Geliebte Isabelle - Marie Cordonnier - E-Book

Geliebte Isabelle E-Book

Marie Cordonnier

2,2

Beschreibung

Liebe, Tragik und Leidenschaft: Die schöne und temperamentvolle Isabelle, deren Herkunft im Dunkeln liegt, kommt an den französischen Königshof. Band 2 der fünf Isabelle-Romane: Isabelle trägt Nicolas' Kind unter dem Herzen. Es fällt ihr schwer, in dieser Zeit der Schwangerschaft so oft allein zu sein. Die Jagdleidenschaft ihres Mannes scheint in letzter Zeit zugenommen zu haben, und Isabelle fühlt eine gewisse Entfremdung zwischen sich und dem geliebten Mann. Wie kam es dazu, dass ihre grenzenlose Liebe so abkühlen konnte? "Marie Cordonniers Romane heben sich nicht nur durch das weniger übliche Set sondern dadurch von der Masse ab, dass die Autorin es wie kaum eine andere versteht, Stimmung zu erzeugen und dem Leser zu vermitteln. Deswegen wirken ihre Romane immer glaubwürdig.Außerdem sind sie so spannend wie unterhaltsam - aber immer ernsthaft", schreibt eine Leserin.

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Seitenzahl: 330

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Marie Cordonnier

Geliebte Isabelle

Roman

___ Letzte von der Autorin durchgesehene Fassung___

ISBN 978-3-86466-208-9

© 2013 Alle Rechte bei Bestselectbook.com

____________BsB____________

BestSelect BookDigital Publishers

Die Isabelle-Pentalogie

Buch 1_Isabelle

Buch 2_Geliebte Isabelle

Buch3_Isabelle de Paradou

Buch 4_Isabelle und der König

Buch 5_Die Macht der Liebe

Inhalt

___Prolog _Seite 05___

01.Kapitel_Seite 14
02.Kapitel_Seite 23
03.Kapitel_Seite 32
04.Kapitel_Seite 39
05.Kapitel_Seite 51
06.Kapitel_Seite 59
07.Kapitel_Seite 69
08.Kapitel_Seite 76
09.Kapitel_Seite 88
10.Kapitel_Seite 101
11.Kapitel_Seite 108
12.Kapitel_Seite 118
13.Kapitel_Seite 129
14.Kapitel_Seite 141
15.Kapitel_Seite 150
16.Kapitel_Seite 160
17.Kapitel_Seite 168
18.Kapitel_Seite 177
19.Kapitel_Seite 187
20.Kapitel_Seite 202
21.Kapitel_Seite 213
22.Kapitel_Seite 223
23.Kapitel_Seite 237

___Ende 240___

Prolog

April 1482

Isabelle verspürte Angst. Eine ungewohnte, heftige Furcht, die eisige Kälte bis in ihre Fingerspitzen sandte und sie bebend erschauern ließ. Rastlosigkeit lenkte ihre Schritte durch das weitläufige, kühle Haus, dessen Türen und Fenster offen standen, um alle Düfte des Frühlings willkommen zu heißen. Sie vermochte nicht zu sagen, was ihr so plötzlich den Frieden geraubt hatte, aber es hielt sie nicht auf der mit Kissen belegten Bank in der Fensternische, die sonst ihr bevorzugter Platz war.

Indes, die Schwerfälligkeit ihres Körpers setzte dem instinktiven Wunsch nach Bewegung und Flucht enge Grenzen. Zum ersten Male seit vielen Monden fand sie die Last des ungeborenen Kindes beschwerlich. Halb beschämt, halb trotzig mied sie den prüfenden Blick der imposanten, schwarz gekleideten Gestalt, die das Altartuch sinken ließ, an dem sie gerade stickte.

»Ich wollte, ich wäre endlich wieder ich selbst und nicht nur Hülle und Nest für ein winziges Geschöpfchen, das mir mehr und mehr die Kraft und den Raum zum Atmen nimmt«, seufzte sie mit kaum verhohlener Ungeduld.

