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Fantasy 1100 ERBEN DES AUFSTANDS 1: GUTTERBORN – In der Gosse geboren von Dan Dreyer »Ich bin hier. Bei dir. Mit dir. Du und ich. Ich und du. Für immer.« ••• Zwei Geschwister. Zwei Leben in den Schatten. Eine Entscheidung zwischen Untergang und Widerstand. In den düsteren Gassen von Truehaven, beherrscht von Hunger und Hoffnungslosigkeit, kämpfen die Zwillinge Aster und Ira Tag für Tag ums Überleben. Im Bettelorden der Gütigen Hand lernen sie früh: Wer leben will, muss stehlen, täuschen – und vor allem unsichtbar bleiben. Doch als die Stadt in Flammen aufgeht und Verrat und Gewalt alles verschlingen, geraten die Geschwister mitten hinein in ein tödliches Spiel aus Macht und Intrigen. Über ihren Köpfen ziehen die gewaltigen Drachen der Krone ihre Kreise – majestätische Bestien, die gleichermaßen Symbole der Herrschaft und Waffen der Vernichtung sind. Und schon bald müssen Aster und Ira erkennen, dass ihr Schicksal untrennbar mit diesen gefürchteten Kreaturen verbunden ist. Zwischen grausamen Herrschern, verzweifelten Rebellen und skrupellosen Verrätern stehen die Zwillinge vor der einen Entscheidung: Werden sie Ratten bleiben, gefangen in der Gosse – oder wagen sie es, gegen ein System aufzustehen, das sie längst ins Elend verdammt hat? ••• Grimmig dunkle Fantasy trifft auf historische Härte um 1190 und den Mythos von Robin Hood.
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Seitenzahl: 846
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Fantasy 1100
»GUTTERBORN – In der Gosse geboren«
Erben des Aufstands Buch 1
von Dan Dreyer
Für die Rebellen, Gossenkinder und Träumer.
Für alle, die sich Willkür nicht beugen – nicht gestern, nicht heute, nicht morgen.
Autor: Dan Dreyer
Ackerstrasse 127
40233 Düsseldorf
Germany
›GUTTERBORN‹
»Erben des Aufstands, Buch 1: In der Gosse geboren«
© 2025, 1. Auflage
(EDA_EB_V01– Nummer für internen Gebrauch)
ISBN: 978-3-98896-048-1
Lektorat & Korrektorat 1: Rainer Knietzsch Lektorat & Korrektorat 2: kaos Lektorat, K. Osthaus
Umschlaggestaltung: Alexander Kopainski
Karte: Markus Weber, Guter Punkt, München
•••
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.
Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
»Die Drachen der Lüfte sind zweierlei Gestalt und Macht:
Die Federflügel, zart und flink wie der Wind.
Die Lederschwingen, stark und unaufhaltsam wie der Sturm.
Doch jeder Schädel birgt einen Geist, und jeder Leib wirft einen Schatten.
Wer nur ihren Nutzen sieht, versteht nichts von ihrer Seele.«
•••
Magister Archon Scaleborne, Chronist der Schwingen,
erster Hüter des Geleges und Anführer des Schwarms.
Im Jahre 652 nach Midotir.
Sommer 1188. Ein abgelegener Weiler vor Hathersage in Derbyshire, Northisle
Der Duft von frisch gemähtem Heu mischte sich mit dem würzigen Aroma der Falkenkräuter und dem Geruch der Entengrütze im Schwanenteich. Es war ein Sommertag am Federhof, kurz nach dem frühen Mittagessen, und Aster konnte das Flattern von Flügeln hören, das Klicken der Schnäbel. Ihr Vater, groß und stark wie ein Oger, stand neben ihr, sein Daumen lag sanft auf den kleinen Krallen des jüngsten Falken, der auf seiner Faust hockte. Die raue Tiefe seiner Stimme schmiegte sich in ihre Ohren und entlockte ihr wie so oft ein Lächeln.
»Weißt du, Tochter, ein Falke spricht, auch wenn er nicht spricht. Du musst lernen, ihn zu lesen.«
Vater konnte harsch sein. Streng. Jedes Gegenargument im Keim erstickend. Durch pure Anwesenheit oder geballte Fäuste. Doch es gab diese kleinen Momente, die sie immer genießen konnte. Es waren die, in denen er von den Vögeln sprach – von Gänsen, Schwänen, Wachteln und Fasanen, von Falken und Adlern – in denen seine Worte so ruhig und warm waren wie eine weiche Decke.
Er sah zu ihr hinab und hob eine Augenbraue. »Hörst du zu, Kind?«
»Immer«, sagte sie, nickte und klimperte mit den Wimpern.
»Dann schau nicht mich an!« Er zeigte auf den Kopf des Vogels. »Schau in seine Augen. Sind sie ruhig oder voller Unruhe? Beobachte, wie er seine Flügel hält. Ist er angespannt oder entspannt? Siehst du, wie seine Krallen sich um meine Finger schließen? Sind sie fest oder locker? Fühlt er sich wohl oder nicht? Siehst du es?«
Wieder nickte sie. Sie sah es wirklich. Obwohl die Augen des Vogels kalt waren, wie die Augen eines jeden Greifvogels, und obwohl die Bewegungen des Halses ruckartig waren, sah sie, dass der junge Falke nur darauf wartete, davonzufliegen.
»Er erzählt mir, was er braucht«, erklärte Vater. »Will er fliegen oder jagen, braucht er Geduld und Ruhe oder nur das Gefühl, dass jemand da ist, der ihn versteht. Ein Falke ist kein Hund, der dir aus Gehorsam folgt. Er ist stolz, frei. Du kannst ihn nicht zwingen, dir zu vertrauen. Du musst es dir verdienen. Jede Bewegung, jeder Atemzug, den du machst, zeigt ihm, wer du bist. Wenn du ihn lesen kannst, dann wird er für dich fliegen, Aster. Nicht weil er muss, sondern weil er es will.«
»Er ist wunderschön«, sagte sie leise.
John schnaubte. »Warte, bis du ihn fliegen siehst.«
»Lässt du ihn denn schon?«
»Aber ja. Er ist alt genug.« Vater wandte sich von der Volierentür ab und trat auf den freien Platz davor, der von Vogelkäfigen, Scheune, Werkstatt, Gesinde- und Haupthaus begrenzt wurde. Er hob die Faust. Noch hielt seine Daumenkuppe die Klauen des Vogels mit sanftem Druck. »Und, siehst du nicht auch, dass er fliegen will?«
Sie nickte. »Was ist, wenn er fortfliegt?«
»Ja, was ist denn dann, Tochter, hm?« Er lächelte.
»Dann ist er ja weg und kommt vielleicht nie wieder!«
»Genau, mein Kind. So ist es.« John hob den Daumen an und gab den Vogel frei.
Der Falke ruckte sein Köpfchen noch einmal hin und her. Ganz so, als wollte er sich überzeugen, dass er wirklich und wahrhaftig aufsteigen durfte und ihn dieses Mal niemand zurückhalten würde. Dann ließ er sich nach vorn kippen und spreizte die Flügel ab. Mit wenigen Schlägen glitt er über den Platz, niedrig zuerst, doch vor der Wand der Scheune klappte er die Schwingen ab und schoss senkrecht an ihr in den Himmel hinauf.
Mit geweiteten Augen folgte Aster dem Flug. Sie öffnete den Mund und legte den Kopf in den Nacken, um dem Falken hinterherzusehen, der hoch über ihnen einen weiten Kreis in den Himmel zeichnete. Vater stemmte die Fäuste in die Hüfte und lächelte.
»Er … ist … wunderschön«, flüsterte Aster. Wie musste es sich anfühlen, so frei zu sein, so schnell zu sein, getragen vom Wind und losgelöst von allem, was ihn an den Boden band? Es sah so leicht aus, so mühelos. Der kleine Raubvogel gehörte genau dort hin, wo er jetzt war: weit über der Erde, inmitten der Wolken. Frei.
Vater lächelte und legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Ja, er ist wunderschön«, sagte er leise. »Aber Freiheit, Aster, ist nicht nur Schönheit. Sie ist auch Mut. Mut, hoch zu steigen – und zu wissen, dass man fallen könnte. Sofern man kein Falke ist.«
»Kommt er zurück?«, fragte sie.
»Wir werden sehen, meinst du nicht? Wenn wir gut zu ihm waren und es ihm hier besser gefällt als dort draußen … dann kommt er.«
Der kleine Falke stieß einen Schrei aus, tauchte plötzlich ab und schlug rasch mit den Flügeln. Seine Bewegungen wurden wild und hastig, seine Geschwindigkeit nahm zu, während er immer näher an die Baumkronen heranraste.
Aster blinzelte verwirrt, ihre Stirn warf sich in Falten. »Was macht er da?«, murmelte sie. Dann zuckte sie zusammen. »Vater, er flieht!«
John legte seine Hand auf ihren Kopf. »Kind«, sagte er leise, »wenn ein Greifvogel so flieht … schau nicht, wohin er fliegt.« Er sprach fast flüsternd: »Sondern schau, vor was er davonfliegt.«
Mit einem leichten Druck lenkte er ihren Kopf herum, weg vom Falken, hin zu den sanften Hügeln, die die Ländereien des Federhofs umgaben.
