Ein Mann gegen die Welt - Tim Weiner - E-Book

Ein Mann gegen die Welt E-Book

Tim Weiner

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Beschreibung

Mitreißend beschreibt der Bestseller-Autor und Pulitzer-Preisträger Tim Weiner den Aufstieg und Fall des Richard Nixon. Er zitiert die geheimen Besprechungen Nixons im Oval Office, unter anderem mit Henry Kissinger, auf Grundlage von Tonbandmitschnitten des Weißen Hauses und weiteren brisanten Dokumenten, die erst seit kurzem zugänglich sind. Lügen, Paranoia und Bestechung – unter Richard Nixon erlebten die USA die katastrophalste Präsidentschaft ihrer Geschichte. Der verlorene Vietnam-Krieg und der Watergate-Skandal wurden zu Symbolen seiner Politik. Weiner blickt hinter die Kulissen der großen Politik während des Kalten Krieges, hautnah schildert er Nixons Treffen mit Mao und Breschnew und deckt auf, was Nixon wirklich über den deutschen Kanzler Willy Brandt und die Entspannungspolitik dachte – für die deutsche Ausgabe verfasste Tim Weiner ein eigenes Kapitel zu Brandt und Nixon. Zugleich zeichnet Weiner den politischen Selbstmord des US-Präsidenten nach und zeigt: Watergate war nur der Höhepunkt in einer Kette von Manipulationen und Fehlentscheidungen. Die Chronik eines Skandals, der in der Geschichte seinesgleichen sucht – und das eindringliche Porträt einer Epoche, in der viele politische Karrieren begannen, die bis heute die US-Politik prägen. Packender als jeder Polit-Thriller.

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Seitenzahl: 661

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Tim Weiner

Ein Mann gegen die Welt

Aufstieg und Fall des Richard Nixon

Aus dem Englischen von Christa Prummer-Lehmair und Rita Seuß

FISCHER E-Books

Inhalt

WidmungVorbemerkung1 »Ein großer böser Mann«2 »Das ist Landesverrat«3 »Er war von Feinden umgeben«4 »Er wird ihnen zeigen, wer hier der Boss ist«5 »Die Mitte hält es nicht«6 »Madman«7 »Wenn du dein Schwert gegen einen König erhebst, musst du bereit sein, ihn zu töten«8 »Ein erbärmlicher, hilfloser Riese«9 »Ein totales Desaster«10 »Nur wir haben die Macht«11 »Wir werden diesen Krieg nicht verlieren«12 »Das ist eine Verschwörung«13 »Ich sehe, wie das immer weitere Kreise zieht«14 »Es ist illegal, aber …«15 »Ich kenne Brandt. Ich traue ihm nicht«16 »Nacht und Nebel«17 »Von einem Extrem ins andere«18 »Das ist der ultimative Test«19 »Palastintrige«20 »Wir haben eine schreckliche Tragödie angerichtet«21 »Eine bescheuerte Art, diesen verfluchten Krieg zu beenden«22 »Sie könnten eine Million Dollar bekommen«23 »Vietnam hatte seinen Nachfolger gefunden«24 »Das kann der Präsident der Vereinigten Staaten niemals zugeben«25 »Dieselben Feinde«26 Vereinigte Staaten gegen Richard Milhous NixonEpilogDie GerichtsurteileDankSiglen und AbkürzungenRegister

Für Kate, Emma und Ruby Doyle

in ewiger Liebe

Vorbemerkung

Balzac hat einmal geschrieben, Politiker seien »Monstren der Selbstbeherrschung«. Aber auch wenn wir nach außen diese Fassade präsentieren, ist der innere Aufruhr beinahe unerträglich.

Richard M. Nixon, »Six Crises«, 1962

Richard Nixon lenkte die Geschicke der Vereinigten Staaten in einer Zeit schwerer Erschütterungen. Er führte Krieg, um Frieden zu schaffen. Er beging Straftaten im Namen des Gesetzes. Er spaltete das Land, das er zu einen suchte. Er sabotierte seine Präsidentschaft, indem er die Verfassung brach. Er zerstörte sich selbst und schadete seinem Land durch wissentlich törichtes Handeln.

Er gelobte, er werde die Tragödie in Vietnam zu einem ehrenvollen Ende bringen, doch stattdessen brachte er Tod und Schmach. Seiner Geopolitik fehlte es an Fingerspitzengefühl, lieber griff er zu Tricks und Brutalität. Erbarmungslos ließ er Bomben und Napalm abwerfen, in der festen Überzeugung, dass sie nicht nur Blut und Feuer, sondern auch eine politische Botschaft übermittelten. Er bestimmte den Verlauf des Krieges ohne ein strategisches Konzept; den Sieg verschenkte er an seine Gegner.

Seine folgenschwersten Entscheidungen schwächten seine Verbündeten im Ausland. Seine gravierendsten Irrtümer halfen seinen Feinden im eigenen Land. »Ich gab ihnen ein Schwert in die Hand«, sagte er nach seinem Sturz, »und sie stießen zu.«[1] Dieses Schwert hatte er selbst geschmiedet und geschärft. In seiner Amtszeit wurde die Verfassung bis zum Äußersten gebeugt. Die Wahrheit war Nixons Sache nicht, Geheimniskrämerei und Täuschung bestimmten sein Tun.

Dennoch besaß er unbestreitbar Größe, eine einzigartige Begabung für die Kunst der Politik, und er war zweifellos von dem Wunsch beseelt, die Welt zu verändern. Er übte die Macht aus wie ein König bei Shakespeare.

Er meinte, er stehe über dem Gesetz – das war ein fataler Fehler, und so stürzte er wie ein König, der im letzten Akt der Tragödie sterben muss. Seine Machtanmaßung führte zu jenem kriminellen Verhalten, das sein Rechtsberater im Weißen Haus warnend »ein Krebsgeschwür« nannte, das »die Präsidentschaft bedroht und mit jedem Tag größer wird«.[2]

Dieses Buch erzählt die Geschichte von Richard Nixons leidvoller Präsidentschaft. Im Mittelpunkt stehen die eng miteinander verflochtenen Themen Krieg und nationale Sicherheit, jene beiden Dämonen, mit denen Nixon rang und die ihn so viel Zeit und Kraft kosteten.

Nixon war der erste Präsident, an den ich mich deutlich erinnere. Ich sah den Zorn in seinen Augen und spürte den Schmerz in seiner Stimme, wenn er zum amerikanischen Volk über den Vietnamkrieg sprach. Seine finstere Miene auf unserem Schwarzweißfernseher hat sich mir so unauslöschlich eingeprägt wie die blutigen Schlachten, deren Bilder abends in den Fernsehnachrichten gezeigt wurden. Ich verfolgte die Antikriegsproteste von Hunderttausenden Amerikanern in Washington, und gleichzeitig las ich, dass jede Woche Hunderte amerikanische Soldaten starben. Ich sprach mit meinen Eltern darüber, was ich tun sollte, falls ich zum Krieg eingezogen würde. Mir stockte der Atem, als Nationalgardisten während einer gegen Nixons Invasion in Kambodscha gerichteten Protestkundgebung an der Kent State University in Ohio vier Studenten erschossen. Langsam dämmerte mir, dass abweichende Meinungen auch in einem demokratischen Land gefährlich sein konnten.

Kurz nach seiner Wiederwahl 1972 mit einem in der amerikanischen Geschichte beispiellosen Vorsprung von fast 18 Millionen Stimmen begann Nixon die Macht zu entgleiten. Der Grund waren die langsamen, aber kontinuierlichen Enthüllungen der »White House horrors«, um die unvergesslichen Worte von John N. Mitchell zu benutzen, Nixons ehemaligem Justizminister und Wahlkampfmanager, der wie viele ehemals ehrbare Männer ins Gefängnis ging, um den Präsidenten zu schützen. Der Watergate-Einbruch war nur ein Beispiel für diesen Horror, und nicht einmal das schlimmste.

Ich war gebannt von den Kongressanhörungen, die ich im Fernsehen verfolgte und bei denen seine engsten Mitarbeiter gezwungen waren, die schmutzigen Tricks zu leugnen, mit denen sich Nixon seinen überwältigenden Wahlsieg gesichert hatte. Ich war fasziniert, wie erbittert das Weiße Haus den Kongress und den Obersten Gerichtshof bekämpfte, um die Vorrechte des Präsidenten zu sichern. Zunächst schien es, als würde Nixon diesen Kampf im Rahmen der geltenden Gesetze führen und nicht auf der Basis des Kriegsrechts. Dann entließ er den Justizminister und den mit den Watergate-Untersuchungen beauftragten Sonderermittler. Lieber riskierte er ein Amtsenthebungsverfahren und eine Gefängnisstrafe, als dass er seine geheimen White House Tapes, die Tonbandmitschnitte des Weißen Hauses, freigab. Nach diesem schweren Fehler waren seine Tage gezählt. Ich erinnere mich an die letzten Zuckungen seiner Präsidentschaft, an das Pathos seiner Abschiedsrede an die Nation.

Seither bin ich von Nixon fasziniert. Ich schrieb über seine Führung und Kontrolle von CIA und FBI in zwei Büchern, »CIA. Die ganze Geschichte« und »FBI. Die wahre Geschichte einer legendären Organisation«. Als Journalist der New York Times interviewte ich einige seiner wichtigsten Mitarbeiter, darunter seinen Nationalen Sicherheitsberater und Außenminister Henry Kissinger. Ich sprach mit Gerald Ford und Jimmy Carter, seinen Nachfolgern im Präsidentenamt, über Nixons Vermächtnis. Ich berichtete von der bis heute andauernden Debatte über die Reputation des Präsidenten, der in Schimpf und Schande aus dem Amt schied, und über den ihm gebührenden Platz in der Geschichte. Als ich dieses Buch zu schreiben begann, glaubte ich daher, einiges über diesen Mann zu wissen.

Dann beschäftigte ich mich mit den streng geheimen Dokumenten aus den Nixon-Jahren, die kürzlich aus amerikanischen Geheimarchiven freigegeben wurden, eine wahre Fundgrube. Das vorliegende Buch stützt sich zum großen Teil auf Unterlagen, die zwischen 2007 und 2014 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Ich las sie mit wachsender Aufregung und fühlte mich dabei wie ein Archäologe, der den Palast eines untergegangenen Reiches ausgräbt.

