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In seinem Erstlingsroman "Franz" erzählt Georg von Hammelstein mit leichter Hand und viel Lebenserfahrung die Geschichte eines älteren Mannes, den sie in Griechenland den "Onkel" nannten. Franz Klefisch verliebt sich im Herbst seines Lebens noch einmal unsterblich in eine dreißig Jahre jüngere Frau, für die er bereit ist, alles zu riskieren – und zu verlieren. Wer ist diese Frau, die solch ein Lebensgefühl in Klefisch auslöst, ihn mit ihren erotischen und Todes-Fantasien an Abgründe führt, die er bis dato nicht kannte? Wer ist diese Frau, die ihn in seine Jugend zurückschleudert, wo zwischen den Weisheiten einer alten Tante und der Entdeckung der eigenen Sexualität alte Narben aufbrechen? Wer ist diese Frau und vor allem wer ist Franz Klefisch, dass er sich mit ihr blindwütig auf ein sich immer schneller drehendes Liebeskarussell begibt? Krudeste Sexfantasien sind ihm Lust und Last zugleich. Wer zieht wen in den Abgrund? Nach zwei hemmungslosen Nächten in einem Hotel trennt man sich wortlos. Jahre später liest Klefisch in einer Wiener Buchhandlung aus seinem Roman "Sie nannten ihn Onkel". Sie ist anwesend, verlässt aber die Lesung vorzeitig. Im Hotel findet Klefisch eine Nachricht von ihr vor. Am nächsten Tag trifft man sich auf einem Wiener Friedhof, und dort erfüllt sich ihre zwölf Jahre zuvor am selben Ort ausgesprochene Prophezeiung auf eine dramatische Art und Weise.
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Seitenzahl: 549
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Georg von Hammelstein
Franz
Roman
Die in diesem Roman auftretenden Figuren sind, auch wenn ihre Namen möglicherweise mit denen von „real existierenden“ Personen übereinstimmen sollten, frei erfunden.
Behauptungen über diese Personen, deren Handlungen, den Geschehnissen und Örtlichkeiten, sind nicht mehr als die Behauptungen und Schablonen eines literarischen Erzählers.
(Georg von Hammelstein)
„Wer ein WARUM zu leben hat,
Erträgt fast jedes WIE.“
Nietzsche
zwischen Ekel und Empörung ging durch den bis auf den letzten Platz belegten Sitzungsaal des Landgerichts für Strafsachen in Wien, im Volksmund auch „Das Landerl“ genannt. Eine amorphe Klangwolke schwebte über allem, aus der sich das Schluchzen der Mutter des Opfers abhob. In der folgenden Stille schien selbst die Luft den Atem anzuhalten. Auffällig, dass die Staatsanwältin bei dem Begriff „Coitus a tergo“ das „a tergo“ in einer Art und Weise betonte, als wäre die Missionarsstellung weniger verwerflich gewesen. Erneut räusperte sie sich und korrigierte den Sitz ihrer runden, randlosen Brille. Ob dem Angeklagten aufgefallen war, dass die Staatsanwältin eine Ähnlichkeit mit dem Opfer besaß? Vornehmlich der Kopf, mit den kurzen, schwarzen, nach hinten gegelten Haaren. Auch die Augenbrauen ungebärdig, aber mit Verve. Diese ausschnitthafte Wiederauferstehung des Opfers von den Toten musste für den Beschuldigten doch unerträglich sein! Ob das der Staatsanwältin bewusst war? Zufall oder prozessualer Schachzug? Als habe eine vorüberziehende Wolke einen Schatten in das Gesicht des Beklagten gemeißelt, saß er auf der hölzernen Anklagebank. Nur mit halbem Ohr vernahm Werner Noske, Prozessbeobachter aus Deutschland und bester Freund des Beschuldigten, die weiteren Ausführungen der Staatsanwältin. Dabei ging es um die Zentimeterlänge und Krümmung einer Salatgurke, die im oberen Drittel abgebrochen war, weiterhin um eine Karotte und ein halbes Pfund Schärdinger Teebutter.
Noske war fassungslos. Sein Freund, Franz Klefisch, ein dem Leben gegenüber aufgeschlossener Fünfundsiebzigjähriger mit rheinischem Charme – ein Leichenschänder? Ein Mann, der vom Fahrrad steigt, um einen verletzten Schmetterling von der Fahrbahn zu klauben, damit er nicht überfahren wird? Der ganze Prozess erschien ihm wie eine Groteske. Die Staatsanwältin in ihrer nasalen Süffisanz, der Vorsitzende Richter, der Verteidiger, die Geschworenen – Schießbudenfiguren – alle auf der höheren Leitersprosse des wienerischen Singsangs, eine Melange aus Bildungs- und Autoritätsnasal, oft froschblütig hingenuschelt, teilnahmslos kühl. Alles hatte etwas Unwirkliches, Operettenhaftes. Eine österreichische Schmonzette. Fehlten nur noch die Philharmoniker mit ihrem Hauswein – dem roten Veltliner.
Während die Staatsanwältin immer noch vortrug, hatte der Angeklagte die Hände vors Gesicht geschlagen. Ein Anblick, der Werner Noske erschütterte und in seinem Magen ein in letzter Zeit immer häufiger auftretendes Sodbrennen auslöste, das er mit der Einnahme einer Talcid-Tablette, die er in seiner Jackettasche vorsichtig aus dem Aluminiumstreifen drückte, zu lindern suchte. Nie und nimmer hätte er sich träumen lassen, seinen Freund Franz Klefisch mit Handfesseln in einem Wiener Gerichtssaal vorzufinden. Zwischenzeitlich dachte er – nicht ohne Grimm –, dass nicht Franz, sondern die Tote auf die Anklagebank gehörte; gleichfalls dachte er aber auch, dass er diesen Gedanken in diesem Saal alleine denke. Die Forderung der Staatsanwältin nach lebenslanger Haft, die vom Publikum mit beifälligem Gemurmel aufgenommen wurde, riss Werner aus seinen Gedanken und ihm fiel der Satz ein, den Franz ihm gegenüber beim ersten Besuch in der Strafanstalt geäußert hatte: „Alles was geschehen ist, ist aus Liebe geschehen!“ Nach diesem Satz war er verstummt.
es war ein Tag wie jeder andere, klingelte im Musikerviertel einer kleinen Stadt am Rhein der Wecker. Es war wie immer 8.08 Uhr, als Franz Klefisch die Weckfunktion abschaltete, aufstand, seine Morgentoilette erledigte, sich ankleidete, während der 8.30-Nachrichten das Frühstück zubereitete, anschließend die Zeitung der nur noch an zwei rostigen Drähten baumelnden Zeitungsbox entnahm, kopfschüttelnd über die zunehmende Verwahrlosung des Hauses wieder seine Wohnung betrat, um sich, wie jeden Morgen, kurz vor Neun, an den Frühstückstisch zu setzen und als erstes die kleine Tablette gegen den Bluthochdruck zu schlucken, die seit dem Abend zuvor wie ein porzellanener Pickel auf dem Untersetzer der Teetasse thronte. Der Himmel war grau wie seit Tagen und laut Wetterbericht eine Veränderung der Großwetterlage nicht in Sicht. Eine mehrere tausend Kilometer breite Kaltfront lag über Westeuropa und den britischen Inseln, und die polaren Luftmassen griffen langsam auf die rheinische Bucht über und sorgten zu dieser Jahreszeit für außerordentlich niedrige Temperaturen. In Remagen hatte es in der vergangenen Nacht nur vier Grad – und das Anfang Mai. Franz dachte an sein Libretto, an dem er seit Wochen schrieb, und las, dass bei einem Anschlag auf eine Moschee in Bagdad siebzig Menschen ums Leben gekommen waren. Da schüttelte er das zweite Mal an diesem Morgen den Kopf. Ob über den Zeitungsbericht oder seine seit Tagen anhaltende Schreibblockade wusste er selbst nicht. In letzter Zeit war ihm aufgefallen, dass er häufiger als sonst den Kopf schüttelte oder unartikulierte Laute des Missfallens ausstieß, was er zunächst als Indiz einer eventuellen Krankheit wahrnahm, die ihm nicht bekannt und deswegen unheimlich war. Eine bislang unbekannte Krebsart zog er ebenso in Betracht wie einen unerforschten, langsam aber stetig fortschreitenden Verlust von Nervenzellen. Auf jeden Fall aber hatte er sich vorgenommen, diese Umstände genauer zu untersuchen. Dazu hatte er sich ein kleines Oktavheft angeschafft, in dem er festhielt in welcher Umgebung, zu welchem Zeitpunkt, bei welchem Geschehnis diese gravierenden Auffälligkeiten auftraten.
Als er mit dem Stuhl näher an die Schreibtischplatte ruckelte, war es wie jeden Morgen 9.30 Uhr. Wie jeden Morgen wickelte er einen sauren Drops aus dem durchsichtigen Papier und steckte ihn in den Mund. Es war ein roter. Himbeere. Als er am gestrigen Abend vor dem Laptop gesessen hatte und kein Buchstabe, kein Wort, kein Satz dass Weiß des Bildschirms zu beleben vermochte, hatte er die von ihm bevorzugten zitronenfarbenen alle weggelutscht. Heute, am Morgen (der Morgen war seine beste Schreibzeit), versuchte er sich erneut zu konzentrieren, aber es gelang ihm nicht. Kopfschüttelnd (das dritte Mal an diesem Morgen), holte er aus der Küchenschublade einen Pinsel, mit dem er sonst die Schokoladenglasur auf den Marmorkuchen auftrug, und befreite die Tastatur des Laptops von einigen Stäubchen, als seien sie die Ursache seiner Schreibhemmung. Der Vormittag zog sich. Franzens Knie schmerzten vom langen Sitzen. Er vermutete Kalkablagerungen, möglicherweise auch Blei. Dass er am Abend dieses Tages eine Entscheidung treffen würde, die sein Leben auf längere Sicht einschneidend verändern sollte, konnte er zu diesem Zeitpunkt nicht wissen. Monate später beschäftigte ihn jedoch der Gedanke, dass es im Dasein eines Menschen Tage gibt, an diesen Tagen wiederum Stunden, in diesen Stunden wiederum Minuten und darin Sekunden, in denen dieser Mensch eine Entscheidung trifft, die sein weiteres Leben schicksalhaft bestimmen wird. Ein leichthin gesagtes Ja, ein nicht gemeintes Nein, ein Zufrüh oder Zuspät machen diesen Zeitpunkt unwiderruflich, setzen etwas in Gang, das zu ungeahntem Glück oder in die absolute Katastrophe führen kann. Hätte ich damals nur Nein gesagt, ein einfaches, klares Nein – dachte Franz später – dann wäre mein Leben sicherlich anders verlaufen. Aber was heißt schon anders? Anders besser oder anders schlechter? Dabei war die Sache, um die es ging, eigentlich belanglos. Es ging um einen Urlaub. An jenem erwähnten Tag vor fast acht Jahren, der am Morgen vermeintlich noch ein Tag wie jeder andere zu werden schien und durch eine am Abend getroffene Entscheidung Franzens jedoch zu keinem Tag wie jeder andere wurde, sondern zu einem besonderen Tag, einem Dreh- und Angeltag, an dessen Ende innerhalb weniger Sekunden ein Schicksalsfaden gesponnen wurde, der dem Leben des Franz Klefisch eine entscheidende Wende geben sollte.
