Vae Victis - Band I - Nataly von Eschstruth - E-Book

Vae Victis - Band I E-Book

Nataly von Eschstruth

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Beschreibung

Die jungen Damen nannten Gardeleutnant Bonaventura von Völkern "den Herrlichsten von allen", obwohl: "Sehr charakterfest war er wohl nie gewesen, seine Eitelkeit und Genusssucht wurden geradezu künstlich großgezüchtet, und da er zu verwöhnt war, um die eiserne Notwendigkeit als beste Zuchtmeisterin im Nacken zu fühlen, so fand seine Oberflächlichkeit in nichts ein Gegengewicht.' Als nach dem Tod seiner Eltern seine finanziellen Mittel schwinden, kommt selbst von Völkern ins Grübeln. Zwar fühlt er sich zu Gräfin Malvine von Kettenau hingezogen, aber auch sie ist mittellos und sich mühevoll über den Generalstab hochzuarbeiten ist nicht seine Sache. Da will es der Zufall, dass die Millionenerbin Ellinor von Heym ein Auge auf ihn wirft. Welche glänzende Perspektiven tun sich vor von Völkern auf.Nataly (Natalie) Auguste Karline Amalie Hermine von Eschstruth (1860–1939; (Ehename: Nataly von Knobelsdorff-Brenkenhoff) war eine deutsche Schriftstellerin und eine der beliebtesten Erzählerinnen des Wilhelminischen Zeitalters. Sie schildert in ihren Unterhaltungsromanen in eingängiger Form vor allem das Leben der höfischen Gesellschaft, wie sie es aus eigener Anschauung kannte. Sie entstammte einer hessischen Familie und war die Tochter des königlich preußischen Majors Hermann von Eschstruth (1829–1900) und der Amalie Freiin Schenck zu Schweinsberg (1836–1914). 1875 durchlief sie eine Ausbildung in einem Mädchenpensionat in Neuchâtel in der Schweiz und bereiste später die wichtigsten europäischen Hauptstädte. Von Eschstruth schrieb Frauenromane, die in der Schicht der wilhelminischen Adelsgesellschaft oder bei hohen Hofbeamten spielen und erzählt dort fiktiv-biographische Geschichten. Das Umfeld der Romane ihrer Hauptschaffensperiode in den 1880er und 1890er Jahren vermittelt heute einen Eindruck von alltäglichen und historischen Details; vom Unterhaltungswert haben von Eschstruths Bücher nichts eingebüßt.-

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Nataly von Eschstruth

Vae Victis I

Roman

Saga

Vae Victis - Band I

German

© 1911 Nataly von Eschstruth

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711472897

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Erstes Kapitel.

„Der Sodomsapfel liegt an den Ufern des toten Meeres. Rosenrot und duftig sieht er aus und lockt den dürstenden Wanderer, — aber nichts wie giftiger, tödlicher Staub dampft ihm entgegen, wenn er die reizende Frucht begierig ergreift.“

O. Funcke.

Er war eitel — sehr eitel! So eitel, wie nur ein junger Mann sein kann, der von Kindesbeinen auf als „Ausbund von Schönheit, Witz und Talent“ verhätschelt ward, und nachdem er die schmucke Uniform eines Gardeleutnants trug, als Löwe des Tages auf glänzender Siegesbahn einherschritt. Wie liebenswürdig, wie amüsant und hübsch war der Freiherr Bonaventura von Völkern! Zu den solidesten der jungen Kavaliere gehörte er freilich nicht.

Das kleine Vermögen, welches sein Vater, der als kommandierender General gestorben, hinterlassen hatte, war bald zusammengeschmolzen, seit auch die stets leidende und meist in heilsamen Bädern lebende Exzellenz Doris ihrem Gatten in die kühle, dämmerige Gruft des Erbbegräbnisses folgte. Bonaventura war in ein Garde-Grenadier-Regiment eingetreten.

Hätte er es gewünscht, würden ihm auch die kostspieligsten Kavallerie-Regimenter der Residenz offengestanden haben, oder seine Karriere als Diplomat verbürgt gewesen sein, denn seine Konnexionen reichten weit, und ein Glückspilz, wie der junge Völkern, brauchte nur die Hände auszustrecken, um zu erreichen, was er wollte! — Der sehr vernünftige Vater hatte jedoch den hochfliegenden Plänen seines verwöhnten Sohnes gesteuert und all den vielen Tanten, welche ihn gar nicht hoch genug plazieren konnten, in seiner derb soldatischen Weise geantwortet: „Nee, Kinder, wenn ich als junger Mann zu Fusse laufen konnte, wird es dem Bengel wohl auch nichts schaden!“ — und meldete ihn bei dem altvornehmen, soliden Grenadier-Regiment an, aus welchem er selber einst hervorgegangen.

