Heiße Phase - Fabian Hardenberg - E-Book

Heiße Phase E-Book

Fabian Hardenberg

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Beschreibung

In diesem spannenden Wirtschaftsroman gibt Fabian Hardenberg tiefe Einblicke in die Welt der Unternehmensberatungen. Der Autor kennt im Detail, worüber er schreibt: Er ist selbst Consultant in einem international renommierten Unternehmen.

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Hardenberg, Fabian

Heiße Phase

Ein Insider-Roman aus der Welt der Unternehmensberatung

www.campus.de

Impressum

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Copyright © 2002. Campus Verlag GmbH

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E-Book ISBN: 978-3-593-40257-4

|7|Prolog

|8|»Ich habe kein Geständnis abzulegen. Nur damit das klar ist.«

Der Anwalt lächelte. Sätze dieser Art hatte er schon ziemlich oft gehört.

»Ich habe auch nichts zu verbergen. Ich ... Ich fühle mich nur bedroht, das ist alles.«

»Das habe ich schon verstanden, Herr ...«, der Anwalt sah noch einmal auf die Visitenkarte, »Herr Klosters. Erklären Sie mir doch bitte noch einmal, wodurch Sie sich bedroht fühlen.«

Sein Klient saß ihm gegenüber auf der anderen Seite des massiven alten Schreibtischs in einem großen, dick gepolsterten Lehnsessel. Seine früheren Kollegen hatten über seine Mobiliarwahl den Kopf geschüttelt, als er sich vor einem halben Jahr mit einer eigenen Kanzlei selbstständig gemacht hatte, aber er hatte gewusst, was er tat. Der Klient sollte sich sicher fühlen, wenn er ihm gegenüber saß. Sicher und geborgen.

Klosters, das musste man zugeben, wirkte trotz allem ziemlich nervös. Eigentlich strahlte seine massige Gestalt in dem dunklen Anzug, dem gestreiften Hemd und der gedeckten Krawatte eine beeindruckende Souveränität aus. Aber nur solange er selber sprach. Wenn er zuhören musste, rutschte er auf dem überdimensionalen Sessel hin und her. Und schaute immer wieder auf seine Uhr. Gehetzt wirkte er. Auch bedroht? Jetzt zuckte Klosters mit den Achseln.

»Zuerst waren es die Zeitungsausschnitte«, sagte er. »Alle in meiner Post, ohne Absender. Berichte über Großmann, Meyer & Cie., aus dem Winter vor drei Jahren.«

Der Anwalt sah ihn fragend an.

»Das war eine Privatbank, die damals zu unseren Kunden gehörte. Sie war in einen ... nun ja, einen Skandal verwickelt. Über den haben die Zeitungen damals intensiv berichtet. Glücklicherweise, ohne die Verbindung zu uns näher zu beleuchten.«

»Das wäre negativ für Sie gewesen, in die Schlagzeilen zu kommen.«

|9|Klosters nickte. »Kann man so sagen.« Er fuhr über die Taschen seines Jacketts und holte ein flaches Lederetui heraus. »Stört es Sie, wenn ich ein Zigarillo rauche?«, fragte er und steckte es sich schon in den Mund.

»Nein, bitte«, sagte der Anwalt und schob einen Aschenbecher zu seinem Klienten. Er sah, wie Klosters Hand zitterte, als er das Zigarillo anzündete.

»Publicity ist grundsätzlich eine zweischneidige Sache für uns, wissen Sie. Unsere Kunden erwarten schließlich Diskretion. Und natürlich Seriosität. Mit einem Skandal in Verbindung gebracht zu werden ist so ziemlich das Schlimmste, was einem passieren kann.«

Der Anwalt nickte wieder und sah noch einmal auf die Visitenkarte. »Geschäftsführer« stand da in schlichten Blockbuchstaben unter dem Namen, und dann, in derselben schlichten, aber edlen Schrift: »Top Management Consulting«. Darunter klein eine der teuersten Adressen, die Frankfurt zu bieten hat. Ein Studienfreund, der inzwischen bei einer Top-Wirtschaftskanzlei arbeitete, hatte ihm Michael Klosters vermittelt. »Kümmere dich mal um den«, hatte er am Telefon gesagt. »Er ist Unternehmensberater. Hat noch höhere Stundensätze als wir. Zur Zeit ist er aber ziemlich durch den Wind. Ich kenne ihn von früher, und er hat mich neulich abends zuhause angerufen. Hat mir gesagt, er werde erpresst. Da habe ich gleich an dich gedacht.« Erpressung fiel ins Strafrecht. Sein Gebiet. Darauf sahen die feinen Wirtschaftsanwälte abschätzig herab. Immerhin, so hatte er einen neuen Klienten gewonnen. Nur – wo war der Fall? Von Erpressung konnte er weit und breit noch nichts erkennen.

»Wenn Sie in diesen Artikeln nicht erwähnt werden, warum fühlen Sie sich dann bedroht?«

Klosters blies den blauen Rauch in den Raum. »Es hat uns damals viel Mühen gekostet, aus der Presse herausgehalten zu werden. Mich ganz besonders, denn ich war verantwortlich für den Kunden. Und wenn mir jetzt jemand jeden Tag einen Artikel von damals zuschickt, dann spielt er genau darauf an.«

»Also kein Absender auf den Briefen?«

Klosters schüttelte den Kopf. »Aber ich weiß, von wem sie kommen.«

Der Anwalt sah ihn erstaunt an. »Ach so. Und wer ist es?«

Statt zu antworten griff Klosters in sein Jackett. Dann legte er eine Diskette auf den Tisch. »Das ist gestern gekommen«, sagte er.

|10|»Was ist da drauf?«, fragte der Anwalt.

»Ein ... ein Bericht, so könnte man es nennen. Oder ein Roman, wie Sie wollen. Es liest sich jedenfalls wie einer. Aber die Ereignisse haben wirklich so statt gefunden. Na ja ... so ziemlich jedenfalls.«

»Und wer hat das geschrieben?«

Klosters zog heftig an seinem Zigarillo. »Ein Autor wird nirgendwo genannt. Aber es kann eigentlich nur Sebastian Ritter sein. Er ist die Hauptfigur in diesem Bericht, und aus seiner Sicht wird fast alles geschildert.«

»Und diesen Ritter kennen Sie?«

Klosters nickte. »Er war mein Projektleiter bei der Bank. Bis zu dem Skandal. Dann ist er verschwunden.«

»Verschwunden?«

»Er ist ins Ausland gegangen. Nach Asien oder so. Keine Ahnung. Ich habe seitdem keinen Kontakt mehr mit ihm.«

Der Anwalt kratzte sich an der Wange. »Und jetzt vermuten Sie, dass er mit diesem ... Bericht wieder Kontakt zu Ihnen aufnehmen will?«

»Schon möglich, ja.«

»Warum ist das bedrohlich für Sie?«

Klosters schnippte das Zigarillo in den Aschenbecher. »Sebastian war ein brillanter Berater. Durch den Skandal hat er seinen Job verloren. Womöglich noch mehr als das. Der Skandal war erst der Anfang.«

»Und das Ende?«

Klosters fuhr sich durch sein spärliches Haar.

»Es war eine beschissene Geschichte. Wir haben damals einen Deal gemacht, unter der Bedingung, dass er den Mund hielt.«

»Das hat er aber auch getan?«

»Schon. Aber wie sich jetzt zeigt, hat er dafür alles aufgeschrieben.«

Der Anwalt schüttelte unwillig den Kopf. »Also, ganz ehrlich, Herr Klosters, ich begreife herzlich wenig von alledem, was Sie da erzählen. Warum fangen Sie nicht einfach einmal ganz von vorne an?« Klosters betrachtete ihn skeptisch. »Was ist denn bei Ihnen ganz vorne?«

Der Anwalt faltete die Hände und lächelte. »Hören Sie, Herr Klosters, die ganze Sache hier hat relativ wenig Sinn, wenn Sie kein Vertrauen haben.«

Klosters brummte unwillig. »So war das nicht gemeint ...«

|11|»Also gut.« Der Anwalt schlug seine Mappe auf und nahm seinen Füllfederhalter in die Hand. »Dann erzählen Sie mir bitte, was Sie für eine Rolle in dem Skandal gespielt haben.«

Klosters rieb sich an der Nase. »Wissen Sie was? Ich glaube, am besten ist, Sie lesen erst einmal, was auf dieser Diskette ist.«

Der Anwalt runzelte die Stirn. »Wie viel ist das denn?«

»Ich weiß nicht. Ich hab es nicht ausgedruckt. 350 Seiten, schätze ich.«

»So viel?«

»Na ja, es ist jetzt Freitag Nachmittag, übers Wochenende sollte das zu schaffen sein. Ich habe das ganze Ding gestern Abend gelesen.« »Also gut ... Und wann wollen wir uns dann wieder sehen?«

Der Berater griff in sein Jackett und holte einen Palm hervor. »Montag, acht Uhr«, sagte er. »Später geht nichts mehr.«

Der Anwalt seufzte und schrieb Klosters Namen in seinen Kalender. Dann nahm er die Diskette und sah sie skeptisch an.

»Ich hoffe, das Ding ist nicht so langweilig.«

Klosters lachte kurz. »Es geht um das Beraterleben. Ganz lebendig beschrieben. Und darum, wie der Skandal sich entwickelt hat. Nur das Ende ist reichlich abgedreht. Völlig aus der Luft gegriffen, wenn Sie mich fragen.«

»Über Ihre Rolle erfahre ich auch etwas?«, fragte der Anwalt.

Klosters Züge wurden hart. »Schon. Wie gesagt, aus der Sicht von Ritter. Aber darüber können wir dann am Montag reden.« Er stand auf und verabschiedete sich.

