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Als Mona unerwartet ihren Job verliert, bewirbt sie sich in einer Detektei. Ihre erste Aufgabe: Sie soll Oliver Feeberger ausfindig machen und ihn überreden, auf das großelterliche Weingut am Wiener Stadtrand zurückzukehren. Um zu verhindern, dass ein Nobelheuriger den familiären Buschenschank übernimmt, willigt Oliver ein – aber nur, wenn Mona die restliche Saison auf dem Weingut mitarbeitet. Obwohl in derselben Stadt, findet sich die junge Wienerin in einer neuen Welt wieder. Zwischen Weingärten, Heurigenausschank und Hofladen muss Mona erst ihren Platz suchen. Aber ist ihr Herz nicht schon längst angekommen?
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Seitenzahl: 384
Veröffentlichungsjahr: 2019
Buch
Als Mona unerwartet ihren Job verliert, bewirbt sie sich in einer Detektei. Ihre erste Aufgabe: Sie soll Oliver Feeberger ausfindig machen und ihn überreden, auf das großelterliche Weingut am Wiener Stadtrand zurückzukehren. Um zu verhindern, dass ein Nobelheuriger den familiären Buschenschank übernimmt, willigt Oliver ein – aber nur, wenn Mona die restliche Saison auf dem Weingut mitarbeitet. Obwohl in derselben Stadt, findet sich die junge Wienerin in einer neuen Welt wieder. Zwischen Weingärten und Heurigenausschank muss Mona erst ihren Platz suchen. Aber ist ihr Herz nicht schon längst angekommen?
Informationen zu Emilia Schilling sowie zu weiteren Titeln der Autorin finden Sie am Ende des Buches.
Emilia Schilling
***
Herbstblüten und Traubenkuss
***
Roman
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Originalausgabe September 2019
Copyright © 2019 by Emilia Schilling
Die Veröffentlichung dieses Werkes erfolgt auf
Vermittlung der literarischen Agentur Peter Molden, Köln.
Copyright © dieser Ausgabe 2019
by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur München
Umschlagfoto: FinePic®, München
Redaktion: Ilse Wagner
BH · Herstellung: kw
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN: 978-3-641-22611-4V001
www.goldmann-verlag.de
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Prolog
Buschenschank
Heurigen-Aufstriche
Schupfnudeln
Heurige in Wien
Dirndl
Bauerngarten
Weingelee
Herbstgulasch
Sturm
Epilog
Glossar
Danksagung
Mein Leben lässt sich mit einer Eisenbahnfahrt vergleichen.
Gespickt von vielen Haltestellen, die ich immer zielsicher angesteuert habe und die pünktlich zu erreichen ich stets bemüht war – im Gegensatz zur richtigen Eisenbahn.
Da gab es kein Wiederholen eines Schuljahrs, kein Sabbatical, bei dem ich mich durch die Weltgeschichte treiben ließ, und auch keine abgebrochenen Studiengänge, in denen ich mich »ausprobieren« wollte. Keine Leerzeiten, keine Lücken im Lebenslauf. Ich hatte immer einen Plan A, und der wurde eingehalten. Komme, was wolle. Die richtige Eisenbahn biegt ja auch nicht von den Schienen ab – zumindest sollte sie das nicht.
Bei jeder Haltestelle meines Lebens sind alte Mitfahrer aus- und neue eingestiegen. Manche sind auch gar nicht mehr ausgestiegen wie meine beste Freundin Bianca.
Und dann gibt es da noch meine Eltern, die in dem Zug nicht mitfahren, seit ich die einzige Haltestelle ausgelassen habe, die sie für wichtig erachteten. Deshalb fahren sie jetzt eigenständig im Auto nebenher und beobachten meinen Schienenverlauf mit Argusaugen, nur um mir gelegentlich zuzurufen, dass ich immer noch abbremsen, den richtigen Weg einschlagen und den ihrer Meinung nach bedeutsamsten Meilenstein ansteuern könnte.
Als ob ich mit achtundzwanzig Jahren noch einmal ein Studium beginnen wollte. Dabei habe ich ihnen schon vor zehn Jahren gesagt, dass ich nach der Matura nicht in ihre Fußstapfen treten und Zahnärztin werden möchte. Die Vorstellung, verfaulte Zähne zu ziehen und Essensreste aus den Zahnzwischenräumen zu kratzen, hat mich schon als Kind abgestoßen.
