Gespenster-Krimi 191 - Henry Cardell - E-Book

Gespenster-Krimi 191 E-Book

Henry Cardell

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Beschreibung

Die Fans unserer Gespenster-Krimis kennen Lady Mildred Enderby als erfahrene Dämonenjägerin, die ihrem manchmal etwas tollpatschigen Butler und Mitstreiter Isaac Finley noch einiges beibringen muss. Doch wie wurde Lady Mildred zur Kämpferin gegen mordgierige Geister und andere übernatürliche Bedrohungen? In einer stürmischen Nacht, während der Wind um Battlecrease House heult, erzählt Lady Mildred ihrem Butler, wie sie sich als Elfjährige erstmals an der Seite ihres Bruders dem Übersinnlichen stellte. Damals, im Jahr 1959, musste die kleine Millie erfahren, dass die Geschichten von Monstern unterm Bett keine Erfindungen sind und der Kinderschreck mehr ist als nur eine Schauergestalt ...

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Seitenzahl: 141

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Cover

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Der Kinderschreck

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Impressum

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Inhaltsverzeichnis

Inhaltsbeginn

Impressum

Der Kinderschreck

von Henry Cardell

Das menschenähnliche Wesen, das mich aus rabenschwarzen Augen anstarrt, scheint direkt einem meiner schlimmsten Albträume entsprungen zu sein! Mit ausgebreiteten, dürren Armen schwebt es in der Luft; seine scharfen Klauen sehen aus, als wären sie in der Lage, mühelos eine dicke Schicht Stahl zu zerteilen. Zwischen den schmalen Schulterblättern ragt ein gewaltiges Paar ledriger Flügel hervor, die eher zu einem Drachen passen als zu einer Fledermaus, obwohl Letzteres mein erster Gedanke ist.

Auf den Flughäuten sehe ich zahlreiche Venen, dick wie der Unterarm eines Mannes. Das Gesicht, das entfernt weibliche Züge aufweist, ist ausgezehrt und hat die Farbe von erkalteter Asche. Aus dem weit offen stehenden Maul hängt eine violette, feucht schimmernde Zunge, so lang wie eine ausgewachsene Kreuzotter. Die wirren Haare, die diese Fratze des Schreckens umrahmen, sind strähnig und ebenso schwarz wie die leblosen Augen.

Neben den nackten, hängenden Brüsten mit den dunklen Warzen erkenne ich deutlich die Rippenbögen unter der bleichen Haut. Und als wäre das alles nicht genug, um jeden Menschen in den Wahnsinn zu treiben, setzt schließlich der Unterkörper der Kreatur dem schrecklichen Gesamtbild endgültig die Krone auf: Er existiert nämlich nicht!

Direkt unterhalb des Bauchnabels endet der widerliche Leib in einer breiten, ausgefransten Wunde, die aussieht, als hätte jemand das schwebende Geschöpf mit brachialer Gewalt in der Mitte auseinandergerissen. Blutige Darmschlingen und Eingeweide baumeln herab und schimmern wie rohes Fleisch.

Trotzdem strahlt dieser in der Luft stehende Torso eine Gefahr aus, die ihresgleichen sucht. Es kostet mich eine Menge Kraft, die Angst und die Übelkeit, die in mir aufzusteigen droht, erfolgreich zu unterdrücken.

»Nun, was denken Sie, Isaac?«

Die Stimme meiner Dienstherrin Lady Mildred Enderby dringt wie durch Watte an mein Ohr. Es dauert einen Moment, bis ich in der Lage bin, den Blick von dem abscheulichen Wesen loszureißen und angemessen auf die Frage der alten Dame zu reagieren.

»Manananggal«, bringe ich leise hervor und hoffe, dass ich den Namen des Dämons richtig ausgesprochen habe. »Ein Blutsauger von den Philippinen, der bevorzugt schwangere Frauen im Schlaf überfällt.«

»Sehr gut, mein Junge!« Lady Mildred klatscht erfreut in die Hände. »Und wie vernichtet man ihn?«

Ich schlucke schwer und versuche, meine Gedanken zu ordnen.