Der Anwalt brachte den Berater zur Tür. Als er zu seinem Schreibtisch zurück kam, sah er sich die Diskette noch einmal an. »Heiße Phase« war auf das Etikett getippt. Was für ein einfallsreicher Titel. Er hatte schon ewig keinen Roman mehr gelesen. Noch nicht mal einen Krimi. Und jetzt gleich 350 Seiten. Du lieber Gott. Das war ja schlimmer als Aktenstudium. Und es bedeutete, er konnte die Verabredungen am Wochenende absagen. Ein Alptraum.

Er schob die Diskette in den Computer und rief die erste Datei auf. Dann begann er zu lesen.

|13|

|15|Montag, 18. November

|16|05:14 Uhr

Sebastian Ritter stand im Teamraum am Fenster und sah auf die Frankfurter Bankentürme. Die Sonne schien, und die Glasoberflächen strahlten, die Farben changierten zwischen kühlem Blau und wärmeren Silbertönen, die harten Linien zeigten steil nach oben. Beeindruckend war diese Architektur. Manchmal vielleicht auch bedrohlich.

Sebastian drehte sich um, und da sah er Natalie. Sie kam langsam auf ihn zu und lächelte – jenes zarte, beinahe nur angedeutete Lächeln, das ihn verfolgte seit ihrer ersten Nacht. Er öffnete die Arme, aber gerade, als er sie berühren wollte, wich sie zurück, aufgeschreckt von etwas, das er nicht bemerkt hatte.

Ein Mann stand mit einem Mal vor ihm, griff nach Natalie, riss sie weg von ihm, stieß sie in die andere Ecke des Teamraums. Dann ging er auf Sebastian zu. Der wich zurück, aber der Mann kam immer näher, bis Sebastian mit dem Rücken gegen das Fenster stieß. Unten war der Parkplatz der Bank, und der Wagen von Dr. Schweizer, dem allmächtigen Sprecher der Geschäftsführung, musste jeden Moment um die Ecke biegen. Das Gesicht des Mannes war so nah, dass Sebastian seinen Atem spürte.

So schnell ändert sich das Spiel, sagte der Mann. Und das gerade am Schluss der heißen Phase, wo es darauf ankommt. Dumm, nicht? Jetzt haben Sie verloren, Ritter. Ich mache jetzt das Fenster auf, und Sie steigen da auf den Sims. Und dann werde ich zählen, rückwärts, von zehn bis null. Und wenn Sie bei null nicht gesprungen sind, dann muss ich leider etwas nachhelfen.

Er riss das Fenster auf. Sebastian wehrte sich, aber er wurde hochgeschoben. Zehn, hörte er die Stimme des Mannes. Neun. Der Wagen Schweizers fuhr unter ihm auf den Parkplatz. Acht. Die Wände schwankten. Sieben. Da krähte ein Hahn.

Sebastian schreckte hoch und drückte auf den Wecker. »Good Morning« schallte es ihm entgegen. Mein Gott, dachte er. Was für ein Traum. |17|Jetzt verfolgte ihn diese Bank schon bis in den Schlaf. Es wurden sogar gleich Mordgeschichten daraus. Und was für welche. Wer war bloß dieser Mann? Er konnte sich an kein Gesicht erinnern, auch die Stimme war ihm fremd. Er schüttelte den Kopf. Merkwürdig. Gut, dass es in Wirklichkeit anders zuging. Heute Nachmittag war die Abschlusspräsentation seines Projekts, damit war die heiße Phase vorbei, und danach würde die Welt schon wieder anders aussehen. Die Bankenchefs mussten nur die Ergebnisse akzeptieren, dann war das Anschlussprojekt so gut wie verkauft.

Sebastian schlurfte ins Badezimmer. Zwanzig nach fünf ... Was für eine Uhrzeit. Und das an einem Montag. Mühsam zielte er ins Klobecken, geschüttelt von einem neuen Gähnanfall. Warum nur hatte er sich ausgerechnet für diesen Job entschieden? Hatte er sich je entschieden? Irgendwann hatte er sich beworben, war durch neun Interviews gestolpert, und dann hatten sie ihm wirklich ein Angebot geschickt. Ein Angebot von Top Management Consulting. Für Außenstehende klang der Name nichts sagend. Insider wussten, was sich dahinter verbarg.

Er stieg in die Dusche und drehte den Hahn auf. Das eiskalte Wasser prasselte auf ihn nieder. Erst die Füße, dann die Oberschenkel, am Bauch wurde es kritisch, das Gesicht und schließlich der Nacken ... Immerhin, die Lebensgeister kehrten langsam wieder. Dann der schlagartige Wechsel auf heiß. Als Student hatte er nie vor neun ein Auge aufbekommen, aber von seinem ersten Arbeitstag an wurde das anders. Unternehmensberater müssen reisen, und geschäftlich verreist man früh am Morgen. Anfangs glaubt man noch, dass es besser wird, wenn man erst befördert ist und selbst mehr bestimmen kann ... Und außerdem gewöhnt man sich ja daran. Sebastian wurde befördert, immer in der schnellstmöglichen Zeit, bestimmen konnte er mehr und mehr, aber kaum seine Flugzeiten. Und daran gewöhnen konnte er sich auch nicht. Jedenfalls nicht in diesem Moment, in dem die Wärme der Nacht überging in den kalten Morgen. Selbst wenn am Tag ein kritisches Meeting nach dem anderen auf ihn wartete, der Moment des Aufwachens war die größte Herausforderung.

Sebastian stellte die Dusche ab, griff nach dem Handtuch und rubbelte sich kräftig ab. Man durfte nicht nachlassen in den morgendlichen Anstrengungen, sonst verkrochen sich die Lebensgeister wieder. Und man durfte nicht zu lange in den Spiegel schauen um diese Uhrzeit, und |18|erst recht nicht bei diesem Licht. Sonst sah man, wie grau die Haut war, und wie dunkel die Ringe unter den schlammfarbenen Augen. Immerhin war der Haarschopf beneidenswert voll. Erfreuliche Reste eines jungenhaften Charmes ... Sah so ein zukünftiger Partner von Top Management Consulting aus? »The CEO’s First Choice?« Gut, dass die Vorstände ihn nicht um diese Uhrzeit sahen. Wenn er in ihre Büros marschierte, war er bereit. Wenn auch nicht immer ausgeschlafen, so doch wach genug, um auch harte Brocken zu beeindrucken. Er lächelte. Eigentlich war es doch schön, Berater zu sein.

Das Geräusch des Rasierapparats war verdächtig nah am nervtötenden Summen eines Zahnarztbohrers. Sebastians spärliche Bartstoppeln waren schnell erledigt. Ein kurzes, heftiges Zähnebürsten, dann folgte die gute Gesichtscreme – mit 35 musste man allmählich auf seine Haut achten – die Bodylotion, das Deo und natürlich das Aftershave für den Tag. Heute einmal ... Die Auswahl unter den fünfzehn Fläschchen fiel ihm schwer. Zwei wichtige Meetings standen an, denn vor der Präsentation um zwei musste er sich noch beim Vorstand seines neuen Kunden vorstellen. Keine leichte Aufgabe. Der Kunde war eine Finanzholding, der plötzlich die Erträge weggebrochen waren. Die Vorstände mussten um ihren Job fürchten und entwickelten ungeahnte Energien. Top Management Consulting sollte mit einem Shareholder-Value-Konzept die eingerosteten Beteiligungen zu neuen Ufern führen. Ein reizvolles Projekt, schließlich ging es um ein Thema, das heute in aller Munde war. Sebastian war zwar nicht der große Experte auf diesem Gebiet, aber seine Geschäftsführer hatten ihm keine Wahl gelassen. Top Management Consulting musste Know-how in diesem Bereich aufbauen, und er hatte nur seinen Bankenkunden und damit noch Kapazität frei. Der zuständige Partner hatte ihm versprochen, eng mit ihm zusammenzuarbeiten und ihn zu unterstützen, wenn es um Details gehen sollte. Sebastian, hatte er gesagt, dein Job ist es, den Prozess zu managen und dem Kunden Vertrauen einzuflößen. Das Fachliche kommt bei der Arbeit, das weißt du doch. Sebastian seufzte. An einem solchen Tag war ein eher zurückhaltender Duft angesagt.

Im Schlafzimmer ging er zum Schrank, um seine Kleider herauszunehmen, aber das Foto auf seinem Schreibtisch lenkte ihn ab. Es war ein Schwarzweiß-Bild, schon ziemlich zerknittert, nicht gerade von einem begnadeten Fotografen aufgenommen. Auf ihm war ein Mädchen zu |19|sehen, das mit verwuschelten blonden Haaren, einem ausgeleierten T-Shirt und verwaschenen Jeans auf einer Treppe saß, den Blick sehnsüchtig in der Ferne verloren, um den Mund die leichte Andeutung eines Lächelns. Natalie ... Sebastian lächelte versonnen zurück. Dann klappte er das Buch zu. Gestern Nachmittag hatte sie hier neben ihm gesessen, seinen Nachttisch durchwühlt, über den merkwürdigen Wecker gelacht. Und in der nächsten Nacht träumte er schon von ihr. Wenn das nicht mehr versprach ... Sechs Uhr. Verdammt. Der Flieger ging in einer Stunde. Er musste sich beeilen.

Er sprang schnell in T-Shirt und Boxershorts und griff nach seinem Hemd. Sebastian Ritter war überzeugt, sich nicht viel Luxus zu leisten, aber er gab gerne zu, dass seine Hemden dazugehörten. Sie waren alle maßgeschneidert, mit Kent-Kragen und Umlegemanschetten, vorzugsweise gestreift, niemals weiß – nur Sachbearbeiter trugen weiße Hemden. Na gut, auch einige Banker, aber die waren langweilig. Schwarze Kniestrümpfe – nichts war ekelhafter als weiße, behaarte Haut, die plötzlich vorlugte, wenn man die Beine mal etwas lässiger hielt am Sitzungstisch. Dann nichts wie hinein in den Maßanzug – eine neuere Errungenschaft, denn bis zur letzten Beförderung waren Sebastian die Preise noch immer zu hoch gewesen. Und natürlich schlichte, aber elegante Schuhe – vorzugsweise aus New York (immer ein gutes Mitbringsel von internationalen Firmenmeetings), aber London tat es auch.

