10,99 €
Es ist die schwierigste und zugleich faszinierendste Frage aller Zeiten: Warum gibt es unser Universum? Weshalb ist es entstanden? Wieso existieren Materie und Bewusstsein, Raum und Zeit? Lässt sich überhaupt eine Antwort finden – oder ist das nur der Traum eines verrückten Philosophen? Jim Holt hat sich auf die Suche nach einer Lösung gemacht. Wie ein Detektiv geht er Spuren nach, spekuliert, kombiniert, experimentiert und sucht wichtige Zeugen auf: Physiker, Theologen, Philosophen und nicht zuletzt John Updike. Am Ende seiner spannenden Erkundung steht die Frage nach unserem eigenen Platz im Universum, nach unserer Existenz und unserer Endlichkeit.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 538
Veröffentlichungsjahr: 2014
Jim Holt
Eine philosophische Detektivgeschichte
Es ist die schwierigste und zugleich faszinierendste Frage aller Zeiten: Warum gibt es unser Universum? Weshalb ist es entstanden? Wieso existieren Materie und Bewusstsein, Raum und Zeit? Lässt sich überhaupt eine Antwort finden – oder ist das nur der Traum eines verrückten Philosophen?
Jim Holt hat sich auf die Suche nach einer Lösung gemacht. Wie ein Detektiv geht er Spuren nach, spekuliert, kombiniert, experimentiert und sucht wichtige Zeugen auf: Physiker, Theologen, Philosophen und nicht zuletzt John Updike. Am Ende seiner spannenden Erkundung steht die Frage nach unserem eigenen Platz im Universum, nach unserer Existenz und unserer Endlichkeit.
Die amerikanische Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel
«Why Does the World Exist?An Existential Detective Story» bei Liveright Publishing Corporation, A Division of W.W. Norton Company, New York.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Januar 2016
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe
© 2014 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
"Why Does the World Exist?An Existential Detective Story" © 2012 by Jim Holt
All rights reserved
Redaktion Karin Schneider
Auszug aus Epistemology aus Ceremony and Other Poems © 1950, erneuert 1978 by Richard Wilbur, Neuausgabe mit Genehmigung von Houghton Mifflin Harcourt Publishing Company.
Umschlaggestaltung ANZINGER | WÜSCHNER | RASP, München
Umschlagabbildung Rene Magritte, Ceci n'est pas une pipe, © VG Bild-Kunst, Bonn 2013
ISBN 978-3-644-02801-2
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.
Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.
Im Text enthaltene externe Links begründen keine inhaltliche Verantwortung des Verlages, sondern sind allein von dem jeweiligen Dienstanbieter zu verantworten. Der Verlag hat die verlinkten externen Seiten zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung sorgfältig überprüft, mögliche Rechtsverstöße waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Auf spätere Veränderungen besteht keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.
www.rowohlt.de
Prolog
1 Dem Geheimnis trotzen
Zwischenspiel Könnte unsere Welt von einem Hacker geschaffen worden sein?
2 Philosophische Tour d’Horizon
Zwischenspiel Arithmetik des Nichts
3 Eine kurze Geschichte des Nichts
4 Der große Verweigerer
5 Endlich oder unendlich?
Zwischenspiel Nachtgedanken im Café de Flore
6 Der induktive Theist aus North Oxford
Zwischenspiel Das höchste brute fact
7 Der Magier des Multiversums
Zwischenspiel Das Ende der Erklärungen
8 Der endgültige «free lunch»?
Zwischenspiel Ekel
9 Warten auf die Weltformel
Zwischenspiel Ein Wort zu vielen Welten
10 Platonische Überlegungen
Zwischenspiel It from bit?
11 «Das ethische Erfordernis, dass etwas ist»
Zwischenspiel Ein Hegelianer in Paris
12 Das letzte Wort Aller Seelen
Briefliches Zwischenspiel Der Beweis
13 Die Welt als ein kleines Scherzgedicht
14 Das Selbst: Existiere ich wirklich?
15 Rückkehr ins Nichts
Epilog Über der Seine
Danksagung
Register
Leseprobe
Schneller Beweis, dass etwas sein muss und nicht nichts sein kann, für Leute, die viel um die Ohren haben
Nehmen Sie an, es gebe nichts. Dann gäbe es keine Gesetze; denn Gesetze sind schließlich etwas. Gäbe es keine Gesetze, wäre alles erlaubt. Wäre alles erlaubt, wäre nichts verboten. Wenn es also nichts gäbe, wäre nichts verboten. Also schließt nichts sich selbst aus. Folglich muss es etwas geben. Was zu beweisen war.
Woher kam unser Universum? Lässt seine bloße Existenz nicht darauf schließen, dass eine höchste Schöpfungskraft im Spiel war? Stellt ein Gläubiger diese Frage einem Atheisten, ruft sie in der Regel eine von zwei Antworten hervor. Entweder sagt der Atheist: «Wenn Sie eine solche ‹Schöpfungskraft› postulieren, müssen Sie bereit sein, noch eine zweite zu postulieren, um die Existenz der ersten zu erklären, und eine dritte als Ursprung der zweiten und so fort. Mit anderen Worten, Ihr Versuch endet in einem unendlichen Regress.» Die andere Antwort eines Atheisten lautet, dass, selbst wenn es eine höchste Schöpfungskraft geben sollte, kein Grund bestehe, sie sich als gottähnlich vorzustellen. Warum muss die erste Ursache ein unendlich weises und gutes Wesen sein, gar nicht zu reden davon, dass es sich in allen Einzelheiten für unsere innersten Gedanken und unser Sexualleben interessiert? Warum sollte es überhaupt ein Bewusstsein haben?
Die Vorstellung, dass unser Kosmos irgendwie von einem intelligenten Wesen «gemacht» worden sei, mag allzu simpel, wenn nicht gar völlig verrückt erscheinen. Doch bevor wir sie vollkommen verwerfen, sollten wir uns vielleicht anhören, was Andrei Linde dazu zu sagen hat, der sich intensiver als jeder andere Forscher mit der Frage beschäftigt hat, wie der Kosmos entstanden sein könnte. Linde ist ein russischer Physiker, der 1990 in die USA eingewandert ist und heute an der Stanford University lehrt. Noch als junger Mann in Moskau entwickelte er eine neue Urknalltheorie, die drei verzwickte Fragen beantwortete: Was knallte? Warum knallte es? Und was war, bevor es knallte? Lindes Theorie, die sogenannte chaotische Inflation, erklärte die allgemeine Form des Raums und die Galaxienbildung. Sie sagte auch das exakte Muster der vom Urknall übrig gebliebenen Hintergrundstrahlung voraus, das der COBE-Satellit in den neunziger Jahren entdeckte.
