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Endlich beschwerdefrei!
Ist die Fructose schuld? "Obst und Gemüse schmecken und sind gesund" - diese Aussage kann längst nicht jeder unterschreiben. Denn die Fructose-Malabsorption ist eine häufige und ernstzunehmende Stoffwechselerkrankung. Doch die richtige Diagnose zu finden, ist manchmal gar nicht so einfach.
Verschaffen Sie sich Klarheit über
Thilo Schleip leidet selbst unter Nahrungsmittel-Intoleranzen und weiß, wo die Tücken bei der täglichen Ernährung liegen. Hier bietet er wertvolle Hilfe für eine fructose- und FODMAP-arme Ernährung, die schmeckt und die Beschwerden in Schach hält.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 167
Veröffentlichungsjahr: 2020
Thilo Schleip
4. überarbeitete Auflage 2020
bevor ich beschloss, einen Ratgeber für Menschen mit Fructose-Intoleranz zu verfassen, befand ich mich in der gleichen Situation, in der Sie sich vielleicht gerade befinden. Ich litt unter mysteriösen Gesundheitsbeschwerden, die wie aus dem Nichts aufzutauchen schienen und mir das Leben zur Qual machten. Ich war zunehmend überfordert durch Alltagssituationen und bald kaum noch in der Lage, mein Leben nach meinen Vorstellungen zu gestalten.
Erst nach einer langen Arzt-Odyssee diagnostizierte man bei mir eine Laktose-Intoleranz, später sammelte ich wertvolle Informationen über die Histamin-Intoleranz und das Reizdarmsyndrom, bis ich durch meine Recherchen schließlich zu der Fructose-Intoleranz gelangte. Ich fand heraus, dass bereits kleine Mengen Fruchtzucker erhebliche Probleme verursachen können.
Als Betroffenem fiel mir auf, dass medizinisch korrekte und gleichzeitig im täglichen Leben verwertbare Informationen und Ratschläge schwer zu finden waren. Daher beschloss ich, einen seriösen Ratgeber für Betroffene zu verfassen. Ich wertete die Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft aus, kombinierte sie mit den Praxiserfahrungen vieler Betroffener und verfasste dieses Buch, das nach sorgfältiger Aktualisierung mittlerweile zu einem Standardwerk für Betroffene herangereift ist.
Die Resonanz auf die erste Ausgabe dieses Buches war enorm. Es stellte sich heraus, dass viel mehr Menschen einen ähnlichen Leidensweg hinter sich hatten, als ich es je für möglich gehalten hätte. Die überwältigende Nachfrage nach Informationen zur Fructose-Intoleranz brachte mich auch auf die Idee, ein Kochbuch und einen Einkaufsratgeber zu diesem Thema zu verfassen.
Seit dem Erscheinen der Erstausgabe haben sich zum Thema Fructose-Intoleranz zahlreiche neue Erkenntnisse ergeben. Interessante Studienergebnisse aus Wissenschaft und Forschung lassen einige Aspekte in einem neuen Licht erscheinen. Welche Rolle spielt das Mikrobiom, also die menschliche Darmflora, bei der Verdauung von Fructose? Wie wirkt sich eine FODMAP-Diät auf das Beschwerdebild aus? Kann man durch gezieltes Zuführen oder Auslassen von Fructose die Verträglichkeit beeinflussen? Wieso hat die neue Zuckerverordnung so schwerwiegenden Auswirkungen auf Betroffene? Und gibt es einen Zusammenhang zwischen Fructose-Intoleranz und dem viel diskutierten Leaky-Gut-Syndrom?
Die zahlreichen Leserzuschriften haben ebenfalls dazu beigetragen, das Beschwerdebild genauer darzustellen und praktische Lösungen für den Alltag zu finden. Seit Jahren beschäftige ich mich damit, diese Erkenntnisse zusammenzutragen und für interessierte Leser aufzubereiten. Das Ergebnis dieser Arbeit halten Sie in den Händen.
Auch wenn sich im Bereich Patientenaufklärung in den letzten Jahren einiges getan hat, ist die Entwicklung noch lange nicht abgeschlossen. Denn solange Mediziner Magen- und Darmspiegelungen durchführen, bevor Nahrungsmittel-Intoleranzen abgeklärt wurden, gibt es noch erheblichen Informationsbedarf auf beiden Seiten. Ich freue mich, meinen Teil dazu beitragen zu dürfen, und wünsche Ihnen viele neue Erkenntnisse bei der Lektüre dieses Buches.
