Fear Street 4 - Ohne jede Spur - R.L. Stine - E-Book

Fear Street 4 - Ohne jede Spur E-Book

R.L. Stine

0,0

Beschreibung

Sie gingen einfach fort … Mark und Cara sind völlig außer sich. Von Mom und Dad fehlt jede Spur. Keine Nachricht, kein Anruf. Absolut nichts! Auch in der Firma will keiner die beiden gesehen haben. Die Sache wird immer mysteriöser: Wieso spielt das Telefon verrückt? Steckt dahinter vielleicht Roger, der bei den Burroughs zur Untermiete wohnt?Der Horror-Klassiker endlich auch als eBook! Mit dem Grauen in der Fear Street sorgt Bestsellerautor R. L. Stine für ordentlich Gänsehaut und bietet reichlich Grusel-Spaß für Leser ab 12 Jahren. Ab 2021 zeigt Neflix den Klassiker Fear Street als Horrorfilm-Reihe!

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 204

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0

Beliebtheit




1

Als Mom und Dad die erste Nacht nicht nach Hause kamen, haben wir uns zuerst nicht besonders darüber aufgeregt. Bei uns lief nämlich eine Riesenparty.

Eigentlich war das gar nicht geplant. Wir fühlten uns ein bisschen einsam, und deshalb lud Mark Gena ein. Dann rief ich Lisa und Shannon an, meine beiden neuen Schulfreundinnen. Die luden noch ein paar andere Leute ein, und bevor wir richtig wussten, was los war, feierten plötzlich ungefähr zwanzig Leute in unserem Wohnzimmer, das Mark und mir immer noch so neu und ungemütlich vorkam.

Wir waren erst vor zwei Monaten hier eingezogen – Anfang September –, um rechtzeitig mit Beginn des Schuljahres an der Shadyside Highschool anfangen zu können. Und obwohl dieses Haus zweimal so groß war wie unser altes in Brooklines, war es viel älter und wirkte heruntergekommener.

Die Leute, die wir an der Highschool kennenlernten, verhielten sich immer ganz merkwürdig, wenn wir ihnen sagten, dass wir in der Fear Street wohnten. Sie fingen sofort an, uns Geschichten über furchtbare Dinge zu erzählen, die in unserer Straße und den dichten Wäldern dahinter passiert waren. Geschichten über unheimliche Gestalten, über Menschen, die einfach verschwanden und nie wieder auftauchten, über Geister und lauter solche Sachen.

Ich bin sicher, dass Mark diese Schauergeschichten für wahr hält. Er glaubt nämlich immer alles, was man ihm erzählt. Obwohl mein Bruder ein Jahr älter ist als ich, bin ich längst nicht so gutgläubig wie er und viel zynischer.

Mark ist ein richtig netter Kerl. Offen und geradlinig – und so sieht er auch aus. Mit seinen breiten Schultern, dem kräftigen Hals, den blond gelockten Haaren und den tiefgrünen Augen wirkt er ein bisschen wie ein Bodybuilder. Aber sein Aussehen täuscht – er ist nicht blöd oder naiv, er hat einfach Vertrauen zu anderen Menschen. Er zieht die Leute nie auf, und ich glaube, er merkt es nicht mal, wenn er selber auf den Arm genommen wird.

Mark schließt ganz leicht neue Freundschaften, weil ihn alle auf Anhieb sympathisch finden. Bei mir ist es da schon schwieriger. Wahrscheinlich schreckt mein etwas schräger Sinn für Humor einige Leute erst mal ab. Deswegen waren die meisten unserer Partygäste auch neue Freunde von Mark, die er in der kurzen Zeit kennengelernt hatte.

Ich hatte einen ganz guten Draht zu Lisa und Shannon, mit denen ich in eine Klasse ging, aber so richtig dick befreundet waren wir bis jetzt nicht. Außerdem war mir noch kein Junge über den Weg gelaufen, der mir wirklich gut gefiel. Mark hatte da mit Gena Rawlings mehr Glück gehabt.