Giselle de Paradou betrachtete ihre Schwiegertochter nachdenklich, ehe sie ihr Antwort gab. Ein feines Lächeln in ihren Mundwinkeln verriet die Zuneigung, die sie der jungen Frau entgegenbrachte, die ihr Sohn nach so vielen Missverständnissen geheiratet hatte.

»Verschwende nicht deine Kräfte, Isabelle. Deine Zeit neigt sich erst im Mai dem Ende zu. Es sind die längsten Tage für alle Frauen, aber auch sie gehen vorüber. Du wirst sie vergessen haben, sobald du dein Kind in den Armen hältst. Was ficht dich an, dass du heute dein Lachen verloren hast?« »Ich weiß es nicht, Mutter.« Isabelle hob die schmalen Schultern mit einer ratlosen Geste und strich die Falten der Tunika aus rotem Samt glatt, die sie über einem weißen Unterkleid trug, das die Fülle ihres gewölbten Leibes nicht mehr verbergen konnte. »Vielleicht beunruhigt es mich auch nur, dass Nicolas so lange ausbleibt …«

Es schien, als sei die Aufmerksamkeit der Gräfin nur auf das Gewirr der bunten Seidenfäden in ihrem Schoß gerichtet, die sie mit geschickten Fingern sortierte. In Wirklichkeit unterdrückte sie ein Lächeln.

»Er ist auf der Jagd, Isabelle. Er ist weder in einen Krieg gezogen noch in sinnlose Fehden verwickelt worden. Du hast keinen Grund, dich um ihn zu sorgen.«

Isabelle schwieg. Die leidenschaftliche, bedingungslose Liebe, die sie mit ihrem Gatten verband, war der Gegenstand so manchen Gespräches zwischen ihnen gewesen. Nicht immer pflichtete sie dabei der älteren Frau bei, die in den langen Jahren ihrer Witwenschaft gelernt hatte, die Dinge des Herzens weise und abgeklärt zu beurteilen. Sie erinnerte sich an eine der diplomatischen Ermahnungen.

»Es mag einer Mutter gestattet sein, den Sohn mit allen seinen Fehlern einfach anzubeten, Isabelle. Eine Frau sollte jedoch die Mängel ihres Gatten erkennen. Nicolas ist nicht vollkommen, meine Tochter. Er ist nur ein Mensch! Lerne ihn als solchen zu lieben, aber bete ihn nicht als Anfang und Ende aller Dinge an. Es macht mir Angst!«

Warum erinnerte sie sich gerade an diese Worte? Sie vermochte es nicht zu sagen. Sie wusste nur eines, sie sehnte sich verzweifelt danach, Nicolas’ Nähe zu spüren, ihren schmerzenden Kopf an seiner Schulter zu bergen. In seiner Ruhe würde sie die eigene Gelassenheit wieder finden. Sie wollte seine Beteuerungen hören, dass das Kind ihrer Schönheit keinen Abbruch tun könne, dass er sie liebte und immer lieben würde. Ach, warum musste er beim ersten Sonnenstrahl zur Jagd verschwinden?

Eine müßige Frage, die sie sich leicht selbst beantworten konnte. Der leuchtende Frühling, der dem ungewöhnlich strengen und viel zu langen Winter endlich gefolgt war, hätte auch sie ins Freie gelockt, wäre da nicht das werdende Leben in ihrem Leib gewesen. Der ganze Süden schien mit Nicolas aufzuatmen und die Starre des Frostes abzuschütteln, in die er nach dem Tode des letzten Anjou zur Jahreswende verfallen war. Als neue Untertanen des Königs von Frankreich begannen sich die Menschen in der Provence mit ihrem unvermeidlichen Schicksal abzufinden. Die glücklichen Tage unter der Herrschaft König Renés glitten unmerklich ins Reich der Erinnerungen.

