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Die Kraft der Geschichten In 13 knappen Fallgeschichten zeigt Marta Nowak-Kulpa, wie Hypnotherapie bei schweren Erkrankungen die medizinische Behandlung unterstützen, zuweilen gar aus scheinbaren Sackgassen herausführen kann und wie entscheidend dabei die jeweils eigenen Wirklichkeiten der Patient:innen sind. Die Beispiele aus ihrer Arbeit an einer onkologischen Klinik sowie aus ihrer eigenen Praxis illustrieren, wie psychische und physische Gesundheit miteinander verwoben sind und dass therapeutische Geschichten und Metaphern nicht nur Lösungswege aus persönlichen Krisen aufzeigen, sondern auch organische Heilungschancen verbessern können. "Manchmal erzähle ich Geschichten. Mit den Geschichten ist es so eine Sache: Oft kann ich mich nicht erinnern, woher ich sie kenne. Ich trage sie unsortiert in mir und erlaube ihnen, zu stimmiger Zeit an die Oberfläche zu treiben. Meist taucht eine Geschichte ganz unvermittelt aus meinem Unbewussten auf, während ich im Therapiegespräch dem Menschen in meiner Praxis zuhöre. Ob nun bewusst oder im Vertrauen auf das Unbewusste, meist kenne ich den therapeutischen Wert der Geschichten, die ich erzähle." Marta Nowak-Kulpa Die Autorin: Marta Nowak-Kulpa; Dipl.-Psych.; Psychologin und Psychotherapeutin; seit 2007 in eigener Praxis; seit 2012 therapeutische Unterstützung von Patient:innen der Klinik für onkologische Chirurgie und Rekonstruktion in Gliwice.
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Seitenzahl: 92
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Marta Nowak-Kulpa
Nichtalltägliche Psychotherapie
Aus dem Polnischen übersetzt von
Weronika M. Jakubowska
2025
Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Carl-Auer Verlags:
Prof. Dr. Dr. h. c. Rolf Arnold (Kaiserslautern)
Prof. Dr. Bernhard Pörksen (Tübingen)
Prof. Dr. Dirk Baecker (Dresden)
Prof. Dr. Kersten Reich (Köln)
Sebastian Baumann (Mannheim)
Dr. Rüdiger Retzlaff (Heidelberg)
Dr. Carmen Beilfuß (Magdeburg)
Prof. Dr. Wolf Ritscher (Esslingen)
Dr. Michael Bohne (Hannover)
Dr. Dirk Rohr (Köln)
Prof. Dr. Ulrich Clement (Heidelberg)
Dr. Wilhelm Rotthaus (Bergheim bei Köln)
Dr. Angelika Eck (Karlsruhe)
Prof. Dr. Arist von Schlippe (Witten/Herdecke)
Prof. Dr. Jörg Fengler (Köln)
Dr. Gunther Schmidt (Heidelberg)
Torsten Groth (Münster)
Prof. Dr. Siegfried J. Schmidt † (Münster)
Reinert Hanswille (Essen)
Jakob R. Schneider (München)
Dr. Barbara Heitger (Wien)
Prof. Dr. Jochen Schweitzer † (Heidelberg)
Prof. Dr. Johannes Herwig-Lempp (Merseburg)
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Prof. Dr. Bruno Hildenbrand (Jena)
Dr. Therese Steiner (Embrach)
Prof. Dr. Karl L. Holtz (Heidelberg)
Prof. Dr. Dr. Helm Stierlin † (Heidelberg)
Prof. Dr. Heiko Kleve (Witten/Herdecke)
Karsten Trebesch (Dallgow-Döberitz)
Dr. Roswita Königswieser (Wien)
Bernhard Trenkle (Rottweil)
Prof. Dr. Jürgen Kriz (Osnabrück)
Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler (Köln)
Prof. Dr. Friedebert Kröger (Heidelberg)
Prof. Dr. Reinhard Voß (Koblenz)
Tom Levold (Köln)
Dr. Gunthard Weber (Wiesloch)
Dr. Dr. Kurt Ludewig (Münster)
András Wienands (Berlin)
Dr. Stella Nkenke (Wien)
Prof. Dr. Rudolf Wimmer (Wien)
Rainer Orban (Osnabrück)
Prof. Dr. Michael Wirsching (Freiburg)
Dr. Burkhard Peter (München)
Prof. Dr. Jan V. Wirth (Meerbusch)
Themenreihe »Hypnose und Hypnotherapie«
hrsg. von Bernhard Trenkle
Reihengestaltung: Uwe Göbel
Umschlaggestaltung: B. Charlotte Ulrich
Umschlagfoto: © Sidewaypics – stock.adobe.com | KI-generiert
Illustrationen: Maja Kapko
Redaktion: Celine Eßlinger
Satz: Melanie Szeifert
Printed in Germany
Druck und Bindung: CPI
Erste Auflage, 2025
ISBN 978-3-8497-0601-2 (Printausgabe)
ISBN 978-3-8497-8557-4 (ePUB)
© 2025 der deutschen Ausgabe
Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg
Alle Rechte vorbehalten
Die polnische Originalausgabe erschien unter dem Titel
»Opowieści z innej bajki, czyli niepamiętnik psychoterapeutki«.