Gena war auch der Grund für den großen Krach am Frühstückstisch, der an diesem Morgen stattfand. Mark hatte einen richtig heftigen Auftritt mit meinen Eltern, bevor er zur Schule ging. Mom und Dad waren nämlich mit Gena überhaupt nicht einverstanden und wollten nicht, dass Mark und sie sich weiterhin sahen. Dabei waren die beiden regelrecht unzertrennlich. Es war wirklich rührend, sie zu beobachten. Mark entwickelt immer gleich ziemlich starke Gefühle, wenn er mit einem Mädchen zusammen ist, aber ich glaube, er war noch nie so verliebt wie in Gena.

Als er Mom und Dad fragte, was ihnen denn an Gena nicht passen würde, und sie ihm keine richtige Antwort geben konnten, platzte ihm der Kragen.

Zu Recht, finde ich. Meine Eltern sind normalerweise wirklich nett und reden immer ganz ehrlich mit uns. Ich verstand auch nicht, was sie gegen Gena hatten.

„Wahrscheinlich kommst du wegen ihr gar nicht mehr zum Lernen“, sagte mein Vater. Ziemlich lahmes Argument. Mark war schon immer ein guter Schüler gewesen. Er arbeitet wirklich hart für die Schule – im Gegensatz zu mir – und nimmt seine Noten so ernst wie alles andere in seinem Leben auch.

Ich kann gut verstehen, dass Mark sauer wurde und Dad anschrie. Natürlich feuerte mein Vater sofort zurück und sagte eine Menge Dinge, die er besser nicht gesagt hätte. Daraufhin lief Marks Gesicht krebsrot an, und er brüllte eine Menge Dinge, die er besser nicht gesagt hätte. Als sich dann auch noch Mom einmischte, wurde es so laut, dass ich dachte, die Küchenwände mit der abblätternden gelben Farbe würden gleich Risse bekommen und zusammenstürzen.

Ich machte mich auf meinem Stuhl möglichst klein und starrte meinen Pfannkuchen an. Mir war der Appetit gründlich vergangen. Ich weiß auch nicht, warum Mark so auf diese Gena abfährt, aber ich finde, meine Eltern haben kein Recht, deswegen auf ihm herumzuhacken. Und schon gar nicht gleich am frühen Morgen.

Es war unser lautester Streit seit langer Zeit. Der letzte hatte noch in Brookline stattgefunden, als Mark und ich uns das Auto geliehen hatten, ohne unseren Eltern Bescheid zu sagen, und sie es als gestohlen gemeldet hatten. Dafür bekamen wir zwei Monate Ausgangsverbot. Keine große Sache.

Aber das hier war eine große Sache für Mark. „Ich bin sechzehn. Ich weiß genau, was ich tue!“, schrie er.

Mom und Dad lachten laut los, was ich ziemlich gemein fand.

Mark wurde natürlich noch wütender und griff nach seinem Pfannkuchen, um ihn quer durch den Raum zu schleudern. Ich konnte förmlich schon sehen, wie er mit einem dicken, fetten Splash an der Wand landete.

Aber Mark bremste sich im letzten Moment und knallte den Pfannkuchen nur wütend auf seinen Teller. Dann stand er auf, drehte sich wortlos um und stapfte durch die Küchentür, die er mit voller Wucht hinter sich zuschlug.

Mom und Dad waren ziemlich blass geworden. Sie sahen sich über den Tisch hinweg an und schüttelten den Kopf. „Du wirst zu spät zur Schule kommen“, sagte mein Vater nach einer ganzen Weile. Seine Stimme klang ein bisschen zittrig. Dieses Gebrülle hatte ihn ziemlich aufgeregt.

Unsere Eltern waren überhaupt sehr nervös, seitdem wir nach Shadyside gezogen waren. Wahrscheinlich hatte es mit dem Umzugsstress und ihrem neuen Job zu tun, obwohl sie das ja eigentlich hätten gewohnt sein müssen. Wegen ihrer Arbeit zogen wir nämlich ständig um. In den letzten acht Jahren hatten wir in sechs verschiedenen Städten gelebt.

