Finnischer Sommer - Sanne Hipp - E-Book

Finnischer Sommer E-Book

Sanne Hipp

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Beschreibung

Finnische Sommer sind kurz – und sie haben es in sich! Während die Ärztin Lenja Tirilä noch die Vorfälle des letzten Sommers verarbeitet, sind die Weichen schon für das gestellt, was ihr im kommenden Sommer widerfahren wird. Denn alles wird anders, ihr Leben verändert sich. Und das ganz ohne ihr Zutun. Oder zumindest ohne, dass ihr ihre Mitwirkung bewusst gewesen wäre. Es beginnt mit dem Auftauchen einer früheren Kollegin, die ihren Kinderwunsch verwirklichen möchte. Und während Lenja sie in diesem Prozess begleitet, gerät sie zunehmend in eine Rolle, die sie nicht beabsichtigt hatte. Oder gar doch? „Finnischer Sommer“ ist ein lesbischer Liebesroman und spielt in Lahti, einer Stadt im Süden Finnlands.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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FINNISCHER SOMMER

SANNE HIPP

Piialle,

suomalaiselle vaimolleni

INHALT

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Mit freundlicher Genehmigung im Text erwähnt:

Über die Autorin

KAPITEL1

Lenja Tirilä war eine glückliche Frau.

Hätte man sie im Zuge der Datenerhebung beim World Happiness Report zu ihrem persönlichen Glücksempfinden befragt, hätte sie es sicherlich mit neun, wenn nicht sogar mit zehn angegeben, gemessen mit einer numerischen Skala von null bis zehn.

Denn trotz des in Finnland früh hereingebrochenen Herbstes mit seinem Grau-in-Grau und seinem ständigen Regen stellte Lenja beglückt fest, dass ihr Leben wieder funktionierte. Warum auch nicht? Sie war gesund, hatte einen sehr guten Job, ein Haus inmitten von Lahti mit einem Blick zum Hafen und sie hatte genügend Geld, um sich keine finanziellen Sorgen machen zu müssen.

Ihre frühere Unbeschwertheit war dabei zurückzukehren. Es tat nicht mehr weh.

Das Leben war wieder schön.

Nun ja, abgesehen von dem Regen, der seit drei Wochen auf Lahti niederprasselte, Hafen wie Innenstadt in ungemütliche Orte verwandelte, an denen man sich nicht länger aufhielt als nötig. Aber dies war eine Phase, die rasch vorüberging. Bald schon fiele der Schnee. Mit diesem Gedanken tröstete sie sich.

Sie konnte nicht ahnen, dass genau in dieser Trübseligkeit bereits etwas keimte, was ihrem Leben eine Form von Glück bescheren sollte, das auf keiner Skala der Welt zu messen wäre.

Und all das würde geschehen, ganz ohne ihr Zutun. Oder fast ohne ihr Zutun. Oder ohne, dass ihr ihre persönliche Mitwirkung daran bewusst gewesen wäre.

* * *

»Mom, ich werde bald dreißig, wenn ich noch Kinder haben möchte, sollte ich jetzt damit anfangen! Und es ist mir egal, wenn ich sie allein großziehe!«

»Shahin, sei doch vernünftig! Was willst du denn allein mit einem Kind? Wer soll denn danach sehen, wenn du zur Arbeit musst? Dein Vater und ich können nicht immer ...« Mutter Gelavêj war dabei, sich in Rage zu reden.

Shahin hörte nicht weiter zu. Hätte sie bloß nicht damit angefangen! Wie waren sie auf das Thema gekommen? Sie wollte doch nur noch rasch in die Küche spicken, um sich zu verabschieden. Es war Freitagabend, der zweite im Monat, und damit derjenige, an dem es bei ihren Eltern kurdisches Essen gab. Eine Tradition, die sie beibehalten hatten, auch nachdem Shahin ihre eigene Wohnung im Personalwohnheim der Klinik bezogen hatte.

Und dann hatte ihre Mutter schon wieder damit angefangen, dass es doch sehr schade war, dass Maijra und sie nicht mehr zusammen waren. Maijra hatte ihr Essen immer sehr gemocht, war so ein gern gesehener Gast gewesen. Ein Wort hatte das andere gegeben. Beide Eltern hatten Maijra als ihre Schwiegertochter bereits fest in ihr Herz geschlossen. Ja, eigentlich hatte es sich Shahin auch vorstellen können, mit ihr eine Familie zu gründen, doch dann hatte sie sich unsterblich in eine andere Frau verliebt.

Mutter Gelavêj holte Luft und feuerte eine weitere Schimpf-Kanonade ab. Sie war ein anschauliches Beispiel für orientalisches Temperament. Shahin war daran gewöhnt. Ihre Mutter war immer anders gewesen als die Mütter ihrer Freundinnen. Doch als Tochter kurdischer Eltern, die vor dreiundzwanzig Jahren nach Finnland gekommen waren, fühlte sie sich mittlerweile so sehr als Finnin, dass ihr stoischer Wille allen Einwänden ihrer Mutter standhalten konnte.

Die Stimme ihrer Mutter hatte sich mittlerweile eine Nuance höher geschraubt. »Dein Vater und ich haben es immer akzeptiert, dass du keinen Mann haben möchtest! Wir sind immer hinter dir gestanden. Sind wir das nicht?«

»Ich möchte nicht nur keinen Mann«, fiel Shahin ihr ins Wort, »ich könnte auch keinen haben, wenn ich einen wollte, Mom. Ich bin LESBISCH!« Auch Shahins Stimme war lauter geworden.

»Warum kannst du nicht bei deiner Freundin bleiben, mit der du Kinder haben könntest? Das muss doch nicht sein, dass du das allein ... «

Shahin winkte ab. Es machte keinen Sinn. Sie trat auf den Flur, bereit, das Haus ihrer Eltern zu verlassen.