Franz fixierte Werners Faust, die beim Ching, Chang zweimal hastig durch die Luft gestrichen war, ehe er sie beim Chong ungeöffnet stehen ließ. Stein! „Stein machen Schäre kapuut! Fraanzchään, du kommst mit nach Griecheland!“ Natia, die Armenierin, seit einem Jahr Lebensgefährtin Werners, plärrte vor Vergnügen. Franz schaute auf seine rechte Hand. Zeige- und Mittelfinger leicht gespreizt noch in der Luft, der Daumen auf den Knöchel des Ringfinger gepresst, der kleine Finger krampfhaft anliegend. Zögerlich entspannte sich seine Hand. Obwohl er nicht mehr so häufig spielte wie früher, vor allem nicht um Geld, konnte er sich nicht erinnern, in den letzten Jahren je im Ching, Chang, Chong verloren zu haben. Was heißt erinnern!? Da in diesem Moment sein Erinnerungsvermögen durch den Alkohol erheblich eingeschränkt war, konnte er sowieso wenig erinnern. Er starrte auf Werner, der in Siegerlaune genüsslich eine zweite Magnumflasche Spätburgunder Oppenheimer Kreuz, Großes Gewächs öffnete. Die Nase! Schon tausende Male hatte er sie wahrgenommen, Werners Nase. Und immer wieder war ihm aufgefallen, dass Werner eine sehr, sehr kleine Nase hatte. Irgendwann hatte er aber nicht mehr darauf geachtet, übersah sie, wie man Kleinigkeiten oft übersieht, aber am heutigen Tag wollte er sie nicht übersehen. In seiner Wut verloren zu haben, schien sie ihm noch kleiner, also noch kleiner als klein. Im Rausch des Sieges zur kleinsten Nase der Welt geschrumpft, streckte sie sich der Welt triumphierend entgegen. Werner schenkte nach und stieß mit Franz und seiner Freundin auf die gemeinsame Reise nach Griechenland an. Seit Wochen hatte er ihm damit in den Ohren gelegen ohne zu wissen, dass Franz Gründe hatte, alles was mit Griechenland zusammenhing zu meiden, obwohl die Ursache dafür schon vierzig Jahre zurück lag. Aber auch wenn Franz es ihm erklärt hätte, hätte Werner Franzens Argumente als eine Quantité négligeable eingestuft und einfach vom Tisch gewischt. Bestimmten Dingen gegenüber war er genauso blind wie hartnäckig. So auch an diesem Abend, was sicherlich damit zusammenhing, dass er ob Franzens erheblicher Alkoholisierung Morgenluft in Form einer Zusage witterte. Dazu kam sein Sieg im Ching, Chang, Chong, der das Ganze noch einmal besiegelte, was im Grunde genommen eine Lächerlichkeit war, wusste Werner ohnehin, dass man den Franz, auch ohne gegen ihn im Ching-Chang-Chong zu gewinnen, breitschlagen konnte. „Der Franz ist ein schwacher Mensch und das Nein-Sagen war nie seine Stärke!“ schrieb Franz später über sich in seinem Roman und ergänzte, „Franzens Nein fehlt die Härte; wie es dem Franz insgesamt an Härte fehlt!“ Sein letztes Argument, eher gelallt als vorgetragen, dass er klamm sei, er sich einen Urlaub nicht leisten könne und so weiter und so weiter … begegnete Werner mit der Bemerkung, dass er Franz auf den Urlaub einladen wolle und so weiter und so weiter … Auch er lallte schon, und, um seinem Satz zusätzlichen Nachdruck zu verleihen, unterstrich er ihn mit einer abschließenden Handbewegung, wobei er sein Weinglas vom Tisch fegte. Natia, die Armenierin, krähte vor Vergnügen.
Anfang der siebziger Jahre war die damalige Bundesrepublik von griechischen Gastwirten oder solchen, die sich dafür hielten, überschwemmt worden. Die Pizza war auf dem Rückzug, das Moussaka auf dem Vormarsch. Vor allem in einer rheinischen Stadt, die sich mit einem Dom schmückt und an dessen Theater Franz als „jugendlicher Liebhaber“ sein erstes Engagement fand, schossen an allen Ecken und Enden Tavernen aus dem Boden. In der Taverne Apollo kochte Dimitris, zwei Straßen weiter grillte Evángelos, Retsina trank man an der Ecke bei Stávros, Backgammon spielte man bei Mikis und politisch hoch her ging es bei Vassilios, der als griechischer Kommunist Gleichgesinnte suchte, um irgendwelche Operationen gegen die Junta in seinem Heimatland zu starten. Vassilios residierte im „Z“, einer windschiefen Bretterbude Ecke Ehrenstraße/Alte Wallgasse, die auf einem Trümmergrundstück an einer Ruine aus dem zweiten Weltkrieg klebte und dem Schuppen ein Stück steinernes Rückgrat verlieh. Vassilios war ein um die einmetersechzig kleiner Mann, der noch kleiner wirkte, wenn dessen einmeterdreiundneunzig große Ehefrau Ewa neben ihm stand. Ewa, ein Trumm von einem deutschen Weibsbild, hatte Brüste, mit denen sie – wie man hinter vorgehaltener Hand erzählte – durch eine kurze, aber schnelle Drehung ihres Oberkörpers Ohrfeigen austeilen konnte. Aber vielleicht stimmte das auch nicht. Jedenfalls hatte von denen, die Franz davon erzählten, niemand dem Vorgang beigewohnt, geschweige dass jemand der auserwählten Klientel der Geohrfeigten hätte zugerechnet werden können. Aber immer, wenn diese Züchtigung vor Franzens innerem Auge entstand, machte sich ein ziehender Schmerz unterhalb der Gürtellinie bemerkbar. Ewa beherrschte nicht nur die Technik der Brustohrfeige, sondern auch ihren Mann, ihre Gäste, den Ablauf in der Taverne und bald auch Franz.
Obwohl ihm griechisches Essen nicht besonders zusagte, ging Franz häufig zu Vassilios, lag die Bretterbude doch auf der gegenüberliegenden Straßenseite, nur einen Steinwurf von seiner Wohnung entfernt. Das war ihm einerseits bequem, andererseits gehörte er schon in jungen Jahren zu der Spezies Mensch, die in allem eine gewisse Verlässlichkeit suchte. Zudem konnte er auch nicht abstreiten, dass ihm Ewa und insbesondere die Kunst der Brustohrfeige nicht aus dem Kopf ging. Jedes Mal, wenn er die Taverne betrat, streifte sein Blick erst ihre Brüste, ehe er nach einem freien Platz Ausschau hielt. Manchmal war ihm, als bemerke sie seine Blicke und lese aus ihnen „diesen besonderen Hunger“ – wie er es in seinem Tagebuch notierte – einen Hunger, der mit der Gratisbeigabe eines zusätzlichen Lammkoteletts nicht zu stillen war. Als Ewa mitbekam, dass der junge Mann mit den melancholischen Augen und den gelockten langen Haaren, den die Kollegen Fiete riefen, der neu engagierte Jugendliche Liebhaber am Stadttheater war, nahmen die Portionen auf dessen Teller zu. Auch den ein oder anderen Retsina und Ouzo gab es umsonst, bis Franz in Ewas Augen jenen Hunger feststellte der dem seinigen glich, und er schlagartig begriff, dass es auf dieser Welt nichts umsonst gab. Als Gegenleistung fürs Gratisessen, Retsina und Ouzo wollte Ewa Liebe, damals, in den Siebzigern, ein anderes Wort für Geschlechtsverkehr. Nun hatte Franz der körperlichen Liebe (und der Liebe überhaupt) nie ablehnend gegenübergestanden, aber mit einer Frau, die fast zwei Köpfe größer war, vom Umfang her bestimmt das Doppelte maß und das Dreifache wog? Auf die Brüste war er insofern gespannt (Franz liebte Brüste), interessierte ihn doch die Ohrfeigentechnik ungemein, und er hatte versucht sich vorzustellen, was für ein Gefühl sich nach einer solchen „Watschen“ einstellen würde. Überdies war die geschlechtliche Not groß. Seine gutaussehende Schauspielschulen-Liebe, die gleichzeitig mit ihm engagiert worden war, hatte sich dem älteren Bonvivant des Theaters hingegeben, somit war er allein. Allein, dunkeläugig, 22-jährig, strahlte Franz etwas aus, das insbesondere von Frauen, aber auch von einigen Männern, als schutzbedürftig angesehen wurde. Er ging auf den Deal ein: Griechisches Essen gegen schnöden Geschlechtsverkehr.