6 Uhr 03. Er trödelte einfach zu sehr herum. Schnell griff er nach seiner Lieblingskrawatte: blaues Paisley-Muster auf rotem Grund, ein wenig verspielt, aber nicht zu aufdringlich. Er band sie sich um den Hals und begutachtete sich noch einmal im Spiegel. Ein Einstecktuch fürs Jackett? Vielleicht etwas zu dandyhaft für ein Vorstandsgespräch. Nein, er blieb so, wie er da stand. 6 Uhr 06. Nur noch den Waschbeutel in den Kleidersack gepackt, und dann nichts wie los.

Um 6 Uhr 10 stapfte Sebastian Ritter durch den ersten Schwabinger Schneematsch im Laufschritt zu der Garage, die er einen Block weiter gemietet hatte, um der permanenten Münchener Parkplatzsorge zu entgehen. Der Kleidersack baumelte über der Schulter, der braune Aktenkoffer schwang im Rhythmus mit. An der Tiefgarage angekommen, hastete er mit großen Schritten die Treppe hinunter und stand schließlich keuchend vor seinem BMW. Er verstaute das Gepäck und stieg ein. Der |20|Bordcomputer zeigte 6 Uhr 16. Normalerweise brauchte er 25 Minuten für die 35 km zum Flughafen im Erdinger Moos. Der Flug ging um sieben. Das konnte knapp werden. Sicherheitshalber sollte er schon einmal telefonisch einchecken.

Draußen war der Matsch auf den Straßen schon wieder einigermaßen abgefahren, so dass er in bewährter Manier Gas geben konnte. Die ersten Ampeln schaffte er noch so gerade, an der dritten erwischte ihn das Rot. Zeit, die Lufthansa anzurufen.

Knapp zwei Minuten später war er eingecheckt. Ein guter Service war das. Früher hatte man noch am Schalter anstehen müssen – das kostete Zeit. Und die war kostbar. Gerade am frühen Morgen. Sebastian sah auf den Bordcomputer. 6 Uhr 21. Schnell gab er die Entfernung zum Flughafen ein. Als Ankunftszeit leuchtete 6 Uhr 49 auf. Das waren noch neun Minuten zu viel. Sebastian gab Gas.

Draußen zog das Schild »München-Nord« vorbei. Ob Natalie auch schon wach war? Bestimmt, sie musste ja zu ihrem neuen Kunden nach London fliegen. Sebastian seufzte. Es wäre ihm lieber gewesen, wenn sie auf seinem Projekt geblieben wäre, dann hätte er sie in seiner Nähe gehabt, im selben Hotel ... Wie damals, vor zwei Wochen, an dem Abend in Frankfurt, als sie mit ihm auf sein Zimmer gegangen war. Erst hatten sie noch über den Kunden gesprochen, aber dann hatte sie angefangen, mit dem obersten Knopf an ihrer Bluse zu spielen. Irgendwann war er aufgegangen und danach der nächste. Dann hatte sie die Bluse ausgezogen. Und dann ... Er schüttelte den Kopf. Die Ankunftszeit war bei 6 Uhr 44. Vier Minuten musste er noch herausholen.

Plötzlich klingelte das Handy. Sebastian schaute leicht konsterniert auf die beleuchtete Anzeige, auf der das Wort »Call« blinkte. Es war 6 Uhr 29. Eine ungewöhnliche Zeit für einen Anruf. Er drückte auf die Abnahmetaste.

»Ritter.«

»Sebastian, bist du es?«

Der Tonfall war unverkennbar. »Ja, Ludwig.« Manchmal hasste er diese Beratereigenart, dass alle in der Firma sich duzten. Ludwig Staupe war jemand, von dem er liebend gern gesiezt worden wäre. Ludwig war der zweite Consultant auf seinem Bankenprojekt – genauer gesagt, er war es seit einer Woche. Davor hatte Natalie das Kostenmodul betreut, und sie hatte auch alle Analysen für die heutige Präsentation gemacht – |21|sehr zur Zufriedenheit des Projektleiters und auch der des Partners, dafür hatte Sebastian schon gesorgt. Aber dann musste sie ja zu ihrem Traumprojekt nach London, und als Ersatz hatte Sebastian Ludwig bekommen – kein adäquater Ersatz, natürlich, aber wie denn auch. Ludwig galt als graue Ameise – fleißig, genau bis zum Pedantischen, aber wenig kreativ. Immerhin hatte er eine Banklehre und sollte sich deshalb im Alltag einer Bank auskennen. In der ersten Woche hatte er allerdings vor allem seinen Genauigkeitsfanatismus unter Beweis gestellt. Freitag Abend hatte Sebastian eine Stunde und ungefähr drei Whiskys gebraucht, um Natalie wieder zu beruhigen.

»Sebastian, ich habe da ein ziemliches Problem«, sagte Ludwig.

»So?« Draußen sauste die Ausfahrt Garching-Nord vorbei. Die Ankunftszeit war inzwischen bei 6 Uhr 41. Kein Grund mehr zur Aufregung.

»Ich habe gestern noch einmal alle Berechnungen der Soll-Personalstärke durchgesehen, und irgendwie erschienen mir die Zahlen nicht stimmig.«

»Nicht stimmig?«, Sebastian seufzte. Du lieber Gott.

»Ja, ich weiß, das klingt komisch, aber ... Ich hatte so eine Ahnung.«

»Ach ja. Und was ist nun herausgekommen?« Rechts kam gleich Eching, und danach das Neufahrner Kreuz, wo er abbiegen musste auf die Deggendorfer Autobahn. Und dann waren es noch 14 Kilometer bis zum Flughafen – 14 Kilometer, die man mühelos mit 200 nehmen konnte. Kein Problem, es bis 6 Uhr 40 zu schaffen.

»Ich weiß, es klingt ziemlich kühn, aber ich bin mir ausgesprochen sicher, dass alle unsere Personalprognosen falsch sind.«

»Falsch? Wie falsch?«

»Das ist nicht so einfach zu erklären, Sebastian ...«

»Ludwig, du hast maximal fünf Minuten, dann bin ich am Flughafen. Also, erkläre es schnell und verständlich, und sag mir vor allem, was du ändern willst.« Ändern. Die Präsentation war um 14 Uhr. Na ja, anhören musste er es sich schon.

»Also gut«, räusperte Ludwig sich am anderen Ende der Leitung. »Ich habe gestern im Büro noch einmal die Zahlen aus den Filialen durchgesehen, und dabei ist mir aufgefallen, dass die drei Ostfilialen fehlten.«

»Wie? Fehlten? Die Ostfilialen sind doch die wichtigsten.«

»Ja, genau. Deshalb habe ich auch noch einmal alles durchgesucht. |22|Natalie hat nur mit Zahlen für das gesamte Ostgebiet gearbeitet und keinen aus einzelnen Filialen. Weil es sie nicht gab, stand auf einem Blatt.«

Es war 6 Uhr 32. Es war viel zu früh für solche Diskussionen. Sebastian hatte keine Ahnung, worauf Ludwig hinauswollte. »Ja«, sagte er. »Und?«

»Die Zahlen aus den einzelnen Filialen waren da.«

Sebastian zog die Augenbrauen hoch. »Wie? Die waren da? Warum hat Natalie ...«

»Genau das verstehe ich auch nicht. Die Zahlen lagen ganz unten in dem Stapel, und Natalie hatte ziemlich viel auf den Blättern herumgemalt. Ich hab gestern auch den ganzen Tag versucht, sie zu erreichen, aber sie war nicht aufzufinden ...«

Sebastian schluckte. Natürlich nicht. Sie hatte sich schließlich unter seiner Bettdecke versteckt. Und jetzt saß sie im Flieger nach London. »Tja, Pech. Ist denn irgend etwas an den Zahlen auffällig?«

»Die Zahlen sind nicht vom Stichtag 31. 12., sondern vom 28. Das Auffallende sind dabei die hohen Kontenzugänge. Verstehst du, Sebastian, es geht nicht nur um die Zahlen vom vorigen Jahr – unsere Prognosen für den Osten sind einfach falsch. Die Neuzugänge werden nicht so stark zurückgehen, wie wir angenommen haben, ganz im Gegenteil, wenn man diese Zahlen nimmt und mit denen der vergangenen Jahre vergleicht, dann sieht man, dass es exorbitante Steigerungen sind, für den ganzen Osten. Und dann müssen wir auch die Westprognosen noch einmal überdenken ...«

Exorbitant. In der Tat, exorbitanter Blödsinn. »Ludwig, wir haben unsere Prognosen ungefähr fünfmal rauf und runter geprüft. Natalie hat gerade wegen des Ostens drei oder vier Interviews in Berlin und wo sonst noch durchgeführt. Und der Westen ist sowieso völlig separat zu betrachten. Du warst doch auch letzten Donnerstag dabei, als wir alles noch einmal besprochen haben ...«

»Aber letzten Donnerstag kannte ich diese Zahlen noch nicht. Sebastian, wir liegen falsch!«

»Ludwig, du glaubst doch nicht etwa, dass ich nur auf Basis deiner Mutmaßungen jetzt die ganze Präsentation noch einmal durch den Wolf jage? Das sind 150 Folien!«

»Es müssten nur ungefähr zehn oder zwölf geändert werden. Vor allem natürlich unsere Empfehlungen für den Osten.«

|23|Am Schluss der Präsentation schlug Top Management Consulting vor, von den drei Filialen der Bank in den Neuen Bundesländern zwei wegen nachhaltiger Unrentabilität zu schließen. Wenn es stimmte, was diese Nervensäge erzählte, war dieser Vorschlag blanker Unsinn. Aber es konnte gar nicht stimmen. »Ludwig, nur weil du aus Thüringen kommst, können wir doch nicht einfach die ganze Strategie umwerfen.« Sebastian gab noch einmal wütend Gas. Über ihm sah er das Schild mit der Aufschrift Deggendorf vorbei ziehen.