Unter all den seltsamen Implikationen der Linde’schen Theorie ist eine der verblüffendsten Erkenntnisse, dass es gar nicht so schwierig ist, ein Universum zu erschaffen. Dazu sind weder Ressourcen in kosmischer Größenordnung noch übernatürliche Kräfte erforderlich. Es wäre sogar für jemanden in einer nicht viel weiter fortgeschrittenen Zivilisation als der unseren möglich, in einem Labor ein neues Universum zu basteln. Was uns zu einem faszinierenden Gedanken führt: Könnte unser Universum so entstanden sein?
Linde ist ein gut aussehender, korpulenter Mann mit dichter, weißer Mähne. Unter Kollegen genießt er einen legendären Ruf dank seiner Fähigkeit, selbst in leicht angetrunkenem Zustand noch zu akrobatischen Kunststücken und verblüffenden Taschenspielertricks fähig zu sein.
«Als ich die Theorie der chaotischen Inflation entwickelte, stellte ich fest, dass man, um ein Universum wie das unsere entstehen zu lassen, lediglich ein Tausendstel Gramm Materie braucht», erklärte Linde mir in seinem Englisch mit russischem Akzent. «Das genügt, um ein Klümpchen Vakuum zu erzeugen, das sich zu Milliarden und Abermilliarden Galaxien aufbläht, wie wir sie um uns herum sehen. Das sieht nach einem Trick aus, aber so funktioniert die Inflationstheorie nun einmal – alle Materie im Universum wird von der negativen Energie des Gravitationsfelds erzeugt. Was also hindert uns, ein Universum im Labor zu erschaffen? Wir wären wie Götter!»
Ich sollte wohl erwähnen, dass Linde berüchtigt ist für seine verschmitzt-hintergründigen Scherze, und auch in dieser Äußerung war die Ironie unüberhörbar. Aber er versicherte mir, dass die Labor-Kosmogenese durchaus machbar sei, zumindest im Prinzip.
«Es gibt ein paar Lücken in meinem Beweis», räumte er ein. «Aber nach allem, was ich gezeigt habe – und Alan Guth [der die Inflationstheorie mitentwickelt hat] sowie andere, die auf diesem Gebiet arbeiten, sind zu dem gleichen Ergebnis gelangt –, können wir die Möglichkeit nicht ausschließen, dass unser Universum von jemand geschaffen wurde, dem einfach danach zumute war.»
Mir fiel auf, dass sein Entwurf einen Haken hatte. Würde man im Labor einen Urknall auslösen, müsste sich das Babyuniversum dann nicht in unserer Welt ausdehnen, die Menschen zerquetschen, die Gebäude zermalmen und so fort?
Linde versicherte mir, dass dergleichen nicht zu befürchten sei. «Das neue Universum würde in sich selbst expandieren», sagte er. «Sein Raum wäre so gekrümmt, dass er seinem Schöpfer winzig wie ein Elementarteilchen erschiene. Vielleicht würde es sogar völlig aus dessen Welt verschwinden.»
Doch warum sollten wir uns die Mühe machen, ein Universum herzustellen, wenn es sich uns entzöge wie Eurydike einst den Händen des Orpheus? Würden wir uns nicht eine quasi göttliche Macht über unsere Schöpfung wünschen, um in der Lage zu sein, ihre Entwicklung zu verfolgen, zu beeinflussen und dafür zu sorgen, dass die Wesen, die sich darin entwickelten, wohlgeraten wären? Lindes Schöpfer schien große Ähnlichkeit mit dem von Voltaire und US-Amerikas Gründervätern bevorzugten Gottesbegriff zu haben – einem Wesen, das unser Universum geschaffen und in Gang gesetzt hatte, aber sich dann nicht weiter für seine Geschöpfe interessierte.
«Sie haben es erfasst», sagte Linde mit einem amüsierten Schnauben. «Zunächst glaubte ich, der Schöpfer könne Informationen in das neue Universum schicken – um seinen Geschöpfen Benehmen beizubringen, ihnen bei der Entdeckung der Naturgesetze zu helfen und dergleichen. Dann dachte ich eingehender darüber nach. Der Inflationstheorie zufolge bläht sich ein Babyuniversum in einem unvorstellbar winzigen Sekundenbruchteil wie ein Luftballon auf. Stellen wir uns vor, der Schöpfer würde etwas auf die Ballonfläche schreiben, etwa: ‹Bitte denkt daran, dass ich euch gemacht habe.› Die inflationäre Expansion würde diese Botschaft exponentiell anwachsen lassen. Die Geschöpfe in dem neuen Universum lebten in einer winzigen Ecke eines der Buchstaben und wären nie in der Lage, die ganze Botschaft zu lesen.»
Schließlich aber war Linde noch auf einen anderen denkbaren Kommunikationskanal zwischen Schöpfer und Schöpfung gestoßen – den einzig möglichen, soweit er erkennen konnte. Durch entsprechende Manipulation der kosmischen Saat hätte der Schöpfer die Möglichkeit, während des Schöpfungsaktes bestimmte physikalische Parameter des neuen Universums festzulegen. Beispielsweise könnte er entscheiden, in welchem numerischen Verhältnis die Masse des Elektrons und die des Protons stehen sollen. Diese Zahlen, die sogenannten Naturkonstanten, erscheinen uns vollkommen willkürlich: Es gibt keinen erkennbaren Grund, warum sie den gegebenen und nicht irgendeinen anderen Wert besitzen – warum wird beispielsweise die Stärke der Gravitation in unserem Universum durch eine Zahl mit den Ziffern 6673 bestimmt? Doch der Schöpfer könnte durch die Festlegung bestimmter Werte für diese Konstanten eine versteckte Botschaft in die innerste Struktur des Universums schmuggeln. Eine solche Botschaft wäre, wie Linde mit sichtlichem Vergnügen mitteilte, nur von Physikern zu entziffern.
Scherzte er?