In Gedanken verloren beschwor Isabelle das Bild Renés von Anjou, jenes Vaters, den sie so spät und überraschend gefunden hatte und dessen ehrgeizige Pläne so viel Glanz, aber auch so viel Unglück und Leid in ihr Leben brachten. Waren wirklich schon fast zwei Jahre vergangen, dass sie am Vorabend seines Todes den schweren Smaragd der Anjous aus seiner Hand erhalten hatte? Nun lag auch Charles du Maine in seiner Gruft, jener kranke Erbe, den sie nach dem Willen Renés hätte ehelichen sollen, um das Haus von Anjou zu retten. Geblieben war von allen Intrigen nur jener Ring, der in den Tiefen ihrer Schatulle lag und den sie nie wieder zu tragen beabsichtigte. Zusammen mit dem Schmuckstück war auch Isabelle de Flore, Dame von Anjou, in die Vergessenheit geglitten. Die grauen Steinmauern des Herrenhauses, das eher einem behäbigen Gut denn einem Schlosse glich, boten nur Isabelle de Paradou Schutz. Der Frau eines Mannes, der, von den politischen Ränken seines Patenonkels abgestoßen, ebenfalls nichts anderes sein wollte als ein Edelmann, dessen Interessen sich lediglich auf die Verwaltung seines Vermögens und das Gelingen seiner Seidenraupenzucht richteten.

Philippe de Commynes, der mächtige Kanzler König Ludwigs XI., musste diese Entscheidung seines Neffen zähneknirschend hinnehmen. Das Verhältnis der beiden Männer hatte sich abgekühlt, und die Boten des alten Mannes fanden keinen Weg mehr in das Tal des Lavendels, in das sich Nicolas zurückgezogen hatte.

Isabelles ruhelose Schritte traten auf getrocknete Kräuter, die den Boden des Zimmers bedeckten und von denen der Saum ihres Gewandes wohlduftende Wolken aufwirbelte.

»Setz dich, Isabelle«, riet ihr Giselle de Paradou geduldig. »Ich werde Marthe bitten, dass sie dir einen Becher Mandelmilch bringt, es wird dir guttun.«

Ein wenig schwerfällig, aber gehorsam sank Isabelle auf das gepolsterte Taburett neben ihrer Schwiegermutter und zwang sich zu Geduld. Was war nur heute in sie gefahren? Die Wände mit den bunten Tapisserien, das Haus, ja die Berge am Ende des Tales schienen sie zu bedrängen und einzuengen. Die Abgeschiedenheit, die sie sonst so sehr liebte, lag ihr wie ein bedrängender Alp auf der Brust. Sie rieb ihre Schläfen mit den Fingerspitzen und änderte ihre Haltung, da auch das Kind in ihr unzufrieden gegen die Wände seines straffen Kerkers stieß.

»Wenn Ihr meint, Mutter …«, murmelte sie gehorsam und kreuzte die Hände über der Brust. Die Muße weckte erneut die Erinnerungen: an Frühlingstage, die sie barfuß mit offenen Haaren durch die Berge streifen sahen, auf der Suche nach den ersten Kräutern und den Kopf verloren in hoffnungslose Träume. An Geräusche und Gesänge, das Blöken der Ziegen hinter der Hütte, den monotonen Singsang der Zigeuner in Saintes-Maries-de-laMer. An Menschen, die ihren Weg gekreuzt hatten.

Mariette, die dunkle strenge Ziehmutter, an deren Seite sie unter der Obhut der Zigeuner aufwuchs. Zu spät hatte sie unter ihrer Härte die hingebungsvolle Liebe erkannt, mit der die Milchschwester der kapriziösen Florence de Turenne das Kind ihrer ermordeten, unglücklichen Herrin schützte, deren Ehemann nicht Isabelles Vater gewesen war.