Das war natürlich nicht einfach für sie – aber für Mark und mich auch nicht. Ich hatte jedes Mal Schwierigkeiten, Freunde zu finden, weil ich genau wusste, dass wir in einem Jahr oder so wieder umziehen würden und ich sie dann zurücklassen musste. Meine Mutter hielt mir oft vor, dass ich eine Einzelgängerin sei, aber das war doch auch kein Wunder. Ich meine, warum sollte ich mich denn erst auf Leute einlassen, wenn ich genau wusste, dass es nur für eine kurze Zeit sein würde?

Aber was soll’s. Seufzend griff ich nach meiner Schultasche und schaute aus dem Küchenfenster. Mark war mit seinem Bogen im Garten hinter dem Haus und verschoss mit verkniffenem Gesicht einen Pfeil nach dem anderen.

Mein Bruder ist nämlich ein begeisterter Bogenschütze. Das Erste, was er nach unserem Einzug machte – noch bevor er sich sein neues Zimmer ansah –, war, einen Baum auszusuchen, an dem er seine Zielscheibe aufhängen konnte. Er ist ziemlich gut in dieser Sportart und ein hervorragender Schütze. Aber wenn man bedenkt, wie viele Stunden er mit seinem Hobby zubringt, kann man das ja wohl auch erwarten.

„Es ist die beste Art, Frust loszuwerden“, sagt er immer zu mir. Ich schätze, heute Morgen hatte er das dringend nötig, denn er sah immer noch verdammt wütend aus. Er feuerte einen Pfeil nach dem anderen auf die Zielscheibe und wartete nicht einmal ab, ob er mit dem einen sein Ziel getroffen hatte, bevor er den nächsten aus dem Köcher zog.

„Eines Tages wird er noch jemandem ein Auge ausschießen!“, jammert Mom ständig. Manchmal gibt sie sich nämlich besondere Mühe, wie eine besorgte Mutter zu klingen, weil ihr das im Grunde gar nicht liegt. Sie ist noch ziemlich jung und echt in Ordnung.

Dad ist eigentlich auch ganz okay, obwohl er genauso ernsthaft ist wie Mark. Es ist nicht ganz leicht, sich mit ihm zu unterhalten, weil er ständig etwas anderes im Kopf zu haben scheint. Aber vielleicht ist das auch nur mein Problem.

Normalerweise haben wir selten solche Streitereien wie heute Morgen. Ich finde, wir kommen ganz gut miteinander aus. Vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass Mom und Dad wegen ihrer Arbeit so viel unterwegs sind, dass wir kaum Gelegenheit haben, uns in die Wolle zu kriegen.

Ich griff mir Marks Jacke und seine Schultasche, stürmte durch die Hintertür und schaffte es irgendwie, ihn rechtzeitig zur Bushaltestelle zu lotsen. Wir verabschiedeten uns nicht mal von Mom und Dad.

Wir kamen nicht auf den Gedanken, dass es vielleicht das letzte Mal war, dass wir unsere Eltern gesehen hatten.

„Wenn ich bloß wüsste, was ihnen an Gena nicht passt!“, seufzte Mark, als wir auf den Bus warteten.

„Vielleicht finden sie, dass sie zu klein für dich ist“, witzelte ich. Gena war nämlich wirklich einen Kopf kleiner als Mark.

„Meinst du?“

„War doch nur Spaß“, seufzte ich. Warum musste ich Mark bloß immer erklären, wenn ich einen Scherz gemacht hatte?

Gena war zwar klein, aber um es mal direkt zu sagen – sie hatte eine umwerfende Figur und war ausgesprochen hübsch. Sie hatte lange schwarze Haare, die ihr bis zur Taille reichten, eine makellose Haut und wunderschöne dunkle Augen, die die Jungs völlig verrückt machten. Alle Typen an der Schule fanden Gena unheimlich sexy – und das war sie wirklich.

