Neubeginn im Outback - Cheyenne Blue - E-Book

Neubeginn im Outback E-Book

Cheyenne Blue

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Beschreibung

Sorry, ich bin hetero… oder etwa doch nicht? Liebe, Chaos und Outback-Feeling. »Sorry, ich bin hetero«, mit diesen Worten, stets begleitet von einem Lächeln, weist Sue die Avancen von Frauen ab. Den Kuss mit Moni, einer amerikanischen Touristin, betrachtet Sue als Ausrutscher. Nie wieder wird sie sich auf eine Beziehung mit einer Frau einlassen. Als ein Date mit dem Bruder einer Freundin katastrophal schiefgeht, verlässt sie London und kehrt in ihr Geburtsland Australien zurück, um dort in einem Anwaltsbüro im Outback zu arbeiten. Endlich ist sie bereit, sich ihrer Vergangenheit und somit auch ihrer alten Flamme Denise zu stellen, die ihr das Herz in tausend Stücke gebrochen hatte. Als Moni überraschend nach Queensland kommt, um für die Flying Doctors zu arbeiten, findet Sue endlich ihren Weg zum Glück. Doch dann taucht Denise, auf und bittet sie um einen Gefallen, der Sues neue Beziehung zerstören könnte.

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Seitenzahl: 444

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhaltsverzeichnis

Von Cheyenne Blue außerdem lieferbar

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Über Cheyenne Blue

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Von Cheyenne Blue außerdem lieferbar

Ungebunden ins Glück: Liebe, ist wenn man’s trotzdem macht

Kapitel 1

Mein Boss, der Schreihals, hatte ein süffisantes Grinsen im Gesicht und einen ungewöhnlich ruhigen Tonfall.

»Nicht schlecht, Sue.« Die Untertreibung passte zu seiner beinahe sanften Stimme. »Ich hätte nie gedacht, dass wir diesen Fall einmal klären. Ganz zu schweigen davon, dass alle mit dem Ergebnis glücklich sind.« Er deutete mit einem Nicken auf das Fenster.

Unten auf der Straße verließ gerade unser Klient mit seiner Frau das Gebäude, nachdem wir in seinem Fall vermittelt hatten. Sie blieben am Ende der Treppe stehen und unser Klient umarmte seine Frau fest, ehe die beiden mit deutlich sichtbarer Freude unterschiedliche Richtungen einschlugen.

»Es ist ein guter Vergleich für George Robson«, fuhr Schreihals fort. »Wir bekommen das volle Honorar. Sie werden diesen Monat keine Probleme beim Etat bekommen.«

Ich lächelte. Es war ein guter Vergleich. Er war besser als gut; er war fantastisch und verdiente einen Artikel auf der Firmenwebsite und vielleicht sogar einen Absatz im The Law Journal.

»Wenn Sie so weiter machen, werden Sie bald zur Senior Associate befördert. Wir brauchen jemanden in den oberen Positionen, jetzt, da Roger nicht mehr da ist.« Schreihals klopfte mir in einer typisch männlichen Geste der Anerkennung auf die Schulter und verließ mein Büro. Wie aufs Stichwort hörte ich, wie er im Flur seinen persönlichen Assistenten anbrüllte.

Unglaublich erleichtert atmete ich aus und tippte mit dem Kugelschreiber auf meinen Schreibtisch. Es war ein verdammt guter Vergleich. Es war ein großartiger Vergleich. Es war bis jetzt definitiv der Höhepunkt meiner Karriere als Anwältin. Zufriedenheit breitete sich in mir aus.

Ich stand auf, schloss die Tür und als ich endlich allein war, gab ich dem Verlangen nach einem ausgiebigen Freudentänzchen nach – inklusive Aufstampfen und Fäuste in die Luft recken. Schreihals war Senior-Partner in der Firma und sein Lob war ebenso selten wie dezent. Wenn er glücklich war, konnte es nicht besser werden. Senior Associate. Das war nicht nur eine Feder, die sie mir an den Hut steckten; damit würden sie mir gleich den ganzen Pfau auf den Kopf setzen. Erneut stieß ich die Faust in die Luft und legte gerade einen sehr schlechten Moon Walk aufs Parkett, als sich die Tür öffnete und meine Sekretärin mit einem Wagen voller Akten hereinkam. Sie erstarrte und sah mich und meine Tanzkünste mit großen Augen an. Ich hielt augenblicklich inne, strich meine Haare glatt und setzte mich wieder an meinen Schreibtisch.

»Soll ich später wiederkommen?«, fragte sie.

»Nein, alles in Ordnung.« Wahllos griff ich nach einer Akte und tat so, als ich würde ich darin lesen, bis sie wieder verschwand.

Senior Associate. Von plötzlichem Stolz ermutigt legte ich die Füße auf den Tisch, stellte sie dann jedoch sofort wieder auf den Boden, für den Fall, dass noch jemand plötzlich in mein Büro kommen sollte. Ich, Sue Brent, Londoner Anwältin. Senior Associate in einer angesehenen Kanzlei. Das hörte sich für mich verdammt gut an.

Es war beinahe fünf Uhr, also entschied ich mich, für heute Feierabend zu machen. Ich hatte es mehr als verdient. Mein Körper vibrierte vor Energie, sodass ich lieber zu Fuß ging, als mit der U-Bahn zu fahren. London vibrierte ebenfalls und das passte zu meiner Stimmung. Ich ließ mich von der Atmosphäre tragen, schob die Hände in die Taschen und lief schnell durch die Menschenmengen, vorbei an Restaurants, die gerade öffneten, und Pubs, die sich bereits auf den Feierabendansturm vorbereiteten. Draußen war es ausnahmsweise angenehm warm. Das vermisste ich am meisten an Australien, meinem Heimatland. Dort fand ein so großer Teil des Lebens draußen statt – in Gärten, beim Camping, auf Pferderücken oder am Strand. Hier in London war es das genaue Gegenteil. Dafür sorgte das nasskalte Wetter. Und obwohl die Großstadt viel zu bieten hatte, gehörten Aktivitäten im Freien nicht unbedingt dazu.

Ich lief weiter, bis ich in ein Viertel kam, das ich häufig mit meiner besten Freundin Nora und ihrer Frau Geraldine aufsuchte. Da war das tibetanische Restaurant, in dem wir so gerne aßen. Da war der Imbiss, in dem wir nach der Sperrstunde in den Pubs gern noch einen Döner kauften. Und dort war die kleine Lesbenbar, die zu Noras Lieblingsorten gehörte. Ich hatte dort viele Abende mit Nora und Ger verbracht. Die gemütliche Inneneinrichtung war eher darauf ausgelegt, tiefgründige Gespräche zu ermöglichen als flüchtige Verbindungen zu schaffen.

Ich verlangsamte mein Tempo, bis ich schließlich vor der Eingangstür stehen blieb. Sie stand offen, um die Wärme des Sommernachmittags hineinzulassen. Ich zog den Rucksack auf meiner Schulter höher. Ich könnte ein Glas Wein vertragen. Rot. Vollmundig. Zur Feier des Tages. Um diese Uhrzeit war die lange Stuhlreihe an der Bar noch so gut wie leer. Ich war jedoch noch nie allein hier gewesen und zögerte deshalb ein wenig. Mit Freunden in einen Pub wie diesen zu gehen war etwas anderes als allein zu gehen. Ich ging oft allein in eine Bar, setzte mich in eine Ecke und unterhielt mich mit dem Barkeeper oder einem interessanten Fremden. Manchmal saß ich auch einfach nur da und las ein Buch. Aber allein in eine Lesbenbar zu gehen, überschritt vielleicht eine Grenze, um die ich schon seit zehn Jahren einen großen Bogen machte.

Ich ging weiter und entfernte mich wie in Zeitlupe von der Bar, während meine Gedanken rasten. Wovor hatte ich Angst? Ich war schon dutzende Male in dieser Bar gewesen und es hatte immer Spaß gemacht. Ich brauchte Nora und Ger nicht als meine Aufpasserinnen. Es war eine Bar. Ich verhielt mich lächerlich. Und ich hatte wirklich Lust auf ein Glas Wein.

Ich machte auf dem Absatz kehrt und marschierte zurück.

Die Bar war fast menschenleer. Eine mir unbekannte Barkeeperin stand hinter dem Tresen und die einzigen anderen Gäste waren ein offensichtlich verliebtes Pärchen, das sich in eine der Sitzecken zurückgezogen hatte, und eine attraktive Butch am Tresen.

