Verlag: Campus Verlag Kategorie: Geisteswissenschaft Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Geschichte der Männlichkeiten - Jürgen Martschukat

Die historische Forschung zu Männern und Männlichkeiten ist kaum noch zu überblicken. Jürgen Martschukat und Olaf Stieglitz zeigen in dieser konzisen Einführung, wie die Männergeschichte aus der internationalen Geschlechtergeschichte entstand; sie stellen die Leitfragen und die relevante Forschungsliteratur der Männergeschichte vor. Dabei setzen sie drei inhaltliche Schwerpunkte, die für männliche Subjektbildungen und Lebenswelten in der Neuzeit zentral sind: Vaterschaft zwischen Familie und Arbeit, Formen männlicher Geselligkeit und die Geschichte männlicher Sexualitäten. "Die Einführung bietet eine zugängliche und sehr gut informierte Orientierung (…) und regt zur Weiterarbeit in diesem gesellschaftlich und wissenschaftlich relevanten Feld an." H-Soz-Kult "Der Band setzt Maßstäbe und ist zweifellos derzeit das Standardwerk zur Männergeschichte." Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte

Meinungen über das E-Book Geschichte der Männlichkeiten - Jürgen Martschukat

E-Book-Leseprobe Geschichte der Männlichkeiten - Jürgen Martschukat

Jürgen Martschukat, Olaf Stieglitz

Geschichte derMännlichkeiten

2., aktualisierte und erweiterte Auflage

Campus Verlag

Frankfurt/New York

Über das Buch

Die historische Forschung zu Männern und Männlichkeiten ist kaum noch zu überblicken. Jürgen Martschukat und Olaf Stieglitz zeigen in dieser konzisen Einführung, wie die Männergeschichte aus der internationalen Geschlechtergeschichte entstand; sie stellen die Leitfragen und die relevante Forschungsliteratur der Männergeschichte vor. Dabei setzen sie drei inhaltliche Schwerpunkte, die für männliche Subjektbildungen und Lebenswelten in der Neuzeit zentral sind: Vaterschaft zwischen Familie und Arbeit, Formen männlicher Geselligkeit und die Geschichte männlicher Sexualitäten.

»Der Band setzt Maßstäbe und ist zweifellos derzeit das Standardwerk zur Männergeschichte.«

Vita

Jürgen Martschukat ist Professor für Nordamerikanische Geschichte an der Universität Erfurt.

Olaf Stieglitz ist Privatdozent am Historischen Institut/Abteilung für Nordamerikanische Geschichte der Universität zu Köln.

Inhalt

Vorwort zur 2. Auflage

1. Einleitung

2. Frauen- und Geschlechtergeschichte

Frauengeschichte der 1960er und frühen 1970er Jahre

»Gender« – die 1970er und 1980er Jahre

»Gender? Sex?« – die 1990er Jahre

Geschlechtergeschichte und »Allgemeine Geschichte«

3. »Men’s Studies«: Entwicklung, Schwerpunkte und Probleme

Die Entwicklung der akademischen »Men’s Studies«

Die Theorieentwicklung innerhalb der »Men’s Studies«

»Men’s Studies«: »Academic Viagra«?

4. Theoretische Leitlinien für eine Geschichte der Männlichkeiten

Identität und Differenz

Zur Relationalität und Intersektionalität von Geschlecht

Diskurse und Erfahrungen

Krise und Hegemonie

Zusammenfassende Thesen zur Geschichte von Männlichkeiten in der Moderne

5. Männer und Männlichkeiten in der Historiographie: Ein erster Überblick

Überblicks- und Standardwerke zur Geschichte der Männlichkeiten aus Großbritannien und den USA

Die wichtigste deutschsprachige Forschung zu historischen Männlichkeiten

6. Die vielen Facetten des »Broterwerbs«: Männer zwischen Familie und Arbeitsleben

Vaterlose Familien und Cyborgs

Väter in der Frühen Neuzeit

Väter im 19. Jahrhundert

Väter im 20. Jahrhundert

Afroamerikanische Männer, Männlichkeiten und Arbeit

Gender und labor history

Verstreute Forschungen zu Arbeit und Männlichkeit

7. Von Brüdern, Kameraden und Staatsbürgern: Formen männlicher Sozialität

Gleichheit, Brüderlichkeit? Männliche Sozialität in Logen, Clubs und Vereinen

Militär, männliche Homosozialität und Kameradschaft

Individualität versus Gemeinschaft? Staats- und Politikvorstellungen in der Männlichkeitengeschichte

8. Geschichten männlicher Sexualitäten

Von »normalen« und »perversen« Männern

Forschungsparadigmen: Schwule Identitätspolitik – Heterosexualitätsgeschichte – Queer Studies

Sexualität historisieren: Einführung in das Forschungsfeld

Studien zur Vormoderne

Sex und race am Beispiel der afroamerikanischen Geschichte

Mäßigung und Selbstkontrolle

Die Verwissenschaftlichung des Eros und die Erfindung der Sexualität

Homosexuelle Männer im Nationalsozialismus

9. Geschichte der Männlichkeiten: Fazit und Perspektiven

Auswahlbibliographie

Personen- und Sachregister

Vorwort zur 2. Auflage

Heute, im Jahr 2018, hat eine Form von Männlichkeit Konjunktur, von der man geglaubt hätte, dass sie nicht mehr sonderlich hilfreich sei, um sich an den Schaltstellen einer demokratischen und kapitalistischen Gesellschaft zu platzieren. Eigentlich sollten in den Zeiten des flexiblen Kapitalismus doch Konzentrations-, Koordinations- und Kommunikationsfähigkeit gefragt sein sowie Flexibilität, Teamgeist, Empathie und Lernbereitschaft. Es sind also oft als »weiblich« codierte Kompetenzen, die angeblich den Weg zum Erfolg weisen, auch wenn Männer für vergleichbare Arbeit immer noch mehr Geld bekommen und nach wie vor umso deutlicher in der Mehrheit sind, je höher man in der Hierarchie klettert. Auf der politischen Bühne tummelt sich aber nun seit einiger Zeit wieder sehr erfolgreich ein Typus Mann, der mehr durch lautes Geschrei als durch kommunikative Kompetenz auffällt, mehr durch Schnellschüsse als durch koordiniertes Verhalten, mehr durch Aggressivität und eine ostentativ offensive Haltung des »Das-muss-man-doch-sagen-dürfens« und des »Sich-nehmens-was-einem-zusteht«. Gepaart ist diese Haltung mit einer Strategie der Ausgrenzung und Erniedrigung all derjenigen, die dem eigenen Programm und Weltbild zu widersprechen scheinen, sowie mit einer Perspektive auf Frauen, die diese entweder als Freiwild und schmückende Trophäen erscheinen lässt oder zu schutzbedürftigen Wesen erklärt, aber nicht als kompetente Akteurinnen versteht.

