihundert Jahren vorausgesehen haben, nämlich dass eine freiheitliche Gesellschaft Sicherheit ebenso benötigt wie Freiheit. Beide sind sich wechselseitig bedingende Kräfte: die eine ist ohne die andere nicht zu haben. Geheimagenten können Gesetzesbrecher sein; ihr traditionelles Handwerk umfasst Telefonüberwachung, das Installieren von Wanzen und Einbruch.

Über Jahrzehnte hinweg hat das FBI der nationalen Sicherheit vornehmlich durch Rechtsbeugung und Rechtsbruch gedient. Eine Geheimpolizei hat in einer Demokratie keinen Platz – das Ausmaß der Machtbefugnisse des FBI jedoch macht es zu Amerikas engstem Vertrauten.

FBI. Die wahre Geschichte einer legendären Organisation ist die Chronik eines hundert Jahre währenden Konflikts um die Führung eines Geheimdiensts in einer offenen Demokratie, des Tauziehens zwischen nationaler Sicherheit und Bürgerrechten, die große Geschichte unseres Ringens um Sicherheit und Freiheit. Sie stützt sich auf Akten und verzichtet auf anonyme Quellen und nicht belegte Zitate. Ihre Grundlage sind unlängst freigegebene Dokumente, insgesamt mehr als 70000 Seiten, darunter eine bemerkenswerte Sammlung von Geheimdossiers J. Edgar Hoovers sowie mehr als 200 Zeitzeugeninterviews, aufgezeichnet von Agenten, die während und nach Hoovers achtundvierzigjähriger Amtszeit als Direktor für das FBI tätig waren.

Hoover steht im Zentrum des amerikanischen Jahrhunderts wie eine dreckverkrustete Statue. Seine Getreuen sahen ihn als visionäres Genie. Für seine Gegner war er eine »Kloake«, wie Präsident Kennedys nationaler Sicherheitsberater es ausdrückte. Heute kennen ihn Millionen Amerikaner nur noch als Karikatur: ein Tyrann im Ballettröckchen, ein wunderlicher Kauz im Fummel. Nichts davon entspricht der Realität.

Die Akten, die im Laufe der Jahre freigegeben wurden, räumen mit vielen Mythen und Legenden auf. Sie zeigen Hoover in neuem Licht. Er führte Spionagemissionen aus, die zu ihrer Zeit nahezu unvorstellbar waren, wie das direkte Auskundschaften verschiedener Führer der Sowjetunion und Chinas während der Hochzeit des Kalten Krieges, die Übermittlung detaillierter Warnungen vor Selbstmordanschlägen per Flugzeug auf New York und Washington, die Abwehr eines Anschlags auf einen demokratisch gewählten ausländischen Staatsführer sowie die subtile Beeinflussung der Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Hoover war kein Monster. Er war ein amerikanischer Machiavelli. Er war clever, er war ausgefuchst, und er hat seine Feinde nie aus den Augen gelassen. Er war ein Gründervater des amerikanischen Nachrichtendienstes und der Erfinder des modernen Überwachungsstaats. Auf die Manipulation der öffentlichen Meinung verstand er sich meisterhaft. Politische Kriegsführung und geheime Staatskunst praktizierte er im Dienst der nationalen Sicherheit und allzu oft auf Kosten der Moral. Kommunismus und Terrorismus bekämpfte er 55 Jahre lang mit Leidenschaft. Jeder aktenkundige Fingerabdruck, sämtliche biographischen und biometrischen Daten in den Datenbanken der Regierung verdanken ihm ihren Ursprung. Von den 1940er Jahren bis zu seinem Tod sah er die apokalyptischen Bedrohungen voraus, denen wir heute gegenüberstehen. Jedoch hinterließ er eine Institution, deren Existenz fast mit ihm zu Ende gegangen wäre und die nur aufgrund der nationalen Geheimdienstarbeit der letzten drei Jahre rechtlich fortbesteht. Das FBI besitzt bis heute keine rechtliche Legitimierung, abgesehen vom Eid des Präsidenten, dafür zu sorgen, dass den Gesetzen Genüge getan wird.

Seit dem Ersten Weltkrieg haben US-amerikanische Präsidenten das FBI gegen ihre politischen Gegner eingesetzt. Pazifisten wurden ebenso verfolgt wie Terroristen, die Helden der Bürgerrechtsbewegung ebenso ins Visier genommen wie die Ritter des Ku-Klux-Klan. Auf höchsten Befehl hat das FBI die durch die Bill of Rights zugesicherten Grundrechte verletzt, um die Machtbefugnisse des Präsidenten als Oberbefehlshaber durchzusetzen. »Um die Verfassung hat sich noch kein Präsident in Kriegszeiten groß Gedanken gemacht«, schrieb einst Franklin D. Roosevelts Justizminister – und seither hat sich jeder Präsident als Kriegsherr begriffen.

FBI. Die wahre Geschichte einer legendären Organisation ist ein Protokoll gesetzwidriger Verhaftungen und Internierungen, von Einbrüchen, Einbruchsdiebstahl und Lauschangriffen im Namen des Präsidenten. Aber es ist auch die Geschichte von Amerikas hundertjährigem Krieg gegen Terroristen, Spione, Anarchisten und Attentäter. Die Feldherren in diesem Krieg – Präsidenten und Justizminister ebenso wie FBI-Direktoren – haben ihre Sicherheitsbefugnisse im Namen der nationalen Sicherheit genutzt und missbraucht. Aber auch ihre Befugnisse haben in unserer Demokratie Grenzen. Sogar Hoover selbst sperrte sich in seinem späteren Leben gegen Präsident Nixons eindeutig gesetzwidrige Anordnungen zur Ausforschung von Amerikanern. Robert Mueller, seit dem 4. September 2001 an der Spitze des FBI, widersetzte sich Präsident Bushs Befehl, illegale Geheimüberwachungen durchzuführen, und bot aus Protest seinen Rücktritt an. Er hat gesagt, dass wir den Krieg gegen den Terrorismus nicht gewinnen werden, wenn in der Schlacht unsere Freiheiten auf der Strecke bleiben.

Die Führungsriege des FBI ist Tag für Tag mit diesem anhaltenden Konflikt konfrontiert. Wir sollten die Geschichte dieses Ringens kennen. Wenn nicht, werden wir unsere Freiheitsrechte dem Versprechen von Sicherheit opfern. Dann wird unsere Welt zwar sicherer sein, aber weniger frei.

ISpione und Saboteure

Der Bombenanschlag auf die Wall Street im September 1920: ein Terrorangriff, der niemals aufgeklärt wurde.

1Anarchie

Am Donnerstagmorgen, dem 26. Juli 1917, zog J. Edgar Hoover in den Krieg. Der Zweiundzwanzigjährige verließ sein Elternhaus in Washington, D. C., um ein neues Leben im Justizministerium zu beginnen: als Fußsoldat im Heer der Gesetzeshüter, die gegen Spione, Saboteure, Kommunisten und Anarchisten in den Vereinigten Staaten zu Felde zogen.

Amerika war im April in den Ersten Weltkrieg eingetreten. Die ersten amerikanischen Truppenkontingente landeten in Frankreich, unvorbereitet auf die Gräuel, die sie erwarteten. An der Heimatfront machte sich die Angst vor Sabotageakten deutscher Geheimagenten breit. Seit dem Sprengstoffanschlag auf ein riesiges Munitionsdepot mit Kriegsgütern ein Jahr zuvor war das Land in höchster Alarmbereitschaft. Am 30. Juli 1916 waren auf Black Tom Island am westlichen Ende des New Yorker Hafens kurz nach Mitternacht 2000 Tonnen Sprengstoff in die Luft geflogen. Sieben Menschen kamen dabei ums Leben. In Manhattan gingen durch die Schockwellen tausende Fensterscheiben zu Bruch. Die Freiheitsstatue wurde durch Granatsplitter beschädigt.

Hoover arbeitete in der Sonderabteilung des Justizministeriums für Kriegsangelegenheiten, die einen weiteren derartigen Anschlag verhindern sollte. Er bewies Kampfgeist und ein Geschick, seine Vorgesetzten zu beeinflussen. Sein Chef, John Lord O’Brian, war voll des Lobes. Hoover »arbeitete Tag und Nacht und auch am Sonntag, wie ich«, sagte er. »Ich habe ihn mehrmals befördert, einzig und allein aufgrund seiner persönlichen Leistungen.«[1]

Binnen eines Jahres stieg Hoover an die Spitze des Alien Enemy Bureau auf und war damit innerhalb der War Emergency Division zuständig für die Identifizierung und Inhaftierung politisch verdächtiger Ausländer, die in den Vereinigten Staaten lebten. Mit nur dreiundzwanzig Jahren war er für mehr als 6200 in Lagern internierte Deutsche und 450000 weitere verantwortlich, die vom Staat überwacht wurden. Mit vierundzwanzig Jahren wurde ihm die Leitung der neugeschaffenen Radical Division des Justizministeriums übertragen. Er führte die größten Antiterror-Operationen in der Geschichte der Vereinigten Staaten und verfügte die Festnahme tausender als Radikale Verdächtigter überall im Land. Er hatte keine Gewehre und keine Munition. Seine Waffe war die geheimdienstliche Aufklärung.