Ihr Thilo Schleip
Titelei
Liebe Leserin, lieber Leser,
So zeigt sich eine Fructose-Intoleranz
Wenn Obst und Gemüse krank machen
Gesund leben und trotzdem krank!
Fructose-Intoleranz – ein unerkanntes Leiden
Leide ich unter einer Fructose-Intoleranz?
Verschiedene Formen der Fructose-Intoleranz
Die intestinale Fructose-Intoleranz
Die hereditäre Fructose-Intoleranz
Ist Haushaltszucker verträglich?
Verdauungs- und Stoffwechselvorgänge
Die Resorption der Kohlenhydrate
Fructose
Das Transportsystem des Dünndarms
Der Glucose-Bonus
Mikrobiom und Leaky Gut
Vielfalt der Darmbewohner
Antibiotika zerstören das Mikrobiom
Zu viel Fructose schädigt die Darmflora und führt zum Leaky Gut
Bakterielle Fehlbesiedlung des Dünndarms
Dysbiose des Dickdarms
Typische Symptome der Fructose-Intoleranz
Magen- und Darmbeschwerden
Unruhe im Darm
Ist die Darmflora schuld?
Depressionen durch Tryptophan-Serotonin-Mangel
Folsäuremangel
Folsäure – ein sensibles Vitamin
Zinkmangel
Weitere Folgen
Bakterielle Fehlbesiedlung des Dünndarms
Laktose- und Histamin-Intoleranz
Schwächung des Immunsystems
Die Fructose-Intoleranz feststellen
Ärztliche Untersuchungen
Ausführliche Anamnese
Das muss Ihr Arzt wissen
Der Wasserstoff-Atemtest
Wasserstoff in der Atemluft
Wie läuft der H2-Atemtest ab?
Weitere Untersuchungsverfahren
Messung des Blutzuckerspiegels
Messung des Fructosespiegels
Bestimmung von Zink, Folsäure und Tryptophan
So wird eine hereditäre Fructose-Intoleranz festgestellt
Bestehen andere (Begleit-)Erkrankungen?
Chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED)
Wie zeigt sich eine Lebensmittelallergie?
Darmkrebs
Diagnose: Reizdarmsyndrom
Bestehen weitere Unverträglichkeiten?
Laktose-Intoleranz
Enzymmangel
Versteckte Laktose
Milchtrinken ist für Erwachsene eigentlich unnatürlich
Besteht eine Histamin-Intoleranz?
So werden Sie beschwerdefrei
Die Ernährung umstellen
1. Stufe: Karenzphase – streng fructosearm essen
Was tun, wenn es nicht besser wird?
Bitte unbedingt meiden
Satt werden – beschwerdefrei
Viel trinken
Fructosearmes Obst und Gemüse
Tagebuch führen
2. Stufe: Individuelle Verträglichkeit testen
Behutsam vorgehen
3. Stufe: Langfristige, bekömmliche Ernährung
Wissenswertes zum Thema Zucker
Haushaltszucker (Saccharose)
Fruchtzucker (Fructose)
Neues EU-Recht für den Zuckermarkt
Drohendes Ungemach durch HFCS
Der glykämische Index von Fructose
Was Sie sonst noch tun können
Aufbau der Darmflora
Was Sie über Probiotika wissen sollten
Vorsicht bei Präbiotika
Linderung durch Glucose
Kann man die Fructoseverträglichkeit trainieren?
Helfen Enzyme bei der Fructoseverdauung?
Helfen Antibiotika?
Was tun bei Mehrfachintoleranzen?
Zunächst einige wichtige Punkte
Ernährungsfachkraft
Zusätzliche Laktose-Intoleranz
Kalziumversorgung sicherstellen
Lactase-Präparate
Kommen Laktose und Fructose gemeinsam vor?
Warum man Sorbit meiden sollte
Worin ist Sorbit enthalten?
Weitere Zuckeraustauschstoffe
Isolierte Sorbit-Unverträglichkeit
Zusätzliche Histamin-Intoleranz
DAO-Mangel
Potenziell histaminreiche Speisen
Weitere biogene Amine
Histaminliberatoren
DAO-Hemmer
Keinen Alkohol trinken!
Wie wird man beschwerdefrei?