Asters Augen weiteten sich, und ihr Atem stockte, als sie es sah. Über den Kamm des nächsten Hügels rauschte ein großes, schuppiges Wesen heran. Seine Flügel schnitten durch die Luft wie riesige Klingen aus Leder, sein massiger Schatten glitt über die Felder.
»D… da… das …«, stammelte Aster, »… das ist ein Drache!« Ihre Hände ballten sich, und sie machte unwillkürlich einen kleinen Schritt zurück, doch Vater hielt sie fest.
»Das, mein Kind, ist eine Lederschwinge«, sagte John ruhig. »Und du siehst: Im Himmel ist’s wie auf der Erde – es gibt immer jemanden, der größer und schneller ist.«
Der Drache stürzte förmlich auf den Federhof zu. Er flog über das Dach des Gesindehauses. Dann stellte er die Schwingen in den Wind, verlangsamte den Flug und setzte zur Landung an. Seine Flügel breiteten sich weit aus und droschen in der Luft, wirbelten Staub und Stroh auf. Sein geschuppter Leib glänzte in der Sonne wie poliertes Erz. Aster sah das Muskelspiel unter dem Schuppenpanzer und spürte ihr wildklopfendes Herz bis zum Gaumendach trommeln. Sie kämpfte mit dem Impuls, davonzulaufen. Doch Vater blieb ganz ruhig stehen, eine Hand locker an der Hüfte, die andere mit sanftem Druck auf ihrer Schulter. Sein fester Stand und die Gelassenheit, die er ausstrahlte, gaben ihr Halt.
»Nun siehst du also deine erste Lederschwinge, Tochter«, brummte Vater. »Ist sie nicht eine Pracht?«
»J… Ja …«, hauchte Aster. Sie machte einen kleinen Seitwärtsschritt, näher an ihn heran. Ihre Hände klammerten sich an den Stoff seines Wamses, als das riesige Wesen auf dem festgestampften Lehmboden landete. Das Aufsetzen ließ den Boden leicht beben. Sämtliche Vögel des Federhofs waren verstummt. Nicht eine Gans schnatterte, kein Schwan zischte. Sogar die großen Adler hielten ihre Schnäbel.
Die Lederschwinge war ein beeindruckender Anblick: Ihr schuppiger Körper schimmerte in dunklem Grau, die Schuppen fast Schwarz, mit einem Schimmer von Bronze, wenn das Sonnenlicht auf sie traf. Die Flügel waren gewaltig. Mit ihrer enormen Spannweite hätten sie beinahe den gesamten Hof vor Regen schützen können.
»Sie ist größer als …«, wisperte Aster, »… als Betsy und George zusammen. Hinter- oder übereinander!«
John schnaubte belustigt. »Du hast recht. Von Schnauze bis Schwanzspitze ist diese Lederschwinge viermal so lang wie unsere Kuh oder unser Ochse. Und dabei ist der hier noch ein kleines Exemplar.«
»Waaaas?!«, zischte Aster gedehnt.
»Glaube mir ruhig. Der da ist ein Kurier. Ein Bote. Sieh.« Mit der Hand an der Schulter drückte er sie ein wenig zur Seite.
Nun konnte Aster am langen Hals und an der gewaltigen Brust vorbeisehen, die doppelt so breit war wie die von George, dem Pflugochsen.
Auf den Rücken der Lederschwinge war ein kunstvoller Sattel aus schwerem Leder mit hoher Rückenlehne geschnallt. Hinter der Lehne steckte eine armlange Armbrust mit silbernen Verzierungen in einer kompliziert anmutenden Haltekonstruktion. Im Sattel saß ein Reiter. Ein schlanker Mann, wie sie trotz Umhang und Kapuze erkennen konnte. Er trug leichte Woll- und Lederkleidung mit einem Waffenrock in den Farben des Reiches darüber. Dunkelgrau, Blutrot und Gold. Gekreuzte Lederriemen mit Schnallen lagen über seiner Brust. An der Seite steckte ein kurzes Schwert in einer Scheide.
»Siehst du das Banner?«, fragte John. »Der Reiter ist ein Bote unseres Herrschers. Also warum davonlaufen, hm?« Er zeigte auf die Flagge, die träge an einer Halterung am Sattel flatterte. Die Standarte des Königs von Northisle – ein goldener Drache mit erhobener Pranke auf blutrotem Grund.
Aster nickte zögernd, ihre Augen weiterhin auf die Himmelsechse gerichtet. Sie wagte kaum zu atmen, als der Reiter aus dem Sattel glitt, die Kapuze mit beiden Händen in den Nacken warf und somit ein markantes, dabei junges Gesicht mit scharf geschnittenen Zügen und eisgrauen Augen entblößte. »Bist du John Oxbow? Ich bringe eine Botschaft von deinem Herrn Sir Raynard of Lockwood. Unsere Majestät König Rowan Highspire hat gerufen.«
»Aber, er ist doch nicht unser Herr!«, zischte Aster entrüstet und klammerte sich an Johns Arm. Ihr Blick wechselte nervös zwischen dem Drachen, dem Banner und dem jungen Mann. Immerhin war Vater ein freier Bauer, ein Pächter und kein Sklave!
»Schtt, Kind!«, mahnte John. Er verneigte sich, streckte die Hand aus und trat vor. »Ich, John Oxbow of Heathersage, Yeoman und Diener Sir Raynards of Lockwood, höre.«
Noch bevor Aster ihre Gedanken ordnen konnte, eilten hinter ihr schnelle Schritte über den Lehmboden heran. Sie riss den Kopf herum und sah ihren Zwillingsbruder Ira um die Ecke der Werkstatt stürmen. In den Händen hielt er den gewaltigen Bogen ihres Vaters. Ein Pfeil war schief aufgelegt, und seine Arme zitterten unter der Anstrengung, die Sehne zu spannen.
»Zurück!«, rief Ira, seine Stimme bebte vor Furcht.
John hob die Hände und stellte sich zwischen ihren Bruder und den Drachenreiter. »Halte ein, Sohn!«, sagte er. »Erschieße mir nicht den Boten des Königs! Es ist doch so ein schöner Tag!«
Ira kam schlitternd zum Stehen.
»Euer Sohn?«, fragte der Reiter, ein Hauch von Amüsement in seiner ansonsten kühlen Stimme. Es klackte, als er den Sicherungsbolzen der Armbrust wieder einschnappen und die geladene Waffe sinken ließ.
»Ja, Sire«, antwortete John. »Wie Ihr seht, ist er wacker, aber mitunter mutiger, als im guttäte.« Dann winkte er Ira heran.
Ira blinzelte verwirrt. Er ließ den Bogen langsam sinken, seine Hände noch immer fest um das Holz gekrallt. »Den Boten …?« Seine Augen flogen zwischen seinem Vater, dem Reiter und dem Drachen hin und her. Die Lederschwinge hatte die Flügel angelegt und beobachtete die Menschen vor sich mit kalten Echsenaugen.
»Ja, genau«, sagte John mit einem breiten Grinsen und klopfte seinem Sohn auf die Schulter. »Und der hat ganz bestimmt keine Lust, einen Pfeil ins Knie zu bekommen.«
Aster kicherte trotz der Anspannung, und Ira lief rot an.
»Ich hätte ihn direkt zwischen die Augen getroffen, wenn ich gewollt hätte!«, murmelte er protestierend.
»Natürlich hättest du das, mein Junge«, erwiderte John mit gespieltem Ernst. »Und beim nächsten Mal zitterst du weniger, ja?« Er zwinkerte Aster zu, bevor er sich wieder dem Reiter zuwandte, der ihn ausdruckslos beobachtete. »Welche Kunde bringt Ihr mir, Sire?«
»Die Nachricht, die ich brachte, war vom König für Sir Lockwood bestimmt, doch er bat mich, bei Euch anzuhalten. Ihr als sein Lehnsmann solltet von mir erfahren, was Euch betrifft.«
»Ich höre.« Johns Haltung änderte sich merklich. Seine Schultern strafften sich, und sein Kinn hob sich. Die warme Gelassenheit war aus seinem Gesicht gewichen, ersetzt durch eine ernste Aufmerksamkeit, die Aster selten bei ihm sah.
»Der König braucht Pfeile«, begann der Bote.
John zog eine Augenbraue hoch. »Die mache ich ihm. Dieses Jahr, genau wie letztes Jahr. Und das Jahr davor. Braucht er mehr?«
»Viel mehr.« Der Bote atmete ein, biss sich auf die Lippe und ließ seinen Blick über den Hof schweifen. Er hielt kurz bei Aster und Ira inne, bevor er wieder zu John zurückkehrte. »Doch Pfeile allein genügen nicht. Seine Majestät benötigt Männer und Frauen für den Feldzug ins Heilige Land. Sir Lockwood wird diesem Ruf folgen und Aushebungen im Lehen vornehmen.«
Aster hörte, wie ihr Vater trocken schluckte. Die Hand, die er auf ihre Schulter gelegt hatte, verstärkte ihren Griff.
»Rechnet damit, zu den Waffen gerufen zu werden«, fuhr der Reiter fort. »Sir Lockwood wird darauf bestehen, Euch als Sergeant seiner Schützen mitzunehmen. Er bat mich vorbeizukommen, sodass Ihr mehr Zeit habt, Euch vorzubereiten.«
Asters Magen krampfte. Wovon redete der Reiter da? Heiliges Land? Was sollte das sein?
