Ungebunden ins Glück - Cheyenne Blue - E-Book

Ungebunden ins Glück E-Book

Cheyenne Blue

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Beschreibung

Nora Kelly liebt ihr unbeschwertes Leben in London und die Vielzahl an Frauen, die darauf warten von ihr verführt zu werden. Sie ist sich sicher, dass keine Gefahr besteht, ihr Herz an jemanden zu verlieren. Ihre irische Großfamilie hat nur eine Regel, wenn es ums Daten geht: Nora kann mit jeder Frau ausgehen, solange sie keine Flannery ist. Die Kellys und die Flannerys sind seit über sechzig Jahren bis aufs Blut verfeindet. Eines Tages passiert, womit Nora nie gerechnet hätte, sie trifft die Frau ihrer Träume und will das erste Mal mehr als nur eine Affäre. Das einzige Problem? Geraldine ist eine Flannery. Ist die kurze aber heftige Beziehung zwischen den Beiden damit verloren? Oder kann Nora Geraldine überzeugen, dass sie trotz ihrer zerstrittenen Familien zusammengehören?

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Seitenzahl: 201

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Epilog

Über die Autorin

Ebenfalls im Ylva Verlag erschienen

Gemalt für dich

Küsse in Amsterdam

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Kapitel 1

Sie war genau die Art von Frau, die mir gefiel.

Sie saß an der Bar meines Lieblings Queer-Klubs, nippte gesittet an einem Glas Weißwein und hatte vom ersten Moment an mein Interesse geweckt. Ihre üppige Figur zog mich magisch an und angesichts ihrer dunklen Haare und der olivfarbenen Haut fragte ich mich, ob sie aus einer wärmeren Klimazone stammte. Es war offensichtlich, dass sie neu in der Londoner Szene war, denn sie war allein. Doch wenn ich mir die Blicke ansah, die ihr von den jagenden Frauen zugeworfen wurden, wusste ich, dass es nicht lange so bleiben würde. Im Gegensatz zu dem Mädchen, das allein an einem Tisch saß und ganz offensichtlich heterosexuell und auf der Suche nach etwas Nervenkitzel war, war sie vollkommen entspannt.

Ich ignorierte die hoffnungsvollen Blicke des Heteromädchens und richtete meine Aufmerksamkeit auf die Neue, um sie mit meinen einstudierten Sprüchen und zwanglos anmutenden Berührungen zu beeindrucken. »Ich bin Nora«, sagte ich, als ich meine Finger in der Andeutung eines Händeschüttelns über ihre gleiten ließ. Allerdings glich die Berührung eher einem Streicheln als einem Schütteln. »Du bist neu hier. Lass mich dich vor der Meute beschützen.« Mit einem Wink deutete ich auf die anderen Frauen im Klub.

Sie schenkte mir ein sündhaft katzenhaftes Lächeln. »Ich kann sehr gut auf mich selbst aufpassen«, sagte sie mit einem wunderschönen Akzent. »Aber du kannst mich gern nach Belieben unterhalten, Nora.«

Bingo. Ich bestellte noch zwei Gläser Wein und nahm anschließend ihre Hand, um einen Kuss auf die Handfläche zu hauchen. »Was, wenn meine Absichten weniger ehrenhaft sind?«

»Dann würde ich dich umso mehr mögen.«

Der Wein wurde gebracht und ich führte sie in eine dunkle Ecke. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass zumindest einige Frauen angesichts meines Erfolgs das Interesse an der Neuen verloren hatten. Pech, dachte ich. Sie hätten schneller sein müssen.

Meine dunkle Schönheit glitt in eine der Sitzecken und ich ließ mich neben ihr nieder, wobei ich meinen Oberschenkel fest an ihren drückte. Sie erwiderte den Druck und nahm ihr Glas. »Salud, englisches Mädchen.«

»Ich bin Irin«, korrigierte ich sie. »Meine Familie stammt aus Irland, wo es Wolken und Klippen gibt, die unendlich sind, und die schönsten Frauen der Welt.«

»Ich bin Giovana«, sagte sie, »und ich komme aus Italien, wo es Essen und Wein gibt, die dich dahinschmelzen lassen. Unsere Frauen sind heiß und feurig und sie haben eine unglaubliche Ausdauer. Du kannst mich Gigi nennen.« Ihre Hand strich über meinen Schenkel.

