Halbzeit - Cheryl Shepard - E-Book

Halbzeit E-Book

Cheryl Shepard

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Beschreibung

Ü50, weiblich, Wechseljahre - und dennoch Lust auf Sex ?! Die 50-jährige Moderatorin Chiara Canzoni hat vermeintlich alles: Einen liebevollen Ehemann, ein Haus, Kinder und Karriere. Doch dann wird sie unerwartet aus der eigenen Talkshow geworfen. Am selben Abend schickt ein Fan ihr eine zweideutige Nachricht. Chiara wird wütend, doch der freche Charme des Schreibers überrascht sie auch. Bald fliegen die Nachrichten im Sekundentakt hin und her. Aber mit wem tauscht sie diese intimen Vertraulichkeiten, von denen ihr Ehemann besser nicht wissen sollte? Chiara stellt fest, dass Ben Engel erst 23 Jahre alt ist, doch da ist es bereits zu spät. Das ungleiche Paar wird in einem Nachtclub in flagranti erwischt, ganz Deutschland kann das Foto am nächsten Morgen auf Seite Eins der Boulevard Presse bewundern. Wird Chiara in ihrer Besessenheit zu dem jungen Mann ihre Ehe und die weitere Karriere aufs Spiel setzen? "In meinem zu 100% fiktiven Roman vermische ich, mit blühender Fantasie, meine persönlichen Erfahrungen aus dem Jahr 2017." Cheryl Shepard

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Seitenzahl: 524

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Cheryl Shepard

HALBZEIT

Cheryl Shepard

HALBZEIT

Roman

HEEL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wie aufregend, dass Ihr nach meinem Buch gegriffen habt!

Es zu schreiben hat bedeutend länger gedauert, als ich dachte. Ich wollte Euch eine spannende Geschichte erzählen, die sich in manchen Stellen an mein Leben anlehnt – doch das ist so eine Sache. Erotisch, ehrlich, komisch, aber auch nachdenklich reflektierend, ernst, ja, sogar traurig sollte dieser Roman werden. Ich denke, das ist mir nach vielen Schreibstunden, noch mehr Umschreibestunden und heftigen Diskussionen mit meiner Autorinfreundin auch gelungen. Jetzt ist es an Euch, Euch eine Meinung zu bilden.

Es steckt eine Menge Leidenschaft in HALBZEIT. Ich hoffe, dass sie Euch packt.

Herzlichst,

Eure Cheryl

Für Bengel, nur du weißt, ...

wie das damals wirklich mit uns war.

HALBZEIT

HEEL Verlag GmbH

Gut Pottscheidt

53639 Königswinter

Tel.: 02223 9230-0

Fax: 02223 9230-13

[email protected]

www.heel-verlag.de

Copyright © 2024 HEEL Verlag GmbH

Nachdruck, Vervielfältigungen sowie auch auszugsweise Veröff entlichungen nur mit Zustimmung des Verlags.

Umschlaggestaltung & Satz:

Christine Mertens

Printed in Latvia

Umschlagmotiv:

Katrin Lorenz • katrin-lorenz.com

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-96664-746-5

eISBN 978-3-96664-909-4

Alle Rechte, auch die des Nachdrucks, der Wiedergabe in jeder Form und der Übersetzung in andere Sprachen, behält sich der Herausgeber vor. Es ist ohne schrift liche Genehmigung des Verlages nicht erlaubt, das Buch und Teile daraus auf fotomechanischem Weg zu vervielfältigen oder unter Verwendung elektronischer bzw. mechanischer Systeme zu speichern, systematisch auszuwerten oder zu verbreiten. Ebenso untersagt ist die Erfassung und Nutzung auf Netzwerken, inklusive Internet, oder die Verbreitung des Werkes auf Portalen wie Google Books.

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INHALT

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EPILOG

DANKSAGUNG

— 01 —

Kurzer Check, war sie im Bild? Nein, die Kamera war noch auf Jakob Fellensieker gerichtet, der von seinem letzten Film erzählte. Überzeugt und arrogant, wie man ihn in der Branche kannte. Chiara ertappte sich dabei, wie sie ihn mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen musterte. Guter Brustkorb unter dem Hemd, sie hatte einen Blick dafür. Aufgekrempelte Ärmel, Fitnessstudio- Oberarme, kaum Bauch. Ein schön geschwungener, etwas grausamer Mund, energisches Kinn. Er war laut, er war ein Angeber, doch sie würde ...

Ja, sie würde. Denn er war eindeutig ein genetisches JA. Dafür konnte sie nichts, dafür konnte er nichts, das war reine Biologie. Ein Mann, mit dem es vorstellbar war, ins Bett zu gehen. Natürlich war so ein Gedankenspiel im Falle Fellensieker ein bisschen peinlich und würde vermutlich niemals in der Realität stattfinden, nein, wirklich nicht, danke. Aber darüber nachzudenken, sollte erlaubt sein. Sie war jetzt bei seinen Beinen, die in edlen Jeans steckten, dazu gute Schuhe. Schuhe waren wichtig bei Männern, sagten eine Menge aus. Er trug dezente Sneaker. Nicht die allerteuerste Sorte, was wiederum sympathisch war. Sie stellte sich vor, wie das Teil zwischen seinen Beinen aussehen mochte. Sorry, lieber Jakob, dass geschieht bei mir ganz automatisch. Schön oder weniger schön? Die zwei Möglichkeiten gab es. Doch auch wenn sie den Umfang von Oberarmen und die Form einer Männerbrust durch Stoff hindurch mühelos abschätzen konnte; in diesem Bereich war nie gewiss, welche Variante darunter steckte. Chiara musste ihre Mundwinkel davon abhalten, sich in ein noch breiteres Lächeln zu verziehen. War das, was sie hier tat, nicht männerfeindlich? Wenn ein Mann so über Frauen reden würde, ... aber sie redete ja nicht, sie dachte nur in Bildern. In schönen Bildern. Okay, sie musste sich jetzt konzentrieren, anstatt sich um Fellensiekers bestes Teil zu kümmern. Einen Moment noch, ob Männer wussten, wenn ihr Penis eine satte 5 von 5 auf der Skala der Hässlichkeiten erreichte? Nannten sie es trotzdem ihr »bestes Teil«?

Konzentration! Ja, ja, ich lass es ja schon, dachte Chiara. Jakob ist hot, hört aber nicht auf zu reden. Seine fantastische Regiearbeit, sein Casting, sein Drehbuch, an dem er doch nur mitgeschrieben hat.

»Es war wie ein kompletter Rausch und herausgekommen ist, nun ja, nennen wir den Film ruhig eines meiner besten Werke!« Dio mio, der Kerl ist wirklich attraktiv, aber er darf auch ruhig mal zugeben, was er nicht kann. Gerade klingt es so, als habe er den Film ganz allein gedreht.

Sie sollte ihn sanft stoppen, er hatte schon vorher über alle drüber gequatscht, als er noch gar nicht dran war. Zwei Minuten gab sie ihm noch. Aber nur weil du hübsch bist, Jakob. Chiara spielte mit den Karten in ihrer Hand, schob sie vor und zurück, bis ihr der Stapel aus den Fingern rutschte und sie alles fallen ließ ... nein! Das rotgelbe Logo der Talkshow fächerte sich vor ihrem Sessel auf dem Boden auf. Mitmoderator Henning schaute vorwurfsvoll zu ihr herüber. Nicht schon wieder, schien er sagen zu wollen, wie schaffst du das immer? Unmerkliches, kaum wahrnehmbares Kopfschütteln.

Hatte er etwa recht? Ja, hatte er. Nun auch noch mitten im Live-Talk. Dreimal innerhalb von vier Wochen wurde aufgezeichnet, einmal im Monat war es live, und ausgerechnet heute passierte es wieder. Apropos einmal im Monat, was war da bei ihr los? Sie spürte die Wärme wie eine unaufhaltsame Welle in sich aufsteigen, Oberkörper, Dekolleté, Hals, Gesicht. Sogar hoch bis zu ihren Ohren, die jetzt bestimmt knallrot schimmerten wie manchmal nach dem Laufen. Gott sei Dank waren sie von ihren Haaren verdeckt. Sollten das etwa die Hitzewallungen sein, von denen alle in ihrem Alter sprachen? Ausgerechnet heute, ausgerechnet in diesem Moment? Irgendwie hatte sie gehofft, davon verschont zu bleiben.

Chiara angelte unauffällig mit dem Fuß nach den Karten, schob sie zusammen. Sie wollte sich jetzt nicht bücken, vermutlich war sie rot genug. Schweißperlen rollten unter ihren Achseln ins Nirgendwo und kitzelten dort unangenehm.

Die junge Frau im Nebensessel lächelte ihr zu. War das Mitleid in ihrem Blick? Mia Orlowski, 25, Schauspielerin, Single. Feierte gerade ihren ersten Megaerfolg in der neuen Zombieserie auf Netflix, und hatte ihre zehn Minuten Redezeit schon hinter sich. Es hatte keine Überraschungen gegeben, ihre Antworten hatten bereits vor der Sendung auf einer der Erinnerungshilfen dort am Boden gestanden. Gute Recherche, gute Vorgespräche, saubere journalistische Arbeit.

Chiara nickte zufrieden, doch wie kam sie jetzt elegant an ihre Karten? Sie brauchte nur noch die von Fellensieker, ohne sich vorzubeugen, würde sie die aber nicht erreichen. Kurze innere Kontrolle ihrer Gesichtszüge. Sie fühlten sich wieder leidlich entspannt an, hoffentlich wirkte das von außen auch so. Fellensiekers dunkle Jeans fiel ihr erneut ins Auge, wie sah es denn nun dahinter aus ... meine Güte, selbst mit zwanzig hatte sie nicht so oft an Sex gedacht wie jetzt mit fünfzig. Männer dachten viel öfter daran, wurde jedenfalls behauptet. Angeblich bis zu 34-mal am Tag. Sie stieß unhörbar die Luft aus. Das toppte sie zurzeit locker.