Zehntausende Dokumente aus Nixons Weißem Haus, aus seinem Nationalen Sicherheitsrat, aus CIA und FBI, State Department, Pentagon und Vereinigtem Generalstab (Joint Chiefs of Staff) wurden erst kürzlich freigegeben, ebenso Aufzeichnungen der geheimen Unterausschüsse des Weißen Hauses, die unter Nixon sämtliche militärischen und geheimdienstlichen Operationen kontrollierten. Die Mitschriften der Aussagen Nixons – des einzigen Präsidenten, der jemals gezwungen wurde, in einem Strafprozess unter Eid auszusagen – vor der Grand Jury waren nunmehr öffentlich zugänglich. Hunderte Stunden seiner berüchtigten Tonbandaufzeichnungen kamen 2013 und 2014 endlich ans Licht, neben erst jetzt freigegebenen Tagebucheinträgen von Nixons engstem Berater H.R. Haldeman. Sämtliche hier wiedergegebenen Zitate sind in diesen Aufzeichnungen dokumentiert: Es gibt keine unbelegten Zitate, keine ungenannten Quellen und keine Berichte aus zweiter Hand.

Die Freigabe von Dokumenten und das Recht auf Einsichtnahme in diese Akten und Vorgänge sind gesetzlich geregelt, und diese Gesetze sind bis heute gültig – trotz allem, was in den Vereinigten Staaten unter Berufung auf das Geheimhaltungsrecht der Regierung dagegen unternommen wurde. Ohne diese Gesetze würden die Handlungen, die Präsident Nixon zu verheimlichen hoffte, für immer Staatsgeheimnisse bleiben.

Was trieb ihn dazu, kriminelle Akte zu begehen, bei ausländischen Diktatoren und bei Leuten, die sich um einen Botschafterposten bemühten, heimlich Wahlkampfgelder zu sammeln, loyale Mitarbeiter und hochrangige Diplomaten abzuhören, als wären sie Spione – und diese Bespitzelung dann im Zuge einer Verschwörung zu vertuschen? Warum verstrickte er das Land immer tiefer in den Vietnamkrieg und opferte dabei das Leben Zehntausender Amerikaner, nur um am Ende ein Abkommen zu akzeptieren, das er bereits an seinem ersten Tag im Amt hätte unterzeichnen können? Warum belog er seinen Verteidigungs- und seinen Außenminister über seine Kriegspläne? Wonach suchten die Watergate-Einbrecher? Warum ließ Nixon Gespräche aufzeichnen, die seine Beteiligung an der Vertuschung belegten? Warum ließ er sich zu den verfassungsfeindlichen Aktivitäten hinreißen, die zu seinem Rücktritt führten?

Heute haben wir Antworten auf diese Fragen, und zwar vom Präsidenten selbst und von seinen engsten Beratern. Die Geschichte ist komplexer und befremdlicher, als wir bisher glaubten.

Für jene, die Nixons Amtszeit miterlebt haben, ist es schlimmer, als sie es in Erinnerung haben. Für alle, die zu jung sind, um aus eigenen Erinnerungen zu schöpfen, ist es schlimmer, als sie es sich vorgestellt haben.

»Denken Sie immer daran«, sagte Nixon am Tag seines Rücktritts. »Andere mögen Sie hassen. Aber die, die Sie hassen, gewinnen nur, wenn auch Sie sie hassen. Und wenn Sie das tun, zerstören Sie sich selbst.« Dieses Buch erzählt die Tragödie eines Mannes, der sich selbst zerstört hat.

1»Ein großer böser Mann«

Richard Nixon sah sich selbst als großen Staatsmann, als Giganten der Weltgeschichte, als General mit einem globalen Auftrag, als Kriegsstrategen und als Führer nicht nur der freien Welt, sondern als »den Führer der Welt«.[3] Zugleich war er süchtig nach jener schmutzigen Politik, die ihn zugrunde richtete. Er war, was ein englischer Graf einmal über den Kriegsherrn Oliver Cromwell sagte: »ein großer böser Mann«.

In seiner ersten Rede zur Lage der Nation erklärte Nixon, er sei getrieben von »einem unerklärlichen Geist – der Kraft eines inspirierenden Traums, der Amerika von Anfang an zu einer Hoffnung für die Welt gemacht hat«. Er versprach dem amerikanischen Volk »die besten Aussichten seit dem Zweiten Weltkrieg, eine ganze Generation lang in dauerhaftem Frieden zu leben«.[4]

Richard Nixon selbst befand sich jedoch nicht im Frieden. Er war von einem dunkleren Geist beseelt, einem bösen und gewalttätigen Geist, und er war getrieben von Wut und unstillbaren Rachegelüsten. In seinen schlimmsten Momenten stand er am Rand des Wahnsinns. Die Welt, so glaubte er, habe sich gegen ihn verschworen. Er sah überall Feinde. Seine Größe mutierte zu arrogantem Größenwahn.

Aus Erfahrung zutiefst misstrauisch, aus Instinkt ein notorischer Lügner, wurde er den Spitznamen Tricky Dick nie mehr los. Kein Geringerer als Martin Luther King, der aufstrebende Führer der Bürgerrechtsbewegung, erkannte schon bei seiner ersten Begegnung mit ihm, dass sich hinter seiner Fassade ein Monster verbarg. »Nixon hat das geniale Talent, einen davon zu überzeugen, dass er aufrichtig ist«, schrieb er 1958. »Wenn Richard Nixon nicht aufrichtig ist, ist er der gefährlichste Mann Amerikas.«[5]

Nixon besaß dieses Talent, und er war ehrlich überzeugt, die Welt verändern zu können. Er war ein sehr gefährlicher Mensch.

Sein gesamtes politisches Leben hatte er dem Kampf gegen den Kommunismus gewidmet, doch dann prostete er den führenden kommunistischen Tyrannen in China und Russland zu. Er setzte auf ihre Gutgläubigkeit und hegte die Hoffnung, dass sie ihm helfen würden, aus Vietnam herauszukommen. Diese Wette verlor er. Hätte er sie gewonnen, hätte er vielleicht die politische Weltkarte neu gestalten können. Wenn überhaupt, profitierte Amerika allenfalls langfristig davon, dass Nixon die Hauptstädte des Weltkommunismus besucht hatte. Er kam zurück mit Verträgen und Erklärungen, die Einvernehmen und Koexistenz signalisierten, aber diese Bindungen waren fragil. Es handelte sich um politische Kommuniqués, nicht um Friedensverträge. Russland und China waren damals Amerikas größte Feinde; sie sind bis heute Amerikas stärkste Gegner.

Was die Beziehungen zu ihnen betraf, war Nixon realistisch. »Wir haben es nach wie vor mit Regierungen zu tun, die uns im Grunde feindlich gesinnt sind«, sagte er im Mai 1971 im Oval Office, wobei seine Worte auf Tonband aufgezeichnet wurden. »Die Chinesen sind darauf aus, mich niederzumachen.« Die russische Führung bezeichnete er als Gangster. Er prophezeite, gegenseitiges Misstrauen werde die Oberhand behalten. »Vor allem mir werden sie nicht glauben. Die halten mich wirklich für einen hinterlistigen Bastard. Und sie haben recht.«[6]

Doch Nixon wollte sein Versprechen halten, das er dem amerikanischen Volk gegeben hatte: den Vietnamkrieg ehrenvoll zu beenden. Dann, so seine Hoffnung, würde er mit überwältigender Mehrheit wiedergewählt werden, was die politische Landschaft Amerikas für immer verändern würde. Das ist der Grund, warum Nixon nach China ging.

Seine geostrategischen Schachzüge kamen bei der Mehrheit der Amerikaner bestens an. »Nixon ist nach China gegangen« ist bis heute eine Metapher für Politik als Kunst des Möglichen. Wenn sich Amerikas oberster Kalter Krieger für Entspannung einsetzen und die Konflikte mit den atomar bewaffneten gegnerischen Staaten Amerikas entschärfen konnte, dann war alles möglich.

***

Die politischen und sozialen Krisen, mit denen Nixon konfrontiert war, sind bis heute nicht vollends gelöst. Er begegnete ihnen, indem er sein Talent einsetzte, aufrichtig zu erscheinen.

Gleichheit vor dem Gesetz, ein Versprechen, das über dem Eingang des Obersten Gerichtshofs eingemeißelt ist, war ein schwer erreichbares Ideal. Die Bürgerrechtsgesetze der 1960er Jahre waren kaum vier Jahre alt. Privat neigte Nixon zu rassistischen Bemerkungen. Er versuchte mit aller Macht, die neuen Bundesbehörden, die Rassengleichheit und soziale Gerechtigkeit durchsetzen sollten, zu demontieren. Theoretisch befürwortete er die Aufhebung der Rassentrennung, weil der Oberste Gerichtshof dies forderte, in der Praxis und im Einzelfall war er dagegen.

Unter vier Augen gab Nixon zu, dass er die wirtschaftlichen Interessen von Unternehmen stets über die Umwelt stellen werde. Als jedoch die Amerikaner erkannten, dass sie die Luft verpesteten, die sie atmeten, und das Wasser vergifteten, das sie tranken, gingen sie massenhaft für die Rettung der Erde auf die Straße. Daraufhin verabschiedete der Kongress die umfassendsten Umweltschutzgesetze der amerikanischen Geschichte. Zu Nixons Ehrenrettung sei gesagt, dass er kein Veto gegen diese Vorlagen sowie die Verordnungen und Bestimmungen zu ihrer Durchsetzung einlegte. Dennoch äußerte er, die Umwelt sei »ein Thema, um das wir uns den Teufel scheren«.[7]

Nixon erklärte immer wieder, tagesaktuelle innenpolitische Themen seien ihm absolut gleichgültig. Das Land brauche keinen Präsidenten, der sich um den politischen Kleinkram kümmert. Seine Wirtschaftspolitik war »langfristig … eine Katastrophe«, meinte sein Finanzminister George P. Shultz.[8] Arbeitslosigkeit und Inflation stiegen in den Nixon-Jahren um fast das Dreifache, was zu der längsten Rezession seit 40 Jahren führte.

Seine Auseinandersetzungen mit den Gerichten hinterließen im politischen Gemeinwesen Amerikas bleibende Wunden. Er brachte dem Kongress eine beharrliche Geringschätzung entgegen und behandelte die meisten Mitglieder seines Kabinetts mit kalter Verachtung. Bei den Zusammenkünften mit Wortführern des Kongresses, Mitgliedern seines Kabinetts und des Nationalen Sicherheitsrates wurden Vorträge gehalten, und es blieb weder Raum noch Zeit, um politische Strategien zu entwickeln. Diese offiziellen Sitzungen waren eine Farce. Nixon hatte seine Entscheidungen auf Leben und Tod längst getroffen.

