Gugelhupf mit Schuss - Lena Avanzini - E-Book

Gugelhupf mit Schuss E-Book

Lena Avanzini

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Beschreibung

Kaffeeduft liegt in der Luft - und ein Hauch von Gefahr. In neun kriminellen Geschichten rund um Kuchen, Muffins und Sahnetorte wird gebacken, getäuscht, gelogen und getötet: Süßes Backwerk dient dabei als Mordwaffe, Lockmittel oder zur Vertuschung von Verbrechen. Mal düster, oft heiter und skurril, aber immer mit einem guten Schuss Spannung und voller unerwarteter Wendungen. Mit Rezepten zum Nachbacken - garantiert harmlos.

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Seitenzahl: 286

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Ingrid Werner

Gugelhupf mit Schuss

Kriminelles Kaffeekränzchen

Zum Buch

Tödliche Törtchen Was haben Gugelhupf, der weltbeste Schokokuchen und die Marzipan-Frischkäse-Torte gemeinsam? In diesen neun Krimis sind sie mehr als nur verführerisches Naschwerk, sie werden zu Tatwerkzeug, Lockmittel, Ablenkung oder letzter Mahlzeit. Ob im Café, beim Bäcker, auf großer Kaffeefahrt oder beim riskanten Canelé-Experiment: Hinter Puderzucker und Streuseln lauert das Unheil. Mal tarnt sich ein Giftanschlag im zarten Gebäck, mal führt ein unschuldig wirkendes Stück Torte geradewegs ins Verderben, mal lockt eine süße Versuchung in eine Falle, aus der es kein Entkommen gibt. Die Autorinnen servieren eine kriminell gute Mischung für den nächsten Kaffeeklatsch. Doch Vorsicht: Nicht jeder Kuchen ist bekömmlich.

Mit Beiträgen von Lena Avanzini, Mareike Fröhlich, Ursula Hahnenberg, Beatrix Mannel, Manuela Obermeier, Edith Anna Polkehn und Ingrid Werner.

Ingrid Werner war früher Juristin und lebt nun ihr Faible fürs Kriminelle im Schreiben aus. Ihre Geschichten verbinden Spannung und Tiefe mit feinem Humor. Als NeuroGraphik-Trainerin begleitet sie Menschen kreativ in Veränderungsprozessen, als Autorin schickt sie ihre Figuren durch gefährliche Verstrickungen. Sie liebt die Zusammenarbeit mit Kolleginnen und das gemeinsame Gestalten von Anthologien.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.

Bei Fragen zur Produktsicherheit gemäß der Verordnung über die allgemeine Produktsicherheit (GPSR) wenden Sie sich bitte an den Verlag.

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Alle Rechte vorbehalten

Satz: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Shutterstock Generate. ID: 2660525555

ISBN 978-3-7349-3530-5

Zwischen Krümeln und Kristallen

Mareike Fröhlich

»Wenn das schiefgeht …«

»Ja, ich weiß, dann wird meine Mutter weinen«, sage ich, setze den Blinker und fahre vom Abrissgelände, auf dem ich den Wagen versteckt hatte. »Du hast gesagt, ich bin für den Fluchtwagen verantwortlich. Das ist ein Fluchtwagen!«

»Das ist eine Ente! Ein Citroën. Im Stau ist der schneller als auf freier Strecke. Ein Oldtimer mit der Aerodynamik eines Schuhkartons.«

»Es ist eine Ente mit Ladefläche. Eine Transport-Ente.«

»Eine Transport-Ente, die nach Zimt riecht!« Sie klingt noch ein bisschen aggressiver als zuvor.

»Cool, oder? Die habe ich in der Serie Richard Hammond’s Car Workshop gesehen. Und da dachte ich … wer würde erwarten, dass sich Steinchen in einem Bäckereifahrzeug befinden. Sonnengelb, klein, niedlich. Mit Bäckereiemblem. Jason Statham ist in The Transportermit seinem protzigen 7er-BMW und dem Audi A8 nur aufgefallen. Wir fallen mit der Transport-Ente zwar auch auf, nur eben anders. Vertrau mir.«

Sie schüttelt den Kopf. »Du hängst zu viel vor der Glotze rum. Lass das! Da lernt man nur blödes Zeugs.«

Lassen Sie mich anders einsteigen. Manche Details erspare ich Ihnen – Erpressung einer 82-Jährigen ist schließlich nichts, womit man prahlen möchte. Vor allem, wenn es nicht geklappt hat und die 82-Jährige den Spieß umdreht. Springen wir also direkt zum Deal, zum eigentlichen Kern der Geschichte.

»Wenn du nicht brav bist, wird deine Mutter weinen«, sagt sie leise. Es klingt beiläufig. Aber ich weiß, dass es das nicht ist.

Für einen Moment frage ich mich, ob das alles nur ein böser Traum ist und ich mich gerade nicht daran erinnern kann, dass ich Komparse in der Neuverfilmung des Paten bin. Nicht der von 1972, sondern voll 2026. Mit weiblicher Hauptrolle. Wegen Frauenquote oder so.

»Steht der Fluchtwagen bereit?«, fragt Lotti.

»Klar«, antworte ich lässig, weil sich »Fluchtwagen« deutlich besser anhört als das, was es wirklich ist: die schäbige Folge eines vergeigten Enkeltricks. Fluchtwagen klingt nach Baby aus Baby Driver. Sie wissen schon, 2017, junger talentierter, gut aussehender Typ, der im perfekten Rhythmus zur Musik fährt.

Ach ja … egal wie, weinen wird meine Mutter sowieso. Zum Eins-null-Abi und dem Medizinstudium hat’s bei mir halt einfach nicht gereicht. Aber im Knast krieg ich bestimmt mehr Ansehen für Steinchen als für alte Omis.