«Sie halten das vielleicht für einen Scherz», sagte er. «Aber vielleicht ist es nicht vollkommen absurd. Es könnte erklären, warum die Welt, in der wir leben, so sonderbar, von jeder Vollkommenheit so weit entfernt ist. Allem Anschein nach wurde unser Universum nicht von einem göttlichen Wesen erschaffen, sondern von einem physikalisch bewanderten Hacker!»
Aus philosophischer Sicht verdeutlicht Lindes kleine Geschichte die Gefahr, die in der Annahme liegt, dass die unserem Universum zugrundeliegende Kraft, wenn es denn eine gibt, sich mit dem traditionellen Gottesbegriff decken müsse: allmächtig, allwissend, von unendlicher Güte und so fort. Selbst wenn die Ursache unseres Universums ein intelligentes Wesen wäre, so könnte es doch entsetzlich unfähig und fehlbar sein, indem es etwa die kosmogenische Aufgabe durch eine vollkommen mittelmäßige Schöpfung gründlich vermasselt hätte. Natürlich würde ein orthodoxer Gläubiger auf Lindes Szenario antworten wie immer: «Schön und gut, aber wer hat den Hacker erschaffen?» Hoffen wir, dass bis zum höchsten Ende dieser Leiter nicht nur Hacker am Werk waren.
Das Rätsel gibt es nicht.
Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus,Satz 6.5
Die ganze Crux des Geheimnisses der Existenz liegt, wie gesagt, zusammengefasst in der Frage: «Warum ist etwas und nicht nichts?» William James nannte diese Frage «die abgründigste der ganzen Philosophie».[1] Der britische Astrophysiker Sir Bernard Lovell meinte, das Grübeln darüber könne «einen vor geradezu quälende Alternativen stellen»[2]; tatsächlich gab es schon Psychiatriepatienten, die von dieser Frage besessen waren. Arthur Lovejoy, Begründer der geisteswissenschaftlichen Disziplin der Ideengeschichte, erklärte, bei dem Versuch, sie zu beantworten, handle es sich «um eine der gewaltigsten Unternehmungen des menschlichen Geistes».[3] Wie alles, was zutiefst unverständlich ist, reizt auch diese Frage zu Scherzen. Vor einigen Jahrzehnten, als ich sie dem amerikanischen Philosophen Arthur Danto stellte, erwiderte er in gespieltem Ärger: «Wer sagt denn, dass es nicht nichts gibt?» Wie sich bald zeigen wird, ist die Antwort nicht nur scherzhaft zu verstehen. Eine noch bessere Entgegnung kam von Sidney Morgenbesser, einem verstorbenen Philosophieprofessor der Columbia University und legendärem Witzbold. «Professor Morgenbesser, warum ist etwas und nicht nichts?», fragte ihn eines Tages ein Student. Woraufhin Morgenbesser erwiderte: «Ach, wissen Sie, wenn es nichts gäbe, wären Sie immer noch nicht zufrieden!»
Dennoch lässt sich die Frage nicht einfach mit einem Lachen abtun. Jeder von uns, so Martin Heidegger, wird einmal von ihrer «verborgenen Macht … gestreift»:
«In einer großen Verzweiflung z.B., wo alles Gewicht aus den Dingen schwinden will und jeder Sinn sich verdunkelt, steht die Frage auf … In einem Jubel des Herzens ist die Frage da, weil hier alle Dinge verwandelt und wie erstmalig um uns sind … In einer Langeweile ist die Frage da, wo wir von Verzweiflung und Jubel gleich weit entfernt sind, wo aber die hartnäckige Gewöhnlichkeit des Seienden eine Ode ausbreitet, in der es uns gleichgültig erscheint, ob das Seiende ist oder ob es nicht ist …»[4]
Die Nichtbeachtung dieser Frage ist ein Symptom geistiger Beeinträchtigung – das behauptete zumindest der Philosoph Arthur Schopenhauer. «Je niedriger ein Mensch in intellektueller Hinsicht steht, desto weniger Rätselhaftes hat für ihn das Daseyn selbst», schrieb er.[5] Was den Menschen über andere Geschöpfe erhebt, ist das Bewusstsein seiner Endlichkeit; die Aussicht auf den Tod führt zur Vorstellbarkeit des Nichts, dem Schock des Nichtseins. Wenn mein eigenes Selbst, der Mikrokosmos, ontologisch so prekär ist, dann gilt das womöglich auch für den Makrokosmos, für das Universum als Ganzes. Begrifflich steht die Frage «Warum ist die Welt?» mit der Frage «Warum bin ich?» in engem Zusammenhang. Das sind, wie John Updike schrieb, die beiden großen existenziellen Geheimnisse. Sollten Sie zufällig ein Solipsist sein und wie der junge Wittgenstein behaupten: «Ich bin meine Welt», verschmelzen sie miteinander.