Also habe ich mit achtzehn Jahren beschlossen, den weiteren Verlauf meiner Fahrt selbst zu bestimmen. Und das lief auch richtig gut.
Bis vor vier Wochen.
Dann kam völlig unerwartet die Entgleisung.
In alle Richtungen.
»Ausg’steckt is«
… heißt es bei etwa hundert Buschenschanken in den Wiener Heurigen-Gebieten, wenn ein Föhrenbusch über dem Eingangstor kennzeichnet, dass geöffnet ist.
Die Gäste kommen in gemütlicher Atmosphäre in den Genuss von selbst produziertem Wein, Sturm und Traubensaft sowie kalten Speisen und Mehlspeisen. Der Unterschied zu den kommerziell ausgerichteten Heurigen liegt oft in der Größe, der Küche und den Öffnungszeiten. Bieten Heurigen-Lokale ganzjährig auch warme Speisen für ein breites Publikum an, kredenzt der Buschenschank nur an ausgewählten Tagen in familiärer Umgebung im Hof des Weinguts Brettljause und Wiener Charme.
»Was sind Ihre Stärken, Fräulein Böse?«
Meine wohl größte Stärke ist es, in diesem Moment nicht an die Decke zu gehen.
Ich bin achtundzwanzig Jahre alt, und die Anrede Fräulein war vor vielleicht fünfzig Jahren angemessen. Vor fünfzig Jahren steckte mein Gegenüber aber sicher noch in den Windeln, weshalb er sich das ebenso sparen könnte wie die Art, meinen Nachnamen auszusprechen. Als hätte er drei »Ö« in der Mitte. Da werde ich erst recht böööse.
Statt diesem Herrn Kööönig meine Meinung zu sagen, lächle ich mit aller Kraft meiner Selbstbeherrschung und besinne mich auf die Worte, die ich mir genau für diese Frage zurechtgelegt habe.
»Zu meinen Stärken zählen Zahlenaffinität, eigenständiges Arbeiten und eine hohe Konzentrationsfähigkeit.«
Meine Freundin Bianca, bei der ich vorübergehend untergekommen bin, wäre ebenso stolz, wie mein eigenes Spiegelbild es ist. Jene beiden Gesichter, vor denen ich für die bevorstehenden Vorstellungsgespräche geübt habe. Mal abgesehen von Biancas Kindern, die sich köstlich über unsere inszenierten Bewerbungen amüsierten. Da ich aber bis vor drei Wochen noch nie ein richtiges Vorstellungsgespräch geführt hatte, wollte ich mich bestens vorbereiten. Denn das ist das A und O meines Lebens. Planung, Vorbereitung und Konsequenz.
»Zahlenaffin, so, so.« Herr Kööönig schiebt seinen ergrauenden Schnurrbart hin und her, während er auf den ausgedruckten Lebenslauf blickt, den ich mitgebracht habe. »Und Eigenständigkeit also.« Er brummt, und ich habe gerade die Erkenntnis, dass er zumindest nicht taub ist. Was mich angesichts des Telefonats, das er zuvor geführt hat, erstaunt, denn sein Telefon ist auf die höchste Lautstärke gestellt, sodass ich sogar aus dem kleinen Warteraum vor dem Büro jedes Wort seines Gesprächspartners verstehen konnte.
Ich behalte mein – wie ich finde äußerst professionell wirkendes – Lächeln bei und warte eine weitere Reaktion ab. Bianca und ich haben befunden, dass der Begriff Eigenständigkeit besser klingt als die Erklärung, dass ich lieber allein statt in einem Team arbeite. Auch wenn für viele Firmen außer Frage steht, dass potenzielle Mitarbeiter des Alphabets mächtig sowie Teamplayer sein sollten.
»Eigenständigkeit ist gut«, murmelt er und beginnt, mit seinen plumpen Fingern in den Unterlagen auf seinem unordentlichen Schreibtisch zu wühlen. Angesichts der sieben leeren Limonadenflaschen und der drei Burgerschachteln im Papierkorb neben seinem Schreibtisch kann ich mir gar nicht vorstellen, wie er stundenlang in ein Auto gequetscht ausharrt und jemanden observiert. Herr König (ich verzichte der Lesbarkeit wegen auf die weitere Ausführung der drei Ö – außer er nennt mich noch einmal Fräulein Böööse) ist nämlich seines Zeichens Privatdetektiv mit Schwerpunkt Personenbeschattung.