»Noch mal zum Mitschreiben, Bürschchen …« Sie wendet den Blick nicht vom Schaufenster des Juweliers ab. Wobei das natürlich nicht irgendein Juwelier ist, deutlich zu erkennen an dem Kerl im schwarzen Anzug, der sich vor der Tür aufgebaut hat. »… du bist mein Urenkel und du bist der schüchterne Typ. Also halt die Klappe. Verstanden?«

»Klar hab ich das verstanden.«

Sie stößt ein genervtes Schnauben aus. »Hast du nicht, sonst hättest du jetzt die Klappe gehalten.« Mit energischem Griff hakt sie sich bei mir unter und tippelt los. Es ist diese Art Gehen der alten Leute, bei der man Angst hat, dass sie jeden Moment stolpern und auf den Boden knallen. »Lass dich da drinnen treiben. Sei überrascht, wenn etwas passiert, mit dem du nicht gerechnet hast. Sei besorgt um deine alte Oma. Vor allem: Halt die Klappe!« Und schon schenkt sie dem Mann in Schwarz ein strahlendes Lächeln. Noch bevor er fragen kann, sagt sie: »Liselotte Brunner. Mein Enkel und ich haben einen Termin mit Herrn Leclerc.«

Ihre Stimme klingt wie ihr Gang. Tattrig. Die Mafiosa ist verschwunden.

Vielleicht sollte ich dem Mann mit Stöpsel im Ohr signalisieren, dass die Mafiosa immer noch da ist, dass sein Leben auf dem Spiel steht. Aber wenn ich das tue, steht mein Leben auf dem Spiel. Und dafür bin ich doch irgendwie zu jung, oder?

Er spult sein auswendig gelerntes Sprüchlein ab. »Einen schönen guten Tag, Frau Brunner. Herzlich willkommen bei Leclerc & Son. Wir freuen uns, Sie in unserem Hause begrüßen zu dürfen.« Er öffnet die Tür und weist mit einer ausladenden Geste ins Innere.

Hand aufs Herz: Der Traumjob ist das nicht gerade. Den ganzen Tag da an der Tür herumstehen und zu irgendwelchen reichen Schnöseln nett sein.

Bevor ich mir weitere Gedanken über den armen Mann machen kann, schließt er die Tür hinter uns wieder ab. Er führt uns durch den Raum, über dunkles Parkett, vorbei an sandfarbenem Marmor und goldenen Ornamenten an den Wänden, zu einem langen Tresen. Er besteht ebenfalls aus sandfarbenem Marmor, durchzogen von feinen hellgrauen Äderchen. Obendrauf befinden sich eingelassene Schaukästen aus Glas. Der Schmuck, der darin liegt, muss teuer sein. Nicht mal Preisschilder gibt es.

Hinter dem Tresen steht ein Tresor. Sicher 2,20 Meter hoch und 1,20 breit. Er ist so golden wie die Ornamente.

Wie will Lotti in diesem Sicherheitsbunker denn bitte Steinchen stehlen? Hab ich sie auch gefragt, aber es kommt immer der gleiche Spruch: Dafür bist du nicht intelligent genug. Lass dich treiben, sei überrascht … jaja …

Wie aus dem Nichts taucht ein Mann auf. Vermutlich Mitte fünfzig, dunkelblauer Anzug, hellblaues Hemd, mittelblaue Krawatte. Der Kerl sieht aus, als wäre er gerade einem Beautysalon entsprungen. Wie auf Knopfdruck setzt er ein strahlendes Lächeln auf.

»Frau Brunner …«

Das U spricht er wie ein Ü, so als befänden wir uns direkt auf der Champs-Élysées.

»… herzlich willkommen in unserem Haus. Was kann ich für Sie tun?«

»Ach, mein lieber Herr Leclerc, ich habe einen Ring von meiner Großmutter geerbt. Wissen Sie, meine Urgroßmutter hat in das Adelsgeschlecht der Herzöge von Urach eingeheiratet. Aber der Stein muss irgendwann, ich vermute, während des Krieges, verloren gegangen sein. Ich habe also nur noch die Fassung. Nun dachte ich mir, es wird Zeit für einen neuen Stein. Mir wurde nämlich erzählt, dass der Herrgott an der Himmelspforte fragt, was man am meisten bereue. Da möchte ich nicht sagen, dass ich mir den Traum eines großen Diamanten nie erfüllt habe, obwohl ich doch das Geld dafür hätte. Warten Sie …«

Umständlich stellt sie ihre Handtasche, die sehr an die von Mary Poppins erinnert, auf den Tresen. Sie kennen diese Tasche, oder? Also dieses riesige Ding, in das ein gesamtes Leben hineinpasst.

»… ich zeig sie Ihnen.« Sie wühlt in der Tasche, legt erst ein Brillenetui und ein Bündel mit Geldscheinen auf den Tresen. Dann noch eins. Die Summe auf der Bank-Banderole schreit mich regelrecht an. Mit der Kohle wären alle meine Probleme gelöst. Aber da ist der Sicherheitsmann, die Tür ist abgeschlossen, und ich bin der Urenkel.

Wie war das? Sei überrascht, wenn etwas passiert, mit dem du nicht gerechnet hast.

»Omi! Ich hab dir doch schon ein Dutzend Mal gesagt, dass du kein Bargeld in deiner Tasche durch die Gegend tragen sollst. Das ist …«

»Papperlapapp.« Sie wischt meinen Einwand wie eine lästige Fliege beiseite. »Wer von den Idioten da draußen denkt schon, dass eine alte Oma wie ich 100.000 Euro bei sich trägt, wenn in den Nachrichten ständig von Altersarmut gesprochen wird? Nicht wahr, Herr Leclerc?«

Leclerc nickt und lächelt süffisant.