Er gab sich den Anschein, als höre er der militärischen, diplomatischen und geheimdienstlichen Führung zu, aber er wollte keine Ratschläge oder Anregungen, weder vom Pentagon noch von der CIA, wo Leute arbeiteten, die sich mit Vietnam beschäftigten, seit amerikanische Soldaten 1954 erstmals ihren Fuß auf den Boden dieses Landes gesetzt hatten. Das Schwert des Krieges und das Schild der nationalen Sicherheit sollten ihm allein vorbehalten bleiben.

»Nixon traute niemandem über den Weg«, meinte CIA-Direktor Richard Helms, eine von vielen Führungsfiguren der Nixon-Administration, die eine Haftstrafe riskierten, um den Präsidenten vor den Folgen seiner Geheimhaltungs- und Täuschungsstrategie zu schützen. »Er schwadronierte unentwegt, die Luftwaffe sei bei ihren Einsätzen in Vietnam völlig planlos, das Außenministerium sei nur ein Haufen Cocktails trinkender Diplomaten in Nadelstreifen und die CIA unfähig, in Vietnam einen Sieg herbeizuführen.«[9]

»Es war das immer gleiche Geschwafel«, erinnerte sich Helms. Nixon wetterte: »Das sind Blindgänger, das sind Schwachköpfe, die können dies nicht und jenes nicht.« Die amerikanischen Generäle, Geheimdienstchefs, Admiräle und Botschafter waren die Weichensteller in einem Krieg, der immer weniger zu gewinnen war. Nixons mangelndes Vertrauen in sie war durch nichts zu erschüttern, und letztlich beruhte es auf Gegenseitigkeit.

Sein Argwohn brachte ihn dazu, sein Kabinett, den Kongress und die amerikanischen Staatsbürger über den Verlauf des Krieges, wie er ihn plante, zu täuschen. Er betrachtete sich als Oberkommandierenden nicht nur der Streitkräfte, wie es die Verfassung vorsah, sondern des ganzen amerikanischen Volkes. Er war der Befehlshaber in einer globalen Schlacht, bei der die Zukunft des Landes auf dem Spiel stand. Seiner Ansicht nach hatten sich seine Feinde im Innern und im Ausland verschworen, um die Vereinigten Staaten in die Knie zu zwingen.

Nixon war felsenfest überzeugt, dass die amerikanische Antikriegsbewegung, die innerhalb eines Monats eine Million Menschen mobilisieren konnte, insgeheim von Sowjets, Chinesen, Nordvietnamesen und Kubanern finanziert wurde. Dabei waren diese Demonstranten ganz normale Bürger, keine durchgeknallten Bombenattentäter. Indes, während sich Nixon in seinem Amt als Präsident erst noch zurechtfinden musste, schloss sich eine Splittergruppe der amerikanischen Linken, ein paar hundert Leute, zu einer revolutionären Organisation mit dem Namen Weathermen zusammen. Die Demonstranten trugen Plakate, die Weathermen aber warfen Molotow-Cocktails. Sie zündeten Sprengsätze im Senat und im Pentagon; das FBI bekam die Bombenleger nie zu fassen. Die Weathermen erklärten der Regierung den Krieg, Nixon nannte sie Terroristen. Das Vorgehen, das er verlangte – eine Serie von Wohnungseinbrüchen und Lauschangriffen ohne richterliche Anordnung –, hatte zur Folge, dass die führenden Beamten des FBI vor Gericht gestellt wurden, nicht die Bombenbastler, denen die FBI-Ermittler auf der Spur waren.[1]

Nixon forderte CIA und FBI auf, die geheimen Quellen der kommunistischen Unterstützung amerikanischer Friedensgruppen aufzudecken. Wo waren die Beweise? Seine Geheimdienstchefs berichteten, es gebe keine. Nixon jedoch war überzeugt, Washington werde von Amerikanern belagert, die von Moskau und Peking, Hanoi und Havanna finanzierte feindliche Bataillone gebildet hätten. Für ihn war die Antikriegsbewegung die fünfte Kolonne des Weltkommunismus.

Die US-Hauptstadt wurde zur Kampfzone, als die radikale Linke Richard Nixon herausforderte. Das von der Polizei gegen die Demonstranten eingesetzte Tränengas drang durch die Fenster des Justizministeriums und würgte Justizminister Mitchell in der Kehle. Soldaten in Kampfuniform belagerten den dritten Stock des Executive Office Building direkt neben dem Weißen Haus, um den Präsidenten vor Anschlägen zu schützen. Die Tage der Wut und Angst gingen für die Demonstranten vorbei, nicht jedoch für Nixon. Fünfundzwanzig Jahre politischer Krieg gegen seine Feinde hatten bei ihm unauslöschliche Spuren hinterlassen. Er blieb auf der Hut.

***

Für Nixon waren die Konflikte, mit denen er in Washington und der gesamten Welt konfrontiert war, Ausdruck einer anhaltenden Verfassungskrise. Er verglich sie mit dem Bürgerkrieg, in dem Präsident Abraham Lincoln den Habeas-Corpus-Grundsatz – das Recht jedes Verhafteten auf richterliche Anhörung – außer Kraft gesetzt hatte. Lincolns Vorgehen war verfassungswidrig, aber er glaubte, es gebe Situationen, in denen der Präsident das Gesetz brechen müsse, um das Land zu retten. Nixon sah das genauso.

»Wenn der Präsident es tut, ist es nicht illegal«, erklärte er. »Vorgehensweisen, die in anderen Fällen verfassungswidrig wären, sind rechtens, wenn sie dazu dienen, die Verfassung und die Nation zu schützen«, sagte der Präsident. »Diese Nation wurde vom Vietnamkrieg ideologisch in gleicher Weise zerrissen wie vom Bürgerkrieg, als Lincoln Präsident war.«[10]

Sein Handeln im Interesse der nationalen Sicherheit könne daher von niemandem in Frage gestellt werden, nicht von Gerichten, nicht vom Kongress und ganz gewiss nicht von den Bürgern. Und Nixon fasste unter dem Begriff der nationalen Sicherheit sehr viel mehr als die Befugnisse amerikanischer Soldaten und Geheimdienstagenten, die Feinde Amerikas im Ausland zu bekämpfen. Für ihn gehörten auch die Befugnisse einer Geheimpolizei dazu: das Recht, amerikanische Staatsbürger zu bespitzeln, in ihre Wohnungen einzudringen, ihre Telefone abzuhören und in ihre Büros einzubrechen, um Beweise für Aufwiegelung und Landesverrat zu finden. Für Nixon war jeder amerikanische Staatsbürger und jeder gewählte Amtsträger, der den Vietnamkrieg ablehnte, genauso ein Feind, wie es ein Soldat der nordvietnamesischen Armee war. Und sich selbst betrachtete er als einsamen Krieger, der von Feinden rechter und linker Couleur umstellt war. Nixon glaubte, »er kämpfe allein gegen den Rest der Welt«, sagte Robert Finch, sein Wahlkampfmanager, Minister und Berater.[11]

Der Präsident, Grundpfeiler der nationalen Sicherheit, wurde von seinen eigenen Zweifeln ins Wanken gebracht. Obwohl alles darauf hindeutete, dass er bei der Wiederwahl einen überwältigenden Sieg erringen würde, spionierte er geradezu zwanghaft seine politischen Widersacher aus und sammelte heimlich Gelder zur Finanzierung seines Wahlkampfs. Obwohl es gegen das Gesetz war, zahlte er Schweigegeld an die abgehalfterten CIA- und FBI-Agenten, die nach ihrem Einbruch in das Washingtoner Hauptquartier der Demokratischen Partei verhaftet worden waren. Und gegen alle Vernunft hörte er seine loyalen Mitarbeiter ab – und dokumentierte damit auch seine eigene Beteiligung an den Straftaten, Verschwörungen und Vertuschungen, die ihn schließlich zu Fall brachten.

Was trieb ihn dazu, diesen politischen Selbstmord zu begehen? Das war eines der Geheimnisse, die Nixon mit ins Grab zu nehmen hoffte.

***

Begraben liegt er 6o Kilometer südöstlich von Los Angeles neben dem kleinen Holzhaus in Yorba Linda, Kalifornien, in dem er aufwuchs, inmitten eines ehemaligen Zitronenhains, der dem trockenen Boden abgetrotzt worden war. Auf dem Gelände befinden sich seine Gedenkstätte und die Präsidentenbibliothek. Nixon wurde vor mehr als hundert Jahren geboren, 1913, am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Damals zählte Yorba Linda weniger als 300 Seelen und lebte von dem, was das karge Land hergab. Heute ist es eine wohlhabende Vorstadt mit landschaftlich gestalteten Gärten und Rasenflächen und einem jährlichen Durchschnittseinkommen von mehr als 120000 Dollar. Eines jedoch ist unverändert: Mitten durch den Ort führt eine Eisenbahn. Wenn Richard Nixon als Kind das einsame Pfeifen einer Lokomotive hörte, fragte er sich, ob dieser Zug ihn wohl einmal mitnehmen würde und wohin. »Nachts hört er den Zug, und er träumt von fernen Orten, die er gern besuchen würde«, so Nixon in einer seltenen Beschwörung seiner Kindheitserinnerungen. »Es kommt ihm vor wie ein unerfüllbarer Traum.«[12]

Er und seine vier Brüder wurden nach britischen Königen benannt und von einer tiefreligiösen Mutter erzogen sowie von einem jähzornigen Vater, der nur die Volksschule besucht hatte und mit seinem Gemischtwarenladen sich und seiner Familie kaum den Lebensunterhalt sichern konnte. »Er war Zitronenfarmer«, erzählte Nixon. »Er war unter Garantie der ärmste Zitronenfarmer ganz Kaliforniens. Die Farm hat er verkauft, bevor Öl darauf gefunden wurde.«[13] Nixon hatte eine unglückliche Kindheit. Zwei seiner Brüder starben früh. Mit stiller Verzweiflung versuchte Richard, aus dem tiefen Tal der wirtschaftlichen Depression herauszukommen und sich jenseits der staubigen und trostlosen Enge seiner Jugend ein neues Leben aufzubauen.