»Man muss seinen zurückgelassenen Unterkörper finden, die Wunde mit Knoblauch einreiben und ihn verbrennen.«

»Exakt, Isaac«, bestätigt Lady Mildred begeistert. »Wenn der Manananggal nicht mehr in der Lage ist, sich nach seinen nächtlichen Ausflügen mit dem anderen Teil seines Leibes zu verbinden, vernichten ihn die Sonnenstrahlen des folgenden Tages. Wirklich sehr gut.«

Die wöchentlichen Übungsstunden mit der passionierten Geisterjägerin, die jeden zweiten Abend in der Bibliothek von Battlecrease House stattfinden, sind stets ebenso spannend wie nervenaufreibend. Der Gedanke, dass all diese Wesen tatsächlich existieren (und das es so ist, daraus macht Lady Mildred keine einzige Sekunde lang einen Hehl), ist absolut beängstigend. Tief in meinem Innersten hoffe ich, dass ich niemals in die Situation gerate, einer solch schrecklichen Kreatur leibhaftig zu begegnen. Besonders nicht an einem stürmischen Abend wie diesen, an dem der Regen heftig gegen die Fensterscheiben prasselt und der Wind um die Ecken des Hauses pfeift.

Lady Mildred legt das in Öl gemalte Bild des Manananggals, das sie mir bis eben hingehalten hat, auf ihrem Schreibtisch ab und zieht aus einem Stapel Farbausdrucke, der daneben liegt, das nächste hervor. So furchterregend der Dämon auf der vorigen Abbildung war, so kurios ist der, den ich auf der jetzigen erkenne.

Auf den ersten Blick ähnelt das kleine Geschöpf einem menschlichen Embryo, den ein wahnsinniger Künstler versucht hat, aufs Papier zu bringen. Es schwimmt in einer trüben Flüssigkeit in einer Art Reagenzglas, die runden, gelblichen Augen weit aufgerissen. Der bleiche Schädel hat annähernd die Ausmaße des restlichen Körpers, was die gesamte Kreatur mitsamt den spitzen Zähnen grotesk und bizarr wirken lässt.

Diesmal fällt mir die Bezeichnung sofort ein.

»Homunculus!«, rufe ich stolz aus. »Ein von Alchemisten erschaffener künstlicher Mensch, der in der Lage ist, mit Dämonen zu kommunizieren.«

»Ausgezeichnet, Isaac«, sagt Lady Mildred und legt auch dieses Bild auf dem Stapel ab. »Allerdings besitzt er diese Fähigkeit nur, wenn sein Schöpfer es schafft, ihn erfolgreich bis zum Erwachsenenalter aufzuziehen. Was bis heute glücklicherweise nur äußerst selten gelungen ist.«

Sie beginnt konzentriert in einem alten Buch mit verschlissenem Ledereinband zu blättern.

»Das hier wird Ihnen bestimmt gefallen«, sagt sie, und ein leichtes Schmunzeln huscht über ihr Gesicht. »Bevor wir unsere heutige Dämonenkunde beenden, noch ein letztes Bild ...«

Sie hält mir die aufgeschlagene, vergilbte Seite des Buches hin. Und als ich erkenne, was der mittelalterliche Kupferstich in feinen Linien zeigt, muss auch ich mir ein Lächeln verkneifen.

»Ein Werwolf«, sage ich trocken und hebe eine Augenbraue. »Sehr witzig, Ma'am.«

Natürlich habe ich diese Kreatur auf Anhieb erkannt. Schließlich stellte ein leibhaftiger Werwolf vor nicht allzu langer Zeit meine erste Begegnung mit dem Übernatürlichen dar.* Und wenn man einmal Auge in Auge einer solchen Bestie gegenübergestanden hat, vergisst man das sein Leben lang nicht mehr.

»Sie müssen mir verzeihen, mein lieber Isaac.« Die alte Dame grinst schelmisch, schlägt das Buch zu und legt es auf einen weiteren Stapel. »Aber auch ich verspüre zuweilen den Drang nach einem subtilen Scherz. Wenn Sie dann keine Fragen mehr haben, möchte ich Sie bitten, die Bücher wieder ins Regal zu stellen und das Feuer im Kamin zu löschen. Danach können Sie sich für heute zurückziehen.«

Ich erhebe mich von meinem Stuhl und mache mich erleichtert daran, die verschiedenen Ansammlungen auf der Tischplatte zu ordnen und zu sortieren. Ein anstrengender Tag liegt hinter mir, und ich bin froh, dass ich mich bald in mein Bett legen, mir die Decke über den Kopf ziehen und das Ende des Sturms abwarten kann.

Als Erstes packe ich den hohen Berg alter Bücher, der mir am nächsten liegt. Doch durch eine ungeschickte Bewegung rutscht der oberste Foliant herunter und landet mit einem klatschenden Geräusch aufgeschlagen vor mir auf dem Boden.