Ich setzte mich ans andere Ende der Bar, entschied mich gegen den billigen Fusel, den wir normalerweise tranken, und bestellte ein Glas eines sehr teuren spanischen Rotweins. Immerhin waren die Worte Senior Associate und Sue Brent noch nie zuvor im selben Satz verwendet worden. Heute Abend hatte ich mir den guten Stoff verdient.

Der Wein war großartig. Ich nahm einen Schluck und genoss den Geschmack. Ich war so darin vertieft, wie die Farbe des Weins sich im Glas abzeichnete, dass ich erschrak, als mich jemand ansprach.

»Ich habe noch nicht oft gesehen, dass jemand ein Glas Wein so sehr genießt.«

Ich hob den Blick. Die Butch hatte neben mir Platz genommen. Sie saß seitlich auf dem Barhocker und hatte ihre Stiefelabsätze auf die Fußleiste gestellt. Eine Hand ruhte auf ihren Oberschenkel.

»Normalerweise trinke ich eine günstigere Sorte, also werde ich jeden Tropfen von dem hier genießen. Bei dem Preis, den sie dafür verlangen, wird das sicher nicht zur Gewohnheit.«

»Was ist denn so besonders an diesem Abend?«

Ich war noch nicht bereit, mit einer Fremden den wahren Grund zu teilen. »Guter Tag auf der Arbeit. Jeder verdient es, sich ab und zu etwas zu gönnen.«

Sie hob ihr eigenes Glas – ebenfalls Rotwein – und stieß mit mir an. »Das ist ein guter Grund.« Nach einem Schluck war ihr Glas leer. »Darf ich dir noch einen ausgeben?«

Ich musterte sie kurz, konnte jedoch nur offenherzige Freundlichkeit erkennen. Nichts deutete darauf hin, dass sie mich abschleppen wollte. Ihr stand nichts außer dem Wunsch, sich die Zeit zu vertreiben, ins Gesicht geschrieben. »Danke«, sagte ich, »sehr gern.«

Sie machte ein Handzeichen in Richtung Barkeeperin und schon erschienen auf dem Tisch vor uns zwei neue Gläser des spanischen Weins. Meine neue Bekanntschaft hieß Courtney und war eine sehr unterhaltsame Person. Wir sprachen über kein bestimmtes Thema, sondern begnügten uns mit etwas freundlichem Geplänkel. Ich revanchierte mich und bestellte noch einmal zwei Gläser Wein. Nachdem wir diese auch ausgetrunken hatten, beschloss ich, dass ich genug hatte. Ich war am Verhungern und wollte auf dem Nachhauseweg etwas Curry mitnehmen, mich dann aus meinen Arbeitsklamotten schälen und noch ein wenig vor dem Fernseher entspannen. Es war erst sieben Uhr; spätestens um acht würde ich im Schlafanzug auf dem Sofa sitzen und die Füße hochlegen. Ich genoss Courtneys Gesellschaft, ihren Humor und ihre Schlagfertigkeit, aber für mich war es Zeit, nach Hause zu gehen.

Unsere Gläser waren leer. Fragend zog Courtney eine Braue hoch. »Noch eine Runde? Oder möchtest du lieber woanders hingehen?« Sie trommelte mit den Fingern auf dem Tresen und kam meiner Hand dabei sehr nahe.

Ihr Verhalten hatte sich geändert. Vielleicht lag es am Wein; vielleicht lag es an unserem ungezwungenen Gespräch. Außerdem waren wir hier in einer Lesbenbar. Es war keine unverschämte Annahme, dass eine alleinstehende Frau an ihrem Angebot interessiert wäre.

»Danke, aber ich muss los. Vielen Dank für den Wein und das nette Gespräch.« Ich lächelte sie freundlich an. »Ich bin schon etwas spät dran.«

Sie nahm meine Hand, hielt sie einen Augenblick lang fest und sagte: »Gibst du mir deine Telefonnummer? Vielleicht können wir irgendwann etwas unternehmen?«

Meine Finger verkrampften sich in ihrem Griff, während sich in mir eine Mauer aufbaute. Nicht langsam, Stein für Stein. Dieser Prozess hatte nichts Allmähliches. Es war eher ein augenblickliches Umschlagen der Stimmung, das meine Handlungen und Worte lenkte. Ich wusste genau, was ich tun und wie ich mit dieser Situation umzugehen hatte. Immerhin war mir das schon früher passiert. Diese Situation war mir vertraut.

Langsam zog ich meine Finger zurück, damit sie nicht dachte, ich wäre entsetzt. Um meinen Händen etwas zu tun zu geben, nahm ich meinen Rucksack und hob ihn mir auf die Schultern. Ich lächelte sie ehrlich an. »Tut mir leid, aber ich bin hetero. Danke für den Wein und das Gespräch, aber ich muss jetzt wirklich gehen.«

Sie sah sich in der Bar um, als wolle sie sich überzeugen, dass es noch immer dieselbe Lesbenbar war und sie sich nicht während unseres Gesprächs in einen Hetero-Pub verwandelt hatte. Nach der Inspektion landete ihr Blick wieder auf mir.

Sie schien meine Worte nicht zu glauben. Noch nicht. Erneut lächelte ich sie an. »Wir sehen uns, Courtney.«

Eine kleine Falte bildete sich zwischen ihren Augen, während sie mich musterte, offensichtlich bemüht darum, ihre Auffassung des Abends anzupassen. »Klar«, sagte sie schließlich. »Danke für die Gesellschaft. Mach’s gut, Sue.«

Selbst wenn mein Schlafanzug und mein Sofa nicht nach mir gerufen hätten, wäre es jetzt an der Zeit gewesen, zu gehen. Ich trat auf die Straße hinaus, atmete tief ein, um mich zu beruhigen, und machte mich auf den Weg nach Hause. Ganz bewusst verdrängte ich jeden Gedanken an diesen Abend aus meinem Kopf, löschte Courtneys Gesicht daraus und konzentrierte mich stattdessen auf das Hier und Jetzt, auf London – seine Lichter, die Farben und die Energie. London war tatsächlich eine fantastische Stadt. Ich lebte seit fünf Jahren hier und trotzdem war ihre Wirkung auf mich immer noch nicht verblasst. Wenn ich hier nicht glücklich werden konnte, wo dann?

Und wenn Gedanken an eine weite, trockene Landschaft und einen gemächlicheren Lebensstil diese Vorstellung störten, dann lag es nur am Heimweh. Das war etwas, das ich überwinden konnte. Ich gehörte jetzt zu London. Hier würde ich meine Karriere richtig in Schwung bringen. London bestand für mich aus meinen Freunden und dem Gefühl, einfach eine gute Zeit zu haben. Ich verbannte das Bild von roter Erde nachdrücklich aus meinen Gedanken.

Als ich zur U-Bahn-Station heruntereilte, nahm ich zwei Stufen auf einmal.

Kapitel 2

Es war einer dieser langen Abende, die man in der nördlichen Hemisphäre so schön erleben konnte. Es war fast neun Uhr und das schwindende Sonnenlicht fiel in langen, tiefen Strahlen über das Gras. Den Tag über war es warm und trocken gewesen. Ein perfekter britischer Sommersonntag. Diese Tage waren dafür gemacht, auf einer Picknickdecke zu liegen, Wein zu trinken und dem dumpfen Schlag der Kricketbälle zu lauschen, während zwei einheimische Teams gegeneinander antraten.

Ich lag auf dem Rücken und lauschte dem gedämpften Gezwitscher der Spatzen und dem gutmütigen Gezanke um mich herum. Nora lag neben mir, hatte die Füße auf meinen Beinen geparkt und den Kopf auf Geraldines Schoß. Gers Bruder Pádraig hatte sich auf einen Ellbogen aufgerichtet und diskutierte mit seiner Schwester über das anstehende Freundschaftsspiel zwischen England und Australien. Zwei leere Weinflaschen und Fish and Chips-Schalen lagen neben uns im Gras.

Ich döste ein wenig vor mich hin, während ich mit halbem Ohr Ger und Pádraigs Streiterei zuhörte. Ich konnte ihre Worte noch gerade so über dem nie endenden Brummen des Londoner Verkehrs verstehen. Ein Spatz hüpfte auf mein Knie und flog gleich wieder davon, als Nora ihn mit einer Bewegung ihres Fußes vertrieb.