Ihre Mutter folgte ihr.

»Vielleicht würde Maijra auch zu dir zurückkehren, wenn du sie ...«

Shahin verlor ihre Contenance. »Ich werde mit keiner Frau zusammenbleiben, nur, weil ich mir ein Kind wünsche! Das kann ich auch allein! Die Welt ist voll von Alleinerziehenden!«

Ihre Mutter blieb völlig unbeeindruckt. »Maijra hat dich geliebt und vielleicht liebt sie dich noch immer.« Es klang vorwurfsvoll.

»Aber ich sie nicht! Zumindest nicht genug. Sie war nicht die Frau, mit der ich mein ganzes Leben verbringen möchte. Und wenn ich nun warte, bis mir meine Traumfrau über den Weg läuft, werde ich nicht mehr in der Lage sein, Kinder zu bekommen.«

Das mit der Traumfrau, auf die sie nicht länger warten wollte, war nur so dahergesagt. Shahin war ihrer Traumfrau bereits begegnet. Sie war der Grund, warum ihre Beziehung mit Maijra letztendlich auseinanderging. Durch sie war es Shahin bewusst geworden, dass es zu wenig war, was sie für ihre Partnerin empfand. Alles an ihren Gefühlen war ihr plötzlich banal erschienen, im Gegensatz zu dem, was die andere in ihr auslösen konnte.

Leider hatte die andere nichts von ihr gewollt. Auch nach unendlichen Versuchen ihrerseits nicht. Ein Mist war das, mit den Traumfrauen!

Bis sie jemals wieder in der Lage wäre, sich verlieben zu können, würde sie ihren zweitgrößten Wunsch angehen – ein Kind bekommen! Und wer weiß? Vielleicht stellte sich dann auch eine neue Traumfrau ein, eine, die ebenfalls Kinder mochte und sich in eine junge Mutter verliebte? Das Leben ging manchmal seltsame Wege.

»Maijra ist ein guter Mensch. Ein herzensguter Mensch!« Alle Dramatik, zu der ihre Mutter fähig war, lag in diesen Worten.

Shahin hatte mittlerweile ihre Schuhe angezogen und war in ihre Jacke geschlüpft. »Ja, das ist sie. Aber das ist kein ausreichender Grund, um mein Leben mit ihr zu teilen.«

Sie klang resigniert. Ein Schuldgefühl überkam sie. Sie hatte mit ihrer damaligen Entscheidung mehr als nur einen Menschen unglücklich gemacht. Aber Shahins Herz hatte gesagt, dass es richtig war. Und das musste genügen.

»Mit ihr hättest du Kinder haben können. Ein ganzes Haus voll. Sie hatte einen guten Beruf und sie hätte alles für dich getan! Kind, was erwartest du noch vom Leben?«

Es hatte keinen Wert, mit ihr darüber zu streiten. »Mutter, ich bin noch nicht in dem Alter, in dem man sich arrangiert! Du hast Papa doch auch geheiratet, weil du ihn geliebt hast, oder nicht? Wie war das mit deinem Vetter, mit dem sie dich verkuppeln wollten? Deine eigenen Eltern!«

Ihre Mutter wurde still, sah sie erstaunt an.

»Ich wünsche mir ein Kind. Und ich werde nicht länger damit warten, sonst bin ich bald in den Wechseljahren und dann ist es zu spät.«

»Ach, Shahin!«, Mutter Gelavêj seufzte auf. »Moah!«, rief sie plötzlich. »Moah, wo bist du?«

Er saß im Wohnzimmer, schaute fern.

»Vater wird sich hüten, zu uns zu kommen, wenn wir uns anschreien, Mom. Rede mit ihm, wenn ich weg bin. Mein Entschluss aber steht fest, ob es euch passt oder nicht.«

Mit diesen Worten verabschiedete sie sich und zog die Tür hinter sich zu. Es war sowieso längst an der Zeit zu gehen. Morgen hätte sie Frühschicht und sollte ausgeschlafen sein.

Als sie in ihrem Auto saß, hatte sie das Gefühl, zu viel gesagt zu haben. Das mit dem Kind war ihre Entscheidung – ganz allein ihre! Es ihren Eltern vorab mitzuteilen, war völlig unnötig gewesen. Es reichte aus, sie in Kenntnis zu setzen, wenn sie erst einmal schwanger war! Verärgert startete sie den Motor und fuhr los. Zu schnell. Und dann war da noch so ein langsamer Typ vor ihr. Sie hupte, bereute es aber sofort. Warum nur war sie in letzter Zeit so ungeduldig, so aufbrausend? Wünschte sie sich das Kind nur, um diese Leere in sich zu überwinden? Flüchtete sie sich in eine Mutterrolle?

In Gedanken versunken fuhr sie nach Hause.

An den folgenden Tagen stellte sie sich diese Frage immer wieder. Bei der Arbeit, am Abend als sie allein vor dem Fernseher saß, beim Einkaufen in der Stadt. Warum wollte sie ausgerechnet jetzt ein Kind? Weil sie sich schon seit so vielen Jahren eines wünschte, weil Kinder zu ihrem Lebensplan gehörten und weil sie keine zu alte Mutter sein wollte. Der Zeitpunkt zum Schwangerwerden war gekommen. Sicher wäre es schöner, mit der Frau ihres Lebens eine Familie zu gründen und alles Glück und alle Sorge von Anfang an zu teilen, aber das war nun mal nicht der Fall und es machte keinen Sinn, sich länger darüber zu grämen. Sie könnte es ohne Weiteres schaffen, das Kind allein großzuziehen. Sie hatte einen Beruf mit regelmäßigem Einkommen, eine Wohnung, die ihnen beiden reichen würde. Zumindest für den Anfang. Der Kindergarten der Klinik würde ihr Kind bereits mit wenigen Monaten aufnehmen, aber wahrscheinlich bliebe sie das erste Jahr zu Hause, würde Elternzeit in Anspruch nehmen. Sie hatte für den Fall gespart, dass das Geld nicht reichen sollte.

