Frieden - Nataly von Eschstruth - E-Book

Frieden E-Book

Nataly von Eschstruth

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Neue Deutsche Rechtschreibung Nataly von Eschstruth war eine deutsche Schriftstellerin und eine der populärsten und berühmtesten Erzählerinnen der Gründerzeit. Null Papier Verlag

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Nataly von Eschstruth

Frieden

Komplettausgabe

Nataly von Eschstruth

Frieden

Komplettausgabe

Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2019 1. Auflage, ISBN 978-3-962810-98-6

null-papier.de/492

null-papier.de/katalog

Inhaltsverzeichnis

Wid­mung

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

XI.

XII.

XIII.

XIV.

XV.

XVI.

XVII.

XVIII.

XIX.

XX.

XXI.

XXII.

XXIII.

XXIV.

XXV.

XXVI.

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Widmung

Dem Oberst und Kom­man­deur des Ba­di­schen In­fan­te­rie-Re­gi­ments Nr. 113 Herrn von Beck und Frau Ge­mah­lin in dank­bars­ter Erin­ne­rung zu­ge­eig­net Na­ta­ly von Kno­bels­dorff-Bren­ken­hoff geb. von Esch­struth

Schloss Plan­ta, im Fe­bru­ar 1905

Was ist das Glück? Ist es ein Traum? Ist es ein Stern im Wel­ten­raum? Die bei­de kom­men und ver­gehn Und vor der Son­ne nicht be­stehn? Ist es ein Rausch der flücht’­gen Stun­de, Ein Lä­cheln von ge­lieb­tem Mun­de? Ist es des Wis­sens All­ge­walt, Der Ruhm, der durch die Län­der schallt? Ach nein! sie glei­chen nur den Wel­len, Die schim­mernd am Ge­stad zer­schel­len! Des Glückes un­er­forsch­te Macht Liegt wie das Erz in tie­fem Schacht, Im Her­zen ist’s der stil­le Frie­den, Den uns aus Gna­d’ der Herr be­schie­den!

J. A. –

I.

Wie ein großer Blü­ten­strauß lag der Park. Auf sam­met­wei­chen Ra­sen­flä­chen, de­ren Grün so fle­cken­los und licht wie ein Rie­sens­ma­ragd in der Son­ne lag, er­ho­ben sich die Tuffs von Flie­der und Gold­re­gen, un­ter­mischt mit dem Schat­ten dun­kel­lau­bi­ger Ta­xus und Zy­pres­sen, um wel­che der Perücken­strauch sei­ne zar­ten Schlei­er wob.

Al­les, was an Früh­lings­blu­men exis­tiert, hob die bun­ten Köpf­chen, die Kro­kus, Ta­zet­ten und Hya­zin­then lach­ten von den sorg­sam ge­pfleg­ten Bee­ten, und in dem ge­wal­ti­gen Ba­salt­be­cken rausch­ten die sil­ber­nen Was­ser aus Tri­ton­hör­nern und flu­te­ten woh­lig über den Rand, sich in brei­ten Kas­ka­den den sanf­ten Ab­hang der Schloss­an­la­ge hin­ab er­gie­ßend.

Die Front des kö­nig­li­chen Schlos­ses dehn­te sich an dem herr­li­chen Pa­ra­de­platz ent­lang, die Ne­ben­flü­gel und ur­al­ten Sei­ten­bau­ten mit Tür­men, Er­kern, Gie­beln und Söl­lern wand­ten sich den weit­läu­fi­gen Park­an­la­gen zu und ver­steck­ten ihr grau­es Ge­mäu­er hin­ter ei­nem wah­ren Dickicht von Epheu­ge­spinst und Kle­ma­tis­ran­ken, wel­che neu­gie­rig in die ehr­wür­di­gen Fens­ter lug­ten, hin­ter wel­chen so man­ch’ präch­ti­ges, ge­heim­nis­vol­les, glück­li­ches und lei­den­vol­les Le­ben schier sa­gen­haft da­hin­ge­flu­tet.

In dem run­den Tur­m­aus­bau der West­sei­te lag das An­klei­de­zim­mer der jun­gen Kron­prin­zes­sin, die ele­gan­te Flucht ih­rer Pri­vat­ge­mä­cher auf das wür­digs­te ab­schlie­ßend.

Nicht stei­fe, zwin­gen­de Kon­ve­ni­enz hat­te vor zwei Jah­ren das Ehe­band des kö­nig­li­chen Paa­res ge­knüpft, son­dern hei­ße, in­ni­ge Lie­be hat­te es schon seit Jah­ren im ge­hei­men ge­webt, seit Kron­prinz Ge­org die lieb­rei­zen­de klei­ne Prin­zes­sin In­ge­borg an­läss­lich der Sil­ber­hoch­zeit ih­rer El­tern an be­freun­de­tem Fürs­ten­hof zu­erst ge­schaut.

Da hat­te er ihr son­ni­ges, la­chen­des Kin­der­ge­sicht­chen tief in sein Herz ge­schlos­sen und als er ihr bei Ta­fel die pur­pur­nen Ro­sen, wel­che vor ihm duf­te­ten, mit lä­cheln­dem Gruß hin­über­sand­te, da nick­te ihm Schön-In­ge­borg mit strah­len­den Au­gen zu, nahm scher­zend ein Knall­bon­bon und schick­te es ihm zum Ge­gen­gruß.

In dem Bon­bon aber be­fand sich eine ge­druck­te De­vi­se mit dem Vers:

»Was sich fin­det Und ver­bin­det, In der gold­nen Ju­gend­zeit, Bleibt ver­bun­den Auch in Stun­den, Wo im Le­ben wogt der Streit.«

Als Kron­prinz Ge­org die­se Wor­te las, färb­te sich sein erns­tes Ant­litz hö­her und er hat­te das Emp­fin­den, als hiel­te er in die­sem Au­gen­blick sei­nen Schick­salss­pruch ver­brieft und be­sie­gelt in Hän­den.

Ob­wohl er die da­mals fünf­zehn­jäh­ri­ge Prin­zes­sin in den nächs­ten Jah­ren nicht wie­der­sah, blieb ihr doch sein Herz mit tau­send ge­hei­men Fä­den in­ni­gen Ge­den­kens ver­bun­den.

Er be­ob­ach­te­te je­des Vor­komm­nis an dem Hofe ih­rer El­tern mit leb­haf­tem In­ter­es­se, und als von sei­nem Va­ter die Not­wen­dig­keit ei­ner bal­di­gen Hei­rat des Thron­fol­gers er­ör­tert wur­de, wuss­te er alle et­wai­gen Be­den­ken zu be­sie­gen und den Kö­nig sei­nen Plä­nen ge­neigt zu ma­chen.

Am acht­zehn­ten Ge­burts­tag der Prin­zes­sin In­ge­borg kehr­te Kron­prinz Ge­org aber­mals als Gast in dem nach­bar­li­chen Schlos­se ein, und was die Zei­tun­gen so­fort als in­ter­essan­te Ver­mu­tung aus­po­saun­ten, war wirk­lich schon nach we­ni­gen Ta­gen eine Tat­sa­che ge­wor­den.

Eine tie­fe, schwär­me­ri­sche Nei­gung für den erns­ten, statt­li­chen Mann, wel­cher ihr das Ide­al ei­nes rit­ter­li­chen Kö­nigs­oh­nes schi­en, er­füll­te die bild­schö­ne, ju­gend­li­che Prin­zes­sin, und dies­mal war es – al­ler Tra­di­ti­on zum Trotz – Gott Amor, wel­cher ei­gen­hän­dig die blü­hen­de Myr­te um die Kö­nigs­kro­nen ei­nes über­glück­li­chen Paa­res flocht.

Die Hoch­zeit ward un­ter bei­spiel­lo­sem Ju­bel von dem gan­zen Land ge­fei­ert.

Das Volk war stolz auf sei­ne be­zau­bern­de Kron­prin­zes­sin; wo sie sich zeig­te, flo­gen ihr die Her­zen im Stur­me zu, und wen ihre Schön­heit nicht sieg­haft zu ei­gen nahm, den ge­wann ihre An­mut und Lie­bens­wür­dig­keit.

Voll kind­lich fro­her Lau­ne und harm­lo­ser Hei­ter­keit, von Her­zen gut und freund­lich, wirk­te Kron­prin­zes­sin In­ge­borg wie ein Son­nen­strahl auf ihre gan­ze Um­ge­bung, und ihr ho­her Ge­mahl war der Ers­te und Eif­rigs­te, wel­cher ihr die Ro­sen der Lie­be und Ver­eh­rung auf den Le­bens­weg streu­te.

Er sel­ber hat­te die Zim­mer für »sei­ne klei­ne Frau« – nach ei­gens­ten Plä­nen und An­ord­nun­gen auf das ideals­te aus­ge­stat­tet.

Er woll­te ih­rer lich­ten Schön­heit in al­lem und je­dem für einen pas­sen­den Rah­men sor­gen. Das alte, düs­te­re Schloss soll­te selbst bis in das hin­ters­te Win­kel­chen hin­ein in Glanz und Duft ge­taucht wer­den.

Hell­ro­sa – him­mel­blau – crê­me und gold­ge­stickt, von duf­ti­gen Spit­zen um­wallt, be­lebt von zwit­schern­den Vö­gel­chen und durch­weht von dem sü­ßen Odem im­mer fri­scher Blü­ten, reih­ten sich die Sa­lons der Kron­prin­zes­sin an­ein­an­der. Gold-, Sil­ber- und Kris­tall­g­lit­zern über­all, – die Kunst in Bild, Sta­tue und Wort, ganz mo­dern und ganz an­tik – aus je­dem Zeit­al­ter das Schöns­te und Bes­te zu­sam­men­ge­tra­gen, der herr­lichs­ten von al­len in ih­rem »s­weet ho­me« zu hul­di­gen. Auch das Toi­let­ten­zim­mer, das wei­te, sechs­fenst­ri­ge, run­de Turm­ge­mach war auf das ge­schmack­volls­te und ori­gi­nells­te für die jun­ge Ge­bie­te­rin her­ge­rich­tet.

Von der ge­mal­ten De­cke fie­len die gra­zi­ösen Bron­ze­ge­win­de nie­der, wel­che die ro­si­gen Li­li­en des elek­tri­schen Lichts tru­gen und von schwe­ben­den Amo­ret­ten ge­hal­ten wur­den. In al­len Pfei­ler­wän­den zwi­schen den vie­len Fens­tern be­fan­den sich hohe Kris­tall­spie­gel, wel­che das Bild der An­we­sen­den wie­der­holt zu­rück­war­fen.

Eine Sym­pho­nie in Weiß und Gold!

Bis auf den kleins­ten Ge­gen­stand trägt der gol­dum­rahm­te Toi­let­ten­tisch sei­ne El­fen­bein­bürs­ten, Va­sen, Do­sen, Fläsch­chen, Scha­len und Leuch­ter, al­les mit dem gol­de­nen Na­mens­zug und der Kö­nigs­kro­ne ge­schmückt.

Und mit wei­ßen At­las­kis­sen ist auch der klei­ne Ses­sel von ver­gol­de­tem Bam­bus be­deckt, auf wel­chem Prin­zes­sin In­ge­borg so­eben Platz ge­nom­men hat, um sich fri­sie­ren zu las­sen.

Die Kam­mer­frau hat das Spit­zen­ge­rie­sel ei­nes Fri­sier­man­tels um die zar­ten, noch so mäd­chen­haf­ten Schul­tern der Fürs­tin ge­legt und öff­net so­eben mit ge­schick­ten Hän­den die lang­flu­ten­de Pracht licht­blon­den Haa­res, das dem ro­si­gen Ant­litz der Prin­zes­sin einen so son­der­ba­ren Reiz ver­leiht.

Auf dem Eck des na­hen Di­wans hat die Hof­da­me, Grä­fin Frie­da von Her­dern, Platz ge­nom­men. Ihr run­des, ro­tes, klei­nes Voll­mond­ge­sicht ist durch­aus nicht hübsch, aber es hat einen sehr ge­win­nen­den, lie­bens­wür­di­gen Aus­druck, freund­lich und auf­rich­tig bli­cken­de Au­gen und Lip­pen, wel­chen man gern glaubt, was sie sa­gen.

Die Kö­ni­gin-Mut­ter hat ein­mal lä­chelnd ge­sagt: »Kom­tes­se Frie­da wird nie eine Mör­der­gru­be aus ih­rem Her­zen ma­chen kön­nen, es steht jede Emp­fin­dung und je­der Ge­dan­ken so klar in ih­ren Zü­gen ge­schrie­ben, dass sie gar kein Wort zu spre­chen braucht, – man liest es ihr be­reits von der Stirn!« –

Und dies war Tat­sa­che.