Es ist eine historisch überholt geglaubte (oder gehoffte) Form von Männlichkeit, die heute wieder lauter als in den zurückliegenden Jahrzehnten einen Anspruch auf Hegemonie erhebt – obgleich sie freilich nie ganz verschwunden war, das zeigt nicht zuletzt die #MeToo-Bewegung. Ihre Attraktivität scheint sich für viele Menschen daraus zu speisen, dass sie dort ein stabiles Zentrum verspricht, wo sich eigentlich Vielfalt und Beweglichkeit als Maximen etabliert hatten und es kein Zentrum und keine Stabilität mehr zu geben schien. Dies gilt für die Geschlechter- und Gesellschaftsordnung insgesamt, denn der Ruf nach mehr Flexibilität hatte die Welt des Wirtschaftens und Arbeitens, der Liebe und des Lebens erfasst. Wenn in den politischen Auseinandersetzungen heute ein solches neues Zentrum beschworen wird, um das die Gesellschaft wieder kreisen solle, dann ist dies in der Regel der »common man« oder eine möglichst homogen gedachte »Leitkultur«. Wenn es heißt, den Sorgen der »kleinen Leute« gebühre wieder mehr Aufmerksamkeit, dann steht diese Figur allerdings nicht für diejenigen unterbezahlten Leiharbeiter, deren Vorfahren vor nunmehr bald drei Generationen aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind, und auch nicht für die afroamerikanische Mutter, die sich und ihre Kinder mit zwei Aushilfsjobs über Wasser hält. Beschworen wird vielmehr der Untote des biodeutschen bzw. weißen, männlichen, heterosexuellen Arbeiters, der einen (ziemlich) festen Job hat und so seine Familie ernähren kann. Dieser Typus Mann ist zwar schon lange immer weniger existent und schon gar nicht mehr hegemonial in dem Sinne, als dass er den größten Zugriff auf gesellschaftliche Ressourcen verspräche. Er scheint aber doch immer noch als Chiffre für eine Gesellschaftsordnung zu taugen, in der alles und alle ihren festen Platz haben. Historisch wird diese reaktionäre Vision (Lilla 2016) mit der Epoche vor den 1970er Jahren verbunden, als der Kapitalismus noch weniger flexibel war, die Arbeitsplätze noch sicher schienen (zumindest für weiße heterosexuelle Männer), man die globale Armut noch für weit entfernt hielt und die sozialen Bewegungen die gesellschaftliche Ordnung noch nicht vom Kopf auf die Füße gestellt hatten.

Wer sich für Männlichkeiten, Geschlecht und deren Analyse interessiert, kann diesen schwierigen politischen Zeiten durchaus etwas abgewinnen. Schließlich ist derzeit (einmal mehr) sehr prägnant erkennbar, welch große Kraft Geschlecht im Allgemeinen und Männlichkeit im Besonderen auf verschiedenerlei Art und Weise in den politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen entfalten. Deutlich wird auch, wie eng Männlichkeits- und Weiblichkeitsentwürfe ineinander verschränkt sind, wie vielfältig konkurrierende Vorstellungen von Männlichkeit sind und wie sie politisch in Stellung gebracht werden. In der Bundesrepublik Deutschland entzündet sich diese Auseinandersetzung gegenwärtig vor allem an der Flüchtlingsfrage, die sich unter anderem durch eine »ambivalente Verflechtung von Rassismus, Sexismus und Feminismus« (Hark/Villa 2017) auszeichnet und in der deutlich wird, wie ein vermeintliches Wissen über die Männlichkeitsprägungen von Fremden politisch instrumentalisiert wird.

In diesen Kämpfen gerät auch die Geschlechterforschung selbst immer wieder ins Visier der Reaktionären, denn schließlich hat sie ganz wesentlich dazu beigetragen, diejenige gesellschaftliche Ordnung zu erschüttern, die um ein männlich-hegemoniales Zentrum herum aufgebaut war. Augenscheinlich hat diese Forschung einen empfindlichen Nerv getroffen, und so gesehen ist es kein Wunder, dass »Anti-Genderismus« zu einem Leitmotiv rechtspopulistischer bzw. nationalistischer Gruppierungen hierzulande und darüber hinaus geworden ist (Hark/Villa 2015). Evident ist auch, wie sehr die geschlechterpolitischen Auseinandersetzungen in eine breitere identitätspolitische Konjunktur eingebunden sind, die auch von anderen Kategorien wie Religion, Herkunft oder Hautfarbe gespeist wird. Dabei ist Identitätspolitik nicht mehr nur die Sache von Frauen und gesellschaftlichen Minderheiten, denen es um die Beendigung von Diskriminierung geht, sondern zur dominanten Politikform geworden. Sie ist nun auch das Instrument derjenigen, die sich als marginalisiert oder als Opfer empfinden, die aber meinen, einen natürlichen Platz im gesellschaftlichen Zentrum für sich beanspruchen zu können, bzw. derjenigen, die dieses verbreitete Gefühl unrechtmäßiger Marginalisierung politisch zu nutzen bestrebt sind. Niemand betreibt im Ringen um gesellschaftliche Hegemonie in Deutschland so offensiv Identitätspolitik wie die AfD, niemand tut dies in England so nachdrücklich wie die Brexit-Befürworter, niemand in den USA so aggressiv wie Donald Trump. Ta-Nehisi Coates (2017), einer der führenden US-amerikanischen Intellektuellen, hat Trump deshalb auch »America’s first white President« genannt – nicht, weil er der erste wäre, dessen Haut als weiß gelte, sondern weil noch niemand vor ihm das eigene Weißsein so sehr in die politische Waagschale geworfen habe. Wenn also rechtspopulistische oder nationalistische Gruppen die Forderung stellen, man solle sich »das eigene Land zurückholen«, dann meint das eben auch die Re-Installierung jener Geschlechterordnung, die die Geschlechterforschung so erfolgreich dezentralisiert hat.

