Grenzerfahrung - Susanne Glass - E-Book

Grenzerfahrung E-Book

Susanne Glass

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14,99 €

Beschreibung

Im Brennpunkt der Ereignisse: Im Kosovo tobte der Bürgerkrieg, als die 29-jährige Reporterin Susanne Glass sich 1999 freiwillig als Berichterstatterin für die ARD meldete. Seitdem hat sie Südosteuropa nicht mehr losgelassen und mehr als einmal geriet sie bei ihren Reportagen buchstäblich zwischen die Fronten oder kam bei ihren Begegnungen mit den Opfern von "Konflikten" fast an ihre Belastungsgrenze. In ihrer Rückschau spiegeln sich die Umbrüche, die das Europa von heute charakterisieren, bis hin zur aktuellen dramatischen Situation der Flüchtlinge auf ihrem Weg über die Balkanroute. Zugleich hinterfragt sie kritisch das eigene Metier: Wie hat sich die Berichterstattung verändert? Wann sieht sich die zur Objektivität verpflichtete Chronistin aus Gründen der Menschlichkeit zum Eingreifen veranlasst und wird damit Teil einer Geschichte? Wann und wie werden Journalisten manipuliert oder gar instrumentalisiert?

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Seitenzahl: 255

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Bildnachweis

Alle Fotos: Privatarchiv Susanne Glass

 

 

Besuchen Sie uns im Internet unter

www.herbig-verlag.de

© für die Originalausgabe und das eBook: 2016 F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Wolfgang Heinzel

Umschlagfoto: Zarko Bogdanovic

eBook-Produktion: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten

ISBN 978-3-7766-8238-0

Inhalt

Vorwort

Eine Journalistin, eine Schauspielerin und traurige Heiratsanträge

Rockstars des Friedens

Per Autostopp ins Kosovo

Wie finde ich einen Dolmetscher?

Frauen als Kriegsreporterinnen

Von Sprachgrenzen und über Sprachgrenzen hinweg

Die Philosophie der Korruption – oder was mit zehn D-Mark alles möglich war

»Sie dürfen das Land nicht verlassen!«

Der Sturz des Slobodan Milosevic

Vom angeblich letzten Journalisten, der in Tetovo geblieben ist

Versteckte Checkpoints und nicht auffindbare Hotels

Von Totengräbern und Mördern

Wenn die Schriftsteller aus dem Keller kommen und die Panther zahm werden

In der teuren Suite im »Grand Hotel Pristina«

Von Producern mit Kindermädchen und verschwundenen Übertragungswagen

Der Dolmetscher von Srebrenica

Interviews, die niemand glaubt, der nicht dabei gewesen ist

Eine Zugfahrt der besonderen Art

Gefangene Kinder – Blutrache in Albanien

Die geteilte Schule von Travnik

Die Verhaftung von Ratko Mladic

Was passiert, wenn ein Telefonanruf die Vorort-Recherche ersetzt

Wenn der Metzger mit dem Fleisch den Hintereingang nimmt

Fast erfroren, fast vom Winde verweht und fast nass live im Fernsehen

Die sogenannte albanische Befreiungsarmee

Wie berichten über die Flüchtlingskrise?

Die Geschichte des Flüchtlingsjungen Nihat

Gedanken zum Schluss. Über Gefühle, die tiefer gehen

Dank

Vorwort

Die Weltspiegel-Reportage, als wir eine syrische Flüchtlingsfamilie nach Europa begleitet haben. Und ich dabei selbst an meine Grenzen kam. Persönlich wie professionell. Der tagesthemen-Beitrag, in dem der bulgarische Ministerpräsident zu meinem Entsetzen darauf bestand, mit fast freiem Oberkörper und in kurzer Hose aufzutreten. Die stündlichen Live-Gespräche, nachdem das Kosovo seine Unabhängigkeit erklärt hatte. Hoch über den Dächern von Pristina. Nur leider in einem Hotel ohne funktionierenden Aufzug. Der Tag, an dem der serbische Ministerpräsident Zoran Djindjic erschossen wurde.

Wir Auslandskorrespondentinnen und -korrespondenten präsentieren normalerweise das fertige Produkt unserer Arbeit. Wie es zustande kam, was dabei alles passiert ist, das bekommen die Menschen vor den Bildschirmen und den Radiogeräten nicht mit.

Leider! Denn diese Geschichten sind mindestens genauso interessant, oft sogar die viel aufschlussreicheren und spannenderen.

Einen solchen Blick hinter die Kulissen liefert dieses Buch. Pleiten, Pech, Pannen und große (Glücks-)Momente im Leben einer Auslandskorrespondentin. Aber vor allem möchte ich zum Nachdenken anregen: Was macht guten Journalismus aus? Wie hat er sich entwickelt? Wohin wollen wir noch und wohin nicht? Natürlich ist dies auch ein Buch über Südosteuropa. Diese spannende, vielfältige Region und ihre Menschen, über die ich mehr als 15 Jahre mit großer Begeisterung berichtet habe. Zuerst als Korrespondentin für den ARD-Hörfunk, später fürs Fernsehen.