Als Grä­fin Frie­da so­eben – die Hän­de läs­sig Um das Knie ge­schlun­gen, das Spie­gel­bild der Kron­prin­zes­sin an­schau­te, präg­te sich ein solch ehr­li­ches, be­geis­ter­tes Ent­zücken in dem gut­mü­ti­gen Ge­sicht aus, dass In­ge­borg hell auf­lach­te und das Köpf­chen nach ihr um­wand­te.

»Wis­sen Sie, lie­be Frie­da, wie Sie eben aus­sehn? Genau wie der klei­ne Bau­ern­jun­ge, wel­cher heu­te Mor­gen im Park am Nym­phen­brun­nen stand und wie ge­bannt dem Spiel der Me­lu­si­ne mit den Was­sern zu­schau­te! Ich hät­te gern ge­wusst, was der klei­ne Kerl in je­nem Au­gen­blick dach­te – nun, da Sie mich plötz­lich ge­nau so an­star­ren, wie er jene – er­fah­re ich viel­leicht je­nes Ge­heim­nis ih­rer bei­der See­len!«

Die Hof­da­me hielt dem necki­schen Sei­ten­blick un­ver­än­dert stand.

»Be­zwei­feln Kö­nig­li­che Ho­heit, dass auch ein Bau­ern­jun­ge ein­mal geist­rei­che Be­trach­tun­gen an­stel­len kann?«

Die Fürs­tin lach­te. »Ge­wiss! Viel eher das, als dass Grä­fin Frie­da ein­mal nicht geist­reich sein könn­te!«

»Ich be­dan­ke mich für dies gnä­di­ge Zu­trau­en. Geistreich und wahr pflegt meis­tens Hand in Hand zu ge­hen, wenn es im­pul­siv ist. Der Bau­ern­jun­ge stand ge­bannt vor ei­ner bis da­hin nie ge­kann­ten Schön­heit, – ich tue des­glei­chen. Der Jun­ge sann dar­über nach: Wie kann solch ein klei­ner Kopf eine so große Was­ser­schaa­le tra­gen, und ich über­le­ge eben – wel­che Last muss die­ses köst­li­che Haar für solch zier­li­ches Haupt sein.«

»Ist das eine Schmei­che­lei?«

»Nein, nur die Wahr­heit, wel­che man zu hö­ren ver­lang­te. Frei­wil­lig hät­te ich sie nicht aus­ge­spro­chen, denn lei­der hängt al­len Höf­lin­gen der Ver­dacht des Schmei­chelns an, wie der gel­be Staub den Wei­den­kätz­chen!«

»Die Wahr­heit! – Sie ha­ben recht, lie­be Frie­da. In der gan­zen Re­si­denz, we­nigs­tens in un­se­rer Hof­ge­sell­schaft, ken­ne ich kei­ne zwei­te Dame, wel­che sich ei­nes solch üp­pi­gen Haar­wuch­ses er­freut wie ich. Sie sa­hen mein Haar tat­säch­lich noch nicht zu­vor, we­nigs­tens nicht in solch güns­ti­gem Au­gen­blick wie so­eben, wo es im Son­nen­licht be­son­ders gol­den glänzt. Also wahr ist Ihre Be­mer­kung, aber nicht ge­ra­de geist­reich. Ich hal­te mich nicht für her­vor­ra­gend er­leuch­tet, aber wenn ich an Ih­rer und des Bau­ern­jun­gen Stel­le ge­stan­den, hät­te ich doch noch et­was tiefer grü­belt, wie ihr bei­de!«

»Ich bit­te, von Eue­rer Kö­nig­li­chen Ho­heit ler­nen zu dür­fen!«

Das la­chen­de, kind­li­che Ge­sicht der ho­hen Frau sah plötz­lich ernst und nach­denk­lich in den Spie­gel.

»Nicht so! – Be­leh­ren Sie mich lie­ber, ob sol­che Ge­dan­ken ket­ze­ri­scher Na­tur sind! So oft ich mich in dem Spie­gel sehe, fra­ge ich mich: ›Was ist ei­gent­lich Schön­heit?‹ – Hal­ten Sie die seich­te Ant­wort ›Ge­schmackssa­che‹ für rich­tig?«

»Nein, höchs­tens als Fol­ge­rung! Die rich­tigs­te Ant­wort ist wohl die­je­ni­ge: Schön­heit, wel­che nicht er­wor­ben, nicht an­er­zo­gen, son­dern nur an­ge­bo­ren sein kann, ist ei­nes der herr­lichs­ten Gna­den­ge­schen­ke Got­tes.«

»Die­sen Ge­dan­ken hat­te ich auch, aber ich ver­warf ihn, weil er mir zu un­lo­gisch er­schi­en. – Al­les, was von Gott kommt, ist zu ir­gend et­was nüt­ze auf der Welt, – aber was nützt und frommt dem Men­schen die Schön­heit?«

»Sie er­freut! er­hebt! idea­li­siert!«

»In ganz ver­ein­zel­ten Fäl­len. Meis­tens ist sie ein Da­naer­ge­schenk, wel­ches sei­nen Be­sit­zer ei­tel, stolz, hab­gie­rig, ober­fläch­lich und herrsch­süch­tig macht. Die schöns­ten Men­schen sind nicht im­mer die bes­ten.«

»Ge­wiss nicht! Aber was gäbe es in der Welt, das so gött­lich wäre, um nicht zum Fall­strick für die Tu­gend zu wer­den? Je­de Got­tes­ga­be kann miss­braucht und ent­wer­tet wer­den! Ein Künst­ler kann durch sein Ta­lent ein Fluch für die gan­ze Mensch­heit wer­den! Ein schlech­tes Buch kann das Er­geb­nis ei­nes emi­nen­ten Ta­len­tes sein und nützt doch nicht, son­dern scha­det der Sa­che Got­tes in weit­ge­hends­ter Wei­se!«

Prin­zes­sin In­ge­borg dreh­te nach­denk­lich den gol­de­nen Rei­fen an ih­rem schlan­ken Hand­ge­lenk.

»Die Kunst! Ta­len­te! Sie be­rüh­ren da ein ganz an­de­res Ge­biet als das der pas­si­ven Schön­heit ei­nes Men­schen, lie­be Her­dern! Eine Got­tes­ga­be, durch wel­che man et­was leis­ten und schaf­fen kann, wie der Künst­ler es tut, nützt stets, so schla­gend auch der Ge­gen­be­weis ist, wel­chen Sie eben lie­fer­ten. Ein schlech­tes Buch kann im­mer noch sehr ver­schie­den wir­ken, – nicht nur ver­derb­lich, son­dern oft­mals auch als ein Spie­gel, in wel­chem die Sün­de er­schreckt ihre ei­ge­nen Züge er­kennt! Und wenn dies lei­der auch recht sel­ten der Fall ist – die Ab­schre­ckungs­theo­rie gleicht meist den öf­fent­li­chen Hin­rich­tun­gen, wel­che den Blut­durst rei­zen und oft erst die schlum­mern­de Bes­tie im Men­schen we­cken! – so kann doch solch ein üb­les Buch oft ein Prüf­stein in Got­tes Hand wer­den, dem ge­gen­über wah­re Tu­gend und Rein­heit auf die Pro­be ge­stellt, den­noch ih­ren edeln Sieg fei­ert! – Je­des, auch das schlech­tes­te Werk, wel­ches durch Men­schen­geist oder Men­schen­hand ge­schaf­fen wird, ist nie­mals nutz­los – aber die Schön­heit! Was be­deu­tet die kur­ze Freu­de, wel­che sie durch ih­ren An­blick ei­nem Neid­lo­sen schafft, ge­gen die tau­send wil­den Flam­men der Lei­den­schaft, wel­che sie schürt?« –

»Es kommt ganz dar­auf an, wo die Rose der Schön­heit blüht!« – Die Grä­fin lä­chel­te und blick­te nach dem Spie­gel­bild der Prin­zes­sin, um wel­ches die Son­ne einen wah­ren Glo­ri­en­schein wob. »In ers­ter Li­nie däch­te ich, müss­te es einen Men­schen, wel­cher ein En­gel­sant­litz im Glas schaut, wie Eure Kö­nig­li­che Ho­heit, durch solch einen An­blick un­be­schreib­lich er­freu­en und ge­gen den Schöp­fer sol­chen Kunst­wer­kes an­däch­tig und dank­bar stim­men. Eine See­le aber, wel­che froh, glück­lich und dank­bar ist, wird auch gut und tu­gend­haft sein, und durch solch leuch­ten­des Bei­spiel auch alle an­dern ver­edeln, wel­che mit ihr in Berüh­rung kom­men!«

Eine hei­ße Blut­wel­le schoss jäh­lings in das hol­de Ant­litz der Fürs­tin. Sie schlug einen Au­gen­blick die Wim­pern nie­der und um ihre Lip­pen zuck­te es selt­sam: »Ho­len Sie mir ver­schie­de­ne Hüte zur Aus­wahl, mei­ne gute Frau Bra­bant!« sag­te sie in ih­rer hei­tern Wei­se zu der Kam­mer­frau, wel­che sich zur Sei­te neig­te, das zier­lich fri­sier­te Köpf­chen prü­fend zu mus­tern. – »Ich wäh­le dann die Toi­let­te nach dem Hut!«

Die Ge­nann­te ver­neig­te sich stumm und ver­ließ in laut­lo­ser Eile das Ge­mach, Prin­zes­sin In­ge­borg aber wand­te sich jäh­lings zu Fräu­lein von Her­dern um und sah sie mit den großen, veil­chen­blau­en Au­gen halb be­lus­tigt, halb her­aus­for­dernd an.

»Falsch, sehr falsch phi­lo­so­phiert!« lach­te sie lei­se auf, »nicht ein­mal das bringt die Schön­heit zu­we­ge, wenn sie mich schön nen­nen wol­len! – Ich bin ge­wiss eine fro­he, Gott dank­ba­re und gern zur An­dacht ge­stimm­te Per­son, und doch lau­ert mir im Her­zen eine klei­ne Schlan­ge, wel­che frag­los das letz­te, bö­ses­te Stück­lein am Las­ter­ring der Schön­heit bil­det! – Ja, se­hen Sie mich nur so un­gläu­big an! Ich wer­de in die­sem Au­gen­blick – viel­leicht als ein­zi­ge Tu­gend! – wahr sein! Wol­len Sie wis­sen, was Schön­heit ist? Bren­nen­der Ehr­geiz! Ein un­still­ba­res Ver­lan­gen nach Tri­umph, je­nes un­de­fi­nier­ba­re Et­was, wel­ches auch in der Brust des Künst­lers wohnt und ihn von ei­ner Kon­kur­renz in die an­de­re treibt, bis da­hin, wo es heißt: va ban­que!«

Grä­fin Her­dern hob jäh die Hand. »Eure Kö­nig­li­che Ho­heit ha­ben doch nie und nim­mer eine Kon­kur­renz zu fürch­ten!«

Prin­zes­sin In­ge­borg schlug wie in hef­ti­ger An­kla­ge die Hän­de zu­sam­men und schüt­tel­te das rei­zen­de Haupt. »Nein! das habe ich nicht – und das – das ist ja eben das Gräss­li­che, Lang­wei­li­ge, Ner­ven­mor­den­de an mei­ner un­glück­se­li­gen Schön­heit!«

Die Hof­da­me sah die Spre­che­rin mit ei­nem Aus­druck der­art hilflo­ser Über­ra­schung an, dass die jun­ge Fürs­tin hell auf­lach­te.

»Hö­ren Sie die Beich­te ei­ner schö­nen See­le, liebs­te Frie­da, und wun­dern Sie sich nicht all­zu­sehr über die ex­zen­tri­sche Lau­ne ei­ner mo­der­nen Frau! Ich lang­wei­le mich! – Ja, ja, fal­len Sie nur in Ohn­macht! ich lang­wei­le mich! und warum? Weil ich schön bin, frag­los und an­er­kann­ter­wei­se die Schöns­te im Lan­de! Und nir­gends ein Spieg­lein an der Wand, wel­ches mir als er­lö­sen­des Wort zu­flüs­tert:

Aber Schnee­witt­chen auf den Ber­gen, Bei den sie­ben Zwer­gen, Ist noch viel tau­send­mal schö­ner wie Ihr!