Raimond hatte sie getötet. Raimond de Turenne. Ein grausames Gespenst der Vergangenheit. Der Halbbruder mit dem feingemeißelten, blassen Gesicht, den adlerartigen Zügen und den silbernen Haaren. Der Biss einer Viper hatte seinem Leben und seiner ungesunden Leidenschaft für Isabelle ein Ende gesetzt. Das Entsetzen der Tage, die sie in seiner Gefangenschaft verbracht hatte, lag noch kein ganzes Jahr zurück. Geneviève, die ehrgeizige, intrigante Schwester war ihm ins Grab gefolgt. Auf rätselhafte Weise ums Leben gekommen, ehe sie ein Kind auf die Welt bringen konnte, von dem sie behauptete, Charles du Maine sei sein Vater.

Isabelle fröstelte und wurde sich eines dumpfen Ziehens bewusst, das von ihrem Rücken aus über den ganzen Körper ausstrahlte. Ein Schmerz, so überraschend und stark, dass sie nur nach Luft ringen konnte, ohne Worte zu finden.

Ebenso schnell wie sie gekommen war, klang die Pein wieder ab, und sie stützte mit einem unterdrückten Stöhnen die Hände von hinten gegen die Taille. Bei allen Heiligen, was war das gewesen? Es fehlte noch, dass sie zu allem Überfluss krank wurde.

Der leise Laut fand erneut das wachsame Ohr ihrer Schwiegermutter. Es war ungewöhnlich, dass sich Isabelle in Selbstmitleid gefiel und die Beschwernisse ihrer Schwangerschaft zur Kenntnis nahm. Normalerweise von robuster Gesundheit und feurigem Temperament, war sie das Gegenteil jener blassen Edeldamen, die beim leisesten Kopfschmerz ihre Bediensteten tyrannisierten. Sie reichte ihr die Milch, welche die Dienerin inzwischen zusammen mit einer Schale frischen Nuss-Konfektes gebracht hatte.