Obwohl nun Bonaventuras sieggewohntes Antlitz nicht unter der Pelzmütze oder Tschapka hervorlachte, war er doch bald der Held des Tages, — als Vortänzer bei Hofe hatte er Gelegenheit, vorteilhaft aufzufallen, und seine unwiderstehlich liebenswürdige Art feierte Triumphe von dem diademfunkelnden Köpfchen der Prinzessin bis zu den Mauerblümchen herab, für deren übersehenste er selbst noch ein charmantes Lächeln, einen Gruss — eine höfliche Frage hatte! So schlug ihm manches Herzchen heiss und sehnsuchtsvoll entgegen.

Die jungen Damen nannten ihn voll enthusiastischer Schwärmerei: „den Herrlichsten von allen!“ — Die Herren selbst — welche immerhin ein wenig im Bannkreis des „kommandierenden“ Vaters standen, urteilten sehr günstig über den jungen Kameraden: „Ein hervorragend netter Kerl! Ein schlaues Huhn! — Ein ganz famoser Mensch, der nie Spielverderber ist und seine Vorteile nicht in egoistischer Weise ausnutzt!“

Nur die Mütter hatten etwas an ihm auszusetzen, — eine einzige Kleinigkeit, welche jedoch gerade in ihren Augen am schwersten ins Gewicht fiel: „— Schade! Gar zu schade, dass er kein Geld hat!“ —

So lange der Vater lebte und immerhin recht splendid für seinen Einzigsten sorgte, machte sich dieses Manko noch nicht so fühlbar; als aber der alte Herr ganz plötzlich einem Schlaganfall erlag und die hohe Zulage sehr merklich für Bonaventura zusammenschrumpfte, da empfand es der junge Offizier doch recht drückend, dass es nicht leicht ist, in der Residenz eine Rolle zu spielen, wenn man keine genügenden Mittel hat.

Als die streng führende Hand des Vaters und bald danach auch die weiche, zärtliche Rechte der Mutter fehlten, als Völkern in sehr jungen Jahren nun ganz auf sich selbst gestellt war, da verfehlte der verderbliche Einfluss der Grossstadt seine Wirkung nicht mehr auf ihn. —

Sehr charakterfest war er wohl nie gewesen, seine Eitelkeit und Genusssucht wurden geradezu künstlich grossgezüchtet, und da er zu verwöhnt war, um die eiserne Notwendigkeit als beste Zuchtmeisterin im Nacken zu fühlen, so fand seine Oberflächlichkeit in nichts ein Gegengewicht.

Die guten, edlen Eigenschaften fristeten als schwache Pflänzchen nur noch ein kümmerliches Dasein auf seinem Herzensboden und wurden mehr und mehr von dem bunten Giftkraut überwuchert, dessen Samen die Luft der Grossstadt so unheilvoll ausstreut. Wie der gelbe Staub der Kätzchen um den Weidenbaum wirbelt, so dampft der heisse Giftbrodem aus dem Häusermeer des modernen Sodoms empor, und in solch schwüler Treibhausatmosphäre wuchern die bösen Keime und treiben Blüte und Frucht.

Noch war Bonaventura kein schlechter und gewissenloser Mensch geworden, noch schritt ihm unsichtbar sein guter Engel zur Seite, welcher ihm rechten Weg wies, aber just dieser Weg war es, welcher dem jungen Mann immer beschwerlicher, mühseliger und dornichter deuchte, je mehr das ererbte Vermögen, mit dessen Hilfe er bequemer und behaglicher schreiten wollte, zusammenschmolz.

— — — — Es war ein bitterkalter Winterabend. —

Der Schneesturm heulte durch die Strassen, die elektrische Bahn schnob, bis zum letzten Platz gefüllt, blauweisse Funken sprühend, an dem Lichtgefunkel der Schaufenster vorüber, eilige Menschen schoben sich, drängten und hasteten durch das Gewirr der Droschken und Automobile, das behaglich warme Heim oder die gastlichen Räume eines Restaurants zu erreichen!

Und schnell, wie ein unheimlich lärmender Spuk, flog auch das Automobil durch die stillere Villenstrasse, welches sich der Freiherr von Völkern bestellt hatte, um zu dem Ball des englischen Gesandten zu fahren. Nachdenklich vor sich hinstarrend, das Kinn tief auf den eleganten Pelzkragen seines Paletots geneigt, lehnte Bonaventura in den Polstern, nicht so strahlend heiter und lachend wie sonst, wenn er gleich einem Siegesgott dem friedlichen Schlachtfeld zueilte, auf welchem Gott Amor ihn so ständig mit Lorbeer krönte!

Nein, heute sah er ernst, verdriesslich, beinahe übellaunig aus.

Wie sehr hatte er sich gerade auf dieses Fest gefreut, wo er nach vierzehntägiger Pause die sinnige, minnige, kleine Malva wiedersehen sollte!

Wunderlich, dass es ihm gerade dieses schlichte Wegekräutlein angetan hatte, welches doch neben all den farbenbunten, selbstbewussten Schwestern so gar keine Rolle spielte!

Gräfin Malvine von Kettenau war die dritte Tochter des Erbherrn auf Schloss Meersburg, eine jener stiefmütterlich Behandelten, welche um des grossen Majorats willen auf das Erbe der Väter verzichten müssen.