Nixon war 20 Jahre alt, als Franklin D. Roosevelt 1933 erstmals das Präsidentenamt übernahm. Damals besuchte er das örtliche College in Whittier. Er versuchte es in der Football-Mannschaft, wurde aber als Wasserträger auf die Bank verbannt. Harte Arbeit und zäher Ehrgeiz brachten ihm ein Stipendium für das Jurastudium an der Duke University in Durham, North Carolina, ein, doch nach seinem Abschluss 1937 eröffneten sich ihm keine großen Chancen. Vergeblich bewarb er sich bei renommierten Anwaltskanzleien in New York um eine Stelle; sein Bewerbungsschreiben als Agent beim FBI blieb unbeantwortet. Lediglich Kenneth Rush, ein 27-jähriger Assistenzprofessor im juristischen Fachbereich der Duke University, erkannte Nixons Potential. Rush empfahl seinem Studenten, nach Kalifornien zurückzukehren und in die Politik zu gehen.[2]

Wieder zu Hause, erlebte Nixon weitere Enttäuschungen. Er eröffnete eine kleine Anwaltskanzlei in Whittier, doch Testamente und Verträge aufzusetzen langweilte ihn. In seinem politischen Ehrgeiz wurde er nicht bestärkt. »Das Letzte, was meine Mutter, eine fromme Quäkerin, wollte, war mein Einstieg in die Kriegsarena der Politik«, erzählte Nixon.[14] (Sie träumte davon, dass ihr Sohn Missionar in Mittelamerika werden würde.) Er machte Thelma »Pat« Ryan den Hof, der Frau, die er eines Tages heiraten sollte, doch bis dahin war es noch ein weiter Weg.

Sie gab ihm wiederholt einen Korb, als er mit ihr ausgehen wollte; zwei Jahre vergingen, bevor seine Zuneigung erwidert wurde. Sie heirateten 1940, und ihre Verbindung währte mehr als 50 Jahre. Obwohl sie die dunkleren Seiten der Politik verachtete, obwohl sie es hasste, bei den Wahlkampagnen Hände zu schütteln, und an dem Kummer verzweifelte, den ihr Mann in seinem Streben nach Macht zu erleiden hatte, blieb sie in Sieg und Niederlage an seiner Seite, treu und unerschütterlich in dem einsamen Gefängnis ihrer Ehe.

Nach Pearl Harbor wurde er bei der Marine zum Lieutenant befördert und diente als Nachschuboffizier im Südpazifik, nahm jedoch nicht am Kampfgeschehen teil. Als 1945 der Krieg zu Ende war, boten sich ihm keine aussichtsreichen Perspektiven. Sieben Jahre später war er als Kandidat für die Vizepräsidentschaft an der Seite Dwight D. Eisenhowers, Amerikas größtem militärischen Helden, auf dem Weg ins Weiße Haus.

***

Sein Aufstieg ist fast beispiellos in der amerikanischen Politik. Ein Bekannter aus der College-Zeit, der Mitglied in einem Ortsverband der Republikaner war, drängte ihn, für den Kongress zu kandidieren. Bei den Wahlen im November 1946 forderte Nixon den populären demokratischen Amtsinhaber heraus. Der Wahlkampf fiel in eine Zeit, als die Angst um sich griff, dass die christliche Zivilisation durch die Sowjetunion bedroht sei. Man fürchtete, ihre Spione würden amerikanische Einrichtungen unterwandern, vom Campus der Universitäten bis in die Büros des Außenministeriums und die Korridore des Pentagon.

Nixon trat als einer der ersten Kalten Krieger an. Er geißelte seinen Gegner als Werkzeug der kommunistisch unterwanderten Gewerkschaften. Er gewann spielend, so wie die Republikaner überall im Land. Erstmals seit 20 Jahren errang die Partei die Mehrheit im Senat und im Repräsentantenhaus.

Als Nixon nach Washington kam, war der Krieg gegen den Kommunismus in vollem Gang. Er wurde Mitglied im Ausschuss des Repräsentantenhauses zur Untersuchung unamerikanischer Umtriebe, der neuen Rückenwind bekommen hatte. Nixon und die republikanischen Mitglieder des Ausschusses wurden unter der Hand vom FBI mit Informationen versorgt. Nixon erkannte die Bedeutung dieser Informationen, die ihn bald an die Macht bringen sollten.

Am 26. März 1947 erschien FBI-Direktor J. Edgar Hoover, der die Behörde seit 23 Jahren leitete, vor dem Ausschuss. Es war eine seiner seltenen öffentlichen Zeugenaussagen. Er forderte »Eifer, Leidenschaft, Ausdauer und Fleiß, um dieser Bedrohung durch den roten Faschismus zu begegnen«, und warnte vor den »Liberalen und Progressiven, die durch Täuschungsmanöver verleitet worden sind, sich mit den Kommunisten zusammenzutun«.[15]

Diese Worte wurden Nixons politisches Credo. Nach der Anhörung führte er mit Hoover ein privates Gespräch. Sie waren sofort auf einer Wellenlänge. Der FBI-Direktor beschwor Nixon, vor der kommunistischen Unterwanderung der amerikanischen Regierung auf der Hut zu sein. Nixon beherzigte Hoovers Warnung, und seine Jagd auf Landesverräter und Spione machte ihn bald im ganzen Land bekannt. Damit begann ein Bündnis, das 25 Jahre halten sollte. Nixon wurde eine führende Figur in der Kultur der Spionage und Spionageabwehr des Kalten Krieges, in der Abhöraktionen, Einbrüche und Verwanzung ohne richterliche Anordnung Mittel der politischen Kriegsführung waren. Als er Präsident war, bezeichnete Nixon Hoover als »den engsten Freund in meinem ganzen politischen Leben«.[16]

1950, mit der Eskalation des Kalten Krieges und dem Ausbruch des Koreakrieges, wurde Nixon in den Senat gewählt. Dabei half ihm seine unerbittliche Jagd auf Alger Hiss, für die er großen Zuspruch und immense öffentliche Aufmerksamkeit erhielt. Hiss gehörte zum sogenannten Eastern Establishment, Absolventen der Eliteuniversitäten der amerikanischen Ostküste, die eine Generation lang Washington weitgehend beherrscht hatten; Nixon brachte ihnen eine instinktive Abneigung entgegen. Hiss, während des Zweiten Weltkrieges ein Spitzenbeamter im Außenministerium, war an den Vorbereitungen der Konferenz in Jalta beteiligt, wo sich Präsident Roosevelt, Premierminister Winston Churchill und der Generalissimus Josef Stalin in den letzten Monaten des Krieges zum letzten Mal trafen. Und er arbeitete am Aufbau der Vereinten Nationen mit.

Als Nixon begann, Jagd auf ihn zu machen, leitete Hiss die Carnegie-Stiftung für den Weltfrieden, deren Vorsitzender John Foster Dulles war. Der stramme Republikaner Dulles wurde unter Präsident Eisenhower Außenminister und später ein Vertrauter Richard Nixons.

Der Fall Hiss war die erste jener Krisen, die Nixon zufolge sein politisches Leben prägten. Der Vorwurf, Alger Hiss sei ein Agent des sowjetischen Geheimdienstes gewesen, schien unglaublich. Nixon verfolgte Hiss unerbittlich, unbarmherzig und mit der verbissenen Entschlossenheit eines Detectives aus Hollywood-Filmen, der einem Mörder auf der Spur ist. Er war überzeugt, der Fall betreffe »die Sicherheit der ganzen Nation und die Sache freier Menschen überall«.[17]

Es gab nur einen Zeugen, der gegen Hiss aussagen konnte: Whittaker Chambers, Redakteur des Time Magazine, der in den 1930er Jahren verdeckt für die Sowjetunion gearbeitet hatte. Und es gab nur einen einzigen, gut versteckten Schnipsel eines Beweises, der Hiss als Spion enttarnen konnte. Gegen Chambers’ Glaubwürdigkeit als Zeuge sprach nach Ansicht von J. Edgar Hoover dreierlei: seine frühere Tätigkeit als kommunistischer Agent, sein geheimes Leben als Homosexueller und seine gelegentlichen Meineide. Chambers’ Spionagetätigkeit war viel zu brisant, um sie bekanntzumachen. Hiss’ Name wiederum fand sich zwar codiert in einem Kommuniqué des sowjetischen Geheimdienstes, das der militärische Nachrichtendienst (aus dem die heutige Nationale Sicherheitsbehörde NSA hervorging) entschlüsselt hatte, doch die Existenz dieser Einrichtung und ihre Tätigkeit konnten vor Gericht nicht offengelegt werden.

Hiss konnte also nie der Spionage angeklagt werden. Daher »überführte« Nixon ihn, wie er selbst es formulierte, in der Presse. Er ließ ihn in die Meineidfalle tappen. Als Hiss unter Eid aussagte, erwischte er ihn bei einer Reihe von offenkundig ausweichenden Angaben zu einigen undurchsichtigen Aspekten seiner Beziehung zu Chambers. Anschließend nutzte Nixon seine Verbündeten unter den Journalisten in Washington und seine Kontakte beim FBI, um Hiss in der Presse anzuschwärzen. Im Dezember 1948 wurde Hiss von einer Grand Jury wegen Meineids angeklagt, nachdem er bestritten hatte, Chambers Dokumente aus dem State Department ausgehändigt zu haben. Die Geschworenen gelangten zu keinem einstimmigen Urteil. In einem zweiten Prozess im Januar 1950 wurde Hiss jedoch schuldiggesprochen.

Die öffentliche Aufmerksamkeit war für Nixon nicht mit Geld aufzuwiegen. Und er hatte recht mit Hiss. Sechzig Jahre später freigegebene sowjetische Geheimdienstdokumente belegten, dass Hiss vor dem Zweiten Weltkrieg mit dem kommunistischen Untergrund zusammengearbeitet hatte. Auch Chambers hatte das Geschworenengericht belogen, er wurde jedoch nicht dafür bestraft. Kein Staatsanwalt wollte sich dem politischen Druck eines Meineidprozesses gegen Nixons Starzeugen aussetzen.