Hoover verbrachte sein ganzes Leben in Washington, D. C., wo er am Neujahrstag 1895 als jüngstes von vier Kindern geboren wurde. Er war der Sohn und Enkel von Staatsbeamten. Sein Vater Dickerson litt unter Depressionen; eine tiefe Schwermut kostete ihn seine Stelle als Kartograph und trug wahrscheinlich zu seinem frühen Tod bei. Hoover hatte eine fürsorgliche, aber mürrische Mutter, Annie. Er wohnte die ersten 43 Jahre seines Lebens mit ihr in seinem Elternhaus, bis sie starb. Mehreren engen Mitarbeitern vertraute er an, er bleibe Junggeselle aus Angst, an die falsche Frau zu geraten. Eine schlechte Ehe wäre sein Untergang. Hoovers Nichte Margaret Fennell, die mit ihm zusammen aufwuchs und 60 Jahre den Kontakt zu ihm hielt, kannte ihn besser als jeder andere. »Manchmal dachte ich, dass er tatsächlich – ich weiß nicht, wie ich sagen soll – Angst hatte, anderen zu nahe zu kommen«, sagte sie. Wenn er über seine Hingabe zu Gott und seine Treue zu seinem Land hinaus jemals einem Menschen seine Zuneigung zeigte, dann geschah dies ohne Zeugen. Er war sentimental, wenn es um Hunde ging, Menschen gegenüber äußerte er keine Gefühle. Wie es in seinem Innern aussah, blieb selbst seinen nächsten Angehörigen und seinen wenigen guten Freunden ein Rätsel.[2]

In seiner Jugend lernte Hoover zu exerzieren und formallogisch zu argumentieren. Das Drillteam und der Debattierclub der Central High School waren die Highlights seines Lebens. Der Debattierclub der Central High war der beste in der Stadt und Hoover einer seiner Stars. In der Schulzeitung wurden sein Kampfgeist und seine »kühle, unerbittliche Logik« gelobt. Der Zeitung sagte er nach einem dramatischen Sieg über eine andere College-Mannschaft, das Debattieren sei für ihn »ein praktisches und nutzbringendes Abbild des Lebens«, das »im Grunde genommen nichts anderes ist als das Kräftemessen eines menschlichen Verstandes mit einem anderen.«[3]

Unmittelbar nach seinem Highschool-Abschluss trat Hoover in den Staatsdienst ein. Sämtliche Regierungsgebäude lagen in seiner Reichweite. Hoovers einstöckiges Wohnhaus war sechs Straßen südöstlich des Capitol Hill, auf dem sich die beiden Kammern von Senat und Repräsentantenhaus mit ihren Kronleuchtern, der gewaltige Tempel des Obersten Gerichtshofs und die Library of Congress mit ihren hohen Deckengewölben und Buntglasfenstern befanden. Pflichtbewusst besuchte Hoover die Sonntagsgottesdienste der presbyterianischen Kirche, doch die Kongressbibliothek war die weltliche Kathedrale seiner Jugend. Die ehrfürchtige Stille im Hauptlesesaal vermittelte das Gefühl, dass alles Wissen verfügbar war, wenn man nur wusste, wo man zu suchen hatte. Die Bibliothek, 1897 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, besaß sämtliche Bücher, die in den Vereinigten Staaten jemals herausgebracht wurden. Sie hatte ein eigenes Katalogsystem, dessen Feinheiten Hoover im Detail kennenlernte, zuerst als Bote, dann als Mitarbeiter in der Titelaufnahme. Mit dem Katalogisieren, dem Einordnen und der Informationssuche verdiente er sich das Geld für sein Studium. Tagsüber arbeitete er in der Bibliothek, am frühen Abend und in den Sommermonaten vormittags studierte er an der George-Washington-Universität, wo er im Juni 1917 sein Juraexamen ablegte. Hoover meldete sich zum Militärdienst, wurde aber nicht eingezogen und ging ins Justizministerium, um an der Heimatfront zu kämpfen.

»Die größte Bedrohung«

Am 6. April 1917, dem Tag, an dem die Vereinigten Staaten in den Ersten Weltkrieg eintraten, unterzeichnete Präsident Woodrow W. Wilson einen Präsidialerlass, mit dem er das Justizministerium ermächtigte, jeden als illoyal eingestuften Ausländer ohne Gerichtsprozess zu verhaften und einzusperren. Er sagte dem amerikanischen Volk, Deutschland habe »unsere arglosen Gemeinden, ja sogar unsere Regierungsbehörden mit Spionen durchsetzt und überall verbrecherische Intrigen angezettelt«.[4] Damit schürte Wilson die Angst im ganzen Land, und diese Angst war für das Justizministerium eine schwere Bürde. »Nach der Kriegserklärung«, sagte O’Brian, »gab es Leute, die mit einer wahren Terrorherrschaft in Amerika rechneten.«[5]

Hoover und seine Kollegen brüteten Tag und Nacht in den kleinen, verrauchten Zimmern der Abteilung für Kriegsangelegenheiten und des Alien Enemy Bureau über bruchstückhaften Berichten zur Bedrohung Amerikas durch das Ausland. Sie ähnelten Feuerwehrleuten, die ständig einen Fehlalarm hörten. Wie O’Brian sich erinnerte, standen sie unter »enormem Druck«, konfrontiert mit der Forderung von Politikern und Öffentlichkeit, verdächtige Amerikaner und Ausländer »unterschiedslos zu verfolgen« und »unschädlich zu machen«, oft nur »aufgrund leichtfertiger Gerüchte«.[6]

Vor dem Anschlag auf Black Tom hatte »die Bevölkerung dieses Landes keinerlei Erfahrungen mit subversiven Aktivitäten«, so O’Brian. »Auch die Regierung war unvorbereitet.« Nach Black Tom wurden den Behörden tausende potentielle Bedrohungen gemeldet. Die amerikanische Führung befürchtete, der Feind könne überall und jederzeit erneut zuschlagen.

Die deutschen Drahtzieher des Anschlags von Black Tom Island waren seit Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Sommer 1914 aktiv. Sie wollten Washington infiltrieren und die Wall Street unterminieren, und sie rekrutierten irische und Hindu-Nationalisten für Anschläge auf amerikanische Ziele. Von Mexiko und Kanada aus bereiteten sie verdeckte Operationen gegen die Vereinigten Staaten vor.

Während Hoover Anfang 1915 noch an der Abenduniversität Jura studierte, ergingen an den deutschen Militärattaché in den Vereinigten Staaten, Hauptmann Franz von Papen, geheime Befehle aus Berlin: Er sollte den Kampfeswillen Amerikas untergraben. Von Papen begann, in den Vereinigten Staaten eine Propagandamaschinerie aufzubauen. Die Deutschen sicherten sich die Kontrolle über eine große New Yorker Tageszeitung, die Evening Mail. Über Strohmänner wurden Verhandlungen über den Kauf der Washington Post und der New Yorker Sun geführt. Politische Schieber, korrupte Journalisten und bestechliche Detektive machten mit den Deutschen gemeinsame Sache.[7]

Doch nach der Torpedierung des britischen Passagierschiffs Lusitania am 7. Mai 1915 durch ein deutsches U-Boot, bei der 1119 Menschen, darunter 274 Amerikaner, ums Leben kamen, kabelte der deutsche Botschafter verdrossen nach Berlin, dass »unsere hiesige Propaganda unter dem Eindruck des Lusitania-Zwischenfalls gänzlich zusammengebrochen ist«.[8] Die Amerikaner waren empört über den Anschlag auf Zivilisten; das politische und diplomatische Ansehen Deutschlands in den Vereinigten Staaten nahm schweren Schaden. Präsident Wilson ordnete die Überwachung des gesamten deutschen Botschaftspersonals in den Vereinigten Staaten an. Außenminister Robert Lansing ließ die deutschen Diplomaten durch Geheimagenten abhören. Zum Jahresende wurden von Papen und die anderen Attachés ausgewiesen.