»Falls Sie sich fragen sollten, Herr Leclerc, mein Urenkel ist dabei, weil er seiner Freundin einen Heiratsantrag machen möchte. Hach …« Sie greift sich mit einer übertriebenen Geste an die Brust. »… jung sollte man noch mal sein. Aber auch wenn das ein bildhübsches Mädel ist, das er da ehelichen möchte, reicht ein kleines Steinchen. Die beiden haben den langen Leidensweg der Ehe ja noch vor sich und müssen sich die großen Steine erst mal verdienen.« Schon steckt sie ihren Kopf wieder in die Tasche und wühlt. »Ach, da ist sie ja.« Ein Plastiktütchen mit einem Ring wandert auf den Tresen. »Der Ring meiner Großmutter.«

In diesem Moment klingelt es an der Tür. Der Security-Mann öffnet, lässt eine Frau und einen Mann herein und schließt die Tür hinter ihnen wieder ab. Er führt sie zum zweiten Tresen, hinter dem sogleich eine Mitarbeiterin erscheint. Ich höre Gesprächsfetzen: Silberhochzeit, ein besonderes Geschenk, das sie sich gegenseitig machen wollen.

Herr Leclerc hat sich in der Zwischenzeit so ein Lupending ins linke Auge geklemmt und betrachtet die Fassung eingehend.

»Madame Brünner«, sagt er schließlich, »eine wunderschöne Fassung für einen großen Stein. Es muss wirklich ein außergewöhnlicher Diamant gewesen sein, den sie einst trug. Wir können die Fassung selbstverständlich anpassen, sodass sie auch für einen kleineren Stein hervorragend passt.«

Lotti kichert. »Ach, mein lieber Herr Leclerc, ich bin zu alt für ›klein‹. Zeigen Sie mir doch einfach mal ein paar hübsche Steinchen, die Sie für diese Fassung als passend erachten.«

Wieder lächelt er und entblößt dabei seine Zähne. Die sind makellos. Bestimmt keine billige Angelegenheit, diese Beißerchen. »Sehr gerne.« Herr Leclerc legt ein Tablett, das mit schwarzem Samt bezogen ist, auf den Tresen. »Möchten Sie sich setzen?«, fragt er, während Lotti die Geldbündel und das Brillenetui wieder in ihre Tasche wirft und diese auf den Boden stellt. »Wir haben Hochstühle mit Lehne, damit Sie die Steine in Ruhe begutachten können.«

»Das klingt fantastisch, mein Lieber.« Sie greift über den Tresen und tätschelt seine Hand.

»Victor, bringen Sie Madame Brünner doch bitte einen Stuhl.« Er schaut von ihr zu mir. »Für Sie auch?«

Ich schüttle den Kopf. »Ich stehe lieber.«

Während Victor Lotti den gewünschten Stuhl bringt und ihr einen Arm reicht, damit sie sich auf die hohe Sitzfläche hieven kann, wendet sich Leclerc mit dem Samttablett dem Tresor zu und öffnet die massive Tür. Er macht einen Schritt nach vorne, und es sieht beinahe so aus, als würde er in den Tresor hineingehen. Was genau er dort tut, kann ich nicht sehen. Doch kurze Zeit später tritt er einen Schritt zurück, hält das Tablett in der Hand, drückt die Tür zu und verschließt sie.

Auf dem Tablett liegt ein großer funkelnder Stein.

»Madame Brünner, hier haben wir einen 2,8-Karat-Diamanten. Einen VVS2, also Very, Very Slightly Included. Farbe F. Ein bezauberndes Exemplar.« Er nimmt eine spitze Pinzette, greift damit den Diamanten und hält ihn an die Fassung des Rings.

Ein »Oh« entfährt Lotti.

»Wow, was für ein geiles Teil«, murmle ich. So einen Stein habe ich noch nie gesehen. Diamonds are a girl’s best friend – Marilyn Monroe in Blondinen bevorzugt. 1953. Aber ich muss zugeben, dass da auch ein Männerherz schwach wird.

»Möchten Sie ihn mit der Lupe betrachten?«

Lotti drückt sich die Lupe vors Auge, übernimmt die Pinzette samt Stein und hält ihn direkt vor das Lupenteil. »O ja. Ein prächtiges Exemplar.« Sie legt den Stein zurück auf den Samt. »Worin besteht denn der Unterschied zu … sagen wir … 3,5 Karat. Sind 0,7 mit bloßem Auge erkennbar? Und wie sieht es mit einem lupenreinen Stein aus? VVS2 ist ja nicht lupenrein, oder täusche ich mich da?«

Leclerc verzieht anerkennend das Gesicht. »Eine Expertin. Einen Moment.« Er wendet sich samt Tablett und Stein dem Tresor zu, öffnet ihn und kommt mit einem neuen Stein auf dem Tablett zurück.

»Dies wäre ein IF, also ein Internally Flawless. 3,5 Karat.«

»Ein sehr schöner Stein«, sagt Lotti, doch ihre Stirn runzelt sich fragend. »Herr Leclerc, wie soll ich die Steine denn vergleichen, wenn Sie den ersten Stein weggepackt haben? Ich habe nicht so ein geschultes Auge wie Sie, mein Lieber.«

Mir fällt auf, wie oft Lotti seinen Namen sagt, und ich muss automatisch an American Psycho denken. 2000. Christian Bale nennt mit gespielter Freundlichkeit immer den Namen seines Gegenübers, während er sich einen Mord ausmalt.