Es war die Art von Abend, die ich am meisten mochte. Ein ruhiger Abend mit Menschen, die ich gut genug kannte, um mich entspannen zu können. Die Wärme des Tages hing noch immer über uns; ein Hauch von Natur, der meine ländliche, australische Seele besänftigte. Mein Bauch war mit Essen und Wein gefüllt und ich war zufrieden.

Nora stieß mit einem nackten Zeh gegen meine Hüfte. »Du bist ziemlich still. Woran denkst du?«

Ich hob den Kopf, um sie aus zusammengekniffenen Augen anzusehen. »Haben wir noch Wein?«

»Du weißt, dass wir keinen mehr haben. Und das hast du nicht wirklich gedacht.«

»Warum sollte ich an irgendetwas denken? Ich könnte einfach hier liegen und in der Gesellschaft von guten Freunden die Abenddämmerung genießen. Oder darüber nachdenken, wie satt mich diese Fritten gemacht haben.«

»Ich kenne dich. Du hattest so einen seltsamen Gesichtsausdruck. Fast so, als müsstest du dich übergeben. Du hast nicht mal auf Pádraigs Sticheleien über Kricket reagiert. Entweder schläfst du oder bist mit den Gedanken ganz woanders.«

»Dann schlafe ich und genieße den Abend.«

Nora schnaubte leicht. »Ich kann dein Gehirn von hier aus rattern hören.«

Ich entschied mich dazu, das nicht weiter zu kommentieren. Bis sie meine Aufmerksamkeit darauf gelenkt hatte, hätte ich gesagt, dass ich gedöst oder über Belanglosigkeiten nachgedacht hatte – zum Beispiel was ich morgen zu Mittag essen wollte oder welche neue Foltermethode sich Schreihals für mich ausgedacht hatte, nachdem der großartige Glanz von meinem Vergleich im Robinson-Fall verblasst war.

Es stimmte, was ich Nora gesagt hatte. Ich hatte darüber nachgedacht, wie entspannt ich war, wie gut sich die Gesellschaft meiner Freunde anfühlte. Aber Noras Worte hatte eine Welle an Unbehagen in mir ausgelöst. Glück bestand aus so vielen kleinen Dingen, die man wie Bausteine stapelte, bis sie das Leben mit Freude füllten. Und ich hatte viele Bausteine. Ich sollte glücklich sein. Ich war glücklich. Ich war bald-offiziell-Senior-Associate-glücklich. Trotzdem nagte etwas an mir, das ich nicht greifen konnte. Wie die erste Strömung der Brandung, die einen von der Sicherheit des Strandes riss.

»Ich frage mich, ob ich die Vergleichsliste für das Vorverfahren im Murchison-Fall zurückgeschickt habe.«

Nora, die in derselben Anwaltskanzlei arbeitete wie ich, schnaubte. »Schwachsinn. Und diese Angelegenheit wird so schnell nicht vor Gericht landen. Nicht, bis wir sicher sein können, dass unser Mandant uns nicht nach Strich und Faden belügt. Woran hast du wirklich gedacht?«

Ger und Pádraig hatten zwischenzeitlich das Thema gewechselt und zankten sich jetzt darüber, wie lang die Reden für den Geburtstag ihrer Mutter sein sollten.

»Ich werde nächsten Monat siebenundzwanzig«, sagte ich. »Ich glaube, dass es langsam Zeit wird, die Haare lang und die Röcke kurz zu tragen, um mit einem Wodka Martini in der Hand durch die Bars für die verzweifelten und einsamen Menschen dieser Stadt zu ziehen.«

Nora hob den Kopf und sah mich an. »Diese Antwort habe ich nicht erwartet. Ich dachte, du erzählst irgendwas über deinen bescheuerten Vermieter oder die talentfreie Sekretärin, die man dir aufs Auge gedrückt hat. Vielleicht sogar, dass du sagst Sollen wir diese zwei streitenden Geschwister sitzen lassen und was trinken gehen. Es ist eine Ewigkeit her, dass wir ausgegangen sind. Nur wir beide, meine ich.«

Ich blinzelte. »Machst du mich gerade an?«

Noras Lachen war leise und voller Zuneigung. »Wenn ich denken würde, dass du die Frage ernst meinst, würde ich dir die Frittenverpackung in den Ausschnitt stopfen. Ich habe dich noch nie angemacht. Niemals nie. Auch nicht, als ich noch nicht mit der großartigsten Frau in South London verheiratet war.«

»Nur South London? Als du das das letzte Mal gesagt hast, war sie noch die großartigste Frau in ganz England.«

Nora winkte ab. »Ach, Details. Hör auf, mich abzulenken. Du weißt ganz genau, dass ich dich nicht anmache. Heterofrauen sind mir zu viel Arbeit.« Sie zwinkerte mir zu, aber sie konnte mir nichts vormachen. Seit sie Ger getroffen hatte, hatte sie keine andere Frau mehr angesehen. »Es ist einfach nur so lange her, dass wir zu zweit ausgegangen sind. Mittagessen auf der Arbeit zählt übrigens nicht.«

»Ja.« Sie hatte recht. Es war mindestens schon ein paar Wochen her. Nora war meine beste Freundin und ich vermisste unsere Gespräche bei einem guten Glas Wein. Nicht, dass ich Ger nicht über alles liebte – sie war reizend und perfekt für meine Freundin. Ich genoss ihre Gesellschaft wirklich, aber die Dynamik war anders, wenn Nora und ich allein ausgingen.

Ich warf einen Blick auf Ger und Pádraig, die mittlerweile leidenschaftlich über das kommende Finalspiel in Wimbledon diskutierten. »Hättest du jetzt Lust? Die zwei würden es sicher nicht einmal merken, wenn wir für eine Stunde verschwinden würden.«

»Kann nicht. Wir haben Frances versprochen, ihr bei der Musikauswahl für ihre Geburtstagsfeier zu helfen. Ich sollte diese beiden Streithähne jetzt wirklich wegkarren, sonst sitzen wir noch die ganze Nacht bei Frances. Du weißt, wie gern sie redet.« Nora setzte sich auf, knüllte eine Fish and Chips-Verpackung zusammen und warf sie auf Ger. »Hey, Liebste, wir müssen los.« Dann wandte sie sich wieder mir zu und sagte: »Wie wäre es morgen nach der Arbeit?«

»Mach dir keinen Stress.« Ich kämpfte mich auf die Füße und strich mir ein paar verirrte Grashalme von der Hose. »Ich bin dann auch weg. Wir sehen uns morgen, Nora.« Ich beugte mich hinunter, um Nora, Ger und Pádraig jeweils einen Kuss auf die Wange zu drücken.

»Wir sehen uns, Sue.« Ger schenkte mir ein strahlendes Lächeln. »Bist du am Donnerstag noch dabei?«

Donnerstag? In meinem Kopf herrschte vollkommene Leere, dann fiel der Groschen – die Geburtstagsfeier ihrer Mutter. »Natürlich. Ich freue mich darauf.« Ger nickte und neben ihr winkte Pádraig mir zu. »Bis dann, Aussie. Wir sehen uns am Donnerstag, wenn ich dir die Kricketergebnisse unter die Nase reiben kann.«

»Wovon träumst du eigentlich nachts?« Ich grinste, um meinen Worten die Schärfe zu nehmen, dann machte ich mich auf den Heimweg. Die Sonne war untergegangen, aber dank der langen Abenddämmerung war es noch hell genug. Ich war noch immer satt von den Fish and Chips, also entschied ich mich für den langen Weg, schlenderte durch die Straßen des Viertels und an der U-Bahn-Station vorbei zu den belebteren Gegenden. London pulsierte um mich herum – Verkehr und Taxis und Pubs. Das war jetzt meine Stadt.

Warum fühlte ich mich dann plötzlich so fehl am Platz?

Nora und ich aßen montags normalerweise zusammen zu Mittag, aber da wir später ausgehen wollten, ließen wir das diesmal ausfallen. Das Wetter war schwül, also entschied ich mich stattdessen für einen Spaziergang. Mein Büro lag in der Nähe des Flusses. Ich nahm mein selbstgemachtes Sandwich, das aus zwei Tage altem Brot mit Käse und Gurken bestand, mit zur Promenade und beobachtete, wie das träge, braune Band der Themse an mir vorbeifloss.