Als Hoover ins Justizministerium eintrat, hatte O’Brian gerade einen deutschen Spion, Kapitänleutnant Franz von Rintelen, vor Gericht stellen und verurteilen lassen. Der Fall machte Schlagzeilen. Von Rintelen war wenige Wochen vor der Versenkung der Lusitania mit einem gefälschten Schweizer Pass nach New York gekommen. Auf Befehl der deutschen Heeresführung hatte er eine Truppe aus Seeleuten vom New Yorker Hafen, radikalen irischen Nationalisten, einem zweifelhaften Finanzjongleur und einem versoffenen Kongressabgeordneten rekrutiert, die die amerikanische Kriegsindustrie mit einer Mischung aus faulen Deals und Brandbomben sabotieren sollte. Aber von Rintelen war aus den Vereinigten Staaten geflohen, da er – zu Recht – die Enthüllung seiner Geheimpläne befürchtete. Britische Geheimdienstoffiziere, die die deutschen Depeschen mitlasen, nahmen ihn bei seiner Ankunft in England fest, unterzogen ihn im Tower von London einem kursorischen Verhör und überstellten ihn dann an das US-Justizministerium, damit er in den Vereinigten Staaten vor Gericht gestellt und verurteilt werden konnte.

»So etwas hat Amerika noch nie zuvor erlebt«, sagte Präsident Wilson nach von Rintelens Verhaftung vor dem Kongress. »Bis vor kurzem wäre etwas Derartiges unvorstellbar gewesen. Und weil es unvorstellbar war, haben wir keine Vorkehrungen getroffen.«

Terroristen und Anarchisten seien jetzt »die größte Bedrohung unseres nationalen Friedens und unserer nationalen Sicherheit«, fuhr der Präsident fort. »Diese Kreaturen des Fanatismus, der Illoyalität und der Anarchie müssen vernichtet werden […] Die Hand der Staatsgewalt sollte sich sofort über ihnen schließen.«[9] J. Edgar Hoover und das FBI wurden zu Werkzeugen dieser Staatsgewalt.

2Revolution

»Ich glaube an die Macht«, schrieb Präsident Theodore Roosevelt im Juni 1908, als er beschloss, jenes Instrument zu schaffen, aus dem später das FBI hervorgehen sollte. Der amerikanische Präsident besitze »mehr Macht als jeder andere Amtsträger in einer großen Republik oder einer konstitutionellen Monarchie der modernen Zeit«, erklärte er voller Stolz. »Ich habe jedes Quäntchen dieser Macht genutzt.« An der Wende zum 20. Jahrhundert durch den Anschlag eines Anarchisten auf den amtierenden Präsidenten an die Macht gekommen, kämpfte Roosevelt für die Durchsetzung der Demokratie und der politischen Ordnung und für einen Staat, in dem Recht und Gesetz regieren.[1]

Hervorgegangen aus einer Revolution und der Freiheit verpflichtet, hatte Amerika, vom Bürgerkrieg zerrissen und wiedervereinigt, durch die massive Einwanderung von Menschen auf der Suche nach Freiheit ein neues Gesicht bekommen. An der Wende zum 20. Jahrhundert wurden auch die letzten wilden Territorien im Westen, wo es noch keine staatliche Verwaltung gab, zu US-Bundesstaaten. Die Erschließung der Berge und Wüsten war nahezu beendet. Rund 76 Millionen Menschen lebten damals in den Vereinigten Staaten, mehr als die Hälfte von ihnen in kleinen Städten und Dörfern. Während Amerika um die Zivilisierung seiner Grenzgebiete rang, waren große Landstriche nach wie vor recht- und gesetzlos. U.S. Marshals agierten als Sheriffs und schlossen sich zu Suchtrupps zusammen, stets in Gefahr, von Desperados getötet zu werden.

In den amerikanischen Städten, wo sich Geld und Macht, Erfindergeist und Wissen konzentrierten, platzten die ärmeren Viertel der Einwanderer aus allen Nähten. Der Verheißung von Freiheit und Glück folgend, hatten sie sich in die Neue Welt aufgemacht. Um 1900 erzeugten die amerikanische Industrie und ihre Arbeiter mit fast einem Viertel der globalen Güterproduktion das größte Kapitalvolumen weltweit. Mit dem Aufstieg Amerikas zu einem Giganten wuchs der Einfluss des Unternehmertums gewaltig. Industrie-Tycoone strebten nach der Kontrolle über das Heer von Arbeitern, dem sie ihren Reichtum verdankten. Während Amerika zu einer globalen Macht aufstieg, verstärkte sich mit jeder neuen Einwanderungswelle aus der Alten Welt die Furcht vor einem Umsturz durch ausländische Kräfte. Revolutionäre brachten gefährliche Ideen aus Deutschland, Italien und Russland ins Land. Ihre Flugblätter und ihr Protest richteten sich gegen die politische Ordnung Amerikas. In den Bergwerken, Fabriken und Sweatshops des Landes arbeiteten Menschen, die zuvor unter Königen und Zaren gelebt hatten. Sie hegten den Traum von einer besseren Welt. Die Radikalsten unter ihnen träumten vom Untergang der alten Ordnung und vom Aufstieg eines politischen Utopia, in dem die Verdammten dieser Erde herrschten.

»Die Zeit der großen sozialen Revolutionen ist gekommen«, hatte Roosevelt 1895 geschrieben. Es war das Jahr, in dem er zum Leiter der New Yorker Polizeibehörde ernannt und in dem Hoover geboren wurde. »Wir alle blicken in die Zukunft und versuchen, das Wirken der großen blinden Kräfte vorherzusehen, die von der gewaltigen industriellen Revolution dieses Jahrhunderts entfesselt worden sind. Wir wissen nicht, was wir von den gigantischen Bevölkerungsverschiebungen, dem Wachstum der Städte, der Unruhe und Unzufriedenheit der Massen halten sollen.«[2]

Eine dieser neu entfesselten, gewaltigen und blinden Kräfte war die Anarchie, die die Grundpfeiler der westlichen Zivilisation zum Einsturz bringen wollte. Anarchisten hatten 1894 den französischen Staatspräsidenten ermordet, 1897 den spanischen Premierminister, 1898 die österreichische Kaiserin, 1900 den italienischen König und 1901 den US-Präsidenten William McKinley. Nach McKinleys gewaltsamem Tod zog Theodore Roosevelt ins Weiße Haus ein und war mit zweiundvierzig Jahren der jüngste Präsident in der amerikanischen Geschichte. In seiner ersten großen Rede vor dem Kongress im Dezember 1901 erklärte er, Anarchie sei »ein Verbrechen gegen die gesamte menschliche Rasse«. Er forderte neue Gesetze, um zu verhindern, dass Personen, die den Sturz der Regierung anstrebten, in den Vereinigten Staaten leben konnten.[3]

»Diese Leute müssten alle herausgefischt werden«

Präsident Roosevelt hatte die imperiale Macht gekostet und Geschmack daran gefunden. Im Alleingang fasste er den Entschluss, einen großen Kanal durch den panamesischen Dschungel graben zu lassen. Im Alleingang beschloss er, die amerikanische Kriegsflotte um die Welt zu schicken, um die neue militärische Stärke der Vereinigten Staaten zu demonstrieren. Er wusste, dass das Ausland zurückschlagen würde, wenn Amerika seine weltweiten Machtansprüche demonstrieren würde. Doch in den ersten Jahren seiner Präsidentschaft besaß Präsident Roosevelt keine wirkliche Macht, um kriminelle Handlungen gegen die Vereinigten Staaten zu bekämpfen. Sein Justizministerium musste erst lernen, Rechtsstaatlichkeit durchzusetzen.

1870 gegründet, fünf Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs, hatte das Justizministerium mit dem Justizminister an der Spitze die Aufgabe, einer zerrissenen Nation Recht und Ordnung aufzuerlegen. Der Justizminister und sein Stab hatten ein Gebäude bezogen, das eine Straße vom Weißen Haus entfernt lag. Die drei oberen Etagen der Freedman’s Savings Bank – die nach Kanalisation stanken – blieben für das restliche 19. Jahrhundert ihr Domizil. Der Kongress erteilte ihnen die Befugnis, kriminelle Akte gegen die Vereinigten Staaten aufzudecken und strafrechtlich zu verfolgen. Für dieses hohe Ziel stellte er ihnen die beachtliche Summe von 50000 Dollar pro Jahr zur Verfügung, versäumte es aber, entsprechende rechtliche Regelungen zu erlassen.

