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Die junge Sängerin Mel Garcia kann es kaum erwarten, beruflich durchzustarten. Sie bewirbt sich an der Leipziger Oper für »Madame Butterfly« und bekommt eine Chance zum Vorsingen. Ausgerechnet am Tag vor dem Casting bleibt ihr eine Gräte im Hals stecken, und sie sucht Hilfe in der Notfallambulanz der hiesigen Klinik. Die bekommt sie – von einer Ärztin, die ihr fortan nicht mehr aus dem Kopf geht. Mel legt es darauf an, sie wiederzusehen, nur um zu erkennen, dass ihre Herzdame in festen Händen ist – noch dazu in den Händen eines Mannes. Eine Saison der Zerrissenheit beginnt, des Hoffens, Bangens und Wartens: die Saison der Madame Butterfly.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
© 2024 Sanne Hipp
c/o Block Services, Stuttgarter Str. 106, 70736 Fellbach
https://sanne-hipp.de/
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne unzulässig. Buchcoverdesign: Sarah Buhr / www.covermanufaktur.de;unter Verwendung von Stockfotografien von Laura Pashkevich; Olga Galushko / Adobe Stock
Lektorat: Katharina Glück,
https://www.katharinaglueck.de/
Korrektorat: Joana Dörfler, https://www.redigieren.org
Via tolino media
ISBN: 9783759221445
Handlungen und Personen im Roman sind frei erfunden, auch wenn die beschriebenen Orte zum Teil existieren. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Anmerkung zum Buch
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Epilog
Über die Autorin
Bücher von Sanne Hipp
Bücher unter den Pseudonymen Taya Gondar und Bo Alix
Für alle Frauen dieser Welt,
die bei allem, was sie tun, ihr Herzblut einbringen.
Die Welt wird eine bessere durch euch!
Die Handlung des Buches entspringt purer Fantasie, auch wenn es die Orte tatsächlich gibt. Die Beschreibungen von Opern- und Ballettaufführungen sind in Zeit und Ort nicht realistisch geschildert, sondern wurden so abgeändert, dass sie sich besser in die Handlung des Romans einfügen.
Mario Schröders »Schwanensee« wurde niemals im selben Jahr wie »Madame Butterfly« aufgeführt. Diese Behauptung entspringt meiner künstlerischen Freiheit.
Mel riss die Tür ihres kleinen Autos auf und ließ sich hinters Lenkrad fallen. Ein leises Aufstöhnen entwich ihrer Kehle, als sie den Kopf gegen die Nackenstütze drückte. Was war das eben gewesen? Sie versuchte, sich zu sammeln, schlug die Tür zu, damit niemand sie hören konnte. »Ich möchte noch einmal von ihr berührt werden«, sagte sie laut zu sich selbst. Ihre Stimme zitterte.
Der Wunsch war anmaßend. Sie wusste es, bevor sie ihn laut ausgesprochen hatte. Sie holte tief Luft, bemerkte erst jetzt, wie sehr sie außer Atem war. Sie musste die Strecke von der Notaufnahme zum Parkhaus rascher zurückgelegt haben, als ihr bewusst gewesen war.
Allein durch die Berührung der Medizinerin war sie gerade völlig von der Rolle gewesen. Und als sie die Hände wieder von ihr genommen hatte, hatte sie sich auf ganz eigenartige Weise verlassen gefühlt. So etwas war ihr bisher noch nicht passiert!
War das Liebe auf den ersten Blick oder, besser gesagt, auf die erste Berührung?
Mel sah wieder die Augen der Ärztin vor sich. Sorgfältig geschminkte Augen, die ihren bernsteinfarbenen Glanz unterstrichen. Sie gehörten in ein Frauengesicht mit markanten Zügen, einem energischen Kinn, einer recht großen Nase, ausgeprägten Wangenknochen. Ihr dunkles Haar war im Nacken kurz abgestuft, so wie Mel es an Frauen mochte, und vorne so lang, dass es sich lockte. Dazu diese ausdrucksstarke Brille! Mel seufzte auf. Jeder Intendant würde so eine Frau einstellen, wenn sie gut bei Stimme wäre. Ausstrahlung besaß sie auf jeden Fall – und sie hatte Humor.
Leider hatte sie sich nicht über Gebühr für sie interessiert. Warum auch? In der Notaufnahme des hiesigen Krankenhauses ging es zu wie am Fließband. Mel war nur eine von unzähligen Patienten, die pro Tag auf der Ambulanz behandelt wurden. Aber ihr Fall schien die Ärztin zumindest amüsiert zu haben.