Sehnsüchtig malte sie sich ihre Zukunft aus, fühlte unbändige Freude in sich aufsteigen. Ein Kind! Ja, sie wollte es zumindest versuchen.

Wieder nahm sie die Broschüre der Samenbank zur Hand. Es war die aktuelle Version jener Broschüre, die sie seit drei Jahren vor den Blicken anderer in ihrem Bücherregal aufbewahrte. Mittlerweile hatte sich die Gesetzgebung in Bezug auf Heiminsemination verändert und die Versendung von Samen an Privatpersonen war nicht mehr so leicht möglich wie noch im letzten Jahr. Die Samenbank verschickte ihre Lieferungen nur noch an sogenannte autorisierte Personen in Heilberufen. Das machte die Sache etwas komplizierter. Sie benötigte nun die Adresse einer Klinik oder einer Arztpraxis, die das Päckchen mit dem in flüssigem Stickstoff eingefrorenen Samen entgegennahm. Eine Klinik kam nicht in Frage. Sie würde auf keinen Fall zu einer der Kinderwunschkliniken gehen. Das war ihr zu steril. Auch eine lesbische Frau hatte das Recht, ihr Kind zu Hause in ihrem Bett zu zeugen wie andere Menschen auch. Für einen Augenblick überlegte sie, sich das Paket an die eigene Klinik nach Lahti schicken zu lassen. Aber dann würde ihr Wunsch, schwanger zu werden, allgemein bekannt werden, und das wollte sie auf keinen Fall. Bliebe noch die Möglichkeit, es an eine Arztpraxis übersenden zu lassen. Shahin überlegte. Sie hatte keinen Gynäkologen. Es war nie nötig gewesen, einen aufzusuchen. Sie brauchte keine Pille. Warum also zum Arzt, wenn ihr nichts fehlte? Die Umsetzung ihres Kinderwunsches begänne also mit der Suche nach einem passenden Gynäkologen oder besser: einer Gynäkologin.

Die Erste, die ihr einfiel, befand sich im Gesundheitszentrum der Innenstadt. Und sie kannte sie bereits. Sie war sehr kompetent und ausgesprochen freundlich. Zumindest zu ihren Patientinnen. Aber das wäre sie dann ja auch.

Zudem täte es gut, sie noch einmal zu sehen. Und mit einem Anflug von Melancholie gestand sie sich ein, dass es doch schön wäre, wenn sie wenigstens ein klitzekleines bisschen an der Verwirklichung ihres Kinderwunsches beteiligt wäre.

Mit diesem Gefühl griff sie zum Hörer und wählte die Nummer des Gesundheitszentrums.

KAPITEL2

Regen peitschte in ihr Gesicht und auf ihre beschichtete Allwetterjacke, die dem Wasser standhielt, aber eiskalte Rinnsale auf ihre Oberschenkel weiterleitete. Innerhalb kürzester Zeit klebte der Stoff ihrer Jeans höchst unangenehm an ihren Beinen. Typisches Novemberwetter für eine finnische Stadt wie Lahti. Lenja bemühte sich, mit ganz normalen Schritten weiter zu gehen, zog sich die Kapuze tiefer ins Gesicht. Bis zum Gesundheitszentrum war es nicht mehr weit. Normalerweise legte sie den Weg zur Arbeit mit dem Auto zurück, aber ausgerechnet bei so einem Wetter musste es in der Werkstatt sein!

Lenja schüttelte sich, als sie einen Block weiter ein großes aus Ziegelsteinen errichtetes Gebäude betrat, kämmte mit den Fingern durch ihr Haar, als sie die nasse Kapuze nach hinten klappte.

»Guten Morgen, Lenja.« Helena blickte vom Tresen der Patientenanmeldung auf. Sie schenkte ihr ein mitleidiges Lächeln.

»Guten Morgen.«

»Wenn das doch schon Schnee wäre«, seufzte Helena. Sie wusste, wie gerne Lenja mit ihren Skiern auf den Langlaufloipen des hiesigen Waldes unterwegs war.

»Na ja. Wenigstens ist es kein Hagel, das hat es zu dieser Zeit auch schon gegeben.«

Helenas Antwort beschränkte sich auf ein liebevolles Lächeln.

»Was steht auf dem Programm?«, fragte Lenja, die nun zu ihr an den Tresen trat. Sie warf einen Blick auf den Monitor, auf dem ihr heutiger Terminkalender aufgerufen war.

»Für dich einiges. Fünfundzwanzig sind angemeldet und Shahin wollte auch noch einen Termin bei dir.«

»Shahin?«

»Du kennst sie aus deiner Zeit in der Klinik. Ihr habt zusammengearbeitet.«

»Ah, ja?« Lenja konnte sich an keine Kollegin mit diesem Namen erinnern.

»Passt es dir nicht?«

»Doch, doch. Sie soll nur kommen. Ich wollte heute nur ausnahmsweise pünktlich Feierabend machen. Yrjö hat Karten für die Sibelius-Halle bekommen, für die Generalprobe, und wollte mich anschließend zum Essen einladen. Ich muss also den Bus um kurz nach sechs bekommen, mein Auto ist in der Werkstatt.«

Helena hörte das, was ihr am wichtigsten war. »Oh, ein Date! Wie romantisch! Bei Kerzenschein im Restaurant der Sibelius-Halle.« Sie strahlte. Für Herzensangelegenheiten war sie immer zu haben. Lenja ließ sie in ihrem Glauben, musste grinsen, als sie Helenas neiderfülltes Gesicht sah. Sie war ein junges Ding mitten in der Suche nach dem Mann ihrer Träume.