Du bist in einer Liveshow, Chiara, ermahnte sie sich und warf erneut einen unauffälligen Seitenblick zu Mia Orlowski, die an ihrem durchscheinend blassen Handrücken zupfte. Man sah jeden Knochen. Selbst die Skinny Jeans waren für ihre mega dünnen Beine zu weit. War sie magersüchtig? Was immer es ist, hol dir Hilfe, dachte Chiara, und nahm das Mädchen, das vom Sessel fast aufgefressen wurde, in Gedanken in den Arm. Da war es wieder, ihr mütterliches Gen, das an den passendsten und unpassendsten Stellen aufflackerte.

Chiara sah sich plötzlich in Großaufnahme auf dem Monitor, warum zeigte die Regie jetzt gerade sie? Fair war das nicht, ihr Gesicht war immer noch hochrot. Wollte jemand ihr das Leben schwer machen, sie loswerden? Chiara suchte Jakob Fellensiekers Blick, verlor sich eine Sekunde lang in seinen Augen und setzte spontan in seiner nächsten winzigen Atempause ein, um ihn endlich zu unterbrechen: »Herr Fellensieker, aber was sagen Sie denn nun zu den, den ...?«

Ihr fiel das Wort nicht mehr ein. Mensch, eben war es doch noch da gewesen, aber nun war an dieser Stelle nur noch Schwärze! Sie schielte zu den Karten vor ihren Füßen. Das Wort! Es stand dort unten auf einer der Karten, extra groß, von ihr selbst ausgedruckt. Fellensieker winkte ab, als ob er ein Insekt vor seinen Augen verscheuchen wollte, und redete weiter.

Cavolo! Chiara schluckte, ihr Hals war staubtrocken. Shit! Shit! Shit! Leidenschaftlich fluchen konnte sie nur auf Italienisch oder Englisch. Sie nahm einen Schluck Wasser. Wieso konnte sie nicht so frei reden wie Hennig? Sie brauchte die Karten immer besonders früh, um sich den Inhalt auf visuellem Weg einzuprägen. Im Sender war es schon ein Running Gag: Chiaras Cards, Chiara und ihr House of Cards ...

Wie hieß das Wort? Warum fiel es ihr nicht ein? War das auch die Schuld der Wechseljahre oder eher eine beginnende Demenz? Manchmal waren altbekannte Namen weg, manchmal wusste sie schon jetzt nach fünf Minuten nicht mehr, ob sie sich das Gesicht vor dem Spiegel eingecremt hatte, oder wie die Straße hieß, in der sie in Murnau als Kind gewohnt hatte. Steiger Gasse 54. Da war sie doch. Sogar die Hausnummer wusste sie ... und die Plagiatsvorwürfe kamen gleich hinterher. Was sagen Sie nun zu den Plagiatsvorwürfen, hatte sie fragen wollen. Irgendwer hatte beim Drehbuch dreist geklaut, nur wer von wem? Doch Fellensieker hätte sowieso weitergeredet und keine Antwort gegeben, ziemlich sicher sogar. Er bügelte ohne ein Wimpernzucken über alle Einwände hinweg, wie es nur ein sehr von sich überzeugter Mann fertigbrachte. Sie tauschte einen Blick mit Moderator Henning, ganz enttäuschter Vater, der seine Tochter maßregeln möchte. Halt doch die Hände still. Muss das denn sein?!

Die Kamera hatte sich nun an Fellensieker festgesaugt, Chiara schob sich aus ihrem Sessel, und sammelte die Karten auf. Nicht so schlimm, vielleicht machte sie noch einen Scherz über ihr Ungeschick. Und über ihre Röte, die jetzt in einer zweiten Welle aufstieg und ihr noch mehr Wärme brachte. Cazzo, so fühlte sich das also an. Sie kam grinsend wieder hoch, noch mal cazzo, die Kamera war wieder auf sie gerichtet. Danke, Regie! Wechseljahre. Pfff. Heutzutage wurde darüber immer offener gesprochen, es gab Menopausenberaterinnen, jede Menge Bücher über Achtsamkeit in dieser Lebensphase und niemand glaubte mehr, dass Frauen, die mit fünfzig noch ihre Tage hatten, keine Mayonnaise aufschlagen durften. Aber ausruhen durften sich Frauen in ihrem Alter auch nicht. Im Gegenteil, sie hatten fit zu sein, nicht taillenlos wie ein Kühlschrank, bitte ohne Rückenspeck und Winkefleisch an den Oberarmen, sollten selbstbewusst ihre Fältchen zur Schau tragen, die Haare grau werden lassen, trotzdem blendend frisch aussehen, bloß nicht müde und schlaff wirken ... und, wichtig, Sex haben wollen! Sex? Damit konnte sie wenigstens dienen. Bitte schön, sie wollte Sex. Sogar richtig oft! Aber offenbar wollte niemand richtig oft Sex mit ihr haben. Lorenz jedenfalls nicht. Höchstens einmal im Monat, wenn überhaupt. Sie sollte eine Tabelle darüber führen. Die Beischlaf-Frequenz-Tabelle. Sie liebte es, irgendwo etwas einzutragen. Sie hatte eine für ihre täglichen Laufkilometer, wie viel Bücher sie im Monat gelesen, welche Filme sie im Kino gesehen hatte. Wieso also nicht auch eine für Sex? Nur zu gerne hätte sie die jeden Tag mit einem grünen Häkchen versehen. Check.

»Danke schön, ich finde es waaahnsinnig interessant, Herr Fellensieker«, sagte Henning in diesem Moment, »dann kann ich unser Publikum nur auffordern, im Februar ins Kino zu gehen!« Die anderen Gäste und die Zuschauer klatschten wie wild, scheinbar waren auch sie erleichtert, dass der Redetornado des Regisseurs gestoppt worden war.

Chiara atmete aus. Henning Bierbaum hielt heute auch die Abspann-inklusive Dankesrede, das hatten sie beide vorher festgelegt. Ihr Kollege war kein genetisches JA. Er war ein NEIN. Kein Doppel-NEIN, nur ein Einfaches. Nicht, dass er nicht gut aussah. Doch da war etwas Störendes an seinem Kinn, irgendwie weinerlich und weich, und die Art wie seine Unterlippe sich nach vorne wölbte, spöttisch, wie bei einem Kamel. Sie lächelte dankbar zu ihm hinüber. Unküssbar und damit auch unvögelbar, hatte ihr Körper schon nach den ersten zwei Sekunden signalisiert, als sie sich vor sechs Jahren im Sender kennengelernt hatten. Nichts für ungut, lieber Henning, aber wenn die Chemie nicht stimmt, fällt Bio aus, das ist unverhandelbar! Und dabei schien er sich so unwiderstehlich zu fühlen. Sie gab ihm das Gefühl, es zu sein. Ihr Spiel hieß leider, leider bin ich glücklich verheiratet, aber sonst ..., wärst du die Nummer Eins. Sie tat sogar manchmal so, als ob sie über seine flachen Witze lachte. Dann ließ es sich für eine Weile wieder friedlich und respektvoll nebeneinander arbeiten.

»Vielen Dank auch von mir an Sie!«, platzte Chiara in Hennings Verabschiedungsworte und wusste selbst nicht, wen sie meinte. Die Gäste, das Publikum? Auch schon egal. Die Sendung war geschafft. »Danke, das war’s für heute«, tönte die Stimme der Aufnahmeleiterin durch die Lautsprecher. Das Publikum wurde freundlich aufgefordert, das Studio zügig zu verlassen.

Für Chiara hieß es: Aufstehen, Weiterplaudern, Händeschütteln, sich verabschieden. Die Tonassistentin kam, um Sender und Verkabelung von ihr abzupflücken. Die anderen gingen noch was trinken, ihre prominenten Gäste, die sich untereinander kennengelernt hatten oder die weniger prominenten, die sich bei den Produzenten und Moderatoren einschmeicheln wollten. Aber ihr war heute, nach diesem chaotischen Abend nicht danach, no grazie. Jetzt nur noch an Henning vorbei, in ihre Garderobe, Mantel und Tasche holen, und ab nach Hause.

Auf den schummrigen Gängen zwischen den Stellwänden des Studios begegnete sie ihrer Maskenbildnerin. »Was war los?«, fragte Vroni und hielt Chiara sanft am Ärmel fest, als sie sich an ihr mit einem lapidaren »ach nichts«, vobeidrücken wollte.

»Chiara?« Vronis ultrahell blondierten, raspelkurzen Haare leuchteten im Dunklen.

»Keine Ahnung, mir wurde auf einmal knallheiß, so von unten hoch, ich weiß nicht, woher das kam.« Chiara zuckte mit den Schultern. Plötzlich schossen Tränen in ihre Augen. Meine Güte, was sollte das denn? »Hat man es sehr gesehen?« Ihre Stimme war belegt.

»Ich habe es genau gesehen. Alle anderen dürften es aber nur ein bisschen gesehen haben.« Vroni hielt immer noch ihren Arm fest und klopfte mit der anderen Hand auf ihren Beutel voller Schminkutensilien, den sie umgeschnallt trug, obwohl sie längst Feierabend hatte. »Komm mit mir in die Maske, nur eine kleine Gesichtsmassage zur Entspannung, du hast zu Hause doch gleich Gäste.« Vroni merkte sich alles. »Und so willst du auch nicht auf die Straße gehen«, fuhr sie fort. »Was, wenn dich ein Fan oder ein Paparazzo da draußen abschießt? Dann bleiben deine roten Flecken und das zerlaufene Make-up an mir und meinem Berufsstand kleben ...« Sie schüttelte tadelnd ihren rasierten Kopf, doch sie lächelte.