»Sebastian, das ist total unfair. Das eine hat mit dem anderen überhaupt nichts zu tun. Wenn du dir die Zeit nehmen würdest, könnte ich dir meine Argumentation genau darlegen.«

»Ludwig, ich habe diese Zeit nicht mehr. Heute ist die Präsentation, und ich bin in ein paar Minuten am Flughafen, und ...« Flughafen. Sebastian lief ein Schauer den Rücken hinunter. Er war an der Abfahrt zur Flughafen-Autobahn vorbeigefahren.

»Sebastian, wir laufen in die falsche Richtung ...« Ludwig fing wieder von vorne an. Sebastian fluchte. Bis zur nächsten Ausfahrt waren es mindestens fünfzehn Kilometer, dann dieselbe Strecke wieder zurück, dann noch vierzehn Kilometer bis zum Parkhaus am Flughafen. Jetzt war es 6 Uhr 35. Vor sieben Uhr war die Strecke kaum zu schaffen. Dann rollte sein Flieger schon zur Startbahn. Und der Termin bei seinem neuen Kunden war geplatzt. Verdammt.

»Ludwig, ich hab jetzt keine Zeit mehr. Es bleibt alles so, wie es ist. Natalie wird ihre Gründe gehabt haben. Ich werde ihr in London eine Nachricht hinterlassen, und heute Abend klären wir alles. Aber die Präsentation ziehen wir durch wie geplant.«

»Du bist der Boss, Sebastian. Aber ...«

»Genau, Ludwig. Also. Bis 14 Uhr.« Er drückte auf den roten Knopf am Telefon und trat das Gaspedal durch.

Siebzehn Minuten später sprang er im Parkhaus gegenüber von Terminal A aus dem BMW. Er schnappte sich seinen Kleidersack und den Aktenkoffer und rannte los. In der Abflughalle standen drei lange Reihen wartender Geschäftsleute an der Gespäckkontrolle. Die Digitaluhr auf der Anzeigetafel zeigte 6 Uhr 54. An seinem Flug blinkten die grünen Boarding-Lämpchen abwechselnd auf. Wenigstens war er noch angezeigt. Es gab noch Hoffnung.

|24|»Entschuldigen Sie, mein Flug geht in sechs Minuten ... könnten Sie mich bitte vorlassen?« Ein Spießrutenlaufen war gar nichts dagegen. Sebastian stellte sich taub und drängte sich durch.

»Langsam, langsam, junger Mann.« Der Kontrolleur hielt ihm sein Suchgerät unter die Nase.

»Mein Flug ...«

»Erst einmal das Ticket. Danke. Und wenn Sie bitte den Mantel ausziehen würden.«

Sebastian quälte sich aus dem Mantel und warf ihn in die Wanne. 6 Uhr 56. »Hören Sie ...«

»Umdrehen bitte.«

Sebastian seufzte. Keine Chance.

»Danke.«

Er hechtete zu seinen Sachen.

»Ist das Ihr Computer in dieser Tasche?« Die rothaarige Frau schaute ihn ausdruckslos an. Er nickte, während er sich wieder in den Mantel hineinzwängte.

»Wenn Sie den Computer bitte einschalten würden.«

6 Uhr 58. Ein Schweißtropfen floss langsam an Sebastians Wange hinunter. Er holte das Notebook heraus und drückte auf den Schalter. Das Logo erschien. »Reicht das?«

Die Frau schaute nicht einmal hoch. Erst als das Logo wieder verschwand, nickte sie, ohne ihn anzusehen. Sebastian packte wieder ein, griff nach seinen Sachen und lief los.

Er kam nur ein paar Schritte weit. Dann sah er schon die lange Schlange an Gate A 23. Er atmete einmal tief durch. Sie hatten die Passagiere noch gar nicht einsteigen lassen. Aber was, wenn sein Ticket schon vergeben war ... Sebastian drängte sich zum Schalter durch.

»Guten Morgen, Sebastian Ritter. Ich habe telefonisch eingecheckt.«

»Herr Dr. Ritter ...« Die Hostess suchte auf ihrem Pult herum. »Eben hatte ich noch Ihre Bordkarte. Wir dachten schon, Sie kommen nicht mehr ... « Sebastian hielt die Luft an. Die Hostess kramte weiter. »Komisch. Warten Sie, ich frage meine Kollegin.«

Das war überhaupt nicht komisch. Er musste pünktlich in Düsseldorf sein. Sonst war sein neues Projekt vorbei, bevor es überhaupt angefangen hatte.

Die Hostess kam wieder.

|25|»So, da ist sie. Sitzplatz 1A. Sie können auch gleich einsteigen.«

Im Flugzeug fiel Sebastian auf den Sitz. Seine Kleider klebten an ihm. Er schloss die Augen. So. Er hatte es wieder einmal geschafft. Jetzt konnte der Tag beginnen.

08:56 Uhr

Die Einfahrt zum Parkhaus war direkt vor dem roten Backsteingebäude in der Düsseldorfer Innenstadt. Sebastian fuhr mit dem Mietwagen vor die gelbe Schranke und machte sein Handy aus. Es war ihm nicht gelungen, Natalie in London zu erreichen. Immerhin hatte er eine Nachricht auf ihrer Mailbox hinterlassen. Jetzt konnte er nur noch hoffen, dass sie die auch rechtzeitig abhörte. Und dann das tat, wozu er sie geradezu angefleht hatte: zurückzurufen.

Auch wenn er Ludwig ziemlich brüsk zurechtgewiesen hatte, so recht wohl war ihm nicht gewesen, als er im Flugzeug noch einmal alles in Ruhe durchdacht hatte. Was, wenn Natalie nun doch einen Fehler gemacht hatte? Oder – was bei ihr viel wahrscheinlicher war – wenn sie vor lauter Übereifer dem Offensichtlichen misstraut hatte und über komplizierte Ableitungen zu falschen Schlüssen gekommen war? Das Problem war, Sebastian hatte wirklich keine Zeit mehr. In der Präsentation war eine klare Aussage gefordert.

Er fand schnell einen Parkplatz, stieg aus, griff nach Mantel und Aktentasche und ging zum Ausgang. Als er hinaus auf die Straße kam, nieselte es. Sebastian knöpfte den Mantel zu und sah auf die Uhr. Zwei Minuten vor neun. Immerhin, er war pünktlich.

An der Rezeption strich die Empfangsdame Sebastians Name von einer Liste.

»Das Gespräch findet im Sitzungsraum im dritten Stock statt. Es werden beide Vorstände teilnehmen.« Sie lächelte Sebastian an.

Sebastian lächelte etwas gequält zurück. Die Frau hat es gut, dachte er. Die hat ihren Job getan. Seiner würde nicht ganz so einfach werden. Er musste jetzt den allseitig erfahrenen Berater vorführen, der sich in jeder Situation zurechtfand und zugleich die Expertenfragen im Detail beantworten konnte. Und das gleich mit zwei erfahrenen Managern, die vermutlich so unter Druck waren, dass sie nur darauf warteten, ihre Spannungen |26|an dem externen Besserwisser abzulassen. Er seufzte leise. Gespräche dieser Art kannte er nur zu gut.

»Der Aufzug ist gleich da vorne links, Herr Dr. Ritter.«

»Ja«, sagte er, »danke.« Er marschierte los. Go and beat the shit out of them. Was jetzt half, war nur die Offensive. Die genaue Situation des Unternehmen erfragen, Lösungsansätze zeigen. Verständnis demonstrieren und Vertrauen aufbauen. Das hatte er schließlich gelernt.

Als er im dritten Stock ankam, war die Tür zum Sitzungssaal offen. Er ging hinein. In der Mitte war ein großer ovaler Marmortisch mit vier weißen Lederstühlen. Auf dem Tisch standen drei Tassen bereit. Neben Kaffee, Milch und Zucker die obligatorischen Plätzchen. Er stellte sein Gepäck ab und begutachtete die Plätzchen-Auswahl. Nur eine Sorte. Offensichtlich war wirklich nicht mehr viel Geld im Haus.

Sebastian kannte Karl-Heinz Klohs, den Vorstandsvorsitzenden der Rheinischen Finanzgruppe, oder kurz RFG, wie sich die Holding wenig einfallsreich nannte, nur vom Telefon, den anderen Vorstand nur vom Foto im Geschäftsbericht. Das ganze Vorfeld hatte Phil Meyer abgewickelt, der Deutschland-Chef von Top Management Consulting. Phil hatte das Analyseinstrumentarium entwickelt, das die Berater für ihre Wertberechnungen verwendeten. Heute war er noch in den USA, beim Meeting der Länderchefs. Und David, sein Adjutant und ständiger Projektleiter, hatte sich vor einer Woche beim ersten Skiausflug der Saison den Knöchel gebrochen. Vorher hatte er schon ein Beraterteam zusammengestellt, aber alle waren noch auf anderen Projekten. Der Vorstandsvorsitzende hatte leider dennoch auf dem Termin bestanden, denn ihm lief die Zeit davon. Und so war der Kelch bei Sebastian gelandet.