Klar ist also: Um die gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Konflikte zu verstehen, muss man eine geschlechter- und männlichkeitsanalytische Perspektive einnehmen können und das verfügbare Instrumentarium beherrschen. Nur wer entsprechend geschult mit der Rhetorik und den Konzepten von Krise und Hegemonie oder Identität und Differenz umzugehen weiß, kann die Strategien der reaktionären politischen Kräfte und die Funktionsweise der populistischen und nationalistischen Bewegungen verstehen. Die Geschlechterforschung hat diesen Weg beschritten, und zwar in einer Weise, die eine klare Ausrichtung auf »Männlichkeiten« als eines Signalworts im Titel ihrer Arbeiten womöglich gar nicht mehr braucht. Denn es ist zunehmend deutlich geworden, dass die Analyse von Männern und Männlichkeiten allein nicht ausreicht, sondern vielmehr die Geschlechterordnungen und Geschlechterdynamiken insgesamt in den Blick genommen werden müssen. Mehr noch: Wer etwa die Attraktivität verstehen will, die Donald Trump für weiße Wählerinnen hat, obwohl die Kette seiner sexistischen und misogynen Äußerungen und Verhaltensweisen endlos ist, muss sein Augenmerk auch auf race richten sowie auf Klassenzusammenhänge, Migrationsgeschichten und die veränderten Konstellationen einer globalisierten Postmoderne. Wir müssen also relational und intersektional denken – nur mit Männlichkeit als analytischer Kategorie kommen wir nicht weit.

In dieser so vielschichtigen gesellschaftlichen und politischen Analyse bleibt das historische Argument nach wie vor bedeutsam. Die politischen Auseinandersetzungen um die vermeintlich verloren gegangenen Rechte und Privilegien der »kleinen Leute«, der »ehrlichen Arbeiter und ihrer Familien« bedienen sich beinahe immer bei einer Vorstellung von (nationaler) Geschichte, die darin »Eindeutigkeiten« festzustellen vorgibt und als »natürlich« beanspruchte Ordnungen und Hierarchien. Geschichte wird so leicht zu einem nostalgisch-reaktionären Selbstbedienungsladen für Identitäten und Zugehörigkeiten. Historische Geschlechterforschung, einerseits intersektional angelegt und andererseits als eine Geschichte der Gegenwart gedacht, kann diese simplen und politisch allzu leicht zu instrumentalisierenden Geschichtsbilder in Frage stellen. Sie kann zeigen, dass Geschlecht eine durch und durch kulturelle Kategorie ist, die zu keiner Zeit und an keinem Ort »eindeutig« war und stets im Zusammenspiel mit anderen Kategorien in den gesellschaftlichen Konflikten um Anerkennung und Sichtbarkeit von Menschen wirkmächtig war. Dieses Buch will dazu Leitlinien und Rüstzeug zur Verfügung stellen.

Unser Dank für Hilfe und Unterstützung gilt Claudia Bruns, Katharina Dahl, Angelika Epple, Uta Fenske, Norbert Finzsch, Ulf Heidel, Kirsten Heinsohn, Jens Jäger, Julia Kramer, Felix Krämer, Claudia Lenz, Maren Möhring, Christiane Munder, Massimo Perinelli, Heiko Stoff und Klaus Weinhauer.

Erfurt und Köln, im Mai 2018Jürgen Martschukat und Olaf Stieglitz

1. Einleitung

Nicht nur Medien und Populärkultur diskutieren intensiv über Männer und Mannsein. Auch die Sozial- und Kulturwissenschaften haben den Mann, »das unbekannte Wesen«, seit rund drei Jahrzehnten entdeckt. Das entsprechende Forschungsfeld ist mittlerweile so dynamisch und vielfältig, dass es immer schwieriger wird, über die Inhalte wie über theoretisch-methodische Fragen den Überblick zu behalten. Hier soll das vorliegende Buch Hilfestellungen bieten, indem es die Geschichte und Geschichtsschreibung der Männlichkeiten so strukturiert, dass es erstens eine Orientierungshilfe für den Einstieg in das Feld bietet, zweitens den Stand der Forschung zusammenfasst und drittens Anregungen zur Weiterarbeit formuliert.

Schwerpunkte des Buches liegen in der neueren Geschichte sowie in der deutsch- und englischsprachigen Forschung. Nichtsdestoweniger sollte das Buch auch für diejenigen gewinnbringend sein, die sich mit zeitlichen, räumlichen oder kulturellen Bereichen der Geschichte befassen, die nicht im Zentrum unserer inhaltlichen Ausführungen stehen. Denn ein wesentlicher Akzent liegt auf konzeptionellen und methodischen Aspekten, und auch die Auseinandersetzung mit der konkreten Forschung zielt weniger darauf ab, historische Inhalte zu erarbeiten, als vielmehr Forschungsfragen aufzuwerfen und zu diskutieren, die über die deutsche und angloamerikanische Geschichte hinausweisen.

Gleichermaßen hoffen wir auch diejenigen Historikerinnen und Historiker anzusprechen, deren Interesse innerhalb der Geschlechtergeschichte eher den Weiblichkeiten als den Männlichkeiten gilt. Wir plädieren mit Nachdruck dafür, Geschichten der Männlichkeit als mehrfach relational und intersektional zu konzipieren und zu schreiben. Das bedeutet, dass sich ein spezifischer Männlichkeitsentwurf sowohl in Bezug zu weiteren Männlichkeitsentwürfen (die sich im Zusammenhang mit anderen Strukturkategorien wie zum Beispiel Klasse, Region oder Alter ausprägen) als auch zu Weiblichkeiten konstituiert. Demnach werden wir auf den folgenden Seiten viele Texte und Forschungsfragen diskutieren, die eher einer breiter konzipierten Geschlechtergeschichte als einer eng geführten »Männergeschichte« zuzuordnen sind. Schließlich sind Geschichten von Männern seit Jahrhunderten en masse geschrieben worden. Geschichten von »Männlichkeiten«, also von Geschlechtsentwürfen, die historisch-kulturell variabel sind, die in ihren Ausprägungen (mit-)bestimmen, wer wie handelt und welchen Zugriff auf gesellschaftliche Ressourcen hat, werfen hingegen neue und andere Fragen auf.