Genau genommen begann alles mit einer Frage. »Was macht es denn für einen Sinn, vor Ort im Kosovo zu sein, wenn man dort keinen Agenturzugang hat? Wie soll sie denn dann berichten?« Der Kollege war skeptisch. Ich konnte ihn verstehen, immerhin saßen wir gemeinsam in der Hörfunk-Nachrichtenredaktion des Bayerischen Rundfunks. Unser Job war es, den Überblick über die manchmal im Sekundentakt aufblinkenden Meldungen verschiedener Nachrichtenagenturen zu behalten, Schlüsse zu ziehen, einzuordnen, zusammenzufassen. Gerade hatte ich angeboten, ins Kosovo zu gehen, um über den Krieg dort zu berichten. Beim Stand der Technik 1999 waren dort Agenturzugang, Internet, ja sogar eine ganz normale Telefonverbindung undenkbar. Einzig Satellitentelefone ermöglichten den Kontakt zur Außenwelt – wenn überhaupt.

Die Antwort meines damaligen Chefs auf diese Frage klang simpel: »Sie wird eben nur das berichten, was sie selbst gesehen, gehört und erfahren hat. Nur über das, was sie wirklich weiß und somit einschätzen kann.« Es war einer der besten beruflichen Ratschläge, die ich je bekommen habe.

Ich denke noch oft an diese Diskussion. Denn so einfach dieser Rat klingt – er ist nicht leicht umzusetzen. Es wird sogar immer schwieriger, je weiter unsere Technik fortgeschritten ist. Je atemloser die sozialen Medien werden. Wir Journalistinnen und Journalisten können uns nicht mehr wie vor rund 15 Jahren im Kosovo darauf berufen, nur eine sporadische Telefonverbindung zur Außenwelt zu haben. Heute geht man davon aus, dass wir ständig vernetzt, verkabelt, erreichbar, sendefähig sind. Das ist ein toller Fortschritt, weil wir viel leichter an Informationen kommen, sie schneller überprüfen können – einerseits. Andererseits ist es eine große Gefahr, weil die Quellen der Informationen oft nicht nachvollziehbar sind. Und weil durch die immer höhere Umdrehungszahl und die ständig steigende Komplexität, mit der diese Informationen auf uns eindringen, auch der Druck steigt, selbst immer schneller und komplexer zu berichten und einzuschätzen.

Ich halte nichts vom Totsagen der analogen Medien wie Print, Radio oder Fernsehen. Ich glaube an sie. Allerdings nur in enger Verbindung mit den digitalen. In unserer globalen Welt steigt das Bedürfnis nach profunden Einschätzungen, nach glaubwürdigem, professionellem Journalismus.

Dieses Buch erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Ganz im Gegenteil. Es ist ein schlaglichtartiger, subjektiver Blick auf einzelne Erlebnisse. Meine ganz persönlichen Erinnerungen und Überlegungen. Über Journalismus genauso wie über Südosteuropa. Ja, und auch darüber, was es bedeutet, als damals 29-jährige Frau in ein Krisengebiet zu gehen.

Mittlerweile leite ich das ARD-Fernsehstudio in Wien. Zu unserem Berichtsgebiet gehören insgesamt zwölf Länder. Außer Österreich die Länder des ehemaligen Jugoslawien (Serbien, Bosnien, Kroatien, Slowenien, Mazedonien, Montenegro, Kosovo) sowie Ungarn, Rumänien, Bulgarien und Albanien. Um einen guten Überblick über dieses große, teilweise sehr unterschiedliche und komplexe Gebiet zu behalten, haben wir in jedem der Länder freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir nennen sie Producer oderStringer. Und in diesem Buch sind sie oft ein wesentlicher Teil der Geschichten.

Begonnen habe ich mit der Berichterstattung über den Kosovo-Krieg. Seitdem hat sich Südosteuropa stark verändert. Das Ende meiner Arbeit in dieser Region beherrschen Beiträge über die Flüchtlinge, die über oder aus dem Balkan nach Europa kommen. Damit steht nicht nur Südosteuropa vor einer großen Herausforderung, dies betrifft uns alle. Doch Ängste und Panikmache helfen niemandem weiter. Um die Situation realistisch einzuschätzen, ist es wichtig, die Entwicklung und die Zusammenhänge zu kennen. Dazu will ich mit diesem Buch einen Beitrag leisten. Vor allem aber ist dieses Buch eine durchaus kritische, dafür jedoch umso aufrichtigere Liebeserklärung an Südosteuropa und den Journalismus.

Eine Journalistin, eine Schauspielerin und traurige Heiratsanträge

Von wo berichten wir, wenn wir über den Kosovo-Krieg berichten wollen?