Mel stieß die Luft aus ihren Lungen, seufzte, versuchte, sich an ihren Namen zu erinnern. Wie alle hatte auch diese Ärztin ein Namensschild getragen. Sie musste es doch gelesen haben! Bild für Bild ließ sie noch einmal alles an sich vorüberziehen, was soeben geschehen war.
Die letzten zwei Stunden hatte Mel beinahe vollständig mit Warten in der Notaufnahme verbracht. Angefangen hatte alles mit diesem schlimmen Streit mit Sheila. Von wegen »Vertrau mir!«. Seit Monaten schon schlief sie auch mit einem Mann. Aber das war eine Geschichte für sich. Fakt war, dass Mel vor lauter Ärger und Frust nicht auf das Essen geachtete hatte. Sie hatte es hinuntergeschlungen und die Gräte erst bemerkt, als sie bereits in ihrem Hals feststeckte. Natürlich hatte sie schon alles Mögliche versucht: Sie hatte viel getrunken, Toastbrot in sich hineingestopft, sogar rohes Sauerkraut gegessen, in der Hoffnung, die Gräte würde mit hinunter- rutschen.
Aber offenbar hatte sie das nicht getan. Als sie heute Morgen aufgewacht war, hatte ihr Hals geschmerzt – und das war für eine Opernsängerin eine Katastrophe. Morgen stand der Termin zum Vorsingen an, an der Oper Leipzig. Sie begannen mit dem Casting für »Madame Butterfly«, und Mel erhoffte sich, zumindest ein Engagement im Chor zu bekommen oder eine kleine Solostimme in der Zweitbesetzung. Als frische Absolventin des Studienganges »Klassischer Gesang und Musiktheater« malte sie sich keine allzu großen Chancen aus, zumal sie abgesehen von einem Praktikum keine Bühnenerfahrung vorzuweisen hatte. Sie hoffte, ihr Aussehen würde ihrem Erfolg zugutekommen. Als Tochter einer Deutschen und eines Amerikaners mit indigenen Wurzeln schaffte es die Maskenbildnerin vielleicht, aus ihr eine Japanerin zu schminken. Auf alle Fälle sollte sie aber singen können. Die Aufnahmeprüfung schrieb ein Volkslied und eine Arie vor, dazu noch einen Text, den man auswendig gesprochen vorzutragen hatte. Mit einem entzündeten Hals eine Unmöglichkeit!
Also entschied sie sich, hierher ins Krankenhaus zu gehen. Irgendjemand würde ja wohl in der Lage sein, einen Blick in ihren Hals zu werfen und sie gegebenenfalls von diesem Fremdkörper zu befreien.
Sie gab ihre Versichertenkarte ab, schilderte ihre Beschwerden und wartete.
Sie verbrachte eine Stunde in einem Bereich, der über und über voll war mit Menschen, bot ihren Stuhl einer älteren Dame an, lief ab diesem Zeitpunkt im Gang auf und ab oder wippte auf den Füßen. Nach einer Stunde erfolglosen Wartens fragte sie nach, wurde vertröstet, wartete eine weitere halbe Stunde und wurde endlich in ein Behandlungszimmer gebeten, um noch einmal zu warten.
Dann trat eine junge Ärztin ein. Blond und schmal.
»Was fehlt Ihnen denn?«, fragte die Blonde anstelle einer Begrüßung. Mel war so froh darüber, endlich an der Reihe zu sein, dass sie ihr die Unhöflichkeit verzieh.
»Mir ist eine Gräte im Hals stecken geblieben. Ich habe schon alles versucht, habe viel getrunken und gegessen, aber sie rutscht nicht weiter. Mein Hals tut mittlerweile richtig weh. Ich schätze, er ist entzündet, und morgen habe ich einen Termin zum Vorsingen.« Mel hörte auf, zu reden, holte Luft, bemerkte selbst, wie sie sich für ihr Hiersein entschuldigte. Schließlich war sie nicht krank. Nicht so richtig eben.
»An der Oper?«, fragte die Ärztin zu ihrer Überraschung. Sie schien mehr an Mels Tätigkeit, als an ihrem Malheur interessiert zu sein.
»Ja.«
»Sie sind Opernsängerin? Wie interessant. Was steht denn auf dem kommenden Programm?«
»Madame Butterfly«, sage Mel kurz angebunden. Sie sagte nichts davon, dass das Vorsingen morgen erst darüber entscheiden würde, ob sie einen Jahresvertrag bekommen würde oder nicht. Und selbst wenn sie einen bekäme, würde sie sich mit einem Engagement im Chor zufriedengeben müssen. Opernsängerin klang einfach gut, und es war nun mal das, wovon sie träumte.