Sowohl die Anlage des gesamten Buches als auch die einzelnen Kapitel orientieren sich an der Prämisse, Männlichkeitengeschichte als Teil einer relationalen Geschlechtergeschichte zu schreiben. Zunächst betrachten wir die gesellschaftspolitischen und akademischen Felder, aus denen die Geschichte der Männlichkeiten hergeleitet werden kann. Hier ist erstens die Frauen- und Geschlechtergeschichte zu nennen, die wir in ihrer historischen wie konzeptionellen Herausbildung skizzieren. Als zweites Feld werden wir die interdisziplinäre Männerforschung darstellen, die sich vornehmlich seit den 1970er Jahren in den unterschiedlichsten Spielarten entwickelt und einige zentrale Anstöße für die Geschichte der Männlichkeiten gegeben hat.

Gewissermaßen das »Herzstück« des Buches ist dann ein Kapitel, das die konzeptionellen Ausführungen bündelt und zentrale Leitfragen für die Geschichte der Männlichkeiten formuliert, die sich aus der derzeitigen Forschung herauskristallisieren lassen. Identitätsbildung, die Relationalität und Intersektionalität von Geschlechtern, das Verhältnis von Diskursen und Erfahrungen sowie die in der Forschung zu Männern und Männlichkeiten besonders prägnanten Konzepte der Krise und Hegemonie wären hier die entsprechenden Stichworte. In diesem Kapitel werden wir auch Anregungen geben, wie die Leitfragen in Historiographie umzusetzen sind und Forschungsdesideraten nachgekommen werden kann.

Anschließend werden wir dann die entsprechende Historiographie vorstellen. Wie bereits erwähnt ist die Forschung vielfältig, verstreut und äußerst dynamisch. Daher ist es unmöglich und auch wenig Gewinn bringend, in einem Einführungsband wie diesem sämtliche Literatur aufzuführen, die zu einem bestimmten Thema verfügbar ist. Gleichwohl sollte es möglich sein, mit Hilfe unserer Ausführungen zielgerichtet weiterzuarbeiten und sich die gesamte Forschung zu erschließen. Wir verweisen diesbezüglich auch auf die umfassende Bibliographie zu diesem Buch auf der Homepage des Campus-Verlages.

Was werden diese einzelnen Forschungskapitel konkret behandeln? Zunächst werden wir in der gebotenen Kürze solche Arbeiten präsentieren, die als »Meilensteine« der bisherigen Forschung zu Männern und Männlichkeiten gelten können. Die drei nächsten Kapitel folgen in ihrer Einteilung Leitkonzepten, die uns für männliche Identitätsbildungen und Lebenswelten in der Neuzeit zentral erscheinen: Mit Vaterschaft zwischen Familie und Arbeit könnte ein erster Themenkomplex umschrieben werden, Sozialität und Staatsbürgerschaft sind die zentralen Stichworte des zweiten Feldes, und die Geschichte männlicher Sexualitäten wird Gegenstand des letzten Kapitels sein. Dabei liegt es auf der Hand, dass die Einteilung der Kapitel keine scharfe Trennung unterschiedlicher Forschungsbereiche widerspiegelt. Dass etwa sexualitätshistorische Fragestellungen wesentlich mit Familienaspekten verknüpft sein können und zudem darüber mitentscheiden, wer als Staatsbürger mehr Anerkennung erfährt und wer weniger, ist leicht nachvollziehbar.

2. Frauen- und Geschlechtergeschichte

Wer die Geschichte von Männern und Männlichkeiten betreiben will und diese zudem als Teil einer relationalen Geschlechtergeschichte versteht, muss die Grundzüge und Entwicklungen der Frauen- und Geschlechtergeschichte von den späten 1960er Jahren bis zu unserer Gegenwart kennen. Man muss wissen, welche Ziele feministische Historikerinnen seit der Frauenbewegung der 1960er Jahre verfolgt und wie sich diese Ziele und mit ihnen die historiographischen Perspektiven peu à peu von der Frauen- zur Geschlechtergeschichte verschoben haben. Wichtig ist auch, dass das analytische Potenzial der Kategorie »Geschlecht« (verstanden als Ensemble zugeschriebener Eigenschaften und sozialer Kategorisierungen) ab den 1990er Jahren wieder in Frage gestellt wurde. Wie lässt sich die Geschichte der Männlichkeiten in diese Forschungsgeschichte einbinden? Letzere Frage ist im Zuge der Debatten über Frauen- und Geschlechtergeschichte immer wieder formuliert worden, und sie wird einen wesentlichen Bezugspunkt unserer folgenden Betrachtungen bilden. Insgesamt wird sich eine gewisse Kreisförmigkeit der Denkbewegungen seit den 1970er Jahren abzeichnen. Viele Fragen und Aspekte im Hinblick auf Weiblichkeiten und Männlichkeiten sind im Laufe der letzten Dekaden wiederholt aufgeworfen worden. Da diese Fragen aber in unterschiedlichen politischen Kontexten und im Rahmen der sich immer wieder wandelnden Geschichts-, Sozial- und Kulturwissenschaften gestellt wurden, änderten sich auch die Reaktionen und Antworten (Opitz-Belakhal 2018 als Forschungsüberblick über Frauen- und Geschlechtergeschichte).

Frauengeschichte der 1960er und frühen 1970er Jahre

Neue Frauenbewegung

Als ein wesentlicher Bestandteil der starken gesellschaftlichen Veränderungen in Westeuropa und Nordamerika entfaltete sich in den 1960er Jahren eine dynamische neue Frauenbewegung. Im Rahmen der Kämpfe gegen das bestehende gesellschaftliche Ordnungssystem prangerten Frauen lautstark geschlechtsspezifische Diskriminierungen in der »großen« Politik und im Berufsleben an und rückten Bereiche ihres Lebens in das Blickfeld der Öffentlichkeit, die bis dahin noch weniger Beachtung gefunden hatten. Denn nicht nur die vermeintlich »große« Politik, sondern auch das Persönliche ist politisch, lautete die Maxime. Hier sei beispielsweise die Gesundheitssituation von Frauen genannt, Sexualität, Gewalt gegen Frauen, Pornographie oder die Stellung von Frauen in der Kultur und im Bildungssystem (Frevert 1986: 272–287; Holland-Cunz 2003, Kline 2010).