Nach einer Weile räuspert er sich, schiebt die Zettelwirtschaft vor sich zu einem ordentlichen Stapel zusammen und versucht sich an einem Lächeln, das misslingt. »Ich vermute, Sie haben sich für die Stelle als Buchhalterin beworben?«
Ist das eine Fangfrage?
Ich nicke. Nur ein Mal.
»Also, die Stelle ist schon besetzt.« Er winkt ab, als sei das völlig klar. »Meine Nichte hat gerade die Matura an der Handelsakademie gemacht und ist wie geschaffen dafür.«
Mir klappt der Mund auf. Aber nur ganz leicht, ich kann mich schließlich beherrschen. Auch angesichts der Tatsache, dass er die Buchführung seiner alteingesessenen Detektei einer neunzehnjährigen Schulabgängerin ohne Berufserfahrung anvertraut. Sehr schlau.
»Eigentlich suche ich noch eine Unterstützung für mich. Sozusagen einen Personal Assistent.« Mit seinem starken Wiener Akzent klingt es eher wie Pörsönäl Ässistänt.
»Tatsächlich?« Ich bemühe mich, den Mund wieder zu schließen. In mir sträubt sich alles dagegen, einem Mann wie diesem zu assistieren. Was ich aber dringender brauche als einen kompetenten und sympathischen neuen Chef, das ist: einen Chef. Denn ohne neuen Job werde ich wohl noch eine Weile bei Bianca unterkommen müssen. Und die Vorstellung, noch länger der Boxsack, die Malwand und der Schlafpolster ihrer Kinder zu sein, lässt mich schnell wieder den Fokus auf dieses Gespräch lenken.
»Und was würde mich in dieser Position erwarten?«, frage ich ehrlich interessiert.
»Das erkläre ich Ihnen nach und nach«, sagt Herr König und greift in ein Ablagefach, aus dem er gezielt eine bestimmte Akte herausholt. »Sie wachsen sozusagen mit Ihren Aufgaben. Als Erstes hätte ich hier einen kleinen Auftrag, mit dem Sie mich von Ihren Kompetenzen überzeugen können.«
Überrascht richte ich mich in meinem Sessel auf und verkrampfe mich dabei noch mehr, als ich ohnehin schon bin. Ich soll Detektivin spielen? Fast hätte ich die Frage laut ausgesprochen.
»Kennen Sie den Buschenschank Feeberger in Neustift am Walde?«
Ich schüttle den Kopf und beantworte damit auch die Frage, ob ich überhaupt einen Buschenschank kenne. Ich kann sogar an einer Hand abzählen, wie oft ich in meinem Leben bislang im 19. Bezirk gewesen bin. Dreimal, um genau zu sein, und auch nur, weil ich eine Schulkollegin hatte, die in Döbling wohnte und mit der ich an einem Projekt zusammengearbeitet habe.
»Die Besitzer sind ein älteres Pärchen, die ihren Enkelsohn suchen.« Herr König sieht in die Akte. »Sein Name ist Oliver Feeberger. Er müsste etwa in Ihrem Alter sein.« Er sieht auf, offenbar auf eine Reaktion meinerseits wartend.
Denkt er ernsthaft, ich würde alle Wiener in meinem Alter kennen? Habe ich schon erwähnt, dass ich gern eigenständig arbeite und kein extrovertierter Mensch bin?
Ich zucke mit den Schultern, was sich ein wenig wie eine Entschuldigung dafür anfühlt, dass ich Oliver Feeberger nicht kenne.
»Jedenfalls ist der Kontakt zu ihm vor fünf Jahren abgebrochen. Jetzt wollen die Feebergers den Buschenschank an ein Heurigenlokal verkaufen, sollte der Enkelsohn den Betrieb nicht übernehmen.« Herr König schiebt die Akte über den Schreibtisch zu mir herüber.
Ich sehe irritiert darauf. »Und was soll ich jetzt tun?«
»Oliver Feeberger finden und ihn davon überzeugen, seine Großeltern aufzusuchen.«
Das beantwortet nicht meine Frage.