Bei einer Frage, die als so zeitlos und universell angesehen wird wie «Warum ist etwas und nicht nichts?», ist es schon seltsam, dass sie vor Beginn der Neuzeit von niemandem explizit gestellt wurde. Vielleicht macht der «Nichts-Teil» die Frage so ausgesprochen modern. Vormoderne Kulturen hatten ihre Schöpfungsmythen, um den Ursprung des Universums zu erklären, aber solche Mythen beginnen nie mit dem reinen Nichts. Stets setzen sie ein Urwesen oder einen Urstoff voraus, aus dem die bekannte Welt hervorging. In einem altnordischen Mythos, der um 1200 entstand, begann das Dasein beispielsweise, als eine feurige Urregion eine urweltliche Frostregion auftaute, woraufhin sich Tropfen einer Flüssigkeit bildeten, die rasch zu Leben erwachten und die Gestalt des weisen Riesen Ymer und einer Kuh namens Audhumla annahmen. Bald entwickelte sich jene Welt, die den Wikingern bekannt war. Nach einem etwas sparsameren Schöpfungsmythos, dem der afrikanischen Bantu, wurde der gesamte Inhalt des Universums – Sonne, Sterne, Land, See, Tiere, Fische, Menschheit – buchstäblich von einem unter Übelkeit leidenden Wesen namens Bumba erbrochen. Kulturen, die keinen Mythos kennen, der erklärt, wie die Welt entstanden ist, sind selten, aber nicht unbekannt. Eine ist die der Pirahã, eines sonderlichen Amazonas-Volks. Wenn Anthropologen die Pirahã fragten, was vor der Welt war, erwiderten sie stets: «Es ist schon immer so gewesen.»[6]
Eine Theorie über die Geburt des Universums bezeichnet man als Kosmogonie, von den griechischen Wörtern kosmos, «Universum», und gone, «Zeugung». Letzteres hat dieselbe Sprachwurzel wie «Gonade». Die Griechen waren die Pioniere der rationalen Kosmogonie, die der mythopoetischen Spielart der Schöpfungserzählungen gegenübersteht. Trotzdem haben die Griechen nie gefragt, warum es eine Welt gibt und nicht gar nichts. Ihre Kosmogonien begannen alle mit irgendeinem Ausgangsstoff, der immer ziemlich chaotisch war. Die natürliche Welt entstand dann, wenn diesem anarchischen Urzustand Ordnung aufgezwungen wurde: wenn aus Chaos Kosmos wurde. (Interessant, dass «Kosmos» und «Kosmetik» dieselbe Wurzel haben: kosméo, das griechische Wort für «ordnen» oder «schmücken».) Zu der Frage, wie das Urchaos ausgesehen haben könnte, äußerten die griechischen Philosophen unterschiedliche Vermutungen. Thales glaubte, sein beherrschendes Element sei das Wasser gewesen, eine Art Urmeer. Für Heraklit war es Feuer. Anaximander hatte eine abstraktere Vorstellung, er hielt es für einen unbestimmten Stoff, den er das «Grenzenlose» nannte. Für Platon und Aristoteles war es ein formloses Substrat, in dem man ein vorwissenschaftliches Konzept des Raums sehen könnte. Die Griechen interessierten sich nicht sonderlich für die Frage, woher diese Urmaterie gekommen sein könnte. Man hielt sie einfach für ewig. Was immer sie war, sie war sicherlich nicht nichts – eine Idee, die für die Griechen völlig unvorstellbar war.
Das Nichts war auch der jüdischen Tradition völlig fremd. Im ersten Buch Mose erschafft Gott die Welt nicht aus nichts, sondern aus einem Chaos von Erde und Wasser, das «wüst und leer» war – tohu bohu im hebräischen Original.
Doch zu Beginn der christlichen Ära begann sich eine neue Denkweise durchzusetzen. Die Vorstellung, dass Gott irgendeinen Stoff brauchte, um eine Welt zu formen, schien seinen vermeintlich unendlichen Schöpfungskräften eine Grenze zu setzen. Daher entwickelten die Kirchenväter um das 2. oder 3. Jahrhundert eine vollkommen neue Kosmogonie. Die Welt sei, so verkündeten sie, allein durch Gottes schöpferisches Wort in ihre Existenz gerufen worden, ganz ohne einen präexistenten Stoff, aus dem er sie hätte erschaffen können. Diese Lehre von der Creatio ex nihilo, der Schöpfung aus dem Nichts, ging in die islamische Theologie ein, wo sie jetzt zum Kalam-Beweis für die Existenz Gottes gehört. Auch in das jüdische Denken des Mittelalters fand sie Eingang. Als der jüdische Philosoph Maimonides den Anfang des Ersten Buchs Mose las, gelangte er zu dem Schluss, dass Gott die Welt aus nichts erschaffen habe.
Die Aussage, Gott habe die Welt «aus nichts» gemacht, heißt nicht, das Nichts in den Rang einer Entität zu erheben, auf eine Stufe mit Gott. Es heißt lediglich, dass Gott die Welt nicht aus etwas erschaffen hat. Wie andere christliche Theologen vertrat auch Thomas von Aquin diese Auffassung mit großer Entschiedenheit. Trotzdem schien die Lehre von der Schöpfung aus nichts die Vorstellung vom Nichts als eine echte ontologische Option zu bestätigen. Sie schuf die begriffliche Möglichkeit zu fragen, warum eine Welt ist und nicht gar nichts.
Was dann einige Jahrhunderte später jemand tatsächlich tat – ein deutscher Höfling, der eitel und nicht ganz ehrlich war und zugleich zu den größten Denkern aller Zeiten zählte: Gottfried Wilhelm Leibniz. Man schrieb das Jahr 1714. Der achtundsechzigjährige Leibniz stand am Ende eines langen und aberwitzig produktiven Gelehrtenlebens. Zur gleichen Zeit wie Newton und völlig unabhängig von diesem hatte er die Infinitesimalrechnung entwickelt. Im Alleingang hatte er die wissenschaftliche Logik revolutioniert. Er hatte eine fantastisch anmutende Metaphysik ersonnen, in der es um eine unendliche Zahl seelenartiger Entitäten geht, sogenannter Monaden, und um die – später von Voltaire in Candide so gnadenlos verspottete – Lehre von «der besten aller möglichen Welten». Trotz seines Ansehens als Philosoph und Wissenschaftler wurde Leibniz in Hannover zurückgelassen, als sein hochwohlgeborener Arbeitgeber, der Kurfürst Georg Ludwig, nach Großbritannien ging, um dort als König George den Thron zu besteigen. Leibniz’ Gesundheit war angegriffen; zwei Jahre später starb er und verließ – nach Angaben des Sekretärs – seinen Körper in einer dichten Wolke giftiger Gase.
Unter diesen wenig erfreulichen Umständen verfasste Leibniz seine letzten philosophischen Schriften, unter anderem den Aufsatz «Vernunftprinzipien der Natur und der Gnade». Darin legte er sein Prinzip des «zureichenden Grundes» dar, das im Wesentlichen besagt, es gebe eine Erklärung für jede Tatsache, eine Antwort auf jede Frage. «Ist dieses Prinzip aufgestellt», heißt es dort, «so wird die erste Frage, die man mit Recht stellen darf, die sein, warum es eher Etwas als Nichts gibt.»[7]
Für Leibniz ergab sich die vermeintliche Antwort von selbst. Aus Karrieregründen hatte er sich immer zur religiösen Orthodoxie bekannt. Daher behauptete er, der Grund für die Existenz der Welt sei Gott, der sie aus eigenem freiem Willen dank seiner unendlichen Güte erschaffen habe.
Doch wie ließ sich Gottes eigene Existenz erklären? Auch auf diese Frage wusste Leibniz eine Antwort. Im Gegensatz zum Universum, dessen Sein kontingent sei, wäre Gott notwendig. Er trage den Grund seiner Existenz in sich selbst. Seine Nichtexistenz sei logisch unmöglich.