Ach, dass ich wüss­te, wo ich solch ein Schnee­witt­chen auf­trei­ben könn­te! – Zwei Jah­re bin ich nun schon ver­hei­ra­tet, – un­sag­bar glück­lich ver­hei­ra­tet. Zwei Win­ter tanz­te ich hier auf den Hof­bäl­len. Es ist eine un­be­greif­li­che, aber ef­fek­ti­ve Tat­sa­che, dass ein großer Man­gel an schö­nen Da­men in der Hof­ge­sell­schaft herrscht. – Über die Mit­tel­mä­ßig­keit ragt nichts her­vor, und wenn ich in ih­rem Kreis er­schei­ne, fal­len mir ohne jed­we­den Kampf die Pal­men des Sie­ges zu! – Ist das nicht zum ver­zwei­feln lang­wei­lig? An­fäng­lich wuss­te ich nicht so recht, was mir ei­gent­lich bei je­dem Fest und je­dem Ver­gnü­gen fehl­te, – jetzt, nach län­ge­rem Sin­nen, ward es mir klar! – die Kon­kur­renz! Der Ner­ven und Geist auf­fri­schen­de Wett­be­werb um die Kri­tik! – Sie la­chen? O glau­ben Sie mir, es ist mein bit­ters­ter Ernst! – Fra­gen Sie je­den Künst­ler – was macht erst sei­nen vol­len Er­folg aus? – Der Sieg über einen Ri­va­len! Un­be­strit­te­ner Lor­beer ist ein duft­lo­ser Kranz, denn nur die Bit­ter­keit des Er­run­gen­wer­dens gibt ihm sein be­rau­schen­des Aro­ma!«

»So stre­ben Kö­nig­li­che Ho­heit eine Schön­heits­kon­kur­renz an?« – Grä­fin Her­dern lä­chel­te nicht mehr so un­gläu­big wie zu­vor, es lag im Ge­gen­teil wie ein atem­lo­ses In­ter­es­se in ih­ren Wor­ten und ih­rer Mie­ne!

Prin­zes­sin In­ge­borg zupf­te die gol­de­nen Haar­löck­chen noch duf­ti­ger um die wei­ße Stirn.

»So ist’s, mein Feld­herr!« nick­te sie voll gra­zi­ösen Hu­mors, »ich seh­ne mich wie eine un­ver­bes­ser­li­che Spie­le­rin nach ei­ner Ha­sard­part­ne­rin! Wenn ein Dop­pel­ge­stirn am Him­mel strahlt, wird es noch ein­mal so hell wie zu­vor! Den­ken Sie sich, welch ein glü­hen­der Ei­fer mich be­see­len wür­de, jene Ne­ben­son­ne zu über­strah­len. ›Wie wird sie heu­te Abend aus­sehn? In wel­cher ori­gi­nel­len Toi­let­te will sie mich aus­ste­chen? Wen wird man schö­ner fin­den, sie oder mich?‹ – Ist das nicht ein lus­ti­ger Krieg, wel­cher auf Amors Schlacht­feld to­ben wür­de? Mein Mann liebt, ver­göt­tert mich, er be­tet mich an, weil kei­ne an­de­re da ist, wel­che sein In­ter­es­se, sei­nen Schön­heits­sinn fes­selt! – Sei­ne Ver­eh­rung er­freut mich, aber ich neh­me sie als et­was Selbst­ver­ständ­li­ches hin, weil der Reiz fehlt, sie ent­beh­ren zu müs­sen! Steht aber eine an­de­re, viel­leicht noch sieg­haf­te­re Schön­heit ne­ben mir – und ich lese in sei­nen Au­gen, dass ich es den­noch bin, wel­che ihn ent­zückt, so ist mein Glück und Stolz erst auf dem Hö­he­punkt an­ge­langt!«

»Und Kö­nig­li­che Ho­heit fürch­ten kei­ne Ge­fahr in die­sem Spiel mit dem Feu­er?«

»Nein, dazu bin ich zu ei­tel. – Sie se­hen, lie­be Frie­da, welch ein na­gen­der Wurm die Schön­heit ist, sie nährt sich von den Wur­zeln des Blüm­leins Be­schei­den­heit! – Am bes­ten wäre es, mei­ne Kon­kur­ren­tin wäre in al­len Din­gen das ge­ra­de Ge­gen­teil von mir, – sie tief brü­nett, – ich blond, – sie im­po­sant, – ich zart, – sie voll sinn­li­cher Glut, – ich voll mäd­chen­haf­ter Zu­rück­hal­tung – und dann die große, stür­mi­sche Kri­tik des Pub­li­kums, in des­sen Bli­cken es zu le­sen ist wie in dem Spieg­lein an der Wand, wer die Schöns­te im Lan­de ist!«

Die Spre­che­rin un­ter­brach sich und blick­te Frau Bra­bant ent­ge­gen, wel­che, ge­folgt von ei­ner Zofe, wie­der über die Schwel­le trat und meh­re­re Hüte der jun­gen Fürs­tin prä­sen­tier­te.

»Das son­ni­ge Früh­lings­wet­ter be­dingt eine sehr duf­ti­ge Toi­let­te, Kö­nig­li­che Ho­heit!« – sag­te sie mit ei­ner so wich­ti­gen Mie­ne, als hand­le es sich um eine Staats­ak­ti­on. »Darf ich ge­hor­samst bit­ten, die­ses rosa Ar­ran­ge­ment zu prü­fen!« Sie hob mit ge­schick­ten Hän­den ein »Stil­le­ben« von ro­si­gen Mal­ven und zart schat­tier­ten, wal­len­den Strauß­fe­dern, wel­che sich über einen brei­ten Rand von mit Flit­ter be­tupf­ter Sei­de wieg­ten, und drück­te das duf­ti­ge Kunst­werk auf das Köpf­chen der ho­hen Ge­bie­te­rin.

»Ent­zückend! Gera­de­zu wun­der­bar! Dazu die Toi­let­te von dem gleich­far­bi­gen Chiné­stoff – und je­des Bild in der Ge­mäl­de­aus­stel­lung muss ge­gen die­se Wirk­lich­keit ver­blei­chen! Be­feh­len Kö­nig­li­che Ho­heit nun die­se Flie­der­far­be noch zu pro­bie­ren, oder je­nes Hop­fen­grün …«

»Nein, nein! es ist gut, bes­te Bra­bant! blei­ben wir bei dem rosa!« wehr­te Prin­zess In­ge­borg zum Stau­nen der Kam­mer­frau plötz­lich sehr gleich­gül­tig ab. »Der Wa­gen wird gleich vor­fah­ren, wir müs­sen uns be­ei­len!« Und sich mit schnel­lem Blick zu Grä­fin Her­dern wen­dend, lä­chel­te sie ach­sel­zu­ckend: »Jetzt hat es ja noch gar kei­nen Reiz zu prü­fen und zu wäh­len! denn – ›in Bil­der­sä­len ganz al­lein – da ist’s gar leicht, die Schöns­te sein!‹ – Aber ich hof­fe, es kommt noch ein­mal die Zeit, wo die Toi­let­ten­fra­ge auch für mich wie­der eine bren­nen­de wird!«

Nach kur­z­er Zeit stand die Kron­prin­zes­sin, zur Aus­fahrt be­reit, in dem An­klei­de­zim­mer und die ho­hen Spie­gel war­fen ihr so über­aus an­mu­ti­ges Bild zu­rück.

Wie der ver­kör­per­te Früh­ling schweb­te sie über den weiß-gol­de­nen Smyr­na­tep­pich und Grä­fin Her­dern knöpf­te me­cha­nisch die lan­gen Schwe­den­hand­schu­he zu und dach­te im Her­zen: »wahr­lich, es wird schwer­hal­ten, für so viel Schön­heit eine Ri­va­lin zu fin­den – und eine Ge­fahr kann und wird die­se nie­mals für die hohe Frau sein!«

Kron­prinz Ge­org hat­te nebst sei­ner ho­hen Ge­mah­lin sei­nen Be­such in der Ge­mäl­de­aus­stel­lung schon ver­schie­dent­lich hin­aus­schie­ben müs­sen, da stets un­vor­her­ge­se­he­ne und dring­li­che An­ge­le­gen­hei­ten sei­ne Zeit in An­spruch nah­men.

Heu­te end­lich hielt die Equi­pa­ge vor dem ho­hen Por­tal des Na­tio­nal­mu­se­ums, in wel­chem die Wer­ke mo­der­ner, aus­stel­len­der Künst­ler un­ter­ge­bracht wa­ren, und um­ju­belt von dem schnell an­ge­sam­mel­ten Pub­li­kum stieg die rei­zends­te al­ler Prin­zes­sin­nen am Arm ih­res Ge­mahls, ge­lei­tet von den bei­den Di­rek­to­ren des Mu­se­ums, die brei­te Freitrep­pe em­por.

Grä­fin Her­dern und der Flü­gel­ad­ju­tant, so­wie ein dienst­tu­en­der Kam­mer­herr folg­ten.

Die Kron­prin­zes­sin war eine große Lieb­ha­be­rin schö­ner Ge­mäl­de, und so schweif­te schon jetzt ihr Blick voll In­ter­es­se durch den Kup­pel­bau der Vor­hal­le, die be­kann­ten Fres­ken dar­in mit dem Blick zu um­fas­sen.

Wäh­rend­des­sen rich­te­te sie in ih­rer so ge­win­nend an­mu­ti­gen Wei­se das Wort an den ne­ben ihr schrei­ten­den Di­rek­tor.

»Ich habe mit viel Freu­de ge­hört, dass die Aus­s­tel­lung in die­sem Früh­jahr be­son­ders reich be­schickt wor­den ist! Es sol­len meh­re­re ganz her­vor­ra­gen­de Ar­bei­ten un­ter den Bil­dern sein, man nann­te mir vor al­len: ›Herbst­zeit­lo­sen‹ von E. v. H., ei­ner jun­gen, sehr ta­len­tier­ten Straß­bur­ger Ma­le­rin, – dann die ›Müh­le mit Wehr‹ und einen Stu­dien­kopf von Man­fred Hoff, – letz­te­rer soll be­son­ders viel be­spro­chen wer­den?«

Der Di­rek­tor ver­neig­te sich: »Al­ler­dings scheint Man­fred Hoff, ein bis­her noch un­be­kann­ter An­fän­ger, den Vo­gel ab­zu­schie­ßen, was die Gunst und das In­ter­es­se des großen Pub­li­kums an­be­trifft! Der ›Stu­dien­kopf‹ ist frag­los eine tüch­ti­ge Ar­beit, ta­del­los im Ko­lo­rit und ein Meis­ter­stück­chen, was die Be­leuch­tung an­be­trifft, aber – um ganz ehr­lich zu sein – der Er­folg wür­de trotz­dem nicht ein der­ar­tig großer sein, wenn er nicht durch die Schön­heit des Mo­dells auf das we­sent­lichs­te un­ter­stützt wür­de!«

»Schön­heit des Mo­dells? – ge­hört der ›Stu­dien­kopf‹ ei­ner Dame an?« – Die Prin­zes­sin sah plötz­lich sehr leb­haft zu dem Spre­cher em­por und schi­en sei­ne Ant­wort voll sicht­li­cher Span­nung zu er­war­ten.

»Man sagt, der jun­ge Ma­ler habe eine nahe An­ver­wand­te auf die Lei­ne­wand ge­zau­bert, eine Dame, wel­che eine ganz her­vor­ra­gen­de Schön­heit sein muss, wenn der Künst­ler nicht sehr idea­li­siert hat!«

»Ach! eine Schön­heit, wel­che ei­nem großen Pub­li­kum ein­stim­mig ge­fällt? Die dürf­te un­ter die wei­ßen Ra­ben ge­zählt wer­den!« – – Prin­zes­sin In­ge­borgs veil­chen­blaue Au­gen blitz­ten plötz­lich auf. »Ich ge­ste­he, dass ich auf den An­blick die­ses Bil­des be­son­ders neu­gie­rig bin! Bit­te füh­ren Sie uns zu­erst zu Man­fred Hoffs ge­fähr­li­cher Schön­heit!«

Der Di­rek­tor ver­neig­te sich mit sehr viel­sa­gen­dem Lä­cheln: »Die dürf­te wie ein Schat­ten vor der Son­ne ver­ge­hen, wenn der ge­mal­ten Schön­heit die le­ben­di­ge ge­gen­über­tritt. Kö­nig­li­che Ho­heit! Ich bit­te, mich einen Au­gen­blick zu be­ur­lau­ben, um die Men­schen­men­ge, wel­che sich meist vor die­sem Bil­de staut, ein we­nig in Fluss zu brin­gen! Es war der di­rek­te Be­fehl Sei­ner Kö­nig­li­chen Ho­heit, die Säle wäh­rend des Be­suchs der höchs­ten Herr­schaf­ten nicht ab­zu­sper­ren!«

»Ich weiß! – Halt, ver­ehr­tes­ter Herr Pro­fes­sor, blei­ben Sie! Ich bin über­zeugt, dass wir ge­nug Raum zum se­hen fin­den, und möch­te die Zuschau­er durch­aus nicht zur Eile trei­ben! Rechts im Licht­saal? – Gut! Ge­hen wir den di­rek­ten Weg!«

Die hohe Frau sprach sehr hei­ter und sicht­lich an­ge­regt, sie wand­te sich zur Grä­fin Her­dern zu­rück und rief ihr mit be­deu­tungs­vol­lem Blick zu: »Wir wer­den jetzt das Bild ei­ner Dame se­hen, wel­che der gan­zen Re­si­denz den Kopf ver­dreht! Eine Schön­heit, die mich ganz be­son­ders in­ter­es­sie­ren wird!«

»In der Tat? Welch schnel­le Er­fül­lung ei­nes Wun­sches!« er­wi­der­te die Hof­da­me über­rascht und sah da­bei aus, als ob sie je­den, auch den ge­heims­ten Ge­dan­ken ih­rer Ge­bie­te­rin in die­sem Au­gen­blick er­rie­te.