Vier US-Präsidenten des 19. Jahrhunderts nahmen die Dienste der mächtigsten privaten Detektivagentur des Landes in Anspruch, der Pinkerton National Detective Agency: für polizeiliche und geheimdienstliche Aufgaben und als Instrument des politischen Kampfes. »Ich war immer dagegen, Detektive zu beauftragen und zu bezahlen«, schrieb Justizminister Benjamin Brewster 1884. Er tat es trotzdem.[4]

Der Gründer der Agentur, Allan Pinkerton, hatte im Bürgerkrieg Spionageaufträge durchgeführt und für Präsident Abraham Lincoln den Secret Service aufgebaut. Seine Detektive übernahmen Spitzeldienste für Eisenbahn- und Stahlmagnaten, betätigten sich als Streikbrecher und schlugen Arbeiterführern den Schädel ein. Sie bezahlten Informanten, deren Identität durch Decknamen geschützt war. Sie schreckten nicht davor zurück, Beweise zu manipulieren, Dokumente zu stehlen und das Gesetz zu brechen, um dem Gesetz Geltung zu verschaffen, oder im Namen der öffentlichen Ordnung Gewalt anzuwenden. 1892, nachdem bei einer Eskalation in der Carnegie Steel Company in Homestead, Pennsylvania, drei von Pinkertons Agenten und fünf Arbeiter ums Leben gekommen waren, untersagte der Kongress der Regierung die weitere Zusammenarbeit mit dieser Firma. Das Weiße Haus musste jetzt ohne die Erfahrungen, Gerissenheit und rohe Gewalt der Privatdetektive auskommen.

Nach McKinleys Ermordung schlug einer von Pinkertons Leuten vor, eine neue staatliche Behörde zu gründen, die sich dem Kampf gegen Amerikas Radikale widmen sollte. »Diese Leute müssten alle herausgefischt und permanent überwacht werden«, schrieb Robert A. Pinkerton.[5] 1903, mit neuen Gesetzen, die Anarchisten den Aufenthalt in den Vereinigten Staaten untersagten, begannen das Justiz- und das Arbeitsministerium, Geheimdossiers über ausländische Radikale anzulegen.

Der Republikaner Roosevelt wollte Plutokraten wie Anarchisten bekämpfen. Die rücksichtslose Ausbeutung von staatlichem Land zur Gewinnung von Öl, Kohle, Mineralien und Holz bestürzte Roosevelt, den Gründer der amerikanischen Nationalparks. Kriminelle Geschäftemacher teilten öffentliches Eigentum untereinander auf und zahlten den Politikern Bestechungsgelder, damit diese ihre betrügerischen Machenschaften deckten. Ihre Waffe, mit der sie Millionen Hektar Land plünderten, die letzten noch unerschlossenen Gebiete Amerikas, waren Tausend-Dollar-Scheine.

Eine bundesstaatliche Untersuchung unter Mitwirkung des Geheimagenten William J. Burns hatte 1905 zur Anklage und Verurteilung von Senator John H. Mitchell und dem Abgeordneten John H. Williamson, beide aus Oregon, geführt. Die beiden Republikaner waren mitverantwortlich für die rücksichtslose Abholzung der großen Wälder des Kaskadengebirges. In ihrem Leitartikel traf eine Zeitung aus Oregon die zutreffende Einschätzung, Burns und seine Fahnder von der Regierung hätten sich der »Methoden russischer Spione und Detektive« bedient. Der Senator starb während des Berufungsverfahrens. Die Verurteilung des Kongressabgeordneten wurde vom Obersten Gerichtshof wegen Burns’ »unerhörter Vorgehensweise« aufgehoben, unter anderem wegen seiner dreisten Beeinflussung von Geschworenen und Zeugen. Burns quittierte den Staatsdienst und wurde als Detektiv amerikaweit bekannt für sein Geschick beim Abhören von Telefonen und bei der Installation von Wanzen in Hotelzimmern. Burns wurde schließlich Hoovers Vorgesetzter beim FBI.[6]

Die Ausplünderung unerschlossenen Landes durch Betrüger und Spekulanten ging jedoch auch nach der Verurteilung von Mitchell und Williamson ungehindert weiter. Der Präsident war außer sich. »Roosevelt versicherte in seiner gewohnt dynamischen Art, die Plünderer öffentlichen Landbesitzes würden strafrechtlich verfolgt und vor Gericht gestellt«, heißt es 1943 in einem Memorandum von Special Agent Louis Findlay, der 1911 ins FBI eintrat. Sein Memorandum an Hoover ist ein einzigartiges Zeugnis für die Ursprünge des FBI, die von seinen Schöpfern aus gutem Grund im Dunkeln gehalten wurden.[7] »Roosevelt bestellte Justizminister Charles J. Bonaparte ins Weiße Haus, teilte ihm mit, er wünsche eine konsequente Strafverfolgung der betrügerischen Landverkäufe, und ordnete an, ihm das zur Aufklärung notwendige Fahndungspersonal zur Verfügung zu stellen.«

Justizminister Bonaparte, einer der wenigen amerikanischen Blaublütigen, war der Großneffe Kaiser Napoleons I., ein Enkel des Königs von Westfalen und ein enger Freund und Berater Theodore Roosevelts. Beide waren fortschrittliche Aristokraten, Reformer und Moralisten. Beide befürworteten die besonnene Anwendung von Gewalt im Namen von Recht und Gesetz. Roosevelt wollte die Streikenden Schlagstock und Keule spüren lassen; Bonaparte war überzeugt, der Einsatz von Gewalt seitens der Ordnungshüter könne der Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung dienen.

Bonaparte forderte vom US-Geheimdienst geschultes Personal an, um die notwendigen Ermittlungen vorschriftsmäßig durchzuführen, und erhielt eine große Truppe von Leuten, die zur Untersuchung der betrügerischen Landverkäufe losgeschickt wurden, erinnerte sich Findlay. Der Präsident war unzufrieden: »Er teilte Mr Bonaparte in der für Präsident Roosevelt typischen emphatischen Sprache mit, der Bericht sei beschönigend. Er wolle die Fakten, alle Fakten, die wahren Fakten, und falls es etwas zu beschönigen gebe, werde er das selbst erledigen«, heißt es in dem Bericht.

»Präsident Roosevelt beauftragte Bonaparte, eine Untersuchungsbehörde innerhalb des Justizministeriums einzurichten, die keinem anderen Ministerium und keiner anderen Behörde unterstellt und einzig und allein dem Justizminister gegenüber rechenschaftspflichtig ist.« Die Order des Präsidenten »führte zur Schaffung des Bureau of Investigation«.

Laut Gesetz musste der Justizminister das Repräsentantenhaus und den Senat bitten, diese Behörde ins Leben zu rufen. »Das Justizministerium verfügt über kein Vollzugsorgan und hat insbesondere keine ständige Polizeieinheit unter seiner unmittelbaren Kontrolle«, schrieb Bonaparte an den Kongress. Damit sei es »zur Erfüllung seiner Aufgaben sicherlich nicht im vollem Umfang gerüstet«.[8] Er ersuchte in aller Form um die finanziellen Mittel und die Erlaubnis zur Bildung »einer kleinen, sorgfältig ausgewählten und erfahrenen Einheit.«

Dieses Gesuch lehnte der Kongress am 27. Mai 1908 nachdrücklich ab. Er befürchtete, der Präsident wolle eine amerikanische Geheimpolizei aufbauen. Diese Angst war nicht unbegründet, hatte doch der Präsident schon in der Vergangenheit Privatdetektive als politische Spitzel eingesetzt.

»Das amerikanische Staatsverständnis«, so der demokratische Abgeordnete Joseph Swagar Sherley aus Kentucky, verbiete es, »Menschen zu bespitzeln und in dem herumzuschnüffeln, was man ihre Privatangelegenheiten nennt«. Auch der republikanische Abgeordnete und spätere Berufungsrichter an einem Bundesgericht Walter I. Smith aus Iowa lehnte die Schaffung eines »Spionagesystems« in Amerika entschieden ab. Der demokratische Abgeordnete John J. Fitzgerald aus New York warnte vor »einem zentralen Polizei- oder Bespitzelungssystem der Bundesregierung«. Der republikanische Abgeordnete George E. Waldo, gleichfalls aus New York, sagte, es wäre »ein schwerer Schlag für die Freiheit und die freiheitlichen Institutionen, wenn in diesem Land eine so große zentrale Geheimdienstbehörde wie in Russland entstünde«.[9]

Der Kongress untersagte es dem Justizministerium, auch nur einen Penny für Bonapartes Projekt auszugeben. Der Justizminister umging dieses Verbot. Sein Manöver mochte ein Rechtsbruch sein, doch es entsprach dem Geist des Präsidenten.

