Fear Street 30 - Die Mitbewohnerin - R.L. Stine - E-Book

Fear Street 30 - Die Mitbewohnerin E-Book

R.L. Stine

0,0

Beschreibung

Neugier ist tödlich …Lea zieht mit ihren Eltern in eine alte, verfallene Villa in der Fear Street. Um das Haus rankt sich eine gruselige Legende: In der Dachkammer, die seit über hundert Jahren verschlossen ist, soll einst ein Mord geschehen sein. Lea weiß, dass sie sich von dem Dachboden fernhalten sollte – doch sie hört immerzu Schritte in der Kammer. Plötzlich fleht eine Stimme sie an, die Tür zu öffnen. Doch wer – oder was – steckt dahinter? Der Horror-Klassiker endlich auch als eBook! Mit dem Grauen in der Fear Street sorgt Bestsellerautor R. L. Stine für ordentlich Gänsehaut und bietet reichlich Grusel-Spaß für Leser ab 12 Jahren. Ab 2021 zeigt Neflix den Klassiker Fear Street als Horrorfilm-Reihe!

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 179

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS



Inhalt

Prolog

Kapitel 1 – Lea Carson stolperte …

Kapitel 2 – Leas Haus ragte …

Kapitel 3 – „Ja, ich wei …

Kapitel 4 – „Deena, wo bist …

Kapitel 5 – Lea drückte auf …

Kapitel 6 – „Deena, bitte – beeil …

Kapitel 7 – „Kein Blut“, sagte …

Kapitel 8 – Lea sprang mit …

Kapitel 9 – „Dieses Mal kann …

Kapitel 10 – „Bitte!“, flehte das …

Kapitel 11 – Sie blickte in …

Kapitel 12 – Lea hielt sich …

Kapitel 13 – „Lass mich los …

Kapitel 14 – „Nun, ich konnte …

Kapitel 15 – „Es war letzte …

Kapitel 16 – „Beruhige dich, Lea …

Kapitel 17 – „Oh nein! Oh …

Kapitel 18 – Als Catherine das …

Kapitel 19 – Dr. Harrison schloss …

Kapitel 20 – Catherine hatte die …

Kapitel 21 – Don lebte in …

Kapitel 22 – Sie beugte sich …

Kapitel 23 – Auf dem Dachboden …

Kapitel 24 – Das Zimmer sah …

Kapitel 25 – „Kind des Bösen …

Kapitel 26 – Als sie ihre …

Alle Einzelbände der Reihe „Fear Street“ als eBook

Über den Autor

Weitere Infos

Impressum

Prolog

Tu es nicht!

„Bitte mach die Tür auf!“

„Bitte!“, flehte das Mädchen auf der anderen Seite der Tür verzweifelt.

Lea war wie erstarrt vor Angst. Ein schreckliches Bild blitzte vor ihrem inneren Auge auf. Sie stellte sich ein grauenvolles Geschöpf mit roten, hervortretenden Augen vor, mit einem Maul, von dessen Fangzähnen grüner Schleim tropfte. Das Monster lauerte auf der anderen Seite der versperrten Tür, hatte seine Stimme verstellt und sprach wie ein verängstigtes Mädchen, um Lea zu täuschen.

„Bitte öffne die Tür!“, rief die gedämpfte Stimme und klang nun noch ängstlicher und verzweifelter.

„Ich – ich bin gleich wieder zurück“, antwortete Lea.

Sie hatte ihre Entscheidung getroffen: Sie würde die Tür öffnen.

1

Lea Carson stolperte und dabei fiel ihr das Tablett mit dem Mittagessen aus den Händen.

Während sie versuchte, ihr Gleichgewicht wiederzugewinnen, beobachtete sie, wie das Tablett auf einen voll besetzten Tisch zuflog. Wie in Zeitlupe sah Lea, wie es auf die Kante eines Stuhls prallte, auf dem ein Mädchen saß. Hilflos musste sie mit ansehen, wie die Schüssel vom Tablett kippte und sich der dunkle Bohneneintopf über den weißen Pulloverärmel des Mädchens leerte.