»Wenn dich jemand abschießt«, wiederholte Chiara. »Es ist November, es ist dunkel, wer soll mir da auflauern? Außerdem hab’ ich immer noch nicht verstanden, was die davon haben ...«

Seufzend ließ sie sich vor dem Spiegel in der Maske nieder; mit geschlossenen Augen spürte sie, wie Vronis Fingerkuppen weich und doch fest über ihr Gesicht glitten und damit die Muskulatur an Stirn, Schläfen, Wangen, Kiefer und Hals auflockerten.

Als sie vor zehn Jahren von den Öffentlich-Rechtlichen zum dem bekannten Hamburger Privatsender gewechselt war, war die Presse mit einem Mal aufmerksam auf sie geworden. Und weil sie bei Leute! Leute! Promis zu ihrem Privatleben befragt hatte, war auch ihr eigenes zur Beschau freigegeben worden. Man entdeckte sie förmlich neu, und als sie sich die Haare wachsen ließ, öfter geschminkt auftrat und knallroten Lippenstift als ihr Markenzeichen für sich erfand, wurde ihre Schönheit in der Boulevard Presse plötzlich gepriesen, mit Schlagzeilen wie:

»Wo hat sich dieses Prachtstück bisher versteckt?«

»Halb-Italienerin Chiara Canzoni moderiert jetzt Deutschland!«

»Bellissima! Mit vierzig fängt das Leben erst an!«

Plötzlich war alles wichtig: Wie lebte sie, wer war ihr Ehemann, wo sie einkaufte, was sie frühstückte, ob sie Diät hielt, wo sie feierte? Anfragen gab es zuhauf, Interviewangebote von der größten Boulevardzeitung JETZT, den normalen Frauen-Blättern und der edleren Zeitschrift Gloria. Einladungen zu Sport- und Opernbällen, in andere Talkshows, sogar in Kochshows. Ausgerechnet sie! Es gab nichts, wofür sie weniger geeignet war. Bei der ersten und einzigen Teilnahme waren ihre Schalotten verbrannt gewesen, die Vinaigrette sauer (sie hatte viel zu wenig Olivenöl hinzugegeben), die Brownies nicht durch. Die Jury hatte jedoch anerkennend gelächelt. Was für eine Farce!

Ihre beachtliche Karriere als ernsthafte Journalistin war wie ausgelöscht. Nur was sie aß (vegetarisch), ob ihre Haare grau wurden (ja, wurden sie), wie oft sie denselben Mantel anzog (oft, der Bilderserie in den Gazetten zufolge) und wie ihr Privatleben sonst noch aussah (glücklich verheiratet, das behauptete sie jedenfalls), interessierte die Presse brennend.

Zurückgelehnt tastete Chiara blind nach Vronis magischen Händen. »Bitte, bitte nicht aufhören, nie wieder aufhören!« Sie spürte, wie die Maskenbildnerin ihr mit einem weichen Tuch das überschüssige Gesichtsöl vom Gesicht entfernte. »Vroni, was würde ich bloß ohne dich machen? Du bist die Beste!«

»Danke! Ich habe dich in der neuen Gloria gesehen. Schon gelesen?« Chiara stieß unter dem Kleenex die Luft durch die Nase.

»Was ist es jetzt wieder? Hat man mich bei der Wir-für-Euch-Charity mit einem Glas abgelichtet, in dem wieder nur Wasser war? Bin ich zu kontrolliert? Absolut genussfeindlich? Kann mich nicht fallen lassen wegen meiner angeblich so schlimmen Kindheit mit meinen alkoholabhängigen Eltern?«

Dass sie keinen Alkohol trank, war verdächtig. Wasser statt Champagner für die Canzoni, hatte erst letztes Jahr nach dem Hamburger Opernball in der JETZT gestanden.

Befürchtet sie einen Rückfall? Was für ein Quatsch. Nichts davon war auch nur annähernd der Fall.

»Nein, kein Wasserglas, du warst in der Rubrik wunderbar versus sonderbar. Aber natürlich in der Sparte wunderbar.«

Mit kleinen, kreisenden Bewegungen begann Vroni die neue Grundierungscreme in Chiaras Haut einzumassieren. Chiaras Gesicht kribbelte leicht, ihre Arme und Beine wurden schwer, sie verschmolz mit dem Sessel, sie wollte nicht reden, sie wollte sich nie wieder bewegen.

»Oh. Echt?«, murmelte sie mit fast geschlossenen Lippen. »Dein knallgrüner Hosenanzug, den du bei Wir-für-Euch getragen hast, sah ja auch obercool aus. Zusammen mit den gelben Sandaletten ... einfach genial.« Chiara lächelte. Auf ihren persönlichen Modestil konnte sie sich inzwischen verlassen. Wenige Stücke, fließende Stoffe, hohe Qualität und alles gut miteinander kombinierbar. Auch Kostümbildnerin Ute hatte verstanden, was Chiara vor der Kamera tragen wollte. Ihr persönlicher Fundus war in den letzten sechs Jahren ordentlich angewachsen, die Kostüme, die sie öfter als dreimal getragen hatte, durfte sie dem Sender nach Abzug eines saftigen Rabatts abkaufen.

Vroni schwieg und Chiara wappnete sich. »Und was noch? Na los, spuck die negativen Meldungen über mich aus!«

»Entspann dich«, sagte Vroni. »Das berichtet dir deine persönliche Assistentin für Klatsch und Tratsch später.« Sie begann, ihr ein ganz leichtes Make-up aufzulegen. Auch in den nächsten sechs Minuten redeten sie nicht. Chiara versuchte, an gar nichts zu denken, und beschwor eine blaue Fläche vor ihren geschlossenen Augen herauf. Nur himmelblau, sonst nichts.

Es klappte nicht. Sie sah Lorenz vor sich, der heute aus Zürich von seiner Reise wiederkommen sollte. Das Opernhaus-Orchester hatte am Tag zuvor Brahms‘ Requiem aufgeführt.

Er würde erst gegen sieben landen und sich vom Flughafen ein Taxi nach Blankenese nehmen.

Sein männliches, offenes Gesicht erschien vor ihr, das sie einfach liebte, auch wenn sie schon so daran gewöhnt war, dass sie es oft gar nicht mehr richtig anschaute. Und sie sah seinen Schwanz. Ein sehr schönes Exemplar. Gerade gewachsen. Nur zehn Prozent der Penisse weltweit waren angeblich richtig gerade. Wer solche Erhebungen wohl durchführte? Chiara grinste bei dem Wort Erhebungen und erfreute sich noch einen weiteren Moment an dem Bild des Geschlechtsteils ihres Gatten. In sich schön, vielleicht etwas zart gebaut, doch er konnte damit umgehen. Leider zu selten im Einsatz.

Wir müssen uns mal wieder in die Augen schauen, dachte sie. Oder unsere Körper betrachten. Wann habe ich seinen Körper das letzte Mal so richtig angesehen? Gefühlt, genossen? Wie damals in New York?

Das winzige Appartement in der Lower East Side blitzte vor ihr auf, und sofort erschien wieder die Rauchfahne in dem strahlend blauen Himmel, die man aus ihrem Küchenfenster hatte sehen können. Das Gefühl von diesem Tag und den folgenden Tagen im September steckte immer noch in ihr. Abrufbar wie ein Klingelton. Auch der Geruch, der tagelang über der Stadt hing, stieg ihr dann jedes Mal automatisch in die Nase und sie hörte die fernen Sirenen und in den Pausen das einsame Flattern der schwarz-gelben Absperrbänder ...

Apropos schwarz-gelb, für morgen musste die Gelbe Tonne raus, das durfte sie nicht vergessen, und die Töchter sollte sie mal wieder anrufen, vielleicht konnte sie das auf dem Weg nach Hause im Auto erledigen ... Nur aus reiner Bequemlichkeit hatte sie an diesem Morgen den Wagen genommen. Ein Fehler. Um diese Zeit war immer Stau auf der Elbchaussee.

Der Renault wartete silbern und abgeschabt in der Tiefgarage des Senders auf sie. Die Batterie war schwach, hoffentlich zickte sie gleich nicht herum. Chiaras Gedanken tingelten weiter zu einem glänzend roten Mini Cooper und jagten ihr einen ängstlichen Freudenstoß durch den Bauch. Übermorgen, am Sonntag, konnte sie ihn abholen. Wann sollte sie Lorenz erzählen, dass sie Sara den Wagen abgekauft hatte? Aber warum hatte sie eigentlich Angst davor? Sie musste ihn doch nicht um Erlaubnis fragen. 14.000 Euro. Das war geschenkt für einen so neuen Wagen, gerade mal ein Jahr alt! Das Geld lag auf ihrem Konto und nächste Woche würde sie mit dem Senderchef ihren Jahresvertrag neu verhandeln, auf Basis einer sehr, sehr hübschen Summe; außerdem durfte sie Vorschläge für neue Projekte unterbreiten, eine Tradition, wie jedes Jahr Ende November.

Ein Teil des Geldes kam auf das Hauskonto, wie sie es nannten, davon wurde das Haus instandgehalten, allgemeine Anschaffungen gemacht, Lebensmittel gekauft, die Kinder unterstützt, soweit das noch nötig war. Mit dem Rest konnte sie machen, was sie wollte - oder etwa nicht? Und der Wagen war gebraucht, also auch nachhaltig.

So eine Anschaffung bespricht man mit dem Partner, hörte sie Lorenz’ Stimme. Cavolo, er hatte ja recht. Was, wenn er plötzlich eine so horrende Summe für irgendetwas ausgeben würde ...