»Wie denn?«
»Jetzt zeigen Sie doch mal Ihre Eigenständigkeit, Fräulein Böööse.« Der Detektiv wird ungeduldig. »Suchen Sie ihn auf Facebook oder mit einem dieser Social-Media-Kanäle.«
Letzteres klingt wie Sotschäl Midiaa.
Dann macht er eine Handbewegung, die mich wohl auffordern soll zu gehen. Automatisch erhebe ich mich und greife nach der Akte.
»Da ist doch jeder mit jedem befreundet. Sie finden ihn schon.«
Immer noch stehe ich vor seinem Schreibtisch und starre ihn an.
»Sehen Sie es als Probearbeit«, fährt er fort, bevor ich meinen Mangel an Eigenständigkeit noch mehr zur Schau stellen kann. »Wenn Sie den Auftrag erfolgreich erledigen, haben Sie den Job.«
***
Ich starre den schwarzen Satinstoff an, der ausgebreitet auf meinem Bett liegt und ein Kleid darstellen soll. Ein ziemlich kurzes und ziemlich enges Kleid. Der Kontrast zu dem Rennautobett mit Minions-Bettwäsche könnte nicht größer sein.
»Das ziehe ich bestimmt nicht an.« Ich hebe den Blick zu Bianca, die in ihrem Schminktäschchen kramt und nach einem Lippenstift in der Farbe Flittchenrot sucht. Ob sie ihn mir wirklich aufdrängen oder nur beweisen will, dass es diesen Farbton gibt, weiß ich nicht.
»Probier es mal an«, sagt sie, ohne aufzusehen. »Das steht dir bestimmt. Hat mir vor der ersten Schwangerschaft auch noch gepasst.«
Ich schiele zu Bianca. Dass sie ein paar Kilo mehr auf den Hüften hat als vor sieben Jahren, sieht man ihr zwar an, aber sie wirkt immer noch schlank. Ich mag vielleicht noch die gleichen Maße wie vor sieben Jahren haben, das bedeutet aber auch, dass ich immer noch einen Kopf größer bin als sie. Und wenn das Kleid bei Bianca – früher zumindest – zehn Zentimeter über dem Knie endete, dann hört es bei mir zehn Millimeter unter den Pobacken auf.
Ich hätte mich auch mit achtzehn Jahren niemals in einen solchen Fetzen gequetscht, also werde ich mit achtundzwanzig Jahren nicht damit anfangen.
»Ich bleibe lieber bei meinem Gewand«, murmle ich und überlege, ob ich eine schwarze Bundfaltenhose oder die dunkelblaue Leinenhose anziehen soll. Die Wahl wird mir nicht schwerfallen, denn meine Garderobe besteht aus lauter schwarzen, grauen, dunkelblauen und ausgewählten beigefarbenen Stücken, die sich problemlos miteinander kombinieren lassen. Ich hatte noch nie ein großes Interesse an Mode und noch weniger Mut zur Farbe, weshalb ich vor einigen Jahren den Trend der Capsule Wardrobe für mich entdeckt habe. Dabei beschränkt man seine komplette Garderobe auf dreiunddreißig Teile, die alle miteinander kombinierbar sind. Vielleicht war es auch die Zahl selbst, die gleich mein Interesse geweckt hat, sodass ich meinen Kleiderschrank entsprechend angepasst habe. Dass das meiste zeitlos und schlicht ist, macht die Sache für mich einfacher und für Bianca:
»Langweilig.«
Sie gähnt demonstrativ und greift nach dem Satinkleid. »Vielleicht ziehe ich es ja an.« Sie hält es vor sich hin und betrachtet es ausgiebig. »Ich hab mir mal so einen figurformenden Body gekauft. Wenn ich den darunter anziehe, sieht es bestimmt gut aus. Und Schwarz macht ja schlank.«
Ich runzle die Stirn. Ich dachte immer, das ist etwas für ältere Frauen oder Promis, die auf dem roten Teppich eine gute Figur machen müssen.
»Ein Wunderding, ich sag’s dir. Hebt die Brüste, kaschiert den Bauch, formt eine Taille und macht dir einen Kardashian-Hintern.« Bianca nickt zuversichtlich.
»Steht das auf dem Etikett?«, frage ich skeptisch.