Zwei jüngere Schwestern teilten mit ihr das gleiche Los, in eine Ehe kaum die Ausstattung, geschweige ein Kapital mitbringen zu können, und doch dabei in den glänzendsten Verhältnissen aufwachsend, welche die dadurch sehr verwöhnten jungen Damen zu schlichten und arbeitsamen Hausfrauen untauglich machen!

Malva schien in dieser Beziehung freilich eine Ausnahme zu machen, denn sie weilte hier in der Residenz bei ihrem Onkel, dem Kammerherrn von Kettenau, zum Besuch, nicht lediglich, um die jungen Seelenschwingen in dem Lichtmeer einer Hochsaison zu baden, sondern um ein grosses und geniales Maltalent in dem Atelier eines bedeutenden Künstlers auszubilden.

Anfänglich war Komtesse Malva dem Herrn von Völkern kaum aufgefallen.

Ihre Toiletten waren zwar recht schick, aber doch sehr einfach, ihr zartes, rosiges Gesicht mit den grossen Enzianenaugen musste man öfters sehen, wenn es interessieren sollte.

Und das tat es durch das reiche, warme Seelenleben, die tiefe Innerlichkeit, welche aus diesen unergründlichen Augen leuchtete. Eine Welt voll Empfindung, voll edler Begeisterung und genialer Leidenschaftlichkeit lag darin und dennoch etwas so Reines, Unberührtes, wie bei einem Kinde, welches, sich selber unbewusst, zum Weib herangewachsen. Der Blick dieser klaren Augen hatte ihn zuerst gefesselt.

Es lag etwas darin, was ihm neu und fremd war.

Er liess sich vorstellen und sprach mit ihr. Anfänglich nur ziemlich nichtssagende, gleichgültige Worte, aber bald blitzte es immer geistvoller, immer anregender durch die kurzen Phrasen, und wenn das Fest verrauscht und Bonaventura in seinem stillen Zimmer die letzten blauen Wölkchen der Zigarre in die Luft blies, dann zerrannen all die strahlenden, brillantenglitzernden Gestalten der schönen Frauen und Mädchen wie ein Nebelspuk, und nur zwei grosse, geheimnisvolle Augen lachten ihn an, und Gräfin Malvas weiche, seelenvolle Stimme klang noch leis neben ihm, bis in den tiefsten Traum hinein!

Und bald fehlte ihm etwas, wenn ihre schlanke, anspruchslose Erscheinung nicht in dem glänzenden Rahmen des Ballsaales erschien, und wiederum in kurzer Zeit langweilte er sich zum Sterben ohne sie, und schliesslich ward es ihm klar, erschreckend klar, dass ihr Bild sich rettungslos tief in sein Herz gesenkt hatte, dass er auf dem besten Wege stand, sich in ein völlig mittelloses Mädchen zu verlieben!

Und Malva?

Je nun, nicht nur er, sondern auch alle andern mussten es wohl bemerken, dass Baron Völkern wieder einmal gesiegt hatte, dass ihm auch dieses bebende, heisse, sehnsuchtsvolle Mädchenherz entgegenflog, wie so viele andere schon vor ihm!

Welch eine Torheit!

Sie beide mussten sich sagen, dass an eine Heirat nicht zu denken sei.

Sein Bataillonskommandeur hatte ihn nach einem musikalischen Fest einmal beiseite genommen.

„Wenn Sie sich auf die Kriegsakademie vorbereiten wollen, lieber Völkern, wäre es jetzt eine sehr passende Zeit. Man wird Ihnen von allen Seiten die Wege ebnen; wer Konnexionen hat, wie Sie, dem kann es nicht fehlen. — Eine gute Karriere — und Sie können heiraten, wen Sie wollen, auch eine mittellose Frau!“ — Mit bedeutsamem Lächeln klopfte er ihn auf den Arm —: „Die interessante Komtesse Malva mit der Künstlerseele würde Sie fraglos sehr glücklich machen! — Pardon, wenn ich indiskret bin, einem alten Freunde ist es wohl gestattet! — Und nebenbei hat der Onkel als Kammerherr alle Fäden in der Hand, um höchsten Ortes für eine solche Neigungsehe zu interessieren! Glauben Sie mir, Völkern, Sie riskieren nichts, wenn Sie glücklich werden wollen! — Nur mal ernstlich hingesetzt und gearbeitet — damit Sie den Generalstab in der Tasche haben!“

Bonaventura war recht verlegen geworden. Also aufgefallen war seine Kurmacherei bereits! Man erwog schon alle Möglichkeiten seiner eventuellen Heirat und gab ihm Mittel und Wege an die Hand. Der junge Offizier nagte etwas nervös an der Lippe.

Ernstlich hingesetzt und gearbeitet! Gerade das war ein Mittel, welches ihm so gar nicht zusagte.