Es war ein trüber Spätmittag, als Franz die Probebühne verließ. Zuvor hatte er seinen Freund, den Schauspieler Mogendorf, gebeten, ihn bei der nachmittäglichen Versammlung der Kollegen, die über die Erstellung einer erneuten Resolution zum Vietnamkrieg beraten wollten, zu entschuldigen, müsse er doch zum Arzt und habe am Abend Vorstellung. Den Romeo zu geben, war ihm immer ein großer Kraftakt und deshalb war ihm auch das Treffen mit Ewa am Nachmittag nicht ganz so willkommen, jedoch hatte er sich nicht getraut nein zu sagen, befürchtete, seine Absage könnte sie verprellen, gab sie doch vor, nur an diesem Nachmittag Zeit zu haben. Wegen ihres Mannes und des Restaurants, sagte sie, und hing ein „und so“ dran, dass alles und nichts bedeuten konnte. Sie sagte „Restaurant“ zu diesem abgeranzten Schuppen, was in Franzens empfindlichen Ohren genauso anmaßend klang wie das „und so“ mädchenhaft, obwohl sie kein Mädchen mehr war. Die Tür klemmte wie immer und er musste – wie immer – mit dem Fuß nachhelfen. Dabei murmelte er etwas von einer verfickten Scheiße, was sie wohl verstanden haben musste „… denn sie lachte rau und herzlich …“, wie Franz tags darauf in sein Tagebuch schrieb und vierzig Jahre später, als er meinte, ein Buch schreiben zu müssen, formulierte er: „… Kalter Zigarettenrauch mischte sich mit ihrem billigen Parfüm, als ich ihr mit einem bemüht heiteren „Voilà“ den Vortritt in meine Wohnung überließ …“
In Ermangelung ausreichender Schrankkapazität hatte Franz einen großen Teil seiner Klamotten an die Flurgarderobe gehängt, somit war es in dem sowieso schon engen, dunklen Flur noch enger und irgendwie auch noch dunkler geworden. Er knipste das Licht an, weil Ewa, für einen Augenblick wohl orientierungslos, stehen geblieben war. Dann quetschte er sich an ihr vorbei, streifte mit seinem Ellbogen ihre Brüste – versehentlich oder absichtlich wusste er nach vierzig Jahren nicht mehr zu erinnern – brummelte eine Entschuldigung, meinte dabei zu erröten – was sicherlich nur Einbildung war – betrat das Zimmer, nahm den halbvollen Aschenbecher vom Fußboden und entsorgte ihn mit einem „Pardon“ im überquellenden Mülleimer hinter der Küchentheke. Wieso mache ich hier eigentlich einen auf Französisch, dachte er, als er sie schweifenden Blicks vor dem braunen Billy-Regal stehen sah. Sie überragte das Regal auf Grund ihrer Hochsteckfrisur um einige Zentimeter!
Dann standen sie sich schweigend gegenüber. Bestellt und nicht abgeholt – wie man auch sagt. Zwei Königskinder ohne Reich, zwischen ihnen die beiden aufeinander gestapelten Holzpaletten, die Franz großspurig als konstruktivistisches Raumelement bezeichnete, die aber im Grunde genommen nur erbärmlicher Tischersatz waren. Von ihr aus gesehen links das Matratzenlager, eine Wohn- und Schlafinsel. Da Franz viele Tätigkeiten im Liegen erledigte, hatte er in seinen Wohnungen immer darauf geachtet, dass die Bettstatt einen gebührenden Raum erhielt. Eine Spielwiese für das Liebesleben; genügend Platz fürs Frühstück (auch zu dritt oder viert); Abenteuerspielplatz fürs Textlernen und Assoziieren; genügend Fläche, um sich einsam zu fühlen, zu lesen oder einfach nur Gelände, um zwischen den Kissenbergen zu träumen. Da der Tischersatz sehr niedrig war und die gesamte Einzimmerwohnung nur knapp dreißig Quadratmeter maß, schien ihm Ewa noch größer, als er sie aus der Taverne in Erinnerung hatte. Die orangefarbenen Plateauschuhe, ihr hochgestecktes Haar über dem breitflächigen Gesicht, einem blonden Adlerhorst gleich, taten ein Übriges. Eine Walküre mit blutrot geschminktem Mund, bereit zum Ehebruch. Franz war flau. Sein rechtes Knie zitterte, wie damals bei der Zwischenprüfung an der Schauspielschule. Vor ihm tauchte das Gesicht von Vassilios auf und in ihm die immer und immer wieder gestellte Frage, warum der liebe Gott auf seine Einmetersiebzig nicht gut und gerne fünfzehn Zentimeter draufgesattelt habe. Als hätte Ewa diesen Gedanken erraten, lächelte sie. Ein Lächeln, als sei es nur für zwei Köpfe kleinere Männer vorgesehen; ein Speziallächeln, von oben herab, wie ihm schien, und da er diesem Von-Oben-Herab-Blick nichts entgegenzusetzen hatte, wich er ihm aus, heftete seine Augen auf ihre Brüste unter dem wollenen Holzfällerhemd, das sie über dem Bauchnabel zu einem Stoffknoten gebunden hatte und dessen drei oberste Knöpfe offen standen, sodass der durchbrochene Spitzenrand des schwarzen BHs zu sehen war. Verwirrt rutschte sein Blick noch tiefer, an jene Stelle, wo Ewa durch eine scharfe Jeansnaht in zwei deutlich sichtbare Hälften geteilt wurde.
„Und jetzt?“ fragte sie, als wolle sie seinen Blick verscheuchen. Die beiden Worte klangen wie ihr „Darf es sonst noch etwas sein?“ in der Taverne. In der folgenden Stille meinte Franz sein Herz im Kopf schlagen zu hören, was in ihm – wie in letzter Zeit häufiger – die Angst vor einem Gehirnschlag aufkommen ließ und er wünschte sich jetzt, sofort, augenblicklich auf die Bühne, zu der es ihn immer dann hinzog, wenn er sich der Welt, wie sie war, nicht gewachsen fühlte. Ewa löste die Verknotung ihres Hemdes und ihm fiel auf, dass am Nagel ihres Daumes ein Stückchen roter Nagellack abgesprungen war. Das hatte ihn schon vor zwei Tagen in der Taverne gestört, als sie ihm den Teller mit dem Gyros servierte.
Franz heftete seinen Blick auf den vom Hemd befreiten, transparenten schwarzen Balkonett-BH mit den Blumenstickereien, unter denen zwei Brustspitzen aus außerordentlich großen, dunkelbraunen Warzenvorhöfen hervorstachen. „Bei diesen Brustwarzen an Traktorventile zu denken, ist erlaubt“, schrieb er in sein Tagebuch. Als Ewa die Haken ihres BH-Verschlusses löste, brachen die Brüste aus der Spitze hervor wie zwei Wasserfälle aus einer Felswand. Oder zwei Teigbatzen, Quarktaschen oder Germknödel – die aber nicht aus einer Felswand. Da Franz sich auf keins der Bilder festlegen konnte, notierte er später in sein Tagebuch: „Ewas Brüste sind der Hammer, und bei den Ohrfeigen hatte ich das Gefühl wie bei einer Petersburger Schlittenfahrt während einer Sonnenfinsternis.“ Und: „Als es nach diesem Vorspiel zum Eigentlichen kam, konnte ich es kaum glauben. So etwas hatte ich mit meinen zweiundzwanzig Jahren noch nie gesehen, geschweige denn für möglich gehalten: Ein Scheunentor war ein Mauseloch gegen dass, in was ich eindrang. Wiewohl, was schreib ich, von Eindringen konnte nun wahrlich nicht die Rede sein. Ich hätte mein Ding genauso gut aus dem Fenster hängen können – aber wer hängt sein Ding schon aus dem Fenster?“ – dachte und schrieb Franz. Dabei war Franz bestens ausgestattet. Französische Länge, munkelte man hinter seinem Rücken. Eine Maßeinheit aus der Mode: also bis zum Knie. – Der Rock. Obwohl die Länge für Frauen nicht unbedingt entscheidend ist, scheint sie Männern wichtig zu sein. Franz hielt sich bei solchen Gesprächen zurück, wusste er doch um das, was er hatte. Nach der Begegnung mit Ewa kam ihm die Idee, Mösen zu fotografieren. Er hatte schon immer gern fotografiert und rechnete er sich eine kontinuierlich wachsende Sammlung aus, mit der man sicherlich eine Ausstellung in der Galerie seines Freundes würde bestücken können. Mit Ewas Möse wollte er beginnen. Um die ins rechte Licht zu rücken, hatte er sich aus dem Theater einen kleinen Niedervoltscheinwerfer, einen sogenannten „Babyspot“ entliehen, der dimmbar und mit seinem 50-Watt-Brenner sowie dem hinten angebrachten Rändelrad leichtgängig und fokussierbar war. Seine Kamera, eine Contax FB hatte er mit einem 25mm Topogon bestückt, um dieses Monstrum von Ewas Möse wie einen riesigen Riss in der Welt erscheinen zu lassen. „Fissure“ wollte er das Foto nennen, hatte aber auch „Marianengraben II“ in Erwägung gezogen.
Ewa war von Franzens Vorhaben zunächst nicht begeistert und obwohl sie beim Vögeln und dem Vor und Danach keinerlei Hemmungen zeigte, schämte sie sich beim Fotografieren. Sie bestand darauf, sich das samtene, schwarz gepunktete Maikäferkissen aufs Gesicht zu legen, wenn sie mit gespreizten oder angewinkelten Beinen auf dem Matratzenlager posierte. Das ergab einen gewissen surrealen Effekt, wenn im Vordergrund der Marianengraben II zu sehen war, dann der Blick des Betrachters über den Venushügel in den schon unscharfen Bereich der auseinandergefallenen Brüste glitt und schließlich auf einem Maikäfer landete, der aber als solcher kaum noch zu erkennen war, den Schauenden jedoch zu einem in solchen Fällen oft gedachten „Was soll das?“ zwang oder zu der Frage „Sollen das Maikäfer sein?“ Kurzfristig hatte Franz erwogen, dieses Foto „Maikäfer flieg“ zu nennen – aber aus Gründen, die ihm dann entfallen waren, hatte er darauf verzichtet.