Theodore Roosevelt war im Zweifelsfall willens, sich über die Traditionen des amerikanischen Rechts und der amerikanischen Politik hinwegzusetzen, »bereit, die Verfassung in den Hinterhof zu kicken, wann immer sie ihm in die Quere kommt«, wie Mark Twain sich ausdrückte. Das FBI verdankte seine Entstehung dieser dreisten Missachtung aller rechtlichen und verfassungsmäßigen Gepflogenheiten.[10]

»Der Justizminister weiß oder sollte wissen«

Bonaparte wartete die Sitzungspause des Kongresses Ende Juni ab. Dann entnahm er dem Budget des Justizministeriums Gelder, um acht erfahrene Geheimagenten als feste Ermittler zu beschäftigen. Am 26. Juli 1908 unterzeichnete Bonaparte die offizielle Weisung zur Schaffung einer neuen Ermittlungsabteilung mit 34 »Special Agents«. Er musste das Geld und die Leute, die der Präsident gefordert hatte, erbetteln, leihen oder stehlen. Zum ersten Leiter des Bureau of Investigation ernannte er Stanley W. Finch, einen Buchhalter, der zu diesem Zeitpunkt in Washington noch nicht als Jurist zugelassen war.[11]

»Die Schwierigkeiten bei der Rekrutierung einer vertrauenswürdigen und effizienten Detektiveinheit [sind] beträchtlich«, warnte Bonaparte den Präsidenten. Diese Einheit müsse »sich im Milieu von Kriminellen bewegen, und die Mitarbeiter sind häufig gezwungen, Personen von äußerst niedrigen moralischen Maßstäben zu treffen und sich bei ihrer Tätigkeit ihrer zu bedienen.« Detektive seien »oft versucht, den erwünschten Beweis zu manipulieren«, sagte Bonaparte. Der Justizminister sei derjenige, der für ihre Tätigkeit »von Rechts wegen die Verantwortung zu tragen« habe.[12]

Der Kongress wurde über die Schaffung des Bureau of Investigation erst im Nachhinein informiert: im Dezember 1908, mit ein paar dürren Zeilen in Bonapartes Jahresbericht über die Tätigkeit des Justizministeriums. »Für das Ministerium war es notwendig geworden, eine eigene Special-Agents-Einheit zu schaffen«, schrieb er. »Es war ein ungewollter Schritt seitens dieses Ministeriums.« Damit verschleierte er die Wahrheit, denn die Schaffung der Behörde war vom Präsidenten angeordnet worden.

Bonaparte versicherte dem Kongress, das Bureau sei keine Geheimpolizei und werde nicht zur politischen Überwachung eingesetzt. Es stehe über der Politik. Der Justizminister als der oberste Strafvollstreckungsbeamte befehlige und überwache die Agenten dieser Behörde. »Der Justizminister weiß oder sollte jederzeit wissen, was sie tun«, versprach er.[13]

Die große Kluft zwischen »weiß« und »sollte wissen« wurde zu einem gefährlichen Abgrund, als J. Edgar Hoover an die Macht kam.

3Verräter

Am 1. August 1919 wurde Hoover Leiter der neugeschaffenen Radical Division des Justizministeriums und besaß damit eine in der Regierung der Vereinigten Staaten einzigartige Machtfülle.

Hunderte von Agenten und Informanten, die für das Bureau of Investigation tätig waren, standen unter seiner Kontrolle. Unter dem Vorwurf des politischen Umsturzes konnte er so gut wie jeden festnehmen lassen. Er initiierte eine landesweite Kampagne der politischen Kriegsführung gegen die Staatsfeinde. Er war immer noch erst vierundzwanzig Jahre alt.

In den zwei Jahren, seitdem Hoover im Staatsdienst war, hatten die Vereinigten Staaten militärische Schlachten gekämpft und gewonnen. Jetzt führten sie einen politischen Krieg gegen den Feind an der Heimatfront.

Seit Beginn des Ersten Weltkriegs hatten das Justizministerium und das Bureau of Investigation ihre Macht gegen Amerikaner und gegen Ausländer eingesetzt. Präsident Wilson hatte gewarnt, »nichtswürdige Spione und Verschwörer« hätten »in unserem Land Aufruhr gestiftet«.[1] Er betonte, »viele aus unserem eigenen Volk« seien von ausländischen Agenten »verführt« worden. Die amerikanischen Staatsbürger, die sich gegen den Krieg stellten, warnte er, seien faktisch feindliche Kombattanten. »Wehe dem, der allein oder im Verein mit anderen uns in den Weg zu treten sucht«, erklärte Wilson.

Die Vorgehensweise bei Massenfestnahmen und Internierungen hatte sich Hoover in seinen ersten fünf Jahren im Justizministerium angeeignet. Am Tag des Kriegseintritts verfügte das Justizministerium über eine Liste mit 1400 politisch verdächtigen Deutschen, die in den Vereinigten Staaten lebten. 98 Personen wurden sofort ins Gefängnis gesteckt, 1172 wurden als Bedrohung der nationalen Sicherheit betrachtet und konnten jederzeit verhaftet werden. Sie waren die ersten politischen Verdächtigen, für die Hoover im Justizministerium zuständig war.

Das Bureau hatte unter Berufung auf das Spionagegesetz von 1917 das erste Überwachungsprogramm der amerikanischen Geschichte in Gang gesetzt. Radikale wurden verfolgt, Telefone abgehört und Briefe geöffnet. Nach dem Spionagegesetz konnten der Besitz und die Verbreitung von Informationen, die die Sicherheit Amerikas gefährdeten, mit dem Tod bestraft werden. Eine Gefängnisstrafe hatte zu erwarten, wer illoyale Gedanken »äußerte, druckte, schrieb oder veröffentlichte«. Insgesamt 1055 Personen wurden nach dem Spionagegesetz verurteilt. Unter ihnen befand sich nicht ein einziger Spion. Die meisten waren politisch Andersdenkende, die den Krieg ablehnten. Ihr Verbrechen waren Worte, nicht Taten.

Rose Pastor Stokes, eine mit einem amerikanischen Millionär und Sozialisten verheiratete russische Immigrantin, wurde nach dem Spionagegesetz zu zehn Jahren Haft verurteilt, weil sie gesagt hatte, »eine Regierung, die für die Profiteure« sei, könne »nicht gleichzeitig für das Volk sein«. Eugene V. Debs, der Vorsitzende der amerikanischen Sozialistischen Partei, wurde verurteilt, weil er sich gegen ihre Verurteilung ausgesprochen hatte. Debs hatte als Wilsons Gegenkandidat fast eine Million Wählerstimmen gewonnen, doch seinen nächsten Präsidentschaftswahlkampf sollte er vom Gefängnis aus führen.

»Ich glaube an das Recht auf freie Meinungsäußerung, im Krieg wie im Frieden«, sagte Debs vor Gericht. »Wenn das Spionagegesetz bestehen bleibt, bedeutet das den Tod der Verfassung der Vereinigten Staaten.« Sein Ankläger Edwin Wertz vom Justizministerium konterte, Debs sei eine Gefahr für die Gesellschaft, weil seine Worte den Geist der Amerikaner entflammten. »Wenn er freikäme, könnte jedermann in ein voll besetztes Theater spazieren […] und ›Feuer‹ rufen, obwohl gar kein Feuer ausgebrochen ist.« Der Oberste Gerichtshof bestätigte einstimmig das Urteil der zehnjährigen Haftstrafe. Richter Oliver Wendell Holmes, der berühmteste Jurist Amerikas, schrieb, die Sozialisten hätten Worte benutzt, »die eine gewalttätige Wirkung« entfalten konnten. Sie stellten eine »klare und akute Gefahr« für das Land dar.[2]

Als der Krieg andauerte, forderte Senator Lee Overman, ein Republikaner aus North Carolina und prominentes Mitglied des Rechtsausschusses des Senats, der das Justizministerium überwachte, ein härteres Vorgehen des Bureaus gegen »Verräter, Schurken und Spione«.[3]

Der Senator warnte, 100000 ausländische Agenten würden die Vereinigten Staaten ausspionieren. Unter Berufung auf das Bureau verdoppelte und vervierfachte er die Zahl nach Lust und Laune – an einem Tag waren es 200000, am nächsten 400000.