Wer sich so lange ausschliesslich nur amüsiert hat, wie er, dem ist die Lust vergangen, sich noch einmal auf die Schulbank zu setzen. Solch ein Gebüffel von früh bis spät ist furchtbar, geradezu unerträglich! Und eine Ehe ohne das nötige Kleingeld ist bei der besten Karriere doch nur eine Kette von Miseren und Entbehrungen. Vae victis! —

Er hat Malva lieb — wirklich sehr lieb —, aber von früh bis spät über den Büchern sitzen — sich von aller Geselligkeit zurückziehen, — ein Examen machen — abschliessen mit der schönen, flotten Zeit bunten Genusslebens! — Nein, das ist viel verlangt, zu viel für einen Mann, welcher bisher alle Befriedigung nur in den Freuden der grossen Welt gesucht. Wie hatte es ihm eben schon die Laune verdorben, als sein Bankier die Abrechnung geschickt, als der Rest seines Vermögens so klein geworden war, dass selbst ein so leichtlebiger junger Herr, wie Bonaventura, ernstlich erschrak.

Gut gerechnet reicht er vielleicht noch ein halbes Jahr damit, wenn er so weiterlebt, wie bisher!

Und er muss so leben! Er würde ein Herabschrauben all seiner Wünsche und Bedürfnisse gar nicht mehr ertragen.

Heiraten! — Ja, aber nur eine sehr, sehr reiche Frau, welche eventuell noch einen kleinen Sack voll Schulden kalt lächelnd für den Geliebten bezahlt.

Das kann Komtesse Malva nicht, wenn sie es auch noch so opferwillig tun möchte! Aber warum denn immer gleich heiraten! Warum alle Poesie, allen Reiz des Interessanten und geistvoll Fesselnden unter dem grauen Schleier von Sorge und Entbehrungen ersticken? — Nein! Nimmermehr!

Schöne Weiber sind wie die Blumen, an deren Duft und deren Liebreiz man sich berauschen kann, ohne sie zu pflücken und für immer an der Brust zu tragen!

Bonaventura schrak aus seinen unbehaglichen Gedanken empor.

Das Automobil hatte sein Ziel erreicht, und ein Livreediener, welcher harrend im Portal stand, sprang herzu, den Schlag der modernsten aller Droschken zu öffnen.

Welch ein geheimnisvoll süsser Duft weht dem Ankömmling schon aus dem warmen, teppichbelegten Flur entgegen!

Ein Gemisch von Ambree und all jenen eleganten Modeparfüms, welche um das Spitzengewebe seidener Schleppen, um zierlich frisierte Köpfchen und tadellose Uniformen wehen, ein Duft, welcher sich einschmeichelnd auf die Nerven legt und selbst den Übellaunigsten und Widerstrebendsten gar bald in eine Narkose versetzt, durch deren magische Schleier die ganze Welt als rosenrotes Eden erscheint!

Kaum hatte sich Völkern küssend über die Hand der Hausfrau geneigt und war mit ein paar gütigen Worten „zu der harrenden Jugend in den Tanzsaal dirigiert“ — als auch um seine Lippen wieder das alte, übermütige Lächeln spielte, welches jeden Skrupel und jeden ernsten Gedanken als törichten Ballast über Bord wirft. Er grüsst nach allen Seiten. — Die Hacken schlagen zusammen, sein Blick schweift „Opfer suchend“ — wie ein ganz junges Mädchen seufzend in das Ohr der Freundin flüstert — in die Runde. Endlich! —

Dort steht sie und schaut ihm harrend mit den köstlichen, enzianfarbenen Augen entgegen. Wie prunklos das weisse Tüllkleidchen an der schmiegsamen Gestalt herniederrieselt, wie bescheiden das kleine Sträusschen Edelweiss den Kleiderausschnitt ziert. Keine Perlen, keine funkelnden Juwelen, — und doch wie originell bei aller Einfachheit. —

Wer trägt ausser ihr noch Edelweiss? —

Keine, — weil keine andere so edel, so fleckenlos weiss ist, wie sie!

Bonaventura hatte eigentlich die Absicht gehabt, ein wenig „abzustoppen“ und sich der kleinen Komtesse etwas ferner zu halten — um des albernen Geredes willen! — Aber es ist, als ob eine geheimnisvolle Macht in den klaren, lächelnden Augen liegt, welche ihn unwiderstehlich anzieht und in ihren Zauberkreis bannt.

Er will es eigentlich nicht, aber er schreitet geradeswegs auf Gräfin Malva zu, begrüsst sie in seiner gewinnenden Weise, welche ihr gegenüber vertraulicher, freundschaftlicher erscheint, wie bei den andern Damen, und versichert sich des Soupers.

Das zarte Rot auf den Wangen der Komtesse flammt heisser auf — ein Blinder muss es sehen, welch tiefen Eindruck es auf sie macht, von dem Helden des Tages in solch auffälliger Weise ausgezeichnet zu werden!

Ein kurzes, angeregtes Plaudern, dann muss Bonaventura weiterschreiten, seine Tanzkarte zu füllen.

Und wie er sich umwendet, schaut er in zwei Augen, welche mit scharfem Blick, schier herausfordernd auf ihn gerichtet sind.