Kaum hatte er also die Frage «Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?» gestellt, da verwarf er sie schon wieder. Die Existenz des Universums habe ihren Grund in Gott. Und die Existenz Gottes habe ihren Grund in Gott. Nur Gott könne, so Leibniz, das letzte Geheimnis der Existenz lüften.
Die Leibniz’sche Lösung für das Rätsel der Existenz hatte nicht lange Bestand. Noch im 18. Jahrhundert attackierten David Hume und Immanuel Kant – zwei Philosophen, die über die meisten anderen Fragen zerstritten waren – den Begriff des «notwendigen Seins» als ontologischen Betrug. Natürlich gibt es Entitäten, deren Existenz logisch unmöglich ist – wie die eines quadratischen Kreises beispielsweise. Doch die Existenz keiner Entität – darin waren sich Hume und Kant einig – ist durch reine Logik gewährleistet. «Alles, was wir als seiend vorstellen, können wir auch als nichtseiend vorstellen», schreibt Hume. «Also gibt es kein Ding, dessen Nichtsein einen Widerspruch einschließt» – Gott eingeschlossen.[8]
Doch wenn Gott nicht notwendigerweise existiert, ergibt sich eine vollkommen neue metaphysische Möglichkeit: die Möglichkeit eines absoluten Nichts – keine Welt, kein Gott, kein irgendwas. Merkwürdigerweise nahmen jedoch weder Hume noch Kant die Frage «Warum ist etwas und nicht nichts?» ernst. Hume hielt jede denkbare Antwort darauf «für bloße Sophisterei und Illusion», da sie niemals auf unsere Erfahrung gegründet sein könne. Nach Kants Ansicht würde der Versuch, die Gesamtheit des Seins zu erklären, notgedrungen bedeuten, dass wir die Begriffe, mit deren Hilfe wir die Welt unserer Erfahrung strukturieren – Begriffe wie Kausalität und Zeit –, unzulässig auf eine Wirklichkeit verallgemeinern, die diese Welt transzendiert, das heißt, auf die Wirklichkeit der «Dinge an sich». Das Ergebnis könnten nur Irrtum und Widersprüchlichkeit sein.
Möglicherweise unter dem Eindruck dieser Hume’schen und Kant’schen Einschränkungen scheuten nachfolgende Philosophen weitgehend die Auseinandersetzung mit der Frage: «Warum ist etwas und nicht nichts?» Der große Pessimist Schopenhauer, der vom Geheimnis der Existenz sagte, es sei «die Unruhe, welche die nie ablaufende Uhr der Metaphysik in Bewegung erhält», ließ sich nicht daran hindern, die Philosophen, die vorgaben, es zu lösen, als Possenreißer, «Windbeutel» und «Scharlatane» zu bezeichnen.[9] Der deutsche Romantiker Friedrich Schelling erklärte, die Hauptaufgabe der Philosophie sei es, «die Thatsache der Welt zu erklären».[10] Doch Schelling gelangte bald zu dem Schluss, es sei unmöglich, die Existenz rational zu erklären; allenfalls könnten wir sagen, glaubte er, die Welt sei durch einen unbegreiflichen Sprung aus dem Abgrund ewigen Nichts erwachsen. Hegel schrieb eine Menge unverständlicher Prosa über «das Verschwinden von Sein in Nichts und von Nichts in Sein»,[11] aber der dänische Philosoph Søren Kierkegaard befand, seine dialektischen Manöver seien kaum erhellender als eine «Kolonialwarenhändlererklärung».[12]
Anfang des 20. Jahrhunderts regte sich erneut ein gewisses Interesse am Geheimnis der Existenz, was in erster Linie dem französischen Philosophen Henri Bergson zu verdanken war. «Ich will wissen, warum das Universum ist», erklärte Bergson 1907 in seinem Buch Schöpferische Entwicklung. Alle Existenz – Materie, Bewusstsein, Gott selbst – sei, so schien es ihm, «ein Sieg über das Nichtsein».[13] Doch nach intensivem Nachdenken gelangte er zu dem Schluss, dass diese Überwindung so wundersam gar nicht sei. Die ganze Etwas-oder-nichts-Frage beruhe auf einer Illusion: der Illusion, dass es gar nichts geben könne. Mit einer Reihe zweifelhafter Argumente gab Bergson vor, beweisen zu können, dass der Begriff des absoluten Nichts in sich widersprüchlich sei wie der Begriff eines runden Quadrats. Da das Nichts ein Pseudobegriff sei, handle es sich bei der Frage «Warum ist etwas und nicht nichts?» um eine Pseudofrage.
Diese ernüchternde Schlussfolgerung machte sicherlich keinen Eindruck auf Martin Heidegger, für den das Nichts allzu wirklich war, eine Art negierender Kraft, die das Reich des Seins mit Vernichtung bedrohte. Ganz am Anfang einer Reihe von Vorlesungen, die Heidegger 1935 an der Universität Freiburg hielt – wo er ob seiner NSDAP-Mitgliedschaft zum Rektor ernannt worden war –, bezeichnete er die Frage «Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?» als die «weiteste, tiefste und ursprünglichste Frage».[14]
Und was fing Heidegger im Verlauf der Vorlesungen mit dieser Frage an? Nicht viel. Er ließ sich über ihr existenzielles Pathos aus. Er dilettierte in selbst gebastelter Etymologie, trug griechische, lateinische und sanskritische Wörter zusammen, die mit «Sein» verwandt waren. Er schwärmte von den poetischen Qualitäten der Vorsokratiker und der griechischen Tragiker. Am Ende der letzten Vorlesung erklärte Heidegger schließlich: «Fragen können heißt: warten können, sogar ein Leben lang»[15] – was diejenigen seiner Zuhörer, die auf die Andeutung einer Antwort gehofft hatten, zu einem müden Kopfnicken veranlasst haben wird.