Die Ärztin lächelte mit einem Anflug von Wehmut. »Madame Butterfly. Kenne ich. Wunderschön.« Sie suchte sich ein paar Instrumente zusammen, brachte eine Leuchte in Position. »Machen Sie mal den Mund auf, dann schauen wir nach.«
Mel tat, was sie sagte, obwohl ihr das Herz schon bis zum Hals schlug und ihr jetzt der Schweiß ausbrach. Seit ihrer Nasenscheidewandoperation vor dreizehn Jahren litt sie unter Ärztephobie. Es reichte aus, wenn ihr ein weißer Kittel zu nahe kam. Dann wurde ihr schwindelig. Aber sie hatte sich vorgenommen, tapfer zu sein.
In dem Augenblick jedoch, als die Ärztin mit dem Mundspatel auf ihre Zunge drückte, um freie Sicht in ihren Hals zu haben, würgte sie, wich zurück. »Entschuldigung.« Sie schluckte.
»Probieren wir es noch mal.« Die Ärztin blieb ruhig.
Doch es passierte ein zweites Mal, trotz ihrer Aufforderung: »Entspannen Sie sich.«
Mel konnte nicht anders, obwohl sie es wollte. Sie schafften es auch beim dritten Anlauf nicht, und dann wurde ihr schlecht. Tränen quollen aus ihren Augen, vom Würgen und aus Verzweiflung.
»Ist ein übertriebener Würgereflex bei Ihnen bekannt?«, fragte die Ärztin, mittlerweile genervt.
»Es tut mir leid«, sagte Mel wieder. Sie fühlte, wie sie blass wurde.
Die Ärztin stand auf, rief nach einer Assistentin. Eine Schwester kam in den Raum.
Verstärkung, dachte Mel und bekam Panik.
»Können Sie Frau Garcia mal festhalten?«, fragte die Ärztin die Helferin.
Frau Garcia, so hieß Mel, genauer gesagt: Melania Valentina Garcia. Sie konnte nichts für ihren Vornamen. Den hatten ihre Eltern ihr gegeben, lange bevor es diesen Präsidenten mitsamt seiner Frau gab. Um jegliche Ähnlichkeit mit ihr auszuschließen, kürzte sie seitdem ihren Namen ab auf Mel. Sie würde sich auch keinesfalls auf einen Dekorationsgegenstand reduzieren lassen, dazu hatte sie einen viel zu starken Sinn für Selbstverwirklichung. Und niemand auf der Welt könnte sie jetzt festhalten! Schon spannte sie ihre Muskeln, um aufzustehen und zu flüchten, da betrat eine weitere Ärztin das Behandlungszimmer.
»Da bist du ja«, wandte sie sich an die blonde Ärztin. Sie war älter als ihrer Kollegin, bestimmt auch erfahrener. Ihr dunkelbraunes, lockiges Haar war von ihrem Friseur mit einem Fassonschnitt so perfekt in Szene gesetzt, dass Mel sie bewundernd ansah. Sie trug eine Brille mit betonten dunklen Rändern. Ihre ganze Person strahlte Kraft und Weiblichkeit aus. Bei ihr war das kein Widerspruch. »Der Chef hat gerade eine offene Femurfraktur reinbekommen. Hattest du nicht gesagt, du brauchst für deinen Facharzt noch welche?«
Femur, überlegte Mel, was war das noch mal?
»Ja, natürlich …«, begann die Blonde.
»Dann mach‘, dass du verschwindest. Ich übernehme hier. Der Chef schleust sich bereits ein.«
»Aber du hast doch Feierabend.«
»Auf die paar Stunden kommt es jetzt auch nicht mehr an.«
Mel bewunderte sie dafür. So eine Kollegin würde sie sich auch wünschen, wenn sie im Krankenhaus arbeiten müsste.
»Was hast du da?«, fragte die Ältere noch.
Mel brauchte etwas, bis sie begriff, dass die Ärztin von ihr sprach.
Die Blonde antwortete knapp: »Hat eine Gräte verschluckt und muss morgen zum Vorsingen. Opernsängerin. Sie hat einen sehr ausgeprägten Würgereflex.«
Mit diesen Worten verschwand sie dankbar, ohne sich von ihrer Patientin zu verabschieden. Mel fühlte sich wie ein Gegenstand.