»Haben sie im Fernsehen gesagt.« Bianca klingt ein klein wenig beleidigt. »Judith Williams war davon überzeugt, und ich habe es schon getestet. Das schummelt wirklich einige Kilos weg.«
Ich bemühe mich um ein Lächeln, weil ich meine Freundin nicht verärgern will. Nicht, nachdem sie, ohne mit der Wimper zu zucken, das Bett ihres Sohnes für mich frei gemacht hat. Auch wenn er es ohnehin nie benützt, weil er mit seinen fünf Jahren lieber im Familienbett schläft. Für Bianca normal, für ihren Mann Thomas, der die meiste Zeit auf Geschäftsreisen ist, nervig und für mich ideal. Dann muss ich wenigstens nicht auf dem Sofa schlafen, das nach Bananen- und Erdbeerjoghurt riecht, seit eines der Kinder ein Drinkjoghurt darauf verschüttet hat. Man weiß bis heute nicht, wer von den beiden es war.
»Und Thomas gefällt das auch?«, frage ich und spiele damit noch einmal auf den Wunder-Body an.
»Spinnst du? Der hat sich verschluckt und wäre fast erstickt, als ich ihn mit dem Body verführen wollte«, erklärt Bianca nüchtern. »Ich musste ihm auf den Rücken klopfen, und danach hat er sich bedankt und mich versehentlich Mutter genannt.« Sie sieht mich mit großen Augen an.
Trotz Biancas beleidigtem Gesichtsausdruck kann ich mich nicht zurückhalten und lache laut los.
»Heute ist er aber eh nicht da, also kann ich den Fett-weg-Anzug unter dem Kleid anziehen«, fügt sie entschlossen hinzu.
Thomas ist wieder einmal auf Geschäftsreise. Er ist im Vertrieb tätig und muss daher ständig zu Kunden in ganz Österreich, weshalb er mehr Nächte in Hotels verbringt als bei Bianca und dem gemeinsamen Sohn im Familienbett. Dass er viel arbeitet, stört Bianca sehr. Dass er dadurch genug verdient, damit sie bei den Kindern zu Hause bleiben kann, scheint sie zu vergessen.
»Du kannst nicht mitkommen.«
Bianca wirft mir einen finsteren Blick zu. »Und ob. Das wird wie früher, erinnerst du dich?«
Ja, leider zu gut, auch wenn es schon ein Weilchen her ist, seit ich mich von Bianca in Wiens Bars und Clubs habe schleppen lassen. Wenigstens für sie war es erfolgreich, schließlich hat sie dabei Thomas kennengelernt.
»Ich mache das geschäftlich«, erwidere ich, was stimmt, wenn man außer Acht lässt, dass ich den Job noch gar nicht habe.
»Und ich bin deine Assistentin«, flötet Bianca. »Außerdem weißt du gar nicht, ob er dort ist, und wenn nicht, dann können wir uns wenigstens einen schönen Abend machen.«
Ich weiß tatsächlich nicht, ob Oliver Feeberger in der Bar in den Stadtbahnbögen ist, die ich heute Abend aufsuchen will. Meine Recherche war nämlich weniger erfolgversprechend, als ich gehofft habe. Ich habe Herrn Königs Rat befolgt und begonnen, ihn auf Facebook zu suchen. Natürlich war Oliver nicht unter meinen hundertelf Freunden. Auch nicht unter den beiden, die ich kürzlich entfreundet habe, weil mir die Zahl 111 besser gefällt als 113. Richtige Freunde waren das ja ohnehin nicht. Das sind aber – abgesehen von Bianca – die anderen hundertzehn auch nicht.
Da Facebook jedoch eine Oliver-Feeberger-freie Zone ist, habe ich auch das restliche Internet nach ihm durchforstet und schließlich einen Beitrag gefunden, der ihn angeblich in dieser Bar zeigt. Und auch wenn der Artikel bereits drei Jahre alt ist, gehörte Oliver damals zum Team des Lokals. Es ist mein einziger Anhaltspunkt, und ich erhoffe mir, zumindest eine Auskunft zu bekommen, wie ich ihn kontaktieren kann.
»Außerdem, wer soll auf die Kinder aufpassen?«, frage ich in der Hoffnung, Bianca von ihrem Plan mitzukommen, abhalten zu können.