Sie sah zu ihrem Vater auf, dessen Gesicht plötzlich hart und unleserlich geworden war. Seine Hand auf ihrer Schulter zitterte leicht.
»Wann?«, fragte John mit rauer Stimme.
»In drei Wochen wird Sir Lockwood seine Truppen zusammenrufen«, antwortete der Bote. »Die Flotte wird noch im Herbst segeln. Ihr habt bis dahin Zeit, Eure Angelegenheiten zu regeln.«
John nickte knapp. »Ich verstehe. Danke für die Nachricht.«
Der Reiter verneigte sich leicht, dann wandte er sich um und schwang sich geschmeidig auf den Rücken der Lederschwinge. Er packte die Zügel, schnalzte mit der Zunge und stieß der Echse die Fersen in die Seiten. Der Drache schüttelte den Schädel, duckte sich und erhob sich mit kräftigen Flügelschlägen in die Luft. Der Luftzug wirbelte Staub und Stroh auf, und Aster musste die Augen zusammenkneifen.
Als sie wieder aufsah, waren Reittier und Bote bereits zu einem dunklen Fleck am Himmel geschrumpft.
Eine bedrückende Stille senkte sich über den Hof. Sie starrte ihren Vater an, dessen Gesicht wie versteinert wirkte. Ira stand regungslos da, den Bogen noch immer in den Händen.
»Vater?«, flüsterte sie zaghaft. »Was … was bedeutet das alles?«
John seufzte und rieb sich mit einer Hand übers Gesicht. Als er zu seinen Kindern blickte, sah Aster Sorge in seinen Augen, die sie noch nie zuvor dort gesehen hatte.
»Es bedeutet Krieg, mein Kind«, sagte er.
Krieg.
Das Wort hing in der Luft wie eine dunkle Wolke, die sich über den friedlichen Hof legte. Aster suchte Iras Blick, doch er sah nur zu Boden, eine Mischung aus Unglaube und Wut im Gesicht.
»Aber … aber du kannst nicht gehen!«, platzte es aus ihr heraus. »Du gehörst hierher, zum Hof, zu uns!«
John kniete sich vor seine Tochter und nahm ihre kleinen Hände in seine großen. »Aster, mein Spatz. Manchmal müssen wir Dinge tun, die wir nicht tun wollen.«
Tränen stiegen in ihren Augen auf. Sie blinzelte heftig, um sie zurückzuhalten. »Aber warum?«, fragte sie mit zitternder Stimme. »Warum musst du gehen?«
John seufzte tief. »Weil es meine Pflicht ist, Kind. Sir Lockwood ist unser Lehnsherr, und der König ist sein Herr. Alles, was wir haben, verdanken wir ihnen. Wenn sie rufen, muss ich folgen.«
»Das ist nicht richtig!«, rief Ira plötzlich. Er schleuderte den Bogen zu Boden, ballte die Fäuste. Aster sah die Tränen in seinen Augen, die sie immer noch mit bebenden Lippen zurückhielt.
»Junge …« Johns Stimme klang belegt. In der Hocke streckte er die Hand aus. »Komm …«
»Ich scheiß auf den König!«, brüllte Ira, sein rotes Gesicht eine wutverzerrte Fratze. Dann rannte er los, stürmte um die Ecke der Scheune und hielt ohne sich noch einmal umzudrehen auf den Waldrand zu.
John seufzte schwer. Er legte die Hände auf Asters Schultern und drückte sie sanft.
Die Tränen liefen nun frei über ihre Wangen. Sie schmiegte sich an ihren Vater, der sie fest in seine Arme schloss.
»Was wird jetzt aus uns?«, flüsterte sie in sein Wams.
John strich ihr übers Haar. »Wir werden einen Weg finden, mein Kind. Wir haben noch Zeit.«
Er löste sich sanft von ihr und blickte über den Hof. Die Vögel begannen langsam wieder, ihre Stimmen zu erheben. Ein leiser Chor aus Schnattern, Zwitschern, Krächzen und Singen erfüllte die Luft, als würden sie zögerlich die Rückkehr zur Normalität verkünden wollen. Doch für Aster fühlte sich nichts normal an. Ihre Welt hatte sich in wenigen Augenblicken verändert.
»Komm«, sagte John und nahm ihre Hand. »Lass uns deinen Bruder suchen.«
Von Gossenkindern und Bettelorden
Fast 5 Jahre später. Frühling im Jahr 1193.
Ich bin hier.
Bei dir. Mit dir.
Du und ich.
Ich und du.
Für immer.
Diese Worte sprachen sie nicht laut. Das war nie nötig. Sie lagen in der sachten Berührung, von Fingerkuppen auf Hosenstoff und Oberschenkelhaut darunter, die der Junge spürte. Es war ihr Schwur. Ein stilles Versprechen. Er legte seine raue Hand auf die zierlichen Finger seiner Schwester und drückte sie.
Im ersten Licht des anbrechenden Tages trafen sie sich auf dem Dach des Klosters. Wie an so vielen Tagen der letzten vier Jahre, wann immer das Wetter es zuließ. Diese kostbaren Augenblicke waren ihre Zuflucht, bevor der Orden sie wieder in das Mühlwerk seiner Pläne warf.
Das Kloster war keine Abtei, und seine Gemeinschaft war alles andere als gottesfürchtig. Das hatten sie schon in ihrer ersten Woche als Novizen begriffen. Dieser Ort hatte nichts Heiliges. Stattdessen war er ein Sammelbecken für Taschendiebe, Erpresser und schlimmeres Gesindel. Ein Bettelorden mit einer Fassade aus Demut und einer Seele aus Dreck.
Die Gebäude des Klosters – halb verfallen, halb zusammengeflickt – waren einst ein Vierkanthof gewesen, ein Bauerngut am Rande der Stadt. Doch Truehaven war gewachsen, hatte die Felder und Weiden verschlungen, den Hof in den stinkenden Sumpf des Armenviertels gezogen und die frische Landluft verpestet. In Gutter’s End stank es nach Armut und Kummer. Irgendwann war der Hofbetreiber geflohen. Seine abrissreifen Bauten hatte der Orden für sich reklamiert. In direkter Nachbarschaft zu Gerbern und Barbieren, Seifenmachern und Schlachtern, Huren und Bettlern, Halsabschneidern und Mördern.
Das Mädchen rieb sich durch den haselnussbraunen Schopf und über die kurz geschorenen Seiten und rutschte mit dem Gesäß auf den spröden, bemoosten Schindeln etwas tiefer. Sie legte die Hände hinter dem Kopf zusammen und lehnte sich an den Grat. Ihr Blick glitt über das Meer aus windschiefen Dächern der kleinen Häuser, durch die zahllosen Rauchfahnen aus Kaminen und Löchern, bis er an der mächtigen Stadtmauer hängen blieb, die Ober- und Unterstadt trennte. Hinter dem Wall ragten die Türme prächtiger Paläste und Villen durch die Nebelschwaden von Morgendunst in den grauen Himmel, und im Zentrum erhob sich die wuchtige Burg der Könige auf einem steilen Fels und verbaute die Sicht zum Binnenhafen. Winzige Flecken umschwirrten den Einlass des Drachenhorts, der unterhalb der Burgfundamente tief in den Berg gegraben worden war, lange, sehr lange, bevor die Stadt ihren Mauern entwachsen war.
Die fliegenden Drachen verschwanden in den Wolken. Das Mädchen seufzte leise, wie jemand, der einen Traum loslässt, der nicht zu greifen ist.
Der Junge schnaufte und lächelte freudlos. Er zog die Hände aus der Kutte mit Gugel, die seinen bulligen Körper bedeckte, holte eine dunkelgraue Ratte hervor und kraulte ihr den Nacken. Das Nagetier reckte die Nase in die Luft, die Tasthaare zitterten.
»Du weißt, dass Ratten Krankheiten bringen, oder?«, fragte das Mädchen mit listigem Blitzen in den blauen Augen.
Er schnaufte noch einmal, dieses Mal mit gerümpfter Nase. »Und wie jeden Tag nervst du damit, Aster.« Das war seine Antwort, jeden Morgen aufs Neue. Sie beendete den guteingesessenen Spaß zwischen ihnen, in dessen Verlauf er sie stets beim Vornamen nannte, und nicht ›Schwesterherz‹ oder ›kleine Drachin‹, wie er es sonst tat.
»Hier.« Sie reichte ihm ein Stück Hartkäserinde.
»Danke.« Er fütterte die Ratte und strich ihr dabei über das Fell. »Lass es dir schmecken, Ike.«
Als der letzte Krümel verputzt war, setzte er das Tierchen behutsam auf den Schindeln ab und sah zu, wie sie über die krumme Holzrinne und das Fallrohr verschwand. Dann ließ er seinen Blick zu den schiefen Dächern der Elendsviertel schweifen.
Von hier oben waren Gutter’s End und die umliegenden Nachbarstadtteile nichts anderes als eine klaffende Wunde aus Dreck, Fäulnis und Scheiße – ein eiternder Abszess am Arsch von Truehaven, den niemand loszuwerden vermochte. Und es roch auch so.