»Sei vorsichtig«, rief die Ärztin ihrer Kollegin noch hinterher, »er ist heute nicht gut drauf.« Auf ihr Gesicht legte sich ein Grinsen, obwohl ihre Kollegin es schon nicht mehr sehen konnte.
Femur, ging Mel endlich auf. Sie verstand es. Es heißt Oberschenkel auf Lateinisch. Ein offener Oberschenkelbruch also. Sie war stolz, es entschlüsselt zu haben. Fremdsprachen waren ein tragender Teil ihrer Ausbildung gewesen. Sie sprach Latein, Englisch, Französisch und Italienisch, wie es sich für eine Opernsängerin gehörte. Außerdem hatte sie in ihrer Ausbildung fechten gelernt. Etwas, das sie jetzt liebend gern demonstrieren würde.
Die Ärztin nickte der Assistentin zu, die immer noch im Raum stand. »Sie können gehen. Ich brauche Sie nicht.«
Was für eine sympathische Frau, dachte Mel erleichtert.
Endlich wandte sich die Ärztin ihr zu, deutete ein Lächeln an. »Dann wollen wir mal.« Ihr Fuß betätigte einen Knopf am Boden. »Vorsicht, es geht abwärts. Nicht erschrecken.«
Mels Stuhl rauschte herab. Natürlich erschrak Mel, die den Inhalt der Warnung erst kapierte, nachdem ihr Stuhl unten angekommen war.
»Machen Sie mal den Mund auf?« Es klang wie eine Frage.
Mel hatte den Drang, sie aufzuklären. »Das wird nichts. Ich schaff‘ das nicht. Wissen Sie, ich habe eine Ärztephobie, seitdem das mit meiner Nasenscheidewand war, also vor über dreizehn Jahren. Seitdem kann ich keine weißen Kittel mehr sehen, ohne dass mir schlecht wird. Das tut mir sehr leid, jetzt noch mehr, nachdem ich weiß, dass Sie wegen mir Ihren Feierabend opfern. Aber so einfach geht das nicht, ich bin eine Problempatientin …«
Mel hätte weitergeredet, wären da nicht die Hände in ihrem Gesicht gewesen. Warme, trockene, sehr angenehme Hände, die sie gezielt und doch respektvoll berührten. Sie sprachen eine so höfliche und zuvorkommende Sprache, dass Mel ihr alle Versäumnisse im menschlichen Umgang augenblicklich verzieh.
»Wenn Sie den Hals bitte ganz nach hinten überstrecken. Dann kann ich alles sehen, ohne dass wir Ihren Würgereflex provozieren. Und den Mund bitte weit aufmachen.«
Mel überstreckte ihren Hals nach hinten und öffnete den Mund, so weit es ging.
Die Ärztin richtete das Licht aus, sie stand sehr dicht über ihr. Es war nicht unangenehm. Im Gegenteil, es hatte etwas Beschützendes. Mel bemühte sich, so gut es ging und hörte die Ärztin wenig später sagen: »Ah ja, da hängt was.« Sie drehte sich um, griff nach einer gebogenen Zange, die ihr auf den zweiten Blick wohl nicht lang genug vorkam. Sie legte sie wieder weg, ergriff eine noch längere.
Mels Augen weiteten sich angstvoll.
Die Ärztin bemerkte es, sie lächelte. »Keine Sorge. Vertrauen Sie mir.«
Das war der falsche Text. Diese Worte zogen bei Mel nicht mehr. Nicht mehr seit der Auseinandersetzung mit Sheila. Nicht mehr, nachdem ihre Kommilitoninnen sie beim Studenten-Abschied auf die Seite genommen und sie über die Wahrheit aufgeklärt hatten. Ganz ungeschminkt, damit auch sie kapierte, was die ganze Schule wusste.
»Oh, nein!«, entfuhr es ihr lauter als gewollt. »Hören Sie auf, mich mit solchen Phrasen beruhigen zu wollen! Die letzte Frau, die mir das gesagt hat, hat mich ein halbes Jahr lang mit einem Pianisten betrogen.«
Die Ärztin stutzte über so viel ungefragte Selbstoffenbarung. Doch dann lächelte sie nachsichtig. Wahrscheinlich hörte sie sich den ganzen Tag Ähnliches an.
»Läuft gerade nicht so optimal bei Ihnen, was?« Sie gab Mel keine Zeit, darauf zu antworten. Ihre bernsteinfarbenen Augen blitzten amüsiert auf. »Ich verspreche Ihnen, mich haben Sie die nächste Minute ganz exklusiv.« Ihr Lächeln vertiefte sich für einen wundervollen Augenblick. »So, und jetzt: aaah«, sagte sie entschieden.