»Der Fall Hiss machte mich landesweit bekannt«, schrieb Nixon in »Six Crises«. »Zwei Jahre später präsentierte mich General Eisenhower beim republikanischen Nominierungsparteitag als seinen Vizepräsidentschaftskandidaten und stellte mich als einen Mann vor, ›der ein besonderes Talent und die Fähigkeit besitzt, jede Art von subversivem Einfluss aufzuspüren, wo immer er zu finden ist, und ihn mit Stärke und Beharrlichkeit abzuschütteln versteht‹.«[18] Im November 1952 wurde Nixon, noch keine 40 Jahre alt, Dwight D. Eisenhowers Vizepräsident. Sechs Jahre später beschloss er, sich selbst um das Präsidentenamt zu bewerben.

Das war die sechste Krise.

Bis zu seinem Tod blieb Nixon überzeugt, Senator John F. Kennedy habe ihm bei den Wahlen 1960 die Präsidentschaft gestohlen. Ihm fehlten 118550 von 69 Millionen abgegebenen Stimmen. Weniger als 14000 Stimmen in drei wichtigen Bundesstaaten hätten ihm im Wahlmännerkollegium den politischen Sieg gebracht. In Illinois und Texas, wo mächtige demokratische Parteiapparate vom Chicagoer Bürgermeister Richard J. Daley bzw. von Kennedys Vizepräsidentschaftskandidaten, Senator Lyndon B. Johnson, beherrscht wurden, erhoben die Republikaner den Vorwurf des Wahlbetrugs.

Nixon glaubte, dass Kennedy den Sieg seinen Dollarmillionen und politischen Manipulationen verdankte. Seine Anhänger drängten ihn, die Wahl anzufechten, aber er kam schweren Herzens zu dem Schluss, dass »schon die Andeutung, die Präsidentschaft könne an der Wahlurne gestohlen werden, das Land in unkalkulierbarer und nachhaltiger Weise schädigen« würde.[19]

Er schwor, sich nie wieder unterkriegen zu lassen. Doch er erlitt eine letzte Demütigung, als er 1962 in seinen Heimatstaat Kalifornien zurückkehrte, um als Gouverneur zu kandidieren. Er verlor haushoch, ihm fehlten fast dreimal so viele Wählerstimmen wie bei seiner Präsidentschaftskandidatur.

Nixon war die ganze Nacht wach gewesen und hatte sich betrunken, bevor er seine Niederlage einräumte. »Sechzehn Jahre lang, seit dem Fall Hiss, hat es Ihnen eine Menge Spaß – eine Menge Spaß bereitet, auf mich loszugehen«, sagte er zu den Journalisten, die ihn umringten. »Aber wenn ich jetzt gehe, sollen Sie wissen – denken Sie daran, was Ihnen entgeht. In Zukunft werden Sie keinen Nixon mehr haben, auf dem Sie herumhacken können, denn das, meine Herren, ist meine letzte Pressekonferenz.«[20]

Danach, so schrieb Nixons Tochter Tricia, legte sich eine schreckliche Traurigkeit über ihn, die jahrelang nicht weichen sollte.

2»Das ist Landesverrat«

Für Richard Nixon war die Politik ein Krieg, in dem alle Mittel erlaubt waren. Er kehrte aus Niederlage und Exil zurück, angetrieben von der Kraft seines Willens und dem Wunsch nach Rache. Die Präsidentschaft gewann er 1968 nach einem Akt des Verrats, der in der amerikanischen Politik seinesgleichen sucht.

Nach seiner »letzten Pressekonferenz« verließ Nixon Kalifornien und ging nach New York, wo er in eine Kanzlei an der Wall Street eintrat. Er brachte das mit, was von seiner politischen Reputation noch übrig war, sowie eine Handvoll reicher Mandanten – Unternehmer, die seit langem Nixons Unterstützer waren. Die Kanzlei machte ihn so reich, dass er sich eine Zehn-Zimmer-Wohnung in der Fifth Avenue gegenüber dem Central Park leisten konnte.

Erst nach der Ermordung Präsident Kennedys am 22. November 1963 trat er politisch wieder in Aktion. Im Januar 1964 zeigte eine landesweite Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup, dass Nixon als potentieller Präsidentschaftskandidat wiederauferstanden war. Offenbar stand die Parteibasis hinter ihm. Diese Nachricht war ein Lichtstrahl, der jedoch nicht ausreichte, das Dunkel zu verscheuchen. Nixon glaubte nicht, dass die Zeit reif war, und er hatte recht. Lyndon B. Johnson, nach Kennedys Tod von der undankbaren Nebenrolle als Vizepräsident in das Präsidentenamt nachgerückt, errang 1964 einen überwältigenden Sieg.

Historiker beschreiben Nixons politisches Exil fast einhellig als ein Wandern in der Wüste. Aber Nixon irrte nicht ziellos umher. Er zog sich unermüdlich zukünftige Wahlkampfunterstützer heran – Spitzenunternehmer und ausländische Staatschefs, Landräte und Kongressführer. Er ebnete sich den Weg zurück an die Macht. »In diesen Zwischenjahren bereiste er die Welt und schwor Abgeordnete auf sich ein«, sagte William Watts, unter Nixon Mitglied im Nationalen Sicherheitsrat. »In den Vereinigten Staaten ließ er sich auf sämtlichen Schulabschlussfeiern, Bar Mizwas und Taufzeremonien blicken, die potentielle republikanische Abgeordnete ausrichteten. Er sicherte sich Wählerstimmen im ganzen Land. Er leistete unglaublich viel. Daneben reiste er um die Welt und traf sich mit allen und jedem.«[21]

Marshall Green war US-Botschafter in Indonesien, als Nixon im April 1967 den Militärmachthaber des Landes besuchte. »Als wir bei Präsident Suharto waren«, sagte Botschafter Green, unter Nixon im State Department zuständig für Ostasien, »notierte sich Mr. Nixon Kernpunkte der Unterredung, und nach unserer Rückkehr in meine Residenz sprachen wir lange über die Ereignisse in Indonesien und im übrigen Ostasien, besonders in China. Mr. Nixon zeichnete unser Gespräch auf Tonband auf, und als ich ihn fragte, was er mit all den Notizen und Bändern vorhabe, sagte er, sie würden transkribiert, archiviert und registriert, damit er später darauf Bezug nehmen könne.«[22]

Inzwischen war klar, dass Nixon erneut für das Präsidentenamt kandidieren und den Vietnamkrieg zu seinem wichtigsten Wahlkampfthema machen würde.

***

Die ersten Monate des Jahres 1968 zählen zu den blutigsten der amerikanischen Geschichte. Im Februar starben in Vietnam in einer einzigen Woche mehr als 500 US-Soldaten im Gefecht. Insgesamt wurden in jenem Jahr 16592 Amerikaner getötet und 87388 verwundet, 27915 Südvietnamesen starben sowie rund eine Viertel Million Soldaten und Zivilisten auf der gegnerischen Seite. Am 31. März gab Präsident Johnson bekannt, er werde nicht für eine Wiederwahl antreten und die verbleibenden Monate im Amt der Suche nach Frieden widmen. Vier Tage später, im April, wurde Martin Luther King ermordet. Auf den Straßen Washingtons schwelte der Zorn. Siebzig Prozent der Bewohner der Hauptstadt waren Schwarze, und ihre Wut entlud sich in Krawallen. Auf dem Rückflug von Kings Begräbnis in Atlanta blickten die Begleiter des Präsidenten auf eine brennende Stadt hinunter. Bobby Kennedys Ermordung im Juni, mitten im Wahlkampf, brachte für Millionen Amerikaner Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Nixon gehörte nicht zu ihnen: Kennedy war der potentielle Wahlkampfgegner, den er am meisten gefürchtet hatte. Nixon gewann alle republikanischen Vorwahlen von 1968, und nach Präsident Johnsons Ankündigung, nicht mehr zu kandidieren, war das Lager der Demokraten gespalten. Vietnam hatte die Demokraten entzweit und Johnsons Präsidentschaft von dem Moment an vergiftet, als er im Jahr 1965 Soldaten in den Kampf geschickt hatte. Der Krieg und seine politischen Auswirkungen zerschlugen Johnsons Hoffnung auf die Schaffung einer »Great Society«, einer Nation, in der Frieden, Gerechtigkeit und Gleichheit herrschten.

»Ich wusste von Anfang an, dass man mich steinigen würde, so oder so«, sagte Johnson zu seiner Biographin. »Würde ich meine große Liebe – die Great Society – verlassen, um zu jener Hure auf der anderen Seite der Welt zu gehen – dem Krieg in Vietnam –, würde ich zu Hause alles verlieren. (…) All meine Hoffnungen, den Hungernden zu essen und den Obdachlosen ein Dach über dem Kopf zu geben. All meine Träume. (…) Würde ich aber den Krieg aufgeben und Südvietnam den Kommunisten überlassen, würde ich als Feigling und mein Land als Abwiegler dastehen, und es wäre unmöglich, irgendwo auf diesem Erdball für irgendjemanden irgendetwas zu erreichen.«[23] In seinen Albträumen war er an den Boden gefesselt, und ein gewaltiger Mob stürmte auf ihn los und schrie: »Verräter!«

Jetzt befanden sich 549500 Amerikaner in Vietnam, und die Kommunisten töteten jede Woche Hunderte von ihnen. Die Toten verfolgten Johnson bis in die Tiefen seiner Seele. Der amerikanische Blutzoll in Vietnam betrug inzwischen fast 30000 Tote; drei Jahre Krieg hatten die Vereinigten Staaten nach heutigem Wert rund 330 Milliarden Dollar gekostet. Laut Umfragen lehnte die Öffentlichkeit die Kriegspolitik des Weißen Hauses inzwischen ab; eine Mehrheit der Amerikaner fand, es sei ein Fehler gewesen, in den Krieg zu ziehen.

Doch Nixon sprach kaum von Vietnam, als er sich seine Nominierung durch die Republikaner sicherte und Johnsons Vizepräsident Hubert H. Humphrey als sein Kontrahent antrat – nach einem turbulenten demokratischen Nominierungsparteitag, bei dem die Chicagoer Polizei mit Gummiknüppeln gegen Demonstranten vorging. Nixon versprach ein Friedensprogramm, ohne darauf einzugehen, wie es aussehen könnte. Dann überflutete er das Fernsehen mit Werbespots, in denen tote amerikanische Soldaten gezeigt wurden. In der Öffentlichkeit rechtfertigte er seine Vagheit damit, dass er sich aus den Friedensverhandlungen zwischen den Vereinigten Staaten und Nordvietnam in Paris heraushalten wolle. Unter vier Augen machte er deutlich, dass es kein Friedensabkommen geben werde, von dem er nicht Kenntnis hätte.