Das war tatsächlich eine wichtige und berechtigte Frage. Es gab einen ARD-Beschluss, wonach es in der derzeitigen Situation zu gefährlich sei, Mitarbeiter ins Kosovo zu schicken. Dieser Beschluss hatte eine Vorgeschichte. Ein sehr guter und ambitionierter Kollege war zu Beginn des Krieges, also im Jahr 1999, in Pristina, hatte von dort berichtet. Aber im Hotel konnte er nicht mehr bleiben. Gerade zu Beginn der NATO-Bombardierung rächten sich die Serben exzessiv an Albanern und westlichen Journalisten. Die meisten Massaker fanden unmittelbar nach den ersten Bombardements statt. Der Kollege hatte sich bei der Familie seiner Dolmetscherin versteckt. Die das auch ausdrücklich unterstützte. Wäre er dort gefunden worden, hätte man mit der albanischen Familie vermutlich kurzen Prozess gemacht. Der deutsche Journalist hätte noch eher Chancen gehabt, nach einem traumatisierenden Gefängnisaufenthalt irgendwann wieder nach Hause zu kommen. Aber dies ist keine Berichterstattung wert. Für eine Sendeanstalt gilt es vor allem auch, die Mitarbeiter zu schützen. Also war das Kosovo selbst für einige Zeit tabu.

Die Entscheidung war dann für mich, ins benachbarte Mazedonien zu gehen. Wo täglich tausende Flüchtlinge ankamen und von wo aus man die NATO-Bomben auf das Kosovo in der Nacht gespenstisch leuchten sah.

Ich hatte in Mazedonien keinen Zugang zu Internet oder Agenturen. Das heißt, ich konnte tatsächlich nur über das berichten, was ich mit eigenen Augen und Ohren recherchiert hatte. Ich hatte keine Ahnung, welche Nachrichten bei den Kolleginnen und Kollegen in Deutschland überhaupt noch ankamen. Mit meinen Beiträgen war ich lediglich Teil eines Puzzles, das erst in seiner Gesamtheit, also mit den Nachrichten aus Belgrad, Brüssel, Washington oder Tirana, einen Überblick ergab. Natürlich erzählten mir die Kollegen in der Münchner Nachrichtenredaktion am sogenannten Newsdesk – das heißt da, wo die Agenturmeldungen eingehen –, wenn es wichtige Meldungen gab. Außerdem verfolgte ich die mazedonischen Medien, die ja auch wiederum einen internationalen Berichterstattungsteil hatten. Aber der war mit Vorsicht zu genießen.

In Skopje arbeitete ich mit Maja und Wesna Petruschewska zusammen. Sie hatten bereits vorher für ARD-Kollegen produziert und waren ein Glücksgriff. Die beiden Schwestern waren in meinem Alter. Ich konnte im Haus ihrer Eltern wohnen. Dort stand die Wohnung im ersten Stock leer, seitdem Maja geheiratet hatte und mit Mann und kleinem Sohn in eine eigene Wohnung gezogen war. Ich wurde von ihren Eltern wie eine dritte Tochter behandelt.

Meine beiden Producerinnen – die Journalistin und die Schauspielerin

Maja und Wesna, nur eineinhalb Jahre Altersunterschied, lange blonde Haare, waren beide sehr attraktive Erscheinungen. Aber im Charakter vollkommen unterschiedlich. Maja, die Ruhige, Stille, Ernsthafte, arbeitete bereits als erfolgreiche Journalistin und Moderatorin beim öffentlich-rechtlichen mazedonischen Fernsehen. Dennoch hatte sie sich dort beurlauben lassen, um als Producerin fürs deutsche Fernsehen zu arbeiten. Natürlich in erster Linie des Geldes wegen. Aber auch, weil sie – wie eigentlich alle ihre Kolleginnen und Kollegen – über die Arbeitsbedingungen und das Arbeitsethos beim mazedonischen TV sehr unglücklich war. Wesna war die Verrückte, Exzentrische. Schon damals eine im ganzen Land bekannte Schauspielerin. Später verfolgte ich, wie sie mit einer eigenen Sendung weiter Karriere machte. Während Wesna bis Mittag schlief, ackerte ich mit Maja schon die Zeitungen durch. Danach entschieden wir, welche Geschichte wir an diesem Tag verfolgen, wen wir um ein Interview bitten wollten.

Mit Maja Petruschewska beim Auswerten mazedonischer Zeitungen

Ganz oft sind wir in diesen Wochen auch zum Flüchtlingslager nahe dem Grenzübergang Blace gefahren, um dort mit den Menschen aus dem Kosovo über ihre Erlebnisse zu sprechen. Bei diesen Ausflügen hatte ich auch gerne Wesna dabei. Mit ihr an der Seite öffneten sich alle Türen sofort. Das fing schon damit an, dass sie an den Zahlstellen auf der Autobahn nie einen mazedonischen Denar zahlen musste. Sobald sie die Scheibe runterdrehte und mit strahlendem Lächeln die Haare in den Nacken warf, hauchten die Jungs »Wesna …« und winkten sie sofort ehrfurchtsvoll weiter. Noch eindrucksvoller war das Verhalten der hinter ihren verspiegelten Sonnenbrillen verborgenen, sonst so coolen und abweisenden mazedonischen Polizisten am Eingang zum Flüchtlingslager. Es hätte mich nicht gewundert, hätte einer noch angeboten, sich über eine Pfütze zu legen, damit die angebetete Wesna trockenen Fußes weiterlaufen könnte.

Im Flüchtlingslager Blace in Mazedonien

Die Recherchearbeit wurde mir also maximal erleichtert. Schwierig war dann allerdings häufig, was wir daraus machen sollten. Ich hielt mich dabei immer an die eiserne Regel meines Chefs, der mich ins Kosovo geschickt hatte: Immer die Quellenangabe liefern, niemals fremde Aussagen zu eigenen machen. Und nur das wiedergeben, was man wirklich selbst gesehen, gehört, erlebt hat.