Mel tat, was sie verlangte. Eine Minute ganz für mich allein. Da weiß man doch gleich, woran man ist. Die Zange, oder was auch immer das für ein Ding war, verschwand tiefer und tiefer in ihrem Hals.
»Vielleicht spüren Sie jetzt etwas. Keine Sorge, Sie bekommen genug Luft durch die Nase. Atmen Sie ruhig weiter.«
Mel warte darauf, dass es wehtun würde, aber es ziepte nur ein bisschen.
»So, da haben wir sie.« Die Frau im weißen Kittel legt die Gräte auf die Papierunterlage. Sie war länger, als Mel vermutet hatte, und zudem gabelte sie sich in der Mitte auf. Wahrscheinlich war das der Grund, warum sie partout nicht hatte weiterrutschen wollen.
Die Ärztin warf das Besteck in eine Wanne mit Desinfektionslösung. »Die Schleimhaut ist etwas gereizt. Gurgeln Sie heute Abend noch mit etwas Hochprozentigem. Bis morgen ist es wieder gut, denke ich doch. Alles Gute beim Vorsingen.«
Sie drehte sich um und verschwand durch die Tür, noch ehe Mel sie darüber aufklären konnte, dass hochprozentiger Alkohol den Stimmbändern schadete und sie es lieber mit einem desinfizierenden Mundwasser versuchen würde.
Erst als die Assistentin hereinkam und den Tisch desinfizierte, wurde Mel klar, dass sie gehen konnte.
»Brauchen Sie noch irgendwas?«, fragte die Schwester.
»Äh, muss ich noch etwas unterschreiben oder so?«
»Nein, nichts. Ihre Krankenkasse kommt für die Rechnung auf.«
»Gut, dann, äh … vielen Dank.« Das ging ja ratzfatz! Erleichtert, aber auch etwas enttäuscht fand sich Mel im Warteareal wieder, in dem sie fast zwei Stunden verbracht hatte. Zwei Stunden für eine Behandlung von knapp zwei Minuten – wenn man wusste, wie man es anpacken musste. Und weiß Gott, das wusste sie. Mel schaute sich noch einmal um, aber die Ärztin war längst in einem anderen Zimmer verschwunden. Also ging sie durch die Flure, durchquerte den gesamten Krankenhaustrakt und lief zurück zum Parkhaus, in dem ihr Auto stand.
Zwei unterschiedliche Gefühle überkamen sie: Da haftete eine Enttäuschung an ihr, dass sie für diese Frau nur eine Lappalie gewesen war, und zum Zweiten überkam sie immer mächtiger dieser Wunsch: Sie wollte sie wiedersehen!
Aber Mel wurde jetzt bewusst, dass sie noch nicht einmal ihr Namensschild gelesen hatte. Zu viele andere Eindrücke waren wichtiger gewesen.
Wenn sie es sich jetzt überlegte, war die Frau in höchstem Grade faszinierend. Prompt fühlte sie ein Ziehen in der Magengegend.
Auch wenn es im Krankenhaus zugegangen war wie in einem Bienenstock und niemand sich lange mit Höflichkeiten aufgehalten hatte, so hatte das Vorgehen ihrer Hände doch von geradezu beglückender Achtsamkeit gezeugt. Wieder durchfuhr sie dieses Gefühl, wenn sie daran dachte.
Mel war davon überzeugt, dass alles, was diese Hände taten, aufrichtig war. Ihr Geliebter oder ihre Geliebte wäre sicher nicht nur ein Spielzeug. Rasch überschlug sie die Chance, dass sie eine Geliebte haben könnte.
Die Ärztin war nicht irritiert gewesen von ihrem ungefragten Outing. Sie hatte lediglich kurz gestutzt, dann jedoch gelächelt und Humor bewiesen. Entweder handelte es sich bei ihr um eine tolerante Frau, oder um eine, die selbst mit Frauen ins Bett ging. Mel hoffte auf die zweite Erklärung.
Entschieden startete Mel den Motor, verließ das Krankenhausgelände.
Während der Fahrt erprobte sie ihre Stimmbänder. Zaghaft, um sie nicht zu sehr zu beanspruchen. Doo-ree-mii-faa-soo-laa-tii-doo, so sang sie die Tonleiter hinauf und hinunter. Es ging so gut wie immer. Ihre Stimme hatte keinen Schaden genommen.
Nur ihr Herz stolperte.
Als sie nach Hause kam, schenkte sie sich ein großes Glas Mundwasser ein, gurgelte lange. Es brannte wie Feuer, tat aber gut.