***

Am 12. Juli 1968 empfing Nixon den Botschafter Südvietnams in seiner Wahlkampfsuite im New Yorker Hotel Pierre. In dem eleganten Raum, der Nixon als Operationszentrale diente, sprach er mit Botschafter Bui Diem 90 Minuten lang über den Krieg und die Friedensverhandlungen. Anwesend war sein Kompagnon in der Anwaltskanzlei und Wahlkampfmanager John Mitchell, der wie gewohnt seine Pfeife paffte, aufmerksam zuhörte und wenig sagte. Mitchell hatte die bekannteste asiatische Antikommunistin der Vereinigten Staaten mitgebracht: Anna Chennault, die Witwe jenes Piloten, der die Luftflotte der CIA, Air America, geschaffen hatte, das Herzstück der Geheimoperationen im Vietnamkrieg. Madame Chennault, geborene Chen Xiangmei, war eine einflussreiche Washingtoner Lobbyistin, die eine Atmosphäre der Intrige kultivierte, gewürzt mit einem Hauch Gefahr. Sie war als die »Drachenlady« bekannt.

Nixon erklärte dem Botschafter, Mitchell und Chennault seien seine privaten Kontaktpersonen zur südvietnamesischen Botschaft. Nixon wollte, dass Bui Diem als sein inoffizieller Draht zu Präsident Nguyen Van Thieu in Saigon fungierte, und er wollte in dieser privaten Unterredung eine klare Botschaft übermitteln: Egal welche Friedensvereinbarungen die Demokraten anboten, Südvietnam wäre weitaus besser bedient, wenn der stramm antikommunistische Richard Nixon im Weißen Haus wäre.

Botschafter Diem verließ das Treffen mit dem Gefühl, »zunehmend zu den Republikanern hingezogen« zu sein, wie er 30 Jahre später schrieb. Nixon konnte ihm überzeugend vermitteln, dass er der Mann war, der den Krieg zu Bedingungen beenden würde, die für Amerikas Verbündete in Südvietnam sehr viel vorteilhafter wären. Und der Botschafter war begeistert über die Aussicht, Zutritt zum Hof der Drachenlady zu erhalten. »Was das Buhlen der Republikaner anging, kamen in Washington nur wenige Orte an Anna Chennaults Penthouse-Apartment im Watergate-Gebäude heran.«[24]

Das Buhlen verstärkte sich, je näher die Wahlen rückten. »Ich stehe in regelmäßigem Kontakt mit Nixons Umfeld«, berichtete Botschafter Diem an Präsident Thieu. Zugleich hielt er Mitchell über Thieus Aversion gegen die Friedensgespräche in Paris auf dem Laufenden.

***

Zu den Intrigen mit ausländischen Funktionären kam die Beschaffung von Spendengeldern hinzu. Im Sommer und Herbst 1968 trug Nixon 30 Millionen Dollar von amerikanischen Spendern zusammen, mehr als jeder andere Präsidentschaftskandidat vor ihm. Er verfügte aber auch über geheime Geldquellen aus dem Ausland. Im September und Oktober flossen illegale, nicht dokumentierte Gelder in den Wahlkampf. Seine Verbindungen zur CIA und zum FBI in den Jahren unter Eisenhower hatten Nixon gelehrt, dass Koffer voller Bargeld für einen amerikanischen Präsidenten ein Instrument der Außenpolitik waren. Jetzt übertrug er die Methoden der Geheimoperationen auf die Finanzierung seines Wahlkampfs.

Eine geheime Geldquelle Nixons war die griechische Militärjunta. Deren Führer waren angetan von der überraschenden Entscheidung Nixons, Spiro T. Agnew als seinen Vizepräsidentschaftskandidaten zu nominieren. Der Gouverneur von Maryland, geboren als Spiros Anagnostopoulos, war griechisch-orthodox erzogen. Über den Bostoner Geschäftsmann Thomas Pappas, der die größte Ölgesellschaft Griechenlands leitete, steuerte die Junta 549000 Dollar zu Nixons Wahlkampf bei. Pappas war ein persönlicher Freund Nixons und der Obristen. Im Weißen Haus war er bekannt als »der Grieche, der Geschenke bringt«.

Eine Koalition rechter politischer Führer in Italien bildete eine weitere geheime Finanzquelle Nixons. Über Pier Talenti, einen italo-amerikanischen Industriellen mit faschistischen Tendenzen und einem großen Familienanwesen in Rom, steuerten sie Hunderttausende Dollar bei. Nixon selbst instruierte seinen Stabschef H.R. Haldeman, ihm zu helfen, »die Spende des Italieners zu regeln«. Nixon belohnte seine Geldgeber gern, sofern er konnte. Als Präsident genehmigte er persönlich Millionen Dollar für die insgeheime Unterstützung rechter italienischer Politiker durch die CIA und zig Millionen für Waffenverkäufe an die griechischen Obristen über das Pentagon. Amerikanische Unternehmer, die mindestens vier Millionen Dollar undeklariert zu seinem Wahlkampf beisteuerten, wussten, wen sie anrufen mussten, wenn sie ihre Spenden übermitteln wollten: Rose Mary Woods, seit 1951 Nixons Privatsekretärin, von bedingungsloser Loyalität und bekannt für ihre Verschwiegenheit. Sie vereinbarte einen Termin in der Wohnung des Präsidentschaftskandidaten in der Fifth Avenue in New York, als der Geschäftsführer von Phillips Petroleum Nixon persönlich 50000 Dollar in bar vorbeibrachte. Sie informierte Nixon über eine nicht verbuchte »siebenstellige Spende« von Wiley Buchanan, einem Millionär aus Texas, der Eisenhowers Protokollchef im Weißen Haus gewesen war. Und sie verbuchte unter der Hand eine Spende in Höhe von 15000 Dollar, die der ehemalige kubanische Botschafter Nicolás Arroyo Márquez überbracht hatte. »Er war in Washington, als Castro die Macht übernahm«, notierte sie. »RN kennt ihn.«[25]

In seiner Wahlkampagne 1968 gelang es Nixon auch, Geldquellen anzuzapfen, deren letztliche Herkunft bis heute rätselhaft ist. Robert C. Hill, Vorsitzender der außenpolitischen Arbeitsgruppe des Republikanischen Nationalkomitees, berichtete am 29. September 1968 an Nixons Wahlkampfteam, »RNs Komitee in Mexiko« habe Zugang zu geheimen Geldern, die Win Scott kontrollierte, der seit 1956CIA-Stationschef in Mexico City war. Scott hatte persönliche Verbindungen zu den jeweiligen mexikanischen Präsidenten und Sicherheitsministern sowie zu reichen Republikanern mit Haciendas in Mexiko. Hill sagte, der Stationschef habe »zwischen drei und fünf Millionen Dollar zur Verfügung«.[26] Hill war Eisenhowers Botschafter in Mexiko gewesen, Nixon ernannte ihn später zu seinem Botschafter in Spanien. Die Spur der Millionen ist bis heute unauffindbar. Vier Jahre nach der Wahl 1968 aber sollten Wahlkampfgelder auf mexikanischen Bankkonten ein Glied in der Kette der Ereignisse bilden, mit denen Nixons Niedergang seinen Anfang nahm.

***

Diese Transaktionen waren nur ein Rädchen im Getriebe von Nixons Maschinerie. Die Tage des Kandidaten waren angefüllt mit endloser politischer Plackerei: mit der Aufnahme von Werbespots für das Fernsehen, mit den ewig gleichen Wahlkampfreden und dem Zuschnitt des Wahlkampfs auf die einzelnen Bundesstaaten. Anfang Oktober, vier Wochen vor der Wahl, lag Nixon in den Umfragen klar in Führung. Nur eines konnte ihn jetzt noch scheitern lassen: eine dramatische Entwicklung in Vietnam – das wusste und fürchtete er. Vizepräsident Humphreys Wahlkampf war durch seine Loyalität gegenüber Johnson erschwert worden. Liberale Kriegsgegner verweigerten ihm ihre Unterstützung. Doch wenn Johnson die Luftangriffe auf Nordvietnam aussetzte oder bei den Pariser Friedensgesprächen einen Waffenstillstand oder ein Friedensabkommen aushandelte, konnte der Kandidat der Demokraten Millionen Stimmen kriegsmüder amerikanischer Wähler erhalten. Eine Friedensvereinbarung konnte den Wahlausgang drehen.

»Viele republikanische Freunde haben mich kontaktiert und uns ermutigt, standzuhalten« und einem Bombenstopp nicht zuzustimmen, berichtete Botschafter Diem am 23. Oktober an Präsident Thieu. Thieu antwortete, Südvietnam werde sich dem wohl tatsächlich entgegenstellen. Er glaubte, der entschiedene Antikommunist Nixon könne ein besseres Abkommen erzielen als jeder Demokrat.

Die Nationale Sicherheitsbehörde NSA, die seit ihrer Gründung Amerikas Verbündete ausspionierte, fing diese Telegramme in Saigon ab und gab deren Inhalt direkt an Präsident Johnson weiter. Die NSA und das FBI überwachten auch die südvietnamesische Botschaft in Washington, Johnson kannte also den Inhalt der Telefongespräche und diplomatischen Telegramme in beide Richtungen.

Doch Nixon hatte im Weißen Haus seine eigenen Informanten, »jemanden aus Johnsons innerstem Kreis«, wie er sich ausdrückte.[27] Und so erfuhr der Kandidat am Tag darauf aus sicherer Quelle, dass die Vereinigten Staaten mit Nordvietnam ein geheimes Abkommen geschlossen hatten, um die Luftangriffe auszusetzen und Frieden zu schließen. Das war zehn Tage vor der Wahl. »Die einzige Möglichkeit zu verhindern, dass Johnson meine Kandidatur in letzter Minute vereitelte, war die sofortige Ankündigung, dass ein Bombenstopp bevorstand«, schrieb Nixon in seinen Memoiren.[28]

Am 26. Oktober trat er mit einer klassischen politischen Floskel an die Öffentlichkeit. Er äußerte die Vermutung, das Abkommen sei womöglich »nur ein zynischer Versuch Präsident Johnsons, Mr. Humphreys Kandidatur in letzter Minute zu retten. Daran glaube ich aber nicht.« Der letzte Satz war eine Lüge.