Tat­säch­lich dräng­te sich das Pub­li­kum vor dem Bild des un­be­kann­ten Ma­lers, und als das Er­schei­nen des kron­prinz­li­chen Paa­res be­kannt wur­de, wich man in freu­digs­ter Er­re­gung voll Ehr­furcht zur Sei­te, ohne je­doch den Saal zu ver­las­sen. Ja, es schi­en bei­na­he, als ob sich eine ganz be­son­de­re Leb­haf­tig­keit der Zuschau­er be­mäch­tig­te.

Ein ent­zück­tes Tu­scheln und Rau­nen, wel­ches der be­zau­bern­den Er­schei­nung der ho­hen Frau galt, und dann ein ge­dämpf­tes Flüs­tern, eif­ri­ges De­bat­tie­ren und ein Beo­b­ach­ten und sicht­li­ches Ver­glei­chen, wel­ches trotz sei­ner dis­kre­ten Art doch wohl be­merkt wer­den konn­te.

»Ach! sie ist brü­nett!« sag­te Prin­zes­sin In­ge­borg mit tie­fem Au­fat­men im Flüs­ter­ton zu Grä­fin Her­dern, wel­che an ihre Sei­te ge­tre­ten war, dann hob sie mit ei­nem Blick höchs­ten Stau­nens die ju­we­len­ge­schmück­te Lor­gnet­te und rief ganz be­geis­tert: »O sieh doch, Ge­org! wie wun­der­bar schön!«

Der Kron­prinz trat einen Schritt zur Sei­te um noch bes­se­res Licht zu ge­win­nen und nick­te nach­denk­lich vor sich hin: »In der Tat ein über­ra­schend schö­nes Ge­sicht, al­ler­dings scheint es sehr idea­li­siert, und der Ef­fekt wird durch die Be­leuch­tung sehr er­höht!«

»Se­ve­ra. Stu­dien­kopf.«

»Stellt es eine ge­schicht­li­che oder ro­man­haf­te Sze­ne dar? Ist es eine Ko­stüm­stu­die?«

»Führt uns der Ma­ler in die alte Zeit zu­rück?« –

»Ge­wiss nicht! Nur poe­ti­sche Auf­fas­sung!«

»In der Tat frap­pant!«

»Man wird an eine schö­ne Mär­ty­re­rin oder einen Skla­vin aus Her­mann des Che­rus­kers Zeit er­in­nert!«

Ei­nen Au­gen­blick herrsch­te Schwei­gen.

Man schau­te, in tie­fes Sin­nen ver­lo­ren, auf das selt­sa­me Bild. – Eine alte feucht­graue Mau­er, an wel­cher ein jun­ges Weib, bis zu den Kni­en sicht­bar, lehnt. Ein Arm ist hin­ter den Kopf ge­scho­ben und das lan­ge, wil­de, blauschwar­ze Haar flu­tet, ihn halb ver­de­ckend, dar­über hin. Seit­lich, in ei­nem ver­ros­te­ten Ei­sen­ring an der Mau­er, steckt eine blut­rot fla­ckern­de Pech­fa­ckel, wel­che ihr un­ru­hi­ges Licht über Ge­sicht und Brust der ge­heim­nis­vol­len Se­ve­ra sprüht.

Ge­heim­nis­voll! – Mit großen, nacht­dun­keln, weit of­fe­nen Au­gen sieht sie dem Be­schau­er ge­ra­de in das Ge­sicht! Welch ein Blick! Er durch­zuckt wie Feu­er, und den­noch frös­telt es einen da­bei. Was liegt dar­in? –

Eine düs­te­re, lei­den­schaft­li­che Fra­ge? Ein un­bän­di­ger Stolz, wel­cher lie­ber Ban­den und Ker­ker wie einen un­ge­lieb­ten Gat­ten wählt? – Re­li­gi­öser Fa­na­tis­mus, der lie­ber voll wil­den Ent­zückens den Leib auf die Fol­ter legt, ehe er den ver­ächt­li­chen Göt­tern der Hei­den hul­digt?

Se­ve­ra!

Ja, sie ist schön, un­be­greif­lich schön, sie ist die ver­kör­per­te Schön­heit, von wel­cher Prin­zes­sin In­ge­borg träu­me­risch ge­fragt hat: »Was bist du? Ein En­gel oder ein Teu­fel? – Wo stammst du her? Aus dem Him­mel oder der Höl­le?«

Die Her­ren be­gin­nen mit ge­dämpf­ten Wor­ten zu flüs­tern und zu de­bat­tie­ren, der Blick der Kron­prin­zes­sin aber huscht un­be­merkt zu dem seit­lich ste­hen­den Pub­li­kum und sieht es – deut­lich und un­ver­kenn­bar – man zieht Ver­glei­che zwi­schen ih­rer blon­den, lieb­rei­zen­den und son­ni­gen Schön­heit und dem Zau­ber je­nes glut­äu­gi­gen Wei­bes!

Aber die Bli­cke, wel­che sie tref­fen, strah­len in solch auf­rich­ti­ger Be­wun­de­rung, und es sind ih­rer mehr und im­mer mehr, wel­che sich von dem Bild ab­wen­den und auf ih­rem ro­si­gen Ant­litz wei­len. Da flammt es hei­ßer und hei­ßer in ihre Wan­gen em­por. Ein nie ge­kann­tes Ge­fühl steigt wie lei­ses Däm­mern in ihr auf, – der se­li­ge Tri­umph, noch schö­ner zu sein, wie die Schöns­te!

Und dies Ent­zücken spie­gelt sich in dem war­men, see­len­vol­len Blick, wel­cher nun auch in heim­li­chem For­schen das Auge des Gat­ten sucht.

Ganz ver­tieft steht der Kron­prinz in den An­blick der wun­der­sa­men Se­ve­ra.

Man sieht es ihm an, wie auch ihn die Macht die­ser Glut­au­gen er­greift, – plötz­lich aber wen­det er sich, um an das Wei­ter­ge­hen zu mah­nen.

Sein Blick trifft das Ant­litz sei­ner lieb­rei­zen­den jun­gen Frau.

Welch ein Ge­gen­satz zwi­schen ihr und die­sem fa­ckel­über­lo­der­ten Ant­litz!

In­ge­borg sieht den jä­hen Blick, wel­cher scharf prü­fend zwi­schen Bild und Le­ben hin und her zuckt, – dann aber haf­tet er, auf­leuch­tend in un­be­schreib­li­cher Zärt­lich­keit auf dem gold­blon­den Köpf­chen, wel­ches mit bei­nah’ schel­mi­schen Lip­pen zu ihm au­flä­chelt.

»Ge­hen wir wei­ter!« sagt er, nimmt den Arm sei­ner Ge­mah­lin und drückt ihn un­be­merkt fest und fes­ter an sich!

O welch ein won­ne­vol­ler Tri­umph!

Noch nie im Le­ben hat sie ein solch klei­ner Be­weis sei­ner Lie­be so be­glückt wie in die­sem Au­gen­blick. Und die Freu­de ver­klärt ihr hol­des Ge­sicht und macht es noch an­mu­ti­ger wie zu­vor.

Sie lä­chelt und grüßt nach al­len Sei­ten und der En­thu­si­as­mus des Pub­li­kums ist stür­mi­scher wie je.

Wie­der sitzt Prin­zes­sin In­ge­borg in dem An­klei­de­zim­mer vor dem Spie­gel und war­tet, bis sich Frau Bra­bant mit Hut und Schirm ent­fernt hat.

Dann wen­det sie sich has­tig zu Grä­fin Her­dern um. »Sie muss­ten mich hier­her be­glei­ten, lie­be Frie­da!« flüs­ter­te sie er­regt. »Denn ich woll­te Sie noch al­lein spre­chen! Was sa­gen Sie zu dem Schnee­witt­chen, wel­ches wir ent­deckt ha­ben?«

Die Hof­da­me küsst voll ehr­li­chen Ent­zückens die klei­ne wei­che Hand, wel­che sich ihr ent­ge­gen­streckt.

»Ich sage, dass sie lan­ge, lan­ge nicht schö­ner ist, wie un­se­re al­ler­herr­lichs­te Kö­ni­gin!«

»Das dürf­te Ge­schmackssa­che sein! – Ihr Bild ha­ben wir ge­fun­den, nun heißt es, das Ori­gi­nal zur Stel­le schaf­fen!«

»Das Ori­gi­nal … zur Stel­le …?« Mit großen Au­gen starr­te die Hof­da­me die Spre­che­rin an. »Ich ver­ste­he nicht, Kö­nig­li­che Ho­heit!«

»Ka­pri­cen müs­sen stets er­läu­tert wer­den! Da­rum las­sen Sie sich’s sa­gen und blei­ben Sie Ih­rer Sin­ne Meis­ter! Die ge­heim­nis­vol­le Se­ve­ra soll mei­ne Ne­ben­son­ne bei Hofe wer­den!«

»Kö­nig­li­che Ho­heit!! Wir ah­nen ja nicht, wer sie ist!«

Die Prin­zes­sin lach­te wie ein glück­se­li­ges Kind.

»Sie ist in we­nig Wo­chen eine land­be­kann­te Schön­heit, eben­so wie ich. Die glei­chen Be­din­gun­gen zu dem Wett­kampf sind also ge­ge­ben! Und wie die Ri­va­lin heißt? Das wol­len wir bald er­fah­ren! Der ers­te Wür­fel soll noch heut durch Ihre Hand fal­len! Also Sie set­zen sich so­fort hin, lie­be Her­dern und schrei­ben einen Brief an den Ma­ler Man­fred Hoff. Fol­gen­den In­halts. Ihre Kö­nig­li­che Ho­heit, die Frau Kron­prin­zes­sin sind ent­zückt von dem herr­li­chen Ge­mäl­de, wel­ches Sie aus­ge­stellt ha­ben. Hoch­die­sel­be lässt Ih­nen Ihre volls­te Aner­ken­nung aus­drücken und gleich­zei­tig um die ge­nau Adres­se Ihres Mo­dells bit­ten, wel­ches Ih­rer Kö­nig­li­chen Ho­heit sehr sym­pa­thisch auf­ge­fal­len ist! – Schluss. – Nun, was sa­gen Sie zu die­ser al­ler­neus­ten Marot­te?«

Wie in hilflo­ser Be­stür­zung schau­te die Hof­da­me in das über­mü­ti­ge Ge­sicht­chen der jun­gen Frau. Wie be­schwö­rend hob sie die Hän­de.