Er ging langsam durch den Raum. Der Blick nach draußen war genauso steril wie die Einrichtung des Sitzungssaals. Ein Hinterhof, angrenzende Wohnhäuser ... eine Komposition in Grau. Auch das Telefon auf dem Fensterbrett war grau. Er schaute sich noch einmal im Sitzungssaal um. Hinter dem Tisch stand ein Flipchart, auf dem eine unfertige Zeichnung aus einer anderen Sitzung übrig geblieben war. Zwei annähernd rechtwinklige schwarze Linien deuteten das obligatorische Koordinatensystem an, und mitten drin war eine dritte, horizontale Linie in Blau, neben die etwas Unleserliches gekritzelt war. Wenn das nun die Kapitalkosten wären, dachte Sebastian, dann ... Er schüttelte unwillig den Kopf. Was sollte das? Die Basics kannte er doch. Am |27|Wochenende war er sie mit Natalie durchgegangen, wenn auch nicht allzu lang, denn ziemlich bald hatten sie die Lust verloren und sich anderen Dingen hingegeben. Der Haut an ihrem Nacken zum Beispiel, oder der hinter ihren Ohren ... Er lächelte. Sie war so kitzlig, dass sie angefangen hatte, herumzuzappeln, und einen Moment lang ernsthaft verärgert zu sein schien, bis er dann die richtige Stelle gefunden hatte. Und dann ...

»Herr Dr. Ritter?« Der Vorstandsvorsitzende kam auf ihn zu. Er war um die fünfzig, groß, mit dem im Management üblichen Sitzbauch und einem erstaunlich großen Kopf, an dem vor allem das heftige Doppelkinn auffiel.

»Guten Morgen, Herr Klohs«, sagte Sebastian.

»Mein Kollege stößt gleich zu uns«, sagte Klohs. »Aber lassen Sie uns schon einmal anfangen. Kommen Sie, setzen Sie sich.«

Sie gingen zu dem Marmortisch. Sebastian wartete, bis der VV sich am breiten Ende des Ovals niederließ, und setzte sich dann links von ihm an das schmale Ende.

»Wie lange sind Sie jetzt bei Ihrem Unternehmen?«

»Seit sechs Jahren.«

»Und was für Projekte haben Sie betreut?«

»Strategieentwicklung selbstverständlich, Reengineering, Einführung von Controlling-Systemen. Das ist einer meiner Schwerpunkte.«

»In welchen Branchen?«

»Hauptsächlich im Bereich Finanzdienstleistungen. Aber ich habe auch mehrere Kunden in der Industrie gehabt.«

»Und in welcher Industrie?«

»Äh ... High Tech.« Das war sein erstes Projekt gewesen. Viel herausgekommen war dabei nicht, aber zum Vorzeigen reichte es.

»Haben Sie denn auch Erfahrungen in unseren Branchen?«, fragte Klohs.

Die RFG war im Maschinenbau und im Speditionswesen tätig. Eine verquere Mischung, die schon zeigte, dass hier über Jahre hinweg nach persönlichen Vorlieben zusammengekauft worden war. Sebastian kannte die Unternehmen aus den Geschäftsberichten. Und er wusste, dass seine Projekterfahrung in diesen Bereichen reichlich dünn waren. Er hätte natürlich gleich in die Offensive gehen und die Philosophie der Beratung herausstellen können: Entscheidend war die Zielorientierung, |28|die Projektmethodik, der Ideenreichtum im Team. Die Branchenkenntnisse kamen »on the job«. Aber das hätte Klohs jetzt nur irritiert. Der Kunde wollte Branchenerfahrung hören. Also musste er ihm etwas bieten.

»Mein Schwerpunkt liegt sicher nicht im Speditionswesen«, sagte er und sah Klohs in die Augen. »Mein High-Tech-Projekt war aber bei einem Prozessorenhersteller, da gibt es deutliche Berührungspunkte zum Maschinenbau. Wir haben damals den gesamten Einkauf neu organisiert.«

Sehr überzeugend war das nicht. Immerhin schwieg Klohs. Das gab Sebastian die Chance, nachzulegen. »Und dann ist da natürlich mein Team. Wir haben ausdrücklich Leute mit der Branchenerfahrung ausgesucht, die Sie einfordern. Herr Schuffelen ist von Haus aus Ingenieur, Herr Delacroix ist von Haus aus Physiker und hat nach der Dissertation Spezialmaschinen konstruiert, Frau Hansen hat mehrere Fälle in der Automobilindustrie und im Anlagenbau durchgeführt. Unsere Stärke bei Top Management Consulting ist die Teamarbeit. Schauen Sie nur in das letzte Manager Magazin – da wird wieder beschrieben, wie unser Shareholder-Value-Management eine AG völlig reformiert hat.«

Klohs schaute Sebastian nachdenklich an. Vielleicht war es doch nicht so klug, das Team herauszustellen, wenn er ganz alleine da saß. Aber das schien es nicht zu sein, was Klohs beunruhigte. »Ich habe keine Zweifel an der Arbeit von Top Management Consulting, Herr Dr. Ritter«, sagte er nach einer Weile. »Ich glaube Ihnen Ihre Teamphilosophie. Und eben deswegen ...«

Es klopfte an der Tür. Sebastian drehte sich zur Seite. Mit hektischen Schritten kam eine hagere Gestalt auf ihn zu, die ihm schon auf den Fotos im Geschäftsbericht aufgefallen war: Dr. Herbert Speer. Sebastian stand auf und schüttelte die Hand des Vorstands. Als sie sich wieder gesetzt hatten, bat Klohs Sebastian, sich noch einmal vorzustellen. Während er seine Litanei wiederholte, zündete Dr. Speer sich eine Zigarette an.

»Controlling, so«, sagte er und blies den Rauch heftig in Richtung Decke. »Mit Wertmanagement haben Sie bisher also nichts zu tun gehabt?«

»Ich bin aktives Mitglied unserer Know-how Plattform ›Shareholder Value‹, in der wir unseren Wertmanagement-Ansatz kontinuierlich weiterentwickeln«, |29|antwortete Sebastian. Die beiden brauchten ja nicht unbedingt zu wissen, dass er ungefähr einmal pro Jahr zu den Meetings ging.

Dr. Speer drückte seine halb aufgerauchte Zigarette im Aschenbecher aus. »Gut, Herr Ritter, dann kennen Sie die Theorie«, sagte er kühl. »Sie haben sie aber noch nie in die Praxis umgesetzt. Und Sie haben keinerlei Erfahrung in unseren Branchen. Und dann wollen Sie unseren Werksleitern verständlich machen, was ›Wert‹ ist?« Er wischte mit der Hand über den Tisch. »Tut mir leid, Herr Ritter, aber so jemanden wie Sie können wir hier überhaupt nicht gebrauchen.«

Er nahm sich eine neue Zigarette.

Die Spannung war im Sitzungssaal zu spüren. Der VV fixierte seine Kaffeetasse. Dr. Speer inhalierte angestrengt und schaute scheinbar teilnahmslos in den Raum. Keiner sah Sebastian an. Aber beide warteten sie darauf, wie er reagieren würde.

Sebastian breitete die Arme aus und begann. »Meine Herren, wenn Sie Zweifel haben, bin ich gerne bereit zu demonstrieren, dass ich durchaus mit den praktischen Aspekten des Wertmanagements vertraut bin. Fragen wir uns doch erst einmal: Was heißt das denn eigentlich, ›Shareholder Value‹? Wenn Sie Ihren Unternehmenswert erfolgreich steuern wollen – also steigern –, dann müssen Sie erst einmal wissen, was dieser Wert ist, will sagen: wie Sie ihn messen können. Wir müssen also Kennzahlen definieren, die wir mit ähnlichen Unternehmen vergleichen können ...«

Weiter kam er nicht. Dr. Speer schoss plötzlich nach vorne. »Wir brauchen keine Vorträge, Herr Ritter. Wir müssen handeln. Der Kurs unserer Aktie ist in den letzten drei Monaten um fast 30 Prozent gefallen. Wir haben nur einen echten Ergebnisbringer, die meisten anderen Unternehmen dümpeln vor sich hin, und unsere zwei Sorgenkinder machen zusammen mehr als 100 Millionen Verlust. Dafür muss eine alte Frau lange stricken, Herr Ritter.« Er schaute auf die Uhr. »Ich muss in spätestens fünfzehn Minuten in die nächste Sitzung. Haben Sie jetzt etwas Konkretes zu sagen oder nicht?«

Sebastian schluckte. Etwas Konkretes ... Er brauchte ein Beispiel. Sein Blick fiel auf das Flipchart. »Gut«, sagte er. »Fangen wir mit der Skizze dort drüben an.« Er ging nach vorne und nahm den roten Marker.

»Um an den Überlegungen von eben anzuknüpfen: Ein einfacher |30|Indikator des Unternehmenswertes ist die Gesamtkapitalrendite. Wenn wir hier unten die Zeitachse haben und auf der Y-Achse die Höhe dieser Gesamtkapitalrendite abgetragen ist, dann könnte diese Gerade hier«– er deutete auf die blaue Linie im Koordinatensystem – »die Höhe der Kapitalkosten anzeigen. Gut. Dann denke ich, dass sich Ihre Kapitalrendite wohl so entwickelt hat.« Er zeichnete eine Kurve, die oberhalb der Geraden begann, hin- und herschwankte und am Schluss stark abfiel. »Wenn ich Ihre Ausführungen richtig verstanden habe, Herr Dr. Speer, dann ist diese Entwicklung realistisch. Das Ergebnis, das Sie mit Ihrem Kapitaleinsatz erwirtschaftet haben, ist zuletzt deutlich unter die Kosten dieses Kapitals gerutscht, und damit hat Ihr Unternehmen natürlich insgesamt an Wert verloren. Das heißt aber, wenn Sie Ihr Geld zur Bank tragen würden, statt es in Ihre Geschäfte zu investieren, wären Sie besser dran.«

Klohs lächelte höflich. Dr. Speer blieb ungerührt.