Vielleicht lag es an der Sommersonne, aber ich hatte das Gefühl, als wären überall glückliche Pärchen unterwegs. Zwei Fahrradkuriere fuhren dicht nebeneinander her und hatten sich die Hände auf die Schultern gelegt. Ein junges Pärchen saß auf einer Bank und warf Brotkrumen für die Tauben aus. Zwei Rentner saßen auf einer anderen Bank und packten ihre Sandwiches aus, während sie über den trägen Fluss blickten, die grauen Köpfe aneinander gelehnt. Sie sahen aus, als hätten sie den Großteil ihres Lebens miteinander verbracht. Ich schnaubte. Es war wahrscheinlicher, dass sie einander letzte Woche beim Drag Queen Bingo in irgendeinem Vorortverein kennengelernt hatten.

Ich spazierte weiter und genoss die Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht. Der Anblick der glücklichen Pärchen versetzte mir einen leichten Stich ins Herz. Es war, als würde meine Sehnsucht nach einem Partner ans Tageslicht gezerrt werden. Natürlich wollte ich einen Partner. Hatte ich meine Zeit in London nicht damit verbracht, mit einer ganzen Reihe ungeeigneter Männer auszugehen, auf meiner Suche nach dem Richtigen?

Zwei Frauen kamen mir Hand in Hand entgegen. Eine der beiden war groß und schlank und trug ihre blonden Haare extrem kurz, während die andere eher dem klassischen Bild weiblicher Schönheit entsprach. Vordergründig erinnerten sie mich an Nora und Ger und ihr gegensätzliches Aussehen. Ich schaute ihnen nach, als sie mich passiert hatten. Ihre Finger waren eng miteinander verschlungen, ihre Schultern berührten sich beim Gehen. Ich konzentrierte mich auf ihre Hände – weibliche Hände, miteinander verbunden. Da war er wieder, dieser Stich. Diesmal stärker und intensiver und irgendwie aus dem Bauch heraus. Ich schnaubte leicht. Letzte Woche hatte ich mich ein paar Mal mit Nora und Ger getroffen, ein Paar, das seine Hände einfach nicht voneinander lassen konnte. Jetzt und hier dieses fremde lesbische Paar zu sehen … ihre Nähe und Zuneigung zueinander … Da war wieder dieses Stechen; eine Erinnerung an etwas, das ich vor langer Zeit begraben hatte.

Kurz nach fünf steckte Nora ihren Kopf in mein Büro. »Bist du soweit?« Ich schob den Aktenstapel auf meinem Schreibtisch zur Seite und schnappte mir meinen Rucksack. Wir verließen die Kanzlei über einen Umweg, um das Büro von Schreihals zu umgehen. Es wäre nicht das erste Mal, dass er mich mit etwas Dringendem aufhielt, das nicht bis morgen warten konnte. Ohne darüber zu diskutieren, gingen wir ins Wellington, einen altmodischen Pub mit einem Biergarten, in dem es oft angenehm ruhig war.

»Die erste Runde geht auf mich.« Nora verschwand in Richtung Bar, während ich in den Biergarten schlenderte, um uns einen ruhigen Tisch in der Ecke zu suchen.

Nora kam mit einer Flasche meines Lieblings-Shiraz und zwei Gläsern zurück. Der Wein war kräftig, aber dennoch geschmeidig.

Einen Moment lang schwiegen wir, dann sagte Nora: »Jetzt raus damit. Hast du das gestern ernst gemeint, was du über die Single-Bars gesagt hast?«

Hatte ich es wirklich ernst gemeint? Ja und nein. Ich nahm noch einen Schluck, um ein bisschen Zeit zu gewinnen, bevor ich antwortete. »Nicht wirklich. Ich bin jetzt glücklich und auch weit genug von meinen Eltern entfernt, dass sie mich nicht nerven, endlich sesshaft zu werden. Im Gegenteil, sie wären sicher sehr traurig, wenn ich hier jemanden kennenlernen und auf unbestimmte Zeit in England bleiben würde. Und wer würde überhaupt in Frage kommen? Sie stehen ja nicht gerade Schlange, um mich zu umwerben. Ich glaube, dass ich eine bessere Freundin als Partnerin bin. Beweisstück A: Pádraig.«

Kurz nachdem Nora und Ger zusammengekommen waren, hatten sie mich dazu überredet, mit ihren jeweiligen Brüdern auszugehen. Zuerst hatte ich ein Date mit Noras Bruder Brian, dann mit Gers Bruder Pádraig. Bei Brian hatte es nicht gefunkt, obwohl wir einen schönen Abend hatten. Das Date mit Pádraig war vielversprechender gewesen. Ich war danach ein paar Mal mit ihm ausgegangen. Wir haben wild geknutscht, ein bisschen rumgemacht und wären einmal sogar fast weiter gegangen. Meine Gedanken gerieten bei dieser Erinnerung ins Stocken. Jetzt waren Pádraig und ich gute Freunde. Laut Pádraig gehörte ich praktisch schon zur Familie, weil ich mich so gut mit ihm und Ger verstand. Wir vier verbrachten oft Zeit miteinander, aber zwischen mir und Pádraig gab es nichts Romantisches mehr.

»Ich habe mal gedacht, dass das zwischen dir und Pádraig wirklich was werden könnte.« Nora stellte ihr Glas ab und beugte sich vor. »Aber es schien sich im Sande verlaufen zu haben.«

»Wie die Kricketergebnisse der Australier.«

»Im Ernst, Sue, du hast nie darüber geredet. Aber ich bin da, wenn du willst … Ich werde es Ger nicht erzählen, versprochen.«

»Das ist es nicht.«

Nora hörte nicht zu. In ihrem Kopf hatte sie sich schon auf einen möglichen Grund für meine Laune festgelegt und hielt nun daran fest. »Ist es das? Bist du in Pádraig verliebt oder findest ihn anziehend und er sieht dich nur als Freundin? Ich könnte Ger fragen …«

»Nein, das ist es nicht. Nicht mal annähernd.«

Nora runzelte die Stirn. »Aber als Ger es das letzte Mal erwähnt hat, meinte sie, dass Pádraig wirklich auf dich stand und −«

»Du bist auf dem völlig falschen Dampfer. Pádraig ist ein Freund und ich habe ihn sehr gern – als Freund. Mehr nicht.«

»Aber zwischen euch hat es gleich von Anfang an gefunkt.«

»Nora, bitte, lass es einfach gut sein. Es geht nicht um Pádraig. Ich bin mir nicht mal sicher, worum es eigentlich geht.«

Sie griff über den Tisch nach meiner Hand. Die Berührung war warm und beruhigend. »Dann erzähl es deiner Tante Nora. Wenn ich irgendetwas tun kann – irgendetwas –, dann sag es einfach.«

Ich schwieg. Ich war keine große Rednerin – nicht, wenn es um mich selbst ging. Ich hörte oft, dass ich eine gute Zuhörerin war, die Probleme anderer Leute lösen konnte und eine leidenschaftliche und loyale Freundin war. Aber wenn es um mich selbst ging, fiel es mir einfach schwer, die richtigen Worte zu finden. Nora war möglicherweise die beste Freundin, die ich jemals gehabt hatte. Sie hatte mir durch ein paar Tiefpunkte meines Lebens geholfen und hatte mich in meinen betrunkensten und unausstehlichsten Momenten ertragen. Aber ich war nicht sicher, ob ich die beunruhigenden Gefühle, die mich in letzter Zeit erfasst hatten, erklären konnte. Nicht einmal ihr. Aber sie schaute mich mit ehrlich besorgtem Gesicht einfach weiter an. Ich nahm einen Schluck Wein und versuchte zumindest, es zu erklären.

»Es hat nichts mit dem Alter zu tun – siebenundzwanzig ist nicht alt. Es liegt auch nicht daran, dass ich Single bin. Es hat nichts damit zu tun, dass ich keine Kinder habe. Ich habe einfach das Gefühl, nicht mehr ganz mit der Welt im Takt zu sein. Es ist, als würde ich allen anderen dabei zusehen, wie sie ihr Leben meistern – zur Arbeit gehen, mit Partnern und Freunden Zeit verbringen, Sport, Wohnungen kaufen, sich niederlassen, Urlaub planen und sich einen Platz in der Welt schaffen.« Ich atmete tief ein und versuchte, das Gefühlskarussell in meinem Kopf zur sortierten. Noras aufmerksames Gesicht ermutigte mich.