»Bis später!« Lenja ging weiter den Flur entlang. Sie betrat die Damenumkleide, froh sich ihrer nassen Kleider entledigen zu können, hängte sie in den Trockenschrank, schnappte sich Hose und Shirt aus dem Stapel weißer Dienstkleidung.

So angezogen warf sie einen prüfenden Blick in den Spiegel. Die Hose passte perfekt, das T-Shirt war okay so. Sie nahm immer Größe L. Es ließ ihr genügend Bewegungsfreiheit, spannte weder an den Schultern noch an der Brust. Kittel mit langen Ärmeln hatten sie aus hygienischen Gründen schon lange abgeschafft. Alle hier, egal welcher Berufsgruppe sie angehörten, trugen Shirts und Hosen mit praktischen Außentaschen. Lenja föhnte noch eine Minute über ihr Haar, verließ die Umkleide, stieg die Treppen nach oben in den dritten Stock, in dessen östlichem Flügel sich drei gynäkologische Behandlungszimmer befanden.

Ihre erste Patientin saß schon auf einem der Stühle im Gang vor ihrem Zimmer. Lenja wünschte ihr einen Guten Morgen: »Huomenta! Du kannst gleich mit reinkommen.« Sie steckte ihren Schlüssel ins Schloss, öffnete die Tür, neben der ein kleines weißes Schild angebracht war.

Dr. med. Lenja Tirilä, Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe.

Der Morgen verging und ihre Patientinnen gaben sich die Klinke geradezu in die Hand. Lenja führte Gespräche, führte Untersuchungen durch, wechselte Einmal-Unterlagen, wusch sich die Hände, tippte Daten in den Laptop, rief die nächste Patientin herein, ganz im Takt ihrer alltäglichen Routine.

Ihr Ruf, patientenfreundlich zu sein, war nicht allein der Grund, warum sie immer maximal ausgebucht war. Das wäre wahrscheinlich genauso der Fall, wenn sie unfreundlich und grob wäre. Die medizinische Versorgung Finnlands hatte sich im Laufe der letzten Jahre verschlechtert. Viele Mediziner waren aufgrund besserer Verdienstmöglichkeiten ins Ausland abgewandert, meist nach Schweden oder Norwegen. Für Lenja jedoch stellte sich die Frage nach einem Ortswechsel nicht. Ein Leben außerhalb Finnlands wäre ihr auf Dauer unmöglich. Sie brauchte die Luft hier, die Seen, den Schnee ... wenn er doch bald käme!

Bis zum Mittag war sie bei Nummer siebzehn, ohne auch nur eine einzige besondere Diagnose gestellt zu haben. Für die erfahrene Klinikärztin beinahe etwas langweilig. Vor gut einem Jahr hatte sie sich entschieden, vom Krankenhaus ins Gesundheitszentrum der Innenstadt zu wechseln. Manchmal fehlte ihr nun die stationäre Umtriebigkeit. Aber egal! Hier wurde sie gebraucht. Mit ihren Sprachkenntnissen war sie für die Betreuung ausländischer Patientinnen im Gesundheitszentrum nicht mehr wegzudenken. Und, wenn sie ehrlich war, genoss sie die Vorzüge einer Kernarbeitszeit und damit verbunden einem planbaren Feierabend.

Zu Mittag verzichtete sie auf ein Essen in der Stadt, trank eine Tasse Kaffee mit einem Kollegen, holte sich aus der Kantine ein Brötchen dazu.

Bis um fünf Uhr war sie sich noch sicher, dass sie es schaffen würde, den Achtzehn-Uhr-Bus zu bekommen. Zehn Minuten später wäre sie zu Hause. Sie könnte sich noch umziehen und stylen und es zum Bus um zwanzig vor sieben in Richtung Sibelius-Halle schaffen. Dann wäre sie gerade pünktlich genug, um noch eingelassen zu werden.

Dann kam Shahin.

Und mit ihrem Eintreten erinnerte sich Lenja wieder an die Kinderkrankenschwester. Sie war eine Kollegin von Paula, der leitenden Schwester der Wöchnerinnen- und Neugeborenenstation. Merkwürdig, dass sie mit ihrem Namen nichts mehr hatte anfangen können. Vielleicht lag es daran, dass Lenjas Kollege, Doktor Matti Ruhonnen, sie immer anders genannte hatte: Miss Finnland. Er war der Meinung, Shahin sei die schönste Frau Finnlands. Lenja hatte ihn deswegen oft und gerne auf den Arm genommen.

»Moi«, grüßte Lenja auffallend einsilbig.

»Moi! Danke, dass du mich so rasch eingeschoben hast.« Shahins große dunkle Augen funkelten sie an.

»Das war Helena, unsere Sekretärin, die dich eingeschoben hat. Du hattest erwähnt, dass wir uns von der Klinik her kennen, das hatte sie wohl dazu veranlasst, dir möglichst rasch einen Termin zu geben.«

Shahins Lächeln verlor etwas von seiner Strahlkraft.

»Was führt dich zu mir?«, fragte Lenja ganz direkt.

Shahin suchte nach einem passenden Anfang. Die Ärztin lehnte sich etwas zurück, musterte ihre Patientin eingehend und wartete auf eine Antwort. Trotz der inneren Ablehnung, die sie ihr entgegenbrachte, drängte sich ihr die Frage auf, ob Shahins lange Wimpern ein Naturprodukt waren oder Resultat gekonnten Schminkens. Das lange glänzende Haar der Kinderkrankenschwester fiel ihr offen über die Schultern. Es schien in den letzten zwei Jahren noch voller geworden zu sein. Zugegeben, eine Frau, die durchaus eine Chance auf den Sieg einer Miss-Wahl gehabt hätte. Und merkwürdigerweise tat sich diese perfekte Miss Finnland irgendwie schwer, endlich zu ihrem Anliegen zu kommen. Lenja dachte an den Achtzehn-Uhr-Bus und half etwas nach.