»Der nächste wichtige Schritt ist nun, nicht nur Unternehmen für Unternehmen, sondern Geschäft für Geschäft durchzugehen und zu identifizieren, wo genau Sie Ihr Kapital gewinnbringend einsetzen und wo nicht. So können Sie herauszufinden, wo Sie überhaupt Chancen haben, Ihre Performance zu verbessern, um dort dann schnell zu handeln.«

»Zeigen Sie das doch mal an einem Beispiel«, sagte Klohs.

Klohs bewegte sich. Jetzt kam es darauf an, auch Speer über die Schwelle zu tragen.

»Ich kenne Ihre Unternehmen natürlich noch nicht so genau, aber wenn ich noch einmal auf Ihre Ausführungen zurückkommen darf, Herr Speer, dann muss bei Ihnen eine Portfoliobereinigung vorrangig sein. Ihre Sorgenkinder werden Sie natürlich nicht so einfach verkaufen können. Aber wenn Sie es durch eine Sanierung schaffen, die Ergebnissituation kurzfristig zu verbessern, findet sich vielleicht ein Wettbewerber, für den diese Unternehmen oder vielleicht auch nur einzelne Geschäfte interessant sind.«

»Wie könnte man denn aus Ihrer Sicht eine solche Sanierung angehen?«, warf Klohs ein.

»Überprüfung des Auftragseingangs, Beschränkung auf die rentablen Geschäfte, rigorose Einsparungen. Eine echte Wende gelingt aber meist nur mit dem richtigen Sanierer.«

|31|Klohs nickte. »Und was wäre Ihr Ansatz bei unseren Dümpelkandidaten?«

»Grundsätzlich erst einmal dieselbe Analysemethode: Bestimmung der Profitabilität der Einzelgeschäfte.« Sebastian spürte, wie er immer sicherer wurde. »Hier ist es dann aber noch entscheidender, schnell und vor allem rigoros zu handeln. Notfalls müssen Sie vielleicht doch ganze Unternehmen komplett abstoßen.«

Klohs Gesicht hellte sich zusehends auf. Dr. Speer verharrte in seiner Verbissenheit. Er sah nicht einmal zum Flipchart hinüber, sondern spielte mit einer weiteren Zigarette herum, ohne sie anzuzünden. Sebastian beschloss, ihn direkt anzugehen.

»Herr Speer, würden Sie mir in diesen Überlegungen folgen?«

Dr. Speer drehte sich langsam zu Sebastian um. Sein Gesichtsfarbe hatte ein ungesundes Rot angenommen. Aber er wurde nicht laut, im Gegenteil.

»Was Sie da eben von sich gegeben haben, das sind Trivialitäten«, flüsterte er. »Was glauben Sie, was wir hier den ganzen Tag machen? Um mir das kleine Einmaleins des Managements aufsagen zu lassen, zahle ich kein teures Geld.« Er zündete sich die Zigarette an. »Wenn Ihre Firma hier wirklich etwas bewirken soll, müssen Sie konkrete Hebel identifizieren. Wirksame Hebel, Herr Ritter, die das Management nicht sieht.«

»Oder nicht sehen will«, ergänzte Klohs.

Sebastian sah schnell zu Klohs hinüber. Gehörte Speer auch zu denen, die nicht sehen wollten? »Da stimmen wir völlig überein«, sagte er und lächelte. »Um konkret zu werden, ist es nur nötig, die Situation genauer zu analysieren. Zum Beispiel in einer Vorphase.«

»Ach so, Sie wollen erst drei Monate kassieren, um dann wieder mit Binsenweisheiten anzukommen?«

»Herr Kollege, so kommen wir nicht weiter.« Klohs Stimme zeigte, dass er sich entschieden hatte. »Ich denke schon, dass eine Vorphase eine sinnvolle Lösung wäre.«

Sebastian atmete tief durch. Speer war in seine Falle gelaufen. Wer sich reizen ließ, hatte verloren.

»Sagen wir, zwei Wochen, in denen Sie den Status unserer Beteiligungen aus der Perspektive Ihres Wertmanagements aufnehmen, Herr Dr. Ritter«, fuhr der VV fort. »Und wenn Sie Ihren Bericht vorgelegt haben, sprechen wir über das weitere Projekt.«

|32|Kein schlechter Vorschlag, dachte Sebastian. Nur leider kaum durchführbar. Die ersten beiden Wochen war er alleine. Und es waren elf Einzelunternehmen ... Aber ablehnen konnte er nicht.

»In Ordnung«, sagte er langsam und hoffte auf eine Eingebung. »Lassen Sie uns gleich einen Termin machen.«

Sie griffen alle nach ihren Terminkalendern. Klohs blätterte. »Ja, wie gesagt, in zwei Wochen ... also am 2. Dezember. Dieselbe Uhrzeit?«

»Da bin ich in London«, sagte Dr. Speer.

»Ach so, richtig ... Ihr Aufsichtsratstermin, Herr Speer. Dienstag und Mittwoch kann ich nicht ... Donnerstag Nachmittag, 16.00 Uhr?«

Sebastian bemühte sich, ganz langsam hoch zu schauen. »Da bin ich leider verhindert«, sagte er.

»Und Sie können Ihren Termin nicht verschieben?«

Sebastian räusperte sich. »Es ist so, dass ich da eine Verkaufspräsentation habe, die schon dreimal verschoben worden ist. Ich sehe da kaum eine Chance.«

»Ach so ...« Klohs gluckste ein wenig. »Na gut, Sie sollen ja auch Ihre Geschäfte machen. Dann am 9. Dezember? Moment ... Da bin ich ab 10.00 Uhr bei den Investmentbankern. Gut, wir hätten Zeit bis 9 Uhr 30. Sagen wir 8 Uhr?«

8 Uhr bedeutete, dass er den Flieger um 6 Uhr 10 nehmen musste. Und das hieß, um halb fünf aufzustehen. Nach einer sehr kurzen Nacht, denn die Präsentation würde garantiert erst in letzter Minute fertig werden. Sebastian sah Klohs an und lächelte voller Optimismus. »Kein Problem.«

»Gut, dann hätten wir alles geklärt. Das heißt ... Meine Sekretärin wird Sie gleich in unseren Beteiligungen ankündigen, damit Sie auch kurzfristig Termine bekommen. Schließlich haben wir ja bald Weihnachten, da dürfte das nicht immer so ganz einfach sein.« Er ging auf Sebastian zu. »Melden Sie sich bei mir, falls es irgendwelche Probleme gibt. Sie wissen, wir haben hohe Erwartungen an Ihren Bericht.« Schon im Gehen verabschiedete er sich und eilte hinaus. Dr. Speer drückte noch seine Zigarette im Aschenbecher aus. Sebastian ging auf ihn zu.

»Dann bis zum 9. Dezember, Herr Speer.«

Der Finanzvorstand schaute missmutig hoch. »Sie haben verdammt viel Chuzpe, mein Lieber«, knurrte er. »Diesmal sind Sie damit davon |33|gekommen. Aber wenn beim nächsten Mal nicht mehr kommt, lass ich Sie hochgehen wie einen Heißluftballon, verstanden?«

Sebastian blieb ungerührt. Er sah dem Vorstand in die Augen und sagte: »Sie werden sehen, dass wir unser Geld wert sind, Herr Dr. Speer.«

»Das ist das Mindeste, was ich erwarte. Also, strengen Sie sich an.« Dann griff er nach seinen Sachen und ging.

Als sie die Tür wieder geschlossen hatten, nahm sich Sebastian noch einen Keks. Leicht würde es wirklich nicht werden. Aber die erste Hürde hatte er genommen.

12:33 Uhr

»Insgesamt ist also alles auf dem richtigen Weg. Hinterlass mir einfach, wann du mich nach deiner Rückkehr sprechen willst. Morgen früh müsste ich im Frankfurter Office sein.«

Sebastian warf das Handy auf den Beifahrersitz. Er hatte Phil Meyer den fälligen Rapport auf seine Mailbox gesprochen, nicht ohne eine gewisse Euphorie. Es tat einfach gut, aus so einem schwierigen Gespräch als strahlender Sieger heraus zu kommen. Er hatte es geschafft, die beiden Vorstände zu überzeugen, und das aus einer reichlich schlechten Ausgangssituation heraus, ganz auf sich allein gestellt. Das war doch was. Gut, diesen Speer musste er in den nächsten Wochen noch etwas hätscheln, aber insgesamt ...

Und wie er das mit dem Termin hinbekommen hatte! Mit so einem einfachen kleinen Trick. Aber durchziehen musste man es halt, nicht einknicken, wenn die Rückfragen kamen. Gut. Er war einfach gut.

Vor ihm leuchteten die Warnblinklichter auf. Am Wiesbadener Kreuz war wieder einmal ein Stau. Was soll’s, dachte Sebastian, Zeit genug war ja. Er hatte alles in die Wege geleitet. Birgit Mignon, seine Sekretärin, vereinbarte jetzt die Termine mit den Chefs der einzelnen Beteiligungen der RFG. Bis morgen Mittag sollte alles stehen. Den Fragebogen für die Gespräche hatte er auch schon in Auftrag gegeben, den musste Birgit aus dem Information Service anfordern. Es war schließlich nicht das erste Mal, dass Top Management Consulting so ein Projekt machte, irgendwo würde sich schon ein passender Fragebogen finden. Viel Zeit war zwar |34|aber heiße Phasen war er ja gewohnt. Er atmete tief durch. Was für ein erfolgreicher Morgen.

Wenn da nicht dieser unselige Anruf von Ludwig gewesen wäre. Es führte natürlich zu nichts, jetzt weiter herumzugrübeln. Er musste einfach mit Natalie sprechen. Vorhin hatte er es noch einmal versucht, sie zu erreichen – wieder vergeblich. Es war schon ärgerlich.