»Es ist, als wären alle um mich herum total scharf gestellt, während ich zu den Rändern hin unscharf und ausgefranst bin, als wäre ich nicht ganz hier. Aber ich weiß nicht warum. Ich habe großartige Freunde.« Ich drückte ihre Hand und sie erwiderte die Geste. »Die besten Freunde«, fuhr ich fort. »Ich habe einen gut bezahlten Job, der mir gefällt. Er würde mir zwar noch mehr gefallen, wenn Schreihals herausfinden würde, dass er eine lang verschollene Großtante in Schottland hat, um die er sich kümmern muss oder so, aber im Grunde genommen gefällt er mir. Meine Beförderung zur Senior Associate kam Jahre, bevor ich überhaupt an die Möglichkeit gedacht habe. Ich habe Menschen um mich herum, die mich wie ein Teil ihrer Familie behandeln – deine Familie, Gers – und ich bin nie allein, außer wenn ich es sein will. Ich lebe in London und das ist Lichtjahre von Yeringup entfernt, wo ich aufgewachsen bin. Ich lebe in einer der besten Städte der Welt und nicht in einem Kaff im Outback von Queensland. Aber ich habe das Gefühl, dass ich nicht hierhergehöre.«

Während ich sprach, malten die Worte ein Bild in meinem Kopf. Von mir hier in London, umgeben von mehr als acht Millionen Menschen – das waren fast doppelt so viele Einwohner wie in ganz Queensland. Ich, die ungeschliffene Sue, subtil wie ein Hammer und unverblümt wie ein Matrose, umgeben von perfekt gekleideten und eloquenten Londonern.

Und dann sah ich mich meilenweit weg, zurück ins Outback von Queensland versetzt, wo die Erde sich flach bis an den Horizont erstreckte, wo es mehr Kängurus als Menschen gab, wo die Vögel wie ein abgerissenes Segel in den Sonnenuntergang aufstiegen, wo Ruhe in den Geist einkehrte, sich im Bauch einnistete und einen vollkommen erfüllte. Wo Vögel sich mit einer Geräuschkulisse, die lauter war als die in einem Londoner Nachtclub, um ein Wasserloch sammelten. Wo es Holzverandas gab, an denen der Deckenventilator die Luft in Bewegung setzte, die so heiß und stickig war, dass man noch bis tief in die Nacht hinein schwitzte. Wo das Buschland nach Regen duftete und winzige Grashalme auf ausgetrockneten Wiesen hochstrebten.

Yeringup, mit seinem einen kleinen Einkaufsviertel, den hochgebauten Häusern, die typisch für Queensland waren, den doppelstöckigen Pubs mit den riesigen Verandas und dem immer gleichen Klientel aus Farmaushilfen und Einheimischen, die ihre Ellbogen auf die immer gleiche, lange Bar stützten und das Bier wie Wasser in sich hineinschütteten. Ich nippte an dem sehr guten Shiraz, den Nora gekauft hatte. In Yeringup kam Rotwein aus einem Fass, das man im Kühlschrank aufbewahrte.

Ich dachte an meine Eltern – zweifellos sahen sie sich am Samstagnachmittag noch immer das Rennen an und gingen jeden Mittwoch in den Pub, um das Spezialmenü mit Bier und überbackenem Schnitzel zu bestellen. Ein vorhersehbares Leben, dem ich nach meiner Kindheit nicht schnell genug hatte entkommen können. Ein Leben, aus dem ich verschwunden war, lange bevor ich nach London gezogen war.

Ich hatte meine Gründe gehabt zu gehen und ich hatte nie vorgehabt, je wieder zurückzukehren. Ich war in das Flugzeug nach London gestiegen und einfach verschwunden. Keine Zweifel; keine Reue. Wenn ich ehrlich war, hatte es sich angefühlt, als hätte ich die Chance auf ein neues Leben bekommen. Ein Leben, in dem keiner mich kannte und in dem ich mich frei nach meinen Wünschen neu erfinden konnte.

Fast frei nach meinen Wünschen.

Größtenteils war ich erfolgreich gewesen. Aber jetzt, als ich in diesem Biergarten saß und meine Freundin ansah, fügten sich die einzelnen Teile meines Lebens wie die Steine eines Mosaiks ineinander. London war mein Zuhause, aber tief in mir, in den dunkelsten Ecken meines Geistes, versteckten sich Gedanken, die nur hervortraten, wenn ich allein war. Ich wusste, dass ich in einem anderen Land nicht ganz neu anfangen konnte, bis ich mit meinem alten Ich Frieden geschlossen hatte.

Plötzlich war mir alles ganz klar. Ich zog meine Hand unter Noras hervor und hob mein Glas. »Stoßen wir an«, sagte ich. »Ich gehe nach Hause.«

Nora blinzelte. »Aber wir sind doch gerade erst gekommen. Die Flasche ist noch fast voll.«

»Nicht nach Hause. Nach Hause nach Hause. Australien. Queensland. Vielleicht sogar Yeringup.«

Nora schwieg. Ihre Überraschung stand ihr ins Gesicht geschrieben. Sie öffnete den Mund, als würde sie etwas sagen wollen, aber ein paar Sekunden später schloss sie ihn wieder, ohne ein Wort herausgebracht zu haben. »Wann hast du das entschieden?«, fragte sie schließlich.

»Gerade eben. Ich glaube, es ist an der Zeit.«

»Oh, Sue.« Ausnahmsweise fehlten Nora die Worte. Ihre Augen schimmerten verdächtig. »Wann?«

»Ich weiß es noch nicht. Nicht sofort. Denk dran, der Gedanke ist mir gerade erst gekommen. Aber ich glaube, dass ich nach Australien zurück muss. Dort komme ich her. Meine Wurzeln sind dort. Meine Familie.«

»Aber du hast immer gesagt …« Nora schloss den Mund wieder. Wann war sie so taktlos geworden wie ich? Ich wusste genau, was sie hatte sagen wollen. Sie hatte mich daran erinnern wollen, dass ich immer behauptet hatte, die Außenseiterin in meiner Familie zu sein. Die, die besser auf Abstand blieb – am Ende einer E-Mail oder eines sehr seltenen Telefonats.

»Ich brauche da unten einen Job und mein Mietvertrag für die Wohnung läuft noch zwei Monate. Es wird nicht alles von heute auf morgen gehen.«

Nora fing sich wieder, atmete tief ein und bewies erneut ihren Hang zum Pragmatismus. »Dann kann ich wohl aufhören, Dates für dich zu organisieren. Und ich pfeife besser den Mob zurück – Ger hat einen entfernten Cousin, der darauf wartet, dich auf Frances’ Party kennenzulernen.«

»Ger hat eine größere Familie als die Kennedys.«

Nora zuckte mit den Schultern. »Irische Katholiken. Wir können nicht anders.«

»Pfeif ihn noch nicht zurück. Ich bin noch nicht weg. Eine kurze Affäre könnte genau das sein, was ich brauche.«

»Das hast du schonmal gesagt. Oft sogar. Aber …«

Die Worte schwebten zwischen uns in der Luft. Sie hatte recht. Ich hatte eine große Klappe, aber meine Versuche, eine Beziehung einzugehen, endeten meistens mit Freundschaft. Mein letzter richtiger Freund war ein Vollidiot namens Leo gewesen − und das war fast drei Jahre her. Seitdem hatte ich einige vielversprechende Versuche gestartet – inklusive Pádraig – aber letztendlich hatte nichts funktioniert. Sue, die ewige Jungfer.