War Ewa anfänglich noch misstrauisch und gehemmt, fing sie doch beim Betrachten der fertigen Fotos Feuer. Als Franz ihr erklärte, dass er vorhabe, einen künstlerischen Coup zu landen und als Ziel die Documenta in Kassel vorgab, mit ihrer Möse als Nummer Eins in der Sammlung, war sie stolz und gab ihm einen Kuss. Da aber eine Sammlung aus mehreren Exponaten besteht, kam Franz nicht umhin nach weiteren Objekten Ausschau zu halten. Da gab es dann schon die ein oder andere Verstimmung, wenn er vor oder nach einer Fotosession mit einer neuen Möse in der Taverne saß und Ewa ihm den Teller Gyros mit unverhohlener Wut hinknallte, sodass der Krautsalat in erdbebenhafte Bewegung geriet und die ein oder andere Fritte über den Tellerrand hinausschoss. Nebenbei stellte er fest, dass die Portionen sichtbar an Umfang abgenommen hatten.
raunte es irgendwann hinter seinem Rücken, in der Kantine des Theaters, in den Gängen, hinter den Kulissen, in den Kneipen, was ihn nicht weiter störte, im Gegenteil, eher amüsierte, ihm einen leicht verruchten Glanz verlieh, einen Zuckerguss, der ihn einerseits in seiner Funktion als jugendlicher Liebhaber adelte, andererseits ihm aber auch die Neugierde von Frauen außerhalb des Theaters bescherte. Was ihn ärgerte, war die abfällige Bezeichnung „Mösenknipser“. Diejenigen, die ihn als Fotograf bezeichneten, hatten zumindest schon mal das Wort Möse in den Mund oder zumindest eine Kamera in die Hand genommen – meinte er. Die, die ihn jedoch der Knipserei ziehen, hatten höchstwahrscheinlich noch nie eine gesehen, geschweige sie geknipst und hatten mit Sicherheit auch keine Ehrfurcht, kein künstlerisches Verständnis für die Öffnung, die man doch gemeinhin auch als „das Tor zur Welt“ bezeichnete – „L’Origine du monde“, wie Gustave Courbet titelte – ähnlich den „Brettern, die die Welt bedeuten“.
Bei dem Begriff „Mösenknipser“ fiel ihm immer der Besuch der Oma väterlicherseits ein. Als er diese ihm fremde, in den späten Fünfzigern aus der DDR in die BRD einreisende, stark aus dem Mund riechende Frau mit seinen Eltern vom Bahnhof abholte, musste man noch zehn Pfennige für eine Bahnsteigkarte lösen; ein kleines braunes Kärtchen in Männer-Daumenlänge, nur etwas breiter und dünner. Damals durfte er, der kleine Franz (von seiner Mutter überwiegend Fränzeken gerufen), seine Bahnsteigkarte mit einer Knipszange, die ihm der Bahnsteigkartenknipser wohlwollend aus seinem Bahnsteigkartenknipserhäuschen reichte, selber knipsen. Das machte ihn stolz. Der große Franz jedoch dachte mit Grauen an die Verbindung zwischen Knipszange und Möse, die sich bei dem verächtlichen Begriff „Mösenknipser“ unwillkürlich einstellte. – Wie dem auch sei. Dank der Mundpropaganda war die Auftragslage gut. Es blieb nicht immer beim Fotografieren, was Franz jedoch billigend in Kauf nahm und der überwiegenden Klientel damit Freude bereitete. Er vermied es jedoch, die Frauen vor oder nach den Shootings (wie man heute sagt), in die Taverne Z einzuladen.
Bevor die umfangreiche Sammlung ihren Bestimmungsort, die Kasseler Documenta, erreichen konnte, hatten Feministinnen davon Wind bekommen und den LKW, in dem die Bilder auf ihren Abtransport warteten, angezündet. Ehe jedoch dieser feministische Akt von Gewalt gegen ihr eigenes, von Franz Klefisch künstlerisch veredeltes Geschlechtsorgan den Schlusspunkt unter seinen Ausflug in die bildende Kunst setzte, war es Vassilios, Ewas Mann, der ihm in dieser Angelegenheit an den Kragen wollte.
Franz war schlecht gelaunt, als er nach einer beschissenen Probe auf die Straße trat. Ihm war nach Ewas Brüsten zumute und er beschloss, nach längerer Zeit mal wieder Vassilios Taverne aufzusuchen. Kaum hatte er das Lokal betreten und Vassilios, der sich gerade am Gyrosspieß zu schaffen machte, ein schlecht gelauntes „Kalimera“ entboten, als dieser, ihn gewahr werdend, einen Urschrei ausstieß, bei dem selbst der große Stadttheater-Tragöde Walter Stickan vor Neid erblasst wäre. Der Spieß, den er mit bloßen Händen aus der Halterung riss, kam in dem Moment geflogen, als Franz sich nach dem Fünfzigpfennigstück bückte, das vor ihm auf dem Fußboden lag. Dadurch krachte das Fleischgeschoss hinter ihm in die Stühle und verfehlte ihn um Haaresbreite. In null Komma nichts, ahnend was hier abging, floh Franz panisch aus der Taverne. Vassilios rannte ihm wutentbrannt noch ein Stück hinterher, brüllte und schnaubte wie ein verwundeter Kampfstier, sodass die Passanten auf der belebten Straße erschrocken zur Seite sprangen. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte Franz Todesangst. „Ein Wort, das sich leicht ausspricht; ein Gefühl jedoch, dass sich kaum in Worte fassen lässt“ – schrieb er in sein Tagebuch. Ein paar Straßen weiter, wieder einigermaßen bei Atem, schwor er, sich nie wieder auf eine verheiratete Frau einzulassen. Zumindest nicht auf eine, die mit einem Griechen verheiratet war. Nun ja. Gute vierzig Jahre später sollte es im Leben von Franz Klefisch eine Situation geben, in der er sich wünschte, dass ihn der Fleischspieß damals getroffen hätte.
Von Heidrun, Ewas Freundin, erfuhr Franz ein paar Tage später, dass Vassilios die Mösenportraits seiner Frau gefunden und sie ihm nach einer Tracht Prügel alles gestanden habe. Als Franz Heidrun die Geschichte mit dem fliegenden Gyrosspieß erzählte, tat er ihr so leid, dass sie ihn zu sich nach Hause mitnahm. Ihr Mann war gerade auf Montage.
mit Werner und Natia in Griechenland, auf dem südwestlichen Peleponnes, in der Mani, erzählte Toni, ein seit dreißig Jahren dort ansässiger deutscher Arzt, bei einem Glas Wein, dass die Bewohner der Mani ein eigenartiges Völkchen seien. In Deutschland vergleichbar mit den Bayern oder Ostfriesen. Er schilderte, wie sich im Jahr 2012 die Einbrüche durch Albaner in und um Agios Dimitrios häuften, die Polizei machtlos war, somit die Bewohner gezwungen waren, diese Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen. Wissend, dass die Wander- und Gelegenheitsarbeiter aus Albanien in einer Höhle des Taygetosgebirges unweit der Ortschaft Pigi lebten, explodierte dort eines Nachts eine Sprengladung. Ergebnis: Drei Tote und zwei Schwerverletzte, aber im Folgenden keine Einbrüche mehr. Das gefiel dem Onkel (wie Franz zum Zeitpunkt dieser Geschichte schon genannt wurde), aber ihm lief immer noch ein Schauer über den Rücken, wenn er an Vassilios und den Gyrosspieß dachte; denn Vassilios kam aus Proastio, war also auch ein Bewohner der Mani. Dass er, der 160 Zentimeter messende Mann auf Grund eines Mösenfotos seiner Frau dieses Einsdreiundneunzig-Trumm von deutscher Ewa krankenhausreif geschlagen hatte, spricht für eine unkonventionelle Konfliktlösung der Bevölkerung in der Mani. „Auch ich bin in einer tiefen Kammer meines Herzens Anhänger unkonventioneller Lösungen“, wird Franz später in seinem Buch schreiben. Vassilios und Ewa hat er nie wiedergesehen und seitdem auch nie wieder ein griechisches Restaurant betreten.
hatte Franz nie gelitten. Immer nur unter Heimweh. Wenn er gefragt wurde, warum er nicht oder nur wenig reise, antwortete er jedes Mal, dass ihm die Ferne nichts bedeute. Wenn er gut drauf war, fügte er noch hinzu: Ich reise halt im Kopf! Das befremdete einige Leute. Auch wenn deren Kopfschütteln nicht sichtbar war, spürte Franz Unverständnis, das ihm auf Grund der Tatsache entgegenschlug, dass er nicht aus seiner Welt heraustrat. Aber die Vagabunden wundern sich eben immer über die Sesshaften und die Sesshaften über die Vagabunden – dachte Franz –, und warum einer da lebt, wo er gerade lebt, kann er einem anderen sowieso nicht begreiflich machen. Er dachte manchmal auch, dass der verborgene Sinn des Reisens darin liege, Heimweh zu haben, und das Weh griff schon nach Franzens Herzen, kaum dass Werners Jaguar-Limousine sich in Bewegung gesetzt hatte, nach wenigen Metern die kleine Stichstraße verließ, links in eine andere Straße bog, die schon etwas größer und weiterführend war, um aus dieser schließlich in eine Hauptstraße einzufädeln, die geradewegs auf den Verteilerkreis zur Autobahn führte. Und obwohl ihm diese Straßen seit jeher vertraut waren, schien es Franz, als kennten sie ihn nicht, oder nicht mehr, als seien sie empört und zugleich beleidigt über die Tatsache, dass er wegfuhr, ohne sie gefragt zu haben. Wie der Vater, trotz regelmäßiger Aufforderung ab 21 Uhr das Lesen einzustellen und das Licht zu löschen, empört und zugleich beleidigt reagierte, wenn er den Zehnjährigen dabei erwischte, wie er sein Plumeau zum Vorderteil eines Faltbootes aufgeplustert hatte, das Kopfkissen als Rückenlehne benutzte, und luftpaddelnd, eine Taschenlampe im Mund, den Atlantik zu überqueren gedachte. Eingekapselt suchte Fränzeken die Weite. Als sein Vater, gründlich wie er in vielen Dingen war, die Bettdecke anhob, Karl Mays „Im Land der Skipetaren“, Bahlsen-Kekse als Proviant für die Überquerung des Atlantiks sowie die Taschenlampe konfiszierte, für die Zukunft härtere Maßnahmen androhte, dabei die Tür vernehmlich schloss, war außer Dunkelheit auch Einsamkeit in Fränzeken. Ab diesem Zeitpunkt begann er verstärkt im Kopf zu reisen. Seinem Vater, dem das ständige Lesen des Sohnes ein Dorn im Auge war, entwickelte außer den nächtlichen Kontrollen noch perfidere Methoden, um diese seiner Meinung nach sinn- und nutzlose Leserei einzuschränken. Zum Beispiel während dieser verhassten Sonntagsspaziergänge mit Vater, Mutter und deren mannloser Schwester. Fränzeken, schon der Schwelle zum Franz, suchte diesen Ausflügen dadurch einen Sinn abzugewinnen, dass er im Auto und bei den Spaziergängen in einem Reclam-Heftchen las. Denkwürdig ein Spaziergang an einem Sonntag, als sich der Vater in einer Strafstoßentfernung vor den Sohn hinhockte und der beim Satz „Soll ich vielleicht in tausend Büchern lesen, dass überall die Menschen sich gequält, dass hie und da ein Glücklicher …“ über seinen Vater fiel. Der lachte laut auf, jedoch, wie sich Franz aus ferner Erinnerung heute noch glaubend machte, auch ein wenig verschämt. Die besorgte Äußerung der Mutter, ob er sich verletzt habe, überhörte der Junge, weil ihm das Blut in den Ohren rauschte und er feststellen musste, dass das Reclam-Heft Schaden genommen hatte. Den Ratsch am Knie, als Dreizehnjähriger trug er damals noch kurze Hosen, erduldete er mit wütender Würde. Die aufkommenden Tränen weinte er nach innen. Seitdem war Franz ein Nach-Innen-Weiner. Jetzt, kaum weg von Zuhause, fühlte er sich fern. Fern wie auf diesen Sonntagsspaziergängen. Diesmal jedoch von einem unbekannten Magneten angezogen, aus dessen Kraftfeld es kein Entrinnen geben sollte.