Auf Fertiggerichte möglichst verzichten
Unterstützung durch Präparate
Die Low-FODMAP-Diät
Phase 1: Auslassdiät
Phase 2: Testphase
Phase 3: angepasste Ernährung
Die Ernährung anpassen
Gesund und fructosearm essen
Welche Obstsorten sind verträglich?
So können Sie die Verträglichkeit verbessern
Fructosegehalt verschiedener Obstsorten
Traubenzucker verbessert die Fructoseaufnahme
Trockenfrüchte
Obstkonserven
Gemüse enthält nur wenig Fructose
Naturbelassene Milchprodukte sind fructosefrei
Kohlenhydrathaltige Lebensmittel
Süßer Brotaufstrich ist häufig unverträglich
Honig bitte meiden
Bei Marmelade ist der Zuckerzusatz entscheidend
Die Fructoselast kann sehr unterschiedlich sein
Messwerte
Fleisch, Fisch und Wurstwaren
Brot und Backwaren
Woran erkennt man Fructose als Zutat?
Sonstige Lebensmittel
Sorbit (E 420) und andere Zuckeraustauschstoffe
Süßstoffe
Höhere Süßkraft
Keine Gesundheitsgefährdung
»Gefühlsentscheidung«
Welche Getränke sind geeignet?
Sind Smoothies bei FI erlaubt?
Geeignet oder ungeeignet?
Rezeptideen
Fructosearm genießen
Frühstück
Salate und Snacks
Suppen
Vegetarische Hauptgerichte
Hauptgerichte mit Fleisch und Fisch
Desserts
Service
Adressen, die weiterhelfen
Bücher zum Weiterlesen
Autorenvorstellung
Sachverzeichnis
Impressum
»Obst und Gemüse sind gesund.« Das gilt für viele. Wenn Sie aber nach dem Genuss Völlegefühl und Blähungen spüren, haben Sie vielleicht eine Fructose-Intoleranz.
Wie und warum sich die Fructose-Intoleranz zeigt, beschreibt das folgende Kapitel. Ein Selbsttest erleichtert Ihnen das Erkennen einer Fructose-Intoleranz.
Ob als Diät gegen Frühjahrsmüdigkeit oder den unvermeidlichen Winterspeck, nahezu täglich werden wir durch Zeitschriften und Fernsehbeiträge zu einer gesunden, nährstoff- und vitaminreichen Ernährung angehalten. Egal ob Glyx-, Paleo- oder Brigitte-Diät, ohne Obst-, Gemüse & Co geht gar nichts. Körperlich attraktiv, fit und möglichst auch noch gesund: So fühlen wir uns den Anforderungen des Alltags gewachsen. Gerne folgen wir den gut gemeinten Ernährungstipps der Experten. Doch was ist, wenn der erwartete Erfolg ausbleibt? Wenn wir uns – trotz gesunder Ernährung und eiserner Disziplin – nicht fit und schön fühlen? Wenn wir stattdessen unter den unterschiedlichsten Befindlichkeitsstörungen leiden?
Obst und Gemüse enthalten das Kohlenhydrat Fructose (Fruchtzucker). Treten nach Genuss dieser Lebensmittel Beschwerden auf, besteht der Verdacht auf eine Fructose-Intoleranz. Ursache der Fructose-Intoleranz ist ein defektes Transportsystem im Dünndarm. Die Störung verhindert eine ausreichende Verdauung und Verwertung des Fruchtzuckers.
Ein Glas Multivitaminsaft zum Frühstück, Obst und Gemüse über den Tag verteilt und ab und zu ein kalorienreduziertes Diätmenü: Eine so vernünftige Ernährung kann doch unmöglich Ursache für Gesundheitsstörungen sein, sollte man zumindest meinen. Tatsächlich aber ist gerade diese vorbildliche Lebensweise häufig Ursache für bislang unerklärliche Magen- und Darmbeschwerden, ja sogar für Depressionen und Nährstoffmangelerscheinungen.