Das Mädchen schrie auf, sprang auf die Füße und riss gleichzeitig ihre Arme nach oben. Sie schüttelte sich und langte dann nach ihrem Ärmel, um die roten Bohnen und Tomatenstückchen wegzuwischen.

Stocksauer drehte sie sich zu Lea um. Auch die anderen am Tisch, zwei Jungs und ein Mädchen, starrten Lea an. Das Mädchen runzelte missbilligend die Stirn. Lea spürte, wie ihr die Schamröte ins Gesicht stieg.

„Mein neuer Pulli!“, rief das Mädchen und kratzte an ihrem Ärmel herum. Sie hatte kurze lockige rote Haare und hellblaue Augen, mit denen sie Lea einen ärgerlichen Blick zuwarf, bevor sie wieder zurück auf ihren Pullover schaute.

„Es tut mir leid“, brachte Lea endlich heraus. „Der Boden war nass. Ich bin ausgerutscht.“

„Ich wasch mal besser meinen Pulli aus“, sagte das Mädchen und ignorierte Leas Entschuldigungsversuch. Sie drehte sich um und stapfte an Lea vorbei, ohne sie noch eines weiteren Blickes zu würdigen.

„Es tut mir wirklich leid!“, rief Lea, doch das Mädchen eilte davon, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Lea hörte Gelächter am Nebentisch und wusste, dass man sich über sie lustig machte. Sie bückte sich, um ihr Tablett aufzuheben, und spürte, dass alle Blicke auf sie gerichtet waren.

„Am liebsten würde ich auf der Stelle sterben“, dachte sie.

„Ich bin kaum eine Woche da und habe mich schon total blamiert.“

Als wenn es nicht ohnehin schon schwer genug wäre, in einer neuen Schule klarzukommen und Freunde zu finden – besonders wenn man so schüchtern war wie sie! Zum Glück war sie nicht hässlich. Mit ihren funkelnden grünen Augen und ihren dunkelbraunen Haaren, die sie als fransigen Bob mit überlangem Pony trug, sah sie sogar richtig gut aus.

Lea hat ein tolles Lächeln. Wenn sie lächelt, strahlt ihr ganzes Gesicht, sagten immer alle.

Tja, bis jetzt hatte sie an der Shadyside Highschool noch nicht allzu viel Grund zum Lächeln gehabt. Die Schüler schienen alle ziemlich hochnäsig und eingebildet zu sein. „Hier“, sagte eine Stimme und riss Lea aus ihren Gedanken. „Eine Handvoll Bohnen gefällig?“

„Oh.“ Es war einer der Jungs vom Tisch. Er hatte Leas Tablett aufgehoben und hielt mehrere Servietten in der Hand.

„Danke“, sagte Lea unsicher.

Er grinste sie an, während sie ihm das Tablett abnahm. Sie spürte, wie ihr die Röte wieder ins Gesicht schoss.

„Der ist ja süß“, dachte Lea.

Der Junge war zwar nicht umwerfend schön, aber er hatte ein offenes, freundliches Gesicht.

Lachend hob er Leas Besteck vom Boden auf. „Das Chili sah richtig lecker aus“, sagte er, immer noch grinsend, und reichte Lea ein paar Servietten.

Sie bückte sich und er kniete sich neben sie. Lea begann, an ihrer Unterlippe zu knabbern. Das machte sie immer, wenn sie nervös war – sie konnte es sich einfach nicht abgewöhnen. „Ich bin ausgerutscht“, erklärte sie und wurde rot.

„Marci wird sich schon wieder beruhigen“, sagte er aufmunternd. „In einhundert Jahren oder so.“ Sein Grinsen erlosch.

„Sie sah wirklich sauer aus“, bemerkte Lea beschämt.

Sie standen beide auf. Er schaute zum Ausgang. Marci war noch nicht zurückgekehrt. Die anderen Schüler am Tisch hatten inzwischen den Speisesaal verlassen.

„Du bist neu hier, oder?“, fragte er und musterte sie neugierig. Lea gefielen seine braunen Augen.

„Ja. Das ist erst meine zweite Woche“, antwortete sie unsicher, während sie mit beiden Händen das Tablett umklammerte.