Johnson und Nixon hassten sich, seitdem sie einander 1951 als Senatoren zum ersten Mal begegnet waren. Beide waren kampferprobte Veteranen der politischen Kriegsführung. In dieser Schlacht verfügte der Präsident zwar über mehr Feuerkraft (die NSA, die CIA und das FBI), aber Nixon nutzte die Guerillataktik der Sabotage und der Angriffe aus dem Hinterhalt.

Am 28. Oktober traf der Inhalt eines abgefangenen Telegramms aus Saigon im Weißen Haus ein. Es stammte aus der NSA-Zentrale in Maryland und zitierte Präsident Thieu Wort für Wort: »Alles deutet darauf hin, dass Mr. Nixon zum nächsten Präsidenten gewählt wird, und er [Thieu] denkt, es wäre gut, die wichtige Frage der politischen Gespräche mit dem nächsten Präsidenten zu erörtern.« Die abgefangene Nachricht war ein klarer Beleg dafür, dass Nixon mit Saigon in Kontakt stand und versuchte, das Friedensabkommen zu hintertreiben.[29]

Am 29. Oktober frühmorgens las Johnson ein Memorandum seines Nationalen Sicherheitsberaters Walt Whitman Rostow, der einen Nixon nahestehenden Wall-Street-Banker zitierte; die Insider-Information stimmte mit dem NSA-Bericht überein. »Nixon macht sich das Problem zunutze«, sagte der Wall-Street-Banker, und versuche, »Saigon zu ermuntern, sich querzustellen«, indem er Thieu die Botschaft zukommen lasse, er solle durchhalten, um mit der nächsten Administration einen besseren Deal zu erreichen.[30] Außer sich vor Wut erteilte der Präsident dem FBI die Anweisung, Anna Chennault zu überwachen und die Telefonate von Botschafter Bui Diem in der südvietnamesischen Botschaft abzuhören.

Das FBI begann umgehend, die Gespräche abzufangen. Am 30. Oktober bat Diem die Drachenlady um eine dringende Unterredung. Der stellvertretende FBI-Direktor Cartha »Deke« DeLoach legte den Bericht bereits Stunden später dem Präsidenten vor. Nachdem Johnson ihn gelesen hatte, übermittelte er Nixon durch den republikanischen Senatsführer Everett Dirksen aus Illinois eine deutliche Warnung: »Er sollte Mrs. Chennault und all diese Leute ein paar Tage an der kurzen Leine halten.«[31]

Am Donnerstag, dem 31. Oktober, verkündete Johnson einen Bombenstopp. Die landesweiten Umfragen verzeichneten prompt eine massive Verschiebung von Millionen Wählerstimmen von Nixon zu Humphrey.

Aber Thieu stellte sich quer. Er werde nicht zusammen mit den Amerikanern zu der Friedenskonferenz nach Paris gehen, erklärte er. Er werde sich nicht mit den Kommunisten an einen Tisch setzen. Er werde kein Friedensabkommen akzeptieren und keine Koalition für einen Waffenstillstand in Betracht ziehen. Ebenso wenig werde er sich mit dem amerikanischen Botschafter treffen oder dessen dringende Anrufe entgegennehmen. »Südvietnam ist kein Waggon, der an eine Lokomotive gehängt und überallhin geschleppt werden kann, wie es die Lokomotive will«, sagte er zu Journalisten in Saigon.[32]

Der Frieden musste warten.

***

Überzeugt, dass ein Komplott Nixons im Gange war, rief Johnson am 31. Oktober, dem Tag seiner Ankündigung des Bombenstopps, seinen besten Freund im Senat an, Richard Russell aus Georgia, den langjährigen Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses des Senats. »Der Kandidat der Republikaner – unser kalifornischer Freund – spielt am Rande des Geschehens mit unseren Feinden und unseren Freunden«, teilte Johnson dem Senator mit. »Und das tut er über ganz geheime Kanäle. Er hat zu den Verbündeten gesagt: ›Man wird euch hintergehen … Opfert nicht eure Freiheit nur wenige Stunden bevor ich sie euch bewahren kann.‹«[33]

Am Samstagmorgen, dem 2. November, kamen Johnsons Spitzenberater zusammen, um die Situation einzuschätzen. »Es ist sonnenklar!«, sagte der stellvertretende Verteidigungsminister Paul Nitze. »Thieu hat Angst, dass Humphrey & Demokraten ihm eine Koalition aufzwingen wollen & die Republikaner nicht«, heißt es im Protokoll des Treffens.[34] An jenem Abend erhielt der Präsident den Beweis. Rostow schickte ihm ein dringendes Fernschreiben aus dem Weißen Haus auf seine Ranch in Texas. Das FBI hatte Chennault abgehört, die »eine Nachricht von ihrem Chef« an Botschafter Diem übermittelte. Die Nachricht lautete: »Halten Sie durch. Wir werden gewinnen.«[35]

Der Präsident wusste, wer der Chef war: Richard Nixon.

»Das ist Landesverrat«, sagte der Präsident der Vereinigten Staaten.[36] »Sie nehmen mitten in einem Krieg mit einer ausländischen Macht Verbindung auf.« Wenn nicht Landesverrat, dann war es zumindest ein Verstoß gegen Bundesgesetze, wenn ein amerikanischer Staatsbürger mit einer ausländischen Regierung Privatdiplomatie betrieb, die gegen die Interessen der Vereinigten Staaten gerichtet war.

»Wir wissen, was Thieu zu ihnen sagt«, erklärte Johnson mit seiner von Tabak und Whisky heiseren Stimme, die aufgrund einer Erkältung noch rauer geworden war. »Sie sollten wissen, dass wir wissen, was sie da machen. Wir wissen, mit wem sie reden. Ich weiß, was sie sagen. (…) Wenn Nixon die Südvietnamesen von der Konferenz abhält, nun, dann trägt er die Verantwortung dafür. Wenn sie nicht wollen, dass es auf die Titelseiten kommt, sollten sie lieber damit aufhören.«

Nixon wurde von republikanischen Verbündeten im Senat informiert, dass Johnson ihm auf der Spur war. Am Sonntag, dem 3. November, um 13.54 Uhr rief er den Präsidenten an und stritt alles ab. »Mein Gott«, sagte Nixon, »ich würde niemals etwas tun, das Saigon ermutigt, sich nicht an den Verhandlungstisch zu setzen.«

***

Die Friedensgespräche in Paris waren zum Scheitern verurteilt. Philip Habib, ein hochrangiger Diplomat im Außenministerium, hatte an den Friedensgesprächen teilgenommen und glaubt, der Vietnamkrieg wäre beendet worden, wenn Nixon die Verhandlungen nicht sabotiert hätte. »Das Abkommen war in trockenen Tüchern. Und dann ist etwas passiert. Jemand ist im Namen Nixons zu Thieu gegangen und hat zu ihm gesagt: ›Stimm nicht zu, geh nicht nach Paris‹«, erinnerte sich Habib, der auch unter Nixon ein loyaler Diplomat blieb, Jahre später. »Ich bin überzeugt, dass der Krieg sehr viel früher zu Ende gewesen wäre, wenn Humphrey gewonnen hätte.«[37]

Wäre an jenem Sonntag gewählt worden, hätte Humphrey, den Umfragen zufolge, eine reelle Chance gehabt zu gewinnen. Aber der Frieden war nicht länger in Reichweite. Am Montag, dem 4. November, zeigten die Wahlumfragen, dass das Pendel der öffentlichen Meinung wieder zu Nixon zurückschwang.

An jenem Nachmittag konferierte der Präsident mit Außenminister Dean Rusk, Verteidigungsminister Clark Clifford und dem Nationalen Sicherheitsberater Walt Rostow. Wenige Stunden später öffneten die Wahllokale. Die Frage war, ob Nixons Verrat publik gemacht werden sollte. Dabei gab es zwei Probleme: Der Vorwurf war brisant und das Beweismaterial geheim. Konnte man der Nation die Enthüllung zumuten, dass Nixon auf Kosten des Lebens amerikanischer Soldaten ein Doppelspiel trieb? Und dass die US-Regierung den Präsidenten Südvietnams ausspionierte?

»Ich glaube nicht, dass ein Präsident abgefangene Telegramme oder mitgeschnittene Telefongespräche für politische Zwecke benutzen kann«, erklärte Rusk dem Präsidenten. »In dem Augenblick, in dem wir diese Grenze überschreiten, haben wir eine andere Art von Gesellschaft.«[38]

Auch würde die Wählerschaft eine politische Bombe dieser Größenordnung in letzter Minute nicht verkraften. Wenn Nixon gewinnen würde, könnte ihn die Enthüllung vernichten, noch bevor er den Amtseid geleistet hätte.

»Einige Elemente der Geschichte sind ihrem Charakter nach so empörend, dass ich mich frage, ob es für das Land gut wäre, die Geschichte zu enthüllen«, sagte Clifford. »Es könnte seine gesamte Administration derart in Frage stellen, dass es, glaube ich, den Interessen unseres Landes schaden würde.«

Der Präsident und seine Berater wahrten Stillschweigen. Der Wahltag des 5. November kam und ging. Erst am frühen Morgen des folgenden Tages war das Ergebnis klar. Nixon hatte mit einem Vorsprung von weniger als einer halben Million Stimmen gewonnen, eine knappe, keine überwältigende Mehrheit: 43,4 Prozent der Wählerstimmen gegenüber 42,7 Prozent, die Humphrey erzielte, während 13,5 Prozent auf den rassistischen Ex-Gouverneur von Alabama, George C. Wallace, entfielen, der als Demokrat angetreten war. Seit 1912 war kein Präsident mit einem schwächeren Mandat gewählt worden.

Der Preis für diesen Sieg war gewaltig. Nixon hatte die Chance auf Frieden in Vietnam verspielt, um die Wahl zu gewinnen.

Am 8. November stellte der amtierende Präsident Nixon in einem Telefonat zur Rede. »Von hier kommen Nachrichten, ›Johnson wollte einen Bombardierungsstopp, damit Humphrey gewählt wird‹, und sie sollten durchhalten, weil ›Nixon euch nicht hintergehen wird‹«, sagte Johnson zu dem designierten Präsidenten. »Das ist die Geschichte, Dick. Und es ist eine schmutzige Geschichte.«[39]

Nixon behauptete stets – offenbar weil J. Edgar Hoover es ihm ein paar Wochen später nahelegte –, der Präsident persönlich habe ihn mit Wanzen und Abhörgeräten in den letzten Tages des Wahlkampfs ausspioniert. »Wir wurden abgehört«, versicherte er auf Tonbandaufnahmen, die er selbst im Weißen Haus machte. »Johnson hat uns abgehört.«[40] Obwohl das nicht stimmte, war es eine noch viel schmutzigere Geschichte, wie Nixon meinte.