Dennoch ist mir bereits damals klar geworden, wie schwer der Umgang mit Flüchtlingen und ihren Geschichten ist. Fast alle vermischen beim Erzählen ihre eigenen traumatischen Erlebnisse mit dem, was sie von oder über Dritte gehört haben. Gerüchte, Ängste und Realität gehen bunt durcheinander. Bei den meisten unterstelle ich keine Absicht. Nach alldem, was diese Menschen erlebt haben, ist es nur verständlich, dass sie in der Erinnerung vieles durcheinanderbringen. Oder auch einfach alles, wirklich alles erzählen möchten, was sie jemals gehört haben. Andere haben allerdings schon damals versucht, uns bewusst zu manipulieren. Häufig wurden dazu Kinder vorgeschickt, die einen offensichtlich auswendig gelernten Text abspulten. Unzählige Male haben mir Flüchtlinge außerdem versichert, die Kosovo-Provinzhauptstadt Kosovo sei so gut wie menschenleer, eine Geisterstadt. Sie gehörten zu den Letzten, die geflohen seien. Das kann so nicht gestimmt haben, doch das wurde mir erst später klar – als ich nach dem Krieg in Pristina mit vielen sprach, die die ganze Zeit vor Ort waren.

Ich habe mich stets redlich bemüht, ganz genau zu überlegen und so gut wie möglich zu verifizieren, welche Aussagen der Flüchtlinge ich zitiere – immer mit dem Hinweis, dass es nicht zu überprüfen ist. Aber machen wir uns nichts vor: Die Zitate sind dann in der Welt.

Wir hatten leider auch so gut wie keine Möglichkeit, mit Serben zu sprechen. Auch weil diese Interviews mit Medien aus den Ländern der Kriegsgegner verweigerten. Es war eine ganz klare Täter-Opfer-Rollenverteilung, die damals vorgenommen wurde. Von den Medien, von der Politik. Im Wesentlichen war dies auch gerechtfertigt. Die Serben waren die Unterdrücker und Aggressoren im Kosovo, sie haben ein Apartheidsystem eingerichtet, Albaner waren Menschen zweiter Klasse. Und im Krieg haben die Serben schlimme Massaker an Zivilisten verübt. Dennoch tut es mir im Nachhinein leid, dass wir nicht noch stärker auf die Graubereiche eingegangen sind. Und mit »wir« meine ich sämtliche westliche Medien. Auch die selbst ernannte albanische Befreiungsarmee UCK hat Verbrechen verübt. Unter den »Kollateralschäden« der NATO-Bombardierung waren serbische Zivilisten.

Ich sage das nicht, weil ich die Geschichte umschreiben möchte. Ich bin überzeugt, wir haben sie in den Grundzügen richtig wiedergegeben. Das stärkere Eingehen aufGrautöne hätte es aber anschließend leichter gemacht – um wieder in den wichtigen Dialog mit Serbien zu kommen, vor allem auch mit den Kriegs- und Milosevic-Gegnern dort. Und vielleicht wäre dann ein Grundfehler nicht passiert: Der zu nachlässige und zu sanfte Umgang mit den Politikern im Kosovo. Wodurch die internationale Gemeinschaft meiner Meinung nach dazu beigetragen hat, dass im Kosovo bis heute Clan-Strukturen überlebt haben, die eine demokratische und wirtschaftliche Entwicklung unterminieren. Und die einen Staat geschaffen haben, aus dem die Menschen mangels Perspektiven fliehen.

Was mir damals in Skopje unangenehm aufgefallen ist: Die Mazedonier schauten auf die Albaner herab. Die Kriegsflüchtlinge aus dem Kosovo taten ihnen zwar leid. Aber großeAchtung vor diesen Menschen hatten sie nicht. Erst recht nicht vor der albanischen Minderheit im eigenen Land. Es herrschte schon damals die unterschwellige Angst davor, dass sich das serbisch-albanische Drama so ähnlich auch bei ihnen abspielen könnte.

Wenn ich mit Maja oder Wesna unterwegs war, machten wir uns oft einen Spaß daraus, die Heiratsanträge zu zählen, die ich bis zum Abend bekommen hatte. Aber eigentlich war es nicht lustig, sondern traurig. Vor allem hatte es absolut nichts mit mir als Person zu tun. Wenn Interviewpartner oder auch einfach nur Menschen auf der Straße, an denen wir zufällig vorübergingen, bemerkten, dass ich aus Deutschland bin, begann folgendes Frage-und-Antwort-Spiel:

»Deutschland?«

Ich: »Ja.«

»Verheiratet?«

Ich (wahrheitsgemäß): »Nein!«

Dann kam die oder der Fragende verschwörerisch näher – es waren wirklich auch viele Frauen darunter – und sagte:

»Wir zahlen dir zehntausend D-Mark, wenn du mich/meinen Sohn/meinen Neffen/den Bruder meines Nachbarn … heiratest. Keine Sorge, er tut dir nichts. Nur zum Schein. Nur so lange, bis er legal in Deutschland leben kann.«

Rockstars des Friedens

»Michael Jackson kommt nach Mazedonien!«

Diese Nachricht Anfang Juni 1999 elektrisierte damals die ganze Region. Vor allem uns Journalistinnen und Journalisten. Nicht etwa, weil wir alle den amerikanischen »King of Pop« hören wollten. Der Michael Jackson, von dem hier die Rede war, war ein britischer General. Seit dem Bosnien-Krieg leitete Sir Michael Jackson in unterschiedlichen Funktionen die internationalen Einsatzkräfte in der Region. Im März 1999 übernahm er in Mazedonien das Kommando über die Kosovo Force, genannt KFOR.