Warum treten diese Beschwerden gerade nach dem Verzehr von Lebensmitteln auf, die allgemein als besonders gesund, vitamin- und nährstoffreich anerkannt sind, wie beispielsweise Obst und Gemüse? Auslöser solcher Beschwerden ist der in diesen Lebensmitteln enthaltene Fruchtzucker, auch bekannt als Fructose. Wer nach dem Konsum alltagsüblicher Mengen dieses Kohlenhydrats Beeinträchtigungen der Gesundheit und des Wohlbefindens verspürt, der leidet vermutlich unter einer Fructose-Intoleranz. Wie der Name schon vermuten lässt, handelt es sich um eine Unverträglichkeit des Kohlenhydrats Fructose, welches naturgemäß in allen Obst- und Gemüsesorten enthalten ist. Man bezeichnet dieses Krankheitsbild auch als Fruchtzucker-Unverträglichkeit oder Fructose-Malabsorption.
Der Grund für diese Fruchtzucker-Unverträglichkeit ist in den meisten Fällen eine Störung der Aufnahme bzw. Verwertung der Zuckerstoffe im Dünndarm. Ursache dafür ist ein defektes Transportsystem im Dünndarm, welches dazu führt, dass die Fructose nicht oder in nicht ausreichendem Maße verdaut wird. Völlegefühl, Blähungen und durchfallartige Störungen sind die Folgen, die den Betroffenen das Leben zur Qual machen. Wird auf diese Krankheit langfristig nicht mit einer fruchtzuckerarmen Diät eingegangen, so drohen bisweilen sogar depressive Verstimmungen und verschiedene Nährstoffmangelerscheinungen.
In seltenen Fällen kann auch ein vererbbarer Enzymdefekt Auslöser einer Fructose-Intoleranz sein, ein Befund, der in diesem Buch nur am Rande Erwähnung findet. Man spricht dann von einer hereditären Fructose-Intoleranz. Die Unterschiede zwischen dieser sehr seltenen Form der Fructose-Intoleranz und der in diesem Buch behandelten (intestinalen) Fructose-Intoleranz werden im Kapitel ▶ »Verschiedene Formen der Fructose-Intoleranz« genauer erläutert. Der Einfachheit halber wird in diesem Buch die Bezeichnung »Fructose-Intoleranz« verwendet. Gemeint ist dann stets ausschließlich die intestinale Form, also die Fructose-Malabsorption. Die in diesem Buch veröffentlichten Tipps, Rezepte und Erläuterungen beziehen sich – wenn nicht anders angegeben – ausschließlich auf die intestinale Fructose-Intoleranz (Fructose-Malabsorption) und sind für Patienten mit hereditärer Fructose-Intoleranz nicht geeignet!
Nach Schätzungen leiden etwa 30 Prozent der europäischen Bevölkerung unter einer Fructose-Intoleranz. Angesichts dieser Zahlen sollte man eigentlich meinen, dass die Abklärung einer Fructose-Intoleranz bei der Diagnostik unklarer Gesundheitsbeschwerden zur Routine gehört. Doch bislang ist diese Nahrungsmittelunverträglichkeit nicht nur den Betroffenen, sondern auch vielen Medizinern unbekannt. Nicht selten werden Patienten mit der Diagnose ▶ »Reizdarmsyndrom« vertröstet, noch häufiger werden sogar psychische Faktoren als Ursache der Gesundheitsbeschwerden vermutet. Und so dauert es oft Jahre oder gar Jahrzehnte, bis die richtige Diagnose gestellt wird. Dies verdeutlicht auch der Erfahrungsbericht einer 31-jährigen Mutter, die einen für diese Krankheit typischen Leidensweg hinter sich hat.
Sophie
»Ich hatte schon immer Probleme mit meiner Verdauung«
Kleinere Probleme mit meiner Verdauung hatte ich eigentlich schon immer. Bereits als Jugendliche bekam ich alle paar Tage Bauchschmerzen und gelegentlich auch Durchfall. Verschiedene Arztbesuche über einen Zeitraum von mehreren Jahren brachten aber keinen Aufschluss über irgendwelche Krankheiten, stattdessen wurden seelische Faktoren als Auslöser vermutet. Und so hielt ich diese Störungen für normal und nahm sie meist nicht weiter zur Kenntnis.
Weder während meiner Ausbildung zur Bürokauffrau vor rund 10 Jahren noch in der anschließenden Zeit als Hausfrau und Mutter haben mich die Beschwerden so sehr beeinträchtigt, dass ich mir ernsthaft Sorgen machte. Dies änderte sich, als ich mir und meiner Familie eine gesündere Ernährungsweise verordnete und den Speiseplan mit Fruchtsäften sowie viel Obst und Gemüse anreicherte. Die anfängliche Hoffnung auf Besserung meiner Bauchbeschwerden verflog schnell. Schlimmer noch, die Durchfälle traten von da an fast täglich auf, und ich fühlte mich zu dieser Zeit krank und ausgelaugt.
