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Manchmal zerbricht eine Liebe nicht leise, sondern mit voller Wucht. Nach Jahren gemeinsamer Geschichte stehen Eliana und Neo vor den Trümmern ihrer Ehe. Ein Vertrauensbruch, unausgesprochene Schuld und Entscheidungen, die sich nicht mehr rückgängig machen lassen, reißen alles auseinander – auch ihre Familie. Während Neo versucht, dem Chaos zu entkommen und seinen eigenen Fehlern auszuweichen, kämpft Eliana ums Atmen, ums Funktionieren, ums Überleben in einem Alltag, der plötzlich keinen sicheren Boden mehr kennt. Zwischen Verlust, Reue, Nähe und erneuter Distanz stellt sich eine Frage, die schmerzhafter ist als jede Trennung: Kann man zu jemandem zurückfinden, den man nie aufgehört hat zu lieben – oder ist manches für immer verloren?
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Seitenzahl: 860
Veröffentlichungsjahr: 2026
© 2025 Natt Alexy
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin: tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter:
Natt Alexy
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Natt Alexy
FÜR IMMER?!
Band 3
Prolog
2023
Neo musste raus und zündete sich umgehend eine Zigarette an. Die Luft brannte kurz in seinen Lungen und vermischte sich mit dem Tabakrauch. Drinnen war gerade eben alles zu viel gewesen. Zu bedeutsam. Es war nicht so, dass er fernbleiben wollte, dennoch suchte er für einen Augenblick einen Ort, um das Gewicht des Moments sacken zu lassen.
Es war so weit.
Sein Brustkorb fühlte sich eng an, überladen, als könnte er die Emotion kaum halten. Ein wenig wie Lampenfieber ... nur dass es keine große Bühne war, sondern das Leben selbst.
Neo war glücklich. Sehr sogar. Aber auch verdammt aufgeregt, und die Angst, wieder etwas zu verlieren, schnürte ihm trotzdem kurz die Kehle zu. Er stand vor dem Eingang des Klinikums, schloss die Augen und ließ die kalte Luft tief in seine Lungen strömen. Nur für einen Moment. Nur, um sich selbst daran zu erinnern, dass er hier war. Dass es wirklich geschah.
Sein Handy vibrierte.
Julian.
Hastig tippte er eine Antwort auf dessen Frage, ob alles gut wäre, seine Finger zitterten leicht.
Meld mich später
Es ist aber alles okay
Dann steckte er es weg. Mehr Ablenkung durfte nicht sein. Nicht jetzt.
Er zog noch einmal an seiner Zigarette, bevor er diese ausdrückte und zurück ins Gebäude ging. Am Aufzug angekommen, betätigte er den Knopf und wartete. Neben ihm blieb eine ältere Dame stehen, vielleicht Mitte achtzig, mit einem warmen, aufmerksamen Blick. Ein leiser Gong kündigte die Ankunft an, und sie betraten die Kabine. Neo wandte sich zum Display und wählte das Stockwerk zur Geburtshilfe. »Na. Kann man denn schon gratulieren?«, fragte sie freundlich.
»Wie bitte?« Er sah zu ihr rüber, noch halb in seinen eigenen Gedanken gefangen.
Sie deutete auf den Knopf, den er soeben betätigt hatte. »Sie werden doch Vater, nicht wahr?«
Er nickte und lächelte. »Ja. Das werde ich.«
»Junge oder Mädchen?«
»Wir lassen uns überraschen«, antwortete er. »Vielleicht sogar beides.«
»Zwillinge? Oh je, das wird eine wilde Zeit. Meine Anna ... also, deren Schwägerin hat Zwillinge bekommen. Ich sag’s Ihnen ... Schlaf können Sie sich dann abschminken.« Sie kicherte leise.
»Glauben Sie mir, das nehme ich gerne in Kauf.« Der Aufzug öffnete sich mit einem kurzen Signal.
»Ich wünsche Ihnen und Ihrer Frau viel Glück und dass es schnell und unkompliziert geht«, rief sie ihm nach.
»Dankeschön.« Er nickte ihr freundlich zu und nahm sofort den bereits vertrauten Weg zur Station. An der Glastür klingelte er.
Die zierliche Hebamme ... Mitte vierzig, mit einem Lächeln, das schon tausend Wunder begleitet hatte ... öffnete ihm direkt. »Sie kommen genau richtig, Herr Korbin. Besser Sie gehen nicht mehr weg. Die Wehen sind stärker geworden. Es dauert nicht mehr lange.«
Neo nickte. Sein Hals war trocken, zugeschnürt von all dem, was in ihm brodelte. Worte hätte er gerade sowieso keine gefunden. Die Nervosität stieg an. Aber das wollte er nicht mit in das Zimmer nehmen. Langsam blies er Luft aus ... ein und aus, ein und aus. Seine Schultern senkten sich, ehe er der Geburtshelferin folgte. »Ich bin wieder da«, sagte er schließlich leise, während er zu dem Bett sah, in dem sie lag. Sie atmete gerade eine Wehe weg. Er wusste inzwischen, dass das eigentlich kein Augenblick war, um irgendetwas zu sagen. In der Zeit benötigte sie einfach nur Ruhe. Konzentration auf den Schmerz, der das Schönste hervorbringen würde.
»Sie haben es bald geschafft.« Die Hebamme lächelte ein weiteres Mal, dann ließ sie die beiden allein.
Neo setzte sich neben das Bett. Sein Blick wanderte zum Wehenschreiber, dessen gleichmäßige Linien plötzlich in wilde Zacken ausschlugen. Er griff nach ihrer Hand und küsste sacht ihren Handrücken. »Es wird alles gut.«
Sie nickte nur andeutungsweise und presste die Lippen zusammen, als wolle sie ein Zittern und somit ihre Verletzlichkeit zurückhalten. Obwohl bislang alles normal verlief, spürte er es ... sie hatte Angst. »Was machst du?«, flüsterte sie, nachdem er ihre Hand losließ, die Schuhe auszog und wortlos aufs Bett stieg, genau hinter sie. Neo antwortete nicht. Er schlang die Arme um sie und legte seine Handflächen auf den runden Bauch. Er schloss die Augen und nahm alles auf.
Die Nähe.
Die Wärme.
Den Duft ihrer Haut.
Ein Atemzug Frieden.
Und darunter … ein Schatten. Ja, auch dieser war da. Still. Doch spürbar.
»Ich bin da. Ich kann es dir nicht abnehmen, aber ich bin hier. Bei dir. Mit dir.« Er küsste ihre Wange, schmeckte das Salz getrockneter Tränen, und strich ihr vorsichtig die dunklen, feuchten Haare zur Seite. Ihre Hand legte sich sanft auf seine. Ein winziges Zeichen ... aber für ihn war es alles.
Nie hätte er geglaubt, dass er das je wieder erleben durfte. Dass es überhaupt noch möglich war, sich so anzufühlen ... als würde das Leben selbst durch seine Adern fließen.
Trotz alledem ... das hier war kein Happy End. Nicht für ihn. Nicht für sie. Nicht in dieser Welt, wo alles Gute auch innerhalb eines einzigen Atemzugs zerbrechen konnte wie Glas.
> Am Ende fügt sich alles. Und wenn noch nichts passt, ist es noch nicht das Ende <
Früher hätte er daran geglaubt. Heute war er sich darüber im Klaren, dass das Ende nicht immer das ist, was wir uns wünschen. Und nicht alles, was gut ist, bleibt. Entscheidend war das Jetzt.
Nicht die Erinnerungen, die schmerzten wie offene Wunden.
Nicht die Zukunft, die Fragen stellte, die er nicht beantworten konnte.
Nur dieser Augenblick.
Nur diese Berührung.
Nur die beiden kleinen Wesen in ihrem Bauch, die noch keine Ahnung hatten, wie zerbrechlich Glück und das Leben sein konnte. Neo drückte sie sanft an sich, spürte ihren Herzschlag gegen seinen Arm. »Ich liebe dich.«
Ja. Er wusste genau, was er verspürte. Was er für diese Frau hier empfand ... tief und bedingungslos und erschreckend real.
Neo konnte ihr Gesicht nicht sehen, doch er spürte, dass sie lächelte. »Ich liebe dich auch«, kam leise, aber ehrlich über ihre Lippen.
2022
Neo saß auf dem Hotelbett.
Seine Finger hatte er tief in seine Locken vergraben, die Knöchel weiß vor Anspannung, wobei er verzweifelt versuchte, seinen schuldbeladenen Kopf zu stützen. Er hatte gehofft, der erstickende Druck würde sich legen, sobald er niemanden mehr um sich hatte. Aber stattdessen kroch alles nur noch tiefer in ihn hinein. Er sah auf. Die Wände schienen näher zu rücken mit jedem Atemzug, den er tätigte.
Der Lärm in seinem Kopf.
Elianas verletzter Blick.
Das Echo ihrer Worte.
Giada hatte unter anderem nicht locker gelassen. Eine Nachricht folgte der nächsten, das Display seines Handys leuchtete auch jetzt wieder auf. Neo hatte keine Lust nachzuschauen. Es war immer dieselbe Frage. Immer anders verpackt.
Warum ignorierst du mich?
Warum schweigst du?