Die Meldung, dass Michael Jackson nun nach mehr als zweimonatigem NATO-Bombardement des Kosovo nach Mazedonien kam, bedeutete: Endlich gab es eine Aussicht auf Frieden. Denn Jackson kam im internationalen Auftrag, um mit der jugoslawischen Führung zu verhandeln.

Die Verhandlungen über einen Waffenstillstand fanden auf einem Militärflugplatz in der Nähe der Stadt Kumanovo statt. Wir hatten seit Wochen konstant um die 40 Grad Hitze. Auf dem staubigen Militärflugplatz war ein Armeezelt für die Verhandler aufgestellt worden. Davor ein paar mobile Toiletten für die Journalisten. Wir waren alle vollkommen überstürzt angereist, um noch rechtzeitig da zu sein. Ich hatte einen jungen Fahrer, den ich bat, auf dem Parkplatz auf unsere Rückkehr zu warten. Meine Mitarbeiterin Maja und ich hatten jeweils nur eine Flasche Wasser eingepackt. Das war alles. Wir drückten uns wie die anderen Journalisten in den Schatten des Verhandlungszeltes. Und wir versuchten, möglichst den Gang zu den ziemlich schnell ziemlich furchtbar gewordenen Toiletten zu vermeiden. Am Abend, dachte ich, sind wir wieder zu Hause.

Ich hatte ein Live-Gespräch nach dem anderen. Das heißt, ich wurde von den Radiostationen angerufen und beantwortete live in der Sendung die Fragen der Moderatoren. Ein solches Gespräch im Radio dauert zwischen drei und fünf Minuten. Die meisten Fragen sind vorher nicht abgesprochen. Ich mag solche Radio-Live-Gespräche sehr, weil sie unmittelbar die Atmosphäre wiedergeben. Wenn die Zuhörer nur eine Stimme hören, also kein Bild dazu haben, lauschen sie konzentrierter. Man darf bei einem solchen Gespräch auchmal nach Worten suchen. Live-Gespräche im Fernsehen sind da anders. Meistens steht deutlich weniger Zeit zur Verfügung. Und an diese sollte man sich auch fast auf die Sekunde genau halten. Das heißt, dass bereits im Vorfeld wesentliche Fragen geklärt werden. Weil außerdem die Regel gilt: »Bild schlägt Ton«, werden die Zuschauerinnen und Zuschauer häufig vom Inhalt des Gesprächs abgelenkt.Etwa durch das, was hinten im Bild passiert. Oder etwa auch, wenn sie Kleidung oder Frisur der Korrespondentin oder des Korrespondenten irritieren.

Die Friedensverhandlungen von Kumanovo. Vollkommen erschöpft nach tagelangem Warten

Bei den Radio-Live-Gesprächen während der Friedensverhandlungen in Kumanovo konnte ich tagelang nichts wirklich Neues erzählen. Nur jedes Mal versuchen, den bisherigen Stand der Dinge zusammenzufassen.

Irgendwann kam ein Sprecher zu uns Journalisten und erklärte die Spielregeln: Wer das Militärgelände verließ, würde nicht mehr hereingelassen. Wie lange sich die Verhandlungen hinziehen würden, könne er uns nicht sagen. Es sei aber erlaubt, dass uns Personen von außerhalb des Geländes etwas zu trinken und zu essen über den Zaun hereinreichten.

Von da an fingen unsere Fahrer an, uns mit Pizza und Getränken zu beliefern. Ich muss gestehen, dass ich mich an diese Zeit in Kumanovo nur noch wie an eine Zeit im nachrichtentechnischen Delirium erinnere. Die Verhandlungen zogen sich über fünf Tage hin. Es war irrsinnig heiß und dreckig. Immer mal wieder kam einer der Sprecher aus dem Zelt nach draußen, um uns darüber zu informieren, was innen eher nicht vor sich ging. Einmal konnten Maja und ich kurz zurück in unsere Wohnung, um unsere Kleider zu wechseln.

Unsere Arbeit vor Ort bestand also daraus, durch immer wieder neue Situationsbeschreibungen die Nachrichten über die Verhandlungen, die sich inhaltlich nicht wirklich änderten, einigermaßen interessant zu halten. Ich finde das aber auch aus heutiger Sicht völlig okay. Wichtig war damals: Die ganze Welt schaute auf die Waffenstillstandsverhandlungen für das Kosovo. Das war gerechtfertigt, und wir lieferten immer wieder neue Zwischenstandsmeldungen. Aber irgendwann hatte ich das Gefühl: Ich kann nicht mehr. Ich möchte nur noch in sauberer Umgebung duschen, auf die Toilette gehen und schlafen.