»Raus mit der Sprache, wo drückt der Schuh?«

»Ich kenne dich aus der Klinik als eine sehr umgängliche und kompetente Ärztin ...«

Lenja lachte auf. »Na, bei der Einleitung bin ich gespannt, was jetzt kommt.«

Shahin holte Luft. »Ich möchte ein Kind haben.«

Immer noch belustigt zog Lenja eine Augenbraue hoch, fragte das, was naheliegend war: »Wie lange versucht ihr es denn schon?«

»Wie meinst du das?« Shahin schien irritiert.

War diese Frage zu unhöflich? Lenja hatte angenommen, sie konnte so mit ihr reden. Sie korrigierte sich sofort. »Wann hast du die Pille abgesetzt?«

»Ah!« Shahin lächelte entschuldigend. »Ich nehme keine Pille. Ich schlafe nicht mit Männern.«

Lenja sagt nichts dazu.

»Für mich waren schon immer Frauen das erotischere Geschlecht. Ich hatte angenommen, als ehemalige Klinikmitarbeiterin wüsstest du das.«

Ach! Für einen Moment war Lenja wirklich verblüfft. In einem ersten Gefühl bedauerte sie ihren Kollegen von ganzem Herzen, der Shahin immer für eine Wahnsinnsfrau gehalten hatte. Für Lenja hingegen gehörte zu einer Wahnsinnsfrau einiges mehr als nur ihr Aussehen: Kompetenz, Teamgeist, Engagement. Davon schien Shahin wenig zu haben. Lenjas Schulter machte eine Bewegung des Bedauerns. »Ich bin nicht über alle sexuellen Orientierungen meiner ehemaligen Kollegen auf dem Laufenden.«

Der letzte Rest von Shahins Lächeln erlosch. Sie strich sich irritiert die Haare hinter das Ohr.

»Bist du out in der Klinik?« Das interessierte Lenja nun doch, da es sie wunderte, nichts davon mitbekommen zu haben.

»Eigentlich ja. Ich bin davon ausgegangen, es wäre dir bekannt«, wiederholte sich Shahin. »Manches in der Klinik spricht sich ja schnell herum.« Es klang wie eine Entschuldigung. Mit beiden Händen fasste sie wieder in ihr Haar, um es einen Augenblick später wieder loszulassen.

Jetzt erst bemerkte Lenja, wie nervös ihre Patientin war. Sie registrierte es mit Wohlwollen. Es ließ diese perfekt anmutende Frau menschlicher erscheinen. »Was sagt deine Partnerin zu deinem Wunsch?«

Shahin hielt inne in ihrer Bewegung. »Ich habe keine Partnerin.«

»Die Entscheidung, ein Kind zu bekommen, triffst du also allein?« Lenja runzelte die Stirn.

»Ja. Also … wenn ich von meiner Mutter und meinem Vater absehe, die sich über einen Enkel freuen würden.« Bestimmt würden sie das tun, wenn ich erst einmal schwanger bin, korrigierte sie sich in Gedanken. Ihre Eltern bräuchten einfach noch ein bisschen Zeit.

Lenja präsentierte ihr nachsichtiges Ärztelächeln. »Und was genau führt dich jetzt zu mir?«

»Ich hatte gehofft, du würdest mir dabei helfen. Ich benötige eine klinische Adresse, die das Päckchen der Samenbank annimmt.«

Shahins Augenaufschlag war perfekt. Lenja spürte Unwillen in sich aufsteigen. »Warum gehst du damit nicht einfach zu deinem bisherigen Gynäkologen?«

Shahin schien auf diese Frage gewartet zu haben. »Ich war noch nie bei einem Frauenarzt.«

»Was?«, entfuhr es Lenja. Sie warf einen Blick auf das Geburtsdatum auf dem Etikett der Patientenakte. Shahin war neunundzwanzig Jahre alt. »Du hast dich noch nie untersuchen lassen?«

Shahin schüttelte den Kopf. »Es gab nie einen Grund dafür.«

»Du hattest nie irgendwelche Menstruationsbeschwerden, Infekte oder irgendetwas?«

»Nein.«

»Und auch nie eine Vorsorgeuntersuchung machen lassen?«

»Nein.«

Lenja musterte die Frau, die ihr gegenübersaß, mit ungläubigem Blick. Konnte man so wenig Verantwortung zeigen? Und jetzt kam sie, weil sie eine Ärztin brauchte, die ihre Spendersamen entgegennahm? Shahin war ihr schon in der Klinik immer mehr wie eine Diva erschienen, je länger sie zusammengearbeitet hatten. Eine Frau, die sich ständig in den Vordergrund drängte. Seit sie zum Team der Säuglingsstation gehörte, war sie es immer, die Lenja bei der Arztvisite begleitete, die sie anrief, wenn es irgendein Problem gab. Dabei war doch Paula die verantwortliche Schwester gewesen.

»Und jetzt möchtest du also schwanger werden.« Lenja sprach es aus, als habe Shahin den Wunsch geäußert, sich einen Golden Retriever anzuschaffen.

»Ja.«

Lenja beugte sich vor. Es war an der Zeit für ein paar deutliche Worte. »Die Verantwortung für ein Kind heißt zuerst einmal, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Es gibt auch andere Gründe für eine ärztliche Untersuchung, zum Beispiel die Krebsvorsorge. Ich denke, damit könntest du anfangen.«

Shahin wollte etwas sagen. Die Ärztin ließ es nicht zu.