Und was, wenn er wüsste, dass sie Loretta und die Mädchen unterstützte? 1500 Euro im Monat, damit sie besser über die Runden kam. 1500? So viel, mischte sich Lorenz erneut ein. Na und, antwortete sie trotzig, auch das ist meine Sache. Mein Geld. Ich darf meiner Schwägerin unter die Arme greifen, bis sie einen Job gefunden hat. Geld ist genug da, und für sie und die Zwillinge gebe ich es gerne aus. Wenn mein Bruder so ein Arsch ist und sie verlässt, nur das Allernötigste zahlt und jetzt plötzlich sagt, seine fünfzehn Jahre jüngere Frau könne doch arbeiten gehen ...

»So.« Vroni riss sie aus ihren Gedanken. »Fertig!«

Chiara beugte sich in ihrem Maskenstuhl vor. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Ein glatter Teint, nichts mehr von Röte oder unschönen Flecken zu sehen. Wache Augen, und ihr Markenzeichen, der knallrote Lippenstift. Chiara erhob sich und bedankte sich mit einem angedeuteten Küsschen bei ihrer Maskenbildnerin. Sie würde ihr Blumen mitbringen. Das kam auch noch auf ihre To-do-Liste: Blumen für Vroni!

»Na los, jetzt schnell noch die bad news, Frau Assistentin für Gossip.« Während sie sprach, griff Chiara nach ihrer Tasche.

»Wie ich dich kenne, bist du während der Show schon in den Social Media Sumpf abgetaucht.«

»Chiara Canzoni heute bei ‘L! L!‘ mal wieder sehr gut vorbereitet. Wohlwollend, ruhig, freundlich, wenn nötig, aber auch kritisch. Ich liebe sie.«, las Vroni vor. »Und hier: Genial, wie fließend Frau Canzoni Italienisch und Englisch beherrscht und es schafft, locker zwischen beidem hin und her zu switchen.«

Chiara grinste. »Okay. Und die Hater?« Sie schlüpfte in den Mantel, packte Brille, Mütze und Schal zusammen.

»Ach naja, wie immer. Herbert Rahm: Die Alte lässt ihre Gäste nicht ausreden. Tom62 schreibt, du warst fahrig und irgendwie unkonzentriert.« Das stimmt sogar, Tom62. Chiara seufzte leise.

»Und hier schreibt einer mal wieder, dass du streng und besserwisserisch rüberkommst. Willst du mehr hören?«

»Klar.« Chiara presste die Lippen aufeinander. Die Farbe ihres bevorzugten Lippenstifts hieß Fire down below.

Zurzeit brennt es statt down below, mehr so inside my chest, ging ihr durch den Kopf. Auf dieses fire, das mich schwitzen und rot anlaufen lässt, kann ich verzichten.

»Wie arrogant ist das denn? Die Canzoni vergisst, ihre Ausflüge in die Fremdsprachen zu übersetzen ... Das ist doch Absicht, um uns zu zeigen, wie blöd wir sind.«

Vroni hörte nicht auf vorzulesen, und Chiara schnalzte genervt mit der Zunge. Meine Güte, musste sie denn jedes okay, thank you so much, übersetzen? War das Neid auf ihr italienisches Elternhaus und die englische Schule, auf die sie sich gebettelt hatte? Das Schulgeld war hoch gewesen, und Papa hatte sie schon verlassen. Der Arsch! Er hatte es den Brüdern vorgemacht, war davongerannt, ohne sich umzudrehen ... Mama war dagegen, aber als Oma Käthe dann einen Teil von ihrer Rente beisteuerte, hatte sie nichts mehr einzuwenden. Soll ich mich deswegen bei dir bedanken, Mama, und bei dir anrufen? Wenn sie daran dachte, bildete sich ein Knoten in ihrem Magen. Nein, lieber nicht. Nicht heute.

»Der Bierbaum ist okay, die Canzoni unterirdisch!« Vroni wischte immer noch auf ihrem Handy herum. »Können wir da mal frische Ware hereinbekommen? Die Canzoni ist doch schon gefühlte 100 Jahre dabei!«

Chiara sah sich im Spiegel an und fuhr sich mit der Hand durch die dunklen Locken. Warum zog sie sich das überhaupt noch rein? Wieder blieben viele Haare zwischen ihren Fingern hängen. Normal bei Hormonveränderungen. Nach den Schwangerschaften war das auch immer so gewesen. Sie warf das Büschel in den Mülleimer und straffte die Schultern. »Hey, aber gar nichts über mein Aussehen, oder?«

»Habe ich nur noch nicht erwähnt.« Vroni warf ihr einen bedeutsamen Blick zu.

»Fuck. Dann tu’s jetzt!«

»Ist Chiara Canzoni nicht zu alt? Heute sah man es deutlich, die ist auch nicht mehr so schlank wie früher! Und dann noch:Alter, die Frau ist 50, was denkst du?«

Chiara merkte, wie sie langsam zusammensackte und ihre Finger sich verkrampften, doch Vroni las weiter. »Studiolicht verrät alles, diese knallrote Gesichtsfarbe und echt schon Falten. Hier noch ein Idiot: Warum hat die sich noch nicht liften lassen?«

»Das reicht.« Chiara richtete sich wieder auf.

»Okay, ich werde dir den Mist nie mehr vorlesen, du verwandelst dich jedes Mal in eine ungegossene Primel! Sorry, du weißt, wie ich das meine!« Vroni lächelte sie im Spiegel an, und Chiara zwang ihre Mundwinkel ebenfalls nach oben. Es gelang ihr nur mäßig.

»Du bist jetzt 50, wie ich auch. Na und? Wir sind eben alt.« Chiara wollte protestieren, unterließ es aber.

»Also noch nicht wirklich alt«, fuhr Vroni fort, »aber im Gegensatz zu mir weiden die Leute sich bei dir an jedem sichtbaren Krähenfüßchen. Lass diesen Scheiß nicht an dich ran! Schon Romy Schneider ist nach Frankreich gegangen, weil die Leute sich hier in Deutschland nur kurz freuen, wenn du Erfolg hast, danach wollen sie dich am Boden sehen. Is’ so!« Vroni verehrte Romy Schneider und verglich Chiara manchmal mit der großartigen Schauspielerin.

Danke, Vroni, aber nein, weit über meiner Liga. Chiara zuckte mit den Schultern. »Ja klar, die Leute denken, sie kennen dich, und sei es aus der mittleren B-Klasse. Also hacken sie auf einem herum. Ich habe mich nur immer noch nicht dran gewöhnt!«

»Du bist doch nicht nur mittlere Promi-B-Klasse, also komm!« Vroni ordnete lachend ihre Pinsel. Egal. Chiara winkte ab. »Ich hätte lieber noch einen weiteren Grimme Preis für eine Reportage bekommen, über Mobbing oder Umweltschutz, etwas Wichtiges eben!«

»Gäste interviewen ist auch wichtig!«

Danke, Vroni. Chiara winkte ab. »Stattdessen muss ich über die erste graue Strähne in meinem Haar lesen, meine neue Lesebrille und jedes Outfit auf dem Hamburger Opernball. Na gut, bekannt sein öffnet auch Türen, aber meistens nervt es.«

Sie konnte sich aus dem Sender schleichen, ohne noch auf jemanden zu treffen, mit dem sie reden musste. Auch das Auto sprang an. Das wurde ja immer besser, nach dem verkorksten Abend. Chiara machte sich auf den Weg, raus aus dem Stadtzentrum, nach Blankenese. Sie freute sich auf ihr Haus, diese warme, sichere Schutzburg! Ihre Augen wurden feucht. Danke, liebe Hormone, jetzt weine ich schon, wenn ich nur an mein Haus denke.

Als sie damals nach dem 11. September 2001 aus den USA zurück nach Deutschland gegangen waren, die neugeborene Valerie im Gepäck, hatten sie in Lorenz’ Elternhaus nur Station machen wollen, bis sie etwas Eigenes gefunden hätten. Sie zogen mit drei Koffern in die großzügige, mit Reet gedeckte Villa am Pappelweg ein, und nicht mehr wieder aus, denn nur eine Woche später starb Lorenz’ Vater Wilhelm an einem Herzinfarkt und hinterließ eine untröstliche Margot.

Na toll, Chiara ließ die Träne an ihrer Wange hinunterlaufen, wischte sie nicht weg. Dann weine ich jetzt eben.

Die Arme war wochenlang völlig aufgelöst gewesen und ihr nicht von der Seite gewichen. Sie hatte noch nie so lange mit jemandem Händchen gehalten, wie mit dieser Frau. Auch nicht mit Lorenz, mit dem sie das Stadium recht schnell übersprungen und dann nur noch gevögelt hatte. Tagelang, bis sich eine Blasenentzündung einstellte. Die erste von vielen.

Chiara betrachtete die schnelle Bildfolge von Lorenz über sich, hinter ihr, unter sich und von der Matratze auf dem Boden ihres Zimmers in der Hamburger WG, während sie den Blinker setzte und auf die Allee einbog. Ich möchte mal wieder Händchen halten, dachte sie. Mit einem Mann, und es soll sich gut anfühlen! Warum dachte sie dabei eigentlich nicht an Lorenz, warum war er kein Kandidat mehr dafür?

Cazzo, wie sie gesagt hatte: Stau. Sie schlug mit der Hand auf das Lenkrad, gleichzeitig surrte ihr Handy auf dem Beifahrersitz. »Mein Mann!«, verkündete das Display. Im Radio quatschten sie über die Kunst der täglichen Selbstoptimierung, sie schaltete es aus und die Freisprechanlage ein. »Lorenz!«

»Tut mir leid, Liebes, ich bin noch in Zürich, habe die Maschine nicht genommen!«

Liebes? Er hatte sie früher nie Liebes genannt, seit wann machte er das? »Verpasst oder extra nicht genommen?«

»Na ja.« Sie wartete, schob sich langsam mit der Autoschlange weiter, stoppte wieder. Keine Antwort. Madonna mia, Lorenz!