Um 13.30 Uhr traf sich das Projektteam in der Bank, um noch einmal die Präsentation durchzusprechen. Bis dahin musste er geklärt haben, wie die Zahlenunstimmigkeiten zustande gekommen waren. Und sich entscheiden, ob er Michael von der ganzen Sache erzählen sollte.

Das Handy klingelte. Sebastian schaute auf das Display. Es war wirklich Natalies Mobilnummer.

»Natalie?«, fragte er in das Telefon.

»Sebastian. Was ist denn los?«

»Natalie, gut, dass du dich endlich meldest. Heute morgen hat mich Ludwig angerufen. Er zweifelt an unseren Prognosen für den Osten.«

Sebastian hörte, wie Natalie tief Luft holte. »Sebastian, das nimmst du doch hoffentlich nicht ernst. Wir haben die Zahlen nun wirklich x-mal hin und her geschoben ...«

»Ludwig sagt, die Zahlen wären falsch.«

»Falsch?«, schrie Natalie. »Wie kann dieser kleine Wichser so etwas behaupten!«

»Er hat Zahlen für die Ostfilialen gefunden, die du nicht verwendet hast. Und wenn man die berücksichtigt, kommen ganz andere Prognosen für die nächsten Jahre heraus. Danach könnten die Filialen doch rentabel arbeiten.«

Am anderen Ende trat eine kurze Pause ein. Sebastian hörte, wie Natalie etwas auf Englisch zu jemandem im Hintergrund sagte.

»Sebastian, kann ich dich gleich noch einmal anrufen? Mein Kunde hier will mich noch einmal sprechen ...«

Sebastian stieg das Blut ins Gesicht. Diese Frau trieb es eindeutig zu weit. »Natalie, es ist wichtig«, presste er hervor. »Wir haben gleich die Vorstandspräsentation.«

»Ich ruf ja gleich zurück. In drei Minuten.«

»Natalie ...« Aufgelegt. Sebastian schaute sein Handy an und schüttelte den Kopf.

Zehn Minuten später wurde er langsam nervös. Die Uhr im Auto |35|zeigte 12 Uhr 57, der Stau hatte sich aufgelöst, er war kurz vor Frankfurt, und kein Rückruf von Natalie. Das war nicht nur ärgerlich, das war allmählich unverschämt.

Er schaute aus dem Auto heraus auf die vorbeiziehenden Randgebiete von Frankfurt. Die ersten Bürogebäude waren zu sehen. Kuben in allen Varianten, manche mit Verspiegelungen, gerne in hellem Blau, manchmal auch in dunklerem Braun. Vielleicht waren die Spiegelwände Programm: Wer von außen zuschaute, bekam sich selber vorgeführt. Was drinnen vorging, ging keinen etwas an. Doch in manchen Häusern konnte man Schatten hinter den Fenstern erkennen, Schatten, die allerdings wie angeklebt wirkten. Keine Bewegung. Oder waren das nur Attrappen, die von den eigentlichen Vorgängen ablenken sollten?

Jemand wie Speer, dachte Sebastian, gehört sicher zu denen, die solche Attrappen aufbauten. Aber er ließ sich nicht mehr davon verwirren. Als Berater musste er herausfinden, was wirklich geschah. Und nicht nur das – das Ziel war, es zu verändern. Er sah wieder auf die Straße. Manchmal dachte er sich, früher wäre er sicher Missionar geworden. Er grinste böse. Oder Exorzist.

Plötzlich war es da, das lang ersehnte Handy-Klingeln.

»Natalie, wo zum Teufel steckst du? Ich bin gleich im Büro!«

»Ja ... Entschuldigung ... Ich bin aufgehalten worden«, flüsterte Natalie in die Muschel. »Tut mir wirklich leid, Sebastian ... Hier ist die Hölle los. Der Kunde ist nicht zufrieden mit den Teammitgliedern, und der Partner ist in völliger Panik ...«

Vertraute Töne. »Schon gut«, sagte er. »Was ist jetzt mit den Zahlen aus den Ostfilialen?«

»Ich hab da etwas zugefaxt bekommen, das stimmt schon. Aber die Zahlen waren nicht in Ordnung.«

»Wie ... nicht in Ordnung?«

»Ich habe die Summe der Einzeldaten aus den Filialen mit den Werten verglichen, die wir für den gesamten Osten hatten, und rein gar nichts stimmte überein. Die Einzeldaten waren immer viel höher. Sturm war mal wieder nicht zu erreichen, also habe ich in der Kreditabteilung herumgefragt. Und die haben mir geraten, die Zahlen bloß nicht zu verwenden. Die DV hätte bei der Codierung Mist gebaut, aber das dürfte man in der Bank nicht laut sagen.«

|36|Sebastian seufzte. Politische Rücksichtnahme wurde bei ihrem Kunden groß geschrieben. »Ah ja«, sagte er. »Und dann?«

»Nichts dann. Ich habe die Einzelzahlen weggepackt und mit den Werten für den gesamten Osten gerechnet.«

»Ach so.« Mit einem Mal wurde Sebastian klar, was Natalie da gemacht hatte. Und leider auch, was die Folgen waren. Er schluckte. »Wie bist du dann zu den Einzelberechnungen für die drei Filialen gekommen?«

»Sebastian.« Natalie stöhnte entnervt. »Ich habe doch meine Hochrechnungen mindestens zweimal im Team vorgestellt. Ich habe alle Kontoeröffnungen, alle Schließungen und so weiter auf Basis des Kontenbestands jeder Filiale geschlüsselt. Berlin hat die meisten Konten, also habe ich der Filiale auch die meisten Bearbeitungsvorgänge zugerechnet.«

Sebastian begann sich zu erinnern. Trotzdem war ihm flau im Magen. »Ja, ja«, sagte er schnell. »Das war ja so abgestimmt.« Er konnte jetzt schlecht eingestehen, dass er bei all den Diskussionen über die Schließung der Ostfilialen nicht darauf geachtet hatte, dass ihr Urteil nicht gerade auf tiefgehenden Untersuchungen basierte. Nur weil Dresden und Leipzig weniger Konten als Berlin hatte, mussten sie ja nicht unbedingt weniger Neueröffnungen haben oder was sonst noch alles an Bearbeitungen anfiel. Es lag zwar nahe, dass eine Filiale mit weniger Konten insgesamt weniger Arbeit hatte, aber man musste auch das Alter der Konten mit einbeziehen, die Art der Kunden ... All das hatten sie mit ihrer primitiven Schlüsselung außer Acht gelassen.

Er hielt an einer roten Ampel. Rechts wies ein Schild zur Hauptwache. Es war nicht mehr weit bis zum Frankfurter Büro von Top Management Consulting. Die Zeit reichte nicht mehr für lange Grübeleien.

»Das ganze Team hat meine Berechnungen abgenickt«, hörte er Natalie weiter reden. »Und nur, weil jetzt ein Neuer ankommt, der die Zusammenhänge nicht richtig durchschaut, müssen wir ja wohl nicht alles von vorne anfangen, oder?«

»Nein, du hast ja recht.« Er musste jetzt mit dem in die Präsentation gehen, was er hatte. Die Ergebnisse waren plausibel, das war das Wichtigste. Außerdem waren sie gleich im Büro, und er wollte mit Natalie noch über etwas anderes sprechen. »Geht’s dir sonst gut?«, fragte er leise.

|37|»Ein bisschen müde.« Sie lachte schon wieder. »Aber es war ein schönes Wochenende.«

Er wartete einen Moment, bevor er es sagte. »Ich habe heute Nacht von dir geträumt.«

»Ach?«, sagte sie und kicherte. »Und? Was war das für ein Traum?«

Er erzählte ihr davon, wie sie im Teamraum vor ihm gestanden hatte, wie plötzlich der unbekannte Mann aufgetaucht war und sie weggezogen hatte, wie er ihn zwingen wollte, aus dem Fenster zu springen, bis der Wecker ihn gerettet hatte.

»Mein Gott, Sebastian. Du brauchst mal Urlaub.«

Gerne, dachte er. Am besten mit dir. »Wir könnten ja zusammen einen Kurzurlaub machen«, sagte er langsam.

»Keine Chance«, sagte sie, und ihre Stimme klang mit einem Mal hart. »Ich werde die nächsten Wochen wahnsinnig viel zu tun haben. Bis Weihnachten jedenfalls.«

Schöne Aussichten. Vor ihm erschien der Wegweiser zum Parkhaus. Er überlegte krampfhaft, was er noch sagen konnte, damit das Gespräch wenigstens einen positiven Ausklang hatte, aber es wollte ihm nichts einfallen. »Ich ... Ich muss jetzt Schluss machen«, sagte er schließlich. »Wo kann ich dich denn heute Abend erreichen, falls nach der Präsentation noch Fragen sind?«

»Ich hab keine Ahnung«, antwortete Natalie. »Ruf meine Sekretärin an, die weiß mein Hotel. Also, bis dann. Und Hals- und Beinbruch für die Präsentation.« Es klickte kurz, dann war die Leitung tot. Sebastian schaltete das Handy aus.

Er fuhr in das Parkhaus, stellte den Wagen ab und stieg aus. Seufzend zog er den Mantel an und nahm den Aktenkoffer. Es waren immer dieselben Bewegungen. Nur die Stimmung änderte sich, leider.

Am Ausgang angekommen, öffnete Sebastian die Tür zum Treppenhaus – und wäre fast mit dem Mann zusammengestoßen, der just in diesem Moment in das Parkhaus hineinwollte.