»Seien Sie bitte äußerst vorsichtig, Isaac«, höre ich Lady Mildred sagen, die im Begriff ist, den Raum zu verlassen. »Manche dieser Bücher sind weit älter als Battlecrease House und entsprechend wertvoll.«

Eigentlich gebietet mir in diesem Moment mein Butler-Instinkt, mich aufrichtig bei der alten Dame für das Missgeschick zu entschuldigen. Allerdings bin ich von dem Bild, das mir die aufgeschlagene Seite des heruntergefallenen Buches zeigt, so fasziniert, dass ich kein Wort herausbekomme.

Der Anblick des Dämons ist weit furchterregender als der des Manananggals, obwohl er ihm entfernt gleicht, so wie ein Tiger einem Löwen.

Auch dieses Geschöpf hat langes, schwarzes Haar, das ihm in Strähnen über die Schulter fällt, wenngleich das Gesicht diesmal eindeutig männliche Züge aufweist. Die großen Augen ähneln weißen Murmeln, das Maul ist unnatürlich weit aufgerissen. Die Haut, die sich dünn und beinahe durchsichtig über die Knochen spannt, hat die Farbe von verfaultem Fleisch. Die Arme sind wie die eines Affen auffällig lang, die Hände haben jeweils drei gefährlich aussehende, elfenbeinfarbene Krallen. Die kräftigen Beine sind angewinkelt, und die Füße scheinen an dem Fels, auf dem der Dämon hockt, regelrecht festgeklammert zu sein.

Der unbekannte Künstler hat es geschafft, den unbändigen Zorn und den gnadenlosen Blutdurst dieser Bestie auf eine so bedrohliche und intensive Weise darzustellen, dass es mir kalt über den Rücken läuft. Doch das, was den Anblick im Vergleich zu dem des Manananggals auf eine noch höhere Stufe des Schreckens hebt, ist das hilflose, nackte Kleinkind, das die Kreatur zwischen ihren Klauen hält.

Ich erkenne erschüttert, dass ein großes Stück seiner Schulter abgebissen ist. Das Kind hat den Mund zu einem stummen Hilferuf voller Schmerz und Todesangst weit aufgerissen. In seinen Augen funkelt der Wahnsinn. Fast bilde ich mir ein, diesen letzten verzweifelten Schrei in meinem Schädel widerhallen zu hören.

»Was ist das?«, frage ich entsetzt niemand Bestimmten, registriere jedoch unbewusst, dass Lady Mildred aufgrund meiner Starre kehrtgemacht hat und sich langsam wieder nähert.

Ich versuche, irgendwo auf der Seite mit dem schrecklichen Bild den Namen des Dämons zu finden. Allerdings bin ich nicht in der Lage, den Text, der unter der Abbildung steht, zu entziffern. Die schwungvollen Schriftzeichen sind in einer mir fremden Sprache verfasst, die entfernt an das Arabische erinnert.

Als ich mich bücke, um das Buch mit zitternden Fingern aufzuheben, bemerke ich, wie meine Vorgesetzte herangetreten ist und mir mit eingefrorenem Blick über die Schulter sieht. Ihr Mund ist nur ein blasser feiner Strich, und auch aus ihrem restlichen Gesicht scheint jede Farbe gewichen zu sein.

Es dauert eine Weile, bis sie bemerkt, dass ich sie fragend anstarre. Als es so weit ist, verziehen sich ihre Lippen zu einem gequälten Lächeln, dessen gespielte Heiterkeit ich ihr keine einzige Sekunde abnehme.

»Wir nannten es früher den Kinderschreck«, sagt sie mit zittriger Stimme, die ihr Lächeln Lügen straft.

Kinderschreck?, wiederhole ich in Gedanken und möchte fast den Kopf schütteln. Diese brutale und angsteinflößende Kreatur auf dem Bild sieht aus, als könne sie nicht nur Kinder, sondern eine ganze Gruppe Männer bis ins Mark erschüttern.

»Sind Sie einem solchen ... Ding schon einmal begegnet?«

Ich bereue die Frage in dem Moment, als sie meinen Mund verlässt. Es würde mich nicht wundern, wenn Lady Mildred mir den Rücken zukehren und wortlos aus der Bibliothek verschwinden würde. So greifbar liegt ihre Erschütterung in der Luft, seit ich sie auf die Abbildung angesprochen habe.

»O ja«, sagt sie stattdessen, und ich spüre, wie mehr feine Eiskristalle mein Rückgrat herunterrieseln. »Tatsächlich war eines dieser Wesen das erste übernatürliche Geschöpf, mit dem ich in meinem Leben Kontakt hatte.«

Sie hebt den Kopf und blickt geistesabwesend die langen Reihen von Bücherregalen entlang, die sich an die Wände des Raumes schmiegen. Draußen grollt ein naher Donner über die Landschaft Buckinghamshires.