Warum tust du so, als würde ich nicht existieren?
Er konnte es nicht mehr lesen. Nicht mehr ertragen.
Neo schloss die Augen, atmete tief durch, anschließend griff er dann doch zum Handy. Seine Hände zitterten leicht, während er ihre Nummer wählte. »Hey«, kam ihre Stimme mit einem freudig-erleichterten Ton bei ihm an, der ihm das Herz zusammenzog.
»Was lässt dich denken, dass du schwanger sein könntest?« Die Frage schoss aus ihm heraus wie ein Reflex, noch bevor er sich sortieren konnte. Aber sie war nun mal in seinem Kopf gebrannt, seit Eliana ihn mit diesem vernichtenden Blick rausgeschmissen hatte.
»Ich … ich … warum hast du mich die ganze Zeit ignoriert?«, stellte sie als Gegenfrage.
»Giada, bitte.« Er presste die freie Hand gegen seine Stirn und spürte den pochenden Puls unter seiner Haut. »Ich hab grad echt keinen Nerv dafür. Ich will einfach nur eine verdammte Antwort.«
Einige Sekunden lang blieb alles still, und er war schon sicher, dass sie wegen seines Tons aufgelegt hatte, bis ... »Ich hab’ einen Test gemacht, Neo. Der war positiv.«
Er starrte an die Decke. »Fuck«, presste er hervor. Es war leise ... aber sie hörte es trotzdem.
»Du freust dich nicht?« Ihre Unsicherheit war deutlich zu vernehmen.
»Natürlich freu’ ich mich nicht. Was erwartest du von mir?« Die Worte kamen schärfer heraus als vorgesehen. Er stellte den Lautsprecher an, legte das Handy neben sich, stand auf und lief nervös durchs Zimmer. Jeder Muskel in seinem Körper war angespannt. »Du hast gesagt, du kannst keine Kinder bekommen, Giada. Das waren deine verdammten Worte.«
»Ich weiß. Es ... es ist auch … ich hab’ keine Ahnung.« Ihre Stimme brach leicht.
»Meine Frau hat deine Scheiß Nachrichten gesehen«, sprach er es endlich aus.
Wieder war sie still. Sekunden, die sich ewig lang anfühlten. »Und jetzt?«, flüsterte sie schließlich, so leise, dass er sie kaum verstand.
»Giada, du …« Er brach ab. Suchte nach dem richtigen Ton. Nach einem Weg, es zu sagen, ohne sie noch mehr zu verletzen.
Aber wie sagt man jemandem, dass ein Baby mit ihr nie Teil seines Plans war?
»Du hättest mir nicht so oft schreiben sollen«, meinte er stattdessen. Es war feige, und er hasste sich dafür. Doch es war das Einzige, was in diesem Moment über seine Lippen kam.
»Du hast mich ignoriert.« Wieder diese erstickende Stille. »Kommst du ... ähm ... kommst du zu mir?« fragte sie nun leise ... und so schwach, dass es ihm tatsächlich wehtat.
»Nein. Meine Frau hat mich rausgeschmissen. Sie hat unsere jahrelange Beziehung beendet. Ich muss ...«
»Das ist nicht meine Schuld«, unterbrach sie ihn sofort.
»Ich weiß.« Dessen war er sich in der Tat bewusst. Die Verantwortlichkeit lag allein bei ihm. Allerdings ... wenn all das nicht herausgekommen wäre, hätte er möglicherweise ja die Chance gehabt, es wieder gut zu machen. »Ich muss auflegen.«
»Aber … kommst du morgen zu mir?«
»Gott, Giada, ich weiß es nicht.« Er sah wieder an die Decke. »Ich muss erstmal … irgendwie klar kommen. Das sind gerade einfach zu viele Teile, die alle gleichzeitig auseinanderfallen. Mein ganzes Leben ist kaputt.«
»Okay«, kam fast tonlos bei ihm an.
»Wir … sehen uns. Tschau.«
»Okay. Tschau, Neo.«
Er legte auf, setzte sich wieder auf die Matratze und fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht. Sein Kopf pochte. Alles pochte. Sein Herz, seine Schläfen, die Wunde in seiner Brust, wo Elianas Liebe einmal gewesen war. Dann klopfte es an der Tür ... drei harte Schläge. Neo wusste sofort, wer es war. Julian hatte ihn kurz vor der Ankunft angerufen. Hatte nur gefragt Wo genau bist du? ... mehr nicht. Aber der Ton hatte alles gesagt.
Eliana muss mit Nora gesprochen haben und die hatte erwartungsgemäß jetzt Julian losgeschickt. Es klopfte ein weiteres Mal. Neo atmete tief ein, stand auf, ging zur Tür, öffnete ... und da war er. Sein Gesichtsausdruck war so eindeutig wie ein Schlag ins Gesicht. »Was hast du verdammt noch mal getan?«, wollte er unmissverständlich wissen und trat ein, während Neo wortlos kehrtmachte und zurück ins Zimmer lief.
»Ey, bitte, Juli. Ich hab echt keine Lust auf eine Moralpredigt, okay!«
»Du willst keine Predigt, Neo? Klar. Versteh’ ich. Niemand will auf seine beschissenen Fehler hingewiesen werden. Aber könntest du mir wenigstens erklären, was du dir dabei gedacht hast?«
Neo setzte sich zurück aufs Bett. »Nichts.«
»Ja, das glaube ich dir sogar. Und genau das ist das Problem.« Julian sah ihn an, als wollte er ihn packen und durchrütteln. »Du hast doch gesagt, du willst das mit Eliana hinbekommen. Und dann vögelst du die ganze Zeit eine andere? Wie soll das zusammenpassen?«
»Bitte.« Neo bemerkte den aufsteigenden Würgereflex, ausgelöst von der Schuld, die in ihm nagte, und kämpfte einen Moment dagegen an. »Bist du hier, um mir reinzudrücken, was ich alles falsch gemacht hab‘? Oder bist du mein Freund?«
»Ich bin dein Freund. Genau deswegen bin ich hier. Und weil ich dein Freund bin, sag ich dir auch die Scheiße ins Gesicht, die du hören musst. Das ändert nichts an unserer Freundschaft«, gab Julian zur Antwort. »Du hast riesengroßen Mist gebaut.«
Neo sah weg, fixierte einen Punkt an der Wand. »Ich wollte das nicht. Ich hab’s nicht ... geplant. Giada … sie war einfach da. Und Lin hat mich so weit weggeschoben, dass ich mich selbst nicht mehr gespürt hab‘. Ich weiß nicht, wie das passieren konnte. Aber ... ich liebe Lin.« Neo sah ihn mit feuchten Augen an. »Ich liebe sie wirklich.«
»Giada heißt sie also?« Julian zog sich einen Stuhl ran und setzte sich verkehrt herum darauf. »Und? Ist es ... vorbei?«
Neo nickte. »Ja. Ich hab’s davor schon beendet.«
»Und das mit der Schwangerschaft?«
Er zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es echt nicht, Juli. Sie hat gesagt, der Test ist positiv.«
»Kondome kennst du, oder?«
Neo warf ihm einen Blick zu, der alles sagte. »Nach so vielen Jahren mit Lin … ach, fuck.« Er suchte nach den richtigen Worten, aber sie existierten nicht. Zugegebenermaßen ... er hätte verantwortungsvoller damit umgehen sollen. Dessen war er sich bewusst. »Ich hab’ keinen verdammten Master im Fremdgehen, okay!« Das unschöne Wort schmerzte. Er sah Eliana vor sich. Der Moment, in dem sie ihn angesehen hatte, als wäre er jemand Fremdes. Jemand Ekelhaftes. »Giada hatte gesagt, dass sie keine Kinder bekommen kann. Ich hab’ sogar die ärztlichen Unterlagen gesehen.«
»Das ist alles so eine Scheiße, Neo.« Julian rieb sich die Stirn. »Du weißt, was bald ansteht ... diese Aufzeichnung in Spanien. In der Finca, die wir dafür gebucht haben. Da sind Kamerateams, das weißt du genau. Es wird Interviews geben. Alles Mögliche. Es soll eine kreative Doku sein über uns. Über FAD. Und jetzt das? Wenn verdammt noch mal rauskommt, dass du deine Affäre geschwängert hast, Neo, stehen wir nicht als Künstler da ... das wird weggeschoben. Wir sind dann Idioten mit Drama-Abo.«
Er schüttelte den Kopf. »Giada ist nicht so. Sie redet mit niemandem.«
»Vielleicht nicht heute. Aber denk doch ma‘ nach ... wenn sie wirklich schwanger ist ... und du dich abwendest ... wenn sie nicht nur ein Kind, sondern dich mit dazu will ...« Julian lehnte sich vor. »Verschmähte Frauen können scheißgefährlich sein.«
»Ich werd‘ mit ihr reden. Ich klär’ das.« Er rieb sich die Schläfen. Dieser hämmernde Druck ging nicht weg, wurde nur schlimmer.
»Ist es die Frau, die Nora mit dir zusammen gesehen hat? Oder gab’s da noch andere?«
»Nur sie. Es gibt nur sie. Ich mein’ ... es gab nur sie.« Er korrigierte sich sofort. »Du hast sie aber auch schon gesehen.«
»Was?« Seine Augenbrauen zogen sich zusammen.