»Arya kann schon auf ihren kleinen Bruder aufpassen«, meint meine Freundin zuversichtlich. »Sie ist eine Kämpferin.«
Ja, deshalb heißt sie auch Arya. Weil Bianca während ihrer Schwangerschaft ständig Game of Thrones schaute und davon überzeugt war, dass ihre ungeborene Tochter ebenso clever und mutig wie Arya Stark würde, wenn sie sie nach ihr benannte.
Ich kann es immer noch nicht glauben, aber es funktionierte.
Also versuchte Bianca zweieinhalb Jahre später das Gleiche noch einmal. Nur war sie dieses Mal mit einem Buben schwanger und wollte so ein kleines Genie wie Sheldon Cooper. Und obwohl ich Klein-Sheldon – Biancas Sohn, nicht die Serie – wirklich gern mag, kann ich mit bestem Wissen und Gewissen keine Ähnlichkeiten mit der Serienfigur feststellen.
»Das halte ich für keine gute Idee.«
»Frau Hasenkopf von gegenüber kann bestimmt nach den Kindern sehen.«
»Du würdest einer Frau, die mit Räucherstäbchen durchs Haus schleicht, um die bösen Geister zu vertreiben, deine Kinder anvertrauen?«
Bianca rollt mit den Augen. »Das macht sie doch nur, wenn Frau Jaturapattarapong im Erdgeschoss mal wieder thailändisch kocht und über das Stiegenhaus lüftet.«
Bemerkenswert, dass Bianca den wohl längsten Nachnamen, der mir je untergekommen ist, so fließend aussprechen kann. Ich bin schon öfter vor der Haustür stehen geblieben und habe mir den Namen an der Klingel minutenlang angesehen und mich gefragt, wie dazu die Unterschrift aussieht. Oder wie man den Namen am Telefon buchstabiert.
Johann – Anton – Theodor – Ulrich – Richard – Anton – Paula – Anton – doppelt Theodor – Anton – Richard – Anton – Paula – Otto – Norbert – Gustav
Klingt wie eine altösterreichische Schulklasse, in der die Mädchen ganz schön in der Unterzahl waren.
»Wie auch immer, ich muss unbedingt mitkommen«, sagt Bianca und wühlt wieder in ihrem Schminktäschchen.
»Weil?«
»Weil ich wissen will, ob du dieses Mal reinkommst, ohne deinen Ausweis herzeigen zu müssen.« Sie lacht und hält plötzlich ein goldenes Lippenstiftröhrchen triumphierend hoch. »Hier! Flittchenrot.« Sie wirft es mir zu.
Und ich fange … natürlich nicht.
***
Der Türsteher erinnert mich an die bulligen Kerle, die schon vor zehn Jahren die Eingänge der Bars bewacht haben. Die gleichen grimmigen Gesichter, die breiten Stiernacken, der gespannte Stoff um die muskulösen Oberarme, die abschätzigen Blicke. Mit achtzehn Jahren war ich noch verunsichert, heute ist es mir egal.
Die Bar, in der ich mir erhoffe, einen Hinweis auf Oliver Feeberger zu bekommen, liegt in den Wiener Stadtbahnbögen. Ein aus Klinkersteinen erbautes Viadukt am Gürtel, einer Hauptverkehrsader Wiens. In den Bogen des mit Glasfassaden und bunter Beleuchtung geschmückten alten Gemäuers sind Lokale und Geschäfte untergebracht. Musik strömt auf die Straße, sobald die Türen sich öffnen. Obendrüber fährt die U-Bahn.
Immerhin fragt der Türsteher nicht nach meinem Ausweis. Sein Gesichtsausdruck zeigt mir, dass er genauso gut wie ich weiß, dass ich nicht hierhergehöre. Mein Outfit könnte es nicht lauter hinausposaunen. Aber meine Garderobe gibt erstens nicht mehr her, und zweitens fühle ich mich so wohl. Schwarze Chinos, Pumps mit vier Zentimetern Absatz, dazu eine beige Seidenbluse. Meine schulterlangen, wie Bianca sagt, straßenköterblonden Haare habe ich zu einem einfachen Pferdeschwanz gebunden. Das Aufregendste an mir ist der Lippenstift. Ich muss gestehen, Flittchenrot sieht gar nicht so schlecht aus und macht in Kombination mit meinem restlichen Erscheinungsbild definitiv noch kein Flittchen aus mir.