»Die Kaiserschote kommt gleich und ich bin noch nicht zu Hause!« Ihre Stimme klang schrill, das hörte sie selbst. »Und in einer Stunde stehen deine schrecklichen Vier auf der Matte. Wenn Ansgar nicht schon früher antanzt.« Sie biss die Zähne zusammen. Ansgar war anstrengend, nur Lorenz konnte ihn bändigen. Alle seine Streicherfreunde waren anstrengend. Redeten ausschließlich über Musik und andere Musiker und natürlich Musikerinnen! Tranken währenddessen sehr viel Wein, gingen nie freiwillig, mussten jedes Mal rausgeschmissen werden.

»Ich habe hier spontan ein ganz wichtiges Treffen mit Ilja Levi gehabt, Ilja, stell dir vor, das ist wirklich eine einmalige Gelegenheit.« Chiara wusste, wer Ilja Levi war.

Der beste Klavierspieler des Planeten, sagte Lorenz immer, und das wollte etwas heißen, er war in seinen Kritiken eher sparsam mit solchen Ausdrücken. »Wir machen was zusammen, ist das nicht fantastisch?«

»Fantastisch ist, dass ich heute Abend vier Geiger zu Gast habe, mit denen ich kaum was zu reden habe.« Sie krampfte die Finger um das Lenkrad.

»Nur ein Geiger, zwei Bratschen, ein Cello.«

»Das ist mir so was von egal, im Moment! Ich hatte heute meine Live-Sendung, und bin so kaputt, ich würde mich am liebsten ganz spontan ins Bett packen.«

»Das schaffst du schon, stell nur zwei Flaschen Rotwein und keinen Absacker auf den Tisch, wird es eben ein kurzes Essen.«

»Das ist jetzt nicht dein Ernst!«

»Schaust du gleich nochmal nach Mama?«, fragte ihr Ehemann durchs Telefon.

»Natürlich. Sie wird an ihrem Computer hocken und ihre Zeitungen lesen, was hat sie eigentlich alles abonniert?«

»Jede Menge, und dann stöhnt sie immer über ihr volles Mail Postfach.« Chiara hörte Lorenz leise lachen. Er war gerade so himmelweit weg von ihr, die Schweiz hätte auch Japan sein können.

»Ich gehe gleich noch mal hoch zu ihr.«

»Ich liebe dich.«

»Ich hasse dich, und das meine ich so!« Sie legte auf.

»Na super!«, murmelte sie. »Du lädst deine Kollegen ein und ich habe den Stress!« Das Catering war für kurz vor sieben bestellt. Vegane Frühlingsrollen, danach der Hauptgang, was genau, hatte sie vergessen und ein leichtes Dessert. Das wurde knapp!

Es war dunkel, es war schon den ganzen Tag kaum hell geworden und dazu feuchtkalt, jetzt fing es auch noch an zu nieseln. Chiara trommelte leicht auf das Lenkrad und sah den leise quietschenden Scheibenwischern zu, die die Unschärfe des Nieselregens immer wieder in ein klares Bild voll roter Rückleuchten verwandelten. Fuck! Und im Radio ging es jetzt um rationale Selbstkontrolle, sie schaltete es wieder aus. Noch zwanzig Minuten Fahrtzeit lagen bis zu Hause vor ihr, bis zu Schwiegermutter Margot.

»Ich liebe sie, mehr als meine eigene Mutter«, sagte sie leise, »ist das erlaubt?« Sie reckte sich und grinste sich im Rückspiegel zu. »Ich glaube schon!« Schnell überprüfte sie dabei noch ihren Lippenstift. Fire down below Sie warf sich einen flüchtigen Kuss zu. Schön wär’s.

Pappelweg. Chiara bog in die kleine Straße ein, suchte im Fach zwischen den Sitzen nach der Fernbedienung, das Tor öffnete sich, sie fuhr bis vor die geschlossene Garage, in der Lorenz’ Saab stand. Ein Oldtimer, der dauernd ein anderes technisches Problem hatte. Zeit für ein neues Auto in der Familie, oder? Ob sie vor Lorenz behaupten sollte, nur zehntausend für den Mini Cooper bezahlen zu müssen? Das würde er ihr nicht abnehmen. Warum logen Frauen ihre Männer immer an? Über Preise von Klamotten, Handtaschen, Dessous, Schuhen, selbst Strumpfhosen? Nicht nur sie, alle ihre Freundinnen taten das.

Vor der Haustür brannte ein warmes Licht, oben bei Margot schimmerte es bläulich hinter den Wohnzimmervorhängen. Der Garten lag ruhig in der Dunkelheit. Der kleine Pool war abgedeckt, die schwarzen Stängel der Staudenbeete tropften vor sich hin, am Rande der Rasenfläche gab es einen riesigen Ahornbaum. Chiara hatte das Anwesen in den letzten Jahren zugegebenermaßen etwas verwildern lassen, sie mochte nur eine gärtnerische Aufgabe: Trockene Pflanzenstiele kappen. Die schnitt und metzelte sie mit wahrer Leidenschaft nieder, bis sie Blasen an den Händen bekam. In diesem Jahr hatte Lorenz, der ihr diese Beschäftigung verboten hatte, auf einen Gärtner bestanden. Bei Raureif wirken die Stängel ganz entzückend, hatte er behauptet. Dann haben Sie auch im Winter etwas zu schauen.

»Verboten. Und dass in meinem eigenen Garten«, murmelte sie und schloss die Tür auf.

Chiara schnupperte. Normalerweise roch es hier unten im Flur immer nach Margots gutbürgerlichen Mahlzeiten, mit denen die beiden Enkelinnen Valerie und Marlene aufgewachsen waren. Was für schöne Jahre, Chiara lächelte bei den Erinnerungen, wir waren ein gutes Team und haben unsere Familiengeschichte ungewöhnlich und frei von den gängigen Klischees geschrieben. Alle lieben sich und Schwiegermutter ist die Beste? Völlig unrealistisch, selbst in einem Rosamunde-Pilcher-Roman ...

Sie ließ ihre große Handtasche fallen, zog die Schuhe aus und warf Mütze, Schal und Mantel nacheinander im hohen Bogen auf die Garderobenhaken. Und traf sogar. Später würde sie der alten Dame etwas vom Catering hochbringen. Was würde sie jetzt für ein heißes Bad und eine Stunde auf dem Sofa geben.

Es klingelte. Shit, war das etwa schon das Catering? Chiara sah auf den krisseligen Schirm der Überwachungskamera und öffnete durch einen Knopfdruck das Tor. Der Wagen rollte die erleuchtete Auffahrt hinauf, der Catering Typ sprang aus dem Wagen, nickte ihr zu und öffnete die beiden Hecktüren. Ein hübscher Kerl, superjung, ein genetisches JA, ohne Frage. Ein genetisches JA war Mann, oder eben nicht, egal wie alt ... sie ging vor und machte Licht in der Küche.

Der Junge schaute sich mit bewunderndem Blick um, ja, die alten Fliesen an der Wand, die Kochinsel und der protzige Gasherd waren toll, dazu das knallig hellblaue Linoleum. Danke. Sie hatte dennoch keine Lust, hier heute Abend zu stehen; nicht einmal, um in der Mikrowelle erhitztes Essen auf angewärmte Teller zu verteilen. Sie musste nur daran denken, die Kartons zu verstecken.

»Ich hasse dich, Lorenz!«, sagte sie wieder. Um dem Satz die Schärfe zu nehmen, lächelte sie den jungen Catering Fahrer an.

»Ich spreche nur von meinem Mann.« Schulterzuckend drückte sie ihm einen Zehner in die Hand und ließ ihn hinaus.

Im Schein der gusseisernen Laternen quetschte sich ein Fahrradfahrer ungeduldig zwischen Lieferwagen und den Gitterstäben des Tores hindurch.

Ansgar mit Anorak und Geigenkasten auf dem Rücken. Na prima. Der war mal wieder eine gute Stunde zu früh.

»Grüß’ di!«, rief er ihr zu. Chiara hätte die Haustür am liebsten direkt vor ihm zugemacht. Er kam aus einem oberbayrischen Kaff, direkt neben ihrem, und war der festen Überzeugung, dass sie aufgrund dieses geografischen Zufalls seine Vertraute und beste Freundin sei.

»Hallo, Sie?«, hörte sie hinter sich und fuhr herum.

»Können Sie mir helfen? Was ist das für ein Ding hier?«

Die geliebte Schwiegermutter stand auf dem Treppenabsatz und starrte auf die Fernbedienung in ihrer Hand. Oben war sie wie immer vorbildlich mit Bluse, Wolljäckchen, Ansteckbrosche, gekleidet, doch sie trug weder Hose noch Rock, nur blaue Kniestrümpfe und immerhin eine ihrer Baumwollunterhosen.

»Margot!«

»Ja? Ich wollte duschen, aber hier kommt kein Wasser raus.« Chiara senkte einen Moment den Kopf. Eine neue Hitzewelle machte sich dazu bereit, ihren Oberkörper zu durchfluten, und sie konnte nichts dagegen tun. Warum war dies eigentlich kein Film, sondern ihr Leben? Und wer hatte sie dazu verdonnert, darin mitzuspielen?

— 02 —

»Mein Gott, was für ein Schreck!« Lorenz warf die Tür des Taxis zu und kam die Auffahrt hoch. »Aber Mama muss höchstwahrscheinlich nicht operiert werden«, rief er ihr statt einer Begrüßung entgegen, bevor er seine Tasche fallen ließ und sie vor der Haustür umarmte. »Das hat diese Frau Doktor, Doktor ...«

»Reiser«, ergänzte Chiara knapp und löste sich rasch wieder von ihm.