wähnte sich Franz für Momente leicht und luzid. Er spürte eine Art Entrücktheit, die sicherlich auch dem Champagner geschuldet war, den die Armenierin noch während der Anfahrt zum Flughafen mit großem Getöse geöffnet und der unter Gelächter und Prosit-Gelärm auf den gemeinsamen Urlaub etwas zu hastig getrunken wurde.
Über den Alkohol hinaus waren es aber auch die gutaussehenden Stewardessen der Aegean Airlines, die Franzens Wohlbefinden steigerten. Sein Nullkommasechs-Promille-Weichzeichner verlieh den ohnehin schönen Frauen einen zusätzlichen champagnerhaften Schmelz. „Der Appetit unserer Augen nach Schönheit ist ja im Grunde das Verlangen nach Trost“, ein Satz aus Bodo Kirchhoffs Roman „Wo das Meer beginnt“, war Franz unvergessen geblieben. Und Trost war ihm ein willkommener Gast, nachdem ihn seine Frau nach drei Jahrzehnten verlassen hatte. In seinem Buch schrieb er: „Dreißig Jahre hatte ich diese Frau auf meine Art und Weise geliebt, aber kurz bevor es in das einunddreißigste ging, stellte sie fest, dass meine Art und Weise ihr nicht mehr genügte und eines Tages, mir nichts dir nichts, verschwand sie aus meinem Leben.“
Schon beim Betreten des Flugzeuges war Franz die Purserette aufgefallen. Ihr guttural hin gehauchtes „Kalimera“ im unteren Hertz-Bereich begleitete ihn bis zu seinem Sitzplatz, durchrieselte seinen Körper wie Sand eine Eieruhr. Als er Platz nahm, zog ihr dunkelblaues Kleid seine Aufmerksamkeit auf sich. Auffallend der fast zwei Zentimeter breite, vertikale, gold-rote Streifen, der auf dem Träger der linken Schulter ansetzte und am Saum, knapp eine Bauarbeiterhandbreite über ihrem Knie endete. Vom Saum ausgerechnet, fünf gespreizte Finger darüber, fielen Franz drei Querfalten auf, fast beiläufig an jener Stelle, die man im Großen und Ganzen als Schoß bezeichnet. Eher zu ahnen, denn sichtbar, die ebenmäßig hervorstehenden Schlüsselbeine, die sich unter dem lose um den Hals geschlungenen Tuch mit den schwarz-weiß-roten Streifen und dem Emblem der Fluglinie (zwei stilisierten Möwenschwingen, perspektivisch angeordnet vor einem runden Kreis), abzeichneten. Franz, der vor drei Stunden noch reiseunwillig in der Stichstraße mit Wendehammer auf seinem Koffer saß, sah sich jetzt hohen Wangenknochen gegenüber, die an poliertes Wurzelholz erinnerten. Er konnte sich von den mandelförmigen, ägyptisch anmutenden Augen nicht losreißen, die, durch Schminke zum Schläfenbereich hin vergrößert, cinemaskopische Breite suggerierten, und hätte vor Freude in die Luft springen mögen. Es blieb jedoch bei einem Nießen und vorsorglich schloss er die Düse mit der Frischluftzufuhr. Als er die Purserette erneut betrachtete, fiel ihm ein wehmütiger Schleier hinter ihren Augen auf, dessen Ursache er in einem möglichen Trauerfall mutmaßte. Jedoch zog er den Gedanken vor, dass ihr Kummer eventuell auch mit ihrem rasant in den Bankrott taumelnden Heimatland zusammenhängen könnte, dem Land, das einst als Wiege der europäischen Kultur galt, in das man in wenigen Augenblicken starte, was sie mit kehliger Stimme über die Bordlautsprecher mitteilte. Vielleicht entsprach diese Traurigkeit aber auch ihrem Naturell, dachte Franz. Was immer diesen wehmütigen Schleier in ihre Augen gezaubert haben mochte, er überzog ihr Gesicht wie ein später Morgentau, machte sie zur Herrscherin des Kabinenpersonals. Da Werner um die klaustrophobischen Anwandlungen seines Freundes wusste, hatte er ihm einen Platz am Gang reserviert. Der optischen wie auch der akustischen Aufforderung sich anzuschnallen, kam Franz erst nach, als Werner ihn mit einem freundschaftlich gemeinten Ellbogencheck darauf hinwies und damit aus dessen Pursetten-Wach-Traum riss. Und Franz schrieb in sein Tagebuch: „War es der Ärger über Werners Ellbogen oder meine kurzfristige Verwirrtheit, die die Purserette in mir ausgelöst hatte? Ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls gelang es mir nicht, den Anschnallgurt zu schließen. Einmal war er zu kurz, einmal zu lang, dann wieder verdreht … das machte mich nervös und ich begann vor mich hin zu fluchen, was wiederum Werner nervös machte, sodass er sich genötigt fühlte, mir behilflich zu sein. „Zu blöd sich anzuschnallen!“ moserte er, woraufhin ich grob zurückkeilte und somit die Aufmerksamkeit der um mich herum Sitzenden auf mich zog, aber auch, bewusst oder unbewusst, dass erinnere ich nicht mehr, die der Purserette, saß ich doch nur einen Drei-Reihen-Blick von ihr entfernt. Sie schien meinen Unmut bemerkt zu haben, kam auch sofort, aber ohne Eile, lächelte, wie mir schien ein leicht maliziöses Lächeln, als seien ihr diese Anschnallkapriolen älterer Herren täglich Brot. Während sie, knapp auf Tuchfühlung mit mir, den verstellbaren Teil des Gurtes ergriff und ihn verlängerte, sah ich, dass nicht nur ihre Finger langgliedrig waren. Mit meinem Kopf in Sichthöhe ihres Schoßes fielen mir wieder die drei Falten auf. Eine Dreifaltigkeit, wenn auch keine heilige, und als ich mir vorstellte, was sich dahinter verbarg, musste ich meinen Bauch einziehen, weil sie gerade das längere in das kürzere Teil des Gurtes einschnappen ließ. Während sie sich aufrichtete, streifte ich versehentlich ihren Oberschenkel.“ (Dazu sei angemerkt, dass Franz es liebte, Absichten im See des Versehentlichen untergehen zu lassen). Efcharisto (Danke) stotterte er, wollte aber eigentlich Signomi (Entschuldigung) sagen, sich für die versehentliche Berührung entschuldigen, erntete aber nur einen irritierten Blick. „Als ich mit dem festen Fleisch ihres Oberschenkels kurz in Berührung kam,“ notierte Franz am Abend in sein Tagebuch, „löste dieser unbeabsichtigte Körperkontakt einen elektrischen Impuls in mir aus, so wie ich ihn aus meiner Kindheit kannte, wenn ich die zwei verschieden langen Kontaktzungen der 4.5 Volt Flachbatterie an meine Zunge hielt, einfach so, oder um zu überprüfen, ob sie noch genügend Spannung hatten. Ich verspürte dann ein Prickeln ähnlich dem eines Knister-Knall-Brause-Bonbons, wenn es mit der Zunge in Berührung kommt, von dort in den Magen fährt und dort nicht Halt macht. Nein, sie hatte im Gegensatz zu mir keinen Knister-Knall-Brause-Bonbon-Effekt verspürt und stöckelte ungerührt zu ihrem angestammten Platz, klappte ein noch offenstehendes Bordgepäckfach zu, wie mir schien etwas zu heftig, und hinterließ eine Wolke aus Mandelöl, Veilchen und Anklängen von Bergamotte. Ich ertappte mich dabei, wie ich der Purserette einen ganz und gar nicht klammheimlichen Blick hinterherwarf, eher einen lüsternen, einen in fremdem Terrain wildernden, und an der Reaktion des neben mir sitzenden Werner stellte ich fest, dass ich nicht nur mich selbst ertappt hatte.“
Werner war nicht ohne Bewunderung für Franzens Fähigkeiten im Umgang mit Frauen. Er beneide ihn um „diesen feinen Draht“, wie er einmal sagte. Für ihn selbst waren Frauen, zumindest die der Freunde, ein notwendiges Übel. Er hätte gut auf sie verzichten können. Sie interessierten ihn nicht. Die Männer dieser Frauen waren ihm wichtiger. Werners Sohn bezeichnete das Verhältnis seines Vaters zu Frauen einmal Franz gegenüber als etwas gestört. Sekunden später stellte er fest, dass er auf das „etwas“ auch hätte verzichten können. Franz war der Meinung, dass sein Freund Frauen entweder nur bewundern und zu ihnen aufschauen oder sie verachten und auf sie herabschauen konnte. Eine von Werners Ex-Freundinnen äußerte Franz gegenüber einmal, dass für Werner in Wirklichkeit nur zwei Frauen existieren: seine Mutter und seine Tochter. Und in diese Konkurrenz wolle sie sich nicht begeben, hatte sie noch hinzugefügt. Das klang erkenntnisbitter. Seitdem Werner mit Natia, der Armenierin, zusammen ist, hat sich sein Blickwinkel auf Frauen verändert, wenn auch nur geringfügig. Die in der Vor-Natia-Zeit stark männlich fokussierten Äußerungen über das weibliche Geschlecht, hatten Franz immer wieder zusammenzucken lassen. Obwohl er Werners zum Teil verachtende Haltung gegenüber Frauen nie zu seiner eigenen gemacht hatte, fand er mittlerweile, nach dem ein oder anderen Glas Wein, Gefallen daran, auch mal „die blöden Weiber“, zu sagen, statt „Frauen sind anders“, was ja eh jeder weiß. Franz hatte mit der Zeit immer öfter das Bedürfnis aus seinem ihm nachgesagten Frauenversteher-Dasein auszubrechen und sich eine Männerstammtischeinschätzung über das weibliche Geschlecht zuzulegen. Schlampen, Votzen, Weiber oder dergleichen. Das war neu, und deshalb wollte er sich weder seine Blicke auf die Purserette, noch die lüsternen Vorstellungen die damit verbunden waren, verkneifen. Schließlich – ließ er Werner wissen – könne er ja nichts dafür, wenn seine Augen hinter seinem Rücken Heimlichkeiten begingen und überdies seien schöne Frauen dazu da, dass man sie anschaut!