Ich war hoffnungslos verloren, wie meine Freundin Sue sagen würde.

Ich fing Gigis Hand ein und drückte sie flach gegen mein Bein. Selbst durch den Stoff der Jeans konnte ich ihre Hitze spüren. Ich stellte mir vor, wie ihre Hände später über meinen Körper gleiten und was sie bei mir auslösen würden.

Ich neigte meinen Kopf ein Stück und richtete meinen Blick auf ihre Kehle, an der ihr Puls schnell und drängend pochte. »Bekomme ich die Chance herauszufinden, ob ich mit dir mithalten kann?

Sie lehnte sich vor und ihr Atem strich über mein Gesicht. »Nora, ich glaube, dass wir beide viele Dinge zusammen tun werden. Aber du musst heute Nacht mit mir nach Hause kommen, um es herauszufinden.«

Ich erhob keine Einwände.

»Nora«, flüsterte Gigi an meinem Mund, als wir uns zum ersten Mal in einer dunklen Ecke des Klubs küssten. »Nora!«, keuchte sie, als ich sanft durch ihre Kleidung in ihren Nippel biss. »Noraaaa«, stöhnte sie in einem dunklen Hauseingang auf dem Weg zu ihrer Wohnung. Und als wir schließlich im Bett waren, schrie sie meinen Namen so laut, dass es ihren Mitbewohner weckte und er, bewaffnet mit einer Nachttischlampe, ins Zimmer stürmte, während ich zwischen Gigis Schenkeln lag. Die Lippen zwischen ihre Schamlippen gedrückt, während sie von genussvollen Wellen ihres Orgasmus durchströmt wurde.

Nachdem Gigis Orgasmus abgeflaut war, ihr Mitbewohner aufgehört hatte, sich zu entschuldigen, und wir alle aufgehört hatten zu lachen, fragte Gigi, ob sich ihr Mitbewohner zu uns gesellen könnte. Ich lehnte den Vorschlag rigoros ab und er verließ mit weiteren Entschuldigungen im Gepäck das Zimmer, obwohl seine Boxershorts ganz deutlich zeigten, dass es ihm überhaupt nicht leidtat.

Ich schloss die Tür ab und anschließend zeigte Gigi mir die feurige italienische Art der Liebe, die bis in die frühen Morgenstunden andauerte.

»Wenn du willst, kannst du bleiben.« Gigi setzte sich auf und mit ihren zerzausten Haaren sah sie zum Anbeissen aus. »Morgens bin ich am … kreativsten und italienischer Kaffee ist der beste, den es gibt.«

Einen Augenblick lang klang die Idee verlockend, aber ich hatte schon genug peinliche Morgen-danach erlebt, um zu wissen, dass sie nie so gut waren, wie sie sich anhörten. Ich zwang mich zu einem Lächeln. »Das würde mir sehr gefallen, aber ich bin mit meiner Familie zum Frühstück verabredet. Wir Iren sind Frühaufsteher. Ich muss gehen.« Ein letztes Mal strich ich mit den Lippen über Gigis Körper und stieg anschließend aus dem Bett. Meine Kleidung lag im ganzen Raum verteilt und ich musste jedes Stück einzeln zusammensuchen.