Lotti wird doch nicht …

Leclerc schaut zum Security-Mann. »Victor?«

Ich folge seinem Blick. Victor nickt kurz. Und so wendet sich Leclerc samt Tablett und Stein dem Tresor zu – wenn auch widerwillig. Zumindest habe ich das Gefühl.

Ein Jauchzen erklingt vom anderen Tresen. Ich drehe mich um, sehe, wie die Frau ihre Hand von sich streckt und den Ring betrachtet, der an einem ihrer Finger steckt. Ihr Mann hat dieses einfältige Dauergrinsen im Gesicht. Und da steht Leclerc wieder vor uns – mit dem Tablett und zwei Steinen.

Der eine ein wenig größer als der andere, gerade mal um ein paar Millimeter.

»Ach, und könnten Sie uns bitte noch einen 0,5-Karat zeigen? Für die Verlobte. Damit mein Urenkel sieht, wie das mit den Größenverhältnissen ist – junge Frau kleiner Stein, alte Frau großer Stein. Der Bub kennt sich damit ja nicht so aus.«

»Es tut mir leid, ich kann nicht mehrere Steine gleichzeitig zeigen. Da muss ich erst die anderen Steine wieder wegschließen. Das hat versicherungstechnische Gründe.«

Die Frau hinter uns klatscht in die Hände. Es ist laut, unangenehm. Sie fängt an zu lachen. Ebenfalls laut, ebenfalls unangenehm.

»Ach, papperlapapp. Sie haben doch Ihren Sicherheitsmann, und die Tür ist abgeschlossen.« Lotti zeigt mit dem Finger nach oben. »Und Kameras, die uns die ganze Zeit filmen. Wenn wir Sie bestehlen, dann haben Sie das sogar auf Band.«

Erneut schaut Leclerc zu Victor. Die Reaktion sehe ich nicht, wohl aber, dass Leclerc sich samt Tablett und den Steinen dem Tresor zuwendet, ihn öffnet und mit dem Tablett zurückkehrt. Diesmal mit drei Steinen.

»Jetzt schau doch mal, Emil. Meinst du, ein Ring mit diesem Stein würde deiner Sophia gefallen?«

Bevor ich antworten kann, hüpft Lotti vom Stuhl. So plötzlich, dass mir ein Stöhnen entweicht und ich nach ihrem Arm greife.

Lotti schüttelt den Kopf. »Was denn, was denn? Ich brauch nur ein Taschentuch.«

Sie stellt ihre Tasche auf den Tresen, wühlt darin, legt Geldbündel und Taschentücher heraus, verstaut das Geld wieder und stellt die Tasche zurück auf den Boden. »Oh, Herr Leclerc, könnte ich bitte ein Glas Wasser haben? Mir ist mit einem Mal so heiß.«

Herr Leclerc lächelt, auch wenn es nun sichtlich gezwungen wirkt. Er nimmt das Tablett, wendet sich dem Tresor zu. Tür auf, Tablett rein, Tür zu. »Darf es für Sie auch ein Glas Wasser sein?«

Ich nicke.

Er geht zur Nische, in der auf einem kleinen Regal ein kleiner Kaffeevollautomat und kleine edel wirkende Wasserflaschen stehen. Er nimmt zwei, öffnet sie und kommt mit einem Tablett mit den zwei Flaschen und zwei Gläsern darauf zurück.

Noch während er auf dem Weg zu uns ist, klingelt es an der Tür. Neue Kundschaft. Diamanten scheinen voll im Trend zu sein. Victor wimmelt sie ab, und Herr Leclerc stellt das Tablett vor uns auf den Tresen. »Bitte sehr.« Er schenkt ein und wendet sich dann … ja, Sie haben es erfasst … dem Tresor zu, Tür auf, Tablett raus, Tür zu, und schon stellt er das Samttablett mit den drei Steinen vor uns ab.

»Ach, sagen Sie, haben Sie auch farbige Diamanten? Ein gelber Diamant, der würde mir gefallen. Gleich vorneweg … machen Sie sich wegen des Preises keine Sorgen, ich weiß, dass Farbe kostet. Packen Sie aber den weißen Stein nicht weg. Sie wissen, ich brauche den Vergleich.«

So langsam komme ich mir vor wie bei Und täglich grüßt das Murmeltier. 1993. Wobei Leclerc nicht wirklich Ähnlichkeit mit Bill Murray hat. Trotzdem: Umdrehen, Tür auf, Tür zu und ein Steinchen mehr liegt vor uns auf dem Tablett.

Da kippt Lottis Glas um.

»Omi«, sage ich streng. »Pass doch auf.«

Die Gespräche am zweiten Tresen werden lauter. Worte schwappen zu uns herüber. »Nein, Schatz, wir haben gesagt, wir sparen dieses Mal nicht.« Ich schaue über die Schulter, weil ich mich darüber wundere, dass er es ist, der das sagt.

Bahnt sich da was an? Mr. & Mrs. Smithvon 2005. Sie wissen schon, eine kleine Ehekrise.

Leclerc wischt das Wasser auf. Wo er wohl so schnell das Tuch hergeholt hat? Man könnte gerade meinen, die Kundschaft verschüttet hier öfter was.