»Bring den Cousin mit und sag ihm, er soll nach Sue der Männerfresserin Ausschau halten.«

»Kein Problem. Wenn es das ist, was du willst.«

»Wenn er Single ist, keine rachsüchtige Ex hat, die am nächsten Morgen auftaucht, um mich zu verfluchen und wenigstens einen Hauch von Persönlichkeit zu bieten hat, werde ich mich auf ihn stürzen. Er wird gar nicht wissen, wie ihm geschieht.«

»Was, wenn er fünf weinerliche Kinder hat, die ihn am Wochenende besuchen?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Ich habe nicht vor, lange genug zu bleiben, um sie kennenzulernen. Aber … hat er fünf Kinder?«

»Ich glaube, es gibt da ein paar.«

Ich nahm einen Schluck Rotwein. »Nicht mein Problem. Die werden nicht in meinem Bett sein.«

Noras bohrender Blick wurde sanfter. In ihren Augen lag eine Wehmut, die ich nur selten zu Gesicht bekam. »Ich werde dich vermissen. Wenn du gehst. Du warst meine beste Freundin.«

»Was soll denn die Vergangenheitsform? Ich bin immer noch deine beste Freundin. Und es gibt da diese großartigen Erfindungen nahmen E-Mail und Telefon. Ich habe sogar gehört, dass es diese Flugmaschinen gibt, die Menschen von einer Seite der Erde zur anderen transportieren können – wie in Star Trek, nur nicht ganz so schnell.«

»Das ist nicht dasselbe.«

»Doch, das wird es sein. Du musst mich besuchen kommen. Das Outback von Queensland wird nicht wissen, wie ihm geschieht. Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob ich das mit dem Wein hinbekomme. Hast du schon mal von Bier gehört?«

Nora erschauderte. »Ja. Das heißt aber nicht, dass ich vorhabe, welches zu trinken.«

Die Unterhaltung war rührselig geworden. Ich füllte unsere Gläser und wechselte das Thema. »Was soll ich zu Frances’ Party anziehen? Etwas Elegantes und Würdevolles oder meine beste Jeans?«

»Ich trage Jeans und Ger hat ein luftiges, hippieartiges Batikkleid, das ihr großartig steht.«

»Ger könnte aneinander getackerte Gerichtsdokumente tragen und du würdest trotzdem sagen, dass sie großartig darin aussieht. Also werden es die Jeans. Ich bin froh, dass du das gesagt hast. Würdevoll würde nicht reichen, wenn ich versuche, Gers entfernten Cousin zu verführen. Habe ich dir schon erzählt, was ich Frances zum Geburtstag schenke?«

Nora schüttelte den Kopf. »Nein, aber ich bin sicher, dass du es gleich tun wirst.«

»Die DVD von Ganz oder gar nicht.«

Nora lachte. »Sie wird entsetzt sein. Männer, die sich ausziehen! Das sollte nur hinter geschlossenen Türen passieren.«

»Sie wird den Film lieben. Sie hat mir mal gestanden, dass sie ihn gern sehen würde, aber sich zu sehr geschämt hat, ihn auszuleihen.«

»Hat sie noch nie von Streaming-Diensten gehört?«

»Anscheinend nicht. Außerdem habe ich ihr auch noch sehr exklusiven Tee aus Thailand besorgt. Laut Verpackung wurde er beim ersten Hauch Frost gepflückt. Mal sehen, ob ich sie von diesem schrecklichen Tee aus County Cork losbekomme, den ihr alle trinkt.«

Die Flasche Wein war mittlerweile leer. Nora nahm sie vom Tisch und versuchte, ihr noch ein paar letzte Tropfen zu entlocken. »Noch eine?«

»Nein.« Ich ließ mich vom Stuhl gleiten. »Du kannst wieder zu Ger zurück und wir sehen uns sowieso morgen auf der Arbeit.«

Sie folgte mir nach draußen und wir umarmten uns.

»Danke für das Gespräch.« Ich ließ sie los und trat einen Schritt zurück.

»Du meinst es ernst, oder?«

»Dass ich wieder nach Australien gehe? Ja. Tue ich. Obwohl ich wahrscheinlich nach sechs Monaten wieder zurückgekrochen komme.«

Der lange Londoner Abend war bereits in die Dämmerung übergegangen, als wir den Pub verließen. Bis zu meiner Wohnung waren es ein paar Meilen, aber ich beschloss trotzdem zu laufen. Ich musste darüber nachdenken, was mir vorhin über die Lippen gekommen war. Zurück nach Australien. Vor diesem Abend hatte ich keinen Gedanken daran verschwendet.

Es wäre ein leichtes, diese Eingebung als einen Anfall von Heimweh abzutun, der von zu viel Wein hervorgerufen worden war. Ich hatte schon früher immer mal wieder einen Hauch von Sehnsucht nach einer weiten, flachen Landschaft und einer ausgetretenen Veranda verspürt, aber das war immer nur das gewesen: ein Hauch von Sehnsucht. Es hatte nie länger als ein paar Minuten angedauert und war nach dem Refrain von Waltzing Matilda schon wieder vorüber gewesen. Selbst jetzt, als ich durch die belebten Straßen lief und den Teenagern in Kapuzenpullis auswich, sehnte ich mich danach, woanders zu sein. Irgendwo, wo es ruhiger war. Irgendwo, wo ich hingehörte.

Bewusst konzentrierte ich meine Gedanken auf den Teil meines Zuhauses, der weniger erfreulich war. Die betrunkenen Zwischenrufe der Frauen unter fünfzig, wenn die letzte Runde eingeläutet wurde. Das Fehlen von Kunst und Kultur, die ich hier in London so liebte. Es gab keine Kunstgalerien, keine Café-Kultur oder Musikveranstaltungen in einem Fünfhundert-Kilometer-Radius von Yeringup. Natürlich gab es in den Großstädten mehr als genug davon, aber diese Städte waren so weit entfernt, dass ich mit dem Auto zwei Tage fahren müsste. Und es gab auch keine Billigfluglinie, die mich für fünf Pfund, ein selbst gemachtes Sandwich und eine mitgebrachte Rolle Toilettenpapier dorthin flog. Ich dachte an die abgeschottete Gemeinschaft und die konservativen Werte, die sich dort noch immer hielten. Oh ja, diese verdammten Werte. Meine Gedanken scheuten sich davor und wichen dem schnell aus. Ich war noch nicht bereit dazu, mich damit auseinander zu setzen.

Wie ein alter ABBA-Song schlüpften andere Dinge in meinen Kopf und ließen sich nicht mehr vertreiben. Den Herausforderungen des Lebens in einer viel zu kleinen Stadt stand eine liebevolle Gemeinschaft gegenüber, wo die Leute aufeinander aufpassten und die einfachen Dinge des Lebens große Freude bereiten konnten. Das Gefühl, auf dem Rücken eines Pferdes zu sitzen, und die Begeisterung für Polocrosse zum Beispiel. Über eine staubige Straße nach Hause fahren. Kaltes Bier im Kühlschrank und ein breites, gemütliches Sofa. Viel zu viel Zeit beim Einkaufen zu verschwenden, weil man vier Bekannte im Laden getroffen hat, mit denen man sich unterhalten musste. Ein Hund. Ein kleiner, wunderbarer Arbeitshund an der Seite. Ich vermisste es, einen Hund zu haben – aber in meinem Leben in London war das leider unmöglich. All diese Dinge sickerten durch meinen Körper und erzeugten in mir eine Sehnsucht nach meinem Zuhause, die mir den Atem raubte.

Ich bog um die Ecke in eine belebtere Straße ein und beschleunigte meine Schritte, vorbei an Imbissbuden, Pubs und Gemischtwarenläden. London umgab mich mit seiner Lautstärke, dem allgegenwärtigen Straßenlärm und den Menschen. Überall Menschen. Ich hatte es geliebt, hier zu leben. Ich hatte es wegen all der Dinge geliebt, die ich in Queensland nicht hatte. Aber als ich in meine Straße einbog und meine Wohnungstür aufschloss, hatte ich meine Entscheidung endgültig getroffen. Wie Dr. Frank N. Furter aus der Rocky Horror Picture Show zurück ins transsexuelle Transsylvanien getanzt war, so würde auch ich wieder nach Hause zurückkehren.

Kapitel 3

Als nächstes musste ich es Leuten sagen – meiner Familie in Australien, meinen Freunden in London und dem Rest der Welt.

Also verfasste ich ein paar E-Mails und schickte sie auf die Reise. Mein Bruder antwortete mit seiner üblichen überschwänglichen Eloquenz – Gut! Oh! Du schuldest mir ein Bier! Meine Mutter war etwas mitteilsamer, aber zwischen den Zeilen ihrer doch recht gestelzten E-Mail wirkte es, als würde sie nicht recht wissen, wie sie reagieren sollte. Fast so, als könnte sie nicht glauben, dass ich wirklich nach Hause kam, bis ich durch die Hintertür ins Haus kommen und mich am Kühlschrank bedienen würde. Mein Dad fügte nur eine einzige Zeile an die Mail an: Freue mich schon, dich zu sehen. In Liebe, Dad.

Meine Familie war nicht gerade für lange und ausufernde Reden bekannt.