„Wie heißt du?“

„Lea. Lea Carson.“

„Schöner Name“, sagte er. „Ich heiße Don Jacobs.“ Er schaute wieder zur Tür, dann zurück zu Lea. „Bist du in der Abschlussklasse?“

„Nein, im vorletzten Schuljahr.“

„Wer ist dein Jahrgangslehrer?“

Sie knabberte wieder an ihrer Unterlippe und überlegte kurz. In der letzten Woche hatte sie sich so viele Namen merken müssen. „Mr Robbins.“

„Wo wohnst du?“

„In der Fear Street. Ein paar Häuserblocks vom alten Friedhof entfernt.“

„In der Fear Street?“

Lea hatte sich schon an die verstörten Gesichter der Leute gewöhnt. „Meine Eltern sind einfach verrückt danach, alte Häuser wieder herzurichten“, erklärte sie. „Als mein Dad nach Shadyside versetzt wurde, haben sie das heruntergekommenste Haus gekauft, das sie finden konnten. Sie werden Jahre mit dem Renovieren verbringen und dann wird er bestimmt wieder versetzt werden.“

Lea seufzte und blickte zu einem Tisch an der Wand, wo Deena Martinson saß. Deena winkte ihr zu und schien verwundert, mit wem Lea da sprach. Bisher war Deena die Einzige gewesen, mit der sich Lea an der Shadyside angefreundet hatte.

„Es ist schon spät“, sagte sie scheu zu Don. „Ich sollte mir besser ein frisches Mittagessen holen.“

„Hab gehört, das Chili soll richtig lecker sein“, sagte er, ohne eine Miene zu verziehen.

„Danke für deine Hilfe“, antwortete Lea und lächelte.

Sie drehte sich um, als er nach ihrem Arm griff. „Hast du vielleicht Lust, am Samstagabend ins Kino zu gehen?“, fragte er, während sein Blick immer wieder zur Tür wanderte. Er fuhr mit den Fingern durch seine braunen Locken und schenkte ihr sein strahlendstes Lächeln.

Lea war so überrascht, dass es ihr fast die Sprache verschlug. Sie schaffte es gerade noch, mit einem leisen „Ja“ zu antworten.

„Gut“, erwiderte er, doch dann verflog sein Lächeln schlagartig. Lea folgte seinem Blick und sah Marci in der Tür stehen. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und starrte sie beide böse an.

„Bis später“, sagte Don und huschte zu Marci hinüber.

Lea eilte zur Essensschlange. „Vielleicht sind jetzt meine einsamen Tage hier vorbei“, dachte sie voller Freude und ihre Hände zitterten, als sie sich ein Thunfischbrötchen und einen Apfelsaft holte.

„Worüber hast du mit Don Jacobs gesprochen?“, fragte Deena, nachdem Lea sich zu ihr gesetzt hatte.

„Na ja, vor allem über mein blödes Missgeschick. Ich bin gestolpert und hab das Mädchen mit Chili bekleckert, das da mit ihm beim Eingang steht.“

„Du hast dein Mittagessen auf Marci Hendryx gekippt und ich hab’s verpasst?“, rief Deena übertrieben enttäuscht.

Deena hatte ein zartes, herzförmiges Gesicht, das von feinen, blonden Haaren umrahmt wurde, die ihr bis unters Kinn reichten. Sie beschwerte sich immerzu über ihre Blässe und darüber, dass mit ihrem feinen Haar nichts anzufangen sei, aber in Wirklichkeit war sie sehr hübsch. Wahrscheinlich war sie in der Grundschule immer der Engel im Krippenspiel gewesen, dachte Lea.

„Don scheint nett zu sein“, sagte Lea und biss in ihr Brötchen. Sie überlegte, ob sie Deena davon erzählen sollte, dass er am Samstag mit ihr ausgehen wollte. Schließlich entschied sie, dass sie es auf gar keinen Fall für sich behalten konnte.