»Genau, hat Frau Doktor Reiser zumindest gesagt. Die Blutung hat aufgehört, die Schwellungen gehen gerade von allein zurück, die Langzeitfolgen seien allerdings noch nicht abzusehen.«

»Das war auch der Stand der Dinge, als ich vor zwei Stunde gegangen bin. Deine Mutter hat geschlafen.« Chiara gähnte und trat zurück in den Eingang. »Komm rein!«

»Warst du gestern Nacht noch lange da?«

»Ich habe dir doch noch die Nachricht geschickt!« Sie versuchte hinter ihn zu spähen. Vielleicht verbarg sich in der Stofftüte über seiner Schulter ja doch noch ein Blumenstrauß? Ein kleiner?

»Ach, ja. Gegen halb zwei?«

Richtig. 1.32 Uhr! Und keine Blumen. Chiara versuchte Stirn und Kiefer zu entspannen, gar nicht so einfach, wenn man bereits mit den Zähnen knirschte. Cavolo! Und er sah nicht die Spur schuldig aus. »Da saßen die schrecklichen Vier immer noch an unserem Esszimmertisch.«

»Ansgar hat mir geschrieben, dass er und die anderen sich große Sorgen gemacht haben, aber sie hätten dir geholfen und das Haus gehütet. Moralische Unterstützung und so.« Lorenz hängte seinen Mantel ordentlich auf einen Bügel.

Chiara lachte auf. Es klang nicht nett. Sollte es auch nicht. »Während sie darauf gewartet haben, moralische Unterstützung leisten zu dürfen, haben sie deinen Weinkeller um einige Flaschen erleichtert. Ansgar wollte mich trösten, als ich nach Hause kam, hat aber vergessen, mich wieder loszulassen.«

»Na ja, der ist eben emotional!«

Chiara schüttelte sich. »Emotional? Der war total betrunken, fing dann an, mir Küsschen auf den Hals zu geben, bis ich ihn schließlich mit aller Kraft von mir wegdrücken musste.«

»Den darfst du nicht ernst nehmen!«

»Micha verpasste ihm daraufhin eine.«

»Davon hat er mir gar nichts erzählt. Ein ausgezeichneter Cellist übrigens, der Micha!«

Chiara verdrehte die Augen. »Dein Cellist hat ihn voll an der Nase erwischt, es floss Blut, Lorenz«

»Oh, das tut mir leid. Aber wenigstens außen und nicht in irgendwelchen Gehirnarealen.«

»Ich habe den halben Verbandskasten im Bad geplündert, Frantek hat währenddessen in die Toilette gekotzt, leider war der Deckel noch hinuntergeklappt ... Ich bin zwar aufgesprungen, aber zu spät.« Sie erschauerte bei dem Gedanken daran. Die eigene Kotze und die von den eigenen Kindern wegzuwischen, ging gerade noch. Fremde Kotze war mit das Schlimmste. »So sah mein Abend nach der Notaufnahme aus!«

Doch Lorenz war schon auf dem Weg in die Küche. Chiara folgte ihm und sah ihm dabei zu, wie er zum Kühlschrank ging, sich ein Glas Weißwein eingoss und sich dann an den Küchentisch setzte. Sie spürte ihren Herzschlag in der Kehle wummern, ein untrügliches Zeichen für einen Wutausbruch.

»Und jetzt trinkst du einfach Wein?«

»Ja?« Er sah erstaunt zu ihr hoch. »Was soll ich sonst trinken? Was ist denn los? Mama geht es gut, du hast dich wunderbar um alles gekümmert ...« Er lehnte sich zurück.

»Genau«, schrie Chiara. »Ich habe mich um alles gekümmert, und weißt du was, Blumen wären schön gewesen, nach so einem Abend, an dem du einfach nicht erscheinst!«

»Dass Mama eine Gehirnblutung haben würde, konnte ich doch nicht ahnen!« Seine Lautstärke stand der ihren in nichts nach. Er drehte an seinem Weinglas herum, räusperte sich dann und fuhr leiser fort: »Ich habe ihr einen Strauß ins Krankenhaus gebracht. Aber du hättest natürlich auch einen bekommen müssen, du hast recht.«

Chiara sah ihn kopfschüttelnd an und verschränkte die Arme vor der Brust. »Klar, kann man mal vergessen. Wäre auch eine echte Überraschung gewesen, wenn nicht.«

Das war gemein, Lorenz brachte ihr ab und an, auch ohne besonderen Grund, Blumen mit. Doch sie wollte gemein sein.

»Kannst du dich wirklich beschweren, Chiara?« Lorenz zerrte am Kragen seines Pullovers. »Ich vergesse wenig Sachen. Ich mache den kompletten Wochenendeinkauf, wenn wir zusammen keine Zeit finden, ich miete uns jedes Jahr die schönsten Häuser in der Normandie oder in den Dolomiten, du dagegen würdest garantiert vergessen, dich pünktlich darum zu kümmern.«

»Das Haus in Ortisei ist immer dasselbe. Unsere Freunde sind immer dieselben. Entweder sind es Susanne und Marcel oder Kikki und Balou. Wir essen am ersten Abend in der Pizzeria Saskia, du nimmst die Pizza Diavolo, Kikki ist müde, Balou vermisst den Hund, und so weiter; es ist alles immer dasselbe!« Und ohne Begleitung fahren wir erst gar nicht, dachte sie. Weil wir Angst haben, mit uns allein zu sein.

»Aber das ist doch auch schön, verdammt! Nun sei doch mal ein bisschen dankbar.«

Chiara stieß nur verächtlich die Luft aus der Nase.

»Diesmal sind die Mädchen endlich mal wieder mit dabei. Wäre auch ein Grund, sich zu freuen, oder etwa nicht?«

»Doch. Aber ich habe das Gefühl, ich stecke fest.« Es klang kläglich, und das ärgerte sie. »In meinem Leben gibt es keine Überraschungen mehr«, platzte sie hervor, ohne groß zu überlegen. »Und deswegen ...« Sie brach den Satz ab. War das der Moment, ihrem Mann den Kauf des Mini Coopers zu gestehen?

Sie presste die Lippen zusammen.

»Ach so, es geht hier nicht um Blumen oder nicht, es geht eigentlich um dein Leben und die fehlenden Überraschungen.«

Lorenz’ Stimme wurde wieder deutlich schärfer. »Auch beim Sex, oder wie?«

»Wie kommst du denn jetzt auf Sex?« Chiara fühlte sich ertappt, obwohl sie nicht wusste, warum.

»Na ja. Auch ein beträchtlicher Teil des Lebens«, antwortete Lorenz, ohne sie anzuschauen. Er trank sein Glas aus und schenkte sich sofort nach.

»Irgendwie ist es mühsam geworden.« Chiara trat ans Fenster und blickte hinaus in den dunklen Garten. »Will ich, willst du nicht, und umgekehrt.«

Lorenz hatte anscheinend nicht vor, zu antworten. Warum fragt er nach, wenn er dann nichts zum Gespräch beiträgt? Chiara holte tief Luft. »Und wenn, dann machen wir es immer nur ...«

»... am Sonntagmorgen?«

Immer nur auf die eine Art, hatte sie sagen wollen. Doch nun verließ sie der Mut. Jetzt, nach all den Jahren plötzlich damit herauszurücken, du, ich will nicht mehr auf der Seite liegen und nur auf die Wand starren, ich will dir in die Augen schauen, war auch seltsam. Sie drehte sich um, nahm die halb volle Flasche vom Tisch und stellte sie zurück in den Kühlschrank. Dabei war die seitliche Position die einzige, in der sie kommen konnte, mit seiner Hilfe. Oder sollte sie eher sagen, trotz seiner Hilfe? Wenn er sich keine Mühe gab oder zu früh aufhörte, wenn er mit seinem Finger eine winzige Idee zu weit rechts oder links, oben oder unten war (die Klitoris war ja nun auch ein recht kapriziöses, leicht launisches, aber anspruchsvolles Organ) konnte sie immer noch ihre eigenen Finger benutzen. Er wartete immer, bis sie fertig war, immerhin, die Höflichkeit besaß er.

»Nun setz dich doch mal«, sagte Lorenz. »Wir haben eben gerade unterschiedliche Prioritäten, jeder hat seinen anspruchsvollen Job, hat Stress, und dann jetzt das mit meiner Mutter.« Er nahm einen tiefen Schluck.

»Ich finde, du trinkst zu viel. Davon nimmt die Anspannung auch nicht ab.« Chiara blieb stehen und sah auf ihn hinab.

»Kannst du nicht mal bisschen locker sein?« Er versuchte ihre Hand zu ergreifen. Sie machte einen Schritt zurück.

»An mir liegt es nicht, in der Schweiz war ich nicht angespannt.« »Aha, das bist du also nur noch zu Hause, oder wie?«

»Nein, aber hör doch mal zu, die Sache mit Ilja wird wahrscheinlich richtig gut ...«

»Ilja hier und überall, sorry, aber ich kann den Namen bald nicht mehr hören!« Lorenz schwieg eine beleidigte Runde. Chiara ging zum Kühlschrank, stellte die Flasche wieder vor ihn hin. »Hier. Trink weiter!«

»Mensch Chiara, jetzt hör doch auf! Ich mag es nicht, wenn du sauer bist und ich daran Schuld haben soll.«

»Dann benimm dich!«, sagte Chiara und marschierte hinauf ins Schlafzimmer. Versöhnungssex? Fand bei ihnen längst nicht mehr statt. Auch an diesem Abend nicht.