»Und die Entscheidung für ein Kind empfehle ich dir mit einer Partnerin gemeinsam zu fällen, da ich die Entscheidung dafür für so weittragend halte, dass sie nicht von einer Person allein gefällt werden sollte.«

Jetzt, wo sie schwieg, sagte auch Shahin nichts mehr, sah sie nur an. Lenja wollte ihrer Patientin auch den letzten Rest ihrer persönlichen Meinung nicht vorenthalten. »Ich denke nicht, dass du ein Problem damit haben könntest, eine Partnerin zu finden, die mit dir gerne deinen Wunsch nach einem Kind realisiert.«

Vor ihr saß die fleischgewordene Fantasie jeder frauenliebenden Frau. Oder zumindest sehr vieler frauenliebenden Frauen.

Etwas in Shahins Augen blitzte auf. »Ich suche keine Partnerin für mein Kind, auch wenn noch so viele Frauen dafür in Frage kämen«, sagte sie ungehalten.

Lenja hob eine Augenbraue. Sie würde sich jetzt nicht auf eine Diskussion über einen polyamourösen Lebensstil einlassen.

Beide Frauen maßen sich mit Blicken.

So ernst hatte sie Shahin noch nie gesehen. Lenja hätte nicht sagen können, welches Gesicht ihr besser gefiel, das mit dem Schauspielerinnenlächeln oder die ernste Version. Aber auch so hatte Shahin eine sehr starke Ausstrahlung. Jetzt nickte sie wie zum Zeichen, dass sie ihre Meinung durchaus akzeptierte. Ihre Lippen öffneten sich und beinahe sanft fragte sie: »Deine ablehnende Reaktion hat aber nichts damit zu tun, dass ich lesbisch bin, oder etwa doch?«

Lenja gab ihrer ersten Gefühlsregung nach und gab ein kurzes, trockenes Lachen von sich. Es war von besonderer Komik, dass ausgerechnet ihr dieser Vorwurf gemacht wurde, lesbische Frauen zu benachteiligen.

Shahin missverstand ihre Gemütsregung. Sie nahm wohl an, Lenja machte sich über sie lustig.

Die Ärztin bemerkte noch, wie sie nach ihrem kleinen Rucksack griff, ihn an sich heranzog, als gewähre er ihr Schutz. Lenja beobachtete es mit Verwunderung, wenn nicht sogar mit Rührung. Noch während sie eine passende Antwort formulierte, die nicht zu viel von ihr selbst offenbarte, stand Shahin auf, hängte sich den kleinen Rucksack über die Schulter.

»Es war nicht meine Absicht, dir deine Zeit zu stehlen. Entschuldige. Einen schönen Abend noch.« Sie versuchte zu lächeln und war aus dem Zimmer, ehe Lenja das Ende ihres Gesprächs bedauerte. Nach kurzem Nachdenken ließ sie sich dazu hinreißen, etwas zu tun, was sie in ihrer ganzen Laufbahn als Ärztin noch nicht gemacht hatte: Sie lief ihrer Patientin hinterher, holte Shahin auf dem Gang ein. Sie ergriff ihren Arm.

»Warte, Shahin! Einen Augenblick!«

Shahin versuchte das Feuchte in ihren Augen vor ihr zu verbergen und das schlechte Gewissen überkam Lenja mit voller Wucht.

»Es tut mir leid, ich wollte dich nicht verletzen«, sagte sie ungeachtet zweier anderer Frauen, die auf den Stühlen in ihrer unmittelbareren Nähe saßen. »Komm noch einmal für einen Moment zu mir herein«, sagte Lenja und geleitete sie zurück zum Behandlungszimmer.

»Bitte, nimm Platz und lass uns von vorne beginnen. Ich mache mich nicht darüber lustig, dass du frauenliebend bist. Ich habe diesbezüglich auch keinerlei Vorbehalte. Wenn ich ein Problem mit deinem Kinderwunsch habe, dann lediglich deshalb, weil du alleinstehend bist. Aber das ist nur meine persönliche Meinung. Als Ärztin habe ich das nicht zu entscheiden, was du mit deinem Leben anstellst.«

Da ihre Patientin keine Anstalten machte, sich irgendwie zu äußern, redete Lenja weiter: »Aber das sollte uns nicht davon abhalten, dein Anliegen mit der notwendigen Gründlichkeit zu besprechen.« Es war vor allem eine Mahnung an sie selbst. Es wurde ihr erst bewusst, als sie es ausgesprochen hatte.

Shahin wischte sich verstohlen über die Augen und Lenja ertappte sich dabei, nach Spuren von verwischtem Eyeliner oder Wimperntusche zu suchen. Aber da war nichts. Als die dunkle Frau sie mit tränennassem Blick ansah, verschlug es ihr beinahe die Sprache.

»Und du glaubst, dass ich mir nicht ausreichend darüber Gedanken gemacht habe?«, fragte Shahin leise.

»Ja«, sagte Lenja knapp. Etwas in ihr blockierte weitere Ausführungen.

»Du liegst falsch. Ich habe mir sehr lange und sehr viele Gedanken darüber gemacht. Und Finnland bietet genügend Möglichkeiten, ein Kind auch allein großzuziehen.«

Lenja holte tief Luft. Sammelte sich. Fragte dann noch einmal nach, was sie partout nicht begriff.

»Warum machst du das allein, Shahin? Warum wartest du nicht, bis du einer Partnerin die Chance gibst, von Anfang an dabei zu sein?«

»Meine biologische Uhr tickt, ich kann und will nicht länger warten.«

Lenja schüttelte den Kopf. »Heutzutage sind Erstgebärende schon mal vierzig. Da hättest du etliche Jahre Zeit, deine ...«

»Ich habe mich mit meinem Kinderwunsch nun schon einige Jahre auseinandergesetzt. Ich habe mich bereits entschieden, es zu versuchen«, unterbrach Shahin sie sanft, aber bestimmt.