Ich verabschiedete mich mit einem Kuss von Gigi und ignorierte ihre Andeutungen auf ein Wiedersehen am nächsten Abend. Eine Nacht mit einer neuen Frau zu verbringen, hatte seinen Reiz. Ich war nicht auf der Suche nach mehr. Meine Familie nannte mich die-ungebundene-Nora. Ursprünglich war es ein Scherz über meine Unfähigkeit, Schnürsenkel zu binden, als ich noch ein Kind gewesen war, doch jetzt bezogen sie sich damit auf mein ungebundenes Singledasein. Also küsste ich Gigi ausgiebig, sagte ihr, was für eine wundervolle Nacht es gewesen war und wiederholte mit all meinem irischen Charme, wie leid es mir tat, dass ich gehen musste.

Gigi zog einen Schmollmund und ihre dichten Wimpern flatterten über ihren wunderschönen Augen. »Oh, wie schade, süße Nora. Obwohl du nicht wolltest, dass Lucas uns heute Nacht Gesellschaft leistet, hätte ich später noch eine Freundin gefragt.« Also war Gigi ebenso eine Spielerin wie ich. Verlockung und Neugier breiteten sich in mir aus. Einen Moment lang kam ich ins Wanken. Aber ich hielt mich an meine Geschichte. Immerhin waren wir hier in London – hier gab es reichlich Frauen.

Gigis Wohnung lag in einem betriebsamen Viertel, dennoch musste ich angesichts der frühen Stunde bis zur Hauptstraße laufen, um dort ein Taxi zu erwischen. Ich mischte mich unter die Leute, die aus den Nachtklubs strömten, und schlenderte träge über den Gehweg, während ich nach einem Taxi Ausschau hielt. Ich machte mir keine Sorgen, weil ich allein unterwegs war; ich war groß genug, um einschüchternd zu wirken, und selbstbewusst genug, um Typen mit ihren Anmachsprüchen allein durch meinen Blick zum Schweigen zu bringen. Und aus Erfahrung wusste ich, dass ich schnell genug war, um selbst den fittesten Störenfrieden davonzurennen.

Um mich herum summte London wie ein elektrischer Strorm. Es war fast zwei Uhr morgens, die Pubs waren geschlossen und die meisten Nachtklubs fingen ebenfalls an, ihre Türen zu schließen. Jedes nahende Taxi wurde mir vor der Nase weggeschnappt, noch ehe ich es anhalten konnte. Das Haus meiner Eltern war nur fünfzehn Minuten entfernt, also konnte ich die Geschichte über das Familienfrühstück, die ich Gigi aufgetischt hatte, auch in die Tat umsetzen. Zwar hatte ich meinen Schlüssel nicht dabei, aber vielleicht konnte ich meine Schwester Theresa aufwecken, indem ich Kies gegen ihr Fenster warf. Das wäre die gerechte Rache für all die Male, die sie um dieselbe Uhrzeit an meiner Tür geklingelt hatte, um in meinem Bett zu schlafen.

Morgen war Sonntag. Das Frühstück im Haus meiner Eltern war legendär, vor allem an den Wochenenden, wenn meine Mum den gesamten Kühlschrankinhalt in eine Pfanne warf. Gerösteter Speck, Eier und Blutwurst. Bohnen, Tomaten und Tee so stark, dass eine Maus darüber laufen konnte. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Die Entscheidung war getroffen. Es war eine Weile her, seit ich das letzte Mal bei meinen Eltern gefrühstückt hatte. Meine ausgelassene irische Familie mit ihren liebevollen Beleidigungen, den schlechten Witzen und ihrer unerschütterlichen Liebe war genau das, was ich jetzt brauchte.

Ich änderte die Richtung und machte mich auf den Weg zu meinen Eltern. Diese Straße war sogar noch belebter und ich musste mich mit der Hand durch die Menge an Betrunkenen schieben. Viele von ihnen stolperten von einem Laternenpfahl zum nächsten, kicherten und klammerten sich an ihre Verabredungen, ihre Freunde und wahrscheinlich auch irgendwelche Fremden. Zwei Leute weiter vorne in der Menge kamen mir bekannt vor. Ein Mann und eine Frau, nur ein wenig lauter als die anderen Passanten, bahnten sich einen Weg in dieselbe Richtung wie ich. Als ich näher kam, hörte ich Fick dich, Dec! und wurde in meiner Vermutung bestätigt. Es waren Theresa und ihr Zwilling Declan, die offensichtlich nach einer durchzechten Nacht auf dem Nachhauseweg waren. Ich grinste angesichts meines Glücks. Das würde es mir leichter machen, mit ihnen gemeinsam ins Haus zu kommen und in Theresas Bett zu schlafen.