Neben ihm klapperte eine Schindel, als seine Schwester sie anhob, um nach dem Schreibzeug zu sehen. Sie nutzten die abgekaute Gänsefeder nebst gestohlenem Tintenfass und das speckige, ledergebundene, in gewachstes Leinen gewickelte Heftchen, um sich Nachrichten zu hinterlassen, so es einmal nur einer von ihnen zu ihrem Aussichtspunkt geschafft hatte. Dass sie überhaupt schreiben konnten – wenn auch recht krude und ungeschliffen –, verdankten sie ihrem Vater, der irgendwo in einem fernen Land in einem Krieg steckte, von dem sie kaum etwas wussten, was über Gerüchte und Tuscheleien der gemeinen Bürger hinausging.
Sie blätterte durch die feuchten Seiten. »Du hast mir gar nichts geschrieben gestern.«
Er brummte.
»Hast du mich gehört, Ira?«
»Hm.«
Sie blies die Backen auf und ließ geräuschvoll Luft entweichen. »Ein tumber Ochse als Bruder. Großartig.«
Brummend drückte er die geschundenen Knöchel der rechten Hand mit den Fingern der linken. Sie knackten und er verzog die Mundwinkel.
»Aber schon gut«, gurrte sie im Plauderton. »So wie Bryn dich rangenommen hat, hättest du die Feder nicht mal halten können, hm?«
Der Junge betastete seinen Nasenrücken und die Schwellung unter dem linken Auge.
»Wann wirst du ihm endlich auch mal eine verpassen?«
»Irgendwann«, raunte er.
»Vielleicht heute, hm?« Sie ließ die Augenbrauen zucken und grinste. »Du musst einfach mal schneller sein als er!«
»So flink wie du, kleine Drachin?« Er lächelte nur kurz, da die verkrustete Wunde auf seiner Lippe spannte.
»Leck mich!«, fauchte sie grinsend. »So wie Vyra mich über die Dächer jagt, ist es ein Wunder, dass ich mir bislang nicht den Hals gebrochen habe.«
Er zuckte mit den Schultern. »Besser als das ewige Betteln.«
»Stimmt. Es ist zumindest aufregender als Beutelschneiden und Schnorren.«
»Tut nur mehr weh.«
»Also merkst du es doch, du Ochse?« Sie zwinkerte ihm zu.
Er täuschte einen Schlag auf ihre Schulter an. Sie zuckte nicht einmal, sondern hob nur eine Augenbraue und schenkte ihm ein halbseitiges Lächeln. Er ließ die Hand sinken und legte sie in seinen Schoß, öffnete und schloss sie zur Faust, um die krampfenden Finger zu entspannen.
»Was Vater wohl gerade macht?« Ihre Stimme war leise.
Auch diese Frage stellte sie jeden Tag – und wie immer antwortete er mit einem gerümpften Nasenrücken und einem spöttischen Schnaufen.
Sie bohrte nicht nach. Stattdessen verengten sich ihre Augen, als sie eine Bewegung in der schmalen Gasse unter ihnen erspähte.
»Gareth, der Hundsfott«, zischte sie.
Ira folgte ihrem Blick. Der hochgewachsene Kerl, ein paar Jahre älter als sie, drängte sich an einer Gruppe kleiner Kinder vorbei. Er riss einem Jungen ein Stück Brot aus den Händen und brüllte sie an, bis sie wie verschreckte Ratten in die Schatten der Hauseingänge krochen.
»Ein neuer Beutezug für die Novizen«, murmelte Ira mit einem Ausdruck, der irgendwo zwischen Ekel und Abscheu lag.
»Der elende Schinder.« Sie zog ihre Knie an den Körper. »Vergiss Bryn. Hau dem mal lieber eine rein! Die Kleinen würden dich bejubeln.«
Ira schnaubte und mahlte mit den Zähnen, ohne den Blick von Gareth abzuwenden. Von hier oben könnte er ihm leicht auf die dunkelbraunen, kurzen Locken spucken. Seine Kiefermuskeln arbeiteten sichtbar, während seine Hände unbewusst zu Fäusten wurden. Er kannte die Schlagringe an Gareths Rechter – und die hässlichen, schmerzhaften Erinnerungen, die sie hinterlassen hatten – nur zu gut.
»Irgendwann!«, sagte sie und schlug ihm auf den Arm. Es war nur ein Spiel, aber hinter ihren Worten lag eine echte Sorge, die sie nicht aussprach. Bislang hatte Ira immer den Kürzeren gezogen, wenn er sich gegen Gareths Willkür gestellt hatte. Gleichwohl stand zu vermuten, dass er es trotzdem wieder und wieder versuchen würde. So war ihr Bruder. Dickköpfig, stur, stoisch. Ochse eben.
Ein erster tief dröhnender Glockenschlag ließ die Dächer von Gutter’s End erzittern. Aster blickte auf, und für einen Moment hielten sie und Ira inne, während das Geläut der großen Kirche der Oberstadt die morgendliche Stille zerschlug.
»Da geht es los«, murmelte er und lauschte.
Kurz darauf fielen die anderen Glocken ein und entfesselten einen chaotischen, ungleichmäßigen Lärm, der von jeder Sekte, jedem Kult und jeder Glaubensrichtung in Ober- und Unterstadt verstärkt wurde.
»Und so wird Thapath ein weiteres Mal aus seinem Himmelsthron gebimmelt«, sagte Aster trocken, ohne den Blick von den gewaltigen Mauern der Oberstadt zu lösen. Das Geläut klang wie ein heilloses Durcheinander, ein Getöse, das mehr an eine Schlacht erinnerte als an eine Morgenandacht.
»Glaubst du, der Schöpfer hört das da oben?« fragte sie.
»Wen interessiert’s«, murmelte Ira schulterzuckend.
Ein leises Klappern hinter ihnen ließ sie herumfahren. Die kleine Lyla balancierte über den Dachfirst, die Strähnen ihres orangeroten Haares standen wild ab, ihre Augen blitzten vor Tatendrang.
»Wollt ihr den ganzen Morgen hier vertrödeln?«, rief sie über die Schindeln kletternd. »Kommt schon, kommt schon!«
Ira landete tief in den Knien im zertretenen Matsch. Seine Sohlen schmatzten im Schlick, und der Geruch von fauligem Abwasser flutete seine Nase. Er richtete sich auf, streckte die Arme aus, als wollte er seine Schwester auffangen. Doch Aster brauchte keine Hilfe. Geschmeidig und anmutig wie immer setzte sie direkt vor ihm auf, leicht wie eine Feder.
»Ich dich auch«, flüsterte sie mit einem kecken Grinsen und rannte los.
Ira verdrehte die Augen und warf einen Blick zum grauen Himmel.
»Kommkommkomm!«, rief Lyla, die mit flatternden feuerroten Strähnen an ihm vorbeisauste. Sie winkte ihm mit der Dringlichkeit eines Kindes, das etwas Aufregendes entdeckt hatte.
»Damn«, brummte er, zog tief Luft ein und stieß sie mit einem leisen Knurren wieder aus. Das ewige Gerenne. Aber da alles Murren wenig hilfreich war, fasste er sich ein Herz und rannte ihnen hinterher.
Er rannte ihnen nicht nur heute hinterher. Er rannte ihnen immer hinterher – schwerfällig und ungeschickt – während sie ihm leichtfüßig vorauseilten. Aber wie sollte es auch anders sein? Er wog mehr als Aster und die winzige Lyla zusammen.
Seine Schritte klatschten im Lauf. Der Matsch spritzte hoch und besudelte seine ohnehin zerschlissenen Beinlinge. Es lohnte sich nicht, über den Zustand der geschnürten Lederschlüpfer an seinen Füßen nachzudenken. Die waren immer dreckig. Aber wenigstens dicht.
Vor ihm huschten Aster und Lyla durch die schmalen Gassen von Gutter’s End, geschickt wie Ratten in einem Labyrinth.
Um sie herum erwachte das Armenviertel mit kratzendem Husten, genervtem Fluchen und einem ersten dünnen Schrei aus irgendeinem Winkel. Der Gestank von Abfall und Fäulnis kroch aus den Abflüssen und Rinnsteinen, verschmolz mit dem scharfen Aroma verbrannten Fetts aus einer Garküche und dem beißenden Rauch eines frühen Feuers, das sich irgendwo durch feuchtes Holz kämpfte.
Ira passierte windschiefe Hütten, deren Türen halb offen standen und den Blick auf zu viele Menschen auf zu wenig Raum freigaben. Hinter verhängten Läden winziger Fenster, die Glasscheiben vermissen ließen, taperten schlaftrunkene Kinder wie torkelnde Ghule vorbei. Ein abgemagerter Hund mit hängender Zunge und dürr wie ein Mehlsack ohne Inhalt kreuzte ihren Weg. Seine trüben Augen richteten sich kurz auf Ira, bevor er trottend verschwand.
»Und ich dachte, ich hätte schlecht geschlafen«, murmelte Ira, warf dem Tier einen Blick hinterher und schnaufte.
Im Lauf drehte sich Aster halb zu ihm um, ihre Schritte blieben leicht und sicher auf dem rutschigen Matsch. Sie wich einer Pfütze aus und bedeutete Lyla, nah bei ihr zu bleiben.