Weil auch meine damals 7-jährige Tochter nun häufiger über Bauchschmerzen klagte, suchte ich mit ihr einen Kinderarzt auf und klärte ihn bei dieser Gelegenheit über unsere neuen Ernährungsgewohnheiten auf. Er riet mir, zunächst auf Multivitaminsäfte und Honig zu verzichten. Weil sich daraufhin nicht nur der Zustand meiner Tochter besserte, sondern auch mein eigener, verordnete mein Hausarzt mir sechs Wochen später einen H2-Atemtest zum Nachweis einer Fruchtzucker-Unverträglichkeit. Das Testergebnis war positiv!
Bei einer Ernährungsberatung erfuhr ich dann, welche Speisen ich besser meiden oder nur in geringem Umfang konsumieren sollte und was ich sonst noch tun kann, um die Verträglichkeit von Obst und Gemüse zu verbessern. Seit ich mich an diese Ratschläge halte, bin ich quasi beschwerdefrei, fühle mich fit und gesund und lebe förmlich auf. Durchfälle und Bauchschmerzen, wie ich sie seit meiner Kindheit als Normalzustand kannte, sind seitdem nicht mehr aufgetreten.
Eine Fructose-Intoleranz kann mittels eines vergleichsweise einfachen Verfahrens nachgewiesen werden, daher sollte man meinen, dass jeder Betroffene über seine Krankheit Bescheid weiß. Doch genau das Gegenteil ist der Fall: Viel zu selten verordnet der Arzt einen entsprechenden Atemtest, wenn der Patient über unklare Bauchbeschwerden klagt, und viel zu häufig werden die Betroffenen mit ihren zahlreichen, teilweise diffusen Symptomen fehldiagnostiziert. Darüber hinaus sehen sie sich mit dem Verdacht konfrontiert, allein seelische Gründe seien für ihre Krankheit verantwortlich.
Aber wie kann es sein, dass die Diagnose der Fructose-Intoleranz – im Weiteren zur Vereinfachung mit FI abgekürzt – eine solche Außenseiterstellung einnimmt? Dafür gibt es vermutlich mehrere Gründe. Generell interpretiert man Verdauungsbeschwerden nach dem Genuss größerer Mengen an Fruchtzucker nicht unbedingt als eine ernst zu nehmende Krankheit. Schließlich ist nahezu jedes Lebensmittel ab einer gewissen Menge unbekömmlich und schwer verdaulich. Dabei wird aber übersehen, dass Menschen mit FI meist gar nicht wissen, dass sie gewohnheitsmäßig viel Fruchtzucker zu sich nehmen und womöglich viel weniger davon vertragen, als dies bei Gesunden der Fall ist. Dadurch können sie auch den Verursacher ihrer Beschwerden nicht identifizieren. Gerade wer meint, sich mit fünf Portionen Obst und Gemüse pro Tag besonders verantwortungsbewusst zu ernähren, wird bei Vorliegen einer FI genau den gegenteiligen Effekt erzielen.
Die Essgewohnheiten der Nord- und Mitteleuropäer haben sich in den letzten Jahrzehnten sehr verändert: Galten Südfrüchte, exotische Obst- und Gemüsesorten und Säfte früher noch als besondere, weil teure Delikatesse, so nehmen sie auf dem heutigen Speiseplan einen festen Platz ein. Nahezu täglich und zu jeder Jahreszeit konsumieren wir ein Vielfaches der Fruchtzuckermenge wie noch vor 30 Jahren. Für die Mehrzahl der Menschen ist der Konsum dieser Vitaminspender ein gesunder Genuss, weil sie den darin enthaltenen Fruchtzucker problemlos tolerieren. Für 3 von 10 Personen gilt dies allerdings nicht: Sie leiden unter einer Fructose-Intoleranz.
Auch die Errungenschaften der Lebensmittelindustrie verschärfen das Problem: Aus technologischen Gründen wird unzähligen Speisen und Getränken heutzutage Fructose beigemengt, wodurch ein Durchschnittskonsument im Laufe eines Tages ganz beträchtliche Mengen dieses Kohlenhydrats zu sich nimmt. In den meisten Fällen weiß er davon aber nichts, da man die Süße des Fruchtzuckers nicht von der anderer Süßungsmittel unterscheiden kann.