Nicht wirklich einfach war es auch, das diplomatische, und noch dazu englische, Kauderwelsch, mit dem die Sprecher hin und wieder unser ödes Warten bereicherten, richtig zu deuten. Wir deutschsprachigen Journalisten standen danach meist noch länger zusammen und versuchten gemeinsam zu erraten, was wohl zwischen den Zeilen gemeint war.

Ich bin heute noch froh, dass die Verbindung mit der Außenwelt via Mobiltelefon wegen der häufig überlasteten Netze damals so schwer herzustellen war. So freuten sich die Redaktionen jedes Mal, wenn ich mich überhaupt meldete. Und niemand machte mir einen Vorwurf, weil ich nicht sofort erreichbar war. Ich gebe zu: Ich habe auch dafür gesorgt, erst dann in Verbindung mit der redaktionellen Außenwelt zu treten, wenn ich der Meinung war, ich hätte in etwa kapiert, was im Zelt vor sich ging. Heute wären diese »konstruktiven Pausen« jedenfalls nicht mehr mit technischen Schwierigkeiten erklärbar. Vermutlich würden einige der Anwesenden noch während des Statements des Sprechers die ersten Meldungen twittern – und sich erst nachdem die Nachricht in der Welt ist, selbst die Frage stellen, was damit eigentlich gesagt werden sollte. Oder auch – mindestens genauso wichtig! – nicht gesagt worden war.

Diese Tage und Nächte in Kumanovo verschwimmen in meiner Erinnerung. Ganz deutlich sehe ich aber noch den Moment vor mir, als einer der Sprecher vor das Zelt trat und uns erklärte: Die Verhandlungen seien vorerst beendet. Unterbrochen oder abgebrochen, das ließ er offen. Jedenfalls könnten wir alle nach Hause fahren. Wir würden dann rechtzeitig über den weiteren Ablauf informiert.

Klar, es ging um Friedensverhandlungen. Und diese Botschaft war per se keine gute. Aber das war mir zu diesem Zeitpunkt wirklich egal. Ich wollte nur noch nach Hause.

Maja und ich gingen zum Parkplatz, auf dem wir Tage zuvor ausgestiegen waren und unseren Fahrer – umgeben von vielen anderen Autos mit Fahrern – zurückgelassen hatten. Der Parkplatz war fast leer. Aber unter den wenigen Wagen, die da noch standen, war unserer. Der Fahrer hatte den Sitz zurückgelegt und schlief. Mir wurde richtig warm ums Herz. Er hatte also, anders als viele andere, dort auf uns gewartet. Klar, er verdiente sehr gutes Geld mit uns. Aber später erklärte er: Wir hätten ihn immer gut und als gleichwertiges Teammitglied behandelt. Er wollte uns jetzt nicht im Stich lassen. Und obwohl viele seiner Kollegen, die früher zurückfuhren, ihn ebenfalls dazu aufgefordert hatten, war er geblieben.

Bei der Rückfahrt freute ich mich so riesig auf eine warme Dusche und auf mein Bett wie noch nie zuvor.

Mit letzter Kraft stieg ich die Treppe zu meiner kleinen Wohnung in Skopje hinauf. Ich war noch nicht unter der Dusche, da klingelte das Handy. Einer der Chefs vom Dienst von B5 aktuell war dran: »Susanne, wo bist du?« – »Ich bin gerade nach Hause gekommen.« – »Dann fahr so schnell wie möglich nach Kumanovo. Gerade kam die Eilmeldung. Dort wird weiterverhandelt. Die stehen kurz vorm Abschluss.«

Im ersten Moment glaubte ich an einen bösen Scherz. Im zweiten wollte ich meinen Job für immer sausen lassen. Im dritten lief ich ungeduscht, fertig mit mir und der Welt, die Treppe wieder herunter, rief meinen Fahrer und Maja zurück. Wir sagten alle kein Wort. Fuhren in der Dunkelheit nach Kumanovo zurück. Zum bereits vertrauten staubig-dreckigen Platz vor dem Armeezelt. Es war der 9. Juni 1999. Und es wurde ein historisches Ereignis. Irgendwann trat Michael Jackson vors Zelt – der britische General mit dem zerknautschten Gesicht, der mit dem General der jugoslawischen Armee Svetozar Marjanovic und dem serbischen Polizeigeneral Obrad Stevanovic verhandelt hatte. Diese drei unterzeichneten schließlich auch das Agreement, das vorsah, dass die NATO sowie die jugoslawische Armee und die serbische Polizei ihre Feindseligkeiten einstellen. Armee und Polizei verpflichteten sich zum Rückzug aus dem Kosovo innerhalb von elf Tagen. Die internationalen KFOR-Truppen sollten die albanischen Unabhängigkeitskämpfer der UCK entwaffnen. Und es wurde eine Sicherheitszone eingerichtet – von der administrativen Grenze zum Kosovo innerhalb der Republik Serbien und Montenegro.