Ein wesentliches Ziel der Frauenbewegung war, zunächst ein Bewusstsein für die gesellschaftlichen Benachteiligungen von Frauen und die entsprechenden Wirkungsmechanismen zu schaffen. Dieser Prozess des consciousness-raising wurde dadurch eklatant erschwert, dass Frauen scheinbar keine Vergangenheit hatten. Schließlich war die Geschichte, die bis dahin aufgeschrieben worden war, im Wesentlichen die Geschichte der traditionell Mächtigen und somit die Geschichte von Männern gewesen. Die Historisierung der eigenen Position war zwingend notwendig, um sie durchdringen und verändern zu können. Eine andere Geschichte als die bisher bekannte sollte die Herrschaft des Mannes in Frage stellen, indem sie weibliche Identifikationsfiguren hervorbrachte (Lerner 1995; Gordon/Buhle/Schrom 1971: 3; Frevert 1992: 113 ff.).

Frauen sichtbar machen

Zahlreiche Werke der Frauengeschichte der ersten oder zweiten Stunde signalisierten dementsprechend schon im Titel, dass es bis dahin Verborgenes zu befreien galt: Hidden From History, Becoming Visible oder Liberating Women’s History, um nur die sprechendsten zu erwähnen (Rowbotham 1977; Carroll 1976; Bridenthal 1977; Scott 1988: 17).

Zunächst spürte die frühe Frauengeschichte vor allem der 1960er Jahre vorzugsweise nach solchen Frauen, die in der männlich geprägten Gesellschafts- und Leistungsordnung hatten auffallen können. So genannte »women worthies« (Davis 1976: 90) oder auch »große Frauen« galt es aufzuzeigen. Zwar hatte vor allem die europäische Geschichtsschreibung seit der Frühen Neuzeit auch andere und vielfältige Wege eröffnet, die Geschichte von Frauen in verschiedenen Lebenslagen und aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten (Davis 1976: 83 ff.; Davis 1984; Smith 1998; Epple 2003). Bis zu den 1970er Jahren wurden »Frauen als Antriebskraft der Geschichte« (Beard 1946) allerdings eher dann wahrgenommen, wenn sie sich als Frauengestalten den namhaften Helden der Historie hinzufügen ließen. Als Frauen stellten solche Frauen, die sich in der Männerwelt bewährt hatten, jedoch häufig Ausnahmen von der Regel dar. Diese additive Geschichtsschreibung brachte zwar eine gewisse Revision bestehender Geschichtsbilder mit sich, vernachlässigte aber eben die Mehrheit der Frauen und die Spezifika weiblicher Historie (Gordon 1971: 11–16; Lerner 1975).

Eine andere Sicht auf die Geschichte von Frauen lieferten in diesen ersten Jahren solche Erzählungen, die weniger die Erfolge, sondern vielmehr die Kämpfe und die Unterdrückung von Frauen in einer männlich geprägten und dominierten Gesellschaftsordnung herausarbeiteten (Beauvoir 2000 [1949]). Die Forschung konzentrierte sich hier vornehmlich auf das 19. Jahrhundert, wo sie nach den Wurzeln des Patriarchats suchte, das Frauen im fortgeschrittenen 20. Jahrhundert noch immer unterwarf. In diesen Geschichten wurden Frauen in der Regel als Opfer in einem System patriarchalischer Herrschaft gezeichnet statt als handelnde Akteurinnen, und sie trugen so letztlich paradoxerweise dazu bei, Vorstellungen weiblicher Passivität zu reproduzieren, die insbesondere die Anthropologie des kritisierten 19. Jahrhunderts als »natürlich« für das »Wesen« der Frau behauptet hatte (Welter 1966; Hausen 1976; Honegger 1991).

Verdienste

Trotz dieser kritischen Einwände sind die Verdienste der frühen Frauengeschichte unstrittig, verwies sie doch erstens mit Nachdruck darauf, dass die damals bestehende Geschichtsschreibung lückenhaft war. Zweitens zeigte die historische Betrachtung von Frauen, dass die Geschichte von unterschiedlichen und geschlechtsgebundenen Erfahrungen geprägt war. Daher warf diese neue Geschichte Fragen auf, die die bisherige Historie, ihre Kategorisierungen, Epochen oder Denkmodelle in ihren Geltungsansprüchen in Frage stellten. Die Vorstellung beispielsweise, Technisierung bringe grundsätzlich für alle Menschen eine Lebensverbesserung, wurde durch die Betrachtung von Frauenarbeit mehr als fragwürdig (Scott 1982). Auch die traditionellen Periodisierungen der Geschichte wurden als unzulässige Verallgemeinerungen thematisiert. Hatte das Zeitalter der demokratischen Revolutionen tatsächlich eine politische Befreiung aller Menschen bedeutet? Haben Menschenrechte ein Geschlecht? Gab es die Renaissance als Zeit wachsender politisch-kultureller Möglichkeiten auch für Frauen? Dies alles waren Fragen, die zumindest skeptische Antworten hervorriefen (Hoff Wilson 1976; Kelly-Gadol 1977; Gerhard 1990; Scott 1998).

»Gender« – die 1970er und 1980er Jahre

Sozialgeschichte

Die Frauengeschichte war Teil weiträumigerer historiographischer Veränderungen, die sich in Westeuropa wie in den USA in Form einer neuen Sozialgeschichte vollzogen. Diese stellte die bis dahin gültigen Prämissen der Geschichtsschreibung auch jenseits der Geschlechterproblematik nachhaltig in Frage. Zwar schrieb die neue Sozialgeschichte zunächst nur wenig über Frauen, doch sie trieb eine Geschichte voran, die nicht mehr nur von den politisch Mächtigen und gesellschaftlich Herrschenden berichtete, sondern darüber hinaus eben jenen Menschen in der Geschichte eine Stimme gab, die bislang überhört worden waren (Scott 1988: 21 f.; Hausen 1998: 30 f.).

Damit wurden auch die Verfahren der frühen Frauengeschichte in Frage gestellt, hatte diese doch Frauen im Wesentlichen zu der bestehenden »Männergeschichte« hinzugefügt. Die Geschichte selbst war in ihrer bis dahin bekannten Form jedoch unberührt belassen worden, sowohl die Geschichten großer Frauen als auch die Viktimisierungsgeschichten orientierten sich am Mann als Maßstab. Ein weiblich subalterner Status würde so letztlich reproduziert, lautete die Kritik. Der Anspruch dieses männlichen Geschichtskonzepts auf Allgemeingültigkeit musste noch stärker hinterfragt werden, da es die Erfahrungen weiter Teile der Menschheit schlechterdings nicht erfasste. In diesem Sinne hatte Gerda Lerner schon seit 1969 kontinuierlich gefordert, neue Begriffe für die Geschichte zu entwickeln, veraltete Kategorien aufzugeben und in den Quellen mit genauerer Tiefenschärfe nach unbekannten Bedeutungen zu spüren; eine Aufgabe, so Lerner, mit der sich nicht nur Frauen, sondern auch Männer befassen sollten (Lerner 1995: 49, 74).