Lotti spult das Programm weiter ab. Wir bekommen einen schon gefassten Diamanten für meine Sophia gezeigt. Und dazu einen rosafarbenen Stein mit stolzen 4,2 Karat. Victor kommt näher. Die Gespräche am anderen Tresen werden lauter. Aggressiver. Lotti spricht immer schneller. Dann braucht sie neues Wasser. Ob es denn keinen Champagner gebe. Sie wünscht neue Steine. Mr. & Mrs. Smith streiten lautstark. Sie schubst ihn, er ohrfeigt sie – mitten im Laden. Ocean’s Eleven oder doch Ocean’s Eight? Zeitgleich greift Lotti wieder über den Tresen und tätschelt Leclerc den Arm. Sind das Schweißperlen auf seiner Stirn? Ich komme mir vor wie bei einem Tennismatch. Borg vs. McEnroe. 2017. Shia LaBeouf und Sverrir Guðnason. Hin. Her. Das epische Wimbledon-Finale 1980. Lotti verstummt mit einem Mal. Leclerc wird blass. Stöhnt. Sie knallt die Hände auf den Tresen, greift nach Leclerc, kippt und reißt das Tablett mit sich.

»Omi!« Der Aufprall ihres Körpers auf dem Boden kann meinen Schrei nicht übertönen. Steine fliegen durch die Luft, ebenso das schwarze Samttablett. Ich springe auf, lasse mich neben ihr auf die Knie fallen. »Omi, sag was.«

Aber Lotti röchelt nur. Die Augen weit aufgerissen.

»Rufen Sie einen Krankenwagen.« Meine Stimme ist schrill. »Bitte!«

Mr. & Mrs. Smith treten neben mich. »Ein Herzinfarkt«, sagt er. »Schnell, Wasser«, sagt sie.

Ich schaue auf. Leclerc gafft. Victor gafft.

»Tun Sie doch was!«

Dann höre ich die Verkäuferin, die Mr. & Mrs. Smith bedient hat. Sie bittet um einen Krankenwagen, beantwortet die W-Fragen. Endlich. Leclerc kommt um den Tresen herum. Rutscht auf Knien. Sucht Steine. Da spüre ich die Hand von Lotti, die mir in den Oberschenkel kneift. Auf einmal wird mir klar, warum ich Hoodie und Cargohose tragen sollte.

Die Frau neben mir fängt an zu würgen. »Die stirbt. Die alte Frau stirbt.« Sie erhebt sich, während ich unauffällig die beiden Steine, die unweit von mir liegen, in die Bauchtasche des Hoodies stecke. Ich krieche weiter. Moment mal, höre ich da … tatsächlich … die Frau übergibt sich über den Tresen, an dem sie noch wenige Minuten zuvor Ringe für ihre Silberhochzeit anprobiert hat. Die Verkäuferin kreischt. Da klingelt es an der Tür. Ich krabble weiter zum gelben Diamanten. Aber … es ist die Polizei, die klingelt. Victor rennt hin, während der gelbe Diamant in meiner Tasche verschwindet. Der Security-Mann lässt die beiden Beamten hinein. Die Polizei hat Lotti erwähnt. Es ist vorbei. Wir sind am Arsch. Doch Lotti hustet plötzlich. Laut. Also krieche ich weiter. Vorbei an Leclerc, der gerade den rosafarbenen Diamanten aufhebt. Ich sehe die Sicherheitskarte an seinem Hosenbund, remple ihn an. So wie Lotti und ich es geübt haben. Nur zwei Handgriffe. Aber es klappt nicht. Shit. Ich bekomme den Verschluss nicht auf.

»Sind Sie der Inhaber?«, fragt nun der Polizist, der sich direkt neben mir aufbaut. Ich halte den Atem an.

»Ja«, fiepst Leclerc.

»Stehen Sie doch bitte auf. Haben Sie einen Krankenwagen gerufen?«

»Ja, aber die Steine …«

»Keine Sorge, mein Kollege und ich kümmern uns darum.« Er reicht Leclerc eine Hand, und der lässt sich auf die Beine ziehen.

Ich stehe ebenfalls auf, stoße gegen Leclerc. »Sorry«, sage ich und habe die Karte in der Hand.

Ich gehe um den Tresen herum. Tauche ab und öffne mit der Karte die Schubfächer. Atme bewusst. Lasse Geräusche und Gedanken vorbeiziehen. Nehme die Stücke he­raus. Langsam. Stecke sie in die Tasche meiner Cargohose. Es klingelt an der Tür. Die Rettungssanitäter.

»Öffnen Sie«, weist der Beamte Victor an.

Ich schließe die Tresenschublade wieder. Krieche zurück zu Lotti. »Omi, jetzt sag doch was.«

Da ist schon der Rettungssanitäter neben mir. »Wir kümmern uns um Ihre Omi, versprochen. Machen Sie bitte etwas Platz.« Er sieht mich milde an.

Ich erhebe mich. Schwanke. Stoße erneut gegen Leclerc, hänge die Karte zurück. »’tschuldigung«, nuschle ich und trete einen Schritt zur Seite.

Lotti wird eine Atemmaske über Mund und Nase gezogen und der Blutdruck gemessen. Sie streckt die Hand nach mir aus, ich ergreife sie. Halte sie. Bis Lotti mit ihrer Mary-Poppins-Tasche auf der Trage liegt und hinaus zum Krankenwagen geschoben wird.

»Eigentlich dürfen wir Sie nicht mitnehmen«, sagt der Rettungssanitäter. »Aber ich denke, in diesem Fall machen wir eine Ausnahme.«

Was soll ich sagen? Das war’s.

Also beinah. Irgendwie müssen wir die Steinchen jetzt wegschaffen. Lottis Laienschauspielgruppe hat die Geldbündel behalten, wir den Schmuck. Der falsche Sani kennt sich sogar mit IT-Kram aus und hat die Software gehackt. Von unserem Besuch beim Juwelier gibt es also keine Videoaufnahmen – technische Störungen. Wie er das mit dem Notruf der Verkäuferin gemacht hat, konnte mir Lotti nicht erklären, und es hat sie auch nicht interessiert. »Hauptsache, es hat funktioniert«, meinte sie.