»Okay«, räumte Lenja ein, »du brauchst nicht mit mir darüber zu reden, wenn du es nicht möchtest. Ich hatte ja auch schon gesagt, es ist deine Privatangelegenheit, was du mit deinem Leben machst. Nur so viel, damit ich mir sicher bin: Dein Wunsch nach einem Kind entspringt nicht aus einer Frustration heraus und ist auch kein Partnerinnenersatz?«

»Nein. Ich wünsche mir einfach ein Kind.« Ihr Blick verschloss sich, als sie weitersprach. »Ich habe sogar schon einmal mit einem Mann geschlafen, in der Hoffnung, schwanger zu werden. Es hat aber nicht funktioniert.«

Es tat beinahe weh, wie sie es sagte. Sie hatte überhaupt nichts mehr von einer Diva an sich und Lenja verurteilte sich selbst dafür, so etwas jemals angenommen zu haben.

»Obwohl du Männer nicht als erotisch empfindest?«

»Ja. Ich habe es trotzdem getan.«

Lenja wandte ihren Blick ab. Mit jemandem ins Bett zu gehen, nur aus dem Wunsch, ein Kind zu bekommen, und nichts dabei zu empfinden, war für sie eine schreckliche Vorstellung. Wie sehr musste sich Shahin wirklich ein Kind wünschen? Innerlich tat sie zum zweiten Male Abbitte dafür, sie so ungerecht behandelt zu haben, und war dankbar für die Entscheidung, sie ins Behandlungszimmer zurückgeholt zu haben.

Ein Verdacht stieg in ihr auf. War es vielleicht sogar ihr Kollege gewesen, der damals so hoffnungslos von ihr geschwärmt hatte? Lenja verdrängte diesen Gedanken, stellte eine letzte Frage, die ihr wichtig war. »Warum stellst du dich nicht bei einer der Fertilitätskliniken vor? In Jyväskylä gibt es eine gute oder in Helsinki.«

»Ich möchte dafür nicht in die Klinik. Das ist mir zu steril. Ich möchte gerne in möglichst natürlicher Umgebung ...« Ihre Stimme verebbte.

»Aber die Klinik wäre die Variante mit der größten Chance, du wirst hormonell vorbereitet, der aufgearbeitete Samen wird dir direkt in die Gebärmutter eingespritzt und …«

»Nein. Auf keinen Fall. So möchte ich das nicht. Ich hatte immer gehofft, auch als lesbische Frau ginge das irgendwie natürlicher.«

»Gut.« Lenja wollte es in aller Deutlichkeit von ihr hören. Sie nickte. Wenn es denn der Wunsch ihrer Patientin war, so sollte sie das Recht haben, es auszuprobieren.

Sie sahen sich an und Lenja wusste, sie hatte etwas wiedergutzumachen. Sie räusperte sich.

»Ich biete dir meine Unterstützung an, allerdings unter einer Bedingung: Wir machen zuerst einen grundlegenden Gesundheitscheck.« Lenja lächelte ihre Patientin an. »All das ist eine Kassenleistung und steht dir zu, aber letztendlich ist es natürlich deine Entscheidung.« Lenja sah ihre Patientin gerade heraus an, wartete auf ihre Antwort.

»Ja, natürlich«, sagte Shahin. »Es wäre sowieso mein Wunsch gewesen.« Ihr Lächeln war in ihr Gesicht zurückgekehrt.

Lenja wunderte sich, dass sie darüber erleichtert war.

»Wir sehen uns also nächste Woche oder wann immer du einen Termin bekommst.«

Shahin erhob sich.

Ihr Gespräch war beendet und im Gegensatz zu dem Ersteren war Lenja mit seinem Verlauf sehr zufrieden.

»Einen schönen Abend noch und bis demnächst!«, sagte Lenja. Ihr Blick wurde vom Bildschirmschoner ihres Monitors angezogen: Viertel nach sechs. So ein Mist! Den Bus hatte sie nun verpasst. Sie hörte nur beiläufig Shahins Abschiedsgruß, und als sie aufsah, stand ihre Patientin immer noch so da.

»Was ist passiert?«, fragte sie.

»Bitte?«, fragte Lenja in einem ersten Impuls, antwortete dann jedoch ehrlich: »Nichts Schlimmes. Ich habe lediglich meinen Bus verpasst.«

»Oh!«, sagte Shahin betroffen. Natürlich konnte sie sich zusammenreimen, woran dies lag. Sie machte keine großen Worte um das, was sie ihr anbot. »Mein Auto steht gleich um die Ecke.«

Lenja überlegte. Aus Prinzip hätte sie das Angebot sofort abgelehnt, andererseits würde sie es mit dem nächsten Bus nicht mehr schaffen. Für einen Moment wog sie den Gedanken ab, sich ein Taxi zu rufen, aber seit deren Zentrale ins Reisezentrum ans andere Ende der Stadt umgezogen war, war der Ruf nach einem Taxi zu einer langwierigen Sache geworden. Jetzt lief sie wirklich Gefahr, die Aufführung zu versäumen. »Das wäre wunderbar, wenn du mich nach Hause fahren könntest. Es ist nicht weit«, sagte sie gegen all ihre inneren Widerstände.

»Ich warte unten am Eingang auf dich, dann kannst du hier in aller Ruhe zum Ende kommen«, schlug Shahin vor.

Es tat gut, wie sie es sagte.

»Danke«, kam der Ärztin ganz leicht über die Lippen. Sie wunderte sich darüber. Shahin nahm Jacke und Tasche an sich und verschwand.

KAPITEL3

Lenja konzentrierte sich, gab für heute abschließende Daten in den Rechner, fuhr ihn herunter, raffte ihre persönlichen Sachen zusammen und verließ das Behandlungszimmer. Die Putzfrau würde abschließen, nachdem sie gewischt hatte.

»Hei hei, bis morgen!«, rief sie in Richtung Patientenanmeldung, aber da war keiner mehr, der ihren Gruß erwiderte. Helena war schon fort, die Anmeldung verwaist.