»Damals. Im Eiscafé.«
Julian dachte nach, bis seine Mimik sich schlagartig änderte. »Was? Du meinst ... die Dunkelhaarige? Die du die ganze Zeit angeglotzt hast?« Neo nickte, spürte, wie erneut die Übelkeit zuschlug. »Du hattest da bereits was mit ihr, und ...?« Julian wurde automatisch lauter, doch wurde auch direkt unterbrochen.
»Nein. Da hab’ ich sie kennengelernt.«
»Was? Nein. Ich war dabei. Ich hätte das doch gemerkt. Du hast nicht mit ihr gesprochen, du hast ...«
»Sie hat mein Eis bezahlt und ihre Nummer dagelassen.«
»Und du Vollidiot hast sie angerufen?«, schrie er ihn an.
»Können wir das Thema jetzt bitte wechseln?«, gab er beinahe flehend von sich. »Glaubst du echt, das wäre alles passiert, wenn Lin nicht plötzlich Mauern hochgezogen hätte? Wenn ich nicht immer weiter diese Kälte von ihr bekommen hätte?«
»Du willst es aber doch wieder hinbekommen mit ihr, oder?«
Neo sah hinab, starrte auf seine Hände, die zitterten. »Ich glaub’ nicht, dass sie mir das je verzeihen wird.«
Eliana saß im Schneidersitz auf der Couch. Wohin man auch blickte, lagen zerknüllte, vollgerotzte Taschentücher. Nora schenkte ihr gerade irgendwas Hochprozentiges ein.
»Wie konnte Neo mir das nur antun?«, schniefte Eliana.
Ihre beste Freundin setzte sich neben sie und streichelte beruhigend über Elianas zitternden Oberschenkel. Die sonst nicht wortkarge Blondine blieb stumm. Ihr war klar, dass jetzt sowieso nichts helfen würde. Das war auch der Grund, weshalb sie Lya mütterlichstreng mit Levi ins Zimmer geschickt hatte. Diese hatte es nämlich nicht lassen können, immer wieder zu sagen, dass alles gut werden würde, dass Neo wiederkommen würde.
Aber genau das sollte ein Kind nicht sagen müssen.
Neo war nicht freiwillig gegangen.
Eliana hatte ihn rausgeworfen.
»Er war mit ihr in Paris«, kam kratzig und bebend über Elianas Lippen. »Dieses beschissene Foto, wo er da sitzt, breitbeinig, im Bademantel … Das hat sie gemacht. Ich will gar nicht wissen, was er davor oder danach mit ihr …« Sie würgte kurz.
»Tu’s nicht.« Nora konnte sich vorstellen, wie schwer es sein musste, das zu stoppen. Dennoch sagte sie es.
Eliana schloss die Augen, versuchte, sich an irgendeiner Atemübung und rieb kräftig über ihre Stirn, als wolle sie damit all die Bilder aus dem Kopf vernichten. »Ich weiß nicht mal, wie sie aussieht. Ist sie blond, brünett, hat sie rote Haare, schwarze? ... keine Ahnung. Und trotzdem kleben meine Gedanken ständig irgendein Gesicht auf sie. Eines, das ich nicht erkennen kann.« Sie griff nach dem Glas und nahm einen kräftigen Schluck. Der Alkohol betäubte nichts. Der Schmerz war weiterhin da. »Weißt du, was sie als Profilbild hat?«
»Nein.«
»Seine verfickte, tätowierte Hand auf ihrem nackten Oberschenkel.«
»Ich ... ich glaube, sie ist dunkelhaarig.«
Elianas Kopf fuhr herum. »Wie kommst du darauf?« Ihre Stimme klang für sie dumpf, nachdem es in ihren Ohren rauschte.
»Ähm ...« Nora zögerte. Sie hatte es eigentlich nicht sagen wollen, aber sie bemerkte auch, dass ihre Freundin Antworten benötigte, um nicht völlig durchzudrehen. »Ich hab’ sie gesehen. Also ich glaube es zumindest. Es war schon vor Monaten. Neo war ... mit einer Dunkelhaarigen unterwegs. Als er mich entdeckt hat, hat sie ein Selfie mit ihm gemacht. Dann ist sie direkt abgehauen. Ich hab’ ihn darauf angesprochen, weil er vorher an ihrem Eis geleckt hat. Er meinte, sie wär’ nur ein Fan gewesen.«
Eliana starrte sie fassungslos an. Ihre Unterlippe zitterte. »Du ... d-d-du ... hast ihn mit einer anderen gesehen ... und sagst mir nichts?«
»Ich war mir nicht sicher … bin’s auch jetzt nicht. Ich wollte dich nicht unnötig ...«
»Mich, was? Nicht unnötig aufregen?!«, schrie sie herum. »Du bist meine Freundin, verdammt noch mal. Du hättest es mir sagen müssen. Vielleicht hätte ich dann einiges früher erkannt. Vielleicht … fuck ... ich hätte die ganze Scheiße mit meinem alten Zimmer sein lassen können.« Ihre Nägel gruben sich schmerzhaft in ihre Handflächen.
»Ich hab’ direkt mit Julian gesprochen. Ich dachte, wenn jemand ihn zur Vernunft bringt, dann er. Aber Neo hat auch da gesagt, er kennt sie nicht. Ich hab’ geglaubt, dass er ehrlich zu ihm wäre.«
Eliana blickte sie scharf an. »Wie sah sie aus?«
»Dunkle, lange Haare … ähm …«
»Alter? Figur?«
»Was willst du mit dieser Info? Ich weiß doch nicht mal, ob sie es wirklich war.«
»Du hast gesagt, er hat an ihrem Eis geleckt. Er würde nie …« Sie stoppte ab. Ihre Kehle wurde eng. Diese Worte hatten keinerlei Bedeutung mehr, denn anscheinend kannte sie Neo kein Stück. Er war fremdgegangen, etwas, was sie nach Natalie nie von ihm gedacht hätte. Sie fixierte willkürlich einen Punkt und fragte sich, wie wohl ihr Name war.
G.
Greta?
Giulia?
Gina?
Gabriella?
Oder vielleicht Gloria?
Wusste sie, dass er verheiratet war?
Oder war sie genauso ein Opfer wie sie selbst?
Eliana hasste sich dafür, dass sie sogar Mitleid mit ihr empfand. »Wie sah sie aus, Nora? War sie hübsch?« Die Frage zerriss sie von innen.
Ihre Freundin atmete durch. »Ich glaub‘, das reicht jetzt.« Sie wollte Neo nicht schützen ... keineswegs. Alldem ungeachtet sprach sie weiter. »Es war nichts Ernstes. Er hat doch gesagt, er hat es beendet.«
Eliana trank erneut ... dann kam das Zittern, das ihren ganzen Körper erfasste und sie heulte aufs Neue los. »Das war kein einmaliger Ausrutscher, Nora. Kein One-Night-Stand. Das läuft schon länger. Und … eventuell hat er sie ja geschwängert.« Allein der Gedanke ließ sie ein weiteres Mal würgen.
»Das weißt du nicht sicher.«
»Aber selbst wenn nicht ... er hat sie nicht nur einmal gebumst. Er hat es wieder und wieder und wieder getan«, heulte sie und schnäuzte laut in ein Taschentuch. »Wenn sie wirklich schwanger is‘ Nora ... das ... das ertrage ich nicht.« Ihr Herz raste, als würde es gleich platzen.
»Ich weiß.« Sie zog Eliana an sich. »Du glaubst gar nicht, wie sehr ich ihm am liebsten eine klatschen würde. Ich hätte zu ihm fahren sollen ... statt Julian.«
»Juli ist bei ihm?«
»Ja. Neo hat sich in irgendeinem Hotel einquartiert.«
Ein winziges Stück Last fiel von Eliana ab. »Ich ... ich dachte, er wäre bei ihr«, wimmerte sie.
»Nein.« Nora streichelte über ihren Kopf. »Er ist in einem Hotel und Juli ist bei ihm.«
»Ich hab’ mir so viel Mühe gegeben … hab’ mein altes Zimmer wieder so eingerichtet, wie früher. Alles, damit es ... damit es wieder klappt mit uns. Und er …« Sie griff nach einem weiteren Taschentuch und schnäuzte sich die Nase. »Wie konnte er mir das nur antun?«
»Ich dachte auch, dass ihr es wieder hinbekommt, Süße. Wirklich.«
Eliana atmete lange und zittrig ein, versuchte sich zu beruhigen, aber ihr Körper gehorchte nicht. »Als ich die Mails gelesen hab, dachte ich sofort an Natalie. Ich hatte sofort das Bild im Kopf ... wie sie auf ihm liegt, er unter ihr …« Ihre Haut kribbelte vor Ekel. »Aber das hier ist tausendmal schlimmer. Er hat sich diese Frau ausgesucht, Nora. Es war keine Täuschung. Er wollte sie. Er hat sich entschieden mit ihr zu ficken. Das ist es, was so wehtut.« Sie schluchzte, der Schmerz riss sie auseinander. »Ich hab‘ so viel gelesen, dass er zum Beispiel mitten in der Nacht gerne bei ihr wäre. Dass er sie vermisst, sich freut sie wiederzusehen. Ihre Nachrichten, wodrin steht, wie sehr sie es liebt, wenn er sie ...« Elianas Stimme brach. Und dann kam die Übelkeit. Sie riss sich hoch, eine Hand auf den Mund gepresst, und stürmte zur Toilette, wo sie sich sofort übergab. Ihr Körper krampfte.