Sex/ Gender

Eine wesentliche Veränderung war, dass statt einer Heldinnengeschichte nun eine Geschichte geschlechtsspezifisch weiblicher Erfahrung und weiblicher Identitätsbildung in den Vordergrund drängte, und zwar auf der Folie von geschlechtlicher Normierung. Hierbei kreisten die Erwägungen vor allem um die Frage, wie Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Erfahrungen und Identitäten und deren Beziehungen zueinander erklärt werden könnten. Dabei wurde die Unterscheidung zwischen sex und gender zentral:

Auf einem angenommenen biologischen Unterschied (= »sex«) zwischen den Geschlechtern, der damals noch einen gleichsam unverrückbaren Sockel darstellte, baute in einer komplexen Konstruktionsleistung eine soziokulturelle Differenz zwischen Männern und Frauen auf (= »gender«). Gesellschaftliche und kulturelle Differenzen, die an Geschlecht gekoppelt waren, galten nicht mehr als »natürlich«, sondern vielmehr als Folgen historischer Prozesse.

»Die zuvor angenommenen ›natürlichen‹ Bedingungen [menschlicher Existenz sind] in Wirklichkeit von Menschen geschaffen«, skizzierte Joan Kelly-Gadol 1976 die neue und faszinierende Grundidee der Historiographie (Kelly-Gadol 1989: 17, 22). Aus der Perspektive einer Geschichte der Männlichkeiten ist vor allem bemerkenswert, dass bereits in der Mitte der 1970er Jahre die Betonung auf der Historizität der Differenz zwischen Frauen und Männern lag. Niemand hat dies pointierter herausgestellt als Natalie Zemon Davis 1976 in ihrem Aufsatz über »›Women’s History‹ in Transition«:

»But it seems to me that we should be interested in the history of both women and men, that we should not be working only on the subjected sex any more than a historian of class can focus exclusively on peasants. Our goal is to understand the significance of the sexes [!], of gender groups in the historical past. Our goal is to discover the range in sex roles and in sexual symbolism in different societies and periods, to find out what meaning they had and how they functioned to maintain the social order or to promote its change. Our goal is to explain why sex roles were sometimes tightly prescribed and sometimes fluid, sometimes markedly asymmetrical and sometimes more even« (Davis 1976: 90).

Obschon Davis ausschließlich von Geschlechtern im Plural spricht, wurde diese neuartige Geschlechtergeschichte weiterhin hauptsächlich von Frauen betrieben, die über Frauen forschten. Der Gedanke, »Männlichkeit« und somit männliche Wertordnungen, Identitäten und Handlungsweisen ebenso wie »Weiblichkeit« als Ergebnis einer historischen Konstruktionsleistung zu betrachten, war in diesen Erwägungen über das soziale Geschlecht zwar bereits angelegt, wurde aber nicht wirklich ausgeführt und in die Praxis umgesetzt. Auch die mehrfach eingeforderte Analyse der »Geschlechterverhältnisse« wurde noch weitgehend als Angelegenheit von Frauen gesehen.

Etwa zur selben Zeit wie Davis forderte Gerda Lerner: »Das soziale Geschlecht (gender) muß der Geschichte als analytische Kategorie hinzugefügt werden« (Lerner 1995 [1977]: 166). Es ging nicht mehr darum, Informationen über Frauen zu sammeln und sie in eine bestehende Historiographie patriarchalischer Ordnung einzufügen. Vielmehr ging es um eine gänzlich neue Sichtweise auf Geschichte unter dem Brennglas »Geschlecht«. Es müsse zur »zweiten Natur« der Historikerinnen und Historiker werden, jede historische Fragestellung unabhängig ihres Inhalts und ihrer Zielrichtung auch aus der Geschlechterperspektive zu beleuchten, betonte Natalie Davis (1976: 90). Dies würde zu einer gänzlich neuen Geschichte führen, in der »die historischen Erfahrungen der Männer mit denen der Frauen verglichen werden, wobei die Wechselbeziehungen ebenso zu untersuchen sind wie die Unterschiede und Gegensätze« (Lerner 1995: 174).

Derart konzipiert stellte Geschlecht einen Schlüssel zu Macht, Sozialstruktur, Eigentumsverhältnissen, symbolischer Ordnung und historischer Periodisierung dar, und eine entsprechende Geschichtswissenschaft sollte weit über die bis dahin »typischen« Felder der Frauengeschichte hinausgehen. Die Relationalität von Geschlecht (hier verstanden als Beziehungsabhängigkeit zwischen Geschlechtern) und deren Bedeutung für die soziokulturelle Ordnung war ein zentrales Element dieses neuen Denkens. Bald schon mutmaßte die US-Historikerin Joan Scott, dass vielleicht tatsächlich eine neue, kritisch revidierte Geschichte entstünde, welche die wirkmächtigen Operationen vergeschlechteter Strukturen aufzeigen werde (Scott 1988: 27).

Institutionalisierung:Phase 1

Dabei spielte sicherlich auch die voranschreitende institutionelle Verankerung eine wichtige Rolle. In den USA hatten sich »Women’s Studies« zügig an den Universitäten, in Forschungseinrichtungen und Verbünden etabliert, und sie waren auf den entsprechenden Fachtagungen repräsentiert. Mit den 1970er Jahren begann dort für Historikerinnen eine neue Ära (Harzig 1991: 128 ff.; Scott 1988: 191 ff.; Lerner 1975). In Deutschland hingegen haperte es lange an der entsprechenden Einbindung in die Hochschul- und Forschungslandschaft, und später wurde Frauen- und Geschlechtergeschichte eher zu einer »schmückenden Arabeske« (Hausen 1992: 10; vgl. Hunt 1998: 60 ff.). Während die erste Sektion, die sich auf einer Jahrestagung der »American Historical Association« (AHA) ausdrücklich mit »women in history« befasste, 1940 stattfand und die AHA mit Nellie Neilson 1943 erstmals eine Frau zur ihrer Vorsitzenden wählte (Scott 1988), hat dies im »Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands« bis 2016 gedauert, und erst 1984 war erstmals auf einem deutschen Historikertag eine Sektion zur Frauen- und Geschlechtergeschichte vertreten (Hausen 1992). Zu dieser Zeit lagen auch erste umfassende Standortbestimmungen in Deutschland vor, die die Relevanz ihres Gebietes als grundlegend für die gesamte historische Forschung betonten (Hausen 1983; Bock 1984: 112, 115). Diese männliche Beharrlichkeit der Disziplin ist mittlerweile aus unterschiedlichen Blickwinkeln kritisch aufgearbeitet (Epple/Schaser 2009; Bock 2014; Schnieke 2015).