„Er ist sehr nett“, stimmte ihr Deena zu und beobachtete dabei über Leas Schultern hinweg, wie Marci und Don hitzig miteinander diskutierten. „Alle mögen Don. Er hat Millionen von Freunden.“

„Und Freundinnen?“, fragte Lea neugierig.

„Nur Marci.“ Deena wandte ihren Blick wieder Lea zu. „Don und Marci“, sagte sie und verzog dabei das Gesicht. „Mann, den hält sie echt an der kurzen Leine.“

„Was?“ Lea erstickte beinahe an ihrem Brötchen.

„Sie sind ein Paar. Schon seit dem Kindergarten, glaube ich.“ Ihr Blick war wieder auf die Tür geheftet und sie sah gerade noch, wie Marci davonstürmte und Don ihr hinterherrannte.

„Er hat gefragt, ob wir miteinander ausgehen“, flüsterte Lea, obwohl niemand in der Nähe war.

„Wer? Don?“

Lea nickte heftig und ihr Pony flog wild auf und ab.

„Gerade eben?“ Deena stand vor Überraschung der Mund offen.

„Ja. Gerade eben. Er hat mich gerade eben gefragt.“ Lea musste über den erstaunten Gesichtsausdruck ihrer Freundin lachen.

Deena runzelte die Stirn. „Sei auf der Hut vor Marci!“, warnte sie Lea.

„Ach, komm, Deena, ich bin mir sicher, dass Don –“

„Sei auf der Hut vor ihr!“, wiederholte Deena ernst.

Lea drehte den Kopf. Einige Schüler gingen gerade zur Tür hinaus. Der Speisesaal leerte sich. Gleich würde es zur fünften Stunde läuten.

Lea dachte an Don und fragte sich, warum er mit ihr ausgehen wollte, wenn er und Marci doch schon so lange ein Paar waren.

„Bis später“, sagte Deena und lief den Flur runter in Richtung ihres Unterrichtsraumes.

Doch Lea hörte sie nicht mehr. Sie dachte an Marci und an Deenas Warnung. Hatte sie sich schon in ihrer zweiten Woche auf der neuen Schule eine Feindin gemacht?

2

Leas Haus ragte vor ihr empor wie eines dieser dunklen Monster in einem Horrorfilm.

Ihr fiel auf, dass die alte Villa nachmittags genauso gruselig aussah wie nachts. Sie schwang ihren Rucksack von einer Schulter auf die andere und ging den Weg aus kaputten Steinplatten zur Haustür.

Über ihr reflektierten die Fenster im zweiten Stock – ihre Schlafzimmerfenster – das Licht der Nachmittagssonne und leuchteten hell auf. „Wie zwei Augen des Bösen“, dachte Lea.

„Das Haus beobachtet, wie ich von der Schule zurückkehre. Und gleich werde ich in seinen offen stehenden, finsteren Schlund treten“, dachte Lea mit einem unguten Gefühl.

Ihr lief ein kalter Schauder über den Rücken. „Ach, jetzt komm mal runter, Lea!“, ermahnte sie sich. „Übertreib nicht. Das Haus ist groß, heruntergekommen und eine Bruchbude, aber deswegen ist es noch lange nicht vom Teufel besessen. Auch wenn es in der Fear Street steht.“

Mit großer Mühe schloss sie die verrostete alte Haustür auf und trat in den dunklen Flur. Trotz der kühlen Herbstluft draußen war es warm im Haus – warm und feucht, mit diesem säuerlichen, staubigen Kellergeruch, den manche alte Häuser hatten.

„Warum in aller Welt müssen Mom und Dad immer diese alten Bruchbuden so toll finden?“, fragte sie sich, als unter ihren Füßen die Dielen knarrten. Sie schmiss ihren Rucksack auf den Boden und lief durch das leere Haus in Richtung Küche.

Während sie in der Frühstücksecke mit der fleckigen und abgeblätterten Blumentapete saß und einen Joghurt löffelte, dachte sie an den Moment, als sie das Haus zum ersten Mal gesehen hatte.