»Das war im Jahr 1959, und ich war gerade elf Jahre alt geworden.«

Ich zucke innerlich zusammen. Die Vorstellung, dass Lady Mildred einmal so jung gewesen war, ist für mich schon unvorstellbar, aber dass sie in diesem zarten Alter schon einem solchen Monster begegnet sein soll, erschüttert mich geradezu.

»Der wahre Name des Dämons lautet ...« Die alte Dame hält kurz inne und fixiert mich mit ihren kleinen Augen. »Nun, möchten Sie vielleicht die ganze Geschichte hören, Isaac?«

»Selbstverständlich, Ma'am«, sage ich ohne Zögern. Schließlich passiert es äußerst selten, dass Lady Mildred etwas aus ihrer Vergangenheit preisgibt. Es wäre ausgesprochen dumm von mir, dieses Angebot abzulehnen.

Sie geht zu einem der bequemen Lesesessel, die unter dem breiten Fenster der Bibliothek stehen, nimmt dort Platz und streicht sich eine imaginäre Falte aus dem grauen Wollrock.

Nachdem ich das Buch mit dem verstörenden Bild aufgehoben und zurück auf den Schreibtisch gelegt habe, geselle ich mich zu der alten Dame und nehme ihr gegenüber Platz.

Ein Blitz zuckt über Battlecrease House und taucht die Gartenanlage hinter der Scheibe für eine Sekunde in gleisendes Licht. Keinen Wimpernschlag später kracht ein weiterer Donnerschlag über unsere Köpfe hinweg, so heftig, dass es die Gläser und Flaschen auf einer der Kommoden zum Vibrieren bringt.

Lady Mildred stößt einen leisen Seufzer aus, und ich bemerke, dass ihre Augen feucht schimmern.

»Sie müssen mir aber nur davon erzählen«, sage ich sanft und schenke ihr nun meinerseits ein aufrichtiges Lächeln, »wenn es Sie nicht allzu sehr belastet.«

Sie beugt sich leicht nach vorn und tätschelt mir die rechte Hand, die auf meinem Oberschenkel liegt.

»Nein, nein, mein Lieber«, beschwichtigt sie mich und lehnt sich zurück in den Sessel. »Der Vorfall ist nur schon so unglaublich lange her. Aber womöglich können Sie eine ganze Menge aus ihm lernen. Wie gesagt, es war im Jahr 1959, als ich gerade elf Jahre alt geworden war ...«

Und dann beginnt Lady Mildred mit anfangs brüchiger Stimme, ihre verrückte Geschichte zu erzählen, während ...

... der Regen und der Wind von draußen heftig gegen das Fenster rauschten.

Die siebenjährige Katherine Mable zog verängstigt die Bettdecke bis unters Kinn und atmete den Geruch des frisch gewaschenen und gestärkten Stoffes ein. Normalerweise beruhigte sie dieses sichere Gefühl von Geborgenheit und Wärme, doch der Sturm tobte in dieser Nacht so erbittert, dass das kleine Mädchen nicht zur Ruhe kam und in der Lage gewesen wäre, einen erholsamen Schlaf zu finden.

Dabei liebte sie den Wind eigentlich abgöttisch. Es gefiel ihr, wenn sie sich tagsüber im Freien aufhielt und er ihr zärtlich ins Gesicht blies. Egal, ob im frühen Herbst, in dem er sich erfrischend kühl anfühlte und ihr eine Gänsehaut auf den Oberarmen verursachte, oder im Sommer, wenn er ihr herrlich warm entgegenwehte.

Am schönsten war es jedoch, wenn er manchmal feine Regentropfen mit sich führte, die auf ihrer Haut kitzelten und sie zum Lachen brachten. Auch sehr wuchtige Windböen machten Katherine im Normalfall nichts aus. Im Gegenteil. Ab und zu hatte sie sogar erlebt, dass diese so stark waren, dass sie sich mit flatterndem Mantel und ausgebreiteten Armen einfach dagegen lehnen konnte und sich dabei frei wie ein Vogel im blauen Himmel fühlte.

Aber der Wind, der schon seit Stunden mit solcher Gewalt um das Haus kreischte, als wolle er es aus seinem Fundament reißen, war nur gemein und angsteinflößend. Dazu gesellte sich zu allem Überfluss der peitschende Regen, der unablässig gegen die Fensterscheibe ihres Kinderzimmers prasselte und wie tausend dürre Knochenfinger auf das Dach des Hauses trommelte.