»Ich sage und hof­fe, dass mei­ne all­er­gnä­digs­te Her­rin nur im Scherz ge­spro­chen ha­ben!«

»Durchaus nicht, – ich war nie so ernst­haft ent­schlos­sen wie in die­sem Au­gen­blick!«

»Kö­nig­li­che Ho­heit ah­nen ja gar nicht, was solch ein au­ßer­ge­wöhn­li­cher Schritt her­auf­be­schwö­ren kann! Wer sagt uns, dass jene glut­äu­gi­ge Se­ve­ra ein We­sen ist, wel­ches ein der­ar­tig huld­vol­les In­ter­es­se ver­dient?«

»Aber, bes­te Her­dern – Sie se­hen am hel­len Tag Ge­s­pens­ter. ›Ob ich dich lie­be oder mich für dich in­ter­es­sie­re, was geht’s dich an?‹ sage auch ich mit dem Dich­ter. Ihr Brief ver­pflich­tet zu nichts. Er­fah­ren wir die Adres­se, so wer­den wir uns ganz un­ter der Hand nach der schö­nen Se­ve­ra er­kun­di­gen. Ist sie nicht la­dy­li­ke – nun, so sinkt der Vor­hang tie­fen Schwei­gens über un­se­re Plä­ne, ist sie aber ein We­sen, wel­ches ver­dient em­por­ge­ho­ben zu wer­den, so steht uns nichts im Wege, sie zu mei­ner Ne­ben­son­ne zu ma­chen!«

»Was ver­ste­hen Eue­re Kö­nig­li­che Ho­heit dar­un­ter? soll jene Un­be­kann­te tat­säch­lich in die Hof­ge­sell­schaft lan­ciert wer­den?«

»Wenn uns ihre Per­sön­lich­keit Er­folg ga­ran­tiert, ge­wiss!«

Grä­fin Frie­da Her­dern press­te einen Au­gen­blick die Lip­pen wie in schwe­rer Sor­ge zu­sam­men. Dann hob sie den Blick und bat mit sehr wei­cher, herz­li­cher Stim­me: »Darf ich in die­sem Au­gen­blick ein­mal ganz ehr­lich und auf­rich­tig sein?«

»Das hof­fe und ver­lan­ge ich stets von Ih­nen!«

»Ich be­merk­te, dass so­wohl das Pub­li­kum, wie auch Sei­ne Kö­nig­li­che Ho­heit der Kron­prinz, vor dem ›Stu­dien­kopf‹ Ver­glei­che zwi­schen mei­ner all­er­gnä­digs­ten Her­rin und je­ner Frem­den zo­gen. Das Re­sul­tat war ein Tri­umph für ers­te­re. Auch Eure Kö­nig­li­che Ho­heit be­ob­ach­te­ten dies, und der Er­folg hat wohl frag­los den au­ßer­ge­wöhn­li­chen Plan, Fräu­lein Se­ve­ra in un­se­re Krei­se zu zie­hen, ge­zei­tigt. Nun aber hal­te ich es für mei­ne Pf­licht, auf eine Tat­sa­che auf­merk­sam zu ma­chen. Dem Le­ben ge­gen­über ver­liert je­des Bild. – Wenn aber jene fas­zi­nie­ren­den Au­gen des ›Stu­dien­kop­fes‹ in Wahr­heit ne­ben de­nen Eue­rer Kö­nig­li­chen Ho­heit blit­zen, wenn viel­leicht viel Raf­fi­ne­ment und Ko­ket­te­rie die ge­fähr­li­che Schön­heit je­nes ei­gen­ar­ti­gen Wei­bes un­ter­stüt­zen, ge­stal­tet sich der Er­folg ganz an­ders, und wer weiß, wie viel schmerz­li­che Schat­ten, ja wie viel düs­te­res Un­heil er auf das son­ni­ge Glück mei­ner teu­ren Fürs­tin wirft!«

Prin­zes­sin In­ge­borg lach­te hell auf. »Fürch­ten Sie für mei­nes Gat­ten Herz? – glau­ben Sie, die Qua­len der Ei­fer­sucht wür­den das mei­ne zer­flei­schen? O wie schlecht ken­nen Sie mei­nen ta­del­lo­sen, tu­gend­haf­ten Ge­org, wie we­nig das fes­te Fun­da­ment un­se­res Glücks! Und Fräu­lein Se­ve­ra die Pal­me des Sie­ges miss­gön­nen? Nie­mals! Ich ken­ne kei­nen Neid und kann mich auch über die Er­fol­ge an­de­rer freu­en, selbst wenn die­se eine Nie­der­la­ge für mich be­deu­ten! – Der Reiz des schö­nen Wett­kamp­fes bleibt trotz al­lem! und ob so oder so – ich löse die bren­nen­de Fra­ge über das wah­re We­sen der Schön­heit auf je­den Fall! Wa­rum mir die­se harm­lo­se Freu­de miss­gön­nen? Als Sie neu­lich abends ›Gelb rollt mir zu Fü­ßen‹ san­gen und Sei­ne Ma­je­stät Ih­nen Bei­fall klatsch­te und sag­te: ›So schön habe ich die­ses Lied kaum von der Her­mi­ne Spieß ge­hört!‹ da strahl­te Ihr Ge­sicht auch vor Freu­de über die­sen Sieg über eine Meis­te­rin, – und mir wol­len Sie es miss­gön­nen, auch ein­mal über eine be­rühm­te Schön­heit zu sie­gen? Ich habe ja lei­der kei­ne Ta­len­te, wel­che sich an de­nen an­de­rer mes­sen könn­ten, mir ward nur ein we­nig nutz­lo­se, zweck­lo­se Schön­heit – was Wun­der, wenn ich auch aus die­sem Körn­lein eine Blü­te der Freu­de zie­hen möch­te! – Also un­be­sorgt. – Schrei­ben Sie so­fort und las­sen Sie mich um­ge­hend die Ant­wort des neu­ent­deck­ten Raf­faels hö­ren!«

Grä­fin Her­dern seufz­te tief auf und küss­te die klei­ne Hand der Prin­zes­sin, wel­che die ihre sehr herz­lich drück­te.

»Tu l’as vou­lu Ge­or­ge!« ver­such­te sie zu scher­zen, – »die Wün­sche Eue­rer Kö­nig­li­chen Ho­heit sind ja Be­fehl für mich.«

II.

In ei­ner klei­nen Pro­vin­zi­al­stadt, nahe der Re­si­denz, lag ein ein­fa­ches Land­häus­chen vor dem Tor.

Im Erd­ge­schoss wohn­te der Be­sit­zer, ein be­tag­ter Ren­tier mit sei­ner kränk­li­chen Frau, die ers­te Eta­ge hat­te die ver­wit­we­te Re­gie­rungs­rä­tin Hoff mit ih­ren Kin­dern, ei­ner er­wach­se­nen Toch­ter und drei min­der­jäh­ri­gen Söh­nen, inne. Da die Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se äu­ßerst be­schei­den wa­ren, leb­te die Fa­mi­lie sehr still und zu­rück­ge­zo­gen, kaum dass Se­ve­ra eine Tee­ge­sell­schaft oder einen Ball be­su­chen konn­te, denn für nichts moch­te kei­ne Fa­mi­lie mit Töch­tern das schö­ne Mäd­chen ein­la­den und Neid und Miss­gunst be­müh­ten sich eher, sie über­all fern zu hal­ten, an­statt sie zu fa­ta­ler Kon­kur­renz her­an­zu­ziehn.

Der Flie­der stand in Blü­te, be­rau­schen­de Duft­wo­gen stie­gen aus dem Gar­ten zu dem ein­sa­men Er­ker em­por, in wel­chem Se­ve­ra Hoff mit ei­nem tie­fen, un­ge­dul­di­gen Seuf­zer die fei­ne Stick­ar­beit aus der Hand leg­te.

Es war zu däm­me­rig ge­wor­den, um den Gold­fa­den noch durch die wei­ße Sei­de zu ziehn, und das jun­ge Mäd­chen schau­te einen Au­gen­blick mit ge­furch­ter Stirn auf die kost­ba­re Sti­cke­rei nie­der, wel­che sie für ei­nes der ers­ten Kon­fek­ti­ons­häu­ser der Re­si­denz auf Be­stel­lung ar­bei­te­te.

In den dunklen Au­gen glüh­te es heiß und lei­den­schaft­lich auf und die wei­ßen Zäh­ne schnit­ten scharf in die Lip­pe, als müs­se ein im­mer wie­der auf­quel­len­der Groll ge­walt­sam ver­bis­sen wer­den. Welch eine fun­keln­de Pracht von Gold und Pail­let­ten ent­stand un­ter ih­ren rast­los flei­ßi­gen Hän­den! Für wen?

Welch ein be­nei­dens­wer­tes, glück­be­güns­tig­tes Ge­schöpf wird sich zu be­vor­ste­hen­dem Gar­ten­fest, wie es in der dring­li­chen Be­stel­lung hieß, da­mit schmücken?

Vi­el­leicht ist sie häss­lich, tö­richt, lang­wei­lig, in nichts das, was ein Män­ner­herz ent­zückt, aber sie ist reich! und der Reich­tum ist eine Macht, wel­che selbst den Ge­schmack und das Herz der ele­gan­ten Her­ren be­herrscht!

Ein bit­te­res Lä­cheln glitt über das schö­ne Ant­litz der Sin­nen­den.

Mecha­nisch hob sie den schwe­ren Sei­den­stoff, trat vor den Spie­gel und ließ die letz­ten Strah­len des Aben­d­rots über das Bild, wel­ches sie dar­in sah, glei­ten.

Ja, wenn sie die­ses Kleid be­sit­zen könn­te! wenn sie reich, vor­nehm, ele­gant wäre! Welch eine Trä­ge­rin wür­de sie solch flim­mern­der Pracht sein!

Ist ihr stol­zes, klas­sisch schö­nes Haupt nicht dazu ge­bo­ren, eine Kro­ne zu tra­gen? Schau­en nicht ihre Au­gen wie in heißem Hun­ger nach Glück und Ge­nuss in die Welt?

Ar­mes Aschen­brö­del!

Mit lei­den­schaft­li­chem Ruck warf sie die Sti­cke­rei wie­der auf den Näh­tisch zu­rück und schlug in qual­vol­ler Er­re­gung die Hän­de vor das Ge­sicht. Wehe ihr mit die­sem ewig un­ge­still­ten Seh­nen und Ver­lan­gen in der Brust! – Wehe ihr mit dem Ant­litz, wel­ches wie eine Son­ne in die Welt strah­len könn­te und doch zeit­le­bens ver­ur­teilt sein wird im Schat­ten der Ar­mut und des Ent­beh­rens zu ver­küm­mern!

Für im­mer?

Mit jä­her, ener­gi­scher Be­we­gung warf Se­ve­ra bei­nah trot­zig das schö­ne Haupt zu­rück.

Nein! Tau­send­mal nein!

Sie will um je­den Preis aus die­sen en­gen, klei­nen, küm­mer­li­chen Ver­hält­nis­sen her­aus! Kos­te es was es wol­le!

Zur Büh­ne! wie ein Traum voll Glanz und Mär­chen­herr­lich­keit hat sie die­ser Ge­dan­ke stets um­gau­kelt, er ist ihr fie­be­ri­sches Seh­nen ge­we­sen, so lan­ge sie den Be­griff ih­rer Ar­mut und Ver­ges­sen­heit fas­sen lern­te! – Wäre es nach ihr ge­gan­gen – sie säße jetzt nicht hier und ar­bei­te­te sich für an­de­re eit­le, ver­gnü­gungs­süch­ti­ge Wei­ber ab!

Aber die Mut­ter!

Wel­che ver­zwei­fel­ten Kämp­fe hat­te es schon ge­kos­tet sie ih­ren Wün­schen ge­neigt zu ma­chen! Um­sonst. Die Re­gie­rungs­rä­tin war eine star­re, stren­ge Frau, mit al­len Her­zens- und Ver­stands­fa­sern in den Vor­ur­tei­len lang ver­ges­se­ner Zei­ten wur­zelnd. Ihr Kind eine Ko­mö­di­an­tin? – nie! Und will Se­ve­ra es er­zwin­gen, so hat sie kei­ne Mut­ter mehr! Wer weiß, was trotz­dem un­be­zwing­li­ches Ver­lan­gen und trot­zi­ge Lei­den­schaft nicht al­les ver­mocht hät­ten, wenn, – ja, wenn nicht plötz­lich al­les so ganz, ganz an­ders ge­kom­men wäre!

Welch ein Wech­sel und Wan­del seit je­nem Au­gen­blick, wo Man­fred Hoff, der Nef­fe ih­res Va­ters, zu­erst das ein­sam stil­le Häu­schen der Mut­ter be­tre­ten!

Welch ein ers­tes, stol­zes Tri­um­phie­ren, als der jun­ge Mann wie ge­bannt in ihr Ant­litz starr­te und dann tief auf­at­mend sag­te: »O, Se­ve­ra! Schaum­ge­bo­re­ne! Dich zu schau­en ist eine Gunst der Göt­ter und dich zu ma­len das Glück, wel­ches mich ar­men Ge­sel­len wie mit Ad­ler­schwin­gen zum Par­nass tra­gen könn­te!«

Er sprach’s zu­erst im Scherz, aber dann ward es ihm hei­li­ger Ernst mit dem Ma­len!

Welch se­li­ge Stun­den!

Se­ve­ra mach­te eine große, über­ra­schen­de Ent­de­ckung, sie hat­te ein Herz in der Brust!

Ihre Brü­der hat­ten oft ge­spot­tet und sie die »Mar­mor­braut« ge­nannt, wenn jede Hul­di­gung der Pri­ma voll küh­len Stol­zes ab­ge­lehnt wur­de, wenn sich die jun­gen Kauf­leu­te, Frei­wil­li­gen und hie und da auch ein Re­fe­ren­dar oder Leut­nant die Au­gen nach ih­rem Fens­ter aus­guck­ten, ohne dass die sprö­de Schö­ne auch nur das Haupt von der Ar­beit hob.

Wa­rum auch?

Sie wa­ren alle arm, alle kei­ne der­ar­ti­ge Par­tie, wie sie Se­ve­ra in ih­ren ehr­gei­zi­gen, an­spruchs­vol­len Träu­men sah. Ja, eine Mar­mor­braut, wel­che kalt und un­ge­rührt nur eine große, klu­ge Re­chen­ta­bel­le an­statt ei­nes Her­zens in der Brust trug.