© 2023 Marta Nowak-Kulpa
Aus dem Polnischen übersetzt von Weronika M. Jakubowska
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Informationen zu unserem gesamten Programm, unseren Autoren und zum Verlag finden Sie unter: https://www.carl-auer.de/.
Vorwort
Es war einmal …
1 Brauche ich eine Therapie?
2 Was am Herz
3 Kalt und warm
4 Der Nebel
5 Im Reich Oz
6 Ein altes Sprichwort
7 Der Fluch
8 Kein Zutritt für Männer
9 Täglich ein Schluck lebendiges Wasser
10 Instant-Therapie oder: Die Spinne auf der Fensterbank
11 Vergiss, dass du dich nicht erinnerst
12 Keine Zeit, muss leben!
13 Geschichten sind gut für die Gesundheit
Hinter den sieben Bergen …
Inspiratorium (ein Wort, das es nicht gibt)
Überraschungsdessert
Aufmachen
Über die Autorin
Wenn du eine Palme im Schatten pflanzt, erwarte keine Kokosnüsse.
(arabisches Sprichwort)
Über 50 Jahre lang stand ich Psychologie und Psychotherapie skeptisch und misstrauisch gegenüber. Gleichzeitig war ich als Onkologe auch nicht der Meinung, man müsse Patienten immer die ganze Wahrheit sagen, selbst im fortgeschrittenen Krebsstadium. Nonsens! Wir dürfen diesen Kranken nicht die Hoffnung nehmen. Und genau das betont die Psychologie. Mit dieser widersprüchlichen Haltung lebte ich lange Jahre, bis mir vor einigen Tagen Marta (Psychotherapeutin an unserem Onkologischen Institut) unvermittelt ein Manuskript auf den Schreibtisch legte. »Ich habe ein Buch geschrieben und möchte Sie bitten, es zu lesen und eine Rezension zu schreiben. Ganz gleich, ob sie positiv oder kritisch ausfällt.«
Marta ist eine starke Persönlichkeit mit einem unerschütterlichen Glauben an ihre Arbeit als Psychotherapeutin und an deren Wirksamkeit. Was blieb mir also anderes übrig? Ich machte mich ans Lesen, unverändert skeptisch und misstrauisch – zu Beginn. Mit der Zeit verwandelte sich meine Befangenheit in Interesse, aus meiner Skepsis wurde Bewunderung, und ich begann zu glauben, was die Autorin in ihren Geschichten schildert. Wie ein leidenschaftlicher Amateur saugte ich mit wachsendem Verständnis die Geschichten auf, verzaubert von den Emotionen und der
schlichten, verständlichen Sprache der Autorin, ohne unnötige Fachausdrücke. So gelangte ich zu der Überzeugung, dass das, was sie hier beschreibt, ihre Emotionen und ihren psychotherapeutischen Geist glaubhaft abbildet. Sie hat mich dazu verführt, durch den Spiegel zu treten, wie Alice im Wunderland, hinein in die Welt der Emotionen, Ängste, der Einsamkeit, der Zweifel und Sorgen ihrer Protagonisten. Und Schritt für Schritt hat Marta mir gezeigt, wie wir den Kampf mit ihnen aufnehmen und siegen können. Eine wahrhafte Jeanne d'Arc der Psychotherapie.