Als ein krachender Donnerschlag erneut die Wände erschütterte, zog das kleine Mädchen zum wiederholten Male in Erwägung, aufzustehen und sich zu Mommy und Daddy ins Bett zu schleichen. Aber immer, wenn sie kurz davor war, sich aus ihrer Decke zu wickeln und in ihre weichen Pantoffeln zu schlüpfen, erinnerte sie sich an eine Geschichte, die ihr Vater erst vor einiger Zeit beim Dinner zum Besten gegeben hatte.

Stolz hatte er davon erzählt, wie er eines Tages, als er selbst ein kleiner Junge gewesen war, einen schlimmen Sturm überstanden hatte, während er mit Großvater auf dessen Boot auf dem Meer unterwegs gewesen war. Turmhohe eiskalte Wellen waren krachend über ihren Köpfen zusammengeschlagen und wollten den winzigen Kahn mit aller Gewalt unter die Wasseroberfläche drücken. Das ohrenbetäubende Fauchen des Windes und das stetige Grollen des Donners hatten sich mit dem Knarzen der bis zum Zerreißen gespannten Taue und Seile vermischt, während Großvater und er um ihr Leben kämpften.

Katherine war mächtig beeindruckt von Vaters Erzählung gewesen, da er laut eigener Aussage zu keiner Zeit Angst gehabt und Grandpa sogar dabei geholfen hatte, das Boot erfolgreich aus dem Unwetter zu lenken.

Nein, dachte sie, da konnte sie unmöglich nur wegen eines heftigeren Gewitters wie ein ängstliches Hündchen unter die Bettdecke ihrer Eltern kriechen. Immerhin war sie schon ein großes Mädchen, worauf ihre Mutter bei jeder sich bietenden Gelegenheit hinwies.

Stattdessen zog sie die Decke ein Stückchen höher, bis sie ihre Nasenspitze berührte. Dabei beobachtete sie fasziniert die Schlieren an der Fensterscheibe, die der Regen verursachte und die in einem nie vorherzusagenden Muster daran herabliefen.

Plötzlich hielt Katherine erschrocken die Luft an, denn sie glaubte, eine ungewöhnliche Bewegung am unteren Fensterrahmen wahrgenommen zu haben.

Und tatsächlich schob sich nach einigen Sekunden in quälender Langsamkeit ein großer Schatten in die Höhe, der einem grotesken menschlichen Kopf ähnelte.

Die Augen des Mädchens benötigten einen Moment, um die feinen Wasserstreifen an der Scheibe auszublenden und sich stattdessen ganz auf den Umriss der merkwürdigen Gestalt zu konzentrieren, die dahinter lauerte.

Ein erneuter Blitz tauchte das Zimmer des kleinen Mädchens in ein helles weißes Licht, und für eine Sekunde erkannte Katherine jedes Detail einer monströsen Fratze, die sie bewegungslos mit toten Augen anstarrte!

Das Licht verschwand so schnell, wie es gekommen war, und was folgte, war ein dröhnender Donner, der Katherine und ihre überbordende Einbildungskraft auszulachen schien. Aber es war keine Einbildung. Von dem unmenschlichen Kopf waren nach wie vor die Umrisse zu erkennen, die sich scharf vor dem bleifarbenen Himmel abzeichneten.

Bevor Katherine auf den unerwarteten Schrecken reagieren konnte, geschah etwas noch viel Schlimmeres, das den ersten Blick auf die furchterregende Erscheinung auf einmal fast harmlos wirken ließ.

Mit einem schleifenden Geräusch schob die Kreatur das Fenster langsam nach oben, woraufhin der tosende Wind in das Zimmer brauste. Er riss mehrere selbst gemalte Bilder von der Wand, die laut raschelnd und flatternd wie übergroße Motten durch den Raum schwebten.

Das menschenähnliche Geschöpf kroch einer gigantischen Schnecke gleich über den Fenstersims hinunter auf die Holzdielen des Fußbodens. Dabei verursachte es ein schabendes Geräusch, das dafür sorgte, dass sich Katherines Nackenhärchen aufstellten.

Dann richtete es sich zu seiner vollen Größe auf und blieb auf zwei kräftigen Beinen mitten im Kinderzimmer des kleinen Mädchens stehen.

Soweit sie es in der Dunkelheit erkannte, die alles zu verzerren schien, war das Wesen beinahe so groß wie Vater. Ungewöhnlich waren jedoch die langen Arme, die fast bis zum Boden reichten. Rabenschwarzes, zerzaustes Haar wehte im Wind und bewegte sich wie die Schlangen auf dem Haupt der Medusa.

Obwohl es so düster war, sah Katherine auf der runzligen Haut unzählige Regentropfen, die an dem Körper herabrannen, auf die Holzdielen klatschten und sich dort in Pfützen sammelten.

Doch am schlimmsten war der Gestank!