Jetzt, um zehn Uhr abends, ohne Eltern in der Nähe und inmitten der spontanen Party in unserem Wohnzimmer, saß sexy Gena auf dem Schoß meines Bruders auf dem Sofa.

Ich musste wieder an den Streit von heute Morgen denken und sah besorgt auf die Uhr. Ich fragte mich, wo Mom und Dad wohl blieben. Normalerweise riefen sie immer an, wenn sie länger arbeiteten.

Der CD-Player war bis zum Anschlag aufgedreht. Irgendjemand spielte die Aufnahme einer Heavy-Metal-Band in voller Lautstärke. Lisas Freund Cory veranstaltete ein Tauziehen um eine Dose Cola mit einem Typen, den ich noch nie gesehen hatte. Die Dose schien in ihren Händen zu explodieren, und ein Schwall Cola ergoss sich auf den Teppichboden.

„Oh nein!“, dachte ich. „Hoffentlich geht das gut!“

Wenn Mom und Dad zurückkämen, dann …

Ich drehte mich zu dem Sofa um, auf dem Mark und Gena saßen. Sie beugte sich über ihn und küsste ihn mit geschlossenen Augen. Eigentlich war es ja nur ein Kuss. Ich wollte wirklich nicht so hinstarren, aber es war einfach unglaublich! „In einigen anderen Ländern könnte man für so einen Kuss verhaftet werden!“, schoss es mir durch den Kopf.

Plötzlich dachte ich, ich hätte die Türklingel gehört.

Aus einer Ecke des Wohnzimmers drang lautes Gelächter. Mark und Gena hatten sich nicht mal bewegt. Sie schienen völlig in ihrer eigenen Welt versunken zu sein. Anscheinend war ich die Einzige, die das Klingeln bemerkt hatte.

Ich lief zum Wohnzimmerfenster und warf einen Blick nach draußen. In der Auffahrt stand ein großer blauer Chevy Caprice. Ich entdeckte einen großen Mann in einem dunklen Hemd und mit zerknitterten Hosen, der unter der Lampe auf der Vorderveranda stand. Als er mich bemerkte, hielt er eine Art Plakette hoch – eine Polizeimarke!

Mitten in diesem Trubel aus Musik, Lärm und Gelächter fühlte ich mich plötzlich wie betäubt. Mein Herzschlag schien auszusetzen, und alles lief nur noch wie in Zeitlupe ab.

Ich wusste, warum der Polizist gekommen war.

Mom und Dad war irgendetwas Schreckliches zugestoßen!

2

Der Polizist lächelte mich an, als ich die Tür öffnete. „Guten Abend“, sagte er und musterte mich gründlich.

Die Verandabeleuchtung blendete mich, und ich brauchte ein paar Sekunden, bis ich sein Gesicht hinter dem Fliegengitter in der Zwischentür deutlich erkennen konnte. Er war offensichtlich nicht mehr ganz jung. Graue Strähnen durchzogen seinen Schnurrbart. Er starrte mich mit den kältesten blauen Augen an, die ich je gesehen hatte. Eisblau, wie ein zugefrorener See im Winter. „Ich bin Captain Farraday“, sagte er.

„Was ist passiert?“, fragte ich. Ich hatte einen Kloß im Hals. „Mom und Dad – sind sie …“

„Sind sie zu Hause?“, wollte er wissen und lächelte immer noch. Er hatte strahlend weiße Zähne.

„Nein. Sie …“

„Sie sind nicht da?“

„Nein. Ich denke, sie machen mal wieder Überstunden.“ Er starrte an mir vorbei in den Flur.

„Sie haben also keine schlechten Nachrichten für mich?“, fragte ich mit einem Gefühl riesiger Erleichterung. Irgendwie schien er die Frage nicht richtig zu verstehen.