Mich hat sie überzeugt. Dieses Buch muss man lesen, um sich davon zu überzeugen, dass die Psychotherapie untrennbar mit der Organmedizin verflochten ist. Vor allem in Fällen, in denen uns andere Behandlungsmethoden im Stich lassen und es scheint, als gebe es keine Rettung. Marta zeigt uns, dass es sie gibt, und sie hat recht.
Also: Lesen Sie dieses Buch, damit Sie keine Palmen mehr im Schatten pflanzen! Ich jedenfalls habe damit aufgehört.
Bogusław Maciejewski
Nationales Institut für Onkologie Marie Skłodowska-Curie
Gliwice
Manchmal erzähle ich Geschichten. Mit den Geschichten ist es so eine Sache … Oft kann ich mich nicht erinnern, woher ich sie kenne. Einige habe ich gelesen, andere kenne ich aus der Therapieausbildung oder von Menschen, die wissen, welche Freude sie mir mit Geschichten bereiten können. Wieder andere habe ich geträumt … Viele von ihnen sind alt, älter als meine Erinnerung. Ich trage sie unsortiert in mir und erlaube ihnen, zu stimmiger Zeit an die Oberfläche zu treiben. Meist taucht eine Geschichte ganz unvermittelt aus meinem Unbewussten auf, während ich im Therapiegespräch dem Menschen in meiner Praxis zuhöre. Manchmal habe ich eine Vermutung, warum mir gerade diese Geschichte einfällt, manchmal keinen Schimmer. Ob nun bewusst oder im Vertrauen auf das Unbewusste, meist kenne ich den therapeutischen Wert der Geschichten, die ich erzähle. In diesem Buch habe ich Geschichten über meine Patienten1 und über deren Geschichten zusammengetragen. Es sind Ausschnitte aus Therapien im Rahmen meiner Arbeit am Nationalen Institut für onkologische Forschung an der Klinik für onkologische Chirurgie und Rekonstruktion in Gliwice sowie aus meiner privaten Praxis.
Menschen in Therapie hören gerne von möglichen Lösungen. Dabei sind die am wichtigsten, zu denen manselbst gelangt – aber zum Glück kann man sich auch von den Geschichten anderer inspirieren lassen. Die hier geschilderten wahren Begebenheiten berühren unterschiedliche Aspekte der therapeutischen Praxis. Ich teile sie, weil es Zeit ist, sie zu erzählen. Sie sind so weit. Und ich auch.
Werter Leser, rechnen Sie nicht mit einem Schlüssel zur Lektüre! Ich habe die Geschichten so aufgeschrieben, wie ich sie erzähle. Bei manchen mache ich länger Halt, durch andere eile ich hindurch. Sie sind nicht sortiert, weder nach Diagnose des Protagonisten noch nach Ausgang der Therapie. Ähnlich wie Gedanken, ähnlich wie Gefühle … Und ganz ähnlich einem gewöhnlichen Arbeitstag einer Psychotherapeutin. Ich bewege mich durch die unterschiedlichen Welten der Patienten. Innerhalb weniger Stunden kann ich mit jemandem seine Trauer teilen, die Freude über eine überwundene Schwierigkeit, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft oder auch deren Ende. Wenn sich die Praxistür schließt, endet eine Geschichte, und es beginnt die nächste. Wie das Umblättern einer Buchseite: ein neues Kapitel, neue Erlebnisse. Erlauben Sie sich also, intuitiv zu lesen, so, wie es für Sie passt, in Ihrem Tempo, auf Ihre Art. Alle Geschichten auf einmal oder immer nur eine. Mit dem Kommentar am Ende der Geschichte oder mit Ihren eigenen Gedanken dazu. Ich freue mich, dass Sie meine Einladung zu dieser Erzählung annehmen. Schließlich gibt es kein Märchen ohne jemanden, der ihm lauscht, in diesem Fall jemanden, der es liest.
Zwar spinne ich zuweilen auch Geschichten in Therapiegesprächen, doch jetzt kommen ganz andere Geschichten. Fangen wir also an …
1Zur besseren Lesbarkeit wird in diesem Text das generische Maskulinum verwendet. Gemeint sind jedoch alle Geschlechter.