Zweifellos war Heidegger der einflussreichste kontinentaleuropäische Philosoph des 20. Jahrhunderts. Doch für die englischsprachige Welt war es Ludwig Wittgenstein. Wittgenstein und Heidegger wurden im selben Jahr, 1889, geboren. Was ihren Charakter anging, hätten sie allerdings gegensätzlicher nicht sein können: Wittgenstein war mutig und asketisch, Heidegger verschlagen und eitel. Beide aber waren sie gleichermaßen angezogen vom Geheimnis – oder vom «Mystischen» – der Existenz. «Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern dass sie ist», bekennt Wittgenstein in einem der nüchtern bezifferten Sätze – 6.44, um genau zu sein – des Tractatus logico-philosophicus, des einzigen Werks, das er zu Lebzeiten veröffentlichte.[16] Einige Jahre zuvor, am 26. Oktober 1916, hatte Wittgenstein in das Tagebuch, das er als Soldat der österreichischen Armee während des Ersten Weltkriegs führte, notiert: «Das künstlerische Wunder ist, daß es die Welt gibt.» Später am selben Tag folgte die an Schiller angelehnte Eintragung: «Ernst ist das Leben, heiter die Kunst» – und das, während er an der russischen Front kämpfte.[17] Staunen und Verwunderung über die Existenz der Welt gehörten nach eigenem Bekunden zu den drei Erfahrungen, die ihm ermöglichten, sein Denken auf Ethik zu richten; die anderen beiden waren das Gefühl absoluter Sicherheit und die Erfahrung von Schuld. Doch wie bei allen wirklich wichtigen Fragen – Ethik, Sinn des Lebens und Tod – sei jeder Versuch einer Erklärung vergeblich; er führe über die Grenzen der Sprache hinaus ins Reich des Unsagbaren. Zwar achte er den Drang, die Frage «Warum ist etwas und nicht nichts?» zu stellen, halte sie aber letztlich für sinnlos. Kompromisslos hat er diesen Gedanken in Satz 6.5 des Tractatus formuliert: «Das Rätsel gibt es nicht.»
Auch wenn Wittgenstein das «Mystische» der Existenz für nicht sagbar hielt, es hat ihm dennoch ein Gefühl der Ehrfurcht und der geistigen Erleuchtung vermittelt. Dagegen erschien es vielen britischen und amerikanischen Philosophen, die nach ihm kamen, als eine abstruse Zeitverschwendung. Ein typisches Beispiel für diese ablehnende Haltung verkörperte A.J. «Freddy» Ayer, der britische Wortführer des logischen Positivismus, eingeschworene Feind aller Metaphysik und selbst ernannte philosophische Erbe David Humes. 1949 führte Ayer in einer Rundfunksendung der BBC mit Frederick Copleston, einem Jesuitenpater und Philosophiehistoriker, ein Streitgespräch über die Existenz Gottes. Wie sich herausstellte, drehte sich ein Großteil dieser Debatte um die Frage, warum etwas ist und nicht nichts. Für Pater Copleston eröffnete diese Frage einen Zugang zur Transzendenz, eine Möglichkeit, zu erkennen, dass Gottes Existenz «die höchste ontologische Erklärung der Erscheinungen ist».[18] Für Ayer, seinen atheistischen Widersacher, war das dummes Geschwätz.
«Nehmen wir an», sagte Ayer, «Sie stellen eine Frage wie: ‹Woher kommen alle Dinge?› Das ist eine vollkommen sinnvolle Frage zu jedem beliebigen Ereignis. Fragen Sie, woher etwas kommt, fragen Sie nach einem Ereignis, das vorher stattgefunden hat. Doch wenn Sie diese Frage verallgemeinern, wird sie sinnlos. Denn dann fragen Sie, was vor allen Ereignissen war. Selbstverständlich kann kein Ereignis vor allen Ereignissen sein. Da es ein Element der Klasse aller Ereignisse ist, muss es in dieser enthalten sein und kann daher nicht früher als diese sein.»[19]
Wittgenstein, der sich diese Sendung angehört hatte, sagte später zu einem Freund, er habe Ayers Argumentation als «unglaublich seicht» empfunden.[20] Trotzdem hielt man das Ergebnis der Debatte für so knapp, dass man einige Jahre darauf eine «Rückrunde» im Fernsehen ansetzte. Aber es gab eine technische Störung, und Ayer und Copleston wurden während ihrer Behebung so reichlich mit Whisky versorgt, dass sie, als die Debatte endlich begann, keinen zusammenhängenden Gedanken mehr formulieren konnten.
Der Meinungsstreit zwischen Ayer und Copleston darüber, ob die Frage «Warum ist etwas und nicht nichts?» sinnvoll sei oder nicht, lief letztlich auf einen Disput über das Wesen der Philosophie hinaus. Die große Mehrheit der Philosophen in der englischsprachigen Welt schlug sich in dieser Auseinandersetzung auf Ayers Seite. Es gebe zwei Arten von Wahrheiten, behaupteten die Orthodoxen: logische Wahrheiten und empirische Wahrheiten. Nach dieser Auffassung hängen logische Wahrheiten nur von Wortbedeutungen ab. Die Notwendigkeiten, die sie ausdrücken, wie etwa «Alle Junggesellen sind unverheiratet», sind rein sprachliche Notwendigkeiten. Daher können logische Wahrheiten keine Erklärungen der Wirklichkeit liefern. Empirische Wahrheiten dagegen, so die Vertreter dieser Ansicht, hängen von der Evidenz ab, die die Sinne vermitteln. Sie fallen in die Zuständigkeit der wissenschaftlichen Forschung. Man war sich allgemein einig, dass die Frage, warum es die Welt gibt, dem Zugriff der Wissenschaft entzogen sei: Eine wissenschaftliche Erklärung könne schließlich einen Teil der Wirklichkeit nur mittels anderer Teile erklären; niemals könne sie die Wirklichkeit als Ganze erklären. Daher müsse die Existenz ein brute fact sein. Bertrand Russell fasste den philosophischen Konsens wie folgt zusammen: «Ich würde sagen, daß die Welt einfach da ist, und damit hat es sich.»[21]
Der überwiegende Teil der Wissenschaftler stimmte ihm zu. Die Brute-fact-Position ist relativ bequem, wenn man davon ausgeht, dass es das Universum schon immer gegeben hat. Und diese Ansicht teilten die meisten großen Naturwissenschaftler der Neuzeit – darunter Kopernikus, Galilei und Newton. Einstein war davon überzeugt, dass das Universum nicht nur ewig, sondern auch gänzlich unveränderlich sei. Als er 1917 seine allgemeine Relativitätstheorie auf die Raumzeit als Ganze anwendete, stellte er zu seiner Überraschung fest, dass seine Gleichungen ein ganz anderes Bild entwarfen: Danach musste sich das Universum entweder ausdehnen oder zusammenziehen. Das erschien ihm grotesk, deshalb setzte er einen Pseudofaktor in seine Theorie ein, der dafür sorgte, dass das Universum wieder ewig und unveränderlich war.