»Trink einen Schluck, Isabelle«, drängte sie sanft. »Was bedrückt dich nur an einem so wundervollen Tag?« »Wenn ich das wüsste. Ich …« In diesem Moment kam der Schmerz zurück. Mit der Gewalt eines unverhofften Messerstiches unterbrach er Isabelle mitten im Satz. Sie stieß einen leisen Schrei aus und krümmte sich nach vorne zusammen, als wolle sie das werdende Leben in sich vor diesem rücksichtslosen Angriff schützen. Die bunten Stickfäden rutschten unbeachtet zu Boden, als die Ältere aufsprang und die keuchende junge Frau in ihre Arme schloss. Atemzüge später richtete Isabelle sich wieder auf. Verständnislosigkeit im Gesicht, die grünen Augen weit geöffnet. »Heilige Sarah, ich verstehe es nicht. Ich muss eine falsche Bewegung gemacht haben. Diese Pein …« Sie stockte und schüttelte heftig den Kopf. Es brauchte nicht viel Fantasie, um die Frage der Gräfin zu erahnen. »Nein, nicht, was Ihr denkt. Es war kein Schmerz im Leib, er war hinten, eher im Rücken …« Die Anweisungen ihrer Schwiegermutter waren energisch und unmissverständlich. Sie half ihr auf die Füße. »Du wirst dich jetzt niederlegen, Kind. Keine Widerrede.« Der nächste Befehl galt ihrer Dienerin Marthe, die wie ein schwarzer Schatten aus dem Hintergrund auftauchte, ohne gerufen worden zu sein. »Sag der Hebamme Bescheid. Es ist möglich, dass das Kind vor seiner Zeit kommt. Spute dich, ich brauche anschließend deine Hilfe.« Isabelle stand steif wie ein Stock. Sie weigerte sich zu begreifen, was mit ihr geschah. Nein, es konnte nicht sein. Es durfte nicht sein! Es war erst Mitte April, vier Wochen vor dem errechneten Zeitpunkt! Und Nicolas war nicht zu Hause! Da war die Angst wieder, die sie schon den ganzen Tag verfolgte. Schleichende Furcht, die das Herz abdrückte und ungeweinte Tränen hinter den Augenlidern brennen ließ. »Isabelle, ich bitte dich, komm …« Die unruhige Betriebsamkeit Isabelles war jetzt zur völligen Erstarrung geworden. Kaum fähig, einen Schritt vor den anderen zu setzen, musste die Gräfin sie förmlich in das Gemach schieben, in dem bereits eine Reihe von Dienerinnen tätig war. Über die hellgescheuerten Steinfliesen war getrockneter Lavendel gestreut worden, und der vertraute Duft sollte ihr stets ein Trost sein, wenn sie später an diese schmerzvollen Stunden zurückdachte. Gehorsam wie eine Puppe half sie mit, das Kleid abzustreifen, dessen Verschnürungen die Gräfin geöffnet hatte. Noch während das weiße Hemd aus kühlem, schneeigem Atlas über ihren Körper glitt, verkrampfte sie sich unter dem Ansturm einer erneuten Wehe. Ein Schatten huschte über das besorgte Gesicht der alten Gräfin. Schon im Normalfall war die schmale, zierliche Gestalt Isabelles ein Problem, das die Hebamme zu besorgtem Stirnrunzeln veranlasst hatte. Eine vorzeitige Geburt jedoch … Sie versagte sich die düsteren Gedanken und richtete ihren Sinn auf die Dinge, die jetzt getan werden mussten. Sie breitete das Laken über Isabelles Körper und wischte ihr die feinen Schweißtropfen von der Stirn. »Kämpfe nicht, Kind«, riet sie. »Gib dich dem Schmerz hin. Er ist eine Welle, die dich hinaufträgt, aber auch wieder an den Strand wirft. Du darfst ihr nicht widerstehen, die Natur muss ihren Lauf nehmen, und es liegt nicht in unserer Macht, sie zu beeinflussen.« Isabelle hatte nur einen Wunsch. »Nicolas«, flüsterte sie heiser. »Ist er zurück? Wann kommt er? Nicolas …« »Geburt ist Frauenarbeit, Isabelle«, beruhigte sie Giselle de Paradou. »Männer haben in der Wochenstube nichts zu suchen. Seien wir dankbar, dass uns Nicolas nicht mit aufgeregten Fragen stört. Es ist ein Segen, dass er fort ist. Kommt er nach Hause, kann er noch früh genug seinen Sohn in die Arme schließen.« »Seine Tochter«, protestierte Isabelle, »er wünscht sich doch eine Tochter.« »Er wird nehmen müssen, was er bekommt«, war die humorvolle Antwort, und Isabelle umklammerte Hilfe suchend die schmalen Hände mit den langen schlanken Fingern, die nur der Siegelring des verstorbenen Alain de Paradou schmückte, der in einem der zahllosen Kriege König Renés sein Leben gelassen hatte. Dann waren da nur noch Schmerzen. Folterqualen, in immer kürzeren Abständen, die kaum Zeit ließen, nach Atem zu ringen oder eines der Elixiere zu trinken, die man ihr an die Lippen hielt. Gemeinsame Sorge einte die Frauen rund um das mächtige Bett mit dem Baldachin und den rundgeschnitzten Pfosten. Auch die Hebamme wusste keine Antwort auf die flüsternden Fragen. »Es ist zu früh. Einen ganzen gefährlichen Monat zu früh. Betet zur Heiligen Jungfrau. Ich fürchte, wir haben ihre Hilfe bitter nötig.« Der Nachmittag sank in die Dämmerung, und die Nacht brach herein. Isabelle bemerkte nichts davon. Versunken in einen Kampf, der ihre Kräfte zu überfordern begann, hatte sich die Welt auf das Universum dieses Bettes verkleinert. Von Zeit zu Zeit spürte sie, dass ihr gespannter Leib mit erfrischenden Mixturen gesalbt wurde, dass man sie mit feuchten, kräuterduftenden Tüchern abrieb, dann versank sie wieder in den Wogen der Qual. Der Mond stand bereits hoch am Himmel, als sie eine Pein von so unbeschreiblicher Gewalt durchzuckte, dass sie hell aufschrie vor Entsetzen. Sie hatte das Gefühl, lebendig in Stücke zerrissen zu werden, und endlich die Erlösung. Hinabstürzen in gnädige Schatten, in Vergessen ohne Folter. Erschöpft, am Ende ihrer Kräfte, trieb sie zwischen Wirklichkeit und Bewusstlosigkeit, als das grelle Quäken einer dünnen, höchst unwilligen Kinderstimme in den Frieden eindrang und die Schleier zerriss. Wo war sie? Was war geschehen? Mit fast übermenschlicher Anstrengung gelang es ihr, die Lider zu öffnen und ins Licht der Kerzen zu blinzeln. Ihre Stimme versagte, aber Giselle de Paradou hatte die Bewegung wahrgenommen und ergriff ihre zitternden Hände. »Ein Sohn, Isabelle! Du hast einen Sohn zur Welt gebracht. Einen winzigen, aber wohlgestalteten kleinen Mann. Den Erben des Hauses Paradou.« Jetzt endlich sah Isabelle das rosig zappelnde Bündel, das die Hebamme soeben aus dem warmen Wasser hob und mit weichen Tüchern abtrocknete. Marthe reichte ihr die in Olivenöl getränkten Leinenstreifen, die nun um den Nabel gelegt wurden. »So klein …«, hauchte Isabelle tonlos. »Aber seine Stimme hat bereits beachtliche Stärke«, lachte die Gräfin erleichtert. »Du musst dir keine Sorgen machen, er ist gesund. Die Hebamme glaubt, dass er die fehlenden Wochen schnell auf holen wird …« »Nicolas …« Dachte sie es oder sagte sie es? Das edle Römergesicht mit den nachtdunklen Augen unter den rabenschwarzen Haaren stand vor ihren Augen, aber eine tödliche Schwäche raubte ihr Atem und Kraft. Eine Arbeit blieb noch, ehe sie sich fallen ließ, dem Wunsch nachgab zu schlafen. Eine letzte Anstrengung. »René, Mutter … Er soll René heißen, wie sein Großvater. René d’Anjou.« »Isabelle, er ist mein Enkel! Er heißt René de Paradou.« Aber sie hörte den Protest nicht mehr. Eine gnädige Ohnmacht hielt sie umfangen. Verhinderte, dass sie den letzten Gedanken zu Ende brachte, der durch ihren Kopf zuckte. Wo blieb Nicolas? Warum war er in dieser Stunde nicht an ihrer Seite? Sein Sohn hatte das Licht der Welt erblickt, ohne dass er es ahnte! Ein schlechtes Omen?