Völkerns Blick schärft sich; er mustert die fremde, seitwärts stehende Erscheinung ebenso ungeniert, wie sie ihn.

Zuerst mit einer instinktiven Regung von Widerwillen und Gleichgültigkeit.

Die junge Dame ist nicht hässlich, im Gegenteil, der Gesamteindruck steht unter einer ausserordentlichen Eleganz, welche nie einer gewissen, faszinierenden Wirkung ermangelt. Desto fataler deuchen ihm die Einzelheiten. Ein Paar Augen, deren elegischer Ausdruck unleugbare Mache ist — ihre wimperlose, leicht gerötete Umrandung wirkt direkt unsympathisch.

Die Nase ist leicht aufgestülpt, die Mundwinkel herabgeneigt, wie bei steter Übellaunigkeit, der starke Hals hässlich nach vorn gedrückt, wie bei einem Kropfansatz.

Das wird freilich versteckt unter einem vielreihigen Perlhalsband mit riesigen Brillantspangen und einem feinen Kettengehänge, welches etwas unmotiviert auf die Brust herab flimmert — es gilt wohl hauptsächlich die Solitäre zu zeigen, welche es netzförmig zusammenhalten.

Das Haar ist hoch toupiert. Ein Reiherstutz, abermals von prunkender Steinagraffe gehalten, steigt wie eine kleine Fontäne empor!

Obwohl sie einige Herren sehr galant umdrängen, hat sie doch nur Augen und Interesse für Herrn von Völkern, und weil ihr Blick beinahe etwas Zwingendes bekommt, und Bonaventura, der tadellos Wohlerzogene, sich jeder ihm noch fremden Dame der Gesellschaft sogleich vorstellen lässt, so tritt er auch diesmal, mehr höflich wie eifrig, an einen der Herren heran und bittet, ihn bekannt zu machen.

„Mit besonderem Vergnügen, mein lieber Völkern! Gestatten gnädiges Fräulein —: ein Mann, vor welchem man bereits in den Zeitungen warnen sollte! Ein Vandale, welchem das Klirren zerbrochener Herzen nur eine angenehme Musik bedeutet! Im kirchlichen Taufregister unter dem blendenden Namen Bonaventura Freiherr von Völkern zum erstenmal angekreidet!“

Lautes Gelächter.

„Bitte, vergessen Sie nicht, Graf, wer, zum schönen Kontrast, diesem Kriminalverbrechen noch völlig unbestraft gegenübersteht!“ lächelte die junge Dame mit mehr herablassender wie verbindlicher Kopfneigung, als der so eigenartig Vorgestellte nur achselzuckend die Hacken vor ihr zusammenklappte. Der übermütige Dragonerleutnant kneift humorvoll das linke Auge zu.

„Total überflüssig, Gnädigste! Ein echter, rechter Feldherr rekognosziert das Schlachtfeld schon vor Beginn aller lyrischen Feindseligkeiten und verschanzt sich am stärksten da, wo die grösste Gefahr droht —!“

„Ah! Bravo! Fräulein von Heym, bedanken Sie sich für die Eloge!“ —

„Eloge? Wie hässlich von Ihnen, Herr von Sacken, mich so aus allen Himmeln zu stürzen! Ich hielt den strategischen Vergleich für eitel Wahrheit!“

„Famos! Da haben Sie’s, Barönchen! Nun gehen Sie hin und trinken Sie einen Liter Lysol!“

„— Nein, um die Welt nicht! Soll als Schönheitswasser unbrauchbar sein, weil man meist einen etwas bläulichen Teint danach bekommt! Kann es nicht eine Pulle Sekt sein, Fräulein von Heym? Wenn er aus ollen, düchtigen Paradiesäpfeln gebraut ist, kann er auch zur Strafe für einen trinkfesten Mann werden!“

Wieder ein jubelnder Beifall — der kleine Kreis vergrössert sich, neu Ankommende schieben sich sporenklirrend herzu, und Bonaventura benutzt den günstigen Moment, legt den Arm auf den seines Freundes Sacken und scherzt: „Da wir hier nur den französischen Erbfeind auf dem Büfett antreffen, bedarf dieser Lebensmüde einer strengen Aufsicht bei dem geplanten Attentat! Ich berichte Ihnen, gnädigstes Fräulein, wie viel Becher er auf Ihr Wohl getrunken und bei dem wievielten er den Geist aufgegeben!“

„Geist! Geist! Renommieren Sie doch nicht so auf Kosten Ihres Intimus, lieber Völkern! Von Geist kann doch unmöglich mehr bei einem Jüngling die Rede sein, welchem die Pickelhaube schon seit acht Jahren die graue Masse aus dem Schädel drückt!!“ —

„Erbarmen, Herr Major!“ —

„Hart — aber gerecht!“

„Nun nehme ich meine Puppe und gehe nach Hause!“ —

„Hört, hört, sein Püppchen!!“

„Na, adieu, Kleiner! Grüssen Sie Ihre Kinderfrau von mir!“ —

Wieder übertönt das laute Gelächter die Antwort, — Bonaventura aber schiebt den Dragoner etwas gewaltsam aus dem Bannkreis des Fräulein von Heym, ohne darauf zu achten, dass die sentimentalen Augen ihm mit einem plötzlich recht scharfen Aufblitz folgen.