»Mach schneller, Ira«, drängte sie und nickte in Richtung einer schmalen Biegung vor ihnen, aus der das Hämmern eines Handwerkers hallte. »Wir haben noch einen weiten Weg bis zum Markt in Greyfallow.«
Um sie herum kam das Viertel langsam in Bewegung: Müde Ladenbesitzer öffneten knarrende Türen, Frauen schrien nach ihren Kindern, Säuglinge weinten, ein Mann schob einen Karren mit klappernden Tontöpfen vor sich her. Gutter’s End lebte – oder es klammerte sich an etwas, das man nur mit schwarzem Humor ein Leben nennen konnte.
Ein heiserer Pfiff durchschnitt die Luft – das Warnsignal des Ordens. Einer der Kundschafter musste über ihnen auf einem der Dächer auf dem Posten sein.
An der nächsten Ecke blieb Aster abrupt stehen, ihre Hand schnellte nach oben. Ira prallte beinahe in sie hinein, konnte sich aber gerade noch abfangen.
»Wachen!«, zischte sie über ihre Schulter.
Er knurrte frustriert. »So früh am Tag?«
Aster nickte knapp und zog Lyla an sich. »Zurück«, flüsterte sie und schob das Mädchen tiefer in die Seitengasse, aus der sie just auf eine breitere Verbindungsstraße hatten laufen wollen.
Ira spähte vorsichtig um die Ecke. Tatsächlich, in der Mitte patrouillierten zwei Wachmänner in schmuddeligen rotschwarzen Uniformen. Ihre verbeulten Brustpanzer und dicken Knüppel glänzten matt im trüben Morgenlicht. Auch sie hatten dreckige Stiefel an, wie Ira lächelnd feststellte. Gutter’s End färbte eben auf jeden ab.
Asters Augen huschten suchend umher. »Da«, wisperte sie und deutete auf einen schmalen Spalt zwischen zwei baufälligen Hütten. »Wir müssen da durch.«
Ira betrachtete den engen Durchgang skeptisch. Für die zierlichen Mädchen würde es kein Problem sein, aber für ihn …
»Ich passe da nicht durch«, brummte er.
Seine Schwester verdrehte die Augen. »Du passt da durch. Oder willst du lieber mit den Knüppelschwingern schmusen?«
Ein weiterer Pfiff ertönte, diesmal näher.
Schwere Schritte und das Klappern von Rüstungsstahl hallten durch die Gasse.
»Keine Zeit zum Diskutieren«, zischte Aster. Sie drückte Lyla in den Spalt. »Los jetzt!«
Ira seufzte, dann zwängte er sich seitwärts in die enge Öffnung. Die rauen Holzwände schabten an seinen Armen und Schultern, als er sich mühsam vorwärts schob. Es knarrte protestierend, und der modrige Geruch von feuchtem Holz und Schimmel drang ihm in die Nase. Hinter sich hörte er Asters gedämpftes Keuchen.
»Schneller, Mann!«, drängte sie.
Ira biss die Zähne zusammen und zwängte sich weiter durch den engen Spalt. Splitter bohrten sich in seine Hände, als er sich an den Brettern abstützte. Vor ihm sah er Lylas schmale Gestalt, die bereits am anderen Ende angelangt war und ungeduldig auf der Stelle trat.
Die Kleine grinste ihn an, entblößte ihre lückenhaften Zahnreihen und schüttelte den Kopf.
»Weniger Haferbrei, mehr rennen«, wisperte sie.
Ira knurrte und zerrte sich weiter durch den vermaledeiten Spalt.
Mit einem letzten Ächzen quetschte er sich durch die Öffnung und stolperte in die dahinterliegende Gasse. Aster folgte ihm geschmeidig, ihre Augen wachsam auf die Einmündung gerichtet.
»Siehst du«, flüsterte sie mit einem schiefen Grinsen, »war doch gar nicht so schlimm.«
Ira schnaubte nur und rieb sich die zerkratzten Arme. Ein Splitter hatte sich tief in seinen Handballen gebohrt. Er zog ihn mit den Zähnen und spuckte ihn aus.
»Keine Zeit zum Ausruhen, Brüderchen«, drängte Aster und deutete die Gasse hinunter. »Wir müssen am Markt sein, bevor Gareth dort auftaucht und unser Zuspätkommen beim Abt meldet.«
Sie huschten durch den schmalen Hinterhof einer kleinen Schlachterei, vorbei an modrigen Fässern, einem Schubkarren ohne Räder und Bergen von Unrat. Der Gestank war hier noch schlimmer als in den Gassen. Lyla hielt sich den Ärmel vor die Nase und lief voraus.
Der Geruch von Blut und faulendem Fleisch hing schwer in der Luft, vermischt mit dem beißenden Aroma von Urin und Exkrementen. Ira unterdrückte den Würgereiz und konzentrierte sich auf die schlanke Gestalt seiner Schwester vor ihm.
Sie bogen um eine Ecke und fanden sich in einer breiteren Straße wieder. Hier herrschte bereits reges Treiben. Händler bauten ihre Stände auf, Marktfrauen brüllten erste Angebote in die Menge. Noch waren sie nicht am Marktplatz, doch da dieser am heutigen Morgen für etwas anderes herhalten musste, durften sich die Händler auf der Moorelane einrichten, die schnurgerade auf eines der Stadttore zuhielt, vor dem der Cripple’s Market sonst zu finden war.
Der allgegenwärtige Gestank von Schmutz und Elend mischte sich mit dem Geruch von Fisch und überreifem Obst.
»Da vorne!« Aster deutete auf einen Stand, an dem ein dicklicher Mann gerade Körbe voller Äpfel von einem Karren wuchtete, vor dem ein struppiger Esel eingespannt war.
Ira nickte stumm. Er wusste, was zu tun war. Mit weiten Schritten stapfte er los, direkt auf den Händler zu. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Aster und Lyla sich in entgegengesetzte Richtungen bewegten und scheinbar unbeteiligt in der Menge umherschlenderten. Ira atmete tief durch und setzte seinen grimmigsten Gesichtsausdruck auf.
Mit einem lauten Rumpeln stieß er gegen den Apfelstand. Der Händler fuhr erschrocken herum, seine schmutzigen Hände umklammerten einen halb gefüllten Korb.
»Hey, pass doch auf, du Trampel!«, blaffte er.
Ira knurrte nur und baute sich vor dem Mann auf. Er war zwar erst 17, aber dank der harten Lehrjahre im Orden und dem Erbe seines oft als ›riesenhaft‹ betitelten Vaters warfen seine breiten Schultern einen Schatten über den kleineren Händler. Dass sein Gesicht von der letzten Übungsrunde mit Bryn noch lädiert war, mochte mit einigem Schmerz verbunden sein, doch in diesem Moment unterstrich es seine Erscheinung als Bursche, mit dem man sich besser nicht anlegte.
»Wer ist hier der Trampel?«, grollte er mit tiefer Stimme. »Dein schiefer Stand steht mitten im Weg.«
Der Händler zuckte zusammen, sein Gesicht wurde blass. Er machte einen Schritt zurück und stieß dabei gegen einen weiteren Korb. Äpfel kullerten in den schlammigen Boden.
»I… ich … es tut mir leid«, stammelte der Mann. »Ich werde ihn w… wohl besser m… mal zur Seite rücken.«
Ira grunzte zufrieden. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Aster geschickt zwischen den umstehenden Leuten hindurchglitt. Ihre Finger waren so flink, dass sie fast unsichtbar wirkten, als sie einen Apfel nach dem anderen an sich nahm. Ein kleiner Junge, der nahe dem Stand herumlungerte, riss die Augen auf und öffnete den Mund. Aster schenkte ein kurzes Zwinkern aus, steckte ihm einen der Äpfel zu, und der Junge schloss den Mund wieder. Ein Lächeln huschte über sein schmutziges Gesicht, bevor er sich mit der unerwarteten Beute von dannen machte.
Lyla hatte sich inzwischen unbemerkt hinter den Stand geschlichen und stopfte sich das Wams mit den saftigen Früchten voll, dass es schnell aussah, als hätte sie einen dicken Bauch wie der Bierbrauer.
Ira hielt den Blick des verängstigten Händlers fest und machte einen weiteren Schritt auf ihn zu. Der Mann wich zurück, stolperte über einen Korb und landete unsanft auf seinem Hintern.
»Ich … ich …«, stotterte er mit geweiteten Augen.
»Schon gut«, brummte Ira und streckte dem Händler eine Hand entgegen. Der zögerte kurz, griff dann aber dankbar zu.
Mit einem Ruck zog Ira ihn auf die Beine. »Tut mir leid wegen der Äpfel«, murmelte er und klopfte dem Mann in gespielter Geste Staub von der Schulter. »War keine Absicht.«
Der Apfelbauer schluckte hastig. »Schon gut, schon gut. Passiert.«
Aus den Augenwinkeln sah Ira, wie Aster und Lyla in der Menge verschwanden, ihre Kutten prall gefüllt mit den gestohlenen Äpfeln, die Gürtel um ihre Hüften spannten. Er nickte dem Händler noch einmal zu und wandte sich dann ab.
Mit langen Schritten suchte er sich seinen Weg durch die dichter werdende Menge. Die Straße vor dem Markt füllte sich rasch, als immer mehr Bewohner von Gutter’s End und Greyfallow aus ihren Behausungen strömten, um die wenigen Münzen, die sie besaßen, gegen Lebensmittel und andere Notwendigkeiten einzutauschen. Kinder huschten über die Straße, griffen nach allem, was zu Boden fiel. Eine gebeugte alte Frau zählte verzweifelt ihre Viertelpennies, bevor sie sich einem Händler näherte. Ira wich einem Mann aus, der einen mit krummen Hühnerkäfigen beladenen Karren schob, dessen rumpelnde Räder durch die tiefen Schlaglöcher ruckelten und die Fracht in aufgebrachtes Gackern versetzte.