Nora, die ihr gefolgt war, setzte sich zu ihr und strich ihr beruhigend über den Rücken. »Du bist nicht allein, Süße. Okay? Ich bin bei dir. Ich lass dich da nicht alleine durch.«
Tief in ihrem Innern war Eliana ihr dankbar. Wirklich.
Aber trotzdem wusste sie, dass sie allein war.
Allein mit ihren Gedanken.
Allein mit ihrem zersplitterten Herzen.
Allein mit dem Gefühl, dass niemand außer ihr diesen Schmerz kannte.
Es war ihr Schmerz.
Ihr Neo.
Und ihr Verlust.
Neo stand vor Giadas Tür. Es war eine Woche vergangen. Eine quälende, lange Woche, in der er kaum geschlafen hatte, in der sich die Schatten unter seinen Augen vertieft hatten. Er hatte versucht, alles zu verdrängen, als wäre es schlicht und einfach ein Albtraum. Aber das war es nicht.
Am Ende war es allerdings nicht die Einsamkeit gewesen, die Neo erledigt hatte, sondern die Gewissheit, dass er rein gar nichts wegschieben konnte. Er war kein Kind, das sich mit geschlossenen Augen vor eine Wand stellen konnte, damit die bösen Monster einen nicht fanden.
Nein.
Giada hatte etwas ausgesprochen, was sein Leben endgültig kippen lassen konnte. Neo musste endlich wissen, wie hoch seine Chancen standen, das mit Eliana wieder hinzubekommen. Seine Hände zitterten leicht, als er erneut die Klingel betätigte. Viermal hatte er bereits geklingelt ... nichts. Es war spontan gewesen, hier aufzutauchen. Er war vollkommen unvorbereitet, aber getrieben von der Panik, was wäre, wenn ...
Er hatte erst bei Eliana vor der Tür gestanden. Doch sie hatte ihm nur die Haustür vor der Nase wieder zugeknallt. Von drinnen hatte sie ihm dann gesagt, seine restlichen Sachen könne er abholen, wenn sie nicht da sei. Ihre Stimme war kalt gewesen ... so verdammt abweisend.
Sie wollte ich nicht mehr sehen. Nicht für ein klärendes Gespräch ... oder irgendetwas anderes. Und dabei hatte er so dringend mit ihr reden wollen. Neo hatte sich an den letzten Funken Hoffnung festgekrallt. Dieses eine, winzige, lächerliche Prozent, das mit gedämpfter Stimme zu ihm sprach ... Vielleicht doch ... Eventuell verzeiht sie mir.
Aber nach ihrer abweisenden Reaktion ... kam auch sein Gedanke wieder.
> Wenn Giada wirklich schwanger ist, dann war’s das <
In dem Fall gäbe es nämlich genau genommen keinerlei Hoffnung mehr. Also stand er unter diesen Umständen hier, um seine Chancen, es mit seiner Frau wieder hinzubekommen, besser einkalkulieren zu können.
Er drückte erneut auf die Klingel und lauschte, als sich hinter ihm etwas bewegte. »Neo?! Du bist hier?« Er drehte sich um ... und da war sie. Giada strahlte regelrecht, ihr Gesicht leuchtete so extrem freudig, und ohne zu zögern, ging sie auf ihn zu und umarmte ihn. Er erstarrte für einen Moment. Dann ... erwiderte er die Umarmung ... weil es einfach nur gut tat. Dieses Entgegenkommen. Dieses schöne Gefühl. Ihr Geruch nach Kokos ... und ihr Eigengeruch, ihre Nähe, die Wärme ihres Körpers ... jemand war da, der ihn nicht verabscheute. »Lass uns reingeh’n«, sagte Giada, berührte kurz mit ihren Fingern seine Wange, als sie ihn weiterhin anlächelte, und schloss die Tür auf. Neo trat ein. Ihre Wohnung kam ihm auf einmal fremd vor, als wäre er noch nie hiergewesen, weshalb er auch auf gewisse Weise verloren mitten im Raum stehen blieb. Er wusste nicht wohin, ... hatte keinen Plan, wie er sich am besten verhalten sollte. Giada deutete allerdings direkt auf die Couch. »Setz dich doch.«
Neo folgte beklommen der Aufforderung, setzte sich und schaute sie an, nachdem sie sich nahe neben ihn platzierte. Sie lächelte ... wieder. Er ... nicht. »Wie … wie geht’s dir?«, fragte er unsicher, wie er diese Unterhaltung überhaupt starten sollte.
»Jetzt besser«, antwortete sie.
Ihm war auf der Stelle klar, was sie meinte. Er war hier ... und sie deutete es anscheinend falsch. Hoffnung flackerte in ihren Augen auf, und er spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. »Giada … ich bin eigentlich hier, weil … warst du beim Arzt?«
Ihr Lächeln verschwand und ihre Augenbrauen zogen sich zusammen. »Deswegen bist du hier?«
Neo schluckte. »Ich … ich muss es wissen.«
Sie beobachtete ihn kurz und sagte nichts. Schließlich stand sie auf und ging wortlos zur Kommode. Dort holte sie aus ihrer Tasche ein Blatt Papier. Kommentarlos hielt sie ihm wenige Sekunden später ein Ultraschallbild hin. Neo betrachtete es. Es war eindeutig. Seine Welt kippte in diesem Moment endgültig aus den Angeln. Sein Magen drückte sich schmerzhaft zusammen. Das letzte Prozent Hoffnung, es mit Eliana wieder in Ordnung zu bringen, war erloschen. Giada beobachtete ihn. »Du freust dich nicht?« Sie legte das Bild weg, bevor er antworten konnte.
»Giada … das mit uns war nie … so ... na ... so geplant.« Die Worte kamen stockend.
»Manche Dinge lassen sich nicht planen.«
»Ich weiß. Aber … verdammt ... ich war auf einem guten Weg. Ich wollte das mit meiner Frau wieder hinbekommen. Und jetzt?«
Sie sah ihn ernst an. »Das ist unser Kind.«
»Ich weiß. Und ich werd’ da sein, okay? Versprochen. Ich lass dich nicht allein. Ich kümmere mich. Aber du musst auch verstehen, dass ich hier jetzt nicht vor Freude herumspringen werde.« Er kämpfte um jedes Wort, als würde er sich selbst erklären müssen, warum er nicht fühlen konnte, was sie von ihm erwartete.
Giada starrte ihn an. »Was heißt das ... du lässt mich nicht allein?«
Er atmete tief durch. Ihm war klar, was sie hören wollte. »Ich kann nicht mit dir zusammen sein. Ich werd’ für das Kind da sein. Für dich. Aber … nicht als Paar. Wir waren nie ein Paar. Wir ...«
»Warum nicht?« Sie sah ihn verwirrt an.
»Weil es nicht geht, Giada ... und weil ich, ...«, antwortete er und rieb sich über die Stirn. Seine Haut fühlte sich heiß und nass an unter seinen Fingern. »Du bist der Grund, warum meine Frau mich rausgeschmissen hat.«
»Und?« Ihr Blick veränderte sich, wurde härter. »Warum gibst du nicht zu, dass du mit mir glücklich warst? Du bist jedes Mal freiwillig zu mir gekommen, Neo. Immer. Tag für Tag. Du hast deine Zeit lieber mit mir verbracht, als mit ihr. Also hör auf, so zu tun, als hätte ich dich verführt. Als wärst du das arme Opfer irgendeines Fehltritts gewesen.«
Er schloss kurz die Augen. Hinter seinen Lidern tanzten Erinnerungen ... Lachen, die Leichtigkeit, die er bei ihr gefunden hatte ... heiße Zweisamkeit. »Ich streite es nicht ab. Du hast Recht. Es gab eine Zeit, in der ich gerne hier war. Vielleicht sogar gebraucht habe, was du mir gegeben hast. Aber meiner Frau ging es nicht gut. Und ich … ich hätte nie zulassen dürfen, dass es so weit kommt.«
»Ja, ja. Belüg’ dich ruhig weiter«, sagte sie. »Ich hab Zeit. Du wirst schon noch draufkommen, dass das, was du gerade redest, komplette Scheiße ist. Sie hat dich nicht verdient. Sie hat dich wie Dreck behandelt. Sie ist …«
»… meine Familie.« Er schnitt ihr das Wort ab.