Justizminister Thomas Gregory schrieb an einen Staatsanwalt im Justizministerium: »Es herrscht im Land eine ziemliche Hysterie bezüglich deutscher Spione. Wenn Sie so freundlich wären, sie mir einzeln oder im Dutzend zu schicken, werde ich Sie für Ihre Mühe belohnen. Wir sind ständig auf der Suche nach ihnen, aber es ist etwas schwierig, sie zu erschießen, bevor man sie gefunden hat.«[4]

Die Jagd auf ausländische Spione war ein fruchtloses Unterfangen. Heer und Marine, Außenministerium und Secret Service, U.S. Marshals und Polizeieinheiten in Großstädten rangelten mit dem Bureau of Investigation um Kompetenzen. Das Bureau stellte fest, dass es eine »enorme Überlappung von Ermittlungsaktivitäten zwischen den verschiedenen Behörden« gab, »deren gemeinsames Ziel es war, den Krieg zu gewinnen«, erinnerte sich der Agent Francis X. Donnell. »Es war nicht unüblich, dass ein Agent des Bureau im Verlauf seiner Untersuchung jemanden aufsuchte, um dann festzustellen, dass sechs oder sieben andere Regierungsbehörden diese Person in derselben Angelegenheit schon befragt hatten.«[5]

An der Jagd konnte sich jeder beteiligen. Justizminister Gregory und A. Bruce Bielaski, der Leiter des Bureau of Investigation während der Kriegszeit, unterstützten Unternehmer im ganzen Land, die die ultrapatriotische American Protective League (APL) finanzierten – Gangs, bestehend aus amerikanischen Staatsbürgern, die als subversiv Verdächtigte ausspionierten. Sie waren als Suchtrupps unterwegs und trugen Erkennungsmarken, die sie als Angehörige eines »Geheimdienstes« auswiesen. In ihrer Spitzenzeit hatte die APL 300000 Mitglieder. Die Eifrigsten unter ihnen verübten Einbrüche und verprügelten ihre amerikanischen Landsleute im Namen von Recht und Gesetz und der amerikanischen Flagge. Die Gerüchte, Verdächtigungen und Unterstellungen, die sie zusammentrugen, füllten die Akten des Bureau of Investigation.[6]

Präsident Wilsons Schwiegersohn, Finanzminister William G. McAdoo, warnte den Präsidenten, das Bündnis mit der American Protective League berge »die sehr ernste Gefahr von Missverständnissen, Verwirrung und sogar Betrug«. Das gab dem Präsidenten zu denken. Wilson fragte Justizminister Gregory, ob diese Vigilanten wirklich die besten Kräfte seien, die Amerika aufzubieten habe. Die Tätigkeit einer solchen Organisation in den Vereinigten Staaten sei »sehr gefährlich, und ich frage mich, ob es eine Möglichkeit gibt, sie aufzuhalten«, sagte Wilson. Er wisse, dass es »ein Versäumnis« sei, gegen das Chaos in den Regierungsbehörden »kein Mittel gesucht zu haben«. Gleichzeitig aber hegte er »immer noch Zweifel, welches das beste Mittel« war.[7]

Justizminister Gregory wusste eine Antwort. Während die Suchscheinwerfer über Amerika hinwegglitten und die Warnsirenen immer lauter heulten, setzte er das Bureau of Investigation als politische Kampftruppe ein.

Das Bureau führte während des Krieges zwei große politische Angriffe. Am stärksten betroffen waren die Industrial Workers of the World (IWW), eine linke Gewerkschaftsbewegung mit 100000 Mitgliedern in den Vereinigten Staaten. Die IWW hatten eine Antikriegsresolution verabschiedet, deren Sprache allein eine politische Straftat nach dem Spionageakt war. Der Justizminister wollte die IWW aus dem Verkehr ziehen. Präsident Wilson stimmte aus tiefstem Herzen zu. Die New York Times meinte, die Wortführer der Organisation seien »effektiv und vielleicht auch faktisch Agenten Deutschlands«, und stellte die Theorie auf, die Deutschen finanzierten die IWW, um die amerikanische Industrie zu unterminieren. Die Zeitung schlug vor, die »Bundesbehörden sollten mit diesen verräterischen Verschwörern kurzen Prozess machen«. Agenten des Bureau of Investigation und Mitglieder der American Protective League schlugen in 24 Städten überall in Amerika die Türen von Büros, Wohnhäusern und Versammlungssälen der IWW ein, nahmen tonnenweise Unterlagen mit und verhafteten hunderte Verdächtige. In drei Massenprozessen wurden 165 Führer der IWW nach dem Spionagegesetz zu Haftstrafen von bis zu 20 Jahren verurteilt.[8]

Politiker und Öffentlichkeit begrüßten die Verhaftungen. Der Ruf nach Gefängnisstrafen für Verräter, Schurken und Spione erscholl von den Kirchenkanzeln und kam von den Legislativorganen der einzelnen Bundesstaaten. Der Justizminister hatte leichtes Spiel. Im Frühjahr und Sommer 1918 ermächtigte er das Bureau of Investigation, die »Drückeberger« zu jagen, die sich für den Militärdienst nicht hatten registrieren lassen.

Die größte Razzia begann am 3. September und dauerte drei Tage. Es war die ehrgeizigste Operation in der bislang zehnjährigen Geschichte des Bureau of Investigation. 35 Agenten arbeiteten unter Leitung von Charles de Woody, dem Chef des New Yorker Büros der Behörde. Sie wurden von rund 2000 Mitgliedern der American Protective League, von 2350 Soldaten des Heeres und der Marine und von mindestens 200 Polizeibeamten unterstützt. Sie durchstreiften nach Einbruch der Dunkelheit die Straßen von Manhattan und Brooklyn, setzten mit der Fähre über den Hudson und schwärmten in Newark und Jersey City aus. Bei der Aktion wurden zwischen 50000 und 65000 Personen festgenommen. Die Agenten verhafteten die Verdächtigen mitten auf der Straße, holten sie aus Restaurants, Bars und Hotels und steckten sie in die Kreisgefängnisse und die Zeughäuser der Nationalgarde. Über 1500 Kriegsdienstverweigerer und Deserteure wurden aufgespürt, zehntausende jedoch unschuldig verhaftet und eingesperrt. Als Justizminister Gregory versuchte, sich von den Razzien zu distanzieren, machte ihm de Woody einen Strich durch die Rechnung.

»Ich lasse mich nicht zum Sündenbock machen«, sagte er herausfordernd. »Alles, was ich im Rahmen dieser Razzia getan habe, habe ich unter der Regie des Justizministers und des Direktors des Bureau of Investigation getan.«[9]

Das politische Gewitter wegen der unbegründeten Festnahmen und Inhaftierungen so vieler Menschen verzog sich rasch. Doch Justizminister Gregory und der Direktor des Bureau Bielaski traten wenig später zurück. Ihr Name und ihre Reputation sind verblasst, ihr Vermächtnis jedoch wurde von Hoover weitergeführt.

»Die schwerwiegendste Bedrohung für dieses Land«

In den letzten Wochen des Ersten Weltkriegs beherrschte die Angst vor den Kommunisten die amerikanische Regierung.

Präsident Wilson schickte 14000 amerikanische Soldaten zum Kampf gegen die bolschewistischen Revolutionäre in die Eiseskälte der russischen Frontlinien. Sie kämpften immer noch, als in Europa am 11. November 1918 die Waffen schwiegen. In der ersten Schlacht Amerikas gegen den Kommunismus wurde mit scharfer Munition geschossen.

Der Präsident führte auch einen politischen Kampf gegen Russlands Radikale. Zum Entsetzen seiner Spitzenberater genehmigte Wilson persönlich die Veröffentlichung von Geheimdossiers, die belegen sollten, dass die Führer der russischen Oktoberrevolution von der deutschen Regierung bezahlte Agenten waren. Die Dokumente waren von einem von Wilsons Propagandaexperten ins Weiße Haus geschickt worden, der glaubte, damit den »größten Coup der Geschichte« gelandet zu haben. Der Präsident konsultierte niemanden in der Frage ihrer Echtheit. Es waren Fälschungen, plumpe Fälschungen, die ein zaristischer Betrüger an einen leichtgläubigen Amerikaner verkauft hatte, doch sie veränderten die politische Debatte in Amerika.[10]

Auch der Kongress schloss sich jetzt dem Krieg gegen den Kommunismus an. Im Januar 1919 begannen im US-Senat die Anhörungen zur kommunistischen Bedrohung unter dem Vorsitz von Senator Lee Overman vom Rechtsausschuss. Das Justizministerium gewährte Senator Overman uneingeschränkten Zugang zu den Unterlagen des Bureau of Investigation. Im Gegenzug stellte sein Ausschuss dem Bureau Abschriften sämtlicher Berichte aus allen anderen Regierungsbehörden zur Verfügung, die sich in seinem Besitz befanden. Diese Dokumente bildeten den Grundstein für J. Edgar Hoovers Karriere.