1. Kapitel

Juni 1482

Auf den ersten, flüchtigen Blick war es das vollkommene Bild heiteren unschuldigen Vergnügens. Die junge Frau lehnte, in Träume versunken, anmutig auf der Steinbank. Die gebauschten, fliederfarbenen Seidenröcke, die schwingenden Ärmel und das goldbestickte Mieder ihres Kleides ließen sie einem Schmetterling ähneln, der sich im Grünen ausruht. Goldglänzende Locken fielen in weichen Kaskaden auf die bloßen Schultern und wurden mit einem fliederfarbenen Samtband aus der Stirn gehalten. Das feingezeichnete Gesicht mit dem üppigen Mund und der kleinen Nase war von stillem Ernst, und die gesenkten Lider verbargen die Augen, während der dunkle Kranz der Wimpern lang und seidig die Wangen beschattete.

Ihr zu Füßen, in einem geflochtenen, mit feinstem Leinen ausgelegten Körbchen strampelte das Kind. Die winzigen Hände, Arme und Beine von den lästigen Binden befreit, die sonst seine Bewegungsfreiheit einschnürten, schien es die Sonnenstrahlen fangen zu wollen, die durch das Geäst des knorrigen Olivenbaumes fielen, in dessen Schutz sich Mutter und Sohn niedergelassen hatten.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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