„Nanu, Bonato — du engagierst sie nicht?“ —

„Nein! Derart imponierte mir selbst der schöne Schellenbaum auf dem Kopf nicht!“

„Aha — du stimmst für Herz und Hütte und verweigerst den Tanz um das goldene Kalb?“

„Goldenes Kalb ist gut!“ Völkern lachte laut auf. „Verdient sie oder ihr Portemonnaie diesen schönen Titel?“

„Na, hör’ mal! Lediglich der Geldbeutel! Fräulein Ellinor steht — was ihre persönliche Qualifikation betrifft — in dem Rufe, das Gras wachsen zu hören!“

„Gott bewahre mich! — Wer ist denn diese weltschmerzlich angehauchte Dame, welche sich den Ballsaal durch Tränenschleier anzusehen scheint?“

„Tränen? Sagen wir lieber Lupe, denn ich glaube, der blasiert müde Blick ist nur das Etui für ein Tranchiermesser!“

„Donner und Doria! Du machst mich neugierig! Raus mit der wilden Katz’! Wer ist dieses Gretchen, welches meiner Ansicht nach mehr Fräulein wie schön ist?!“

„Na, na! Jedenfalls kann sie die sieben mageren Kühe abwarten, denn sie ist die beste Partie der Saison!“

„Ah .. Hut ab! — Bergwerke oder Warenhausaktien?“

„Von allem grad das Beste nur! Rede dir nichts an den Hals, alter Junge! Ellinors Augen weinten Freudentränen bei deinem Anblick!“

„O, wie nett!“ Bonaventura zwirbelte etwas nervös das kleine, kecke Bärtchen. „Dann interessieren mich etliche Details über sie natürlich doppelt!“

„Mensch, weisst du faktisch nicht, wer dieses Goldfischchen ist?“ —

„Ein Neugeborenes ist ein Auskunftsbureau gegen mich!“

„So sammle Weisheit für die Zukunft! Also Ellinor von Heym ist ein reiches, sehr reiches Mädchen; Grossvater spekulierte mit viel Glück, besass ererbtes Terrain in einem Vorort Berlins, welches jetzt zur Goldgrube geworden!“

„Ah — jeder Grashalm trug Dukatenfrüchte!“

„So ist’s, mein Feldherr, und was der Grossvater gesät, ernten jetzt die Enkel, denn die Zwischengeneration spricht kaum mit!“

„Bitte, deutlicher!“

Der Dragoner nahm einen Teekuchen von dem Tablett eines servierenden Dieners und schob ihn in den Mund.

„Hast du noch nichts von dem Professor von Heym gehört?“

„Professor .. ja .. wart mal .. es dämmert mir plötzlich so was .. riesiger Freigeist, was? So eine Sorte wie Darwin oder Häckel ..“

„Ins rein Philosophische übersetzt — mit einem kleinen Stich ins Nietzschesche! — Sein Stammbaum des Menschen wurzelt auch im Irrenhaus, wie seine Gegner behaupten. Na, für ganz normal halte ich ihn auch nicht, denn allzuviel Licht macht blind!“ —

„Sehr tiefsinnig bemerkt, Mäxchen!“

„Freut mich, dass du Spötter endlich anfängst, mich zu würdigen!“

„Nun — und darum, weil er so elektrisch erleuchtet ist, streichst du den armen Professor aus seinem eignen Stammbaum?“

„Stopp! — Das tut oder tat er selber, denn als Bücherwurm hat er sich zeitlebens in seine staubige Klause vergraben und nicht mal Geld für einen Famulus ausgegeben, denn diesen Posten bekleidete Fräulein Ellinor bei ihm!“

„Was der Tausend! Und die Mama litt das?“

„Sie war seit jeher eine Null im Hause und tat das Beste, was sie tun konnte: sie starb sehr frühzeitig. Man erzählt sich, dass der aufgeklärte Gatte am Bett der Sterbenden gestanden, sich die Brillengläser noch mal blank geputzt und die Gattin bei ihrem letzten Seufzer scharf beobachtet habe. — ‚Lebe wohl, meine gute Henriette! Wir wollen uns keine törichten Illusionen machen. Die Wissenschaft hat bewiesen, dass es kein Jenseits mit einem Gott, sondern nur ein Diesseits mit einer gewaltigen Schöpferin Natur gibt. — Du wirst in das Nichts versinken, aus dem du geboren bist; ein Wiedersehen gibt es nicht. Leb’ wohl, meine arme Henriette, es ist traurig für dich, dass du schon so frühzeitig fort musst.‘“

„Mensch, das ist ja entsetzlich! Die unglückliche Frau!“ —

„Warum das? Ich glaube, für sie war der Abschied von solchem Gatten mit der Aussicht auf kein Wiedersehen tröstlicher, wie umgekehrt!“