Nachdem Mel zum dritten Mal gegurgelt hatte, klingelte das Telefon. Es war Sheila. Sie wagt es, noch einmal anzurufen! Mel begrüßte sie nicht, sondern horchte lediglich, was sie ihr noch zu sagen hatte.
»Hey, Darling, nun sieh das doch nicht so verkrampft. Du bist und bleibst mir das Wichtigste in meinem Leben.« Ihre volle Stimme war im Schleimmodus. Was für eine blöde Kuh!
»Sagst du das auch zu deinem Pianisten, oder hat der nichts dagegen, dass du nebenher Frauen vögelst?«, fragte Mel. Sie kochte. Normalerweise benutzte sie keine Gossensprache.
Sheila stutzte, ging aber geflissentlich darüber hinweg. »Du, wie soll ich es dir sagen, Liebes? Es ist nur so für zwischendurch, weißt du? Das hat doch nichts mit uns zu tun.« Sie sagte es mit der Großzügigkeit einer Diva, die sie nun einmal war. Sheila war Opernsängerin gewesen. Nun, auf dem absteigenden Ast ihrer Karriere angekommen, verdingte sie sich als Gesangspädagogin. Und darin war sie wirklich gut. Mel hatte es ihr zu verdanken, dass sie nicht nur Mezzosopran, sondern auch Alt singen konnte. Sheila hatte als Erste ihr Stimmvolumen erkannt und ihr die Technik beigebracht, auch die tieferen Töne zu erreichen. Durch sie war sie stimmlich variabler geworden. Mel hatte sie schätzen und lieben gelernt, doch damit war nun Schluss. Es tat zwar weh, aber Mel fühlte sich stark genug, das Ganze zu beenden. Das hatte sie zwar gestern schon getan, aber wenn sie wollte, erklärte sie es ihr eben noch einmal.
Sie holte hörbar Luft. »Doch, das hat es. Es hat mit uns zu tun. Es war mir nicht bewusst, dass wir eine offene Beziehung führen.«
»Das ist doch keine Beziehung, was ich mit dem Typen da führe«, empörte sich Sheila überschwänglich.
»Sagst du ihm in Bezug auf mich dasselbe?«
»Ach, Mel, nun werd' mal nicht kindisch.«
»Nenn‘ es, wie du willst, es ist mir egal. Das mit uns ist Geschichte, verstehst du mich? Ruf mich nie wieder an.« Sie wartete einen kurzen Moment, wie um sicherzugehen, dass ihre Worte noch das Ende der Leitung erreichten, dann legte sie auf.
Es tat gut, fühlte sich richtig an. Einen kurzen Moment überlegte sie, ob sie sich jetzt tatsächlich einen Schnaps gönnen sollte, sah aber davon ab. Morgen musste ihre Stimme in bestem Zustand sein.
Sie gurgelte noch einmal, und mit dem Gefühl, den ärztlichen Rat ausreichend befolgt zu haben, ging sie zu Bett. Dort lag sie wach und starrte an die Decke. Sie war nun beinahe sechsundzwanzig Jahre alt und wusste seit frühester Jugend, dass Frauen die erotischeren Wesen waren. Sie war mit Mitschülerinnen, Kommilitoninnen, Kolleginnen und Künstlerinnen vieler Couleur im Bett gewesen. Sie war mittlerweile von so vielen Frauen berührt worden, dass sie kaum mehr in der Lage war, ihre Namen aufzuzählen. Die meisten waren zärtlich oder verspielt gewesen, manche besitzergreifend oder gar gierig. Keine von ihnen hatte Hände gehabt, die mit jenen vergleichbar waren, die heute ihr Gesicht berührt hatten.
Mel entschied sich, alles Menschenmögliche zu versuchen, um diese Frau wiederzusehen.
Mel begann schon am frühen Morgen, sich einzusingen, erprobte ihre Stimme und ging in Gedanken das Casting durch. Als Volkslied hatte sie sich für »Hoch auf dem gelben Wagen« entschieden. Trivial wie alle Volkslieder, aber hier ging es um die Darstellung. Anschließend stand eigentlich eine Passage der Dorabella aus Mozarts »Così fan tutte« auf dem Plan, dieser Posse über Treue und Verrat. Als sie die Arie mit Sheila geübt hatte, wusste sie noch nichts von deren Allüren. Jetzt hatte sie keine Lust mehr auf so etwas. Von wegen, das machen doch alle so. Sie nicht. Und überhaupt wählte sie jetzt, da Sheila aus ihrem Leben und aus ihren Entscheidungen gestrichen war, lieber etwas von ihrem Lieblingskomponisten. Lediglich der gesprochene Text, den sie auswendig vorzutragen hatte, war vorgegeben. Dieses Jahr sollte es »Nathan der Weise« sein, und mit Hingabe hatte Mel den Richterspruch auswendig gelernt. Was für ein erbaulicher Text! Wahrscheinlich hatte die politische Entwicklung in Deutschland die Entscheidung des Sängerbüros beeinflusst.