Er hielt den Kopf gesenkt, drückte sich durch das Gedränge und suchte nach dem vertrauten Schopf seiner Schwester.
»Ira!«, hörte er ihre gedämpfte Stimme. Er drehte sich um und sah sie in einem schmalen Durchgang zwischen zwei Ständen stehen. Mit einem Nicken folgte er ihr.
»Haben wir genug?«, fragte er.
»Sollte ausreichen. Hier.« Sie reichte ihm einen Apfel, den sie zuvor am rauen Stoff ihres Gugelkragens abgerieben hatte. »Weiter! Wir sind fast da.«
Im Gehen teilten und verstauten sie die Beute.
Dann übertraten sie die unsichtbare Grenze zwischen dem einen und dem anderen Stadtteil. Die Straßen änderten sich merklich: Der Matsch wurde weniger tief, die Dächer dichter gedeckt, die Fassaden sauberer. Die windschiefen Holzhäuser standen zwar immer noch krumm, aber nicht so, als würden sie der Reihe nach umfallen, bräche eines in der Mitte zusammen. Der Gestank von Abfall wich dem herben Duft von Rauch und Kohle. Hier in Greyfallow hatte zwar alles einen Hauch von Ordnung, strahlte jedoch keine Wärme aus. Männer und Frauen hasteten vorbei, ihre Blicke auf den Boden gerichtet, die Worte gedämpft. Es ging immer um dasselbe: die bevorstehende Hinrichtung.
»Die anderen müssten schon hier sein«, murmelte Aster und beschleunigte ihre Schritte. Lyla folgte ihr dichtauf.
»Vyra wird den Platz bereits gesichert haben«, brummte Ira und sah sich um. Seine Augen suchten die Winkel der Gassen ab. Dort wo Schatten huschten – lautlos, flink, effizient – war die groß gewachsene, blonde Waise mit ihren Runners, Spotters und Snitches zu Hause.
Kaum hatte er seinen Gedanken beendet, erschien die Anführerin der Boten, Späher und Petzen. Wie immer trug sie ihren Kampfstock bei sich und war in ein grob geflicktes Kleid mit derben Nähten, lederne Armmanschetten mit Wickeln und Nieten, sowie einen dunkelgrauen Überwurf gekleidet, dessen Kettenkragen ihre Schultern schützte. Ihre Augen waren wie üblich mit einem Streifen Kohlestaub geschwärzt, wodurch ihre obere Gesichtshälfte im Schatten der Kapuze verborgen blieb. Sie nickte knapp, hielt nicht an, und verschwand mit einer kleinen Gruppe Ordenskinder in einer Seitengasse.
»Kommt Bryn auch?«, fragte Aster und rieb sich den Nacken.
»Tote Frage«, raunte Ira trocken. Sein Blick war härter geworden. »Wo es Nasen zu brechen und Knochen zu knacken gibt, ist der nie weit.«
»Und Gareth«, knurrte Lyla, die ihre Lippen missmutig schürzte.
»Und Gareth«, wiederholte Aster und seufzte. »Wir flitzen dann mal Vyra hinterher, bevor sie uns den Hintern versohlt … Komm, Lyla.«
»Pass auf dich auf, Schwesterherz.« Ira hielt schon auf Zehenspitzen nach Bryn und dessen Schlägertruppe Ausschau.
»Sagt der Richtige.« Aster tippte sich ans untere Augenlid und die Unterlippe und warf ihrem Bruder einen Kussmund zu. Dann liefen sie und Lyla hinter den anderen her.
Ira entdeckte den blonden Kopf von Bryn und nickte gedankenverloren.
Aster
Die morgendliche Apfelbeute übernahmen zwei jüngere Novizen, die die reifen Früchte unter zahlungskräftiges Volk bringen würden. Mit leeren Taschen und mit Lyla im Schlepp drehte sie die Schultern ein und zwängte sich seitlich in eine Lücke der dichten Menge. Männer und Frauen drängten sich um sie, alle herbeigeströmt, um der bevorstehenden Hinrichtung auf dem Krüppelmarkt beizuwohnen. Für Aster hätte es feinere Morgenunternehmungen gegeben – Frühstück zum Beispiel – aber sie war auch nicht hier, um sich an rollenden Köpfen zu ergötzen. Sie war hier, um dem Orden zu dienen, so niedrig und abgefeimt dieser Dienst auch war. Nachdem Vater sie verlassen hatte, war das Kloster zu ihrem Zuhause geworden. Ohne diese ›Heimat‹ hätten sie und Ira nichts. Vielleicht noch ein verzweifeltes Leben auf der Straße, stets mit knurrendem Magen und am untersten Ende der Nahrungskette. Als ausgestoßene Waisen würden die anderen Banden sie schneller verschlingen, als sie ›Ähm‹ hätte sagen können.
»Kopf zu und einfach machen«, murmelte Aster. Sie schob sich weiter, bis sie eine winzige Kreuzung zwischen den Häusern erreichte und dem Gedränge entkam. An der Wand lehnend faltete sie die Hände auf Schritthöhe ineinander. »Dein Posten, oder?«
»Yes«, zischte Lyla, sprang hoch und setzte einen Fuß in die provisorische Leiterstiege. Ihre kleinen Finger tasteten den Querbalken ab, während Aster sie stützte. Mit einem festen Griff packte sie Asters Schultern, zog sich hoch und erklomm die Hauswand wie ein Marder auf der Suche nach Unterschlupf im Dachstuhl. Augenblicke später winkte sie von oben.
»Seh dich!« Die rötlichen Strähnen verschwanden hinter der Dachkante.
»Pass auf dich auf! Bis dann!« Aster wischte die Hände über ihre Beinlinge und suchte im Mosaik der durchhängenden Dächer nach dem Beobachtungsposten, der ihr zugewiesen worden war.
Da sie mit 17 zu den Älteren in der Riege der Spotters gehörte, wollte Vyra sie auf dem First des Lagerhauses der Cobbler’s Guild, der Schuhmachergilde, sehen. Auf diesem Posten war sie dem Marktplatz am nächsten und hatte einen freien Blick über die zusammengehämmerte Tribüne für Schaulustige – und die Folterbühne. Einen Novizen hätte der Anblick der Hinrichtung und ihrer Begleiterscheinungen von scharfen Klingen und glühenden Eisen möglicherweise kotzend vom Dach geholt. Wohingegen es bei ihr meist bei flauem Magen und saurer Spucke blieb, auch wenn ihr die Aussicht auf das Tagewerk des Scharfrichters weiche Knie bescherte, auf denen sie an der rückwärtigen Fassade des Lagerhauses ankam.
In der Nacht zuvor hatte ein anderer Trupp Ordenskinder dafür gesorgt, dass ihr eine Kiste und ein Fass den Aufstieg erleichterten. Über die Querbalken im Bauwerk kletterte sie geschickt nach oben, hielt sich tief und kroch auf allen vieren über die krummen Dachpfannen. Am Grat angelangt, schob sie sich geduckt weiter zum Giebel. Hinter dem Holzschild mit dem Zunftwappen fand sie Deckung und setzte sich mit angezogenen Beinen. Es war zwar Thawmark, der Monat des Tauens, in dem die ersten Anzeichen des Frühlings sichtbar wurden, doch noch waren die letzten Überbleibsel des Winters nicht gebannt. Hier oben lagen Spuren von Frostkristallen in den Rinnen der Schindeln und die Morgenluft war frisch und eisig. Aster zog die Kapuze hoch, stopfte die Hände in die Rockärmel und drückte ihr Kinn in den dicken Gugelkragen.
Das Lagerhaus war das höchste der Gebäude, die den Platz einrahmten. Nur der Wehrgang über dem Tor in die Oberstadt lag noch ein wenig höher. Weit genug und auf der gegenüberliegenden Seite, sodass die Wachposten schon Adleraugen haben müssten, um Aster entdecken zu können. Der Cripple’s Market war der größte Markt der Unterstadt und an normalen Tagen fand man hier alles, was zum Leben im Armenviertel gebraucht wurde: Brot und Bier, Stoffe und Leder, Werkzeug und Hausrat. Goldschmiede, Gewürzstände oder Brokathändler suchte man allerdings vergeblich; die gab es nur in den Markthallen der Oberstadt. Die Qualität der Lebensmittel ließ ebenfalls Wünsche offen, aber trotzdem war der Markt für Aster ein Ort der Verheißung. Sie liebte das enge Gedränge, das Gebrüll und Gefeilsche, die Gerüche, die Düfte – das Leben.
Heute bot er all das nicht.
Der Marktplatz war nicht wiederzuerkennen, denn sämtliche Stände waren beiseite geräumt und in die Seitenstraßen verdrängt worden. Gareth und die ihm unterstellten Novizen hatten in der Nacht eine acht Schritt lange, dreistufige Tribüne aus geklauten Zaunlatten und zusammengerafften Brettern errichtet. Aster entdeckte jüngere Ordensmitglieder, die bereits Sitzplätze meistbietend an Schaulustige vermieteten. Der Andrang war groß, und der Gewinn würde mehr als ein paar Handvoll Pennies betragen.