Ich setze den Blinker und fahre auf die Autobahn. »Sharing the joy of cruffin«, liest Lotti vor. Sie schüttelt den Kopf und schnaubt. »Mit so einem Aufkleber auf dem Auto fallen wir garantiert auf. Was soll das überhaupt sein? Cruffin?«

So wie Lotti es ausspricht, klingt es, als würde sie über Fußpilz sprechen.

»Eine Mischung aus Muffin und Croissant. Mit Zimt und Zucker, mit Rosinen oder mit Marzipan und Rosinen. Mit einem Topping aus Frischkäse oder einem Klecks Sahne. Schön fluffig. Möchtest du einen probieren? Ich kann rechts ranfahren.«

»Untersteh dich! Mit der Karre brauchen wir ewig bis …« Sie bricht ab. »Na, großartig.«

»Was?«

Sie zeigt nach vorne. Rote Bremslichter. Und in der Ferne Blaulichter.

Ich schlucke. Trotzdem sage ich: »Lass dich treiben. Sei überrascht, wenn etwas passiert, mit dem du nicht gerechnet hast. Und vor allem: Halt die Klappe!«

Sie will etwas erwidern, doch da sehen wir schon die Uniformierten durch die Autoschlangen laufen und in die Fahrzeuge schauen.

Einer der Beamten tritt an das Fahrer-, seine Kollegin ans Beifahrerfenster unseres Wagens.

Ich kurbele die Scheibe herunter. »Hallo. Was ist denn passiert?«

Er nickt knapp. »Ausweis, Führerschein und Fahrzeugpapiere, bitte. Was ist der Grund für Ihre Fahrt?«

»Wir sind auf dem Weg in den Urlaub. Monaco. Der große Traum meiner Uroma.« Ich wende mich Lotti zu. »Gell, Omi?«

Lotti strahlt den Beamten an. »Waren Sie da schon mal?« Ihre Stimme ist wieder tattrig. Und schon kurbelt sie das Fenster auf ihrer Seite herunter. »Monaco, da wo die Rennautos immer durchrasen.«

»Steigen Sie bitte aus. Beide. Ich möchte einen Blick in Ihr Fahrzeug werfen.«

»Natürlich.« Ich steige aus und gehe zum Heck der Transport-Ente. Mir entgeht dabei nicht, dass er die Hand an seine Waffe gelegt hat. Ich öffne die Türen und trete zur Seite. Er wirft einen Blick auf die kleine Ladefläche. An den Seiten befinden sich die Regale, in denen die Kisten mit jeder Menge Cruffins stehen. Extra für diesen Tag gebacken. Auf dem Boden meine Sporttasche und Lottis roter Hartschalenkoffer.

Ich spüre sein Zögern. Schließlich deutet er mit dem Kinn zum Backwerk. »Proviant für die Reise?«

»Beinah. Ich bin spezialisiert auf diese Cruffins. Sie wissen, was das ist?«

Der Beamte schüttelt den Kopf.

»Wir legen einen Stopp in Bregenz ein. Meine Cousine betreibt dort ein Café und will testen, wie Cruffins bei der Kundschaft ankommen.«

»Bitte öffnen Sie Ihr Gepäck«, sagt der Beamte, ohne auf Cruffins und Bregenz einzugehen.

Ich hebe Koffer und Tasche aus dem Wagen und lege sie auf die Straße. Die Autos auf der linken Spur rollen langsam vorbei, während der Beamte den Inhalt meiner Tasche begutachtet. So wie am Flughafen. Auch der Inhalt von Lottis Koffer wird genauestens geprüft. Aber der Beamte findet nichts.

Er lehnt sich in den kleinen Laderaum hinein, inspiziert die Regale. Er schaut sich die Cruffins an, sucht nach Auffälligkeiten.

»Möchten Sie einen probieren?«, frage ich.

Ich bemerke ihn sofort, den Blick, den der Mann seiner Kollegin zuwirft.

»Bitte. Probieren Sie. Ich habe eh viel zu viele gebacken. Was hätten Sie denn gern? Neutral? Mit Zimt und Zucker? Mit Rosinen oder mit Marzipan und Rosinen?«

Er zögert.

Ich lächle.

»Zimt und Zucker«, sagt er.

Ich nehme einen Zimt-und-Zucker-Cruffin aus der Kiste und reiche ihn dem Beamten. »Und für Sie? Sagen Sie jetzt nicht, dass Sie auch keine Rosinen im Teig mögen.« Die Frau lächelt. »Rosinen gehen schon, aber Marzipan nicht.«

Ich reiche ihr einen Cruffin.

»Omi? Wenn wir schon dabei sind …«

»Dann nehme ich einen mit Marzipan und Rosinen.«

Lotti zupft Teigstücke ab und schiebt sie sich in den Mund. »Wie …?«, nuschelt sie zwischen zwei Bissen.

»Ganz einfach. Rosinen polarisieren. Statistisch gesehen lehnen 60 Prozent der Bevölkerung Rosinen im Teig ab. Marzipan polarisiert da schon deutlich weniger. Aber die Mischung aus Rosinen und Marzipan … Steinchen, Ringchen und Kettchen in die Aufrollkanten gedrückt und mit den Rosinen zugedeckt. Fertig.«

Lotti verzieht das Gesicht, bewegt ihren Unterkiefer hin und her, als würde sie ein Bonbon lutschen. Mit spitzen Fingern greift sie an die Lippen und hält kurz danach den gelben Diamanten ins Licht.