»Ob du willst oder nicht, Neo ... wir werden auch eine Familie sein. Du kannst es verdrängen, so lange du willst. Früher oder später wirst du es dir eingestehen müssen.«
Neo zog kurz die Lippen ein. »Ich will keinen Streit mit dir. Ich will, dass wir beide erwachsen mit der Situation umgehen.«
»Ich verhalte mich erwachsen. Egal, wie jung ich im Gegensatz zu dir bin. Oder benehm’ ich mich gerade kindisch, nur weil ich die Wahrheit sage?« Sie sah ihn an und rutschte näher. »Zwischen uns ist mehr. Da war immer mehr. Du hast es genauso gespürt. Du hast es nur verdrängt, weil sie dir mal irgendwas bedeutet hat. Oder weil du dich an Erinnerungen festklammerst. Aber soll ich dir was sagen, Neo? Sie ist nicht mehr die Frau, die du dir schönredest. Sie wird sich nicht ändern. Egal, was du dir wünschst, du wirst enttäuscht werden.«
Er sah sie nicht an. Starrte stattdessen auf seine Hände. Die Worte trafen ... aber nicht wie Pfeile. Eher wie dicke Steine, die nun drückend nach unten sanken. »Ich weiß, dass ich Scheiße gebaut habe und sie mir das niemals im Leben verzeihen wird«, flüsterte er und stand auf. Für einen minimal kurzen Augenblick wurde ihm schwarz vor Augen.
»Bei mir musst du keine Mauern einreißen«, meinte sie und stellte sich auch hin. »Ich bin hier. Immer.« Ihre Hand fand wie gehabt ihren Weg auf seine Wange und er schloss kurz die Augen. Ihre Berührung war warm, tröstend ... und genau das machte alles so schwer. »Ich würde dir nie den Rücken kehren. Und du weißt das, Neo.«
Er sagte nichts und öffnete seine Augen. Sein Blick hing an ihr, als würde er etwas suchen, das er nicht finden konnte. Etwas, das ihm sagen könnte, was richtig war.
Vielleicht hatte sie in ein paar Punkten recht. Er hatte sich wohlgefühlt. Ihre Worte taten gut ... sogar sehr gut. Dennoch musste er der Wahrheit ins Auge sehen. Dass sie jetzt so sprach, lag einzig und allein nur daran, dass sie nicht so verletzt wurde wie Eliana.
Sie war nicht diejenige, die betrogen worden war.
Lya lag mit ihrem Handy ausgestreckt, und AirPods in den Ohren, auf dem Bett. Levi saß derweil am Schreibtisch und kaute abwesend am Ende seines Stifts herum, nachdem er die Matheaufgabe vor sich im Kopf löste und anschließend das Ergebnis aufschrieb. »Habt ihr eigentlich nie was auf?«, fragte er, doch sie antwortete nicht. Er nahm seinen Radiergummi und warf diesen zu ihr hin.
Verwirrt blickte sie ihn an und stellte die Lautstärke ihres iPhones leiser. »Häh?«
»Habt ihr nie was auf?«
»Nö«, erwiderte sie gelassen.
»Warum glaube ich dir das nicht?«
Sie grinste. »Sei doch mal ehrlich, Levi ... wofür soll das gut sein? Wenn ich später arbeite, krieg ich auch nichts mit nach Hause. Wenn Feierabend ist, is’ Feierabend.«
»Kommt drauf an, was du arbeitest.«
»Ich will eh keinen normalen Job.«
»Und was willst du stattdessen machen?« Ihm war es bereits klar, aber auf irgendeine Weise dachte er auch, sie würde endlich mal realistischer an die Sache gehen.
»Hab’ ich doch schon gesagt. Irgendwas mit ’ner Bühne. Musik oder so. Oder ... vielleicht werde ich ja auch Schauspielerin. Oder beides. Ich will berühmt werden. So richtig berühmt.«
Er legte den Stift zur Seite. »Warum? Was bringt dir das? Fame?«
»Ich find’ das halt schön. Diese Aufmerksamkeit … einfach, dass jemand hinsieht. Und sie wissen wollen, was ich den ganzen Tag mache. Dass ich ... nun mal wichtig bin. Ich würde das nicht wie mein und dein Vater machen, die privat und Arbeit zerlegen. Ich würde alles teilen. Einfach alles.«
Levi runzelte die Stirn. Irgendwas daran machte ihn unruhig. Sie bekam doch schon Aufmerksamkeit ... von ihm. Viel. Je nachdem sogar mehr, als sie überhaupt wahrnahm. »Und was hast du dann davon? Also ... ich mein‘, von der Beachtung Fremder?«, fragte er noch einmal.
»Ich weiß nicht. Aber das Gefühl gesehen zu werden ist schön.«
Levi verstand sie nicht. Ein bitterer Geschmack breitete sich in seinem Mund aus. Und mit einem Mal zweifelte er an sich selbst.
Was, wenn er ihr nie genug geben konnte?
Lya war ihrem Vater schon immer ähnlich gewesen. Und jetzt ... seit der Trennung ihrer Eltern, sah er auch keineswegs, dass sie extrem sauer auf ihn war. Natürlich hatte es sie getroffen. Aber sie schien nicht wütend zu sein. Sie hatte geweint. Mehrmals. Doch kein böses Wort war gefallen. Levi hingegen war sich darüber bewusst, wenn es bei seinen Eltern jemals so weit käme, würde er es nicht einfach still hinnehmen. Er würde sich auf eine Seite stellen, und zwar auf die desjenigen, der verletzt wurde. Schließlich kannte er ein ähnliches Gefühl nur allzu gut. Auch wenn es nicht dasselbe war, was er erlebt hatte. Dennoch ...
Diese widerliche Übelkeit, sobald man sich ausmalt, wie die Person, die man liebt, einen anderen berührt.
Bilder, die sich wie Gift in die Gedanken fressen.
»Trifft sich dein Vater eigentlich noch mit dieser anderen Frau?«, hakte er nach längerem Warten nach. Er wusste, es ging ihn nichts an. Und doch ... es war da. Dieses nagende Interesse ... und wie sie dazu stand.
Lya richtete sich langsam auf. »Keine Ahnung. Ich glaube nicht. Wieso sollte er auch? Er liebt sie nicht. Er liebt meine Mutter.«
»Na ja …«, murmelte Levi, fast ohne es zu wollen.
»Was, na ja?«, fragte sie scharf und zog die Augenbrauen zusammen, ihre Augen blitzten gefährlich.
»Also ... wenn man jemanden wirklich liebt … dann …«
»… dann wissen wir trotzdem nicht, was genau war«, unterbrach sie ihn pampig. »Ich find’s auch nicht gut. Ich hätt’ gern meine Familie zurück, wie früher. Aber … soll ich ihn jetzt hassen? Soll ich ihn dafür verachten, weil er einen einzigen Fehler begangen hat?«
»Nein, das hab’ ich nicht gesagt. Aber … er hat deiner Mutter wehgetan. Sehr sogar.« Levi versuchte, vorsichtig zu bleiben.
»Ja, ich weiß. Trotzdem ist und bleibt er mein Vater.« Er nickte minimal und wandte sich wieder seinen Aufgaben zu. Gegen die Verbindung, die Lya und Neo hatten, kam er nun mal nicht an. Und er hatte es auch gar nicht vor. Er wollte nicht, dass sie ihn hasste. Nicht für das, was passiert war. Aber auf irgendeine Art und Weise machte es ihm trotzdem Sorgen, wie sehr sie versuchte, das alles runterzuspielen. Zumindest wirkte es so. »Meine Mutter und er kommen wieder zusammen. Wenn sie ihn wirklich liebt, wird sie ihm verzeihen«, sprach sie nach einer Weile leise.
»Was? Du findesst, man sollte fremdgehen verzeihen?« Er drehte sich zu ihr, vielleicht ein bisschen zu schnell. Seine Stimme war in der letzten Silbe, wie so oft, eine Oktave höher als sonst.
»Natürlich.«
Natürlich.
Das Wort traf ihn wie ein Schlag, prallte wie ein Ping-Pong-Ball in seinem Kopf von einer Wand zur Nächsten. Ungewollt dachte er an Dario. Und daran, wie oft Lya ihm sogenannte Fehler verziehen hatte. Immer wieder. So selbstverständlich, als wäre Vergebung so einfach wie Atmen.
War das aus Liebe?
Die Frage blieb ... und mit ihr kam der Rest. Diese innere Stimme, die ihn immer wieder infrage stellte, wie ein dämonisches Wesen, das ihn auslachte.
War er genug für sie?
Fand sie ihn wirklich attraktiv?
Hatte sie manchmal Sehnsucht nach jemand anderem?
Empfand sie Untreue als ... nicht schlimm?
Und bevor er richtig drüber nachdenken konnte, kam die Frage in aller Selbstverständlichkeit raus. »Würdest du mir so was verzeihen?«
Sie runzelte erst die Stirn, ehe sie laut loslachte. »Was laberst du da? Du würdest das gar nicht machen.«
Natürlich würde er das nicht, dennoch musste er sie auf etwas hinweisen. »Von deinem Vater hätte ich das auch nie gedacht.«
Ihre Mimik veränderte sich schlagartig. »Was läuft falsch bei dir? Warum reitest du da so drauf rum?«, motzte sie ihn an.
»Weil … du hattest doch total Angst, dass deine Eltern sich trennen. Und jetzt … wohnt dein Vater nicht mehr bei euch. Und du wirkst so … locker. So gelassen. Als würde es dir total am Arsch vorbeigehen.«
»Ich bin nicht locker, Levi.« Ihre gereizte Tonlage blieb ... genau wir ihr Blick. »Ich war dabei, als meine Mutter es erfahren hat. Ich hab’ meinem Vater hinterhergeschrien, dass er unsere Familie kaputt gemacht hat. Also tu bitte nicht so, als hätte ich ihm dafür ein High-Five gegeben.«
»Das hab ich nie behauptet«, nuschelte er und hob kurz entschuldigend die Hände in die Luft.