Doch die Tribüne hielt ihren Blick nicht gefangen. Es war der Richtplatz.
Anstelle bunter Auslagen beherrschte dieser den Mittelpunkt der Freifläche. Auf einem quadratischen Podest lagen die Werkzeuge der königlichen Gerechtigkeit bereit. Schürhaken und Brandeisen glühten in einer kleinen Esse, deren Feuer ein Gehilfe mit dem Blasebalg anfachte. Seile und Eisenfesseln baumelten von einem Holzgerüst, das auch für das Räuchern von Fisch hätte herhalten können. Daneben lehnten ein großes Kutschrad und ein Holzhammer mit langem Stiel, wie er für das Einschlagen von Zaunpfosten verwendet wurde. Aber ebenso gut konnte man mit diesem Gerät Gliederknochen in Radspeichen schlagen.
Das foltererlösende Richtschwert und der Schlachtblock nebst Auffangkorb standen direkt am Bühnenrand, damit auch ja niemand das blutige Finale verpasste.
Asters Kehle wurde trocken, als ihr Blick über den Wundarzt des Viertels und seinen Assistenten glitt, die am Fuß der Aufgangstreppe warteten. Die Obrigkeit hatte ein grausiges Spektakel geplant, bei dem die Qualen des Verurteilten durch ärztliche Versorgung verlängert werden sollten.
Obwohl sich ihr Magen zusammenzog, konnte sie die Neugier nicht unterdrücken. Welche Untat war so abscheulich, dass sie eine solche Strafe verdiente?
Bald würde sie es wissen.
Auf der breiten Straße, die Markt mit Stadttor verband, drängte ein Trupp Bewaffneter die Bürger beiseite, um Platz für den Schandkarren zu schaffen.
Aster biss die Zähne zusammen und kam ihrer Aufgabe nach.
Sie war eine Spotterin – und als solche hatte sie dafür zu sorgen, dass von den am Boden eingesetzten Ordensmitgliedern keines in die Griffel der Stadtwachen taperte.
Ira
Er hielt sich am Rand des dichter werdenden Menschenauflaufs. Sein Blick haftete auf dem strohblonden, fast weißen Haar seines großgewachsenen Subpriors, das selbst in diesem Gewimmel wie eine Fackel wirkte.
Der ›Orden der Gütigen Hand‹ hatte mit echten Klostergemeinschaften so viel gemein wie Gutter’s End mit der Oberstadt. Aber die Hierarchien waren geblieben. Als ›Bruder‹ stand Ira über den Novizen, doch seine Position war immer noch weit unten in der Hackordnung. Er war Bryn unterstellt, dem Subprior seines Zweiges, der wiederum dem Prior diente, der seinerseits dem Abt Rechenschaft ablegte, dem obersten Leiter des Ordens und Führer der Gemeinschaft.
Iras Kiefer mahlten. Wenn er eines an dieser Verteilung von Befugnis und Macht hasste, dann war es das ewige Aufschauen- und Hinabtretenmüssen. Doch Abt Tharo hatte ihm und Aster eine Heimat gegeben, und das bedeutete, die Zähne zusammenzubeißen und zu funktionieren.
»Schön, dass du es einrichten konntest«, raunte Bryn, ohne den Blick von der Menge abzuwenden. Seine Stimme war träge, fast beiläufig, doch Ira hörte den scharfen Unterton darin.
Er brummte nur und verteilte Äpfel unter den kräftigen Jungs, die innerhalb des Ordens Brawlers genannt wurden – und von denen er einer war. Orin und Faryn standen wie immer eng beieinander. Sie waren dicke Freunde und so untrennbar wie Aster und er. Kael und Ansel waren schon länger im Orden und daher gut ausgebildete und gestandene Schläger. Seine Mitstreiter reagierten mit kurzem, respektvollem Kopfnicken. Ihre Gesichter entsprachen ihrer Pflicht: Breitgeklopfte Nasen, wulstige Lippen und Narben, die Geschichten von Faustkämpfen und Prügeleien erzählten.
»Was liegt denn an?«, erkundigte sich Orin, während er genüsslich auf einem Apfel kaute. Seinen Spitznamen ›The knot‹ – der Knoten – hatte er den ehemals abstehenden Ohren zu verdanken. Zahlreiche Raufereien mit den Älteren hatten sie zerknittert und verformt, bis sie schließlich aussahen, als wären sie tatsächlich verknotet worden. Aber das war nicht der einzige Grund für den Namen. Sein Körperbau – rundlich und gedrungen, mit kurzen, kräftigen Gliedern – sowie sein Talent, Gegner im Bodenkampf regelrecht zu ›verknoten‹, machten den Spitznamen fast schon unausweichlich. Wann immer Ira ihn zu lange ansah, konnte er die eigenen Gelenke in der Erinnerung knacken hören. Niemand ging gern zu Boden. Aber wenn, dann auf keinen Fall in einem Gerangel mit the knot. Auf gar keinen Fall!
Bryn musterte seinen Apfel, als wäre er geradewegs aus dem Hinterteil eines Gauls gepurzelt und nicht eben aus dem Korb eines Bauern gestohlen worden. Mit einem skeptischen Blick zu Ira zuckte er mit den Schultern, dann biss er zu. Es knackte laut, als seine großen Zähne ein beachtliches Stück herausbrachen.
»Wir … sollen …« – Schmatzen und Spritzer unterbrachen seine Worte – »… den alten Hicks von seinem Standplatz scheuchen.«
»Och, nö«, nölte Orin. »Wem hat der Haubenschneider denn was getan?«
»Is’ scheißegal, oder?« Bryns Augenbraue hob sich warnend, während er, den Apfel in der Hand, mit einem Fingerzeig auf einen mickrigen Stand an der Einmündung zum Richtplatz deutete. Auf einem schmalen, aber langen Brett, gestützt von Böcken, lagen Hüte und Kappen aus Filz, Wolle und Leder. »Du kannst Calder oder Tharo natürlich gern erzählen, dass du keine Lust hast, deinen Auftrag zu erledigen. Bin gespannt, wie das läuft.«
»Ich mein ja nur …«, brummelte Orin, wandte sich aber wieder seinem Apfel zu.
Ira blies die Backen auf. Der alte Hicks war ein fleißiger, harmloser Handwerker, den sie alle kannten. Einige im Orden trugen sogar Kappen, die er ihnen für ein wenig Hilfe beim alltäglichen Auf- und Abbau seines Standes überlassen hatte. Nun war Ira froh, dass er die Kapuze am Schulterüberwurf vorzog. Die hatte er selbst zusammengenäht.
»Warum soll er denn weg?«, fragte er.
Bryn warf den Kitsch über die Schulter, stülpte die Unterlippe vor und blies sich in den Pony seines strohblonden Topfschnitts. Wie Ira trug er den radförmig geschnittenen Überwurf mit Kapuze über seinem dunkelgrauen Wams, das an der Hüfte von einem breiten Ledergurt zusammengehalten wurde. Wie immer fand sich dort sein Schusterhammer in einem Lederring, an dessen Kopf er gern herumfingerte, wenn er nachdachte. Mit der anderen Hand rieb Bryn sich in den kurzen Bartstoppeln, bis er sich offenbar dazu durchgerungen hatte, doch noch zu antworten.
»Der Brauer will dahin«, sagte er knapp. »Will sein gestrecktes Süppchen unters Volk bringen.«
»Damn«, brummte Ira. »Der arme Hicks.«
»Jup. Wird wohl heut nix mehr verkaufen. Is’ alles voll.« Bryn ließ seinen Blick durch die Runde schweifen. »Wer macht’s? Gibt noch andere Aufgaben. Für jeden was dabei.«
Langsam hob Ira die Hand.
Bryn nickte. »Gut, Ochse. Du kümmerst dich um Haubenhicks. Wirst schon allein mit dem zurechtkommen. Orin, du sagst dem Bäcker, dass noch ne Lieferung aus dem Kloster kommt. Soll er mitverkaufen. Wegen der Armen und so.« Der blonde Hüne gab sich nicht einmal Mühe, über diesen lauen Witz zu lachen. Nicht ein Armer würde von den heutigen Einnahmen des Ordens profitieren. Das wussten sie alle.
Der Knoten stopfte sich die Überreste seines Apfels in die Backen und warf lediglich den Stiel in den Dreck.
»Nimm Faryn mit, falls der Teigklopfer Zicken macht. Eskalation nach Gutdünken, klar?«
Orin nickte. »Wenn seine Söhne da sind, wird’s lustig. Biste bereit, Langer?«
Faryn grunzte seine Bestätigung. Es war ein tiefer, fast tierischer Laut, der zu seinem dürren Körper kaum passen wollte. Die beiden marschierten los. Ein gedrungener Knoten und ein schlaksiger, baumlanger Novize, dessen Spitzname ebenfalls überaus passend war.
Bryn wandte sich an Ira, der ihnen nachsah. »Du bist ja immer noch da. Schieb ab, Mann.«
»Bin schon weg.« Ira drehte auf den Fersen um und stapfte davon.
Der ›Orden der Gütigen Hand‹ folgte dem Geld. Und weil ein Bierbrauer die Hand schneller bezahlt hatte, musste der Haubenmacher eben Fäuste kassieren.