Joan Scott

Wer wollte in der Mitte der 1980er Jahre noch bezweifeln, dass »Geschlecht eine nützliche Kategorie historischer Analyse« (Scott 1986) sei? Joan Scotts gleichnamiger Aufsatz ist ein »Meilenstein« der Geschlechtergeschichte (Opitz-Belakhal 2001: 95), der »Geschlecht« endgültig in der historischen Forschungslandschaft verankerte. »Gender«, so Scott, sei eine relationale Kategorie, die auf soziale Beziehungen zwischen Frauen und Männern und deren wechselseitige Definition ziele und politisch wie historiographisch von umfassender Bedeutung sei: Denn erstens strukturiere Geschlecht Geschichte und Gesellschaft über vermeintlich »typische Frauenfelder« wie Sexualität, Reproduktion oder Erziehung hinaus, und zweitens wirke Geschlecht in den persönlichen Erfahrungen von Menschen und in deren Konstitution als Subjekte mit geschlechtlicher Identität (Scott 1991; Scott 1986; vgl. auch Opitz-Belakhal 2001).

Alltags- und Erfahrungsgeschichte

Als Scotts Aufsatz in der Mitte der 1980er Jahre erschien, befand sich die Geschichtswissenschaft in einer Phase neuerlicher Verschiebungen. Die Sozial- und Gesellschaftsgeschichte, die auf die Analyse langfristiger und weiträumiger Strukturen ausgerichtet war, hatte Konkurrenz von einer Alltagsgeschichte erhalten, die individuelle Erfahrungen der historischen Akteure in ihr Zentrum rückte. Geschlecht als Kategorie sowohl gesellschaftlicher Strukturbildung als auch individuell-historischer Erfahrung zu begreifen, eröffnete die Möglichkeit, diese beiden zunächst dichotom erscheinenden Felder zu verbinden. Scotts Konzeptionalisierung besagt, dass eine wahrgenommene Differenz zwischen den Geschlechtern die sozialen Beziehungen in einer Gesellschaft strukturiert. Diese wahrgenommene Differenz trägt dazu bei, Machtbeziehungen mit Bedeutung auszustatten, zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sinnvoll erscheinen zu lassen und derart Erfahrungen von Menschen zu gestalten und zu prägen (Scott 1986: 1067 ff.). Ein solcher Blick lässt auch diejenigen Ordnungs- und Beziehungsentwürfe als historisch geprägt erscheinen und somit hinterfragbar werden, die bis dahin selbstverständlich erschienen.

Um sich diesem Machtgeflecht anzunähern, schlägt Joan Scott vier Ebenen der Analyse vor: Erstens gelte es, die historisch-spezifische Bedeutung kultureller Symbole aufzuschlüsseln, also etwa zu untersuchen, wie technische Innovationen repräsentiert werden und dabei geschlechtliche Denkmuster reproduzieren (Oldenziel 2007). Zweitens sollten wir nach den Inhalten normativer Konzepte forschen und zum Beispiel zeigen, dass auch Ratgeber oder Wissenschaftstexte bestimmten historischen Bedingungen gehorchen. Drittens sollten wir untersuchen, wie sich solche Konzepte in Politik und Alltag niederschlagen und vervielfältigen, und viertens gelte es aufzuschlüsseln, wie sie die Selbstentwürfe von einzelnen Menschen oder Kollektiven prägen. Joan Scott betont, dass diese vier Ebenen niemals voneinander getrennt existieren, sondern sich durchkreuzen, überlagern und wechselseitig tragen. Inspiriert von den Arbeiten des französischen Philosophen Michel Foucault, hebt Scott den Bruch hervor, den dieses historiographische Konzept mit monokausalen Erklärungen vollzieht. Sie fordert auf, stattdessen in Kausalnetzen, Kräftefeldern und vielfältigen Machtbeziehungen und -verknüpfungen zu denken. Hierbei ist wichtig, dass gender als gesellschaftlich strukturierende Kategorie niemals alleine wirkt, sondern sich in die Trias der US-amerikanischen Sozialgeschichtsschreibung race – class – gender einbringt.

Joan Scott hat gender als Analysekategorie nicht erfunden. Seit den frühen 1970er Jahren schon war an diesem Konzept gefeilt worden. Scott aber hat gender so systematisiert, dass es zum Schlüssel wurde, mit dem die reziproken Beziehungen zwischen Mensch, Gesellschaft und Macht in ihrer Geschichtlichkeit gedacht und erkannt werden können.

Ähnlich wie Scott betonte Gisela Bock 1988 in ihrem Aufsatz über »Geschichte, Frauengeschichte, Geschlechtergeschichte«, dass Geschlecht eine gesellschaftlich strukturierende Kategorie sei. Diese dürfte aber »nicht als ein fixes, universales oder ursprungsmythisches Modell zur Erklärung der Fülle historischen Geschehens verstanden werden« (Bock 1988: 374). Vielmehr sei diese Kategorie flexibel, interdependent mit anderen Kategorien wie Ethnizität, Klasse oder Religion und also historisierbar. Als soziale und kulturelle Realität bestimme Geschlecht zugleich das Leben von Menschen maßgeblich. Geschlechtergeschichte müsse also auch Männergeschichte in ihr Programm einbeziehen, indem sie Männer nicht als geschlechtslose Norm, sondern innerhalb der Geschlechterverhältnisse denke (Bock 1988: 381 ff.).