Und wo blie­ben all die hof­fär­ti­gen Plä­ne?

Wie ein sü­ßes, se­li­ges Lä­cheln ging es plötz­lich über das Ant­litz des schö­nen Mäd­chens.

Man­fred war arm, viel­leicht der Ärms­ten ei­ner, und den­noch hat­te sie sich ihm für Le­ben und Ster­ben an­ge­lobt.

Wie das ge­kom­men war? – O, wenn man sein ed­les, herr­li­ches Ant­litz sah, ver­klärt in hei­li­gem Ent­zücken, in ei­nem bei­na­he über­ir­di­schen En­thu­si­as­mus für sei­ne Kunst, wenn man in die­se kla­ren, tie­fen Au­gen sah, wel­che kein Falsch kann­ten, wenn man sei­ne Wor­te hör­te, die so edel, so tu­gend­haft und ernst von den Idea­len spra­chen, die sei­nes Le­bens Zweck und Ziel be­deu­te­ten, dann muss­te man ihn lieb ha­ben und über­zeugt sein, dass kei­nes Wei­bes Glück in si­che­re­ren Hän­den ru­hen kön­ne, als wie in den sei­nen.

Wie ein Rausch, wie ein Tau­mel sü­ßer, in­nigs­ter Lei­den­schaft über­kam es Se­ve­ra.

Eine ers­te Lie­be, so mäch­tig, so blen­dend und zau­ber­ge­wal­tig, dass al­ler Stolz, Ehr­geiz und Ver­lan­gen vor ihr da­hin­schmol­zen, wie Schat­ten an der Son­ne. Se­ve­ra be­griff sich sel­ber nicht, – aber in je­ner Won­ne­stun­de, als er ihre Hän­de fass­te und ihr sei­ne Lie­be be­kann­te, lau­ter und ernst wie ein Glau­bens­be­kennt­nis, da ge­lob­te sie sich ihm an und war glück­lich wie nie zu­vor im Le­ben.

Ein ar­mer, mit­tel- und ti­tel­lo­ser Mann!

Wahr­lich? – Bei al­ler Lie­be zuck­te Se­ver­as Herz doch bei die­sem Ge­dan­ken schmerz­lich auf, und sie ver­schlang die Hän­de vor der Brust und es klang wie eine schier trot­zi­ge Über­zeu­gung: nein! nicht arm, nicht un­be­kannt! er wird ein be­rühm­ter Ma­ler wer­den und viel, viel Geld ver­die­nen – und dann bin ich eine viel be­nei­de­te Frau, die doch noch eine große Rol­le in der Welt spie­len wird!

Und just, als ob ihre lei­den­schaft­li­chen Ge­dan­ken sein Schick­sal be­ein­fluss­ten, so kam der ers­te große, un­be­greif­lich herr­li­che Er­folg mit sei­nem Bild: »Ein Stu­dien­kopf«.

Wie be­rauscht vor Freu­de kam Man­fred aus der Re­si­denz in das klei­ne Städt­chen und er­zähl­te mit strah­len­den Au­gen von sei­nem Glück, von den Por­trät­be­stel­lun­gen, wel­che mehr und mehr bei ihm ein­lie­fen, so­dass er sich schon nach ei­nem an­stän­di­gen Ate­lier habe um­se­hen müs­sen!

Und heim­lich zog er die Ge­lieb­te an die Brust und flüs­ter­te mit sto­cken­dem Herz­schlag: »Nun ein paar große Ho­no­ra­re – und dann tei­len wir dei­ner Mut­ter un­sern Her­zens­bund mit und wer­den so schnell wie mög­lich Mann und Weib!«

»Ja, so­bald wie mög­lich!« nick­te Se­ve­ra mit blit­zen­dem Blick. »Ach, wie seh­ne ich mich da­nach, aus die­sen en­gen, pro­sa­i­schen Ver­hält­nis­sen her­aus­zu­kom­men und an dei­nem Flug zur Son­ne teil­zu­neh­men!«

Ja, bald! nur bald!

Auch jetzt rang sich’s wie ein un­ge­dul­di­ger Seuf­zer von ih­ren Lip­pen.

Das strah­len­de Lä­cheln, wel­ches einen Au­gen­blick ihr Ant­litz ver­klär­te, ver­lor sich in de­sto tiefe­ren Schat­ten. Wie­der streif­te ihr Blick die kost­ba­re Sti­cke­rei.

Man­fred hat Er­folg und Be­stel­lun­gen, er wird den Un­ter­halt für sein Haus ver­die­nen, und wenn sie viel Glück ha­ben, wer­den sie im güns­tigs­ten Fall sor­gen­los le­ben kön­nen, viel­leicht ein­mal eine Rei­se ma­chen und in das Thea­ter ge­hen – aber ein Le­ben so voll Pracht und Glanz, dass sie eine Sti­cke­rei wie die­se – Toi­let­ten für Hun­der­te von Mark tra­gen kann – ob er je­mals so viel ver­dient? Wenn er ge­sund bleibt! – Mit den Jah­ren! – Dann, wenn sie alt ge­wor­den und ihre Schön­heit zu wel­ken be­ginnt, wenn der vol­le, stür­mi­sche Ge­nuss der Ju­gend fehlt!

Ach, dass doch kein Glück voll­kom­men sein kann! Je nun! sie muss sich be­schei­den.

Sie liebt ihn ja – und ein Herz und eine Hüt­te – und ein stil­les Fleck­chen, wo sie alle hoch­flie­gen­den Plä­ne zu Gra­be le­gen kann.

Se­ve­ra wirft me­cha­nisch ein wei­ßes Tuch über die Ar­beit und wen­det sich zur Türe, um noch ein we­nig fri­sche Luft in dem Gar­ten zu schöp­fen. Sie liebt es so sehr, die­ses ele­gan­te Nichtstun! eben­so sehr, wie sie das saue­re Ar­bei­ten für frem­de Leu­te hasst!

Und wie sie in den dämm­rig stil­len, blü­ten­duf­ti­gen We­gen des Gar­tens hin und her schrei­tet, fol­gen ihr die Ge­dan­ken wie ein zu­dring­li­cher Mücken­schwarm, und wie­der und wie­der grü­belt sie über dem häss­li­chen Rät­sel: Wa­rum lebt ein so un­be­zwing­li­ches Seh­nen nach ei­nem gol­de­nen, glei­ßen­den Da­sein voll Glanz und Pracht in ih­rem Her­zen, wenn das grau­sa­me Ge­schick es nicht stil­len woll­te?

Horch … ein ei­li­ger Schritt auf dem Kies­weg.

So schrei­ten ihre Brü­der nicht, so stürmt nur ein ein­zi­ger sei­nem Glück ent­ge­gen.

»Man­fred!«

Just will er die Stein­trep­pe zur Hau­stü­re em­por­sprin­gen, als er ih­ren lei­sen Ju­bel­ruf hört.

Er wen­det sich, eilt ihr ent­ge­gen und reicht ihr bei­de Hän­de dar.

»Kannst du mich für eine Stun­de brau­chen?« flüs­ter­te er mit jauch­zen­dem Klang in der Stim­me. »O, sü­ßes Lieb, ich brin­ge eine be­rau­schend schö­ne Nach­richt!«

»Ist dein Bild ver­kauft?« Sie fragt es atem­los, nimmt sei­nen Arm und schrei­tet an sei­ner Sei­te in das ber­gen­de Blü­ten­ge­büsch hin­ein.

Er ant­wor­tet nicht so­gleich, er steht un­ter den duf­ten­den Flie­der­dol­den, presst sie stür­misch an die Brust und be­deckt ihr Ant­litz mit Küs­sen.

»Aber Liebs­ter – wenn man uns sieht!« wehrt sie er­schro­cken, und doch flu­ten die Schau­er sü­ßen Glücks durch ihre Brust und las­sen sie al­les ver­ges­sen, was sie eben noch so miss­mu­tig stimm­te.

»Lass un­ser Ge­heim­nis se­hen, wer es will!« ruft er so über­mü­tig und keck wie sie ihn noch nie zu­vor ge­sehn. »Nun soll und darf es ja of­fen­bar wer­den, nun soll es die Welt wis­sen, dass du mein bist, und soll mich be­nei­den als den glück­se­ligs­ten Mann im Deut­schen Reich!«

»Was um al­les ist ge­sche­hen, Man­fred? Mach mich nicht neu­gie­rig! sprich!«

Er macht ein sehr ge­heim­nis­vol­les Ge­sicht, zieht fei­er­lich einen Brief aus der Brust­ta­sche und hält ihn auf den Rücken.

»Rate von wem?« scherzt er leuch­ten­den Au­ges.

»Aber, Man­fred! welch ein Ver­lan­gen!!«

Da lacht er aber­mals, küsst sie aufs neue und zieht sie ne­ben sich auf die klei­ne Holz­bank un­ter dem Flie­der und Gold­re­gen nie­der.

»Nun sieh ein­mal die­sen Stem­pel an!« sag­te er fei­er­lich.

Sie beugt sich neu­gie­rig vor und hält das große, steif ku­ver­tier­te Schrei­ben in das Licht.

»Ein Dop­pel­wap­pen un­ter ei­ner Kö­nigs­kro­ne?« sagt sie er­staunt und dann buch­sta­biert sie nicht ohne Mühe in dem Däm­mer­licht: »Kor­re­spon­denz Ih­rer Kö­nig­li­chen Ho­heit der Kron­prin­zes­sin!«

Ein lei­ser Aus­ruf höchs­ter Über­ra­schung.

»Man­fred! ein Brief vom Hofe? – hat man dort dein Bild ge­kauft?«

Wie­der lacht der schlan­ke, blon­de Mann und streicht lau­nig den klei­nen Schnurr­bart.

»Nun gut! so sollst du die­se Neu­ig­keit zu­erst wis­sen! Ja, der Kron­prinz hat das Bild zur Ge­burts­tags­über­ra­schung für sei­ne Ge­mah­lin an­ge­kauft, und einen sehr ge­nerösen und fürst­li­chen Preis da­für ge­zahlt! – Nun, Herz­liebs­te, was sagst du zu die­ser Ju­bel­post?«

Se­ve­ra at­met hoch auf. Ihr Blick um­fasst voll stol­zen Ent­zückens das Ant­litz ih­res Ver­lob­ten, nie ist er ihr so schön, so lie­bens­wert vor­ge­kom­men wie in die­sem Au­gen­blick, nie zu­vor hat ihr Herz in solch rei­ner, him­mel­auf­jauch­zen­der Lie­be ge­schla­gen wie so­eben.

Zum ers­ten Mal im Le­ben denkt sie nicht in ers­ter Li­nie an sich, son­dern an ihn, an sei­nen Er­folg, an sei­ne Aus­zeich­nung, an sein Ver­dienst! Und die Selbst­lo­sig­keit die­ses Ge­fühls ist ihr so neu und er­füllt sie mit ei­ner solch frem­den, über­wäl­ti­gen­den Glück­se­lig­keit, dass sie in stum­mem Ju­bel die Arme um ihn schlingt und ihn küsst, – so heiß, so lei­den­schaft­lich, wie nur eine Se­ve­ra emp­fin­den kann!

Es ist, als ob das große, wah­re Glück, das ei­ner ed­len und selbst­lo­sen Lie­be in die­sem Au­gen­blick an ihre Sei­te ge­tre­ten wäre, ihr süß und dring­lich in das Ohr zu flüs­tern: »Hier bin ich! Hal­te mich fest, wenn dein Da­sein Wert und In­halt ha­ben soll! Ein­mal nur kreu­ze ich im Le­ben den Weg der Ir­di­schen, wohl dem, wel­cher mich er­kennt und ech­tes Gold dem Flit­ter­glanz welt­li­cher Lo­ckung vor­zieht!«

Se­ve­ra ist es, als ob sie die lei­se Stim­me hör­te, traum­haft und ver­schwom­men.

Aber sie hat es nie in ehr­li­cher Selbst­zucht ge­lernt, auf die zar­ten Mah­nun­gen ih­res Ge­wis­sens zu ach­ten, sie ge­nießt auch jetzt die schö­ne Wei­he die­ses Au­gen­blicks in acht­lo­ser Flüch­tig­keit.

»Lass dir gra­tu­lie­ren, Man­fred! Tau­send­mal Glück wün­schen zu dem großen, wohl­ver­dien­ten Er­folg, wel­cher mir eine Tri­um­ph­p­for­te für un­se­re Zu­kunft deucht! Dein Bild ist herr­lich! ein Meis­ter­werk! Es ist eine Ga­ran­tie für eine glän­zen­de Kar­rie­re!«

Im Über­maß des Glückes zieht er sie ans Herz. Noch nie hat sie ihm ihre Lie­be so rück­halt­los ge­zeigt wie heu­te, noch nie brann­te ihr stol­zer, küh­ler Mund so heiß wie in die­ser Stun­de!