Im Lokal ist es stickig, obwohl es bestimmt keine große Sache wäre, hier eine Klimaanlage einzubauen. Spätestens wenn der Laden voll ist und die Menschen tanzen, muss es hier zu kochen beginnen. Der Clou ist, dass die Gäste bei der Hitze natürlich mehr trinken.
Ich habe nicht vor zu trinken, geschweige denn, lang zu bleiben.
Zielgerichtet folge ich zwei Mädchen in den großen Raum, in dem die Bar untergebracht ist. Noch ist nicht viel los, es ist aber auch erst kurz nach acht. In zwei Stunden wird das anders aussehen.
»Kurzer Test, eins, zwei, drei.« Ein Typ mit dunklen Haaren, in Jeans und einem U2-Konzertshirt steht auf einer kleinen Bühne und scheint das Equipment zu prüfen. In der hinteren Ecke lehnen neben dem Schlagzeug drei Gitarren. Offenbar gibt es hier Livemusik.
Ich steuere direkt auf die Bar zu, neben der eine Straßenlaterne steht und zusätzlich zu den vielen anderen beleuchteten Dekorationen an den Wänden Licht spendet. Ob die Laterne geklaut ist?
Eine zierliche Rothaarige scheucht hinter dem Tresen zwei Kellner hin und her und macht dabei einen geschäftigen Eindruck. Ihre metallic-glänzende Hose glitzert im Licht der bunten Barbeleuchtung. Dazu trägt sie eine Bluse mit rosa Pinguinen. Ich frage mich, ob ich hier gerade das absolute Gegenteil von mir selbst sehe.
»Hol noch Nachschub«, sagt sie zu einem der Kellner, ehe sie sich der Bühne zuwendet. »Jetzt leg schon los.« Sie grinst breit.
Der Kerl in dem U2-Shirt sieht zu ihr herüber. »Wünsche?«
Die Rothaarige überlegt nicht lang. »Sex on Fire.«
Ich beobachte, wie der Typ auf der Bühne eine der Gitarren nimmt und sich den Gurt um die Schultern legt. Er lässt seine Finger ein paarmal über die Saiten gleiten, dann beginnt er zu spielen. Als er zu singen anfängt, stellen sich die kleinen Härchen an meinen Armen auf. Er hat eine tolle Stimme. Rau und tief. Noch dazu sieht er richtig gut aus. Groß, schlank, mit breiten Schultern und dunklen Augen, die zu seinem dichten Haar passen. Ob die beiden ein Paar sind, so wie sie einander angesehen haben?
»Kann ich Ihnen helfen?«
Die Rothaarige reißt mich aus meinen Gedanken. Ich räuspere mich und reibe unauffällig über meine Unterarme, um die Gänsehaut wegzuwischen.
»Sind Sie die Eigentümerin dieser Bar?«
Ihr misstrauischer Blick gleitet über mich. Erst hinab, dann wieder hinauf.
»Die sind alle angemeldet, ich schwöre.« Sie hebt trotzig das Kinn. »Sogar er!« Sie deutet auf den Dunkelhaarigen, der immer noch Sex on Fire singt und dabei eine richtig gute Performance liefert.
»Okay.«
»Also gut, ich bin nicht angemeldet, aber ich bin die Freundin des Eigentümers«, erklärt die Rothaarige weiter. »Und es ist okay, wenn ich hier aushelfe. Außerdem mache ich nicht viel. Nur kontrollieren, dass alles glatt läuft und die Barkeeper nicht zu viele Drinks aufs Haus gehen lassen.«
Ich nicke. »Verstehe.«
»Gibt’s ein Problem?« Ein Typ mit türkis gefärbtem Haar kommt dazu und legt seinen Arm um die Schultern der Frau.
»Letzte Woche Jugendschutzkontrolle und heute die Finanzpolizei.« Sie rollt mit den Augen.
»Ich mach das schon, Klara«, sagt der Mann. Offenbar ist er der Eigentümer. Er streckt mir die Hand entgegen. »Lukas Gruber. Mir gehört dieser Schuppen.«
Automatisch schüttle ich ihm die Hand. »Mona Böse.«
»Dann hoffen wir mal, Nomen non est Omen.« Lukas Gruber lacht und wirkt keinesfalls eingeschüchtert, die Finanzpolizei vor sich stehen zu haben. Dabei bin ich das doch gar nicht.