„Furchtbar! — Und die Tochter? — Wenn man in die kalten, so künstlich verschleierten Augen sieht, möchte man glauben, sie sei ihres Vaters gelehrige Schülerin gewesen!“

„Das war sie! Fräulein Ellinor ist an den Brüsten der exakten Wissenschaft grossgesäugt! Du brauchst nur an eines jener Stichworte zu tippen, welche Häckel oder Nietzsche auf ihr Banner geschrieben, so explodiert Fräulein Ellinor wie ein Sodomsapfel!“

„Brrr! Welch ein giftiger Brodem!!“

„Tut nichts — es ist sehr amüsant. Man sucht unwillkürlich die Grenze, wo ihr bisschen eignes Ich anfängt und der Bombast von eingelernter und unverdauter Gelehrsamkeit aufhört.“

„Solche Weiber sind widerwärtig! Du hältst sie bei all ihrer Politur für geistig unbedeutend?“

„Ja. Sie zitiert grosse Denker — ihr gutes Gedächtnis ist ihre Stärke!“

„Und trotzdem scheint sie recht umschwärmt?“

„Aber Völkern! Bei dem Geldsack! Wir Männer sind nun einmal auf den Dukaten dressiert, ist bei heutigen Verhältnissen auch das einzig Richtige. Wir Kinder des zwanzigsten Jahrhunderts sind viel zu verwöhnt und degeneriert, um noch in einer Hütte, darbend und frierend, glücklich zu sein! — Unsere Grosseltern konnten noch anspruchslos sein, denn sie waren noch gesund, sie hatten Nerven und kannten nichts Besseres, als ihre kleine Welt im Bannkreis der Postkutsche! — Die Eisenbahn rannte das ‚idyllische Hüttchen mit dem Herz‘ so kräftig an, dass es bereits wacklig wurde, das Automobil aber fegte es als überwundenen Standpunkt vollends mit dem alten Gerümpel fort!“

Bonaventura seufzte.

„Ja, ja — es bläst ein neuer, scharfer Wind daher!“

„Und weil wir überarbeiteten, überreizten, müden, nervösen Menschen solchem Sturm nicht mehr standhalten können, verbarrikadieren wir uns hinter Gold und Banknoten, welche unserem verbrauchten Ich das durchaus notwendige Panzerhemd der Bequemlichkeit, der guten Pflege, der stets neuen Reizmittel garantieren!“

„Leider nur allzu wahr!“

„Leider? — Dieser Seufzer hat sich auch schon überlebt. Der moderne Mensch schaut nicht mehr bedauernd zurück, sondern fügt sich resigniert dem eisernen Muss, in Zukunft zu rechnen.“

„Also du heiratest nach Geld?“

„Wenigstens niemals ohne Geld. Kann ich das Schöne mit dem Nützlichen verbinden, um so besser! — Prost!“

Völkern griff mechanisch nach dem Sektglas, welches ihm Freund Mäxchen von dem Tablett eines vorüberschreitenden Galonierten reichte.

„Die Zukunft soll leben! Also bei dir hat Fräulein Ellinor, die Dame in den Professorenhosen, Chance?“

Der Dragoner lachte. „Und ob! Wenn sie mich nur nähme!“

„Schämst du dich nicht? Wir sind zusammen in die Konfirmandenstunde gegangen!“ —

Bonaventura sagte es scherzend; aber ein wunderlich unstetes Feuer flackerte in seinem Auge auf.

Sein Freund legte die Hand auf seinen Arm und neigte sich näher: „Wer würde Herr im Hause sein: sie oder ich? — Man ist doch wohl noch charakterfest genug, um einem Mädel ein paar überspannte Mucken auszutreiben! Der Einfluss des Vaters fehlt — und mit dem des Bruders nehme ich es noch auf!“

„Bruder? — Wieviel Geschwister hat sie noch?“

„Nur diesen einzigen! Mir ist der Kerl allerdings etwas unverständlich. — Verbummelt! Spielt sich auch als Weltverbesserer auf, indem er täglich Austern und Sekt schluckt und die Materie doppelt pflegt, weil er jeden fortlebenden Geist, ebenso wie der Vater, ableugnet.“

„Was ist er?“

Der Dragoner zuckte die Achseln. „Nominell ein Gutsbesitzer — nebenbei aber Globetrotter und Genussmensch stärkster Sorte. Er lebt sich aus, — und zwar nicht zu knapp.“ —

„Vielleicht wird aber das Geld etwas knapp dabei?“

„Wohl möglich. Aber Fräulein Ellinors kalte Augen sehen nicht aus, als ob sie noch einmal teilen würde. Wozu auch? — Sie steht ja ‚jenseits von Gut und Böse‘, und da es keinen Himmel gibt, in welchem das Gute vergolten noch das Böse bestraft wird, so gibt es auch keine Verpflichtungen.“ —

„Höchstens den Nietzscheschen Fusstritt für den sinkenden Freund. — Hm — bequem ist ja solche Weltanschauung — ob aber brav und edel? — Na, wenn du Fräulein Ellinor heimführst, zeige ihr, dass du Herr im Hause bist!“

Ein übermütiges Lachen. „Ich schwöre dann auch zur Fahne ihres Ideals Nietzsche und gehe mit der Peitsche zu ihr!“ —

„Gratuliere!“

Die Musik intonierte, und Bonaventura schrak wie aus tiefen Gedanken empor.