»Sebastian!«

»Michael! Wo zum Teufel kommst du her?«

Michael Klosters grinste. Er liebte es, andere zu überraschen. Michael hatte sich im Laufe der Jahre den Ruf erworben, der Bankenspezialist der Beratung zu sein. Von ihm hieß es auch, es gäbe nichts, was er nicht machen würde, wenn es denn Erfolg brachte. »Ich habe dich hineinfahren |38|sehen. Da dachte ich, ich komme dir schon mal entgegen. Alles fertig?«

»Klar, ich hab die Folien im Koffer. Wir können gleich ins Büro gehen und sie noch einmal durchsprechen.«

»Lass uns lieber vorher noch etwas essen gehen.« Michaels für einen Berater recht unübliche Leibesfülle wies darauf hin, dass es in seinem Leben noch ein, zwei andere Vorlieben neben den üblichen 16-Stunden-Tagen gab. »Ich kenne die meisten Folien ja. Lass uns noch mal den Ablauf durchgehen. Damit ich weiß, wo die kritischen Punkte sind.«

Sebastian steuerte sofort auf die Treppe zu. »Okay. Das Wichtigste ist die Ost-Strategie.« Er räusperte sich. »Da ... Da ist eigentlich alles klar. Aber lass uns noch einmal die Kundensystematik besprechen, die ist vielleicht etwas problematisch.«

Michael nickte und eilte im Laufschritt davon. Sebastian tat sich schwer, ihm nachzukommen.

13:42 Uhr

Imzehnten Stockwerk des Bankhauses Großmann, Meyer & Cie. waren die Büros der Geschäftsführer, des so genannten Chefkabinetts. Sie waren alle mindestens dreißig Quadratmeter groß, hell und geräumig, mit einem imposanten Blick über die Finanzmetropole Frankfurt. Die Fenster gingen von der Decke bis zum Boden, so, wie es sich Dr. Wilhelm Schweizer, der Sprecher der Bank, gewünscht hatte, als dieses Gebäude Anfang der achtziger Jahre bezogen worden war. Als Zugeständnis an die Folgen einer direkten Sonneneinstrahlung waren vor den Fenstern vertikale weiße Lamellen, die an heißen Tagen oder bei größerer Helligkeitsempfindlichkeit der Vorstände und ihrer Gäste geschlossen werden konnten. Anfangs hatte Dr. Schweizer noch den Blick auf die Konkurrenz genossen, später ging er mehr und mehr dazu über, die Lichtspiele auf einer geschlossenen weißen Lamellenfläche vorzuziehen. Dr. Schweizer schätzte auch schwarze Lackmöbel auf hellgrauem Teppichboden, kombiniert mit schwarzen Ledersesseln, bei denen die Chromverstrebungen einen kühlen, hart glänzenden Akzent setzten. Zunächst war nur sein Büro so ausgestattet, doch als es ihm immer mehr gelang, zur Leitfigur der nachrückenden Kollegen zu werden, setzte sich |39|dieser Stil langsam durch, bis schließlich ein Chefbüro dem anderen zum Verwechseln ähnelte.

Einen Gegenstand gab es allerdings, der die Büros deutlich von einander unterschied. Als Zugeständnis an die bildende Kunst der Gegenwart durfte sich jedes Kabinettsmitglied bei seinem Einzug ein Gemälde eines Künstlers seiner Wahl aussuchen – innerhalb eines gewissen Rahmens natürlich. Wie großzügig die Bank mit ihrem Chefkabinett umging, zeigte sich daran, dass in diesem Büro hinter den schwarzen, kubusförmigen Ledersesseln ein riesiges Original des englischen Malers David Hockney hing. Es zeigte einen jungen Mann in der typischen Kleidung der Siebziger, der vor einer südlichen Landschaft am Rande eines Pools stand und hinunterschaute auf einen zweiten jungen Mann, der im Wasser tauchte. In der Hockney-typischen Manier war die Wasseroberfläche ornamental aufgelöst. Aquarellhafte Farbflächen kontrastierten mit einer präzisen Darstellung der Figuren, wobei der Schwimmer im Pool durch die Verzerrungen der Wasseroberfläche etwas abstrahiert wirkte. Einige Farbspritzer sollten offensichtlich verdeutlichen, dass der Künstler trotz der kühlen, manchmal klinisch anmutenden Darstellung mit Leidenschaft zur Sache gegangen war.

Vor diesem Bild stand an diesem Tag der Büroinhaber und betrachtete angestrengt seinen Zimmerschmuck. Seit er das Gemälde das erste Mal gesehen hatte, war es ihm ein Rätsel. Warum schaute der Junge so skeptisch auf den Taucher hinab? War es überhaupt ein Taucher oder doch eine Wasserleiche? Besonders über der letzten Frage hatte er wiederholt gebrütet. Das Merkwürdige war, dass seine Antwort wechselte. Es gab Tage, da war er sich sicher, dass es ein übermütiger Schwimmer war, den er da vor sich sah. An anderen Tagen waren ihm die Farben ein klares Indiz dafür, dass dieses Wesen nicht mehr schwamm, sondern schon im Pool trieb. Heute war so ein Tag.

Er seufzte und drehte sich zu seinem Schreibtisch um. Die riesige schwarze Platte glänzte in bedrohlicher Leere. Ganz am Rand stand das Telefon. Es war ebenfalls schwarz. Er betrachtete es skeptisch. War es auch bedrohlich? Oder verhieß es Hoffnung? Er schüttelte den Kopf. Müßige Gedanken. Was hatte es für einen Sinn, wenn er in der Sitzung umkippte? Es hatte keinen Sinn, die Angst zu verleugnen. Er musste das Risiko eingehen und ihn anrufen.

Er ging zum Apparat und tippte eine externe Nummer ein. Es |40|knackte kurz, dann hörte er den Rufton. Einmal, zweimal, dreimal. Es nahm niemand ab. Nach dem fünften Mal wollte er schon auflegen, als sich doch jemand meldete.

»Ja bitte?«

Er atmete einmal tief durch. »Im Pool treibt eine Leiche.«

Er hörte das Seufzen am anderen Ende der Leitung. Dann sagte die Stimme ruhig: »Unsinn. Der Mann ist quicklebendig. Er schlägt gleich am Beckenrand an.«

»Ich habe Angst, dass er schon entdeckt worden ist. Und dass man ihm das Schwimmen ausgetrieben hat.«

»Unser Mann im Pool ist ein Profi. Er lässt sich nichts austreiben.«

»Aber sie sind ihm auf der Spur.« »Wie kommen Sie denn darauf?«

»Die Berater präsentieren heute. Und es wäre ein Wunder, wenn ihnen nichts aufgefallen wäre.«

»Sind sie auf Sie zugekommen?«

»Nein ... Aber sie haben den Osten genau analysiert.«

»Und? Was ist ihre Empfehlung?« »Schließen, vermute ich. Aber ...«

»Wo ist dann das Problem?«

»Die Zahlen müssen sie stutzig gemacht haben.«

»Da kann doch gar nichts passieren. Ende letzten Jahres hatten wir den Datenverarbeitungsfehler, und dann sind die Zahlen aus dem Verkehr gezogen worden.«

»Aber was ist, wenn sie anfangen, nachzufragen?«

Der andere atmete tief durch. »Bleiben Sie ganz ruhig. Solange Sie nicht nervös werden, kann nichts passieren. Wir haben alle Informationen richtig platziert.«

»Ja, ja ... Aber was ist mit Nero ...«

Die Stimme am anderen Ende wurde lauter. »Ich hab Ihnen doch gesagt, dass Sie Nero meine Sorge sein lassen sollen. Wir kümmern uns um ihn.«

»Aber heute hat er wieder angerufen, und er will endlich Antworten auf seine Fragen ...«

»Nero wird uns nicht gefährlich werden. Wir haben jemand auf ihn angesetzt. Das wird ihn beschäftigt halten.«

»Mein Gott ... Wächst uns das nicht alles über den Kopf?«

|41|Aus dem Telefon kam ein leises Lachen. »Die heiße Phase ist abgeschlossen. Jetzt geht es nur noch darum, die Reste zu vergraben.«

Er schwieg. Dann nahm er seinen Mut zusammen. »Ich muss da raus. Ich mache das nicht mehr mit.«

Der Mann am anderen Ende zögerte keinen Moment. »Wir sind lange durchs Ziel hindurch. Aber Sie können erst aus dem Boot springen, wenn wir auch das Ufer erreicht haben. Verstehen Sie? Wenn einer von uns jetzt einen Fehler macht, gehen wir auch jetzt noch unter. Jetzt, wo alles vorbei ist.«

Er sah auf das Bild. Grinste der Junge am Beckenrand nicht ein wenig? »Wir müssen es zu Ende bringen.«

»Das tun wir. Wenn die Filialen geschlossen sind, werden auch die letzten Spuren nicht mehr zu finden sein. Und dann ist die ganze Sache Geschichte.«

Wenn der Junge grinste, dann warum? Aus Spaß am Zusehen? Bei was zusehen? »Mir ist das Risiko einfach zu groß.«

Der Mann am anderen Ende wurde ungeduldig. »Warten Sie die Präsentation ab. Dann sprechen wir alles noch einmal in Ruhe durch. Aber es macht erst dann Sinn, wenn wir Genaueres wissen.«

»Gut. Sind Sie heute Abend im Büro?«

»Ich warte auf Ihren Anruf.«

»In Ordnung. Dann bis heute Abend.« Er legte auf. Der Junge grinste mit Sicherheit. Er war es, der den Schwimmer erledigt hatte. Und jetzt erfreute er sich an seiner Tat.

Es klopfte an der Tür. Die Sekretärin steckte den Kopf hinein.

»Herr Direktor, es ist vierzehn Uhr.«

Er kratzte sich am Kinn. Das Bild ließ ihn noch immer nicht los.

»Herr Direktor, die Präsentation.«

Er drehte sich in die Richtung der Stimme. Die Silhouette seiner Sekretärin stand in der Tür. Ein sehr attraktiver Hosenanzug, den sie da an hatte ... Sie verstand es, sich richtig in Szene zu setzen.

»Ja. Ich komme.«