Ich ließ mich etwas zurückfallen und beobachtete, wie sie eingehakt weitertorkelten. Es war nicht ungewöhnlich, dass die Zwillinge gemeinsam loszogen. Beide hatten ihren eigenen Freundeskreis, aber normalerweise passten sie aufeinander auf, arrangierten zufällige Treffen mit jemandem, der dem jeweils anderen gefiel, und falls daraus nichts wurde, brachten sie sich gegenseitig sicher nach Hause.

Ich rannte auf die beiden zu, sprang auf Declans Rücken und klammerte mich wie ein Affe mit Armen und Beinen an ihn.

»Verpiss dich!« Declan taumelte, um das Gleichgewicht zu halten, und warf die Arme nach hinten, um gegen meine Rippen zu schlagen. Theresas Lachen machte Declan dann aber wohl klar, wer ihn da von hinten angefallen hat .»Nora, du blöde Kuh. Ich dachte, du bist einer von den Flannerys.«

Ich rutschte von seinem Rücken und ging neben ihm her. »Hab dich auch lieb, Bruderherz.« Liebevoll schlug ich ihm gegen den Arm und er grinste mich albern mit seiner Zahnlücke an.

»Was machst du hier?«, fragte er.

»Ist doch offensichtlich«, sagte Theresa. »Sie trägt ihr Lieblingsshirt und die dazu passende Jeans, beides ist jetzt zerknittert. Das sind ihre Aufreißklamotten. Die neueste Eroberung muss in der Nähe wohnen.«

»In dieser Richtung.« Ich deutete mit der Hand hinter mich.

»Sie hat dich rausgeschmissen?« Theresas Augen in dem kleinen, scharf geschnittenen Gesicht blitzten spöttisch. »Ich bin nicht überrascht. Ich würde dich auch rauswerfen.«

»Ich bin gegangen. Wie immer.«

»Es lag wohl eher daran, dass sie dich nicht behalten wollte.«

Ich dachte an Gigi, ihre olivfarbene Haut, die warm im Licht der Nachttischlampe schimmerte, ihr zerzaustes Haar, die Male, die meine Lippen auf ihren Brüsten hinterlassen hatten und wie ihre Lippen Magie zwischen meinen Beinen bewirkt hatten.

»Oh, sie wollte mich aber so was von behalten.« Ich grinste, als ich an ihren Vorschlag nach einem Dreier dachte. »Kann ich heute Nacht bei dir schlafen?«

Theresa seufzte gespielt widerwillig. »Von mir aus.«

Ich hakte mich bei beiden unter und gemeinsam liefen wir zum Haus unserer Eltern. Bei drei Leuten nebeneinander war es schwer, nicht in irgendjemanden hineinzulaufen, aber wir walzten vorwärts und ließen uns von unserem Lachen durch die Menge tragen. Schließlich bogen wir in eine Seitenstraße ein, in der dunkle Häuser standen und weniger Menschen unterwegs waren.

Declan wurde langsamer. »Verdammte Scheiße.«

Theresa verlangsamte ebenfalls ihre Schritte, sodass ich gezwungen war, mich ihrem Tempo anzupassen. »Was?«

»Fergal Flannery.«

»Ist Young Seánie bei ihm?«, fragte Theresa.