»Sag mal, kannst du vielleicht ein bisschen schneller fahren? Wie in Gone in 60 Seconds. Das war so ’n Film, der 2000 lief. Großartige Fluchtszenen.« Doch dann schüttelt sie den Kopf. »Ach nee, geht ja nicht. Ist ’ne Ente. Da könnt ich jetzt glatt weinen.«

Cruffins

Zutaten für 12 Cruffins:

600 g Mehl (Type 550)

3 TL Trockenhefe / 27 g frische Hefe

6 EL Zucker

2 Pck. Vanillezucker

Salz

350 ml Milch

400 g Butter (weich; etwas Butter zum Fetten)

Zimt-und-Zucker-Mischung

Puderzucker

Mehl, Hefe, Zucker, Vanillezucker und 1 Prise Salz in einer Schüssel mischen. Milch und 50 g Butter lauwarm erhitzen, bis die Butter geschmolzen ist.

Milchmischung zum Mehl gießen, mit den Knethaken des Handrührers 5 Min. zu einem glatten Teig kneten. Mit den Händen auf der Arbeitsfläche 5–10 Min. kräftig durchkneten. Zugedeckt an einem warmen Ort in einer Stunde auf doppelte Größe gehen lassen.

Muffinblech gründlich einfetten.

Teig auf eine leicht bemehlte Arbeitsfläche geben und dritteln. Jedes Drittel zu einem Rechteck (40 × 15 cm) ausrollen und mit je 50 g Butter bestreichen (und wer möchte, mit der Zimt-und-Zucker-Mischung bestreuen). Fest aufrollen und längs halbieren.

Jede Hälfte mit der Schnittfläche nach innen aufrollen, in eine Mulde des Muffinblechs geben. Weitere 30 Min. an einem warmen Ort gehen lassen.

Den Backofen auf 200 Grad (Umluft 180 Grad) vorheizen.

Cruffins auf dem Rost im unteren Drittel 25–30 Min. goldbraun backen.

Im Muffinblech auf einem Kuchengitter abkühlen lassen, bis sie lauwarm sind.

Mit Puderzucker bestäubt servieren oder mit etwas Frischkäsetopping bestreichen.

Genießen!

Aber bitte mit Krimi

Ingrid Werner

So, da wären wir also wieder. Moment, ich verstau erst noch meine Tasche. Okay. Geschafft! Da kommt auch schon die Jutta. Hat mit den Jahren ganz schön zugelegt, die Gute. Aber das passiert uns ja allen, früher oder später. Na ja, mir noch nicht. Ich bin auch um einiges jünger als sie.

Jutta plappert vor sich hin, ich stell meine Ohren auf Durchzug. Aufgedreht ist die immer! Man könnte fast meinen, es wäre ihre erste. Aber im Gegenteil, sie ist ein alter Hase, war schon mindestens fünfzig Mal dabei. Ein absoluter Fan.

Waren Sie schon mal auf einer Kaffeefahrt? Nein? Ich auch nicht. Bis vor vier Wochen.

Ich hab mich lange gesträubt. Das ist ja nur eine billige Abzocke, dachte ich. Da werden die alten Leutchen in einen Bus gezwängt, durch die Gegend kutschiert und in einem heruntergekommenen Gasthaus so ausdauernd mit schlechtem Kaffee und trockenem Kuchen traktiert, bis sie die Heizdecken gekauft haben.

Nichts für mich, dachte ich.

Außerdem habe ich keine Verwandten, die froh sind, wenn sie mich mal einen Tag verräumen und selbst wieder durchatmen können.

Und wie gesagt, ich bin nicht alt. Noch nicht. Nicht wirklich. Oder finden Sie achtundsechzig alt? Ich bin noch prima in Schuss. Hätte wirklich noch ein paar Jahre arbeiten können, aber die vom Personalbüro haben nicht mit sich reden lassen. Siebenundsechzig wäre die absolute Obergrenze, haben sie mir mitgeteilt, und zack war ich in Rente. Dabei ist Sekretärin im Vorzimmer des Chefarztes nicht so anspruchsvoll, als dass ich es nicht noch locker zehn Jahre hätte machen können. Aber nein. Stur wie die Esel. Man könnte glatt meinen, sie hätten keine Personalnot.

Na ja, und mein Max ist ja leider auch schon vier Jahre tot. Also hab ich mich auf Haus und Garten und meine Krimis konzentriert. Im Wohnzimmerregal stapeln sich die Kriminalromane bis zur Decke. Fast wie in einer Bibliothek. Ich hab sie nach Autoren geordnet. Nicht nach Farben. Wer sortiert schon seine Bücher nach Farben?

Von Agatha Christie über Dick Francis bis Tana French hab ich alle. Und abends nach dem Rosenschneiden und Rasenmähen sitz ich gemütlich in meinem violetten Samtsessel und löse Kriminalfälle. Darin bin ich richtig gut.

Meine andere Leidenschaft ist Kuchenbacken. Das hab ich immer schon gern gemacht. Schon in der Schule. Den Max damals hab ich auch mit meinen Kuchen gekriegt. Er war ganz verrückt nach meinem Gugelhupf mit Schuss. Aber ich kann natürlich auch Muffins und Blechkuchen und Torten. Denken Sie an irgendeinen Kuchen, und ich wette mit Ihnen, ich hab ihn in meinem Repertoire und backe ihn besser als Sie ihn je gegessen haben.

Aber wie viel Kuchen kann man backen – und dann eben auch essen –, ohne dass der Knopf vom Hosenbund springt? Ich will ja nicht so enden wie die Jutta.