„Nein. Ich untersuche einen Einbruch in der Nachbarschaft.“

„Einen Einbruch?“

„Ja. Drei Häuser weiter die Straße runter. Ich gehe jetzt von Haus zu Haus, um zu fragen, ob irgendjemand etwas Verdächtiges bemerkt hat.“

„Oh. Ich verstehe … Aber mir ist nichts Ungewöhnliches aufgefallen.“

Eine Lachsalve drang aus dem Wohnzimmer, gefolgt von dem Geräusch von zersplitterndem Glas. Die Heavy-Metal-Musik schien hier im Flur sogar noch lauter zu sein.

„Ist dir vielleicht irgendjemand hier in der Straße aufgefallen? Jemand, den du vorher noch nie gesehen hast?“ Er starrte mich mit seinen kalten blauen Augen eindringlich an.

Ich wich seinem Blick aus. „Nein. Niemand. Aber ich habe auch nicht darauf geachtet. Außerdem wohnen wir noch gar nicht so lange hier, deshalb …“

„Kommen deine Eltern bald nach Hause?“

„Ich weiß es nicht genau. Manchmal arbeiten sie bis spätabends.“

Wieder starrten wir uns einen Moment lang an. Dann griff er in seine Tasche und zog eine kleine weiße Karte heraus. „Hier. Für dich.“ Er öffnete die Zwischentür und reichte mir die Karte. „Da steht meine Durchwahl drauf. Wenn du etwas Verdächtiges bemerkst, ruf mich an – jederzeit.“

Ich nahm die Karte und bedankte mich.

„Du solltest sie am besten in die Nähe des Telefons legen“, riet er. „Nur für den Fall, dass der Einbrecher es hier in der Gegend noch einmal versucht.“

Dann drehte er sich um und ging die Treppe der Veranda hinunter.

Ich blieb noch eine Weile stehen und lauschte dem Knirschen seiner Stiefel auf der gekiesten Auffahrt. Ich beobachtete, wie er in seinen großen alten Wagen stieg, und fragte mich, warum er wohl kein Polizeiauto fuhr.

„Wahrscheinlich benutzt er das Auto als Tarnung, um Raser und andere Verkehrsrowdys leichter zu erwischen“, dachte ich. Der Wagen fuhr an und verschwand in der Nacht.

Ich schob die Karte in die Tasche meiner Jeans und ging zurück ins Wohnzimmer. Mir fiel sofort auf, dass es ganz still im Raum war. Ich blickte hinüber zum Sofa. Gena saß immer noch auf Marks Schoß, hatte sich aber jetzt umgedreht und sah verlegen in meine Richtung. Auch mein Bruder starrte mich unbehaglich an. Irgendjemand hatte die Musik leiser gedreht.

„Es tut mir schrecklich leid, Cara“, sagte Cory Brooks, Lisas Freund, leise. Er wirkte sehr aufgeregt.

„Was denn?“

„Was zum Teufel ist hier los?“, fragte ich mich. „Was ist hier drinnen passiert?“

„Ich hab eben noch mit David Metcalfe rumgealbert, und da … also … Ich fühlte mich nicht so gut, und ich … ich glaube, mir ist ein bisschen schlecht geworden.“

Ich sah zu Mark hinüber, aber der hatte sein Gesicht in Genas Haar verborgen.

Und dann entdeckte ich es. Eine ekelhafte grünbraune Pfütze, die über die Kante des Couchtisches tropfte.

„Schöne Schweinerei, was?“, murmelte Corys Freund David, der auf der anderen Seite des Zimmers an der Wand lehnte. – „Ooohh, ich glaube, mir wird auch schlecht“, stöhnte ein Mädchen, das ich noch nie gesehen hatte, und presste sich die Hand vor den Mund.

„Ich helfe dir, es wegzumachen“, schlug Cory vor, der total verlegen aussah.

„Ist schon in Ordnung. Hol mir einen Löffel“, sagte ich ganz cool. „Ich werd’s essen, bevor es gerinnt.“

„Iiiih! Das ist ja widerlich!“, kreischte Gena.