Der Kosovo-Krieg war also zu Ende. Die Verhandlungen waren auch deshalb so zäh, weil Russland stark aufseiten der jugoslawischen Streitkräfte mitmischte. Außerdem mussten sich die jugoslawischen und serbischen Verhandlungsführer regelmäßig das telefonische Plazet ihres Präsidenten Milosevic holen. Und Michael Jackson musste sich mit seinem Vorgesetzten, dem US-amerikanischen General Wesley Clark, abstimmen, der als Supreme Allied Commander Europe Oberbefehlshaber der NATO-Streitkräfte im Kosovo-Krieg war.

Bei meinem letzten Live-Gespräch mit B5 aktuell passierte mir dann mein bis dato lustigster Versprecher. Vermutlich war ich mit dem Kopf längst im Bett und definitiv fühlte ich mich zerknautschter als das Gesicht von KFOR-General Michael Jackson. Jedenfalls erklärte ich live on air, dass die Waffenstillstandsverhandlungen einzig dank des Durchsetzungsvermögens von General Mick Jagger erreicht worden seien. Michael Jackson mag es mir verzeihen. Ich war eben schon damals im Herzen eher ein Rolling-Stones-Fan.

Per Autostopp ins Kosovo

Unmittelbar nach den erfolgreichen Friedensverhandlungen von Kumanovo begannen die Serben, sich aus dem Kosovo zurückzuziehen. Militär, Polizei, Freischärler und mit ihnen große Teile der serbischen Zivilbevölkerung. Natürlich lief das nicht bei allen geordnet und diszipliniert ab. Im Gegenteil.

Schwer bewaffnete und meist genauso schwer betrunkene Soldaten und Freischärler randalierten im Kosovo. Maßlos wütend auf alle Albaner und alles Albanische, auf die NATO, aber auch auf westliche Journalisten. Weil sie denen unterstellten, mit ihren Berichten den NATO-Einsatz herbeigeführt zu haben.

Zeitgleich mit dem Rückzug der Serben begannen die KFOR-Truppen, darunter die deutsche Bundeswehr, ihren Einmarsch ins Kosovo vorzubereiten. Am 12. Juni 1999 war es so weit. In diesen chaotischen Tagen war bei den Soldaten große Angst spürbar. Wir Journalisten diskutierten, wann wir es riskieren konnten, ins Kosovo zu gehen. Und über welche Route. Die meisten entschieden sich dafür, unmittelbar nach den Soldaten aufzubrechen. Wer Glück hatte, fand einen Albanisch-Dolmetscher, der bereit war, ihn dorthin zu begleiten. Ich hatte in dieser Beziehung kein Glück. Denn Maja und Wesna, mit denen ich in Mazedonien zusammenarbeitete, sprachen kein Albanisch. Und selbst wenn, hätte ich sie nicht gefragt. Es war klar, dass sie dazu nicht bereit waren.

Damit war ebenfalls klar, dass ich mich alleine auf den Weg machen und mir vor Ort einen Dolmetscher suchen musste. Heute würde ich das so nicht mehr machen. Damals aber flog ich mit einem Helikopter der deutschen Bundeswehr ins albanische Kukes. Wir landeten auf einer Wiese direkt an der Grenze zum Kosovo. Bis dorthin hatten die Soldaten den Mittransport zugesagt. Die Weiterreise musste ich selbst organisieren. Ich hatte einen riesigen Rucksack bei mir – ein Drittel persönliche Dinge, zwei Drittel Hörfunk-Technik, die damals noch riesige Ausmaße hatte, sowie ein schweres, großes Satellitentelefon, die Handys funktionierten im Kosovo ja nicht. Dazu ein Kassetten-Aufnahmegerät, ebenfalls nicht gerade ein Leichtgewicht. Und einige nicht minder schwere, für mich weitgehend undurchschaubare Geräte, die mich irgendwie in die Lage versetzen sollten, via Satellitentelefon nicht nur Live zu machen und von mir gesprochene Wortbeiträge abzusetzen, sondern auch Originaltöne oder -geräusche in die Beiträge zu mischen. Am besten hätte ich diese tolle Technik gleich in Kukes zurückgelassen! Doch sie galt damals als der letzte Schrei. Und fast hätte sie auch mich zum finalen Schreien gebracht. Ich habe es jedenfalls trotz stundenlanger, verzweifelter Versuche im Kosovo nicht geschafft, die Gerätschaften zum Laufen zu bringen. Kann an mir liegen, muss aber nicht. Wenig später war diese Art von Technik jedenfalls wieder verschwunden.

Ich behalf mich dann mit folgender Methode: Wenn Töne oder Geräusche nötig waren, spielte ich sie von meinem Kassettenaufnahmegerät übers Satellitentelefon zu den Kolleginnen und Kollegen in München. Die Qualität war natürlich miserabel. Würde heute nie mehr gesendet!

Auf der Wiese, auf der mich der Bundeswehr-Helikopter abgesetzt hatte, herrschte großer Trubel. Soldaten, aber auch viele Mitarbeiter diverser Hilfsorganisationen bereiteten hier via Albanien ihren Aufbruch ins Kosovo vor.