»Nein, nur Fergal und jemand, den ich nicht kenne.«

»Dann können wir es mit ihm aufnehmen. Drei gegen zwei – gute Chancen.«

»Einen Moment«, unterbrach ich die beiden. »Ohne mich. Ich kämpfe mit niemandem, auch nicht mit einem Flannery. Ich will einfach nur nach Hause in Theresas Bett.«

»Wenn du bei mir pennen willst, wirst du deiner Familie beistehen müssen«, sagte Theresa mit einer Stimme, die schärfer war als ihr Kinn. »Nur weil du nicht mehr nach Hause kommst, glaubst du, dass die Fehde für dich beendet ist. Aber das ist sie nicht, Nora. Sie wird es niemals sein.«

»Ich würde die meisten Flannerys mittlerweile nicht einmal erkennen«, sagte ich, obwohl ich bereits den Rücken straffte und meine Ärmel nach oben schob.

»Sieh gut hin«, sagte Theresa. »Klein, streitlustig, rote Haare, wilde Augen. Sieh genau hin, falls du Young Seánie jemals in einer dunklen Gasse begegnen solltest. Er wird auf dich eindreschen, bevor du Jesus Christus sagen kannst.«

»Aber es ist nicht Young Seánie. Lasst es einfach gut sein.«

»Verdammte Scheiße, man lässt es nicht einfach gut sein!«, explodierte Declan. »Vor allem nicht an einem Samstag, der Schlägereinacht in der Woche.«

Theresa nickte zustimmend und gemeinsam gingen die Zwillinge auf die beiden vor ihnen zu. Selbst in dem gedämpften Licht konnte ich Fergals Blick erkennen; er war zwar nicht böse und niederträchtig, aber Fergal hatte auch nicht gerade vor, uns auf ein Bier einzuladen.

»Die verdammten Kellys«, sagte er. »Zwei von ihnen.« Sein Blick huschte zwischen den Zwillingen hin und her – offensichtlich hatte er mich nicht erkannt.

»Drei«, sagte Theresa. »Das ist meine Schwester …«

»Nora«, beendete Fergal ihren Satz und starrte mich mit furchterregender Intensität an. »Tut mir so leid, dass ich dich nicht erkannt habe. Hab dich lange nicht gesehen. Bist du immer ängstlich davongerannt?«

Ich sah ihn finster an, schwieg jedoch, weil ich die Hoffnung hatte, dass wir aus dieser Sache mit ein paar Beleidigungen wieder rauskommen würden. Es lag nicht daran, dass ich Angst vor einer Schlägerei hatte – in meiner Jugend hatte ich genug davon erlebt – aber es war spät und ich war müde. Außerdem war ich älter und diese ganze Kelly-Flannery-Fehde ging mir ehrlich gesagt ziemlich auf die Nerven.

Fergals Freund wirkte unsicher. Er hatte offensichtlich keine Ahnung, wer wir waren und hatte nichts mit uns zu schaffen. »Komm schon, Ferg«, sagte er. »The Panther hat länger geöffnet. Ich hätte gern noch ein Bier.«

Einen Moment lang sah es so aus, als würde Fergal dem Wunsch nach einem weiteren Bier nachkommen, doch dann schlug Declan nach ihm. Es war nicht gerade ein gut platzierter Schlag, er war wild und ging weit an Fergal vorbei, sodass er gerade so dessen Schulter streifte. Allerdings reichte er aus, um Fergal willkürlich die Fäuste schwingen zu lassen, nachdem er die zurückhaltende Hand seines Freunds abgeschüttelt hatte.

Ich beobachtete die beiden eine Minute und fragte mich, ob wir Dec rausziehen mussten. Mein Blick wanderte zu Theresa. Sie war das hier mehr gewohnt als ich und rief Dec Ermutigungen zu, die verdächtig nach Zeig's dem Ficker, klangen.

Fergals Freund warf nur einen Blick auf das Handgemenge und rannte mit donnernden Schritten davon. Drei gegen einen war kein fairer Kampf. Also packte ich Theresas Shirt, als sie Anstalten machte, sich einmischen zu wollen, und wartete. Die Keilerei dauerte nicht lange. Ein paar Schläge, viel Stolpern, Wutgeschrei und Prahlerei und dann zogen Theresa und ich Declan weg.