Es war ein Nachmittag vor weniger als einem Monat gewesen, der ähnlich kühl und windig wie dieser gewesen war. Obwohl es in der Sonne noch sehr warm war, hatte es bereits nach Herbst gerochen. Nachdem die Maklerin sie ins Haus geführt und die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, war es Lea auf einmal so vorgekommen, als hätte jemand das Licht abgedreht. Als ob das Haus das Sonnenlicht abwies, es ausschloss und die Besucher mit seiner stickigen Dunkelheit umfing.

Lea war entsetzt gewesen über die Altersflecken an den Wänden, die verstaubten Fenster, den bröckeligen Stuck und die abgewetzten alten Teppiche, die den knarrenden Boden bedeckten. Dieser seltsame Geruch überall. Und diese Stimmung …

Natürlich hatten sich ihre Eltern augenblicklich in das Haus verliebt.

„Es ist reizend!“, hatte Mr Carson geschwärmt.

„Stell dir nur vor, was wir daraus machen könnten!“, hatte Mrs Carson ihm geantwortet.

Die Maklerin Mrs Thomas, die einen schicken Tweedanzug trug und starr in die Runde lächelte, bemerkte Leas unglücklichen Gesichtsausdruck.

„Komm, ich zeig dir mal die Schlafzimmer im oberen Stockwerk“, sagte sie und wandte sich mit eingefrorenem Lächeln Lea zu. „Man muss natürlich etwas Arbeit hineinstecken. Aber dafür sind sie sehr groß. Das zweite Schlafzimmer – ich gehe mal davon aus, dass es deins wird – ist das hellste Zimmer im ganzen Haus. Durch die beiden Fenster mit Blick zur Straße scheint den ganzen Tag über die Sonne herein.“

„Im Wohnzimmer ist es so dunkel“, sagte Lea bedrückt.

Sie hätte ihre Eltern am liebsten angefleht, dieses Haus nicht zu kaufen, aber sie wusste, dass es nichts bringen würde. Sie hatten in den letzten sieben Jahren in drei verschiedenen Häusern gelebt und alle waren zu Beginn so heruntergekommen und schaurig wie dieses gewesen.

„Wenn ich erst mal Deckenleuchter installiert habe, ist es hier nicht mehr so dunkel“, sagte Mr Carson, während er die Wohnzimmerdecke begutachtete und dann entlang den Leisten am Boden nach dem Stromkabelverlauf suchte.

„Komm mal mit nach oben“, sagte Mrs Carson zu Lea. „Aber sei vorsichtig. Das Treppengeländer könnte etwas locker sein.“

Lea folgte ihr die Treppe hinauf, die unter ihrem Gewicht schwankte. Jede Stufe schien unter ihren Füßen zu ächzen. „Das Geländer ist sicher schnell repariert“, meinte Mr Carson fröhlich.

„Die Treppe werde ich mit Teppich beziehen“, sagte Leas Mutter. „Und dann den Teppich weiterführen auf den Flur hier. Irgendetwas Helles. Das wird auch alles andere aufhellen und sieht dann wieder wie neu aus.“

„Ja, klar“, murmelte Lea vor sich hin und hoffte, dass sie merken würden, wie unglücklich sie sich fühlte.

Überhaupt war sie alles andere als glücklich darüber, nach Shadyside ziehen zu müssen. Sie hatte so lange gebraucht, in Daly City Freunde zu finden und sich dort einzugewöhnen. Und gerade, als sie sich einigermaßen wohlfühlte, wurde ihr Vater wieder versetzt und sie musste vier Wochen nach Schulbeginn auf eine neue Schule wechseln.

„Wow, Lea, schau mal, wie groß dein Zimmer ist!“, rief ihre Mutter, als sie in das große, rechtwinklige Zimmer traten. Die zwei Fenster an der gegenüberliegenden Wand leuchteten im hellen Sonnenlicht. Vierecke aus warmem Licht zogen sich über den abgewetzten blauen Teppichboden.

„Siehst du? Ich hatte recht mit dem Licht“, sagte Mrs Thomas und lächelte zufrieden. „Und schau dir mal diesen Wandschrank an!“

Lea lief gehorsam zum Schrank.