Auch wenn sie sich vorgenommen hatte, sich nicht zu sehr von der Wichtigkeit ihres heutigen Auftretens unter Druck setzen zu lassen, merkte sie doch bereits deutlich, wie nervös sie war. Es war ihr kaum möglich, etwas zu frühstücken, also ließ sie es bleiben. Es reichte, wenn sie kurz vorher ein paar getrocknete Beeren oder Datteln zu sich nahm, um genügend Energie zum Singen zu haben.
Sicher war ihr Hochschulabschluss in Gesang und Musiktheater hilfreich, aber der hatte noch keinem Sänger ein Engagement eingebracht. Ob man genommen wurde, entschied allein die Leistung, die man beim Vorsingen zeigte. Auch war Ausstrahlung wichtig, natürlich auch das Aussehen, obwohl das gerne geleugnet wurde. Mel hatte die Schönheit ihrer Mutter und den Hauch von Exotik ihres Vaters geerbt, der seine indigenen Wurzeln nie verleugnet hatte. Beste Voraussetzungen für einen Vertrag! Trotzdem: Würde sie heute keinen überzeugenden Auftritt hinlegen, hätte sie ihre Pläne fürs Erste in den Sand gesetzt. Eine nächste Chance bekäme sie erst in einem Jahr.
Sie liebte Leipzig mehr als jede andere Stadt. Hier wollte sie bleiben, hatte sich eine wunderschön restaurierte Wohnung gemietet. Die Oper selbst hatte einen geradlinigen, ehrlichen Stil, der es ihr angetan hatte. Um dort zu arbeiten, war sie bereit, alles zu tun. Sie würde auch im Chor singen oder sich mit einer Statistenrolle begnügen. In Leipzig wollte sie auf jeden Fall bleiben.
Die Szene der Stadt, die Welt der Oper bot einer lesbischen Frau genügend Chancen, der Frau fürs Leben über den Weg zu laufen. Sie hätte Sheila bald vergessen und sich im Laufe der Saison wieder neu verlieben können. In eine Ballerina zum Beispiel oder in eine Bühnenbildnerin oder Tontechnikerin. Die Oper bot viele Möglichkeiten, sich künstlerisch zu verwirklichen.
Aber jetzt ging ihr die Ärztin nicht mehr aus dem Kopf, und das, bevor sie überhaupt an der Oper vorgesungen hatte. Das Leben war manchmal äußerst merkwürdig! Mel schüttelte den Kopf und lächelte vor sich hin.
Sie musste sich nur vorstellen, die Hände der Ärztin wieder auf ihrer Haut zu spüren, und schon flaute ihre Nervosität ab. Ihr war, als übertrügen sich Kompetenz und Selbstbewusstsein der Ärztin auf sie. Mel nahm sich vor, beim Vorsingen ganz intensiv an sie zu denken. Vielleicht würde sie mit dieser Erinnerung ihr Lampenfieber in den Griff kriegen.
Eine ruhige Zuversicht überkam sie. Ja, mit ihr würde sie es schaffen. Wenn die Ärztin wüsste, dass sie beim Vorsingen quasi mit dabei ist.
Das Foyer der Oper war voll von Bewerberinnen. An beinahe jeder zweiten Säule stand jemand, der sich einsang. Die Stimmen, die sie hörte, klangen nicht schlecht. Mel wusste: Die Konkurrenz war erdrückend.
Aber auf der großen Bühne würde sich zeigen, wie tragfähig ihre Stimmen wirklich waren, wie klar, wie stark ihre Durchsetzungskraft, wie reichhaltig ihre Farben und ihre dynamischen Abstufungen. Gewertet wurden auch das rhythmische Timing, die Eleganz, die Artikulation und die Eloquenz der Aussprache. All das, an was Mel die letzten Jahre hart gearbeitet hatte.
Jetzt konnte sie es kaum mehr erwarten, sich zu beweisen.