»Und wem dan­ke ich die­sen Er­folg, du Herr­lichs­te?« fährt er er­regt fort. »Dir! dir und dei­ner Schön­heit al­lein, und das will ich dir so­fort be­wei­sen! Kannst du die­sen Brief noch ent­zif­fern? oder soll ich mei­ne elek­tri­sche Ta­schen­lam­pe zu Hil­fe neh­men? Aber le­sen musst du ihn – und zwar auf der Stel­le, denn er ent­hält die zwei­te, große Über­ra­schung, wel­che spe­zi­ell dir gilt!«

»Mir?«

Mit zwei­feln­dem Blick schaut sie zu ihm auf, dann er­hebt sie sich und tritt un­ter den Wü­schen her­vor auf den frei­en Kies­weg, wo das letz­te Ta­ges­licht noch leuch­tet.

»Weg mit der Lam­pe! ich kann noch ganz gut sehn!« sagt sie has­tig und ent­fal­tet mit ei­ner ih­rer kur­z­en, ener­gi­schen Be­we­gun­gen das stei­fe Pa­pier mit der gol­de­nen Kö­nigs­kro­ne!

Ei­nen Au­gen­blick haf­tet ihr Blick auf die­ser.

Eine Kro­ne! – Wie schön!

Und wäre es auch nur eine neun- oder sie­ben­punk­ti­ge – sie wür­de be­zau­bernd sein!

O glück­lich, be­nei­dens­wert die Men­schen, wel­che ein Krön­lein tra­gen, wel­che sich sol­che Brief­bo­gen an­fer­ti­gen las­sen kön­nen!

Sie wird nie so glück­lich sein. – Se­ve­ra Hoff! nichts mehr und nichts we­ni­ger, und wenn Man­fred noch so be­rühmt wird!

Wie­der fliegt der schnel­le Schat­ten über ihre Stir­ne, sie neigt sich und liest.

Plötz­lich wer­den ihre Au­gen groß und starr – sie liest ein-, zwei­mal – als kön­ne sie den Sinn die­ser Wor­te gar nicht fas­sen … ihre Hand hält das duf­ten­de Pa­pier fes­ter, als fürch­te sie, es kön­ne wie Lug und Trug un­ter ih­ren Fin­gern zer­rin­nen.

»Man­fred!«

Wie ein lei­ser, hal­b­er­stick­ter Auf­schrei ringt es sich von ih­ren Lip­pen.

Er ist auf­ge­sprun­gen, ne­ben sie ge­tre­ten, er legt den Arm um sie und wei­det sich an ih­rer sprach­lo­sen Über­ra­schung.

»Hast du dir das träu­men las­sen?« lacht er, und sei­ne wei­ßen Zäh­ne blin­ken durch den Schnurr­bart.

Dunkle Blut­wel­len er­gie­ßen sich über Se­ver­as Ant­litz.

»Und dies ist kein Scherz … dies ist wahr und wahr­haf­tig ein Brief der Hof­da­me?« stam­melt sie, kaum der Wor­te mäch­tig.

»Wahr und wahr­haf­tig ein ech­ter Brief!« amü­siert er sich, greift nach dem Schrei­ben und will es wie­der an sich neh­men, das schö­ne Mäd­chen aber wehrt ihm mit ei­ner lei­den­schaft­li­chen Be­we­gung.

»Lass ihn mir! ich bit­te dich dar­um! – und nun komm! setz dich wie­der zu mir, – sag, was du der Grä­fin geant­wor­tet hast?«

Er führt sie zu der Bank zu­rück und nimmt an ih­rer Sei­te Platz.

»Was ich geant­wor­tet habe? Die­se Staats­ak­ti­on steht mir noch be­vor!« scherzt er und fasst ihre Hän­de, wel­che vor Auf­re­gung be­ben: »Und aus die­sem Grun­de kam ich so über­ra­schend und am spä­ten Abend noch hier­her gesaust! – Vor al­len Din­gen muss ich dich doch fra­gen, wie mei­ne Ant­wort lau­ten soll! Willst du dein In­ko­gni­to auf­ge­ben, soll ich der Hof­da­me wirk­lich dei­nen Na­men nen­nen, oder ist es dir ein pein­li­cher Ge­dan­ke?«

»Pein­li­cher Ge­dan­ke? In­wie­fern das? nicht im min­des­ten!« ruft sie bei­nah hef­tig, »ich bin se­lig über dies In­ter­es­se, ich wür­de kein hö­he­res Glück ken­nen, als es mir vollends zu ge­win­nen!«

»Du glaubst, dass die­ser Brief noch Fol­gen ha­ben kann? Ehr­lich ge­stan­den, hal­te ich es auch nicht für un­mög­lich, dass du viel­leicht ein­mal zu der Kron­prin­zes­sin be­foh­len wür­dest! Aber es wür­de mir sehr schmerz­lich sein, wenn du dir falsche Hoff­nun­gen mach­test, denn die ho­hen Herr­schaf­ten sind viel be­an­sprucht, – sie ha­ben mor­gen ver­ges­sen, was sie heu­te in­ter­es­siert!«

»Das hof­fe ich nicht! Das wäre eine Grau­sam­keit des Schick­sals, wel­che un­er­hört wäre!« rief Se­ve­ra bei­nah un­ge­stüm. »Nein, nein! ich weiß, ich füh­le es, die­ser Brief greift in mein Le­ben ein, er bil­det den Wen­de­punkt, wel­chen ich so heiß er­sehn­te …«

»Aber Kind! du bebst ja wie im Fie­ber!« lacht er noch im­mer voll harm­lo­ser Freu­de, »welch einen Wen­de­punkt soll er noch brin­gen? Un­ser Glück hat Got­tes Gna­de uns ja jetzt ge­si­chert! Wir kön­nen hei­ra­ten! Ist das nicht die Er­fül­lung all uns­rer sehn­lichs­ten Wün­sche?«

Es ist zu dämm­rig un­ter den Zwei­gen, er sieht nicht den selt­sa­men Aus­druck ih­res Ge­sichts, die­ses be­gehr­li­che, un­be­frie­dig­te Glü­hen in den schwar­zen Au­gen.

»Das wohl! – ge­wiss!« sagt sie flüch­tig. »Aber zu dem Le­ben, dem schö­nen, rei­chen Le­ben ge­hört doch mehr wie Lie­be und das täg­li­che Brot!«

»Mir ge­nügt es!« sagt er weich, »habe ich dies bei­des, be­nei­de ich kei­nen Kö­nig!«

Sie mach­te eine un­ge­dul­di­ge Be­we­gung.

»Schäm dich! nur Lum­pe sind be­schei­den! Das soll­test du doch wis­sen!«

»Ja, ich weiß und ken­ne dies so viel­fach miss­ver­stan­de­ne und übel ge­deu­te­te Dich­ter­wort und blei­be dar­um um so fes­ter bei der An­sicht, dass Be­schei­den­heit und nur Be­schei­den­heit die Grund­la­ge zu je­dem wah­ren und fried­li­chen Glück bil­det!«

»Auch für einen Künst­ler?«

»Für den in ers­ter Li­nie! Du kennst mei­ne stren­ge Moral und weißt, wel­che hohe An­for­de­run­gen ich ge­ra­de an die Künst­ler stel­le! Sich selbst ge­gen­über, mit dem Maß­stab, wie er sein künst­le­ri­sches Schaf­fen, Kön­nen und sei­ne idea­len Zie­le misst, kann er nie un­be­schei­den ge­nug sein, son­dern muss die höchs­ten An­for­de­run­gen an sei­nen Fleiß und sein red­li­ches Stre­ben stel­len. Aber was sei­ne An­sprü­che an das Le­ben be­trifft, muss er de­sto ge­nüg­sa­mer und be­schei­de­ner sein! – Jed­we­des Ta­lent ist eine gött­li­che In­spi­ra­ti­on, – der Künst­ler wird da­durch hoch über den Dur­schnitts­mensch er­ho­ben und soll in je­der Be­zie­hung sein be­leh­ren­des und er­zie­hen­des Vor­bild wer­den. Ge­braucht er sei­ne Ga­ben recht, und ver­wer­tet er sie nach Got­tes Wil­len, so müs­sen sie ganz not­wen­di­ger­wei­se auch sei­ne ei­ge­ne Per­sön­lich­keit ver­edeln und sich in sei­nen Wer­ken, sei­nem Le­ben und Han­deln aus­drücken!«

Se­ve­ra zer­pflück­te mit ner­vö­sen Fin­gern die Flie­der­dol­de, wel­che er ihr ge­reicht.

»Die Vor­lie­be für Pracht und Lu­xus ist doch wohl nur eine Art Schön­heits­sinn, wel­che un­mög­lich straf­bar oder un­recht sein kann!«

»Für Men­schen, wel­chen Gott die über­rei­chen Mit­tel gab, Kunst und Schön­heit zu pfle­gen, ge­wiss nicht, aber für sol­che, wel­che sie nicht be­sit­zen, aber in wil­der, ru­he­lo­ser Jagd da­nach ha­schen, um le­dig­lich eine Be­gier und Wohl­le­ben und Üp­pig­keit zu be­frie­di­gen – für sol­che ist eine der­ar­ti­ge Vor­lie­be das größ­te Un­glück!«

Se­ve­ra lach­te et­was un­gläu­big. »Un­glück?! in­wie­fern?«

Er sah sehr ernst aus. Sein ehr­li­ches, treu­es Ge­sicht schim­mer­te wun­der­bar licht in den ers­ten Strah­len des auf­ge­hen­den Mon­des.

»Wer un­be­schei­den ist, wird ewig un­zu­frie­den sein, und wer mit sei­nem Schick­sal ha­dert, wer im­mer hö­her und hö­her hin­aus will, der raubt sich das bes­te und ein­zi­ge, was für uns arme Men­schen in die­sem Er­den­le­ben das not­wen­digs­te ist – den Frie­den! Die Jagd nach dem Glück gibt ihn nicht, in den Pa­läs­ten wohnt er nicht, Ruhm und Ehre ken­nen ihn nicht. – Nur tief drin­nen in dem stil­len, Gott er­ge­be­nen Her­zen, da hat er sich sei­nen Tem­pel ge­baut.« – Voll großer, herz­li­cher In­nig­keit fass­te Man­fred die Hän­de sei­ner schö­nen Braut und zog sie an die Brust: »Ob ich dir je­mals einen Ni­be­lun­gen­hort zu Fü­ßen le­gen kann, mein sü­ßes Lieb, ob ich dei­ne Schön­heit je­mals mit Bril­lan­ten und Per­len zu schmücken ver­mag, ich glau­be es nicht, und ehr­lich ge­stan­den, ich hof­fe es auch nicht! Selbst wenn ich ein rei­cher Mann wür­de, gin­ge es durch­aus ge­gen mei­ne Grund­sät­ze, dem Lu­xus zu frö­nen, al­les, was wir ent­beh­ren kön­nen, ge­hört den Ar­men. Also ein Glück nach dem Sinn der leicht­fer­ti­gen Welt kann ich dir nie­mals bie­ten, aber den Frie­den und all die stil­le Glück­se­lig­keit, wel­che mit ihm Hand in Hand geht, die soll dir an mei­nem Her­zen er­blü­hen, das ge­lo­be ich dir mit hei­li­gem Wort! – Wird das nicht eine Ehe wer­den, um wel­che uns die En­gel im Him­mel be­nei­den?«

Wie­der klang sei­ne Stim­me in dem lei­sen Ju­bel, wel­cher sie schon den gan­zen Nach­mit­tag durch­beb­te, er küss­te die schwel­len­den Lip­pen und be­merk­te es nicht, wie kühl sie ge­wor­den wa­ren.

»So wür­dest du es nicht bil­li­gen, wenn ich zu der Kron­prin­zes­sin be­foh­len wür­de?« frag­te sie ge­dehnt.

Er lach­te. »Nicht bil­li­gen? Im Ge­gen­teil, ich wür­de mich von Her­zen dar­über freu­en, mehr noch, als wenn sol­che Aus­zeich­nung mir wi­der­füh­re! Ich weiß nur nicht recht, warum du solch eine an und für sich sehr harm­lo­se Huld als ›Wen­de­punk­t‹ dei­nes Le­bens be­zeich­nen willst!«

Se­ve­ra lehn­te das Haupt wie müde ge­gen sei­ne Schul­ter zu­rück. Ei­nen Au­gen­blick starr­te sie mit ge­furch­ter Stirn ge­ra­de­aus.