»Dieses Mal lassen wir dich gehen, du armseliges, kleines Ding«, spottete Theresa. »Du bist unserem Dec nicht gewachsen. Verschwinde, lauf nach Hause zu Mami.«

Fergal ballte die Hände zu Fäusten und für einen Moment sah es aus, als würde er nach Theresa schlagen. Aber nachdem er sich sichtlich bemüht hatte, ruhig zu bleiben, wandte er sich ab. »Wann immer du bereit bist, Kelly«, rief er Declan über die Schulter zu. »Wir wollen mal sehen, ob du immer noch so mutig bist, wenn du dich nicht hinter deinen Schwestern verstecken kannst.«

Theresa lachte und Fergal wirbelte erneut herum, um sich auf sie zu stürzen. Sie trat einen Schritt zur Seite und durch seinen Schwung flog er direkt gegen eine kleine Mauer und landete in jemandes Vorgarten. Eins musste man Declan lassen, er bestand darauf zu warten, damit wir sicher sein konnten, dass Fergal sich nicht das Genick gebrochen hatte. Sobald dessen roter Schopf jedoch gespickt mit Blättern und Zweigen aus dem Lorbeerbusch auftauchte, gingen wir und ließen ihn mit unserem Lachen zurück.

Theresa grummelte zwar wie verrückt, warf mir jedoch einen von Declans Schlafanzügen hin und quetschte sich mit mir in ihr winziges Einzelbett. Ihre knochigen Ellbogen und Knie waren genauso scharf wie der Rest ihres Körpers, aber das hier war immer noch besser, als auf dem Boden zu schlafen.

»Du stinkst«, sagte sie, als sie sich von mir wegdrehte und mit ihrem Fuß nach hinten trat, um sich etwas Platz zu schaffen. »Du hättest duschen können.«

»Es ist fast drei Uhr morgens«, sagte ich vernünftig. »Der Lärm der Dusche hätte Ma und Pa geweckt. Und ich stinke nicht.«

»Tust du wohl. Du stinkst nach Mädchensex.«

Ich drehte mich ebenfalls auf die Seite, um dem direkten Wirkungskreis ihrer tretenden Füße zu entkommen. »Das liegt daran, dass ich Mädchensex hatte. Du solltest es mal ausprobieren.«

»Nein, danke. Ich habe es lieber, wenn meine Liebhaber einen Penis haben. Und halt mir jetzt keinen Vortrag über deinen blauen Umschnalldildo. Das kann unmöglich das Gleiche sein.«

Ich war zu müde, um mich mit ihr zu streiten, aber eine Sache musste ich wissen. »Woher weißt du, dass ich einen blauen habe?«

»Hab deine Nachttischschubladen durchwühlt, als ich das letzte Mal bei dir gepennt habe.«

»Verdammte Scheiße, ist denn nichts heilig?« In Wahrheit war ich nicht überrascht. Theresa hatte eine unstillbare Neugier und hatte mich schon früher über die Feinheiten von Mädchensex ausgefragt. Nicht, weil sie es ausprobieren wollte, sondern weil sie sensationsgeil war. Es passte zu ihr, dass sie meine Sachen durchwühlt hatte. »Du solltest mich morgen besser nicht hier allein lassen. Ich frag mich, was in deinem Nachttisch versteckt ist?«

»Du wirst es nie erfahren. Ist abgeschlossen. Ma ist genauso schlimm wie du.«

Anschließend hörte ich nur noch ihr leises Schnarchen.

Trotz Theresas knochigen Gliedmaßen schlief ich gut und es war nach neun, als ich mich frisch geduscht nach unten begab. Der Rest der Familie hatte sich bereits am Frühstückstisch versammelt – Ma und Pa, mein Bruder Brian, meine Schwester Mary, Declan und Theresa.