Mit ihrem Wunsch, klassischen Gesang zu studieren, hatte sie ihre Eltern verblüfft, denn die Welt der Oper war den beiden fremd. Sicher wussten sie um die Begabung ihrer Tochter, aber sie sahen sie eher in einer Band als auf einer Opernbühne. Nun, Mel hatte ihnen bewiesen, dass dies der richtige Weg für sie war.
Fiebernd vor Erwartung atmete sie tief ein, ließ sich wieder anstecken von der Erhabenheit des Ambientes.
Seit sie das Gebäude zum ersten Mal betreten hatte, war sie regelrecht verzaubert. Das war vor beinahe fünfzehn Jahren gewesen. Damals war sie nicht mehr gewesen als ein Mädchen, das gut singen und Klavier spielen konnte. Seitdem war sie in regelmäßigen Abständen hierhergekommen, beinahe zu jeder Neuaufführung. Heute stand sie hier als ausgebildete Opernsängerin.
Eine der schweren Flügeltüren öffnete sich. »Frau Melania Garcia!«, hörte sie eine Frau rufen.
»Ja, hier!« Mel beeilte sich, zu ihr zu kommen.
»Herzlich willkommen, Frau Garcia«, sagte die Frau, die sich als Frau Kriemlich vorstellte. Ihr Name stand auch auf dem Schild an ihrer Brust. »Gesangspädagogin« stand darunter. Sie trug ihr langes Haar zu einem festen Dutt zusammengebunden. Ihre Miene zeigte eine Strenge, die nur für einen kurzen Moment durch ein höfliches Lächeln relativiert wurde. »Kommen Sie bitte herein.«
Mel trat nach ihr auf das Parkett. In den hinteren Reihen saßen verschiedene Personen, die Frau Kriemlich nicht weiter vorstellte. Alle begnügten sich mit einem freundlichen Nicken. Vielleicht befand sich der Regisseur selbst darunter, oder der Chorleiter, Kulturamtsleiter oder sonstige Personen des Sängerbüros, die sich berufen fühlten, der Auswahl der Nachwuchskünstler beizuwohnen. Die Gesangspädagogin schien auf jeden Fall damit beauftragt zu sein, sie nach vorne auf die Bühne zu begleiten und ihr behilflich zu sein.
Jetzt warf sie einen prüfenden Blick auf Mel, wie sie so auf der Bühne stand, und sagte überraschend: »Wir fangen gleich mit der Arie an.«
Das hieß also, sie ließen das Volkslied weg. Mel war es gleich. Ihre Gedanken waren jetzt ganz fest bei der Ärztin.
»Was haben Sie denn vorbereitet?«, fragte Frau Kriemlich.
Mel reichte ihr die Noten mit Händen, die kein bisschen zitterten, und sagte mit ruhiger Stimme: »Bach, Kantate Nr. 21, ›Ich hatte viel Bekümmernis‹.« Denn Bach war für sie der Größte. Natürlich hätte sie wie jeder gute Mezzosopran das Ave-Maria von Schubert singen können, aber sie wollte ihre Zuhörer nicht langweilen.
Die Gesangspädagogin reichte die Noten dem Pianisten. Kurz darauf legte der den ersten Akkord, ein kurzer Blickkontakt, und Mel begann zu singen. Auf Deutsch. Sie hatte lange überlegt, ob sie die Arie tatsächlich auf Deutsch singen sollte. In Anbetracht der übermächtigen Konkurrenz aus dem Ausland hätte es ihr gut angestanden, sie auf Französisch zu singen, aber Bach unterstrich so sehr die Schönheit der deutschen Sprache. Warum also nicht?
Als sie endete, war ein leichtes Nicken bei ihren wenigen Zuhörern zu vernehmen. Einer der Männer erhob sich, kam jetzt zu ihr auf die Bühne, stellte sich als der Chorleiter vor, schüttelte ihr höflich die Hand.
»Sie singen hauptsächlich Mezzosopran?« Er hatte einen leichten Akzent, wahrscheinlich war er Franzose.
»Ja, aber auch Alt. Ich singe beides.«
»Eh, bien«, ließ er erfreut vernehmen und drückte ihr Noten in die Hand. Dieselben gab er auch dem Pianisten. »Dann singen Sie mir doch bitte noch eine Passage aus Puccinis ›Suor Angelica‹. In Alt.« Er lächelte knapp, ging zurück zu den hinteren Reihen des Parketts. So lange hatte Mel Zeit, die Noten zu überfliegen. Das war zwar nicht ausgemacht, aber sie deutete diesen Extrawunsch als Interesse an ihrer Person. Außerdem kannte sie die Arie.