Shahin wartete, wie versprochen, vor der Tür. Ihre Hand wies einladend in die Richtung, in der ihr Auto parkte.

»Das ist wirklich sehr nett von dir, mich zu fahren. Mein Auto ist ausgerechnet heute in der Werkstatt und ich sollte pünktlich der Sibelius-Halle sein, bevor sie die Türen schließen.«

»Was schaust du dir an?«

»Eine Aufführung der Sinfonia Lahti. Eigentlich ist es eine Generalprobe für das kommende Jahr zum Jubiläum.«

»Ah! Zum hundertjährigen Bestehen Finnlands!« Shahin schien beeindruckt. »Du hast Beziehungen dorthin?«

»Meine Begleitung kennt einen der Musiker.«

»Ah.« Shahin verstand. Sie waren da. »Dahinten, der kleine Rote.« Sie zeigte auf einen alten schwedischen Mittelklassewagen, der etwas unglücklich zwischen zwei Geländewagen eingequetscht war. Zudem steckte noch ein kleiner Zettel hinter seinem Scheibenwischer. Shahin nahm ihn an sich, warf nur einen knappen Blick darauf.

»Mist, sie erwischen mich immer«, war ihr ganzer Kommentar dazu. Sicherlich eine Verwarnung in Höhe von fünfzehn Euro. In Lahti überwachte die Polizei den ruhenden Verkehr sehr genau.

»Ich hatte vorhin nicht das passende Kleingeld und keine Zeit mehr zu wechseln.«

Damit war das Thema beendet und sie ärgerte sich nicht weiter. Beeindruckt von solchen Nehmerqualitäten stieg Lenja ein. Es roch angenehm im Inneren des Autos, nach Lavendel oder etwas in der Art.

Lenja nahm ohne zu fragen den Zettel der Stadtverwaltung an sich, den Shahin auf die Mittelkonsole gelegt hatte, um sich anschnallen zu können. »Lass mich das machen. Als Dankeschön fürs Heimfahren.«

»Neeein!«, wehrte Shahin ab, versuchte in einem ersten Reflex, den Bußgeldbescheid zurückzuerobern. Es wurde kein Gerangel daraus, dazu kannten sie sich zu wenig.

»Ich übernehme es gerne«, entschied Lenja, die ihr keine Chance gab, danach zu fassen.

Shahins Widerstand verebbte nur langsam. Lenja lachte innerlich. Es machte ihr zunehmend Spaß mit der Frau, die sich so ganz anders verhielt, als sie angenommen hatte. »Wenn du jetzt bitte losfahren würdest. Ich habe es nämlich eilig.«

Shahin atmete hörbar aus, startete widerstrebend den Motor, parkte souverän aus der engen Lücke aus, indem sie einmal vor und zurück rangierte und ließ sich vom Feierabendverkehr mittreiben. Lenja schaute bangend auf das Display des kleinen Autos. 18:25. Um zwanzig vor sieben fuhr ihr Bus in Richtung Hafen. »Ich wollte eigentlich noch duschen, aber das wird zu knapp.«

Shahin warf ihr einen Blick von der Seite zu. »Umziehen genügt völlig.« Ihr Lächeln hatte einen merkwürdigen Ausdruck, fast etwas wehmütig. Als Lenja noch irritiert darüber nachdachte, drückte Shahin prompt auf die Bremse. Autos hupten zornig.

»Was ist los?« Bitte, lass es gleich weitergehen!, flehte Lenja in Gedanken.

»Ich schätze, das ist der Rückstau von der Baustelle am Marktplatz«, sagte Shahin.

»Die ist doch viel weiter vorne.« Das ging doch schon seit Monaten so.

»Etwas anderes kann es nicht sein. Immerhin ist es jetzt fertig, das Parkhaus. Stand zumindest so in der Zeitung.«

Lenja erinnerte sich, es gelesen zu haben. Die vielen Autos in der Innenstadt konnten nun direkt unter dem Marktplatz parken. Dabei hatte man gleich das gesamte Kopfsteinpflaster neu gestaltet. Natürlich wurden alle Marktstände für diese Zeit aus der Stadtmitte verbannt und Lenja fragte sich, ob diese jemals wieder zurückkehren würden. Viele von ihnen hatten sich mittlerweile nach anderen Verdienstmöglichkeiten umgesehen oder mussten die Direktvermarktung ganz einstellen.

Shahin stellte den Motor ab. »Mist.« Ihr Tonfall war sympathisch verzweifelt. »Wann kommt dein Bus in Richtung Sibelius-Halle?«

»Ich fürchte, zu bald«, stöhnte Lenja, schaute sich um. Nichts bewegte sich. Wäre sie allein gewesen, hätte sie ihrem Unwillen lautstark kundgetan, so jedoch riss sie sich zusammen. Sie erspähte einen Polizisten, der durch die stehenden Autoreihen ging und Informationen weitergab. Schließlich hatte er auch sie erreicht, grüßte Shahin durch die heruntergelassene Scheibe: »Päivää! Geht gleich weiter. Vorne wird ein schweres Gerät aus dem Baustellenbereich rangiert. Dauert nur ein paar Minuten.«

Nach zehn Minuten, die sie mit Small Talk überbrückten und Erinnerungen vom Krankenhaus austauschten, standen sie immer noch. Shahin hatte die Lüftung auf die höchste Stufe geschaltet. Die Scheiben waren von innen beschlagen. Fußgänger eilten an ihnen vorbei, überquerten mit gesenkten Köpfen die Straße, schlängelten sich zwischen die stehenden Autos hindurch.

»Warum muss das Rangieren ausgerechnet während der Hauptverkehrszeit stattfinden?« Lenja rieb sich die kalt gewordenen Hände, unterdrückte wieder ein Fluchen.

---ENDE DER LESEPROBE---