Doch natürlich begleitete sie Lorenz in ihrem Renault am nächsten Morgen ins Krankenhaus und verbrachte den halben Tag an Margots Bett. Lorenz hielt es nicht für nötig, mit ihr zu sprechen, er war überhaupt seltsam abwesend, hatte nicht einmal nachgefragt, warum sie unbedingt den Renault hatte nehmen wollen.

Also fuhr sie mit um das Lenkrad geballten Fäusten allein zu Sara, ließ den alten Franzosen dort stehen und kam mit dem Mini Cooper zurück, um Lorenz abzuholen. Einfach so, ohne Vorankündigung. Beinahe eine Art Rache. Nein, ganz bestimmt eine Art Rache. Und wie nicht anders zu erwarten, rastete Lorenz aus!

Er erinnerte sie dann immer an Louis de Funès. Während er schimpfte, warf er den Kopf zurück, schlug sich mit den Fäusten an die Stirn, »du bist ja wahnsinnig!« Er weigerte sich einzusteigen und lief zweihundert Meter tobend und gestikulierend neben ihr her, bevor er sich endlich dazu herabließ, im Wagen Platz zu nehmen.

»Es ist herrlich, wie erfrischend Sie immer über ihre Ehe reden, Frau Canzoni!« Eine knappe Woche später gab Chiara der Bunten Welt der Frau ein Telefoninterview.

»Danke.« Ich erzähle Ihnen nur das, was Sie über mich schreiben sollen. Beschwer dich nicht, dachte sie, stell dir vor, niemand würde noch etwas über dich wissen wollen, wäre nach all den Jahren doch auch seltsam, oder?

Chiara lächelte in ihr Handy, doch irgendwo in ihrem Brustkorb sammelten sich die Tränen. Man hört sofort, wenn du schlecht drauf bist, Ma. Ein Spruch von Marlene. Ihre jüngere Tochter war so sensibel, sie merkte alles und fragte hartnäckig nach, vor der musste sie sich in Acht nehmen. Kinder sind keine Klagemauer, hatte Chiara mal irgendwo gelesen, und seitdem versuchte sie, sich daran zu halten. So hatte sie Valerie und Marlene nur das Nötigste von letzter Woche erzählt, nichts über ihren Stress bei Leute! Leute!, das verpatzte Essen ganz weggelassen und nur wenige Details von Oma Margots Gehirnblutung, die für die vorrübergehend geistige Verwirrung der alten Dame gesorgt hatte. Sie teilte nur die gute Nachricht: Nach zwei Tagen unter Beobachtung im Krankenhaus war Margot wieder klar und schien ganz die Alte.

Chiara holte tief Luft. Wann hatte sie sich jemals so zusammenreißen müssen? Die Tränen standen kurz davor, ihre Stimme zu attackieren. Wie war noch mal die letzte Frage gewesen? Wie ihre Ehe lief? Sie räusperte sich: »Ach, wissen Sie, nach dreiundzwanzig Ehejahren und mit zwei fast schon erwachsenen Töchtern, die in den USA studieren, ist die Vertrautheit einfach sehr groß. Mein Mann ist oft im Ausland unterwegs, auch ich habe viel zu tun, umso schöner ist es, wenn wir hier in Hamburg wieder aufeinandertreffen und uns alles erzählen.«

»Sie erzählen sich alles?!« Die Stimme der Redakteurin war nasal und dumpf, und nun kicherte sie kehlig durchs Telefon. Es klang, als würde sie gleich ersticken.

»Ja«, behauptete Chiara. »Ja, das tun wir, nur so berührt eine Beziehung doch erst die tieferen Schichten, in die man miteinander gelangen möchte, oder?« Sie schaute auf die Uhr. Hatte sie noch Zeit, oben ins Schlafzimmer zu gehen, um zu masturbieren? Ja, eine Viertelstunde sollte reichen. Sie durfte nicht vergessen, die Tür abzuschließen, höchst unschön, wenn Margot hereinplatzte, und sie mit halb heruntergeschobener Hose auf der Tagesdecke liegend überraschte.

Margot störte sie nie, doch nach dem Vorfall mit der Gehirnblutung musste man bei ihr auf alles gefasst sein.

Gut, sie würde sich ein bisschen ihrer piciocca widmen, diesen Ausdruck für das weibliche Geschlechtsteil hatte ihr Vater ihr beigebracht. Der prüde Sizilianer, immerhin. Natürlich hieß es, dass sie sie in der Öffentlichkeit nicht herzeigen, geschweige denn anfassen durfte, doch das Wort war so schön, dass sie es auch bei ihren Töchtern benutzt hatte, als diese klein waren. »Pietschokka« klang süß und niedlich, aber irgendwie auch kraftvoll.

Erst Jahre später hörte sie von Tommaso, dass es dieses Wort im Sizilianischen gar nicht gab. Ihr Vater habe es sich ausgedacht, das war wohl weniger peinlich für ihn. Chiara hatte laut auflachen müssen. Manchmal hatte sie la piciocca sogar in Italien benutzt und niemand hatte widersprochen oder nachgefragt ... was um Himmelswillen sie damit meinte.

Bei der Erinnerung daran lächelte sie. Erst um drei Uhr musste sie zu der Vertragsverhandlung im Studio sein. Ein bisschen Hingabe an ihre piciocca würde sie ausgeglichen und zufrieden machen, und mehr Power hatte sie nach einem Orgasmus auch ... »Wie bitte?«

»Wie Ihr Mann so ist, hatte ich gefragt? Haben Sie drei Adjektive für mich?« Tja, wie ist er so? Da muss ich nicht lange überlegen, um ihn zurzeit zu beschreiben, dachte Chiara. Egoistisch, zerstreut, übervorsichtig mit Geld, um nicht zu sagen geizig. Doch hier ging es darum, welche Version ihres Mannes sie den Leserinnen von Bunte Welt der Frau präsentieren wollte. Schnell hatte sie einige positiv besetzte Adjektive für ihn parat, die trotz allem Ärger, gelegentlichen Überdrusses und Langeweile auch auf ihren Mann zutrafen. Sie mochte ihn, sie schätzte ihn, hatte mit ihm vor endlosen Jahren in langen Gesprächen tatsächlich die tieferen Schichten, in die man miteinander gelangen möchte, erreicht, fand ihn heute aber gleichzeitig unerträglich, wenn er zu viel und zu oft Alkohol trank, wenn er nur über Musik redete, wenn er sie nicht mehr richtig ansah. Das war normal und in einer langen Beziehung wohl zu erwarten, hatte aber kaum mehr mit Liebe zu tun.

War das alles? Die klassische, jammernde Frage aus der zweiten Lebenshälfte.

»Als ehemaliger Violinist ist er eher introvertiert und belesen, zu wahren Begeisterungstürmen lässt er sich nur hinreißen, wenn er als Kulturjournalist etwas über Klassik schreiben kann. Aber er ist auch intelligent, zuverlässig, sensibel.« Es waren sogar mehr als drei Adjektive, sollte die verschnupfte Redakteurin sich doch die besten heraussuchen.

Seine Schwächen, fragen Sie? Die Redakteurin hatte nicht gefragt, dennoch antwortet Chiara ihr im Geiste. Zu viel Wein, zu wenig flexibel in allen Lebenslagen ... belehrend, egoistisch, und ... ja, ich höre schon auf. Aber genau diese Schwächen zu übersehen, habe ich immer als meinen heimlichen, größten Liebesbeweis empfunden, verstehen Sie? Ich weiß nur nicht, ob ich das weiterhin kann.

»Dann danke ich Ihnen für das Gespräch«, unterbrach die Redakteurin ihre Gedanken.

Chiara erinnerte sie noch einmal daran, ihr den Artikel vorher zum Gegenlesen zu schicken. »Das machen wir eigentlich nicht«, druckste die Verschnupfte herum. »Also vielleicht«

»Aber ich akzeptiere nichts anderes«, sagte Chiara lächelnd. Man konnte ein falsches Lächeln am Telefon nicht von einem echten unterscheiden. »Das wissen Sie und Ihre Redaktion doch!« Sie würde gleich noch einmal nach Margot schauen und dann ins Schlafzimmer gehen. Jetzt lächelte sie aufrichtig.

Als Chiara das Gebäude des Senders betrat, war sie bestens gelaunt. Margot war oben im zweiten Stock mit der Zubereitung ihres Hühnerfrikassees beschäftigt gewesen, als sie nach ihr sah, und war völlig normal durch ihre Küche geschuffelt, als ob sie nicht vor zehn Tagen noch in Unterhosen mit Hilfe der Fernbedienung hatte duschen wollen. Chiara hatte ihr einen Kuss auf die faltig, pudrigzarte Wange gegeben, und beteuert, später unbedingt von dem Frikassee probieren zu müssen. Danach hatte sie sich beruhigt zurückziehen können, hatte sich entspannt auf ihr Ehebett gelegt und ihre derzeitige Lieblingsfantasie hervorgeholt. Ein Zaun spielte darin eine Rolle, an den sie gedrückt wurde, und ein voller Bus, in dem ein Unbekannter seine Erektion an ihr rieb und ihr seine Hand ungefragt in die Hose steckte, seine raue Hand, die dann zu ihrer wurde. Diese Männer, von denen sie sich in ihren Fantasien begrapschen ließ, waren gut aussehend, natürlich, doch sie hatten kein richtiges Gesicht. Sie waren einfach nur geil auf sie und zeigten das auf herrlich rohe und rücksichtslose Weise.

Im Besprechungsraum wartete Theodor Fritjof Brömstrup, seit zwölf Jahren der Leiter des Senders. Am langen Konferenztisch standen mindestens fünfzehn Stühle, alle leer.