Ausgerechnet ein ordinierter Priester hatte den Mut, die Relativitätstheorie logisch zu Ende zu denken. 1927 arbeitete Georges Lemaître von der Universität Löwen in Belgien über ein Einstein’sches Modell des Universums, in dem der Raum expandierte. Als Pater Lemaître diesen Prozess in Gedanken rückwärts verfolgte, gelangte er zu der Hypothese, dass das ganze Universum in der Vergangenheit aus einem unvorstellbar kleinen Uratom von unendlich konzentrierter Energie hervorgegangen sei. Zwei Jahre später wurde Lemaîtres Modell des expandierenden Universums vom Astronomen Edwin Hubble bestätigt, der mit seinen Beobachtungen am Mount Wilson Observatory in Kalifornien bewies, dass sich alle Galaxien um uns herum tatsächlich entfernen. Beide Theorien und die empirischen Daten deuteten auf dieselbe Schlussfolgerung hin: Das Universum muss einen plötzlichen Anfang in der Zeit gehabt haben.
Die Kleriker jubelten. Damit war ihnen, glaubten sie, der Beweis für die biblische Schöpfungsgeschichte in den Schoß gefallen. 1951, in der Eröffnungsrede zu einer Konferenz im Vatikan, erklärte Papst Pius XII., diese Theorie vom kosmischen Ursprung lege Zeugnis ab «von dem erhabenen Augenblick des ersten Fiat Lux … als zusammen mit der Materie ein Meer aus Licht und Strahlung hervorbrach … Daher hat die Schöpfung stattgefunden. Wir sagen: Deshalb gibt es einen Schöpfer. Folglich gibt es Gott!»[22]
Die Leute am anderen Ende des ideologischen Spektrums knirschten mit den Zähnen – insbesondere die Marxisten. Ganz abgesehen von ihrer religiösen Aura widersprach die neue Theorie der Überzeugung von der Unendlichkeit und Ewigkeit der Materie, die ein Axiom von Lenins dialektischem Materialismus war. Folglich wurde die Theorie als «idealistisch» verworfen. Der marxistisch angehauchte Physiker David Bohm diffamierte die Urheber der Theorie als «Wissenschaftler, die praktisch zu Verrätern an der Wissenschaft werden und wissenschaftliche Fakten unterschlagen, um zu Schlussfolgerungen zu gelangen, die der katholischen Kirche genehm sind».[23] Auch Atheisten, die nicht dem marxistischen Lager angehörten, äußerten sich ablehnend. «Einige jüngere Forscher wurden so aufgeregt über diese theologischen Tendenzen, daß sie ihre kosmologische Quelle einfach zu verstopfen beschlossen», berichtete der deutsche Astronom Otto Heckmann, ein prominenter Forscher auf dem Gebiet der kosmischen Expansion.[24] Sir Arthur Eddington, Doyen der Disziplin, schrieb: «Die Vorstellung eines Anfangs empfinde ich als abstoßend … Ich glaube einfach nicht, dass die gegenwärtige Ordnung der Dinge mit einem Knall begann … das expandierende Universum ist absurd … unglaubwürdig … lässt mich kalt.»[25]
Sogar einige überzeugte Wissenschaftler waren irritiert. So fand der Kosmologe Sir Fred Hoyle, dass eine Explosion ein ziemlich würdeloser Anfang für eine Welt sei, wie «ein Partygirl, das aus einer Torte springt».[26] In den fünfziger Jahren bezeichnete Hoyle den hypothetischen Ursprung unseres Universums spöttisch als «Big Bang», als «Großen Knall», woraus dann im Deutschen der «Urknall» wurde. Der Ausdruck setzte sich durch.
Erst kurz vor seinem Tod im Jahr 1955 gelang es Einstein, seine metaphysischen Skrupel hinsichtlich des Urknalls zu überwinden. Den Versuch, ihn durch einen theoretischen Trick zu umgehen, bezeichnete er als «die größte Eselei» seines Lebens. Hoyle und alle übrigen Skeptiker wurden 1965 endgültig überzeugt, als zwei Wissenschaftler von den Bell Labs in New Jersey zufällig eine allgegenwärtige Mikrowellenstrahlung entdeckten, die sich als das ferne Echo des Urknalls herausstellte – zunächst hatten die beiden Forscher sie für ein Störgeräusch gehalten, das durch den Taubenmist auf ihrer Antenne verursacht worden sei. Wenn Sie früher beim Einstellen Ihres Fernsehapparats zwischen zwei Sendern landeten, wurde das schwarz-weiße Flimmern auf dem Bildschirm zu ungefähr zehn Prozent von Photonen bewirkt, die vom Urknall übrig geblieben sind. Lässt sich ein besserer Beweis für die Wirklichkeit des Urknalls finden als die Tatsache, ihn im eigenen Fernseher anschauen zu können?
Egal, ob das Universum einen Schöpfer hatte oder nicht, die Erkenntnis, dass es zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Vergangenheit entstanden war – vor 13,7 Milliarden Jahren nach den neuesten kosmologischen Berechnungen –, schien die Vorstellung, es sei ontologisch autark, ad absurdum zu führen. Galt doch bis dahin die Annahme als vernünftig, dass alles, was aus sich selbst existiert, ewig und unvergänglich sein müsse. Doch jetzt sah es so aus, als sei das Universum weder das eine noch das andere. So wie es durch den Urknall mit einem Schlag existierte, expandierte und sich zur heutigen Gestalt entwickelte, so könnte es auch in einer fernen Zukunft mit einem vernichtenden Big Crunch, einem «Großen Knirschen», wieder aus der Existenz verschwinden. Ob das Schicksal des Universums letztlich ein Big Crunch, ein Big Chill [eine Große Kälte] oder ein Big Crack-up [Großes Bersten] sein wird, ist in der heutigen Kosmologie eine vollkommen offene Frage. Das Leben des Universums kann wie das unsere durchaus ein Zwischenspiel zwischen zwei großen Nichtsen sein.