»Er wird mit ihr reden. Sie vertragen sich und dann wird alles wieder gut. Du wirst sehen«, meinte sie und zwirbelte einen langen Faden ihrer Decke um den Zeigefinger, bis es wehtat.
Levi schwieg und schrieb weiter. Er liebte sie und wollte sie nicht noch mehr aufregen. Aber er war sich auch darüber im Klaren, wenn sie ihm jemals auf diese Art wehtun würde, könnte er ihr das mit Sicherheit niemals verzeihen. Und das machte ihm mehr Angst, als er in diesem Augenblick zugeben wollte.
Julian reichte Neo ein Bier, während dieser mit müden Augen am Esstisch saß. Langsam setzte er sich zu ihm und kratzte sich unsicher am Hinterkopf, als würde er versuchen, ein paar behagliche Sätze hierdurch auszukramen, die es im Augenblick nicht gab. Zumindest nicht für das, was sein bester Freund ihm gerade mitgeteilt hatte. »Das ist … ähm ... ja, ähm ... keine gute Nachricht«, sagte er schließlich.
Neo schüttelte den Kopf, seine wirren Locken bewegten sich. »Ich weiß«, flüsterte er so leise, als hätte er keine Kraft. »Ich hatte eine einzige minimale Chance.« Er hielt den Daumen, Mittel- und Zeigefinger kaum auseinander, seine Hand zitterte dabei. »Und jetzt ist es verpufft.«
»Wenn das jetzt auch noch rauskommt. Vor dem neuen Album und …«
»Scheiß ma’ auf das beschissene Album, Juli«, schoss es aus ihm heraus, bevor er sich wieder ordnete. »Lin wird mir das nie und nimmer verzeihen.«
Julian schwieg kurz. Ihm war klar, dass er ihm nicht umsonst Hoffnung schenken sollte. Nicht in der Situation, in der Neo sich befand. »Nein … ich glaube, das wird sie auch nicht«, sprach er es aus. So leise es klang, so hart traf es. Und doch war es ehrlicher als jeder beschönigte Trostsatz. »Und ... was hast du jetzt vor?«
»In welcher Hinsicht?«
»Keine Ahnung.« Julian rieb sich die Schläfen, spürte den beginnenden Kopfschmerz. »Ich weiß selbst nicht, was ich damit gerade gemeint habe.«
Neo fuhr sich durch die Haare. »Ich habe Giada gesagt, dass ich für das Kind da sein werde. Ich meine … es ist meins. Auch wenn ich dafür alles andere verloren habe ... ich kann sie damit einfach nicht alleinlassen.« Seine Stimme klang kaum noch wie er.
»Ja, das ... das ist auch richtig so.« Julian nahm einen Schluck, das Bier schmeckte irgendwie abgestanden und er verzog sein Gesicht. »Heißt das, du wirst jetzt öfter bei ihr sein?«
»Ja. Natürlich. Ich muss. Sie ist … sie ist schwanger. Sie ist noch jung und sie soll sich nicht alleingelassen fühlen. Sie ist eine nette, junge Frau und ...«
»Nett? Sorry, aber bist du sicher, dass du dieses Wort benutzen willst?«, fragte Julian. »Sie hat sich schließlich bewusst auf einen verheirateten Mann eingelassen. Oder hast du ihr das verschwiegen?«
»Nein. Sie ... sie hat es ... von Anfang an gewusst.« Die Worte kamen zögerlich aus seinem Mund, als würde er sie ungern aussprechen.
»Dann ist sie nicht nett.«
»Verdammt noch mal, so war das doch gar nicht, Juli. Es hat langsam angefangen. Da lief nicht direkt etwas. Das war nicht geplant. Wir haben uns freundschaftlich getroffen, und ...«
Die Eingangstür knarzte ein wenig, als sie plötzlich geöffnet wurde. Julian sah automatisch auf die Uhr. »Levi?«, rief er hoffnungsvoll.
»Nein«, erklang die Stimme seiner Frau.
Sein Blick fiel zu seinem besten Freund, der hier mit Sicherheit kein von ihr gewollter Besucher sein würde. »Du wolltest doch eigentlich erst in zwei Stunden zu Hause sein«, meinte er und versuchte, sein unnachahmliches verlegenes Lächeln aufzusetzen, nachdem sie den Raum betrat.
Allerdings zog es nicht in diesem Augenblick. Die Blondine sah erst zu Neo, dann zu ihrem Mann. Das Augenbrauenzucken, das sie ihm daraufhin sendete, war Antwort genug. »Was macht der denn hier?«, fragte sie ihn.
»Wir reden nur.«
»Schön. Dann redet draußen. Ich will ihn hier nicht sehen«, sprach sie, als wäre er gar nicht anwesend.
Neo wollte aufstehen, doch Julian hob die Hand. »Bleib sitzen.« Er sah zu Nora. »Du kannst ihn nicht rausschmeißen.«
Seine Frau lächelte. Wenn auch nicht auf eine angenehme Art und Weise. Sie schnalzte mit der Zunge, zog einen der Stühle zurück und setzte sich demonstrativ zu den beiden Männern hin. »Worüber redet ihr denn so nett? Willst du ihm Tipps geben, wie man am besten Ehe und Fickverhältnis unter einem Hut bekommt, Neo?«
»Fass dir mal an die eigene Nase«, kam aus ihm heraus, ehe er es bewusst überdenken konnte.
»Oh, du willst in die Richtung gehen? Gerne. Kein Problem.« Sie redete weiterhin zuckersüß. »Willst du das wirklich zum Vergleich heranziehen? Meine damalige Beziehung zu Pascal mit deiner Ehe?«
»Ich hab’ einen beschissenen Fehler gemacht. Einen.« Neo hielt seinen Daumen hoch.
»Dafür den Schlimmsten«, erwiderte sie. »Ich bin diejenige, die versucht, ihre beste Freundin wieder zusammenzuflicken, nachdem du sie gebrochen zurückgelassen hast.« Noras Stimme bebte. »Weißt du überhaupt, was du ihr angetan hast?«
»Glaub‘ mir, wenn ich’s rückgängig machen könnte, würde ich’s tun.« Die Verzweiflung in seiner Stimme war nicht zu überhören.
Nora betrachtete ihn eine Weile, bevor sie weitersprach. »Hast du sie echt geschwängert, Neo?« Er sah zu Julian, dann nickte er. Die Blondine schloss die Augen und stöhnte laut auf. »Fuck. Das wird Eliana zerstören. Das weißt du, oder?«
»Ich weiß«, antwortete er schuldbewusst. »Ich hab’ das wirklich alles so nicht gewollt. Wirklich nicht.«
»Nein. Natürlich hast du das nicht.« Ihre Stimme triefte vor beißendem Spott. »Du bist immer wieder mit steifem Schwanz einfach nur ausgerutscht und mitten in ihre nasse Muschi geglitscht. Kann ja mal passieren.«
Neo grunzte auf. »Hast du’s bald?«
»Nein, hab’ ich nicht.« Sie funkelte ihn an. »Ich check’s einfach nicht. Du laberst seit ewigen Jahren, Eliana wäre die Liebe deines Lebens ... und dann das? Was genau ging in deinem Hirn ab?«
Er sah weg. Die Tränen in seinen Augen konnte er jedoch nicht verbergen. »Ist sie auch«, sprach er mit gedämpfter Stimme. »Ich liebe Lin.«
»Dann hättest du nicht die andere bumsen sollen«, konterte sie. »Macht deine Aussage sehr unglaubwürdig.«
»Ich weiß.« Ungewollt wurde er lauter.
»Und jetzt ist sie auch noch schwanger. Mal ernsthaft ... ohne Verhütung? Bist du so dumm?«
»Sie hat gesagt, sie kann eigentlich keine Kinder bekommen.«
Ein zischendes Geräusch kam über Noras Lippen. »Ach ja? Und du hast das einfach geglaubt? Bist du jetzt der Super-Sperma-König oder was? Vielleicht hat sie dich auch einfach verarscht. Ist das eigentlich die, mit der ich dich damals gesehen hab‘? Miss Selfie und leck ma’ an mein’m Eis?«
Neo nickte. »Ja. Aber sie ist nicht so, wie du denkst.«
»Ach, natürlich nicht. Wie kann ich nur so denken? Was ist sie denn? Die süße kleine Zuflucht? Die verständnisvolle Andere?«
»Sie ist kein schlechter Mensch, okay?«, verteidigte er sie. »Auch wenn du das nicht hören willst. Sie war für mich da, als …«
»Deine Frau wäre auch für dich da gewesen«, unterbrach sie ihn.
»Meine Frau war das verfickte Problem.« Wieder wurde Neo lauter, als er eigentlich vorhatte. »So hab ich das nicht gemeint.«
»Doch. Hast du.« Ihr Blick sprach Bände.