Ich kniete mich hin und hob die unechte Gummipfütze auf.

Ein Scherzartikel! Und dann schmiss ich sie Cory an den Kopf. Alle lachten. Nur Cory machte ein enttäuschtes Gesicht. Für ein paar Sekunden hatte ich ernsthaft geglaubt, dass diese Schweinerei echt war, aber das musste ich ihm ja nicht auf die Nase binden.

„Cory, wieso machst du bloß immer so einen Schwachsinn?“, schnaubte Lisa und verpasste ihm einen harten Schlag gegen die Schulter.

Cory ist groß und kräftig gebaut. Er zuckte nicht mal zur Seite, als Lisas Schlag ihn traf. „Es war Davids Idee“, verteidigte Cory sich lachend und warf die glibberige Gummipfütze nach seinem Freund.

„Ich denke, wir sollten die Party mit diesem Höhepunkt beenden“, sagte ich energisch. Die ganze Runde protestierte. Mein Bruder hatte seine Arme um Gena geschlungen. Von ihm war offensichtlich keine große Hilfe zu erwarten.

„Na los! Macht schon! Morgen müssen wir wieder zur Schule, und außerdem war die Polizei schon einmal da.“

Laute Schreie der Überraschung ertönten. Alle waren so mit der Party beschäftigt gewesen, dass sie von dem Besuch des Polizisten gar nichts mitgekriegt hatten.

„Meine Eltern werden jeden Moment nach Hause kommen“, sagte ich und hoffte, dass es keine Lüge war. Langsam fing ich nämlich an, mir ernsthaft Sorgen um sie zu machen. Es war schon fast elf Uhr.

Nach und nach brachen die anderen widerstrebend auf. Ich verabschiedete mich von Lisa und Shannon. Sie waren die Einzigen in diesem Haufen, die ich eingeladen hatte, und ich war den ganzen Abend nicht dazu gekommen, mich mit ihnen zu unterhalten.

Ich bemerkte einen großen nassen Fleck auf dem Teppichboden. Der war allerdings echt. „Was soll’s. Dieser gammelige Teppich könnte sowieso mal ’ne kleine Reinigung vertragen“, murmelte ich vor mich hin.

Von der Haustür aus beobachtete ich die anderen, die durch den Vorgarten zu ihren Autos strömten.

„Wir sehn uns dann morgen.“

„Wenn ich dich zuerst sehe, bestimmt nicht!“

Ich hoffte, dass unser miesepetriger Nachbar auch etwas von dem Rufen und lauten Lachen hatte.

Fröstelnd schloss ich die Haustür und rubbelte mir über die Arme, um wieder warm zu werden. Als ich ins Wohnzimmer kam, blieb ich wie vom Donner gerührt stehen. Das durfte ja wohl nicht wahr sein – Mark und Gena hatten sich keinen Zentimeter von der Couch wegbewegt!

Wahrscheinlich musste man sie erst mit einem Gartenschlauch bespritzen, um sie zu trennen.

„Hey, ihr beiden!“, rief ich, hob mein Handgelenk und blickte demonstrativ auf meine Swatch. Aber auch dieser zarte Wink mit dem Zaunpfahl half nichts.

Die beiden Turteltäubchen nahmen einfach keine Notiz von mir.

„Wie kommt Gena eigentlich nach Hause?“, fragte ich mit erhobener Stimme. Jetzt sah Mark mich doch tatsächlich mal an! „Ich fahre sie“, nuschelte er. Er sah aus wie ein Clown mit all dem Lippenstift, der rund um seinen Mund verschmiert war.

„Ach ja? Und womit, wenn ich fragen darf? Mom und Dad sind mit dem Auto zur Arbeit gefahren, falls du dich erinnerst.“

„Oh.“ Er schien angestrengt nachzudenken. Dann breitete sich ein durchtriebenes Lächeln auf seinem sonst so unschuldig aussehenden Gesicht aus. „Dann wird sie wohl die Nacht bei uns verbringen müssen.“

„Du Schwein“, kicherte Gena und versuchte, ihm eins der samtenen Sofakissen aufs Gesicht zu drücken. Die beiden fingen an herumzubalgen, so, als ob ich gar nicht da wäre.