Es meinen Freunden zu sagen fiel mir leichter. Ich schrieb ein paar Freunden aus Unizeiten, die sich mittlerweile über ganz Australien verstreut hatten. Niemand aus Yeringup.

Und ich schrieb Moni.

Ich hatte Moni vor drei Jahren kennengelernt, kurz nachdem Nora sich an Ger gebunden hatte. Moni kam aus Amerika und hatte, während ihres Aufenthalts als Touristin in London, Nora kennengelernt – die genauen Details kannte ich bis heute nicht, aber so wie ich Nora einschätzte, war es sicher ein One-Night-Stand gewesen. Vor Ger war Nora eine ziemliche Aufreißerin gewesen. Ich hatte damals einen Tag mit Nora und Moni zusammen verbracht. Wir hatten gefrühstückt, den Tower besucht und ich habe mich dabei ziemlich gut amüsiert. Moni war eine zierliche Frau mit einem breiten Lächeln und einer blonden Haarmähne, die ihr bis über die Schulterblätter fiel. Ich hatte ihren Humor geliebt, ihre Energie und ihre Entschlossenheit, das Beste aus ihrem kurzen Aufenthalt in London herauszuholen.

Damals hatte Nora ihr gesagt, ich sei hetero. Das war selbstverständlich – Nora erzählte allen, dass ich hetero war. Und offenbar glaubten das sonst auch alle. Moni hingegen hatte mich mit ihren stechend blauen Augen gemustert, den Kopf zur Seite gelegt und mich wirklich angesehen. Ich erinnerte mich an ihr Lächeln nach unserem gemeinsamen Frühstück, als sie meinen Blick gefangen gehalten hatte. »Ich sehe dich, Schwester«, hatten ihre Augen gesagt. »Du kannst dich nicht vor mir verstecken.«

Zu dritt hatten wir einen großartigen Tag verbracht und waren dann getrennte Wege gegangen. Doch nicht bevor Moni mich geküsst hatte.

Es war nur ein harmloser Abschiedskuss gewesen. Sie hatte auch Nora zum Abschied geküsst. Die Art von Kuss, den Lesben austauschten, wenn sie etwas mehr als nur Freunde waren oder zumindest die Möglichkeit dazu bestand. Dann hatte sie sich zu mir gewandt. »Wir sehen uns, Sue«, hatte sie gesagt und mich ebenfalls geküsst. Auf den Mund. Ihre Lippen waren weich gewesen und hatten durch das Guinness, das sie vorher getrunken hatte, leicht bitter geschmeckt. Einen Moment lang hatte sie sich in den Kuss gelehnt und mich herausgefordert, ihr entgegenzukommen. Mich herausgefordert, sie richtig zu küssen.

Die Versuchung war groß gewesen.

Das Ganze hatte nur wenige Augenblicke gedauert, dann war der Kuss vorbei. Moni hatte wissend gelächelt, aber nichts weiter gesagt. Und ehe ich mich versah, war sie fort.

Hatte Nora bemerkt, dass Monis Lippen etwas länger auf meinen gelegen hatten? Wahrscheinlich nicht. Sie hatte mich schon vor langer Zeit in die Hetero-Schublade gesteckt und selbst wenn ihr etwas komisch vorgekommen wäre, hätte sie es wahrscheinlich auf die offene Art der Amerikanerin geschoben.

Moni und ich waren in Kontakt geblieben. Hatten uns sporadisch E-Mails geschrieben. Ab und zu über Skype miteinander gesprochen. Sie hielt mich auf dem Laufenden über ihr Medizinstudium, ihren Doktorabschluss und ihrer Suche nach einem Job, den sie wirklich wollte. Sie hatte immer gesagt, dass sie irgendwo in einer ländlichen Gegend arbeiten wollte. Tief im Herzen war sie ein Mädchen vom Land und obwohl ihre Zeit in Dallas schön gewesen war, wollte sie woanders hin. Es erinnerte mich an das Gefühl, das ich in London hatte. Manchmal erzählte sie von Dates, die sie mit verschiedenen Frauen hatte – es schien nichts Ernstes dabei zu sein.

Ich erzählte ihr von meiner Arbeit, den Abenden mit meinen Freunden, Einzelheiten von Nora und Ger – ich hatte ihr sogar Fotos von der Hochzeit geschickt – und ihren amüsanten Versuchen, mich mit einem ihrer Brüder zu verkuppeln.

Aber es war mehr als das. Ich wollte den Kontakt zu Moni aus Gründen aufrechterhalten, die über eine lockere Freundschaft hinausgingen. Das Frühstück mit Nora und Moni und unser gemeinsamer Tag waren sehr schön gewesen. Es hatte Spaß gemacht.

Es war gefährlich gewesen.

Es war gefährlich gewesen, denn wenn Moni in London geblieben wäre, wäre ich abgehauen. Ich hätte mich zurückgezogen, bevor zwischen uns etwas passiert wäre. Sie war die erste Frau, die das Bild, das ich der Welt präsentierte, ins Wanken brachte. Die tut-mir-leid-ich-bin-hetero Sue war in den wenigen Stunden, die ich mit ihr verbracht hatte, zur Seite getreten und hatte der nicht-so-ganz-hetero Sue eine Chance gegeben. Aber da Moni am anderen Ende einer E-Mail in Texas saß und niemand war, dem ich persönlich in London begegnen konnte, hatte ich mir erlaubt, diese Freundschaft zu pflegen und zu genießen. Ich hatte jede ihrer Mails ein zweites Mal gelesen und mir dabei vorgestellt, wie sie sie mit ihrem schnellen Lächeln und ihrer noch schnelleren Auffassungsgabe geschrieben hatte. Unseren gemeinsamen Tag in London war ich in Gedanken öfter durchgegangen als ich zugeben wollte.

Deshalb war es nur logisch, dass ich Moni von meiner Entscheidung berichtete. Ich bettete die Neuigkeiten in eine ausschweifende E-Mail ein, in der ich verschiedene Themen anschnitt – darunter auch das Wetter –, bevor ich zur eigentlichen Sache kam.

Ich gehe nach Australien zurück. Ja, ich weiß, dass ich gesagt habe, dass ich London liebe (und das tue ich auch), aber irgendetwas zieht mich nach Hause. Frag mich nicht nach dem Grund, denn ich kann ihn dir nicht sagen. Wahrscheinlich habe ich nur Heimweh. Vielleicht erwischt es uns am Ende alle. Also, jetzt muss ich nur noch: meinen Arbeitgeber und meinen Vermieter informieren, dort unten einen Job finden, mein gesamtes Hab und Gut verkaufen und alles nochmal neu kaufen und im Prinzip mein ganzes Leben von dieser Stadt mit vierundsechzig Millionen Einwohnern in einen Landkreis mit gerade mal vierundzwanzig Millionen Einwohnern verlegen. Ich bin also fast startklar.

Sie antwortete am nächsten Tag.

Herzlichen Glückwunsch! Das hätte ich wirklich nicht erwartet. Ich dachte, dass die großen Neuigkeiten von dir eher hießen, dass du die Liebe deines Lebens gefunden hast. Aber anscheinend suchst du (genau wie ich) immer noch nach diesem besonderen Menschen. Deine Mail hat mich zum Lachen gebracht (aber, hey, DU bringst mich zum Lachen) und vielleicht, aber wirklich nur vielleicht, habe ich in ein paar Wochen auch tolle Neuigkeiten. Drück mir die Daumen!

Ich antwortete sofort und wünschte ihr alles Glück dieser Welt für ihr mysteriöses Projekt. Dann entglitt sie meinen Gedanken, während ich mich voller Elan in die Vorbereitungen meiner Abreise stürzte.

Natürlich dauerte alles seine Zeit. Ich musste Geld beiseitelegen, Flüge buchen, meinen Arbeitgeber informieren und mich durch den ganzen Kram wühlen, der sich in fünf Lebensjahren in London angehäuft hatte. Obwohl das alles stressig war, achtete ich darauf, das Londoner Leben in vollen Zügen zu genießen. Ich schlug keine Einladung meiner Freunde aus und hatte eine Menge Dates. Aber immer nur erste Dates. Ich redete mir ein, dass das nur daran lag, dass die Typen, mit denen ich ausging, einfach nicht zu mir passten.