Dieser Meinung war auch der Vater von Franzens zweitem Schwiegervater. Durch einen Satz und eine Begebenheit auf dem Sterbebett, ist der kleine Steuerberater aus Königsberg für Sohn, Enkel und Urenkel unsterblich geworden. 1933, bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten, sagte er zu seinem damals elfjährigen Sohn, „Königsberg werden wir wohl räumen müssen!“ und zog wenige Monate später mit Sack und Pack in den Westen Deutschlands, in die Nähe seines Bruders, der am Niederrhein eine Ziegelei betrieb. Auf dem Sterbebett schließlich – so wird erzählt – lebte er auf, wenn Krankenschwestern das Zimmer betraten und er mit ihnen schäkern konnte. Kurz bevor er sein Leben aushauchte, soll er den Sohn beiseite gescheucht haben, weil der ihm den Blick auf einen ‚weißen Engel‘ verstellte, der gerade im Begriff war sich zu bücken, um eine Mullbinde aufzuheben. „Zerstör mir meine Aussicht nicht!“ erinnerte sich der Sohn der vorletzten Worte seines Vaters. Dessen letzte, „Ach, Frauen!“ Ein Singular stand dem kleinen Steuerberater diesbezüglich wohl nie zur Verfügung, wobei das „Ach“ einen nicht zu erwartenden romantischen Schmelz verströmte, ein sozusagen zwischen erlittenem Schmerz und erstrittener Lust lang ausgehauchtes „Aaach“, ein letzter Atemzug, wie der Sohn später erzählte. Franz hat sich vorgenommen, dass dies auch seine beiden letzten Worte sein sollen. Der Bordlautsprecher knackte. Die Stimme der Purserette wies die Passagiere daraufhin sich anzuschnallen, da man die Reiseflughöhe verlassen habe, und sich im Landeanflug auf Kalamata befände.
Asteria, eine der Töchter des Giganten Alkyoneos, stürzte sich, als sie vom Tod ihres Vaters erfuhr, ins Meer. Franz war ziemlich sicher, dass das nur hier gewesen sein konnte. Hier in der Wohnanlage Asteria & Ilios, bestehend aus zwei Häusern mit sieben Wohnungen und einem spektakulären Zugang zum Meer. Über mehrere Felsterrassen, etwa zwanzig Höhenmeter über dem Meeresspiegel, ging‘s runter zum Wasser. Da gab es einige Stellen, von wo es sich hätte gut springen lassen. Asteria hieß das einstöckige Haus aus Marmor und Stein, das sich, nach traditioneller Architektur der Mani erbaut, mit seinen erdfarbenen Tönen nahtlos in die Landschaft einfügte. Die drei Deutschen logierten im ersten Stock in Zimmern mit zwei Balkonen und Panoramablick aufs Meer. Das Domizil für die nächsten zehn Tage. Werner hatte immer ein feines Näschen, wenn es darum ging Hotels, Restaurants, Urlaubsplätze zu finden.
Obwohl schon später Nachmittag, war es heiß und vor allen Dingen laut. Das Zirpen von Zikaden kannte Franz nur aus Filmen und aus kleinen, mit irgendwelchen Blumen verzierten Schachteln. Beim Öffnen einer solchen Schachtel fiel der Blick auf ein goldglänzendes, wackelndes Käfertier, das einen exotischen Ton von sich gab, der nur deshalb erträglich war, weil man ihn durch das Zuklappen des Deckels wieder abstellen konnte. Aber das, was Franz hier, in Asteria & Ilios, hörte, war schon eine andere Nummer. Man sah die Viecher nicht, vernahm nur ihren infernalischen Lärm, womit auch klar war, dass es sich nicht nur um drei oder vier Exemplare handeln konnte. Das war eine Armee. So viele Deckel zum Zuklappen gäbe es auf der ganzen Welt nicht. „Und däär gaanze Kraach alles nur wäägen Säx!“ So Natia, die Werner beschwor, den Besitzer der Anlage aufzufordern „… mit, mit ... wie heißt, Fraanzchään?“ Ein gedehnter Zischlaut entwich ihren Lippen und mit eingeknickten Knien und Hohlkreuz beschrieben ihre Arme, eine imaginäre Kalaschnikow haltend, einen zickzackenden Halbkreis in Richtung des Baumes, in dem sie die Krachmacher vermutete. „Flammenwerfer“, antwortete Franz. „Gänaau! Mit, mit eine Flammewäärfer soll er Tierchään wegbränne! Puff!“ Werner und Franz schauten sich amüsiert an, aber Natia war not amused – sie meinte es ernst.
In der Einfahrt zum Asteria stand, vom Staub grau, ein Jeep Cherokee mit Wiener Kennzeichen. Asozial geparkt, hingeworfen, wie ein zu schnell vom Leib gerissenes Hemd. Das Fahrzeug strahlte etwas Heimtückisches, Bedrohliches aus, ähnlich dem tarnfarbenen 56er Peterbilt Conventional 281 Tanklast-Truck, aus Spielbergs Film „Duell“, der sich eine tödlich endende Verfolgungsjagd mit einem roten PKW lieferte. Beim Anblick des Wagens überfiel Franz das dunkle Vorgefühl einer sich anbahnenden Katastrophe, dessen Ursprung er sich nicht zu erklären vermochte und das auch durch nichts zu begründen war, aber die Befürchtung, dass es Wirklichkeit und ihm zum Verhängnis werden könnte, schreckte ihn.
Werner war noch unter der Dusche, Natia irgendwo in der Wohnung und damit beschäftigt, mit einem Anti-Insektenspray unter Betten, hinter Vorhängen und in allen nur möglichen Ecken und Nischen nach Stäch-Tierchäärn und anderen niederen Lebewesen Ausschau zu halten. Franz saß auf dem Balkon. Langsam versank die Sonne hinter einer Bergsilhouette des Golfes von Messenien. Wahrscheinlich ein Scheißdreck dagegen der vielbesungene Sonnenuntergang bei Capri, obwohl es sich ja im Grunde genommen um ein und denselben Stern handelt, der hier wie dort untergeht – dachte Franz. (Viele Menschen in Franzens Umgebung denken, dass Franz dazu neigt, Wirklichkeiten als eine subjektive Wahrnehmung zu konstruieren, ohne die er nicht unabhängig denken kann.)
Musik erklang. Verdis „La Traviata“. Noch während des Vorspiels zum Trinklied trat ein kleiner, braungebrannter Mann auf den etwa sechs Meter Luftlinie entfernten Balkon der Nachbarwohnung, in der einen Hand ein Tablet, in der anderen ein Weinglas. Laut, und mit lusttrunkenem Timbre stelzte er eine Balkonbreite der untergehenden Sonne entgegen, so, als wandele er auf einem roten Teppich, die letzten Strahlen des Sonnenscheinwerfers für seinen Auftritt nutzend. „Libiamo, libiamo ne‘lieti calici …“. Dann wusste er nicht mehr weiter, stolzierte mit dadaistischen Textfüllseln über den Balkon, verlor dabei das um die Hüften geschlungene Handtuch und lachte, als er Franz gewahr wurde, eine unglaubliche Lache, die dieser bis dato noch nie vernommen hatte. Und Franz hatte viele Lachen gehört, sich gemerkt und als Regisseur von seinen Schauspielern auch eingefordert. Laute, leise, verhaltene, verliebte, verzweifelte, verrückte, wahnsinnige …, aber eine solche Lache war ihm bislang noch nicht untergekommen. Das war kein Lachen nah am Herzen, das war ein Lachen weit weg in einer Wüste. Eine Ödnis, durch die ein wüster Lachsturm fegte. Eine Lache, als wären alle Lachen der Welt in einen großen Topf geworfen worden, und der Teufel persönlich hätte sie zu einer einzigartigen dämonischen Lache destilliert. Eine nahezu mörderische Lache, eine, wie Franz zu hören meinte, grund- und sinnlose Lache, ein nicht enden wollendes Schallgespenst, bei dem Tempelvorhänge zerreißen, Flugzeuge vom Himmel fallen, Schwangere Frühgeburten erleiden und Dreisternrestaurants sich in Dönerbuden verwandeln.