Äußere deine Wahrheit ruhig und klar und höre anderen zu, […] auch sie haben ihre Geschichte.2
Frau A. kam im ersten Jahr meiner Praxistätigkeit zu mir. Ihre Psychiaterin, bei der sie wegen Schlaflosigkeit und Stimmungsschwankungen in Behandlung war, hatte es ihr empfohlen. Die vitale und erfolgreiche Juristin Anfang vierzig stieg ohne viel Federlesens ein:
»Meine Ärztin meint, ich brauche eine Therapie. Sie hat darauf bestanden, dass ich zu Ihnen komme. Ich habe nur eingewilligt, damit sie mich damit endlich in Ruhe lässt. Ich habe ihr erklärt, dass ich schon zurechtkomme, aber sie ist der Meinung, ich sollte das mit Ihnen besprechen. Also?«
»Da bin ich selbst gespannt«, entgegnete ich. »Erzählen Sie mir doch bitte von Ihrer Situation.«
Frau A. seufzte und begann eine lange Erzählung darüber, wie ihr Leben Schritt für Schritt komplizierter wurde. Dass sie alleinerziehende Mutter war, gab ihr gleichzeitig Kraft und war Quelle ihrer Müdigkeit. Sie führte erfolgreich ein Unternehmen und brachte es voran. Im Grunde verlief ihr Leben ziemlich ruhig, und sie hatte ein gutes Auskommen. Bis sie sich unglücklich in einen Mann verliebte, der sie hinterging, ihr eine Menge Schwierigkeiten bereitete und Konflikte mit Freunden herbeiführte.Als Frau A. zu mir kam, machte sie sich Sorgen um die Zukunft ihres Kindes, um die Firma und hatte außerdem ein gebrochenes Herz. Sie funktionierte jedoch so gut, wie es unter diesen Umständen möglich war. Als sie also ihre Erzählung mit der Frage beendete »Und, wie sieht es aus? Brauche ich eine Therapie oder nicht?«, war ich beeindruckt von ihrer Tatkraft. Ohne zu zögern, antwortete ich: »Sicherlich brauchen Sie keine Therapie, um zu überleben, denn Sie kommen sehr gut zurecht. Aber vielleicht ist das ein guter Zeitpunkt, um sich für andere Lösungen zu öffnen. In dem Fall kann eine Therapie hilfreich sein.«
»Aha!«, freute sich die Patientin. »Ich brauche also keine Therapie! Das hatte ich mir gedacht. Ich danke Ihnen für die Bestätigung. Auf Wiedersehen!«
Und sie ging.
Zwei Jahre später kam Frau A. erneut zu mir. Meine Praxis lag inzwischen nicht mehr in dem Altbau am Markt in Gliwice, sondern in einem niedrigen Gebäude am Stadtrand. Frau A. machte mich am neuen Ort ausfindig und vereinbarte einen Termin. An ihrer Geschichte war vieles besonders (was ich hier nicht offenlegen kann), und ich hatte sie noch gut in Erinnerung. Wie beim letzten Mal strotzte Frau A. vor Energie und schilderte ihre Geschichte detailreich. Sie begann mit den Worten »Sie hatten recht. Ich brauchte damals keine Therapie. Ich habe das alles gut hinbekommen. Die Beziehung ist zum Glück beendet, und ich konnte meine Verluste angemessen betrauern. Meine wirklich engen Freunde sind an meiner Seite geblieben, und auch die Firma läuft wieder gut … Ich habe sogar Zeit für mich. Allerdings mache ich mir Sorgen um meinen Sohn im Teenageralter. Wir verstehen uns einfach nicht. Er sucht den Kontakt zu seinem Vater, der will aber keinen Kontakt. Und ich weiß einfach nicht, wie ich meinen Sohn unterstützen kann … Irgendetwas mache ich falsch, wir streiten uns immerzu.« Sie schilderte das in allen Details und erzählte mir eine halbe Stunde lang, wie ihr Leben jetzt aussah. Am Ende fragte sie: »Und, was meinen Sie jetzt? Brauche ich eine Therapie oder nicht?«