Viele Menschen leiden von Zeit zu Zeit an Magen- und Darmbeschwerden. Manche entwickeln einen starken Leidensdruck und haben zahlreiche Arztbesuche hinter sich.
Vielleicht geht es Ihnen auch so, und Sie haben nun den Verdacht, zu den 30 Prozent der Betroffenen zu gehören, die an Fructose-Intoleranz leiden. Dann finden Sie einen Selbsttest- ▶ Fragebogen, mit dessen Hilfe Sie das Vorliegen einer FI bereits gut abschätzen können. Das Ergebnis können Sie im Bedarfsfall mit Ihrem Hausarzt oder einem Ernährungsberater besprechen, welcher gegebenenfalls zur sicheren Diagnose einen H2-Atemtest veranlassen wird.
Auf den folgenden Seiten erfahren Sie alles Wissenswerte über die medizinischen Hintergründe Ihres Leidens und bekommen wertvolle Tipps für den praktischen Umgang mit der FI, beginnend mit der Frage, welche Lebensmittel in welchen Mengen für Sie verträglich und gesund sind, bis hin zur Einkaufshilfe für den Supermarkt.
Auch wenn die Erkenntnis, unter einer Fruchtzucker-Unverträglichkeit zu leiden, im ersten Moment auf Sie wie ein Schock wirken mag: Es gibt keinen Grund zu verzweifeln. Um Ihre Beschwerden zu lindern, sind zwar gewisse Einschränkungen und ein veränderter Speiseplan erforderlich. Doch es wird Sie freuen zu hören, dass es kein Lebensmittel gibt, das Sie zukünftig nicht mehr konsumieren dürfen. Da die FI – im Gegensatz zur Lebensmittelallergie – erst nach dem Verzehr einer bestimmten Menge an Fruchtzucker Probleme bereiten kann, gibt es prinzipiell kein »verbotenes« Lebensmittel für die Betroffenen. Im 5. Kapitel dieses Buches erfahren Sie, welche Folgen dies für Mengen und Zubereitung der Speisen hat. Eine fructosearme Ernährung ist nicht gleichzusetzen mit Verzicht und Eintönigkeit, wie Ihnen der Rezeptteil dieses Buches beweist. Mithilfe einfach nachzukochender Rezeptvorschläge wird es Ihnen spielend gelingen, einen abwechslungsreichen Speiseplan für eine fructosereduzierte Diät zu erstellen. Dabei sind die Rezeptvorschläge nicht als strenge Anleitung für einen Diätplan zu verstehen, sondern als eine Anregung zum Ausprobieren und Experimentieren.
Der aufgeklärte Patient
Fructose-Intoleranz bedeutet nicht, lebenslang auf fruchtzuckerhaltige Speisen zu verzichten. Wer gut über seine Unverträglichkeit informiert ist, der verfügt auch über einen reichhaltigen Speiseplan. Mit dem Wissen um die medizinischen Aspekte der FI und mit den praktischen Tipps dieses Buches sollte es Ihnen zukünftig gelingen, auch ohne fremde Hilfe zu entscheiden, welche Ernährungsweise für Sie die richtige ist. Unberechenbare Probleme mit Magen und Darm werden dann schon bald der Vergangenheit angehören.
Man unterscheidet zwei Arten der Fructose-Intoleranz. Obwohl sie sich in manchen Punkten sehr ähnlich sind, muss wegen der Unterschiedlichkeit ihrer Auswirkungen dennoch streng zwischen beiden Formen unterschieden werden:
Bei der intestinalen Fructose-Intoleranz, die auch als Fructose-Malabsorption bezeichnet wird, handelt es sich um eine Störung des Fructosetransports im Darm (intestinal). Ursache dieser Verdauungsstörung ist ein defektes Transportsystem mit dem Namen GLUT-5. Man schätzt, dass in unserem Kulturkreis etwa 3 von 10 Personen unter einer mehr oder minder schwer ausgeprägten Form dieser Nahrungsmittel-Unverträglichkeit leiden. Die Erläuterungen und Ratschläge in diesem Buch beziehen sich ausschließlich auf diese intestinale Form der Fructose-Intoleranz.