Deshalb nehme ich jede Woche einen Kuchen mit zum Gedächtnistraining im Seniorenzentrum. Gedächtnistraining, auch so eine Beschäftigungstherapie für alte Leute, die ich eigentlich nicht brauch. Aber so hab ich dankbare Abnehmer für meine Kuchenkreationen. Dafür vervollständige ich dann halt Sprichwörter oder suche Synonyme. Tut ja nicht weh.

Na ja, ab und zu ist es auch ganz nett dort. Und ich kann mir wöchentlich bestätigen, dass mit meinem Gedächtnis noch alles in Ordnung ist. Im Gegensatz zu manch anderen in der Gruppe.

Aber ich muss zugeben, mir fällt trotzdem oft die Decke auf den Kopf, und so ließ ich mich vor einem Monat von der Jutta, meiner Nachbarin, dazu überreden, mit auf Kaffeefahrt zu gehen.

Mit einem Prospekt stand sie am Gartenzaun und winkte. »Willst nicht mal einen Ausflug machen, Micha? Schau, was ich dir mitgebracht hab.«

Na ja, ich wollte nicht unhöflich sein, hab ich halt das bunte Faltblatt genommen. Gut aussehende Silver Ager strahlten mit der Sonne um die Wette und prosteten ei­nander zu. Im Hintergrund stand ein moderner Reisebus vor einem Gasthaus mit Geranien am Holzbalkon, dahinter ragten die Berge in den blauen Himmel.

Es sah schon schön aus.

»Kaffee trinkst doch gern«, hat sie mich gelockt. Und ich weiß heute noch nicht, was mich damals geritten hat, aber ich hab zugesagt, und sie hat mich gleich für die nächste Fahrt angemeldet.

Am Sonntag vor vier Wochen ging’s los. Natürlich sah der Reisebus nicht so modern und schick aus wie in der Werbung. Eher in die Jahre gekommen. Mit abgewetzten blau-grünen Sitzen und weißen Nylon-Deckchen für den Kopf.

Als ich eingestiegen bin, hätt’s mich fast wieder nach hinten hinauskatapultiert. Dieser Geruch. Ein Mischmasch aus süßem Parfüm, zu viel Aftershave und Gletscherbonbons. Außerdem saß der Plechinger im Bus. Der hatte mir gerade noch gefehlt. Blöd geschaut hat er, sicher war er auch nicht darauf gefasst gewesen, dass ich mitfahre.

Ich wollte mich schon umdrehen und flüchten, aber von hinten schob die Jutta und hinter ihr stand die Cordula aus dem Gedächtnistraining und hat gemosert, warum es hier nicht weitergeht. Also hab ich die Zähne zusammengebissen und bin zu meinem Platz.

Ich hätte mich in den Hintern treten können, dass ich zugesagt hab. Ich weiß noch ganz genau, wie meine Laune in den Keller geschossen ist. Die Jutta natürlich neben mir. Und ihr Mundwerk wollte nicht stillstehen.

»Ich hab gehört, es gibt heute Erdbeer-Mascarpone-Muffins. Die wollte ich immer schon mal probieren. Und einen Vortrag über Wirbelsäulen-Dynamik.« Und dann hat die Jutta geflüstert, als ob sie mir ein Geheimnis verraten würde. »Mit Gratis-Massagekissen zum Sonderpreis! Stell dir das mal vor!«

Ich hab die Augen verdreht. Gratis zum Sonderpreis? Das war ja ein Schnäppchen! »Ich bin nur wegen dem Kuchen hier«, antwortete ich. Ich wollte meine Ruhe und den Zirkus möglichst schnell hinter mich bringen.

»Ach, komm, Micha. Du willst doch auch mal raus. So ganz allein, das ist doch nix.«

»Ich bin nicht allein, Jutta. Mir geht es gut, und ich bin noch ewig nicht bereit, mir drei Katzen anzuschaffen.« Im Gegensatz zu dir. Aber das hab ich nicht laut gesagt. Ich wollte die Stimmung nicht von Anfang an verderben.

Der Motor des Busses röhrte auf, und Lukas, der Fahrer – ein wirklich attraktiver Dreißigjähriger, leider ein bisserl zu jung für mich – wünschte uns eine »wundervolle Tagesreise mit tollen Überraschungen und unvergesslichen Momenten«.

Ich hab gestöhnt. Innerlich. Worauf hab ich mich da bloß eingelassen? Überraschungen, schön und gut. Die brachten Abwechslung, und deswegen war ich ja hier. Diese Überraschungen allerdings, befürchtete ich, bedeuteten eher Unangenehmes: eine aufdringliche Verkaufsmasche, ein überteuertes Gesundheitsprodukt oder – noch schlimmer – Gruppenanimation. Aber jetzt war ich gefangen.

Der Bus setzte sich ruckelnd in Bewegung, holperte aus dem Dorf hinaus und bog auf die Landstraße ein. Die meisten Mitfahrenden waren schon in Gespräche vertieft. Der Plechinger erzählte der Barbara aus dem Gedächtnistraining alles über seine Gallensteine, als hätte er ihnen Namen gegeben. Dabei war seine OP schon zwei Jahre her. Selbstverständlich mit Privatzimmer und Chefarztbehandlung. Ich blendete, so gut es eben ging, seine Stimme aus, die mich an trockene Blätter erinnerte, die über Asphalt schleiften. Da stellt’s mir immer meine Nackenhaare auf, wenn ich die höre. Drei Plätze weiter vorne häkelte die Cordula mit verbissener Konzentration ein rosafarbenes Dreieckstuch. Überhaupt waren hier fast alle aus der Gedächtnis-Gruppe versammelt. Gehört anscheinend zusammen – Gedächtnistraining und Kaffeefahrten.