Jedenfalls sorgte die Entdeckung des Urknalls dafür, dass es sehr viel schwieriger wurde, der Frage «Warum ist etwas und nicht nichts?» auszuweichen. «Sollte das Universum nicht schon immer existiert haben, stünde die Wissenschaft vor der Notwendigkeit, seine Existenz zu erklären», meinte Arno Penzias,[27] der sich für die Entdeckung, dass der Urknall nachglühte, den Nobelpreis teilte. Die ursprüngliche Warum-Frage wurde nicht nur mit neuem Leben erfüllt, sondern sie musste jetzt auch durch eine Wie-Frage ergänzt werden: «Wie konnte etwas aus Nichts entstehen?» Abgesehen davon, dass die Urknall-Hypothese den Apologeten der Religion frische Hoffnung gab, eröffnete sie auch eine neue und rein wissenschaftliche Möglichkeit, den tatsächlichen Ursprung des Universums zu erforschen. Überhaupt schienen sich die Forschungsansätze ungeheuer zu vervielfältigen. Schließlich gab es zwei revolutionäre Entwicklungen in der Physik des 20. Jahrhunderts. Die eine, Einsteins Relativitätstheorie, führte zu der Schlussfolgerung, dass das Universum einen Anfang in der Zeit hatte. Die andere, die Quantenmechanik, hatte noch radikalere Konsequenzen, denn sie erschütterte das Gesetz von Ursache und Wirkung. Nach der Quantentheorie sind Ereignisse auf der Mikroebene zufallsgesteuert; sie verstoßen gegen das klassische Prinzip der Kausalität. Damit ergab sich die theoretische Möglichkeit, dass auch das Universum ohne eine Ursache von übernatürlicher oder anderer Art entstanden sein könnte. Vielleicht war die Welt spontan aus dem reinen Nichts hervorgekommen. Alles, was existiert, könnte einer Zufallsfluktuation in vollkommener Leere zu verdanken sein, einem «quantenmechanischen Tunneleffekt», der den Übergang vom Nichts ins Sein ermöglicht hatte. Wie das im Einzelnen geschehen sein könnte, ist das Spezialgebiet einer kleinen, aber einflussreichen Gruppe von Physikern, die gelegentlich als «Nichts-Theoretiker» bezeichnet werden. Mit einer Mischung aus metaphysischer Chuzpe und Naivität glauben diese Physiker – unter ihnen auch Stephen Hawking –, sie seien in der Lage, ein Geheimnis zu lüften, von dem man bislang glaubte, es sei wissenschaftlicher Erkenntnis entzogen.
Möglicherweise von dieser naturwissenschaftlichen Unruhe beflügelt, offenbarten auch die Philosophen größere ontologische Kühnheit. Der logische Positivismus, der die Frage «Warum ist etwas und nicht nichts?» ignoriert hatte, wurde in den sechziger Jahren zu Grabe getragen – Opfer seiner Unfähigkeit, zwischen Sinn und Unsinn zu unterscheiden. Daraufhin erlebte die Metaphysik – der Versuch, die Wirklichkeit als Ganzes zu beschreiben – eine Renaissance. Selbst in der angelsächsischen Welt scheuen «analytische» Philosophen die Auseinandersetzung mit metaphysischen Themen nicht mehr. Der wohl kühnste der vielen Philosophen, die sich in den letzten Jahrzehnten mit dem Geheimnis der Existenz beschäftigten, war der 2002 mit dreiundsechzig Jahren verstorbene Robert Nozick von der Harvard University. Obwohl vor allem bekannt als Verfasser des libertären Klassikers Anarchie, Staat, Utopia [Anarchy, State, and Utopia] war Nozick auch so besessen von der Frage «Warum ist etwas und nicht nichts?», dass er in dem späteren Buch Philosophical Explanations den verschiedenen – teilweise höchst abenteuerlichen – Möglichkeiten ihrer Beantwortung einen fünfzigseitigen Abschnitt widmete. Unter anderem forderte er den Leser auf, sich das Nichts als eine Kraft vorzustellen, «die die Dinge in die Nichtexistenz saugt».[28] Er postulierte ein «Fruchtbarkeitsprinzip», das die gleichzeitige Existenz aller möglicher Welten gestattete. Schließlich behauptete er sogar, eine Art mystische Einsicht in die Grundlagen der Wirklichkeit zu haben. Den Kollegen, die seine Versuche, diese letzte aller Fragen zu beantworten, etwas seltsam finden mochten, trat Nozick mit großer Entschiedenheit entgegen: «Jemand, der eine nicht seltsame Antwort vorschlägt, zeigt, dass er die Frage nicht verstanden hat.»[29]
Heute spaltet die Frage «Warum ist etwas und nicht nichts?» die denkende Zunft in drei Lager. Die «Optimisten» vertreten die Ansicht, dass es einen Grund für die Existenz der Welt geben müsse und wir sehr wohl in der Lage seien, ihn zu entdecken. Die «Pessimisten» glauben, dass es einen Grund für die Existenz der Welt geben könnte, aber dass wir ihn nie mit Sicherheit erkennen würden – vielleicht, weil wir zu wenig von der Wirklichkeit sehen, um uns des hinter ihr verborgenen Grundes bewusst zu sein oder weil ein solcher wie auch immer gearteter Grund jenseits der menschlichen Verstandesfähigkeiten liegt, die von der Natur für Überlebenszwecke und nicht für die Erfassung des innersten Wesens unseres Kosmos entwickelt wurden. Und schließlich sind da die «Verweigerer», die hartnäckig dabei bleiben, dass es keinen Grund für die Existenz der Welt geben könne und dass daher schon die Frage selbst sinnlos sei.
Sie müssen kein Philosoph oder Wissenschaftler sein, um sich einem dieser Lager anzuschließen. Jeder ist dazu berechtigt. Beispielsweise scheint sich Marcel Proust für das Lager der Pessimisten entschieden zu haben. Der Erzähler seines umfangreichen Romanwerks Auf der Suche nach der verlorenen Zeit meint im Gedanken an die Dreyfus-Affäre, die die französische Gesellschaft in einander bekriegende Fraktionen gespalten hatte, dass die politische Weisheit möglicherweise machtlos sei, diese Auseinandersetzung zu beenden, «so wie in der Philosophie die reine Logik für die Lösung der Fragen des Seins unzuständig ist».[30]