Die Zeugenaussage des New Yorker Anwalts Archibald Stevenson, eines selbsternannten Sowjetexperten, verdeutlicht den Ton dieser Anhörungen.

»Der Plan ist also, eine Regierung innerhalb dieser Regierung zu bilden?«, fragte Senator Overman. »Und diese Regierung zu stürzen?«

»Genau«, sagte Stevenson.

»Und Sie glauben, dass die Bewegung in diesem Land ständig wächst?«

Stevenson bejahte und sagte, es sei »heute die schwerwiegendste Bedrohung für dieses Land«.

»Können Sie uns sagen, was man dagegen tun kann?«, fragte der Senator.

»Die ausländischen Agitatoren sollten ausgewiesen werden«, sagte er, und »amerikanische Staatsbürger, die die Revolution befürworten, sollten bestraft werden.« Das Justizministerium und das Bureau of Investigation sollten allen in Amerika Fingerabdrücke abnehmen. Amerikanische Staatsbürger und Ausländer gleichermaßen sollten verpflichtet werden, einen Personalausweis bei sich zu tragen.

Abschließend sagte Senator Overman, es sei höchste Zeit, dass »diese Aussage dem amerikanischen Volk bekannt wird, damit es erfährt, was in diesem Land vor sich geht.«

Im Senat wuchs die Angst vor einer kommunistischen Gefahr, doch in der Bevölkerung schwand der für den Weltkrieg mobilisierte Kampfgeist zusehends. Neun Millionen Amerikaner, die in der Kriegsindustrie gearbeitet hatten, wurden entlassen. Sie fanden nur schwer einen neuen Arbeitsplatz, und das Geld reichte hinten und vorne nicht, denn die Lebenshaltungskosten hatten sich seit Kriegsbeginn fast verdoppelt. Während vier Millionen US-Soldaten nach Hause zurückkamen, gingen vier Millionen amerikanische Arbeiter in den Streik. Eine solche Konfrontation zwischen den Arbeitern und den Bossen hatten die Vereinigten Staaten noch nie erlebt. Für die Hüter von Recht und Ordnung steckten hinter alldem die Kommunisten.

Am 21. Januar 1919, dem Tag der ersten Anhörung zur kommunistischen Bedrohung im Senat, legten 35000 Werftarbeiter in Seattle die Arbeit nieder. Der Aufstand wurde von Bundessoldaten niedergeschlagen, aber die Streikbereitschaft wuchs im ganzen Land: in den Kohlebergwerken und Stahlwerken, unter den Textilarbeitern und Telefonisten sowie bei den Polizisten von Boston. Hunderte und aberhunderte Streiks streuten Sand ins Getriebe der amerikanischen Industrie. Die Angst vor einer politischen und wirtschaftlichen Krise nahm im ganzen Land zu.

Das Weiße Haus blieb verlassen zurück, als Präsident Wilson an Bord der USSGeorge Washington den Atlantik überquerte, um Kriegen ein für alle Mal ein Ende zu setzen. Er und seine engsten Berater gingen nach Frankreich, um seinen Traum von einer League of Nations zu verwirklichen, einem globalen Bündnis, das den Frieden sichern sollte. Wilson nannte es einen »Bund«; seine ganze Mission hatte etwas Messianisches. Seine Kriegsverbündeten England und Frankreich fanden Wilson unerträglich scheinheilig. Ihr Interesse galt der Bestrafung Deutschlands und nicht dem Aufbau einer neuen Welt auf der Grundlage von Wilsons Visionen.

Ohne einen Friedensvertrag standen die Vereinigten Staaten immer noch im Krieg mit dem Ausland. Und ohne den Präsidenten im Weißen Haus hatte das Land niemanden, der den Krieg im eigenen Land führte.

Wilson war vom 4. Dezember 1918 bis zum 24. Februar 1919 fern der Vereinigten Staaten. Neun Tage nach seiner Rückkehr brach er erneut nach Frankreich auf und blieb vier Monate. Am Tag, an dem er sich zum zweiten Mal einschiffte, ernannte er einen alten politischen Verbündeten zum neuen Justizminister.

A. Mitchell Palmer, ein stattlicher, siebenundvierzig Jahre alter dreimaliger Kongressabgeordneter aus Pennsylvania, war ein pazifistischer Quäker und ein gewandter Redner, flexibel in seinen Grundsätzen und mit großen Ambitionen. Ein hochrangiges Mitglied des Democratic National Committee, der landesweiten Organisation der Demokratischen Partei, war er beim Nominierungsparteitag der Demokraten 1912 Wilsons Wahlkampfmanager gewesen. 1918 hatte er das Alien Property Office (das »Amt für Feindvermögen«) des Justizministeriums nach Gutsherrenart geleitet und Freunden und Unterstützern beschlagnahmtes deutsches Vermögen und Patente im Wert von Millionen Dollar übertragen. Jetzt ergriff er die Chance, die Leitung des Justizministeriums zu übernehmen.

Palmer hatte ein großes Ziel vor Augen. Er träumte davon, der nächste Präsident der Vereinigten Staaten zu werden.

»Wir werden euch in die Luft sprengen!«

Ende April 1919 wurden sechsunddreißig braune Packpapierpakete mit Dynamit von der Post befördert. Sie waren Teil des größten politischen Mordkomplotts in der Geschichte der Vereinigten Staaten.

Am 29. April erreichte die erste Bombe das Haus von Thomas W. Hardwick in Atlanta, der soeben seinen Sitz als US-Senator für Georgia aufgegeben hatte. Hardwick hatte sich für den Anarchist Exclusion Act, das Anarchistenausschlussgesetz, starkgemacht, das die Deportation radikaler Ausländer erlaubte. Die Bombe riss seiner Haushälterin die Hände ab.

Keines der Pakete erreichte das designierte Opfer. Ein Postbediensteter in New York entdeckte im Regal für Nachporto 16 dieser Briefbomben: Die Attentäter hatten die Pakete nicht ausreichend frankiert. Die potentiellen Mörder, offenkundig halbe Analphabeten, hatten die Namen einiger Empfänger falsch geschrieben. Doch die Liste der mutmaßlichen Anschlagsopfer war ausgeklügelt.

Ganz oben stand Justizminister Palmer, gefolgt von Oliver Wendell Holmes, dem Richter am Obersten Gerichtshof, und von Richter Kenesaw Mountain Landis, der mehr als hundert Urteile nach dem Spionagegesetz gefällt hatte. Auch fünf Kongressabgeordnete standen auf der Todesliste, unter ihnen Senator Overman; weiterhin der Arbeitsminister und der Einwanderungsbeauftragte, die beide für Ausweisungen nach dem Anarchist Exclusion Act verantwortlich waren, sowie der Bürgermeister und der Chef der New Yorker Polizei. Am prominentesten waren die führenden Bankiers John D. Rockefeller und J. P. Morgan. Am wenigsten bekannt war der Agent des Bureau of Investigation Rayme Finch, ein dicklicher Neunundzwanzigjähriger mit Halbglatze.

Finch hatte monatelang Mitglieder einer Gruppe italienischer Anarchisten gejagt, deren Anführer Luigi Galleani war, der Gründer der anarchistischen Zeitung Cronaca sovversiva. Rund 50 seiner Anhänger nahmen seinen Aufruf zur blutigen Revolution, zu politischen Attentaten und Sprengstoffanschlägen wörtlich, um Angst und Schrecken unter der herrschenden Klasse zu verbreiten. Gebildetere Revolutionäre zogen einen klaren Trennstrich zwischen der Propaganda des Worts und der Propaganda der Tat. Galleani war ein Mann der Tat.

Finch und eine Handvoll seiner Kollegen im Bureau of Investigation hatten eine Spur vom Ohio-Tal bis zum Atlantik verfolgt, was an einem Tag im Februar 1918 mit einer Razzia gegen das Büro der Cronaca sovversiva in Lynn, Massachusetts, endete. Die Razzia führte zu Galleanis Verhaftung und ein Jahr später zu einem Gerichtsbeschluss, der die Deportation Galleanis und acht seiner engsten Gefolgsleute nach dem neuen Anarchistenausschlussgesetz vorsah. Ende Januar 1919 ging Galleani in die letzte Berufung, als in den Textilstädten von Massachusetts und Connecticut ein Flugblatt erschien, das von den »amerikanischen Anarchisten« unterzeichnet war. Es kündigte einen »Blut- und Feuersturm« an.