»Chiara! Wie schön!« Er sprang auf und kam ihr entgegen. Untypisch für ihn, der ist doch Hamburger, dachte Chiara, doch sie schüttelte ihm ebenso eifrig seine Hand. Glatze, hellblaue Augen, beinah unsichtbares Brillchen, dazu ein weißer Piratenbart, oh ja, ein absolut genetisches ... NEIN, keine Frage.

Obwohl sie selbst langsam grau wurde, war weißes Haupthaar oder ein weißer Bart nicht sexy, keiner ihrer groben, sie hart vögelnden Lover war weißhaarig, keiner riss ihr die Jeans herunter und tauchte mit derartig angegilbter Gesichtsbehaarung zwischen ihre Beine ... sorry, Theodor Fritjof. Sie räusperte sich und verkniff sich ein Grinsen, das war hier nicht entscheidend, sondern Brömstrups Wohlwollen für sie und ihre Arbeit.

Chiara setzte sich, bestellte bei seinem Assistenten einen Espresso, sie tauschten sich über das schmuddelige Hamburger Novemberwetter aus und plauderten über die letzte Sendung. Es war warm, doch nicht zu warm, keine Hitzewellen, es war ruhig, niemand störte sie und Chiara war froh, das petrolfarbene Kleid mit dem geheimnisvollen Ausschnitt und die samtigen Wildlederstiefel zu tragen. Es passte hervorragend zu ihren dunklen Haaren und den olivgrünen Augen. Auch sonst war sie gut vorbereitet, die Liste der Gäste, die sie ziemlich sicher für die nächsten Sendungen engagieren konnte, war hochkarätig. Thomas Fritjof Brömstrup wusste das sicherlich zu schätzen.

»Wir bekommen Günther Hein und Rebecca Kalweit, wir planen eine Sendung über Bodyshaming, etwas sehr Spannendes über die offene Ehe, eine über Transgender Kinder.« Sie ließ weitere Namen fallen und präsentierte weitere Themen, unter denen die Talkrunden zusammengefasst werden konnten.

»Henning ist da übrigens ganz meiner Meinung. Wir arbeiten Hand in Hand.«

Das war mehr als beschönigend. Henning war ein fauler Sack, er ging gern mal früher, hatte kaum Überstunden angehäuft, war oft krank, oder aber seine Kinder hatten angeblich Brechdurchfall. Chiara arbeitete für ihn mit und deckte ihn jetzt, gern geschehen, Kollege.

»In welcher Reihenfolge wir die Themen aufgreifen, werden wir im Januar festlegen«, sagte Chiara, doch sie sah, wie Brömstrups Blick aus dem Fenster schweifte und an der Kirchturmspitze von St. Petri hängen blieb. Was gab es da zu sehen?

»Zusammen festlegen«, sagte sie lauter. Immerhin wandte er ihr jetzt wieder seinen Kopf zu.

»Schön, schön«, murmelte er. Den Tonfall kannte sie von Lorenz. An welcher Stelle hatte sie den Senderchef verloren?

»Du bist jetzt schon lange bei uns, Chiara, und mittlerweile eine der Wenigen, denen wir Jahr für Jahr wieder einen neuen Vertrag anbieten.«

»Ist das ein Problem?« Chiara lächelte ihn an und versuchte, nicht auf seine Lippen zu schauen, die fleischig rot und nass, irgendwie unanständig zwischen den weißen Barthaaren leuchteten.

»Du weißt, meine sonstige journalistische Arbeit ist mir immer wichtig geblieben«, sagte sie und ärgerte sich über ihre leise Stimme. »Und deswegen ...«, setzte sie an und wurde lauter.

»Das ist richtig«, unterbrach er sie. »Deine Freiheit wurde durch uns als Sender nie eingeschränkt.«

»Und dafür bin ich sehr dankbar«, sagte sie, doch ihr Magen zog sich plötzlich zusammen und versteinerte, denn sie ahnte, was jetzt kommen würde. Sie hatte während der letzten Jahre immer weniger an anderen Projekten gearbeitet, ihre Kontakte zu Magazinen, zum Radio oder anderen Fernsehformaten nicht gepflegt, sie waren verkümmert und kaum mehr vorhanden. Wo würde sie anfangen, wenn er ihr jetzt sagte, dass ...

»Vielleicht solltest du dich wieder mehr auf diese Freiheit besinnen.« Diesmal betonte er das Wort, als ob er nicht daran glaubte, dass es so etwas überhaupt gab.

»Ja, mag sein. Aber wie gesagt, wir haben demnächst tolle Gäste, Günther Hein und Rebecca Kalweit ...« Die Wärme schoss in ihren Brustkorb überflutete Hals und Wangen, und war das da etwa Schweiß auf ihrer Oberlippe? Sie tupfte unauffällig mit dem seitlichen Zeigefinger darüber, möglichst ohne ihren Lippenstift zu verschmieren.

»Chiara, ich sag‘, wie es ist, du hast noch die drei Sendungen im Dezember bei uns, danach bist du wieder frei für deine eigenen Projekte.«

Danach bist du wieder frei für deine eigenen Projekte ... Das heißt doch, danach bist du raus! Du bist einfach raus!

Auf dem Weg über die langen Flure des Senders bis hinunter in die Tiefgarage hallte ihr dieser Satz, den Brömstrup nie gesagt hatte, in den Ohren. Sie war raus. Nur noch im Dezember hatte sie einen Job, sie sah sich in ihrem gemütlichen Wohnzimmer den Weihnachtsbaum mit Strohsternen schmücken, schon zu diesem Zeitpunkt würde sie arbeitslos sein. Weil man sie im Sender nicht mehr haben wollte! Ihr war schlecht, sie würde nie wieder etwas essen können.

Was läuft da gegen dich, fragte sie sich immer wieder, als sie in ihrem teuren roten Mini Cooper saß und einfach nicht losfahren konnte. Das schicke kleine Auto ... es roch neu, selbst nach einem Jahr noch. Sara wartete darauf, dass sie es bezahlte.

Sie rief Vroni an, nicht etwa Henning. Den doch nicht. Vroni wusste mehr als alle Angestellten im Sender zusammen.

»War es vielleicht die junge Journalistin, deren Einstellung du abgelehnt hast?«, fragte die Maskenbildnerin sofort.

»Entschuldigung, ich habe sie nicht abgelehnt. Man hat mich nach meiner Meinung über Mascha Maria Funke gefragt, nur intern, nur Stimmungsbarometer ohne irgendwelche Konsequenzen oder Einflüsse ...«

»Aber positiv war dein Urteil nicht.«

»Natürlich nicht. Sie ist doch keine Journalistin. Sie ist Influencerin, die Selfies von sich macht, aber vor einer Studiokamera hat sie keinerlei Erfahrung.«

»Könnte also sein, oder?«

»Ich weiß gar nichts mehr, Vroni!«

»Mascha Maria Funke ist seit ein paar Tagen nun auch offiziell mit Brömstrup liiert, sie hat den Job bekommen, auf den sie sich beworben hat, wusstest du das nicht?«

»Was?« Chiara schlug sich an die Stirn. War das eine Falle gewesen, sie zu befragen? Diese Mascha scharrte bestimmt schon mit den Hufen, um ihren Platz zu bekommen. »Ich wusste nicht, dass wir jetzt in der Primetime unsere Sendungen von Kindern moderieren lassen. Die ist doch höchstens dreiundzwanzig. Und Brömstrup? Ich fasse es nicht.«

»52, im April geworden, Sternzeichen Stier.«

»Alter Sack, junges Mädchen, die klassische Nummer.« Chiara stieß die Luft aus.

»Naja, man soll ja nicht judgen, ich sage nur, wer’s braucht ...« Vronis Stimme wurde plötzlich eine Spur gleichgültig. Das ist einfach für sie, dachte Chiara, sie hat ja noch ihren Job. Doch sie wollte nicht ungerecht sein. »Danke für deine Hilfe Vroni.« Sie legte auf. Sie durfte das mit den Blumen nicht vergessen. Es dauerte noch eine ganze Weile, bis sie die Kraft hatte, loszufahren.

Lorenz war ausnahmsweise zu Hause. Er umarmte sie flüchtig, merkte also nicht, dass sie schwitzte und ihre Beine völlig zittrig waren, sodass sie sich zum Stiefelausziehen erst einmal neben die Garderobe auf den Hocker setzen musste.

»Um sieben fahren wir los«, sagte er.

Auf ihren erstaunten Blick hin, fuhr er fort: »Das Dinner mit Klassik in Eppendorf, weißt du doch. Margot kommt auch mit, ich glaube, das ist ok, sie fühlt sich doch wieder so gut. Deine Karte habe ich.«

»Ich komme nicht mit.«

Erst jetzt sah er sie richtig an. »Oh.«

Ja, oh. Sie winkte ab, wandte sich um, ging langsam die mit Teppich ausgelegten alten Holzstufen hoch und wartete auf den einen Satz, und da war er schon, prallte in ihren Rücken. »Moment, was ist los? Du warst doch ... nein, haben die deinen Vertrag etwa nicht verlängert?«

Fuck. Manchmal war er echt schnell.

Sie drehte sich um. »Richtig. Haben sie nicht.«

»Meine Güte, ist das dein Ernst? Warum denn nicht?« Er ging einen Schritt auf die Treppe zu, kam sogar noch zu ihr hochgestiegen.

»Keine Ahnung. Ich soll mich auf meine Freiheit besinnen, sagte Brömstrup.«

»Was für ein dummer Spruch, typisch festangestellter Sender-Sesselfurzer.« Lorenz schüttelte empört den Kopf und Chiara liebte ihn dafür, aber nur bis zu seinem nächsten Satz: »Und draußen steht dieses völlig unnötige, teure Spielzeugauto in der Auffahrt.« Im Nu war er die Stufen wieder hinuntergesprungen.