Brian hatte wie ich bereits das elterliche Nest verlassen, kam jedoch meistens zum Sonntagsfrühstück vorbei. Ich war mir allerdings sicher, dass er es nur tat, damit Ma seine Wäsche waschen konnte. Und jetzt saßen sie alle da und schaufelten Speck in sich hinein, als stünde eine Hungersnot kurz bevor.

Ich blieb in der Tür stehen und betrachtete die dunklen Schöpfe meiner Geschwister, Mas von grauen Strähnen durchzogene Haare und Pas kahle Rübe. Meine Familie. Meine wahnsinnige, ungestüme, streitsüchtige Familie. Immer eine Beleidigung auf den Lippen. Immer bereit für ein Musik- oder Trinkgelage. Immer für mich da, wenn ich sie brauchte.

»Nora, Liebling! Theresa hat gesagt, dass du mit ihr nach Hause gekommen bist.« Ma sprang auf die Füße und rannte zum Herd. Essen war in unserer Familie mit Liebe gleichzusetzen und Ma zeigte sie, indem sie die Bratpfanne erhitzte und noch mehr Eier und Speck aus dem Kühlschrank zog.

»Mor’gn, Schwesterherz«, murmelte Brian. Der Tee in seiner Tasse, mit der er mir zuwinkte, schwappte gefährlich nah an den Rand.

Ich wühlte in der Schublade nach Besteck, zog mir einen Stuhl an den Tisch und schob mich mit ein wenig Einsatz meiner Ellbogen zwischen Mary und Pa.

»Wie immer sorgfältig gekleidet, Nora.« Mary strich über den zerknitterten Ärmel meines Shirts.

»Sie wurde heute Nacht von irgendeinem Mädchen rausgeworfen«, sagte Theresa. »Wir haben sie zufällig gegen zwei Uhr morgens getroffen. Arme Nora, nie wird sie gebeten, die ganze Nacht zu bleiben.«

»Ein Esel schimpft den anderen Langohr.« Ich schenkte ihr mein süßestes Lächeln.

»Hey, das ist unter der Gürtellinie!«

»Das reicht jetzt.« Ma wirbelte zu uns herum und schien den vollen Teller wie aus dem Nichts herbeigezaubert zu haben. »Lass Nora in Ruhe. Oder lass sie zumindest in Frieden frühstücken.«

»Worüber sollen wir sonst reden?« Theresas scharf geschnittenes Gesicht strahlte schalkhaft.

»Wir sind gestern Nacht Fergal Flannery über den Weg gelaufen.« Declan hob den Blick von seinem Teller. »Mit einem Freund.«

Pa sah ihn über den Tisch hinweg finster an. »Ich hoffe, dass die Geschichte damit endet, dass du gewonnen hast und die Polizei nicht involviert war.«

»Tut sie«, sagte Theresa. »Der Freund ist abgehauen und Dec hat Fergal ordentlich verdroschen. Am Ende lag er in einem Lorbeerbusch in irgendeinem Vorgarten. Du hättest sehen sollen, wie dieser hässliche Trottel mit der halben Hecke in den Haaren wieder aufgestanden ist.«

Schallendes Gelächter brach am Tisch aus. Ich lachte ebenfalls, obwohl mir Theresas leichte Änderung der Geschehnisse nicht entging, mit der sie Dec als Helden darstellte.

»Nora war allerdings keine große Hilfe.« Theresa sah mich durchtrieben an. »Sie hat vorgeschlagen, dass wir ihn einfach gehen lassen sollen.«

Ich funkelte sie wütend an. »Petze.«

»Tja, du hast es aber gesagt.«

Pas Stimme war kalt und steinhart. »Du unterstützt deine Familie also nicht, Nora? Du würdest also die Vergangenheit ruhen lassen und einem Flannery die Hand schütteln und ihn auf ein Bier einladen?«

»Nein.« Ich rutschte unruhig auf meinem Stuhl herum. »Aber diese Fehde zieht sich schon endlos lange hin und ich sehe keinen Sinn darin, noch mehr Dreck aufzuwühlen. Es ist doch sicher an der Zeit, die Sache ruhen zu lassen, oder?«