Ich sprach eine Frau und einen Mann an, die gerade dabei waren, einen großen Wagen mit Medikamenten zu beladen. Ob sie demnächst ins Kosovo fahren? Und ob sie mich bitte mitnehmen könnten? Die beiden waren sehr nett. Ja, sie könnten mich mitnehmen. Und es traf sich noch wunderbarer: Die beiden fuhren nicht in die Provinzhauptstadt Pristina, sondern nach Prizren. Genau mein Ziel. In Pristina war schon mein Kollege Elias Bierdel. Ich sollte nach Prizren, weil dort die deutschen Soldaten stationiert waren.

Bevor wir aber losfahren konnten, mussten die zwei noch einige organisatorische Dinge im Camp ihrer Hilfsorganisation klären. Sie meinten, ich könne gerne mitkommen und dort auf sie warten. Für mich kein Problem. Aber im Camp zogen sich diese »organisatorischen Erledigungen« leider lange hin. Irgendwann war klar, dass wir in die Nacht hineinfahren mussten. Kein gutes Gefühl. Vor allem auch, weil ich wusste, dass ich in Prizren ja noch keine Übernachtungsmöglichkeit hatte. Dann sprach mich auch noch ein ziemlich unsympathischer Typ an, der offenbar der Chef der beiden Helfer war. Ein US-Amerikaner. »Was machen Sie da?«, fuhr er mich an. Und als ich sagte, dass ich darauf wartete, mitgenommen zu werden, hieß es noch weniger freundlich: »Nein, das geht nicht. Wir dürfen aus versicherungstechnischen Gründen keine Personen mitnehmen.«

Jetzt hatte ich Stunden hier unnütz vertrödelt. Leichte Verzweiflung machte sich breit. Aber meine neuen Freunde waren cool: »Der fährt gleich mit einem anderen Konvoi in Richtung Kosovo los. Wir warten, bis er weg ist, dann kommst du wie verabredet mit uns mit.«

Und so machten wir es auch.

Auf der Straße kamen wir nur im Schritttempo voran. Mitten in einem schier endlosen Konvoi, vor allem auch aus Albanern, die euphorisch nach Hause zurückkehrten. Viele auch zu Fuß oder mit Pferdewagen. Hinten drauf alte Matratzen oder anderer Hausrat. Eben alles, was ihnen nach der Flucht noch geblieben war. Großfamilien saßen am Straßenrand, machten Pause, aßen eine Kleinigkeit. Kinder kickten luftschwache Fußbälle über die Wiesen. Keiner dachte hier offenbar an die Minen-Gefahr. Dabei wussten wir doch, wie hoch sie war.

Ich werde den ohrenbetäubenden Knall nicht vergessen. Plötzlich hüpfte weiter vorne in der Kolonne ein großer Wagen, der eine Ochsenkutsche überholen wollte und dazu weit von der Straße auf ein Feld ausgewichen war, hoch in die Luft. Er war auf eine Mine aufgefahren. Zum Glück war der Wagen gepanzert. Die Insassen kamen mit einem Schock und Platzwunden davon. Auch war es ein Wunder, dass niemand sonst ernsthaft verletzt wurde. Später habe ich leider auch gesehen, wie Menschen starben, deren Auto nicht gepanzert war. Und ich bekomme niemals die Szene aus dem Kopf, bei der ich Augenzeugin war, wenn auch in ausreichendem Abstand. Ein kleiner Junge läuft übers ganze Gesicht strahlend mit einem neuen Spielzeug, das er gerade auf einem Feld gefunden hat, auf zwei KFOR-Soldaten zu, um es ihnen zu zeigen. Beide rufen noch: »Give it up, give it up!« Dann ein furchtbarer Schlag. Der Junge und ein Soldat waren sofort tot, der andere schwer verletzt.

Beim Einzug der KFOR ins Kosovo (Juni 1999)

Der Wagen, mit dem wir ins Kosovo fuhren, war nicht gepanzert. Mittlerweile war es fast dunkel. Später habe ich gelacht, als ich mich daran erinnerte, wie wir kurz vor der Grenze zum Kosovo erneut anhielten. Aber im Moment selbst fand ich es überhaupt nicht lustig. Ich weiß nicht mehr genau, warum er dort auf uns wartete. Aber offenbar sollten nochmals Medikamente und andere Hilfsgüter von einem Fahrzeug ins andere umgeladen werden. Und wer stand da, um das zu organisieren? Mein Freund, der US-Amerikaner, der mir die Mitfahrt untersagt hatte. Mich und sicher auch meine beiden Helfer traf fast der Schlag. Erst entdeckte er mich gar nicht. Ich machte mich hinten im dunklen Wagen neben meinem großen Rucksack ganz klein. Er sprach durchs Seitenfenster mit der Beifahrerin und dem Fahrer. Als er sich schon umdrehen und weggehen wollte, fiel sein Blick dann doch noch auf mich.

»What are you doing here? Come out of the car!« Ich dachte ja gar nicht daran, das Auto jetzt zu verlassen. Es war dunkel, offensichtlich lagen da einige Minen herum. Ich schaute stumm und trotzig hinter meinem Rucksack hervor. Die beiden vorne im Wagen unterstützten mich, indem sie angelegentlich nach draußen in die Dunkelheit starrten, als ginge sie das alles nichts an.