Man beschloss, die Affäre im Interesse der nationalen Sicherheit unter Verschluss zu halten.

Walt Rostow schrieb 1973, kurz nach Nixons Wiederwahl und nach Johnsons Tod, das letzte Kapitel der Geschichte. Er hatte die Schlüsseldokumente, die die Geschichte erzählen, aus dem Weißen Haus herausgeschmuggelt. Er besaß Kopien der NSA-Berichte, Abhörberichte des FBI und ein Telegramm des CIA-Büros in Saigon, die allesamt Präsident Thieu mit den Worten zitieren, als Antwort auf Johnsons »Verrat« habe er »zwei geheime Emissäre in die USA geschickt, um mit Richard Nixon Kontakt aufzunehmen«.[41]

Rostow heftete die Dokumente in einem Ordner ab und schrieb darauf »The ›X‹ Files«. Er schickte sie an die Lyndon B. Johnson Library mit der Bitte, sie 50 Jahre lang unter Verschluss zu halten. Bevor er sie versiegelte, fügte er als Nachtrag ein paar persönliche Anmerkungen hinzu.[42]

»Ich neige zu der Überzeugung, dass die republikanische Operation 1968 mit der Watergate-Affäre in zweierlei Hinsicht vergleichbar ist«, schrieb er. »Erstens stand die Wahl von 1968 unmittelbar bevor, und es gab für die republikanische Seite durchaus Grund zu glauben, dass ihr Vorhaben mit den Südvietnamesen den Ausschlag für den Sieg [geben würde]. Zweitens kamen sie ungeschoren davon.« Rostows Schlussfolgerung lautete: »Es gab die Erinnerung daran, wie knapp eine Wahl ausgehen und wie nützlich es sein konnte«, im Streben nach der Macht »bis an die Grenze zu gehen – oder sie zu überschreiten«.

Nach seiner Stunde des Triumphs blieb bei Nixon eine tiefe Verbitterung zurück, wegen seines Verdachts, Johnson habe ihn abgehört, und wegen seiner festen Überzeugung, der Bombenstopp in Vietnam sei ein Komplott gewesen, um seine Präsidentschaft zu verhindern. Nixon würde nie vergessen, dass sein Sieg auf Täuschung, Doppelzüngigkeit und Handlungen von zweifelhafter Legalität beruhte.

3»Er war von Feinden umgeben«

Nixons Gefühl, belagert zu werden, machte sich unmittelbar nach seiner Amtseinsetzung am 20. Januar 1969 bemerkbar, als er Präsident eines Landes wurde, das so tief gespalten war wie nach dem Bürgerkrieg.

Der Krieg im eigenen Land habe am Tag der Inauguration begonnen, so Tom Charles Huston, ein junger Mitarbeiter im Weißen Haus, der für die Informationsbeschaffung zuständig war. Auf der Fahrt vom Kapitol zum Weißen Haus wurde er von Tausenden »Radikalen« empfangen, »die Steine warfen«, der schwarzen Präsidentenlimousine Obszönitäten entgegenriefen, »brüllten und Krawall machten«.[43] Niemals zuvor hatte ein Präsident unter einem Hagel von Flüchen, beworfen mit Müll und verhöhnt mit dem ausgestreckten Mittelfinger, sein Amt angetreten.

Nixon würde seine Rache bekommen, und Huston würde ihm dabei helfen. Der ehemalige Offizier des militärischen Nachrichtendienstes war am Ende des Jahres Nixons interner Berater für Inlandsspionage. Als Nixon die später als die »Klempner« bekannte Sonderermittlungseinheit gründete, die auf Anweisung des Präsidenten Informationen über seine politischen Feinde sammelte, suchte er nach einem Leiter. Er sagte: »Ich brauche wirklich einen Hurensohn wie Huston, der sich den Arsch abarbeitet und dabei auf seine Ehre pfeift.«[44] Doch inzwischen hatte er eine Menge Mitarbeiter im Weißen Haus zur Verfügung, die willens und fähig waren, diese Aufgaben zu erfüllen.

Unter Nixon machte eine ganze Generation der amerikanischen Rechten Karriere; der Einfluss, den er durch sie ausübte, ist noch Jahrzehnte danach spürbar. Der spätere Präsident George H.W. Bush führte als Vorsitzender des Nationalkomitees die Republikanische Partei mit fester Hand. Sieben spätere Verteidigungsminister hatten bereits unter Nixon ein Amt inne, darunter Dick Cheney und Donald Rumsfeld, die auf Nixons Geheiß mit aller Kraft daran arbeiteten, die Grundpfeiler von Lyndon B. Johnsons umfassenden Sozialreformen, der »Great Society«, zu demontieren. Aus der Nixon-Ära gingen überdies sechs spätere Innenminister hervor, ebenso sechs Direktoren und Vizedirektoren des Geheimdienstes CIA.

Die extrem rechten Ansichten von William Rehnquist, einem jungen Juristen im Justizministerium, fielen Nixon auf. Rehnquist sollte 32 Jahre lang dem Obersten Gerichtshof angehören, fast zwei Jahrzehnte als Oberster Richter, und bis zu seinem Tod 2005 gestaltete er das Recht in Nixons Sinn um. Nixon ernannte Antonin Scalia zu Rehnquists Nachfolger als Leiter des Büros des Rechtsberaters im Justizministerium – eine erste Kostprobe der Macht für einen Mann, der inzwischen seit nunmehr drei Jahrzehnten die beharrlichste konservative Stimme im Obersten Gerichtshof ist. Jede Fünf-zu-Vier-Entscheidung des Supreme Court, an der die beiden beteiligt waren, trägt Nixons Handschrift, allen voran das Verfahren Bush gegen Gore, das nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl 2000 Bush als dem Kandidaten, der mit über einer halben Million Stimmen verloren hatte, zum Sieg verhalf.

Drei Männer jedoch, und nur diese drei Männer, bildeten Nixons engsten Kreis. Zwei von ihnen gingen für Straftaten ins Gefängnis, die sie im Namen des Präsidenten begangen hatten. Der dritte erhielt den Friedensnobelpreis und wurde als Kriegsverbrecher verurteilt.

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Harry Robbins Haldeman hatte im Präsidentschaftswahlkampf 1960 an Nixons Seite gestanden; er hatte den gescheiterten Wahlkampf um den Gouverneursposten in Kalifornien 1962 geleitet und war Nixon während seiner Jahre im Exil treu geblieben. Seine Aufopferungsbereitschaft für den Präsidenten war beinahe übermenschlich. Er arbeitete 100 Stunden die Woche. Er war 1561 Tage Stabschef im Weißen Haus; in dieser Zeit war er weniger als 30 Tage von Nixon getrennt. Nixon verbrachte mehr Zeit mit Haldeman als mit seiner Frau. Kein Präsident und kein König hatte jemals einen loyaleren Diener.

Haldeman kannte Nixon aus allernächster Nähe. Er war in höchster Alarmbereitschaft, wenn Nixon schlappmachte, er blieb nüchtern, wenn Nixon einen Drink zu viel intus hatte, führte die Anweisungen des Präsidenten aus, wenn Nixon der Mut fehlte, und ließ sie in der Versenkung verschwinden, wenn sie unklug erschienen. Haldeman kümmerte sich um alles. Er strahlte eine militärische Disziplin und Ordnung aus, die zu seinem Bürstenhaarschnitt und seinem ernsten, stählernen Blick passte. Nur über ihn kam man an den Präsidenten heran. Seine Loyalität war unerschütterlich. Doch als Nixon ihn entließ, als er ihn feuerte, weil die Watergate-Flut immer höher stieg, gaben sich die beiden Männer Haldemans Erinnerung nach zum ersten Mal die Hand.

John Newton Mitchell hatte keinerlei Erfahrung in der Strafverfolgung, als er Justizminister der Vereinigten Staaten wurde. Aber als Nixons Wahlkampfmanager hatte er eiserne Disziplin bewiesen. Von ihrer ersten Begegnung in Nixons New Yorker Anwaltskanzlei an, wo Mitchell Namenspartner war, ordnete dieser sich Nixon und seinen Ambitionen vollkommen unter. Er würde alles tun, worum der Präsident ihn bat.

Mitchell war das grimmige Gesicht von Recht und Ordnung in Amerika, der nationale Polizeichef. Er wurde zum Symbol für die Macht der Regierung, abweichende Meinungen zu unterdrücken. Seiner Auffassung nach sollten Polizei- und FBI-Beamte ohne Vorwarnung die Häuser von Verdächtigen betreten können, mittels der sogenannten »no-knock«-Gesetze. Er machte sich für das Abhören ohne richterliche Anordnung, Vorbeugehaft und andere Vorgehensweisen stark, wie man sie mit Polizeistaaten assoziiert. In seinem berühmtesten politischen Ausspruch prophezeite er: »Dieses Land wird so weit nach rechts rücken, dass Sie es nicht mehr wiedererkennen.«[45]

Nixon wollte, dass Mitchell Linke und Liberale in Angst und Schrecken versetzte, und zwar mit Hilfe von Zwangsvorladungen und Anklageerhebungen durch Bundesstaatsanwälte und Grand Jurys auf Veranlassung des Justizministeriums. Wie Präsident Woodrow Wilson im Ersten Weltkrieg versuchte auch Nixon, im Namen der nationalen Sicherheit seine lautstärksten politischen Gegner mit Gesetzen gegen Verschwörung und Volksverhetzung zu bekämpfen. Eine der ersten Anweisungen Nixons an Justizminister Mitchell war die Anklageerhebung gegen die bekanntesten Führer der Antikriegs- und Black-Power-Bewegung. Die politischen Vorwürfe wurden von den Geschworenen vor Gericht ausnahmslos abgeschmettert.

Um Nixons linke Feinde zu vernichten, war Mitchell auf die Ermittlungsbefugnisse von J. Edgar Hoover angewiesen, FBI-Direktor seit 1924. Theoretisch war das FBI Mitchell unterstellt. Aber »die Justizminister erteilten Mr. Hoover selten Anweisungen«, sagte Nixon. »Das war sogar für die Präsidenten schwierig.«[46]