Während es auf dem Nebenbalkon noch lachte, lief in Franzens Kopf ein Film ab, der ihn an eine Lache mit Todesfolge erinnerte. Das war schon Jahrzehnte her und er meinte es längst vergessen zu haben. In den Herbstferien, irgendwann Ende der Fünfziger – Franz wurde noch Fränzeken gerufen – hatte ihn seine katholische Tante aus Oldenburg zu einem Erntedankfest bei einem Großbauern in der Nähe von Jade mitgenommen. Die große Scheune war bis auf einen Leiterwagen leergeräumt und der u-förmige Aufbau von Tischen und Stühlen, an denen Bauern aus der nahen und ferneren Nachbarschaft mit ihren Familienangehörigen, Freunden, Landarbeitern und Mägden saßen, erinnerte den späteren Franz an Filme von Fellini. Der Leiterwagen war mit Garben von Kornähren, violettem Heidekraut, Herbstastern und anderen Blumengebinden geschmückt und auf der mit Stroh zu einer Art Pyramide aufgepolsterten Ladefläche hatte man unzählige rotbäckige Äpfel, grüne, gelbe und rostfarben gesprenkelte Birnen aufgehäufelt, die sich wie Wurfgeschosse für eine Schneeballschlacht im Herbst anboten. Darüber wachend, Regimenter von Blumenkohl- und Wirsingköpfen, daneben riesige Kürbisse, Generälen gleich, aus deren Bäuchen Sellerieknollen als Offiziere aufmarschierten, dazu stramm stehende Pulks von Lauchstangen als Fußvolk; hängende Maiskolben und in ihrem grünen Kraut zu Sträußen gebundene Möhren stachen ihre orangefarbenen Wurzeln wie gespreizte Bajonette in die Luft. Dazu Kartoffeln, Bohnen, frische Zwiebeln zu unordentlichen Bergen aufgehäufelt und, und, und … und das Fränzeken war aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen. So viel Obst und Gemüse auf einem Haufen hatte er selbst auf dem heimischen Wochenmarkt noch nicht gesehen! In der Scheune wurde gefuttert und getrunken was die Küche her gab, und zu späterer Stunde lockerten sich die Zungen, wurden dröge Ostfriesen mit einem Mal redselig, ja, man hätte fast meinen können, sie entdeckten zum ersten Mal eine Lust am Sprechen, das über den gewöhnlichen Gebrauch von Worten beim Handel mit Kühen und Weizen hinausging. In der Lautstärke schon beim „Fortissimo Possibile“ angelangt, im Tempo eher im unteren Bereich eines schleppenden „Largo“, stieg irgendwann einer der betrunkenen Gäste auf den Tisch (es war der Totengräber, wie die Tante ihrem kleinen Neffen ins Ohr geflüstert hatte) und erzählte Witze, die das Fränzeken nicht verstand, wurden sie doch im friesischen Platt vorgetragen. Dem Lachen zufolge konnte es sich zudem nur um schmutzige Witze handeln, denn das Lachen der Männer stob, mehr ein- als zweideutig, grob über die Frauen hinweg, die sich verstohlen anschauten, die Augen senkten und als einzige kaum wahrnehmbare Gemeinsamkeit verschworen in sich hinein glucksten. Bei einem der Witze lachte der dem Fränzeken gegenübersitzende Bauer besonders laut. So laut und so außer sich, dass er keine Luft mehr bekam, aufstehen musste, dabei puterrot anlief, blau wurde, krampfhaft zuckte wie ein Huhn, dem man gerade den Kopf abgeschlagen hatte, schließlich röchelnd auf den Tisch fiel und einen gedachten Atemzug später mit dem schweren Oberkörper tot im Essen lag. Am energischen Händedruck der katholischen Tante hatte Fränzeken gemerkt, dass da etwas geschehen war, was nicht für seine Augen bestimmt war. Sie hatte den Jungen vom Tisch weggezogen, wie auch viele andere Kinder vom Tisch hinweg gezogen wurden. Manchen hatten Mütterhände die Augen verdeckt. Wie man später erzählte, hatte der Bauer seine Zunge verschluckt und war daran erstickt. Noch später erzählte man (dabei hinter vorgehaltener Hand den Witz noch einmal zum Besten gebend), der Hinnerk habe sich vor Lachen nicht mehr eingekriegt. Der hat sich einfach totgelacht, noch dazu über den Witz eines Totengräbers.
In der hereinbrechenden griechischen Dämmerung verschwammen die Konturen des Rumpelstilzchens immer mehr und seine Lache verstummte. Unscharf nahm Franz wahr, wie der Nachbar mit seiner Hand propellerartige Bewegungen vor seinem Unterkörper vollführte. Erneut ein infernalischer Lachtrompetenstoß. Natia war auf den Balkon getreten. Hatte der da drüben sie gesehen? „Fraanzchään. Was maachen Maann?“ (Pause). „Dräht seine Schwaanz oder waas?“ Pause. In solchen oder ähnlichen Situationen war sie in ihrer Direktheit unschlagbar. „Muss sein sehr laange Schwaanz.“ Pause. Ja, ja, französische Länge, dachte Franz. Da war doch mal was!? „Das ist schon etwas länger her“, antwortete es süffisant in ihm. „It is väry, väry hot in Greese! There you need väntilation!“ – Trompetenlacher – „Isn’t it so?“ wandte er sich an die hinzugetretene Frau; ebenfalls klein und braungebrannt, in der Dämmerung fast schwarz. Wieder ein Trompetenlacher, dazu weiterhin dieses propellerartige Drehen, diesmal Richtung Frau. Die Dämmerung verwischte deren Abwehrbewegung ins Vage. Eine Bewegung – wie es Franz schien – matten Überdrusses, gespielt empört, so, als sei diese Nummer mit und ohne Publikum schon tausend Mal durchkonjugiert worden, so, als habe sie es satt, immer wieder gespielt empört zu sein. Ein Feinwebschatten unterwürfiger Duldung ging von der Frau aus, den die hereinbrechende Dunkelheit umhüllte, schien die doch um die empfindlichen Laufmaschen in Frauenseelen zu wissen, zu wissen um diese mit Gewalt unterdrückten Schmerzen, die ab und zu aufbrechen, ein immer wieder sichtbarer Riss, manchmal mit Fingernägeln scharf vergrößert. Ein stummer Schrei, den sie nicht teilen wollte, schon gar nicht mit den Fremden auf dem gegenüberliegenden Balkon. Etwas Geheimnisvolles, nicht Ergründbares, etwas Gewaltsames ging von den beiden Menschen aus. Franz verspürte ein ähnlich unbestimmtes Gefühl wie vor drei Tagen beim Anblick des Jeeps mit dem Wiener Kennzeichen.
„Hau do you do?“, kam es vom Nachbarbalkon und riss Franz aus seinen Betrachtungen. „Good“, antwortete er. „Das heißt fine“, flüsterte Natia. „Fine“, sagte Franz. Sicherheitshalber schob er noch ein „formidable“ hinterher, was aber nicht nötig gewesen wäre. Der Mann drüben konnte wahrscheinlich genau so wenig französisch wie Franz. „Will you come over on a drink?“ Da Franz keine Lust auf irgendwelche Urlaubsbekanntschaften hatte, überließ er Natia die Antwort. „We’ll meet a friend in half an hour, but wait a minute, I will ask.” Natia verschwand in der Wohnung und kam mit Werner wieder, der ein lockeres „Hello“ auf den Nachbarbalkon würfelte und in perfektem Englisch die Situation erklärte, woraufhin ein Wörter-Sturzbach zurückkam, der Werner erschauern ließ. „Was spricht der denn für ein Englisch?“ Entweder schien der Nachbar Werners Satz gehört zu haben, oder er schoss den seinen einfach ins Blaue. „Seid’s Deitsche?“ Und ohne die Antwort abzuwarten, schob er ein „Kummt’s rüber!“ hinterher, lachte infernalisch, küsste die Frau irgendwie, irgendwo und verschwand in der Wohnung. Mit einer hingewischten So-isser-halt-Geste, wobei sich ihre Schultern leicht hoben und wieder fielen, stand die Frau auf und folgte dem Mann schweigend.
Zehn Minuten später wurden die drei Urlauber aus Deutschland am Fuße der Steintreppe zur Nachbarterrasse vom vernehmlichen Bellen eines größeren Hundes gestoppt. Wie Franz sah, handelte es sich um ein ausnehmend schönes Exemplar eines Weimaraner Jagdhundes, mit rehgraubraunem Fell und, eher ungewöhnlich für diese Rasse, graublauen Augen. „Aus!“, bellte der Hundebesitzer, „Franz! Kummst sofort her!“ Franz war irritiert, und der Hund gehorchte. „Vor dem müsst keine Angst hab’n, der tut nix, will nur spül‘n!“ Standardsatz eines jeden Hundebesitzers, wie man hört, auch in Wien, dachte Franz, denn der Dialekt ließ keinen Zweifel an der Herkunft des Herrchens aufkommen. Herrchen hatte sich Shorts angezogen, darüber ein weites Hawaii-Hemd und grinste, als er Franzens verstohlenen Blick auf seinen Unterleib wahrnahm. „Naa, naa keine französische Länge, nur ein Stück Gartenschlauch!“ Er lachte eine Koloratur, drehte sich tanzend auf einem Bein und vollzog dabei erneut besagte Bewegung, jetzt im Duktus: Reingefallen. Ätsch! – Franz schaute auf den Mann, der ihm im Laternenlicht der Terrasse wie ein Privatdetektiv aus einem amerikanischen B-Movie vorkam. Mittelgroß, eher klein zu nennen, kleiner noch als er ihn auf dem Balkon wahrgenommen hatte. Schildkrötig der Kopf, eine fliehende Stirn, fettige, zurückgekämmte Haare kringelten sich auf dem Hemdkragen, dunkle, weit aufgerissene, koksig glühende Augen, in der überbissigen oberen Zahnreihe mittig eine Lücke, sardonisches Grinsen und immer wieder das krachend kranke Lachen. Die ganze Person strahlt etwas Wahnwitziges, Zügelloses aus. „Ein übersteigertes, fieberhaftes ICH reckt sich in einsamem Größenwahn der Welt entgegen.“, dachte und schrieb Franz in sein Tagebuch.