Institutionalisierung:Phase 2

Bocks Aufsatz erschien im darauf folgenden Jahr in englischer Sprache im Eröffnungsheft einer neuen historischen Zeitschrift (Bock 1989). Gender and History setzte sich zum Ziel, darüber aufzuklären, wie sich Gesellschaften durch die Machtbeziehungen zwischen Frauen und Männern formieren. Die Geschlechtergeschichte war offenbar in eine neue Phase der Institutionalisierung eingetreten. Im selben Zeitraum wurden mit L’Homme in Österreich, metis und Ariadne in Deutschland, mit dem Journal of Women’s History in den USA und mit der Women’s History Review in Großbritannien historische Fachorgane ins Leben gerufen, die ausdrücklich den Anspruch verfolgen, die Historie in ihrer Gesamtheit aus geschlechtergeschichtlicher Perspektive neu zu erfassen und die Ergebnisse besser zugänglich zu machen (Freist 1996: 97–101). Auch die »Abwehrfront« der Historikerzunft gegen die Institutionalisierung der Frauen- und Geschlechtergeschichte begann in diesen Jahren zu »bröckeln« (Frevert 1992: 114 f.). Mit Erfolg rückte die Frauen- und Geschlechtergeschichte die gesellschaftliche Differenzierung und Hierarchisierung entlang des Kriteriums Geschlecht in das Bewusstsein wachsender Teile der Geschichtsforschenden, -lehrenden und -lernenden.

»Gender? Sex?« – die 1990er Jahre

Infragestellen der Sex/Gender-Trennung

Kaum hatte sich die Geschlechtergeschichte darauf verständigt, nach der Historizität des soziokulturellen Geschlechts zu forschen, da zeichnete sich im Denken über Frauen und Männer eine neuerliche Verschiebung ab. Eine angeregte Diskussion über die Beziehung von soziokulturellem und biologischem Geschlecht sollte die 1990er Jahre dominieren, und die Geschlechtergeschichte zeigte abermals, wie sehr sie die gesamte Geschichtswissenschaft und deren Debatten prägte.

Schon 1986 hatte Joan Scott in ihrem »Meilenstein«-Aufsatz Bedenken geäußert, biologische Differenzen zwischen Männern und Frauen zum Ausgangspunkt der Analyse zu machen. »Any physical difference takes on a universal or unchanging aspect«, mahnte Scott, und Differenzen würden als unveränderlich, ontologisch festgeschrieben. Der menschliche Körper würde somit als ahistorisch erklärt, und das soziokulturelle Geschlecht gründe letztlich auf angeblich stabilen biologischen Entitäten: »History becomes, in a sense, epiphenomenal, providing endless variations on the unending theme of a fixed gender equality« (Scott 1986: 1059). Ähnlich warnte Gisela Bock vor scheinbar selbstevidenten Biologisierungen, die vor allem das, was als »weiblich« gilt, konnotieren, ausgrenzen und als minderwertig markieren – so etwa Schwangerschaft, Erziehungs- und Hausarbeit. Sollte stattdessen, mahnte Bock, nicht auch die Biologie selbst als »eine genuin soziale Kategorie mit einem genuin sozialen Sinnzusammenhang« verstanden werden (Bock 1988: 375)?

Judith Butler

Die Vorstellung einer zeitlosen und natürlichen, also jeder kulturellen Leistung vorgängigen biologischen Stabilität löste auch bei der Philosophin Judith Butler ein gewisses Unbehagen aus. »Gender Trouble« nannte sie ihr 1990 erstmals erschienenes Buch im englischen Original, und vom »Unbehagen der Geschlechter« war im Titel der deutschen Übersetzung die Rede (Butler 1991; Bublitz 2002 für einen Überblick). Butler wollte genau diejenigen Kategorien kenntlich machen, die als selbstverständlich erschienen und als Grundlagen unseres Denkens zumeist unhinterfragt hingenommen wurden (Butler 1995). Dabei zielte sie nicht darauf ab, das soziokulturelle Geschlecht als historisch geworden und formbar aufzuzeigen. Sie verkündete vielmehr die Geschichtlichkeit und Konstruiertheit auch des biologischen Geschlechts. Somit wurde die vermeintlich stabile Kategorie des sex aufgeweicht. Dies verband Butler mit einer gezielten Kritik des »heterosexuellen Imperativs«, also der an die Entwürfe des biologischen Geschlechts zwangsweise gekoppelten heterosexuellen Präferenz als Norm.

Wie ist das nun vorstellbar? Was bedeutet »Konstruktion«, wenn es um Körper und biologisches Geschlecht geht, um die Frage nach »männlich« oder »weiblich«? Dazu ist zunächst eines in aller Deutlichkeit hervorzuheben: Ausdrücklich weist Butler die Vorstellung zurück, alles sei ausnahmslos sprachlich konstituiert. Sie leugnet nirgendwo die Existenz von Stofflichkeit, von Tatsachen und körperlichen Erfahrungen wie Krankheit, Leid, Schmerz oder Genuss, und nicht nur die Sprache, sondern vor allem das Handeln spielt in ihrer Theorie eine zentrale Rolle. Aber:

Nach Butler bedeutet Konstruktion, dass es zwar unleugbare Körperlichkeiten gibt, diese jedoch erst durch ihre beständig wiederholte, kulturell-geschlechtsspezifische Imprägnierung und Präsentation konstruiert, erfahrbar und wahrnehmbar werden. Somit wird letztlich auch der Körper selbst erst »konstruiert«. Mit anderen Worten: Körper bzw. Menschen werden normiert und mit einem derart dichten Gewebe verschiedenster Texte, Verordnungen, Handlungs- und Wahrnehmungsweisen als biologische Geschlechter, als Frauen oder Männer markiert, dass sie ohne diese Zuschreibungen gar nicht wahrgenommen werden können – weder von anderen, noch von sich selbst.

Insofern ist sprechen immer auch handeln. Solche Konstruktionen seien in dem Sinne konstitutiv, als dass ein Mensch ohne sie nicht gedacht werden könne und als dass ein Mensch auch sich selber ohne sie nicht denken könne (Butler 2001). Mithin bedeutet »Konstruktion« nicht die Überwindung von totaler Nichtexistenz. Es geht nicht um das Erschaffen von Materie in einer Art Schöpfungsakt. Vielmehr wird ein Körper (zum Beispiel als weiblich und heterosexuell) »konstruiert«, indem er sich so verhält, wie er sich verhält und wie es den soziokulturellen Erwartungen und Anforderungen entspricht. »Wir können versuchen, zur Materie als etwas dem Diskurs Vorgängigen zurückzukehren«, schlägt Butler in Körper von Gewicht