Pa legte sein Besteck auf den Tisch und drehte sich zu mir, um mich anzusehen. »Wenn einer der Jungs das gesagt hätte, wären sie sofort hochkant rausgeflogen, Sohn hin oder her. Aber du bist meine Tochter, also werde ich ein wenig nachsichtiger mit dir sein. Vor sechzig Jahren wurde Oisín Kelly von Cormac Flannery verraten. Die beiden kamen aus demselben Dorf in Sligo, wo bereits ihre Väter und Großväter Freunde gewesen waren. Cormac und Oisín sind zusammen nach Dublin getrampt. Sie sind zusammen nach Liverpool übergesetzt. Sie haben zusammen auf Baustellen gearbeitet und sind zusammen von Liverpool nach London gezogen. Und dann hat Cormac Flannery den Vorarbeiterposten bekommen, der eigentlich Oisín zugestanden hätte, und obendrein hat Cormac ihn auch noch gefeuert. So verhalten sich Freunde nicht. Also Nora, triff jetzt eine Entscheidung. Bist du für oder gegen uns? Hier gibt es keinen einfachen Mittelweg.«

Angesichts seiner Leidenschaft fehlten mir die Worte. Wie all meine Geschwister konnte ich diese Geschichte Wort für Wort nacherzählen. Schon als kleines, rauflustiges Kind und noch bevor ich zur Schule gegangen war, war mir diese Geschichte erzählt worden. Sie war immer wiederholt worden, wenn eines der Kelly Kinder auf dem Spielplatz einen Streit mit einem der Flannerys gehabt hatte. Und als wir älter wurden, hatte man sie uns immer wieder eingehämmert. Es war die eine Sache, über die niemals hinweggesehen wurde. Die Flannerys und Kellys waren Erzfeinde.

Seit sieben Jahren wohnte ich nicht mehr zu Hause und in dieser Zeit hatte ich kaum einen Flannery gesehen. Ich bewegte mich nun in anderen Kreisen und London war so groß, dass zufällige Begegnungen sehr selten waren. Das Zusammentreffen mit Fergal gestern Nacht war das erste Mal seit Jahren, dass ich einen Flannery gesehen hatte. Ich hatte mich weiterentwickelt und diesen, meiner Meinung nach unwichtigen Teil der Familiengeschichte vergessen. Aber ich lernte gerade, dass der Rest meiner Familie nicht derselben Meinung war. Declan und Theresa gestern Nacht, Pa heute Morgen. Ich sah zu Mary hinüber, doch sie aß einfach weiter und nahm an dieser Unterhaltung nicht teil.

Die Fehde war für mich nicht länger von Bedeutung, aber Familie war Familie und ich schuldete es ihnen, auf ihrer Seite zu stehen.

Pa wartete auf meine Antwort.

»Ich bin eine Kelly«, sagte ich. »Natürlich bin ich für euch. Young Seánie sollte besser aufpassen, wenn er mir über den Weg läuft.«

Während des darauffolgenden Gelächters blieb Brian als einziger stumm.

Meine Zustimmung löste die Anspannung und kurz darauf war wieder das Klappern von Besteck und das Zischen der Pfanne zu hören, als Ma weiterhin Speck briet, um unsere bodenlosen Mägen zu füllen. Alles lief wieder auf Kurs.

»Damit wäre die Spannung für diesen Morgen abgehakt«, beschwerte sich Theresa. »Jetzt können wir uns nur noch über Fußball oder Politik unterhalten.«

Stille folgte. Dann stellte Mary ihre Tasse mit einem dumpfen Schlag ab. »Ich hab Neuigkeiten, falls es jemanden interessiert. Ich hab jemanden kennengelernt.«

»Du machst Witze«, murmelte Declan mit dem Mund voller Toast. »Wer würde dich wollen?«

Mary sah ihn böse an. »Weiter so, kleiner Bruder. Willst du jetzt was über ihn wissen, oder nicht?«