Neo atmete tief durch. »Ich liebe Lin. Wenn zwischen uns alles normal gewesen wäre ... ich schwöre dir, ich hätte das nie getan. Ich hab’s mit Giada sofort beendet, als ich gemerkt hab, dass bei uns … dass da wieder was war. Ein Funken. Etwas, das sich wie früher angefühlt hat. Aber davor? Da war einfach nichts mehr. Gar nichts. Keine Nähe. Keine Wärme. Ich hab’ mich gefühlt, als wäre ich Luft für sie. Als würde sie ... mich nicht mehr lieben.« Seine Unterlippe zitterte bei den letzten Worten.
»Du kannst ihm nicht allein die Schuld geben«, mischte sich nun Julian ein.
»Nein, aber … er hat fremdgebumst, nicht Eliana.«
»Ich werd‘ noch mal mit ihr reden«, sagte Neo. »Wenn sie weiß, wie es wirklich war … wenn ich es ihr erkläre ... vielleicht …«
Nora unterbrach ihn mit einem Kopfschütteln. »Spar’ dir die Worte. Sie wird dir nicht verzeihen. Egal, was du erzählen willst.«
»Aber ich kann’s doch wenigstens versuchen.«
»Sie will dich nicht mehr sehen. Check das endlich. Es tut ihr zu weh.«
»Meinst du, mir tut nichts weh?«
»Neo, bitte. Lass sie einfach in Ruhe. Du hast genug angerichtet.«
»Ich kann nicht«, gab er leise an »Ich weiß, dass sie mich hasst. Aber vielleicht … wenn sie versteht, was in mir vorging …«
»Was willst du ihr sagen? Da gibt’s nichts zu verstehen«, unterbrach sie ihn ein weiteres Mal. »Dass du sie trotzdem liebst? Neben deinem kleinen Fick-Ausflug? Dass du an der anderen Muschi gespielt und geleckt hast, aber es dir ja dabei soooo scheiße ging?«
»Ich hab’ nichts mehr mit Giada. Ich hab’s beendet. Wirklich.« Er stand auf.
»Was machst du?«
»Hab ich doch gesagt. Ich geh’ zu Lin. Ich muss mit ihr reden.«
»Nein. Bleib hier. Sie ist sowieso nicht da. Sie arbeitet. Und das hilft ihr. Du weißt das.«
Neo reagierte nicht und ging weiter. Im Flur griff er sich heimlich und so schnell er konnte den Ersatzschlüssel, den beide für Notfälle hatten.
»Hast du gehört, was ich gerade gesagt habe?« Nora erschien mit Julian nun ebenfalls im Flur. Ihr mahnender Tonfall erinnerte an eine Mutter, die einem die Leviten vorlas.
»Jaaa. Habe ich«, antwortete Neo, der in dieser Sekunde exakt so klang wie ein bockiger Teenager.
Julian griff ihn kurz am Arm. »Wenn du reden willst, meld’ dich. Immer.«
Neo nickte. Dann verließ er eilig die Wohnung ...
... denn er musste mit ihr reden.
»Ich will Neo nicht in Schutz nehmen, Eliana, und ich weiß auch, manche Vorkommnisse im Leben überleben selbst die stärksten Beziehungen nicht. Selbst dann nicht, wenn die Liebe noch so groß ist. Aber ...« Kaan saß ihr im kleinen, taghellen Büro im Jugendzentrum JELF gegenüber. Er stoppte ab, als sie ihre Hand mit erhobenem Zeigefinger vor ihm ausstreckte und ihren Kopf schüttelte ... eine Geste, die er bereits kannte. Er sollte still sein, denn sie konnte und wollte kein Wort mehr hören.
»Nachdem ich ihn rausgeschmissen habe …«, sagte sie und sammelte sich kurz. »... da war diese kleine, völlig bescheuerte Stimme in meinem Kopf, die gehofft hat, er würde einfach sagen ... Nein, Lin, ich bleibe. Ich kämpfe.« Sie wischte sich eine einzige Träne weg. »Ich wollte, dass er auf den Tisch haut und sagt, Wir kriegen das hin. Aber … wie dumm von mir.« Sie lachte kurz auf ... ein Lachen, das mehr nach einem erstickten Jammerlaut klang. »Was soll man noch hinkriegen, wenn alles kaputt ist? Er hat uns zerstört. Und ich kann ihm das nicht verzeihen. Ich kann ihn nicht mal ansehen, weil er nicht der Mann ist, in den ich mich verliebt habe.«
Kaan griff nach ihrer Hand. »Es gibt kaum etwas, das schmerzhafter ist, als von dem Menschen verletzt zu werden, den man am tiefsten im Herzen trägt.«
»Es schmerzt nicht nur. Es zerreißt mich.«
»Hör zu ... ihr beide wart immer stark. Ihr habt schon so viel zusammen geschafft. Ich denke, ihr schafft auch das.«
»Nein. Ich kann ihm das unter keinen Umständen verzeihen. Niemals.« Sie presste die Lippen zusammen, als müsste sie die Worte zurückhalten, die noch schmerzhafter wären. »Er hat mit einer anderen Frau geschlafen. Und das mehrfach.«
»Aber du liebst ihn.«
»Natürlich liebe ich ihn. Aber das macht es nicht ungeschehen.«
»Nein. Aber jeder macht Fehler.«
»Das war doch kein Fehler. Es war seine Entscheidung.« Ihr Ton wurde schärfer. »Einmal, das nennt man Fehler. Aber nicht so. Nicht über Monate hinweg. Immer wieder hat er sich für sie entschieden ... und somit gegen mich.«
»Dein Schmerz ist frisch. Es ist normal, dass du gerade so denkst. Aber du liebst ihn, Eliana. Und manchmal braucht Liebe mehr Geduld, als man ...«
»Liebe reicht nicht, wenn sie einseitig ist.«
In dem Moment betrat Ramona das Büro. »Weißt du eigentlich, was eine Studie sagt?«, sprach sie unerwartet und knallte einen fetten Ordner auf den Tisch nahe der Fenster. »Dreimal ist entscheidend.«
Eliana sah sie verwirrt an. »Wie meinst du das?«
»Wenn dich ein Mensch dreimal auf die gleiche Art und Weise verletzt, dann kannst du davon ausgehen, dass es kein Ausrutscher ist. Dann ist es ein Muster. Dann wird es wieder passieren. Wieder und wieder.«
»Er hat sie mit Sicherheit mehr als dreimal gefickt?«, gab sie bitter von sich.
»Nein. So doch nicht. Das Jetzige zählt nur als einmal, egal wie oft er sie durchgenudelt hat.« Ramonas süffisantes Lächeln passte nicht zum Thema, zumindest nicht für Eliana, trotz allem ließ sie diese weiterreden. »Gab es davor etwas? Etwas, das dich genauso tief verletzt hat?«
Sie überlegte, ihre Gedanken wanderten zurück.
Natalie.
Auch wenn es kein Betrug im eigentlichen Sinne war, hatte es wehgetan. Sogar sehr ... und nicht erst, als sie diese mit ihm im Bett vorgefunden hatte. Neo hatte bereits eine Grenze überschritten, nachdem er seinen Namen quer über Natalies Dekolleté gesetzt hatte. Das Bild brannte sich wieder in ihre Erinnerung. »Ich weiß es nicht. Vielleicht. Aber …«
»Quatsch. Dein Bauchgefühl zählt. Nicht irgendeine Statistik.« Kaan sah sie eindringlich an. »Verzeihen zu können, bedeutet alles.«
»Man kann einem nicht alles verzeihen«, entgegnete sie leise. Ramonas Worte hatten einen Punkt in ihr getroffen, der wehtat ... und sich zu echt anfühlte, wie eine Wahrheit, die sie nicht hören wollte. Neo war vielleicht schon immer empfänglich für andere Frauen gewesen.
»Doch. Man kann alles verzeihen, Eliana. Es kommt nicht darauf an, wie tief der Schmerz sitzt, sondern ob wir bereit dazu sind.« Kaan gab nicht auf und redete weiter, um Ramonas Worte ein wenig abzumildern. »Es gibt ein buddhistisches Sprichwort ... Sei gut zu dir und vergib den Anderen.«
»Nein, ich sehe das anders. Hör bloß nicht auf ihn. Kaan hat überhaupt keine Ahnung vom Schmerz einer Frau. Er ist nur ein Mann.« Ramona legte ein Bein übers andere. »Du bist nicht nur betrogen worden. Nein, Eliana. Du wurdest gedemütigt und belogen. Und dazu kommen all die Folgen, die du jetzt durchlebst ... Ich meine, bist du überhaupt attraktiv genug, wenn er eine Andere orgelt? Das steckt man nicht einfach so weg und verzeiht mal eben kurz« Eliana blickte unsicher an sich hinab. Es tat weh, weil sie vorher gar nicht über diesen Aspekt nachgedacht hatte.
»Das ist Schwachsinn, was du erzählst. Tu mir einen Gefallen, denk bitte erst einmal nach, ehe du Ratschläge verteilst. Meinst du etwa, solche Worte helfen ihr?« Kaans Stimme wurde schärfer, seine Geduld war am Ende. »All das wird leichter, wenn man verzeiht.« Er holte tief Luft. »Sei gut zu dir und vergib den Anderen«, wiederholte er. Eliana sah ihn einen Moment lang an, als müsse sie alles erst einmal übersetzen.