„Um alles — ich muss ja noch engagieren!“

„Dann los! Mit Gott für König und Vaterland! Vergiss Fräulein von Heym nicht; sie hat dich auffällig viel und huldvoll angesehen!!“

Völkern antwortete nicht — mit kurzer Geste verliess er die Fensternische, in welche die beiden Freunde getreten waren, und mischte sich hastig unter den bunten Schwarm der Damen.

Zweites Kapitel.

Als Bonaventura der Komtesse Malva den Arm bot, sie zum Souper zu führen, fiel es ihm auf, dass Fräulein von Heym, welche beobachtend in der Nähe stand, ihrem Tischherrn etwas zuflüsterte, worauf dieser mit einem seltsamen Lächeln höflich das elegant frisierte Haupt neigte und sich möglichst unauffällig an Völkerns Sohlen heftete.

Man ass an kleinen Tischen, welche für die Jugend teils in dem Wintergarten, teils in den daranstossenden geräumigen Bibliothekzimmern des Hausherrn aufgeschlagen waren. Bonaventura hatte Plätze für seine Dame und sich im Wintergarten belegt, und da er nach der langen Unterhaltung mit seinem Freund Sacken merkwürdig zerstreut war, hatte er kaum daran gedacht, ein paar gute Freunde an demselben Tisch zu plazieren.. Ja, als ein Garde-Ulan ihn im Vorbeischreiten fragte: „Ist noch Platz bei Ihnen, Völkern?“ hatte er nur geantwortet: „En masse!“ ohne sich auch nur zu erkundigen, welche Dame der Graf ihnen noch zuführen wollte.

Sonst hatte er möglichst dafür gesorgt, dass Malva und er recht ungestört plaudern konnten und nur die besten Bekannten in der Nähe sassen — heute hatte er nicht daran gedacht — ja, er drängte den Gedanken etwas gewaltsam zurück, dass er dem geliebten Mädchen besondere Worte zu sagen habe, welche für die Ohren gleichgültig fremder Lauscher nicht taugten.

Dennoch war er unangenehm berührt, als plötzlich die silberflittergestickte, in zahllosen Kreppplissees wogende Robe des Fräulein von Heym neben ihnen auftauchte und Graf Hochheim einen Stuhl ihm gegenüber höflich zurückzog mit den Worten: „Hier, mein gnädiges Fräulein, wenn ich gehorsamst bitten dürfte!“

Bonaventura erhob sich mit schneller Verneigung, der hochfrisierte Kopf mit der Reiherfontäne nickte einen Gegengruss, und Fräulein von Heym nahm mit dem ständigen Ausdruck von Sentimentalität und Arroganz ihm gegenüber Platz.

„Wir kennen uns ja schon, Komtesse!“ hauchte sie herablassend dem jungen Mädchen mit dem simplen Edelweissstrauss an der Brust zu, und Malva antwortete liebenswürdig, wie stets: „Gewiss, Fräulein von Heym — ich hatte bereits die Freude!“

„Ich bin noch sehr fremd hier. — Die Hofgesellschaft ist doch grösser, wie ich geglaubt; man kann erst ganz allmählich und nur mit Hilfe eines guten Physiognomiengedächtnisses sicher werden!“

Sie sprach allgemein — ihr Blick streifte dabei auch Bonaventura so auffällig, dass derselbe Notiz nehmen musste.

„Gnädiges Fräulein haben nicht dauernd in der Residenz gelebt?“

„Nein. Jahrelang begleitete ich meinen Vater auf seinen Studienreisen von einer Bibliothek in die andere. Zuletzt besuchten wir in Weimar das Nietzschehaus, um den hochinteressanten Nachlass dieses bedeutendsten aller Philosophen mit viel Andacht und Bewunderung durchzusehen!“

„Sie sind eine erklärte Anhängerin dieses sehr modernen Mannes?“ fragte Graf Hochheim und nahm dem Diener, welcher just neben ihn trat, die Tasse voll Fleischbrühe ab.

Fräulein Ellinor richtete sich in Positur, wie ein alter Schwadronsgaul die Ohren spitzt, wenn er das bekannte Alarmsignal hört.

„Selbstverständlich, Graf — wie könnte ich mich der Überzeugung aller wissenschaftlich gebildeten und hervorragenden Menschen verschliessen?“

„Aller? — Aber meine Gnädigste, es gibt Gott sei Lob und Dank noch viel kluge und geistvolle Menschen, welche nicht jenseits von Gut und Böse stehen, sondern eine recht scharfe Grenze dazwischen ziehen!“