»Die Deportation wird nicht verhindern, dass der Sturm diese Ufer erreicht«, hieß es darin. »Deportiert uns! Wir werden euch in die Luft sprengen!«

In der Nacht zum 2. Juli 1919 gingen in sieben Städten neun weitere Bomben hoch. Auch diesmal überlebten die Personen, die Ziel der Anschläge hätten werden sollen, unter ihnen ein New Yorker Stadtrichter. Ein Nachtwächter, der auf der Straße unterwegs war, wurde getötet. In Cleveland sollte der Bürgermeister, in Pittsburgh ein Richter an einem Bundesgericht und ein Einwanderungsinspektor getötet werden; in Boston ein Bezirksrichter und ein Abgeordneter. In Philadelphia zerstörten die Attentäter eine Kirche, in Paterson, New Jersey, das Haus eines Geschäftsmanns.

In Washington, D. C., sprengte sich ein junger Mann vor Justizminister Palmers Haus in die Luft. Die Explosion erschütterte die eleganten Stadthäuser in dieser Straße, als der siebenunddreißigjährige Staatssekretär im Marineministerium, Franklin Delano Roosevelt, am späten Abend mit seiner Frau Eleanor von einem Essen nach Hause zurückkehrte. Die Fensterscheiben auf der Vorderseite ihres Hauses in 2131 R Street in Washington wurden zerschmettert. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand Justizminister Palmer in den Trümmern seines Wohnzimmers. Die Fassade seines Hauses war stark beschädigt.

Die Gehsteige waren mit Glassplittern, abgerissenen Ästen, Fleisch- und Knochenstücken übersät. Es dauerte lange, um zu ermitteln, dass es sich bei den ringsum verstreuten Körperteilen aller Wahrscheinlichkeit nach um die sterblichen Überreste des dreiundzwanzigjährigen Einwanderers Carlo Valdinoci handelte, des Verlegers der Cronaca sovversiva.

Exemplare einer neuen Schmähschrift gegen die Regierung, auf rosa Papier gedruckt, flatterten in den Trümmern. »Es herrscht Krieg, ein Krieg zwischen den Klassen, und ihr habt ihn begonnen unter dem Deckmantel der mächtigen Institutionen, die ihr Ordnung nennt, in der Dunkelheit eurer Gesetze«, hieß es darin. »Es wird Blut fließen; wir werden uns nicht drücken; es wird Morde geben müssen; wir werden töten, weil es notwendig ist; es wird Zerstörung geben müssen; wir werden zerstören, um die Welt von euren tyrannischen Institutionen zu befreien.« Unterzeichnet war das Pamphlet mit »Die anarchistischen Kämpfer«.

»Das Feuer der Revolution«

Die Außenstellen des Bureau of Investigation in Boston und Pittsburgh berichteten als Erste, dass Moskau hinter den Anschlägen stecke.

Palmer ging davon aus, dass die Roten dafür verantwortlich waren. Er war in derselben Woche Justizminister geworden, in der die Sowjets die Komintern gründeten, die Kommunistische Internationale. Lenin kündigte an, die Bewegung ziele auf den Umsturz der bestehenden Weltordnung, und forderte die Amerikaner offen auf, sich ihr anzuschließen.

Am Morgen des 3. Juni empfing Palmer in den Trümmern seiner Bibliothek eine kleine Delegation von Senatoren und Kongressabgeordneten. »Sie forderten mich eindringlich auf, von meiner ganzen Macht Gebrauch zu machen«, sagte er. »›Was immer Sie verlangen, Palmer, Sie werden es bekommen.‹« Auf der Titelseite sämtlicher amerikanischer Zeitungen versprach er, die Bombenattentäter zu jagen. Jetzt brauchte er nur noch Jäger.

Als Erstes ernannte er William J. Flynn, den ehemaligen Chef des Secret Service, zum neuen Leiter des Bureau of Investigation. Stolz präsentierte Palmer ihn der Presse als Amerikas herausragenden Ermittler. Flynn, ein New Yorker Cop vom alten Schlag mit Highschool-Abschluss, hatte als Klempner gearbeitet, bevor er in der polizeilichen Tätigkeit seine Berufung fand. Mit Melone, Zigarre und einem dicken, von Bier und Beefsteaks gerundeten Bauch war er eine einprägsame Erscheinung. Er hatte mehrere Zeitungsreporter in New York und Washington um den kleinen Finger gewickelt und pflegte den Ruf eines Meisterschnüfflers, der niemals aufgab.

Flynn hatte die Nation gewarnt, in den Vereinigten Staaten hielten sich Hunderttausende ausländische Agenten auf. Die Regierung, so glaubte er, habe das Recht, jeden Verdächtigen einzusperren, um einen Spion oder einen Saboteur zu fangen. Seine erste Aktion war die Jagd auf die sogenannten Roten.

Am 12. Juni 1919 plünderten Agenten des Bureau of Investigation und Polizisten des Staates New York die neueröffnete diplomatische Vertretung der Sowjetunion in der 110 East 40th Street in Manhattan.[11] Sie beschlagnahmten stapelweise Unterlagen, aber nichts, was eine Verwicklung der »Roten« in die Bombenanschläge belegte.

Am nächsten Tag bat Justizminister Palmer den Kongress um Geld und neue Gesetze, um die Kommunisten und Radikalen zu stoppen. Er warnte vor weiteren Anschlägen in den kommenden Tagen oder Wochen, möglicherweise am 4. Juli, dem Unabhängigkeitstag.

Er befürchtete eine zunehmend erstarkende Weltverschwörung von Kommunisten, gewöhnlichen Schurken, Salonsozialisten und sexuell Perversen – »einen Massenzusammenschluss der Kriminellen dieser Welt, um Anstand und Schicklichkeit des privaten Lebens über den Haufen zu werfen«. Den Bombenanschlag auf sein Haus betrachtete er als ein klares Zeichen dafür, dass »das Feuer der Revolution alle Institutionen von Gesetz und Ordnung« in Amerika bedrohe, »an den Kirchenaltären leckte, die Glockentürme der Schulen erfasste und sich in die geheiligten Winkel der Häuser Amerikas schlich«.[12]

Am 17. Juni trafen sich Palmer und Flynn mit einer Handvoll Beratern im Justizministerium. Das Bureau of Investigation werde in kurzer Zeit die Bombenattentäter festsetzen, so ihre anschließende Verlautbarung. Flynn war überzeugt, die Anschläge seien das Werk russischer Bolschewiken.

Sechs Tage später wurde Luigi Galleani am Hafen von Boston von Agenten des Bureau verhört. Er saß in einer Zelle und wartete auf seine Deportation. Die Beamten bekamen nichts aus ihm heraus. Am nächsten Morgen war er an Bord eines Schiffes nach Italien, um nie wieder einen Fuß auf amerikanischen Boden zu setzen.

Galleani und seine anarchistische Gruppe wurden nie vor Gericht gestellt. 25 Jahre Ermittlungen brachten kein Ergebnis. Galleanis Anhänger sollten bald zu einem neuen Schlag ausholen, dem größten Terroranschlag in der amerikanischen Geschichte.

»Geheimagenturen müssen überall aufgebaut werden«

Zwei Schiffe überquerten den Atlantik. Eines brachte Galleani aus Amerika fort, das andere brachte den Präsidenten nach Hause zurück.

Am 8. Juli kehrte Woodrow Wilson nach fünf Monaten vergeblichen Kampfes für seinen Völkerbund in die Vereinigten Staaten zurück. Seine Vision eines Weltfriedens rückte in immer weitere Ferne, flüchtig wie die Wellen des Meeres. Von seinen Kriegsverbündeten erhielt er wenig Unterstützung. Der US-Senat begegnete ihm mit zunehmendem Spott.

Schon bald unternahm Wilson einen Werbefeldzug durchs ganze Land, um den Bürgern Amerikas sein Anliegen nahezubringen. Im Jahr 1919 gab es noch keine nationalen Rundfunkstationen, der Präsident musste seine Botschaft also persönlich übermitteln. Er reiste fast 13000 Kilometer mit der Eisenbahn und hielt in 15 Staaten 40 Reden.

Der Präsident wirkte wie ein Prophet des Weltuntergangs. Schwer atmend, hustend, geplagt von Sehstörungen und Kopfschmerzen, entwarf Wilson ein apokalyptisches Szenario. Er sah sein Land und die ganze Welt vom Damoklesschwert eines Kriegs bedroht. Er sprach von der Revolution in Russland, als wäre sie eine gigantische Gaswolke, die westwärts über den Atlantik zog und Amerika »das Gift der Unruhen, das Gift des Aufstands, das Gift des Chaos« brachte.[13]