»Ich wür­de sie in­so­fern als Wen­de­punkt be­trach­ten, als sie mir eine neue Welt er­schließt, in wel­cher ich viel für dich und dei­ne Kar­rie­re wir­ken könn­te!« sag­te sie aus­wei­chend. »Auch zu dem täg­li­chen Brot braucht man Ein­nah­men und wen man bei Hofe pro­te­giert, dem fehlt es nicht an Auf­trä­gen!«

»Und dies al­les willst du in fünf Mi­nu­ten, bei ei­ner ein­zi­gen Au­di­enz be­werk­stel­li­gen?« amü­sier­te er sich, eben­so harm­los wie zu­vor.

Sie nag­te an der Lip­pe. »Hältst du es für un­mög­lich, dass sich die Kron­prin­zes­sin dau­ern­d für mich in­ter­es­siert?«

»Un­mög­lich nicht! Aber solch ein In­ter­es­se kann nur sehr ›par di­stan­ce‹ sein. Ein Ver­kehr bei Hofe ist doch um un­se­res schlich­ten Na­mens wil­len aus­ge­schlos­sen!«

Er be­merk­te nicht, wie sie zu­sam­men­zuck­te, wie ihre Brust sich stür­misch hob und senk­te.

»Bit­te, ant­wor­te noch heu­te Abend! um­ge­hend! – und tei­le der Grä­fin mei­ne ge­naue Adres­se mit! Hörst du? Bit­te schal­te den Satz ein, dass das In­ter­es­se der Kron­prin­zes­sin mich dop­pelt hoch be­glückt hät­te, weil ich zu den schwär­me­rischs­ten Ver­eh­re­rin­nen ih­rer idea­len Schön­heit zähl­te!«

»Sieh, sieh, du klei­ne Di­plo­ma­tin! Wenn du die­ses Ge­ständ­nis dei­ner schö­nen See­le für vor­teil­haft hältst, will ich dei­nen Wunsch er­fül­len, ob­wohl ich ein ab­ge­sag­ter Feind von Schmei­che­lei­en! bin!«

»Es ist kei­ne Schmei­che­lei, son­dern die Wahr­heit!«

»Um so bes­ser! Und nun komm, du mein sü­ßes, won­ni­ges Lieb, und lass uns zu dei­ner Mut­ter gehn! Ich möch­te sie von all dem, was un­se­re Her­zen so sehr be­wegt, un­ter­rich­ten, und die­sen güns­ti­gen Au­gen­blick be­nut­zen, um mir ihr Kind zum Wei­be zu er­bit­ten!«

Er er­hob sich, bog ihr Haupt zu­rück und sah ihr tief in die Au­gen.

»Komm!« bat er.

Se­ve­ra aber hielt ihn mit fes­ter Hand zu­rück.

»Du willst of­fi­zi­ell um mich an­hal­ten?«

»Ja, Se­ve­ra! Ich möch­te der Kron­prin­zes­sin mit­tei­len, dass der schö­ne Stu­dien­kopf mei­ner Braut an­ge­hört! Ich möch­te mein Glück, wel­ches ich so schwer ver­heim­li­chen konn­te, nun als schöns­ten und herr­lichs­ten Er­folg in alle Welt ju­beln!«

»Liebs­ter – –«

»Nun? – zö­gerst du?«

»Un­ter­lass es heu­te noch! Aus zwei Grün­den!«

»Und die wä­ren?«

Sei­ne Stim­me klang sehr ent­täuscht, me­cha­nisch setz­te er sich nie­der.

»Mama ist sehr schlech­ter Lau­ne heu­te! Die Bu­ben ha­ben nicht gut ge­lernt … Du weißt, sie ist dann un­ge­nieß­bar!«

»Um so mehr ist ihr Freu­de und Zer­streu­ung zu gön­nen. Ich weiß, dass sie mich lieb ge­won­nen hat, und mich ge­wiss gern als Sohn in die Arme schließt! Also den Grund ent­kräf­te ich! Und Num­mer zwei?«

»Wenn du mich der Kron­prin­zes­sin als Braut vor­stellst, wird es aus­sehn, als woll­test du dich da­durch in den Vor­der­grund des In­ter­es­ses schie­ben!«

Er lach­te hell auf.

»O du hol­de Un­schuld! Nichts er­nüch­tert das Pub­li­kum mehr, als wie von der Ver­lo­bung ei­nes Künst­lers zu er­fah­ren!«

»Gut, so un­ter­lass es aus die­sem Grun­de!«

»Aber Se­ve­ra – sehnst du dich denn nicht auch da­nach, den gol­de­nen Ring mit Fug und Recht zu tra­gen?«

Sie schmieg­te sich ko­send an ihn.

»Nein! Du ge­hörst mir, auch ohne Klatsch und Auf­re­gung in der Stadt! – Lass mich erst mein neu­es Stra­ßen­ko­stüm fer­tig schnei­dern, da­mit ich an dei­ner Sei­te be­ste­hen kann – –«

Ein lau­ter Aus­bruch der Hei­ter­keit un­ter­brach sie.

»Also dar­um! – O, Eva, wie äh­neln dir doch all dei­ne Töch­ter!! Also die neue Toi­let­te! Gut, die­sem Wun­sche füge ich mich: du lie­bes, eit­les, großes Kind! Ob­wohl du wis­sen soll­test, dass du kei­nes Put­zes be­darfst, um die Schöns­te von al­len zu sein! Wie aber soll ich bei Mut­ter mei­nen über­ra­schen­den Be­such mo­ti­vie­ren?«

Sie schlang die Arme um sei­nen Na­cken.

»Gar nicht! Du sollst un­ge­sehn, wie du kamst, so­fort in die Re­si­denz zu­rück­keh­ren und den Ant­wort­brief an die Prin­zes­sin schrei­ben!«

»So grau­sam kannst du ge­gen mich sein?«

»Ja! so grau­sam! Bis an die Gar­ten­pfor­te be­glei­te ich dich und so­wie das Kleid fer­tig ist, schrei­be ich dir einen Eil­brief!«

»Gut, ich bin ge­hor­sam, – wer weiß ob ich es wäre, wenn nicht da­heim so viel Ar­beit auf mich war­te­te! Also Gott be­foh­len, du lie­bes, lie­bes Lieb! Ob of­fi­zi­ell oder nicht – mein ei­gen bist du doch!«

Ein letz­tes Grü­ßen und Win­ken noch durch die Gar­ten­pfor­te, dann ver­schwand sei­ne hohe Ge­stalt in dem Däm­mer­licht der Al­lee, durch de­ren frisch grü­nes Laub der Mon­den­schein wie ein zar­ter Ne­bel fiel.

Se­ve­ra aber wan­der­te ru­he­los durch die ein­sa­men Gar­ten­we­ge; hin­ter ih­rer Stirn jag­ten sich die Ge­dan­ken wie in Fie­ber­hit­ze. Die selt­sams­ten Plä­ne tauch­ten aus, wur­den fan­tas­tisch aus­ge­spon­nen und wie­der ver­wor­fen.

Eine Au­di­enz bei der Kron­prin­zes­sin! – Welch eine be­rau­schen­de Hoff­nung! Hat Se­ve­ra erst den Fuß auf die­se ers­te Spros­se ei­ner Lei­ter ge­setzt, wel­che em­por führt, so wird sie Klug­heit und Ener­gie ge­nug be­sit­zen, sich auch wei­ter hin­auf zu schwin­gen, hoch und hö­her – bis zu dem schwin­deln­den Gip­fel al­les Glücks.

Und Man­fred?

Das schö­ne Mäd­chen kraust die Stirn. Wie ein schril­ler Miss­ton klin­gen ihr sei­ne Wor­te noch in den Ohren: »Pracht, Wohl­le­ben, Per­len und Bril­lan­ten kann und will ich dir nie­mals ge­ben, – aber den Frie­den sollst du an mei­nem Her­zen fin­den!«

Ein lei­ses, spot­ten­des Auf­la­chen. Den be­gehrt sie nicht!

Wie ein fei­ner Riss geht es durch ihr In­ne­res und der En­gel, wel­cher so­eben noch ne­ben ihr stand und flüs­ter­te: »Ich bin das Glück! Hal­te mich fest!« – der weicht mit trau­ri­gem Blick wei­ter und wei­ter von ihr zu­rück, nur von fer­ne noch hebt er war­nend die Hand.

III.

Wie lang­sam ver­gin­gen die nächs­ten Tage!

Se­ve­ra deuch­te es, dass die Stun­den noch nie der­art ge­schli­chen wa­ren als wie jetzt, wo sie voll ner­vö­ser Un­ru­he dem Brief­bo­ten ent­ge­gen­schau­te, sehn­süch­ti­ger eine Nach­richt von der Kron­prin­zes­sin er­war­tend, als je zu­vor einen der see­len­vol­len Lie­bes­brie­fe ih­res heim­lich Ver­lob­ten. Die Re­gie­rungs­rä­tin schalt die flüch­ti­ge, un­acht­sa­me Toch­ter, wel­che all ihre Ob­lie­gen­hei­ten nur halb ver­rich­te­te, und so nach­läs­sig im Haus­halt wal­te­te, wie noch nie im Le­ben.

Se­ve­ra hat­te sich nie für häus­li­che Ar­bei­ten in­ter­es­siert, sie emp­fand es wie eine Schmach und un­er­träg­li­che Last, die Hän­de rüh­ren zu müs­sen, um durch ih­ren Fleiß man­che Aus­ga­be zu er­spa­ren. Wenn sie zu­rück­dach­te an die Zeit, wo der Va­ter noch leb­te und ein, sei­ner Stel­lung ent­spre­chen­des Haus mach­te, wo al­les noch ele­gant, üp­pig und be­hag­lich war und noch nicht mit je­dem Hel­ler ge­knau­sert wer­den muss­te wie jetzt, dann ward das Ge­fühl der Bit­ter­keit im­mer stär­ker in ih­rem Her­zen, und sie groll­te dem Schick­sal, wel­ches sie zu dem schreck­lichs­ten Loos, wel­ches ih­rer An­sicht nach ei­nem Men­schen wi­der­fah­ren konn­te, zu der Ar­mut, ver­ur­teilt hat­te. Wenn die stren­ge, ge­wis­sen­haf­te Mut­ter über die häss­li­chen Lau­nen der Toch­ter schalt, so ant­wor­te­te Se­ve­ra voll Iro­nie: »Ich habe kein Ta­lent zum Aschen­brö­del! Mein Fuß ist so klein und zier­lich, dass er in je­den Gla­s­pan­tof­fel ei­nes Kö­nigs­ohns pas­sen wür­de!«

»Es kommt nur kei­ner!« ant­wor­te­te die Re­gie­rungs­rä­tin ach­sel­zu­ckend.

»Wie soll­te er auch! Mein ein­zi­ges Licht, wel­ches ich leuch­ten las­sen könn­te, mei­ne Schön­heit, wird ja der­art un­ter den Schef­fel ge­stellt, dass kein Mensch sei­ne Exis­tenz ahnt!«

»Ich be­sit­ze lei­der kein Posta­ment, um die­se Leuch­te dar­auf zu set­zen! Welch ein Se­gen wäre es, wenn die Na­tur dich we­ni­ger güns­tig an äu­ßer­li­chen Vor­zü­gen be­dacht, und dir da­für die de­mü­ti­ge, tat­kräf­ti­ge Be­schei­den­heit häss­li­cher Mäd­chen ver­lie­hen hät­te! Dir ist die Schön­heit kein Nut­zen, son­dern viel eher ein Scha­den, denn zum Glück ge­hört kein Reich­tum, son­dern vor al­len Din­gen Zufrie­den­heit!«

Im­mer die­sel­be Lei­er!

Und ge­nau wie die Mut­ter, fing nun auch Man­fred schon an und pries in sen­ti­men­ta­ler Schwär­me­rei das Idyll von Herz und Hüt­te!

Se­ve­ra warf wie in lei­den­schaft­li­chem Trotz das schö­ne Haupt in den Na­cken.

Ist es ihre Schuld, dass die Na­tur ihr den stol­zen Wi­der­wil­len ge­gen ein Bet­tel­le­ben im Joch der Ar­beit ins Herz ge­legt?

Sie ist nicht zur spar­sa­men, an­spruchs­lo­sen Haus­frau ge­schaf­fen, die nur mal am Sonn­tag die ver­ar­bei­te­ten Hän­de in Glacé zwängt, und mit Mann und Kind vor das Tor spa­zie­ren geht!

Glacéhand­schu­he! Du lie­be Zeit, – Man­fred fin­det viel­leicht einen Zwirn­hand­schuh ele­gant ge­nug für sie und gibt den Mehr­be­trag den Ar­men!

Se­ve­ra schüt­telt sich vor Ab­scheu bei die­sem Ge­dan­ken.

Ein ärm­li­che Wirt­schaft ist ihr ein Greu­el!