„Vielleicht haben Mom und Dad ja wirklich recht, was Gena angeht“, dachte ich und war gleichzeitig sauer und eifersüchtig auf die beiden. Warum hatte ich nicht auch jemanden, mit dem ich toben und herumalbern konnte? Ein lautes Klopfen an der Tür riss mich aus meinen trüben Gedanken.

„Das sind wahrscheinlich Mom und Dad“, sagte ich, um Mark und Gena zu erschrecken.

Doch die beiden ließen sich nicht beeindrucken. „Warum sollten sie denn klopfen?“, fragte Mark.

Ich rannte zur Tür. Es war Cory. „Ich hab meinen Gummiglibber vergessen“, sagte er ein bisschen kleinlaut.

Er folgte mir ins Wohnzimmer und suchte eine Weile herum, bis er seinen kostbaren Schatz unter einem Sofakissen fand. Er faltete die eklige Pfütze vorsichtig zusammen und steckte sie in die Tasche seiner Jeansjacke.

„Hey, Cory. Könntest du mich vielleicht nach Hause fahren?“ Gena hatte es tatsächlich geschafft, vom Sofa aufzustehen. Sie zupfte an ihrem blauen Kaschmirpulli herum, der nach der ganzen Knutscherei etwas mitgenommen aussah.

„Na klar! Wenn’s dir nichts ausmacht, mit Metcalfe hinten zu sitzen.“

Gena machte ein langes Gesicht. „Vielleicht laufe ich doch lieber.“

„Keine Panik! Ich fessle ihn einfach mit dem Sicherheitsgurt“, meinte Cory grinsend. Gena folgte ihm nach draußen. Natürlich nicht, ohne sich vorher auf die Zehenspitzen zu stellen und Mark einen langen, innigen Kuss aufzudrücken.

Mark und ich blieben in dem verwüsteten Wohnzimmer zurück. „Als Erstes wäschst du dir mal den Lippenstift aus dem Gesicht“, schlug ich vor und versuchte, bei seinem Anblick ernst zu bleiben. „Und dann müssen wir hier aufräumen.“

Mark verschwand wortlos im Badezimmer, um die verräterischen Spuren zu entfernen. Als er kurz darauf zurückkam, wirkte er immer noch ein bisschen benommen.

„Was für ’ne Party!“, sagte er kopfschüttelnd. Irgendwie sah er ein bisschen schuldbewusst aus. „Wie sollen wir das jemals wieder sauber kriegen?“

„Möglichst schnell“, erwiderte ich trocken. „Bevor Mom und Dad reinkommen und die ganze Bescherung sehen.“

„Ich glaube nicht, dass sie heute nach Hause kommen“, meinte Mark, während er einige zerdrückte Dosen vom Fußboden aufhob.

„Was? Natürlich werden sie kommen!“

„Wär ja nicht das erste Mal.“ Seine Stimme klang ein bisschen verbittert. „Ich hol wohl besser einen großen Müllsack aus der Küche.“

Ich blieb mitten im Zimmer stehen und fühlte mich plötzlich hundemüde. Ich lauschte dem Knarren der alten Fußbodendielen im Flur, als Mark in die Küche ging. Eigentlich hatte er ja recht. Es wäre wirklich nicht das erste Mal, dass unsere Eltern die ganze Nacht wegblieben, weil sie entweder arbeiteten oder auf einer Party waren.

Wie ich schon sagte, sind Mom und Dad noch ziemlich jung und verhalten sich überhaupt nicht wie normale Eltern. Das werfe ich ihnen auch gar nicht vor. Sie sind wirklich schwer in Ordnung, und wir haben meistens viel Spaß zusammen, aber oft nehmen sie es nicht so ernst, Eltern zu sein.