Viel seltener und in ihren Auswirkungen schwerwiegender ist die hereditäre, also erblich bedingte Form der FI, im Folgenden kurz HFI genannt. Bei einem von etwa 20 000 Neugeborenen lässt sich diese Krankheit feststellen. Es handelt sich bei der HFI um einen Enzymdefekt, der bei Diätfehlern bereits nach dem Abstillen zu lebensbedrohlichen Zuständen führen kann. Eine streng fructosefreie Kost ist daher dringend anzuraten. An dieser Stelle nochmals der Hinweis: Für Menschen mit einer hereditären Fructose-Intoleranz (HFI) ist dieses Buch nicht geeignet!
Die zwei Formen der Fructose-Intoleranz
intestinale Fructose-Intoleranz (Fructose-Malabsorption)
hereditäre Fructose-Intoleranz (vererbte Form)
Nahrungsmittelunverträglichkeit
angeborene Stoffwechselstörung
Störung des Fructose-Transporters GLUT-5
Defekt des Enzyms Aldolase B
moderate Diät erforderlich
strenge Diät erforderlich
betrifft 30 von 100 Menschen
betrifft 1 von 20 000 Neugeborenen
Sowohl die intestinale als auch die hereditäre Form der FI sind nur wenig bekannt. Letztere wird in der Regel bereits im frühen Kindheitsstadium diagnostiziert und ist daher insbesondere Kinderärzten ein Begriff. Mütter werden auf die krankhaften Veränderungen ihres Säuglings aufmerksam, wenn es nach der Umstellung von Muttermilch auf obsthaltige Beikost zu Erbrechen, Zittern und anderen Anzeichen einer Unterzuckerung kommt.
Oft lehnen von HFI betroffene Kinder auch instinktiv alles Süße, aber auch Obst und jegliche Gläschenkost ab, sodass die Krankheit für einen gewissen Zeitraum unentdeckt bleibt. Auffallend bei Menschen mit HFI ist bisweilen das kariesfreie Gebiss.
Hervorgerufen wird die HFI, also die angeborene, sehr schwere Form der Fructose-Unverträglichkeit, durch ein unvollständiges oder fehlendes Enzym mit dem Namen Fructose-1-Phosphat-Aldolase, kurz Aldolase B. Die Folge dieses Enzymmangels ist eine Ansammlung von Fructose-1-Phosphat in Leber, Nieren und Darm. Die giftigen Stoffwechselprodukte, die sich in der Leber angesammelt haben, führen zu schlechten Leberbefunden, die bei Erwachsenen nicht selten mit den Folgen einer Alkoholabhängigkeit verwechselt werden. Wird nun Fruchtzucker zugeführt, so verhindert das angehäufte Fructose-1-Phosphat Teilung und Aufbau von lebenswichtigem Traubenzucker, auch Glucose genannt (es handelt sich bei der Glucose um den eigentlichen »Blutzucker«). Diese Stoffwechselstörung kann letztlich zu einer gefährlichen Unterzuckerung führen. Schon allein der in einer halben Banane enthaltene Fruchtzucker kann ein lebensbedrohliches Koma auslösen.
Im Gegensatz zu früher, als die hereditäre FI zumeist tödlich verlief, kann man heute durch eine frühe Diagnose und entsprechende Diät schwerwiegende Schäden rechtzeitig abwenden. Voraussetzung ist, dass der Konsum von Fruchtzucker ein Leben lang konsequent unterbunden wird. Dies gilt nicht nur für die in freier Form befindliche Fructose in Obst und Gemüse, sondern auch für die in anderen Kohlenhydraten gebundene Fructose. Menschen, die unter HFI leiden, müssen also auch so geläufige Zuckerarten wie den Haushaltszucker, der zur einen Hälfte aus Glucose und zur anderen Hälfte aus Fructose besteht, strikt meiden. Schon bei kleinsten Diätfehlern drohen Unterzuckerung sowie schwere Leber- und Nierenschäden. Die hereditäre Fructose-Intoleranz ist nach dem heutigen Stand der medizinischen Wissenschaft nicht heilbar.
Die Auswirkungen einer intestinalen FI sind glücklicherweise nicht so schwerwiegend wie die der hereditären Form. Gleichwohl können die durch Fructose-Malabsorption verursachten Beschwerden den Betroffenen das Leben zur Qual machen, insbesondere wenn der Fruchtzucker als Auslöser noch nicht erkannt wurde.