Im Nu waren Gläser geholt und gefüllt. „Kummt, setzt euch! – I bin der Kosta!“ Die Frau trat auf die Terrasse. „Und das ist meine Katharina!“ Im Folgenden bezeichnete er sie überwiegend als Frau Doktor, als seine Lebensgefährtin und rechte Hand in der Firma, eine studierte Hand, summa cum laude, wie er feixend betonte, kommt es doch im Gebrauchtwagenhandel, wie er leichthin bemerkte, immer wieder mal zu Unstimmigkeiten mit der Kundschaft, dabei bewegte er orakelnd seine Handflächen, und da ist eine Frau Doktor nicht mit Gold aufzuwiegen. „Stimmt’s Schatzi?“ Er gab ihr einen überfallartigen Kuss, lachte derb und prostete den Deutschen zu. „Und wer seid‘s ihr?“ Werner räusperte sich. „Jaaa, das ist mein Onkel Franz und das meine … Nichte Natia.“ Eine kakophonische Lachsalve, vermischt mit jeder Menge Speicheltröpfchen, spritzte aus dem Mund des Gebrauchtwagenhändlers. Der Namensvetter Franzens bellte. Das Herrchen bellte zurück. Der Hund verstummte. Franz betrachtete die Frau. Sie schaute ihn an. Wie Franz meinte, mit Wohlwollen. Aber vielleicht bildete sich das der alte Mann in ihm auch nur ein. Sie lächelte. Spöttisch, wie ihm schien. Ein Lächeln wie ein nachträglich eingefügtes, verlustig gegangenes Wort in einem Liebesbrief. Notwendige Ergänzung. Der Klarheit wegen. Bei Lichte besehen passte die Frau Doktor nicht in sein Beuteschema. Aber es war ja so gut wie dunkel. Alles an ihr war braun. Arme, Beine, der ganze Körper. Olivbraun mit Grünstich. Ein unwirkliches Braun, ein Braun, so einzigartig wie das Blau des Yves Klein, ein Braun, als hätte ein Maler es aufgesprüht und mit einem geheimnisvollen Öl lasiert; ein Braun, das sich mit der hereinbrechenden Dunkelheit verband und in wenigen Minuten zum Komplizen der Nacht werden würde. Die obere Reihe ihrer Zähne wie etwas nachträglich Eingezogenes. Fest aneinandergereiht, neu, eine helle, waagrechte Linie vor nächtlichem Hintergrund. Obwohl die Nachbarin ein weißes, weites Kleid mit großen gauguin‘schen Blumenmotiven trug, worunter Franz schwere Brüste vermutete, ging ein Hauch Männlichkeit von ihr aus. Vornehmlich der Kopf, mit den kurzen, schwarzen, nach hinten gegelten Haaren. Augen wie schwarze Laternen. Darüber Brauen, ungebärdig, aber mit Verve; sanft die kleine Nase, der kleine Mund, die Gesichtshälfte unter den hohen Wangenknochen etwas schwer. Sie hatte etwas Unbestimmtes und Unbestimmbares in ihrem Ausdruck, etwas, das sich Franz beim ersten Anblick nicht erschloss, ihn aber faszinierte. „Eine Nachttaube, im Schatten ihres Mannes“, schrieb er am Abend in sein Tagebuch.
Krachend fuhr die Hand des Gebrauchtwagenhändlers auf Franzens Schulter, riss ihn aus seiner Frauenbetrachtung. „Du bist also der Onkel!“ dröhnte es, und er boxte ihn mit generöser Jovialität auf den Oberarm, wobei ihm der Schweiß von der Stirn spritzte. „Mal den Neffen und die Nichte nach Griechenland einladen – hä!?“ Erneuter, vertraulicher Schlag. Mit meckernder Lache an Werner und Natia gewandt: „Mal auf Kosten des Onkels so richtig die, die … Sau …“ Seine Faust stieß in die Luft wie die von Boris Becker beim Matchball. Grandioses, gönnerhaftes Lachen. „Und die Spendierhosen sind so schwer, dass der Onkel sogar Hosenträger braucht!“ Infernalisches Lachen. Er schlug sich auf die Schenkel, dann Franz auf die Schulter und zog ihn an sich heran. Aus Zentimeternähe schoss eine veritable Alkoholfahne in Franzens Nase. Das nennt man in die Aura scheißen, dachte Franz. Er war fasziniert und angewidert zugleich. Aber die Faszination für diesen Verrückten überwog. Die Unvernünftigen sterben aus und die Verrückten mit ihnen, dachte und bedauerte er. In Natias Gesicht machte sich angeekeltes Staunen breit. Sie war verstummt. Werner schaute auf die Uhr und mahnte zum Aufbruch, schließlich sei man mit Toni bei Lambros verabredet. Der Wiener Gebrauchtwagenhändler strahlte umtriebige Unzufriedenheit aus. Werner sog den Atem tief ein, was er immer tat, wenn er eine Entscheidung zu treffen hatte – also eher selten –, warf einen kurzen, sich versichernden Blick auf Franz und Natia und schlug den Nachbarn vor, mitzukommen. Der Hund bellte, Herrchen und Frauchen waren’s einverstanden, Natia verdrehte die Augen und Franz, der frisch gebackene Onkel, schwieg, nicht ohne einen kleinen Hintergedanken. Obwohl Franz so gar nichts Onkelhaftes ausstrahlte, klebte seit diesem Abend der „Onkel“ an ihm, wie ein Kaugummi an einem Schuh.
Richtung Asteria & Ilios liegt linksseitig am Ausgang von Agios Dimitrios das Xenios, das Restaurant von Lambros. Rechts, durch die Straße getrennt, eine aus Holz gezimmerte Terrasse, zwei Steinwürfe weiter der Meeressaum, dazwischen Fels, Unkraut, Bauschutt – ein Kackgelände für Hunde, streunende Katzen und fliegende Fische, wenn es letztere dort gäbe.
Man war mit Toni bei Lambros verabredet, der unweit des Hafens von Agios Dimitrios ein kleines Restaurant betrieb. Toni ist ein 72jähriger deutscher Arzt, mittelgroß, schlank, braungebrannt, asketisch in der Erscheinung, vom Alter unwesentlich gebeugt. Seit fast 40 Jahren lebt er auf der Mani. Außer seiner Tätigkeit als Arzt für die dortige Bevölkerung (umsonst!) und Psychotherapeut für in Griechenland gestrandete Deutsche (nicht umsonst!) handelt er in größerem Stil mit Olivenöl, Feta und anderen Produkten der Mani, die er in Deutschland an die gehobene Gastronomie verkauft. Er lebt in einem selbstgebauten Haus in den Bergen, ungefähr 800 Meter über Agios Dimitrios, dort, wo die Vegetation noch üppig ist und die Temperaturen drei bis vier Grad niedriger. Toni kennt Hinz und Kunz, jeden Baum, jeden Strauch, auch jede Kurve auf der serpentinenreichen Strecke, die nach Pigi, seinem Wohnort, und von dort weiter in Richtung Areopoli führt. Und alle kennen Toni. Der Hinz, der Kunz, jeder Baum, jeder Strauch und auch die Serpentinen kennen ihn, wenn der 72jährige im grauen Muscle-Shirt, zerrissenen Jeans und ohne Helm mit seinem Motorrad in die Kurven geht, mit einem Tempo, das seinem Alter nicht unbedingt angemessen ist, noch dazu mit dem ein oder anderen Glas griechischen Weines im Blut.
Toni freute sich, Werner, Natia und Franz zu sehen, war aber irritiert als ihn der Wiener Gebrauchtwagenhändler mit einem Als-kenne-man-sich-seit-Jahren-Wortschwall überfiel, der in der flapsigen Frage gipfelte, ob er, Toni, der Urgroßvater der drei Deitschen sei, und ihm, dem dreißig Jahre älteren zu dessen grenzenloser Verblüffung einen anbiedernden Schlag gegen den Oberarm verpasste, in die kurz auftretende Stille einen trompetenhaften Lachstoß setzte, der diese Taktlosigkeit ungeschehen machen sollte und übergangslos „… Schaatzi, sei so gut, Du neben den Onkel …“ die Sitzordnung bestimmte. „… Der Urgroßvater, Nebbich, neben Frau Doktor …“, er fegte sich den Schweiß von der Stirn, atmete kurz durch, „… und die Nichte neben den Neffen und der Neffe neben mich.“ Und alle gehorchten dem Wiener Gebrauchtwagenhändler, setzten sich auf ihre zugewiesenen Plätze. Aus seinen Augenwinkeln sah Franz die mahlenden Kiefer eines sichtlich verärgerten Toni, der an der verbalen Entgleisung des Wieners zu kauen hatte und außerdem, sitztechnisch, ins Abseits manövriert worden war. Mit Natia, ihm gegenüber, hatte er sich nach einem Frühstück vor drei Tagen, bei dem er sie auf ihre exzentrische Reaktion hinsichtlich umherschwirrender Insekten (eine Fliege war in das Milchkännchen gestürzt) als neurotisch und behandlungsbedürftig bezeichnet hatte, nicht viel zu erzählen; mit Franz, just auch noch zum „Onkel“ avanciert, war ein Gespräch eher unwahrscheinlich, saß doch zwischen ihm und dem „Onkel“ die bislang eher schweigsame Lebensgefährtin des Gebrauchtwagenhändlers und mit dem war nach dem „Urgroßvater“ das Ding gelaufen und nicht zuletzt musste Toni relativ schnell erkennen, dass er, der sonst im Allgemeinen das Wort führte, in dem Wortakrobaten aus Wien seinen Meister gefunden hatte. Am nächsten Tag schwor Toni, dass er mit diesem Psychopathen nie mehr an einem Tisch sitzen werde.