Sie finden anscheinend eine Menge anderer Dinge wichtiger. Ihre Arbeit, zum Beispiel. Ich hab immer noch nicht verstanden, was genau sie eigentlich machen. Sie sind Computerspezialisten für Großrechner. Das heißt, dass sie für große Firmen ganze Computeranlagen installieren. Das dauert Monate und manchmal sogar Jahre. Danach wechseln sie zum nächsten Unternehmen, das sich meistens in einer anderen Stadt befindet.

Darum sind wir auch schon so oft umgezogen.

Und egal, wo wir hinziehen: Mom und Dad haben sofort jede Menge gesellschaftlicher Verpflichtungen. Ihr wisst schon: Clubs, Partys und alle möglichen Organisationen, bei denen sie sich engagieren. Ich muss zugeben, dass ich manchmal verletzt bin, dass sie jedes Mal, wenn wir kaum die Kisten ausgepackt haben, sofort von einer Verabredung zur nächsten stürzen. Ich meine, man könnte doch wirklich auf die Idee kommen, dass sie gar keine Lust haben, zu Hause zu bleiben und Zeit mit Mark und mir zu verbringen!

Aber jetzt, wo ich älter bin, wird mir klar, dass das dumme und egoistische Gedanken sind. Natürlich haben meine Eltern das Recht auf ihr eigenes Leben und ihre eigenen Interessen.

Aber sie könnten uns wenigstens anrufen und Bescheid geben, wenn sie länger wegbleiben. Oder etwa nicht?

Mark kam mit einem großen grünen Plastikmüllsack zurück. „Ich halte ihn auf, und du schmeißt alles rein“, sagte er.

„Warum kann nicht ich zur Abwechslung mal den Sack halten?“, beschwerte ich mich halb im Ernst und halb im Spaß.

„Und wenn ihnen nun tatsächlich etwas passiert ist?“, fragte Mark und klang plötzlich ganz besorgt.

„Hä?“

„Wenn sie einen Unfall hatten oder so?“

„Dann hätten sie uns auf jeden Fall angerufen“, sagte ich. Das war einer der Standardwitze in unserer Familie, aber heute war er nicht besonders komisch.

„Und wenn ihr Auto auf dem Rückweg im Wald hinter der Fear Street den Geist aufgegeben hat und sie sich dann verirrt haben? Du kennst doch auch diese Geschichten über Leute, die in diesem Wald verschwanden und erst nach einiger Zeit wieder aufgetaucht sind. Sie hatten sich völlig verändert und wussten nicht mehr, wer sie waren.“

„Wer hat dir denn die Geschichte erzählt?“, fragte ich.

„Cory Brooks. Er sagte, es hätte sogar in der Zeitung gestanden.“

„Das ist ja fast so komisch wie der Gag mit dem Gummischleim! Er hat dich auf den Arm genommen, Mark!“

Daraufhin sagte Mark eine ganze Weile erst mal gar nichts. Aber sein Gesichtsausdruck sprach Bände. Diese besorgte Miene hatte ich schon tausendmal bei ihm gesehen. In jeder Familie gibt es einen, der sich ständig Sorgen macht, und bei uns ist es Mark.

„Jetzt hör doch mal auf, so zu gucken“, knurrte ich ihn an.

„Wie denn?“

„Na, wie du eben guckst. Sonst fange ich auch noch an, mir Sorgen zu machen.“

„Warum rufen wir sie nicht einfach an?“, meinte er plötzlich. „Na klar! Das ist die Idee!“ Warum war mir das bloß nicht früher eingefallen?

Ich folgte Mark in die Küche. Die Durchwahl zu Moms und Dads Büro stand auf einem Block neben dem Telefon. Der Anruf ging nicht über die Telefonzentrale, sodass wir sie auch nach Dienstschluss erreichen konnten.

„Ruf du an“, bat Mark mich und lehnte sich gegen den Resopaltresen. Inzwischen sah er sehr besorgt aus.