»Du bist viel zu wählerisch«, sagte Nora eines Mittags zu mir, während wir mit unseren Sandwiches an der Themse saßen. »Sie sind entweder zu jung, zu alt, zu fett, zu reich, zu drogensüchtig, zu dünn, zu seltsam, zu nerdig oder zu gewöhnlich. Ganz ehrlich, ich weiß langsam nicht mehr, was du wirklich willst.«

»Ger macht die weltbesten Sandwiches. Du könntest wenigstens teilen.« Ich tauschte die Hälfte meines Schinken-Salat-Sandwichs gegen den Rest ihres Tandoori-Hühnchen-Sandwichs.

»Hör auf, das Thema zu wechseln. Außerdem will ich die Hälfte von deinem Mars-Riegel, wenn du schon die Hälfte meines Sandwiches isst.«

»Abgemacht.«

»Aber ernsthaft, Sue, bist du auf der Suche nach einer Beziehung oder suchst du dir mit Absicht die falschen Typen aus? Du hast die elitäre Einstellung von Rugbyspielern immer gehasst, aber allein im letzten Monat bist du mit zwei dieser Typen ausgegangen.«

»Vielleicht erweitere ich ja meinen Horizont. Und sie haben tolle Oberschenkel.«

»Wenn du mir nicht doch etwas verheimlichst hast, hast du ihre Schenkel ja noch nicht mal zu Gesicht bekommen.«

»Ich habe eine hervorragende Vorstellungskraft. Deswegen bin ich ja Anwältin.«

Nora schnaubte. »Das ist, als würdest du sagen, dass Haie hervorragende Vegetarier sind. Aber da wir gerade von Anwälten sprechen, wie läuft denn die Jobsuche?«

Ich schluckte den letzten Bissen meines Sandwiches herunter, schälte den Mars-Riegel aus der Verpackung, brach ihn in zwei Hälften und reichte eine davon Nora.

»Nicht gut. Niemand nimmt mich ernst, weil ich in London wohne und in Queensland einen Job suche. Vielleicht finde ich auch erst vor Ort einen Job. Das wäre für meine Finanzen allerdings ein ziemlicher Dämpfer.«

»Was ist denn mit den Großstädten?«

»Nein. Keine Städte. Wenn ich schon nach Australien zurückkehre, dann in ein ländliches Gebiet. Ich habe meine Suche schon auf die größeren Orte im Inland ausgeweitet.« Ich seufzte. »Ich dachte, dass es einfach wird – dass die kleinen, ländlichen Kanzleien mich mit Kusshand nehmen, weil ich eine Londoner Anwältin bin. Vor allem, weil die meisten Australier lieber in die Großstädte ziehen, um dort viel Geld zu scheffeln. Ein paar Bewerbungen laufen aber auch noch und es dauert noch einen Monat, bis ich wirklich gehe.«

»Du findest schon was. Außerdem musst du in der Lage sein, deiner alten Freundin für ein paar Monate eine Stelle als Anwaltsgehilfin zu besorgen, damit Ger und ich dich besuchen können.«

Peinlicherweise füllten sich meine Augen mit Tränen. »Du bist die verdammt beste Freundin, die ich je hatte. Ich werde ich vermissen.«

»In ein paar Wochen wirst du das nicht mehr sagen, wenn du unten in Australien die Sau rauslässt.«

»Doch, das werde ich. Ich werde unsere Mittagspausen vermissen. Die ruhigen Abende mit dir und Ger. Ich werde sogar Pádraig, Brian und eure unsinnig riesigen Familien vermissen.«

»Ich tausche meine Schwester Mary jederzeit gegen einen Dingo im Kleid. Zumindest würde mich ein Dingo nicht ununterbrochen mit seiner Schwangerschaft und pränatalen Vitaminen nerven.«

Ich wechselte das Thema, bevor Nora sich in Rage reden konnte. »Ehrlich gesagt habe ich bei einer Stelle das Gefühl, das daraus etwas werden könnte. Eine Ein-Mann-Kanzlei im Outback von Queensland. Der Inhaber will mit seinem Wohnmobil durch Australien reisen und sucht jemanden, der ein Jahr lang die Stellung hält, während er weg ist.«

»Das ist doch toll! Wo liegt die Stadt?«

»Es ist eine winzige Kanzlei in einer Kleinstadt, die schon fast an der Grenze zum Norden Australiens liegt. Es geht fast ausschließlich um Testamente und Grundstücke, Eigentumsübertragungen, ein paar Zivilprozesse – Autounfälle und sowas. Ein bisschen Familienrecht. Hauptsächlich Bereiche, von denen ich keine Ahnung habe, weil ich seit Jahren abgesehen von den Zivilprozessen nichts in der Art gemacht habe. Das Positive ist allerdings, dass es Ken, den jetzigen Anwalt, dreißig Jahre lang beschäftigt hat und er damit genug Geld verdienen konnte, um sich ein schickes Wohnmobil zu kaufen. Er freut sich wirklich darauf, mich kennenzulernen – wahrscheinlich, weil niemand sonst auch nur das geringste Interesse hat.

»Wann müsstest du anfangen?«

»Das ist das Gute daran. Es gibt kein festes Eintrittsdatum. Wenn ich irgendwann innerhalb der nächsten drei Monate auftauche, ist er zufrieden. Er würde mir ein paar Wochen Zeit für die Übergabe geben, mir dann die Schlüssel für sein Haus überlassen, inklusive der alleinigen Kontrolle über seine Kanzlei und seine Weinsammlung – seine Worte, nicht meine. Es gibt sogar eine Haushaltshilfe, die ich weiterbeschäftigen müsste, weil er sie nicht verlieren will.«

»Das klingt doch gar nicht schlecht. Ehrlich gesagt klingt es sogar ziemlich gut. Du hast gesagt, dass du in eine ländliche Gegend willst. Und du hasst Hausarbeit – du kannst nicht mal deine Wohnung sauber halten. Wie weit ist es von Yeringup entfernt?«

»Ungefähr siebenhundert Kilometer. Also etwa eine lange, heiße Tagesreise entfernt.«

»Heilige Scheiße. Von hier aus bin ich nach siebenhundert Kilometern in Südfrankreich. Aber das ist gut, richtig? Nah genug, um deine Familie zu besuchen, wenn du möchtest, aber auch so weit weg, dass deine Ma nicht jeden Tag für eine Tasse Tee auf der Matte steht.«

Schweigend nahm ich einen Bissen von meiner Mars-Riegel-Hälfte. »Das ist gut, ja. Wenn ich zurückgehe – und das werde ich –, dann will ich Yeringup innerhalb eines Tages erreichen können. Ich glaube, dass ich aufhören muss, wegzulaufen. Es wird Zeit, nach Hause zu gehen. Auch wenn es schwer werden wird.«

Nora griff nach meiner Hand und drückte sie fest. Ihre Handfläche war warm und trocken. »Du hast mir nie von deinem Zuhause erzählt. Nicht wirklich. Ich habe genug aus dir herausbekommen, um zu wissen, dass du damals einen guten Grund hattest, von dort wegzugehen. Du weißt, ich bin immer für dich da und ich kann gut zuhören.«

Ich erwiderte den Händedruck. »Danke. Es ist eine lange und viel zu oft erzählte Geschichte voller Teenagerängsten und Missverständnissen. Nichts, was einem vom Hocker reißen würde.«

»Du bist die am wenigsten melodramatische Person, die ich kenne. Bei jedem anderen würde die Geschichte wahrscheinlich eine Schlagzeile in einem Sonntagsschundblatt verdienen.«

Einen Moment lang spielte ich mit dem Gedanken, mich Nora anzuvertrauen. Wenn es jemanden gab, dem ich meine Geschichte erzählen konnte, dann war sie es. Aber ich widerstand dem Drang. Wenn ich einmal anfangen würde, könnte ich bestimmt nicht wieder aufhören und wir mussten in fünfzehn Minuten zurück in der Kanzlei sein.

»Ich glaube, ich schaue mir das Jobangebot mal näher an.«, sagte ich stattdessen. »Ich kann ja immer noch ablehnen.«

Nora lachte. »Dann buche ich lieber schonmal einen Flug nach … Wie heißt der Ort nochmal?«

»Der Ort heißt Mungabilly Creek.« Während ich den Namen zum ersten Mal laut aussprach, nistete er sich in meinen Knochen ein. Als wäre er schon immer ein Teil von mir gewesen. Es fühlte sich gut an ihn zu sagen. Es klang nach Zuhause.