»Buddhistisches Sprichwort? Echt jetzt?« Ramona grunzte lachend auf. »Weißt du, was ich bei Facebook gelesen habe? Ich bin großzügig genug, um zu verzeihen. Aber nicht dumm genug, um dir noch mal zu vertrauen.«
»Toll. Verfasst von einer Vierzehnjährigen, die eine imaginäre Beziehung zu einem Rockstar hat.« Kaan rollte mit den Augen.
»Er hat dich betrogen ... er hat ...«
»Sie bestraft sich damit doch nur selbst. Eliana liebt Neo«, unterbrach er seine Freundin.
»Na ja, er sie anscheinend nicht.«
Elianas Augen weiteten sich. Ihr Herz setzte einen Moment aus, so heftig traf sie diese Anmerkung. Da sie ihr nicht fremd waren. Da sie diese selbst schon gedacht hatte ... und weil es so endgültig klang, nachdem jemand es laut ausgesprochen hatte.
Neo konnte sie nicht lieben.
Nicht mehr.
Schließlich hatte er den Körper einer anderen berührt ... sie geküsst ... sie ... Die Bilder explodierten aufs Neue in ihrem Kopf.
Kaan bemerkte Elianas flackernden Blick, wie sie innerlich zu kämpfen schien, und wandte sich wie gehabt ihr zu. »Versetz dich mal in seine Lage. Was, glaubst du, hat Neo zu all dem gebracht? Was war der Auslöser?«
»Sag jetzt nicht, du willst das entschuldigen.« Ramona sah ihn biestig an. »Es gibt keinen Grund, der so etwas rechtfertigt.«
»Darum geht’s nicht. Ich will auch nichts entschuldigen. Ich versuche nur zu verstehen. Und vielleicht ... wenn Eliana sich mal in ihn hineindenkt ... vielleicht versteht sie selbst ein bisschen besser, was in ihm vorging. Es geht gerade nicht um verzeihen. Einfach … verstehen.«
»Verstehen? Er hat sie betrogen, belogen und hintergangen. Immer und immer wieder.« Ihre Stimme schrillte durch den Raum. Kaan wusste wieso. Vier Jahre Lügen hatten Spuren hinterlassen, die niemand mehr sah ... aber sie waren da, wie unsichtbare Narben auf ihrer Seele. Und sie hatte schon mehrfach betont, wie froh sie war, ihren betrügenden Ex-Ehemann die Tür gezeigt zu haben.
Eliana stand plötzlich auf. »Was machst du?« Kaan sah sie überrascht an, seine Hand hatte er bereits ausgestreckt, als wollte er sie zurückhalten.
»Ich fahr nach Hause. Ich … ich muss einfach ... ich muss allein sein.« Sie klang müde, erschöpft von dem emotionalen Hin und Her.
»Hey, das war nicht meine Absicht. Es tut mir leid. Wir wollten dich nicht zuschütten mit all dem.«
»Ich weiß. Ihr meint es nur gut.« Sie griff nach ihrer Jacke. »Aber es ist ... mein Leben. Mein Leid. Ihr könnt mir nicht helfen. Niemand von euch.«
»Es waren nur gut gemeinte Gedanken.«
»Und ich danke euch auch. Aber ... ich hab schon zu viele unbeantwortete Fragen in meinem Kopf. Ich brauch nicht noch mehr dazu.« Ihre Unterlippe zitterte abermals. »Jedes Wort von euch ... es setzt direkt ein neues Bild in meinem Kopf frei. Und ich kann das jetzt nicht sortieren, geschweige denn gebrauchen.«
»Wenn du Antworten willst, rede doch einfach mit ihr.« Ramonas Mimik blieb unverändert, als würde sie sich an diesen Augenblick laben. »Wenn du echt wissen willst, wieso dein Neo das getan hat, dann ist sie möglicherweise die Einzige, die das beantworten kann. Obwohl ... er ist ein Mann, und sie mit Sicherheit willig und ...«
»Jetzt halt endlich mal deinen Mund.« Kaan blickte sie dementsprechend an, nachdem er sie barsch unterbrach. »Eliana sollte mit ihm reden. Nicht mit der anderen.«
»Nein. Ich will beides nicht. Weder ein Gespräch mit ihm noch eins mit ihr.« Eliana schüttelte ihren Kopf. »Dieses Gesicht, das ich nicht kenne, tut mir schon jetzt mehr weh, als es sollte. Ich will es nicht zusätzlich vor Augen haben.« Die Vorstellung allein ließ ihr Unwohlsein ansteigen.
Ramona wirkte, als wollte sie noch etwas sagen, aber Kaans Blick hielt sie davon ab. Dachte er zumindest. »Na ja. Oft sind diese anderen Frauen das genaue Gegenteil von einem selbst. Das macht es schlimmer«, sprach sie es trotzdem aus. Eliana schwieg.
»Kommst du morgen wieder? Wenn nicht, ist es absolut okay. Du kannst dich auch krankschreiben lassen, wenn du eine kleine Auszeit benötigst.« Kaan brachte sie zur Türe, damit Ramona nicht ein weiteres Mal reinrufen konnte.
»Ich muss kurz durchatmen. Ich meld‘ mich einfach, okay.«
Er nickte ... und sah ihr mitfühlend nach.
Neo befand sich seit fast einer halben Stunde am Esszimmertisch in seinem einstigen Zuhause und wartete ...
... auf ein Wunder ... und auf Eliana.
Sein Blick fiel auf die Uhr. Normalerweise würde sie noch locker drei Stunden arbeiten. Doch das war ihm egal. Ihm blieb nichts anderes übrig als herzukommen.
Auch wenn das letzte Prozent Hoffnung längst verschwunden war ... Neo musste es trotzdem versuchen. Aufgeben war keine Option. Dennoch zuckte er erschrocken und nervös zusammen, nachdem früher als er erwartet hätte, der Schlüssel im Schloss zu hören war. Dann die Schuhe, die in eine Ecke gepfeffert wurden. Ja ... das war eindeutig Eliana.
Die Aufregung jagte seinen Puls so hoch, dass seine Schläfen pochten und sein Brustkorb vibrierte. Es war ein Gefühl, als stünde er zum ersten Mal auf der Bühne vor einem riesigen Publikum ... allerdings nackt und bloßgestellt. Sie kam näher ... und näher. »Neo?« Sie ließ sofort ihre Tasche vor Schreck fallen, nachdem sie ihn vorfand. »Wie ... wie bist du hier reingekommen?« Er hob den Ersatzschlüssel kurz in die Höhe. Eliana bückte sich nach ihrer Tasche. »Leg’ den Schlüssel bitte einfach hin. Und dann ... geh«, sprach sie mit dem Rücken zu ihm gewandt. Sie konnte ihn nicht ansehen und schloss für einen kurzen Augenblick die Augen, um sich und ihren Körper, der sich bemerkbar machte, zu ordnen.
»Ich will mit dir reden, Lin«, sagte er. »Bitte. Nur ein paar Minütchen.«
»Ich aber nicht mit dir.«
»Bitte. Gib mir die Chance, dir das zu erklären.«
Sie drehte sich mit einem Ruck um. »Dir die Chance geben?«, zischte sie. »Damit du mir noch mehr Scheiße erklärst, die ich absolut nicht hören will? Ich brauche keine Details, Neo. Nein, danke.« Ihre Nasenflügel bebten. »Ich habe schon genug Dinge in meinem Kopf, die ich nie im Leben haben wollte und nie wieder loswerde.«
»Es geht nicht um ... Details, oder Bilder. Es geht um uns, Lin.« Er sah zu ihr, mit diesem feuchten, verzweifelten Blick, der verriet, wie hauchdünn er die Fassung hielt. »Ich liebe dich. Und ich weiß, ich kann nichts rückgängig machen ... aber ich will, dass du mir vergibst. Bitte. Dass du uns beiden noch eine Chance gibst.«
»Und dann? Was passiert dann?« Ihr Ton war verletzend kalt.
»Wir ... wir machen weiter. Therapie. Gespräche. Alles. Ich tue wirklich alles. Aber bitte ... gib mir diese eine Chance. Bitte«, flehte er sie an, als er immer leiser sprach.
Sie sah in seine hellen Augen und irgendetwas in ihr wollte ihm glauben, dass es machbar wäre. Doch ihr Kopf weigerte sich. »Ich kann das nicht.«
»Lin, bitte.«
»Nein, Neo. Du hast mich belogen. Immer wieder. Es geht nicht nur um Sex. Es geht darum, dass sie kein Flirt war. Kein einmaliger Ausrutscher. Du hast dich entschieden, sie zu treffen. Immer wieder mit ihr zu ficken. Und sag nicht nein, ich hab’ eure dreckigen Mails gelesen. Oder die Bilder, die sie dir geschickt hat in ihrer scheiß, verfickten Unterwäsche. Ich habe gesehen, was du ihr geschrieben hast.« Ihre Unterlippe zitterte, bevor sie brüchig und kraftlos weitersprach. »Du hast mir mal gesagt, du würdest nie eine andere lieben.«
»Ich liebe sie nicht.« Er stand auf und kam ganz langsam auf sie zu wie ein verwundetes Tier, das Schutz suchte. »Bitte. Ich will und kann dich nicht verlieren.«