Hoffentlich würde sich der alte Hicks einsichtig zeigen …
Hinter sich hörte er Bryn die übrigen Brawlers herumkommandieren.
»Ansel, Kael, ihr geht mit mir! Müssen den Wirt überzeugen, heut Abend ne Gebühr fürn Eintritt zu nehmen. Als Spende. Ihr wisst schon.«
Gemächlichen Schrittes und mit dem Kopf zwischen den Schultern gesenkt ging Ira an der Rückseite der schiefen Tribüne entlang. Ein heiserer Pfiff mit vertrautem Klang von links oben ließ ihn wissen, dass Aster auf dem Posten war und ihn im Blick hatte.
Auf der breiten Straße, die Markt mit Stadttor verband, drängte ein Trupp Bewaffneter die Bürger beiseite, um Platz für den Schandkarren zu schaffen.
Ira biss die Zähne zusammen und kam seiner Aufgabe nach.
Er war ein Brawler – und als solcher hatte er dafür zu sorgen, dass niemand aufmuckte, in den der Orden seine gierigen Klauen geschlagen hatte.
Aster & Ira
Obwohl sie an unterschiedlichen Positionen dem Heranrattern des Schandkarrens beiwohnten, sahen und hörten Aster und Ira dasselbe.
Der Karren rumpelte auf das unebene, schmutzbedeckte Pflaster des Krüppelmarktes, gezogen von einem mageren Arbeitspferd, dessen Rippen unter dem struppigen Fell hervorstanden. In den Speichen der schiefen Räder, die Spuren im Dreck hinterließen, hatten sich Schlick und Abfall verfangen.
Auf der kleinen, quadratischen Ladefläche stand ein abgemagerter Mann. Fadenscheinige, dreckige Lumpen hingen wie alte Netze von seinem schlaffen, ausgehungerten Körper. Hände und Füße waren in Ketten geschlagen, die bei jeder Bewegung klirrend gegeneinanderschlugen. Um den dürren Hals lag ein Ring aus Metall, von dem Seile zu Spießen an den Kanten des Karrens gespannt waren, sodass er sich nicht einmal bücken konnte.
Unabhängig voneinander hoben Aster und Ira die Augenbrauen, als sie das zerschlagene Gesicht des Mannes erblickten. Er war ein Magus – ein Zauberer! Denn eben dies verriet der fingerdicke Eisenstift, der ihm quer durch seine Wangen und somit zwischen die Backenzähne getrieben worden war. Er ragte beidseitig aus der Haut und verhinderte, dass er Gebiss, Lippen und Zunge frei bewegen und Formeln in der Sprache der Ahnen aufsagen konnte. An den Enden des Stifts befanden sich Ösen, durch die ein dünnes Seil lief, das straff am Hinterkopf verknotet war. Jeder Versuch, den Kopf zu drehen oder zu sprechen, ließ den Eisenstift schmerzhaft in die blutverkrusteten Löcher schneiden.
Am schlimmsten waren jedoch die zerschundenen Hände. Um das Wirken von Magie durch Gesten zu unterbinden, hatte man sie verstümmelt. Sie hingen wie leere Handschuhe aus den Fesseln, die Haut blutig zerrissen und verbrannt, die Knochen an einigen Stellen bloßgelegt.
Aster schluckte und riss den Blick von dem Mann los, als ein lautes Spottlachen aus der Menge schallte. Der Klang schnitt durch die Luft wie ein rostiges Messer durch Schwarte, roh und abscheulich.
Ira ballte die Hände zu Fäusten. Die höhnischen Rufe und das Werfen von Abfall entfachten eine Glut in seiner Brust, die er mühsam unterdrückte. Der Magus reagierte nicht. Vielleicht konnte er nicht mehr, vielleicht hatte er längst aufgegeben.
Krachend klappernde Achsen, rasselndes Eisen und die rüden Rufe der Stadtwachen gingen im Gejohle der Menge unter. Es war, als hätte der Verurteilte jeden Anwesenden um den letzten Penny betrogen oder die Kinder geraubt. Schimmliges Obst, welkes Gemüse und faule Eier flogen durch die Luft. Ein vergammelter Apfel zerschellte mit einem dumpfen Schlag am Kopf des Magus und platzte auseinander. Die Menschen grölten lauter, trieben sich gegenseitig an. Dann kamen Steine. Ein schwerer Brocken krachte auf die Ladefläche des Schandkarrens, knapp neben die bloßen Füße des Gefesselten.
Es wäre Asters Aufgabe gewesen, von oben eine Warnung zu pfeifen, wenn sich die Stadtwachen näherten, doch sie hatte zu viel Wasser im Mund, das die Innenseiten ihrer Wangen hinabgelaufen war.
Aber die Wachen kümmerten sich nicht um Ira oder Gareth und seine Novizen. Sie stürmten in die Menge, fuhren mit gezielten Schlägen dazwischen, wo sie konnten. Die Zuschauer wichen kreischend zurück, doch nicht alle waren schnell genug. Ein Mann mit wutverzerrter Fratze und Schaum vor dem Mund hob den Arm, einen Stein in der Hand. Ira hätte sich fast auf ihn geworfen, aber dann kam der Knüppel. Er traf den Mann mit einem nassen Krachen mitten ins Gesicht. Blut spritzte, Zähne flogen, und der Stein fiel zu Boden.
»Fuck me!«, flüstere Ira zwischen zusammengebissenen Zähnen – er hatte noch alle – und wich zur Seite aus. Es tat gut, seine Kräfte walten zu lassen, um sich Raum zu verschaffen, der ihn wenigstens ein paar Schritte von diesem elenden Moment fortbrachte.
Ira
Der Tumult, den die Ankunft des Gefangenen und der Knüppeleinsatz der Stadtwachen verursachten, blieb hinter ihm zurück. Nachdem er sich durch die letzten engen Reihen der Schaulustigen gedrückt hatte, erreichte er den Stand des Haubenmachers. Der Brauer und seine beiden Gehilfen warteten an der Straßenmündung. Sie hatten einen Handkarren dabei, beladen mit einem großen Bierfass und mehreren Kisten Tonkrügen. Ihre Mienen schwankten zwischen Ungeduld und freudiger Erwartung, als könnten sie den Profit bereits in den Fingern klimpern spüren.
Ira schob ein paar Kopfbedeckungen aus Filz und Wolle beiseite, stützte die Fäuste auf das Brett und beugte sich darüber.
»He, Hicks!«, rief er über den Radau der Menge hinweg.
Der Haubenmacher hörte auf den Namen ›Hickory‹, doch niemand machte sich die Mühe, ihn so zu nennen. Der alte Hicks war wahrlich alt. Geradezu ehrwürdig alt. Mit krummem Rücken hockte er hinter seinem Stand auf einer aufgestellten Obstkiste. Als er Ira bemerkte, zuckte er zusammen wie ein greiser Ganter, der beim Dösen gestört wurde.
»Ich muss mit dir reden!«, rief Ira und winkte ihn mit einer Hand hoch.
Mühsam brachte sich der Haubenmacher in wackligen Stand. Er war so dünn, dass seine Schultern wie gebrochene Flügel wirkten, und seine Kleidung, die ihm vielleicht vor zehn Jahren noch gepasst hätte, schlotterte um seinen dürren Leib.
»Willst ne Kappe?« Hicks’ Stimme klang brüchig und verschwand fast im Lärm.
»Nee.«
»Was’n dann? Ne Haube?«
»Nein, Mann!« Ira stählte sich innerlich gegen das, was er gezwungen war, nun zu tun. »Hör mal, du musst deinen Stand weiter nach hinten verlegen. Ich helf dir beim Packen!«
»Hä?« Der Alte stocherte sich mit dem kleinen Finger im Ohr herum und beugte sich so weit nach vorn, dass zu befürchten war, er würde bäuchlings in seiner Auslage landen, wenn er ausrutschte.
»Dein Stand muss weg!« Aus dem Augenwinkel sah Ira, wie der Brauer und seine Jungs näher kamen.
Meister Barley war ein überaus beleibter Koloss von einem Mann mit Halbglatze und grobporiger Knollennase. Jeder in Greyfallow kannte ihn und sein Gebräu. Alle machten ihm und seinem Fass Platz und nicht wenige klopften freudig auf seine dicken Schultern und lachten.
Ja, so eine Hinrichtung wurde durch Bier noch besser. Besoffen ließ sich auch lauter grölen, wenn der Henker seiner Arbeit nachkam.
»Ich steh immer hier, Junge!«, rief Hicks.
»Heute nicht! Heute ist hier Bierverkauf!«
»Nein! Mützen! Ich verkaufe Mützen!«
Ira rollte die Augen zum Himmel, holte Luft. »Dein Stand muss weg!«, brüllte er. »Jetzt!«
Dem Alten entglitt die Fassung. Vor Verwunderung spannte sich die Gesichtshaut, strafften sich die Falten. »Aber warum das denn? Ich steh doch immer hier! Sag Tharo …«
»Tharo hat ja gesagt, dass du wegmusst! Es ist nur für heute!«
»Nein, nein, nein.« Die wenigen fettigen Locken, die er noch hatte, klatschten um seine großen Ohren. »Seit zwanzig Jahren bin ich hier. Was soll ich denn machen, hä? Ein Fass Bier ist wichtiger als meine Mützen?! Nein, ich geh nicht!«