„Als Allererstes entfernen wir den alten Teppichboden“, sagte Leas Vater. „Und dann schleifen wir den Boden ab.“

Lea öffnete die Schranktür und starrte in die leere, dunkle Kammer dahinter. Plötzlich überkam sie ein Schauer.

„Das sieht aus wie eine Höhle – die Höhle eines wilden Tieres“, dachte sie. Was für ein Tier wohl in der Dunkelheit auf sie lauerte?

„Hast du schon jemals einen so großen begehbaren Wandschrank gesehen?“, fragte Mrs Thomas triumphierend und legte ihr behutsam eine Hand auf die Schulter. Mrs Thomas roch nach Pfefferminze. Lea atmete tief ein. Der süße Duft war sehr angenehm im Vergleich zu dem muffigen Geruch des alten Hauses.

„Er ist wirklich groß“, sagte Lea und lugte hinein. Langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit. „Er ist fast so groß wie ein normales Zimmer“, stellte sie überrascht fest.

Mrs Thomas schien mit Leas Reaktion zufrieden zu sein. „Viel Stauraum“, sagte sie. „Machst du denn dieses Jahr deinen Abschluss?“

„Nein, nächstes Jahr.“

„Meine Tochter Suki geht auf die Shadyside. Sie ist im Abschlussjahrgang. Ich sag ihr, dass sie mal bei dir vorbeischauen soll.“

„Danke, Mrs Thomas“, antwortete Lea etwas unbeholfen.

„Nun, dann zeig ich Ihnen mal den Rest des oberen Stockwerks“, sagte die Maklerin und wandte sich wieder Leas Eltern zu. „Es gibt da noch einen bezaubernden Zusatzraum, der in ein Gästeschlafzimmer oder in einen kleinen Arbeitsraum umgewandelt werden könnte.“

Lea warf noch einen letzten Blick auf ihr zukünftiges Zimmer und folgte den anderen dann auf den Flur hinaus. Mrs Thomas und ihre Eltern waren fast schon am Ende des dunklen Korridors angelangt. Sie konnte hören, wie Mrs Thomas voller Begeisterung über allerlei Veränderungsmöglichkeiten für das elterliche Schlafzimmer sprach.

„Hey – was ist das?“ Lea stand vor einer Leiter aus Metall, die neben ihrer Zimmertür an die Wand genietet worden war. Sie schaute nach oben und sah, dass sie zu einer hölzernen Falltür an der Decke führte. „Wo führt die hin?“, fragte Lea.

Die drei Erwachsenen kamen zu Lea zurück. Mr Carson prüfte die Stabilität der Leiter. „Führt wohl zum Dachboden“, sagte er und schaute dabei nach oben zur Falltür.

„Ja, es gibt tatsächlich noch einen Dachboden“, bestätigte Mrs Thomas, während sie die Notizen auf ihrem Klemmbrett überprüfte. „Sogar einen ziemlich großen. Sollen wir ihn uns mal anschauen?“

„Nein, danke“, erwiderte Lea augenblicklich.

„Natürlich möchte ich ihn sehen“, sagte Leas Mutter. „Ich liebe Dachböden! Als ich ein kleines Mädchen war, hab ich meine ganze Freizeit auf unserem Dachboden verbracht und mit den Schätzen da oben gespielt.“

„Ja, klar. Schätze“, meinte Lea sarkastisch. „So wie Spinnen, Dreck und Fledermäuse.“

Mrs Carson warf Lea einen traurigen Blick zu. „Ich würde mir wirklich wünschen, dass du dich ein bisschen mehr bemühst.“

„Inwiefern?“, entgegnete Lea schnippisch.

„Na, dass du dich mehr für das Haus interessierst“, sagte ihre Mutter. „Dass du mehr Freude zeigst. Wenigstens ein bisschen. Das ist für uns alle schwer, weißt du. Nicht nur für dich.“

Lea wurde verlegen. Mrs Thomas starrte sie an. Lea hasste es, vor Fremden zurechtgewiesen zu werden. Wann würde ihre Mutter das endlich kapieren?

„Okay. Super! Lass uns den Dachboden erkunden!“, rief sie mit gespielter Begeisterung. Sie schubste ihren Vater aus dem Weg, griff mit beiden Händen die graue Metallleiter und begann hinaufzuklettern.

„Ich glaube, man muss einfach die Falltür zur Seite schieben“, sagte Mrs Thomas. „Schieb sie einfach von der Öffnung weg.“

Lea streckte ihre Arme nach oben und drückte mit beiden Händen gegen die Falltür. Sie ließ sich leicht bewegen. Lea schob sie von der Öffnung weg und kletterte weiter hinauf, bis sie auf den Dachboden schauen konnte.

Es war heiß hier oben, mindestens zehn Grad wärmer als im restlichen Haus. Der Dachboden bestand aus einem einzigen großen, lang gezogenen Raum. Die Wände waren aus Gips, der inzwischen rissig und teilweise schon gelblich war. Ein einzelnes rundes Fenster ließ Licht herein.

„Klettere ganz hinauf, damit wir es auch mal sehen können“, bat ihr Vater sie ungeduldig.

Lea tat, wie ihr geheißen. Als sie aufstand, fehlten nur noch ein paar Zentimeter zwischen ihrem Kopf und der Decke. Ihr Vater würde sich mit seinen knapp zwei Metern ganz schön bücken müssen.

„Hier oben ist es einfach wunderschön!“, rief sie ihnen mit vor Sarkasmus triefender Stimme zu. „Am liebsten würde ich die ganze Zeit hier verbringen und in all den wunderbaren Schätzen stöbern.“

„Lea, hör endlich auf!“, ermahnte sie ihr Vater, während er seinen langen Körper durch die schmale Öffnung zog, um dann mit gebeugtem Rücken den Dachboden zu begutachten.

Ein paar Sekunden später stießen Leas Mutter und Mrs Thomas zu ihnen.

„Hier kann man ja kaum atmen!“, stöhnte Mrs Carson und fächerte sich mit der Hand Luft zu. Es war ihre erste Beschwerde, seit sie das Haus betreten hatten.

„Den Boden können Sie sehr gut als Stauraum verwenden“, sagte Mrs Thomas und kratzte sich dabei am Hals.

„Mich juckt es auch schon überall!“, dachte Lea bitter.

Sie lief zu dem kleinen, runden Fenster. Durch die staubverschmierte Scheibe konnte sie die Auffahrt und ein Stück des verwilderten Vorgartens sehen. Die Nachmittagssonne verschwand langsam hinter den Bäumen.

Lea lief an den drei Erwachsenen vorbei, auf die andere Seite des Raumes. „Hey – was ist das für eine Tür?“, rief sie. Ihre Stimme klang lauter, als sie es beabsichtigt hatte.

In der Wand befand sich eine hölzerne Tür, die mit schmalen, überkreuzten Holzlatten zugenagelt war. Lea griff nach dem Türknauf und versuchte, ihn zu drehen. Die Tür war abgeschlossen. „Was ist da drin? Warum ist diese Tür mit Holzbrettern vernagelt?“, fragte Lea.

Die anderen kamen zu ihr. Mr Carson drehte am Griff, doch nichts bewegte sich. Sie war abgeschlossen.

Er überprüfte die Holzbretter. „Sieht so aus, als ob jemand dieses Zimmer schon vor langer Zeit vernagelt hätte“, sagte er und klopfte beherzt gegen die Tür. Sie schien ziemlich dick und stabil zu sein.

Mrs Thomas nahm ihr Klemmbrett und presste es fest an ihre Brust. Zum ersten Mal an diesem Nachmittag verschwand das Lächeln aus ihrem Gesicht. „Nun ja, zu dieser Tür gibt es eine interessante Geschichte“, begann sie vorsichtig. Und fügte dann schnell hinzu: „Ich finde, dass geheimnisvolle Geschichten alten Häusern viel Charme verleihen – finden Sie nicht auch?“

Lea bekam es plötzlich mit der Angst zu tun. Sie fühlte sich eingeengt – als ob sich die Wände auf sie zubewegten und die Decke sich herabsenkte. Sie holte tief Luft und behielt die verschlossene Tür weiter im Auge.