»Ich bin nicht von der Polizei«, kläre ich ihn daher schnell auf.
»Andere Behörde?« Auch seine Musterung fällt skeptisch aus.
Ich schüttle den Kopf. »Ich bin auf der Suche nach Oliver Feeberger.«
Lukas Gruber kneift die Augen zusammen. »Kann ich Ihren Ausweis sehen?«
Mist! Jetzt kann ich vor Bianca nicht mehr angeben, dass mich niemand nach meinem Ausweis gefragt hat.
»Ich gehöre zu keiner Behörde«, erkläre ich erneut. »Seine Großeltern schicken mich.«
Das entspannt ihn sichtlich. »Alles klar.« Er deutet zur Bühne, und ich folge seinem Blick.
»Das ist Oliver Feeberger?«
»Da haben Sie ihn. Wie er leibt, lebt und singt.« Er klopft mir auf die Schulter und verschwindet wieder.
Der Song ist zu Ende, und die Anwesenden klatschen anerkennend.
Oliver Feeberger lächelt leicht verlegen, stellt die Gitarre zurück zu den anderen und kommt von der Bühne herunter. Im gleichen Moment setzt Musik aus der Anlage ein und hallt durch das Gewölbe.
»Entschuldigung!« Ich versuche, seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Je schneller ich meinen Auftrag erfüllt habe, desto eher komme ich hier wieder raus. Einem Job in der Detektei König steht nichts mehr im Weg. Das ist – zumindest vorübergehend – besser als nichts.
»Ich gebe keine Autogramme«, sagt er mit einem schiefen Grinsen.
»Sehe ich aus, als wollte ich ein Autogramm?«
Sein Blick wandert über mich. »Nein, du siehst aus, als wolltest du meine Steuererklärung prüfen.«
Der Schmäh rennt in dieser Bar, denke ich genervt.
»Ich bin im Auftrag Ihrer Großeltern hier«, erkläre ich, um auf den Punkt zu kommen und weiteren Witzen auf meine Kosten vorzubeugen.
Seine Gesichtszüge verändern sich kaum merkbar, doch ihm ist anzusehen, dass er mit vielem gerechnet hat … aber nicht damit.
»Gehen wir nach draußen«, sagt er knapp und läuft an mir vorbei.
Ich folge ihm.
Vor dem Eingang finde ich ihn einige Schritte vom Türsteher entfernt wieder. Die Autos rauschen hinter ihm über den Gürtel. Er sieht mich an und gibt mir damit deutlich zu verstehen, dass ich das Gespräch fortsetzen soll.
»Ich habe den Auftrag, Sie zu suchen, damit Sie …«
»Bitte!« Er unterbricht mich. »Auch wenn du ziemlich stocksteif aussiehst, sag Oliver.«
Irritiert starre ich ihn an.
»Und du bist?«
»Mona. Mona …« Vermutlich interessiert ihn mein Nachname ohnehin nicht. Und da ich keine Lust auf einen weiteren blöden Kommentar über meinen Familiennamen habe, füge ich nur hinzu: »Einfach Mona.«
»Okay, einfach Mona. Du hast mich gefunden. Und jetzt?«
»Sie … du sollst auf das Weingut deiner Großeltern zurückkommen.«
Er starrt mich regungslos an. Ich versuche, die Emotionen in seinen dunklen Augen zu erkennen. Ist er verwirrt? Überfordert? Oder ist da ein Hauch von Traurigkeit in seinem Blick?
»Ich habe vor fünf Jahren eine Entscheidung getroffen, und bei der bleibe ich«, sagt er plötzlich und will an mir vorbei, zurück in die Bar.
Ich stelle mich ihm in den Weg, und er stößt mich fast zu Boden. Reaktionsschnell umfasst er meine Oberarme und hält uns beide auf den Beinen. Verwirrt sehen wir uns in die Augen.
»Was vor fünf Jahren war, zählt heute nicht mehr«, sage ich, weil mir keine besseren Worte einfallen, um ihn zu überzeugen. »Das Weingut ist dein Erbe.«
Er lässt mich wieder los und tritt einen Schritt zurück. »Ich verzichte.«
»Dann wird ein großer Heuriger das Weingut aufkaufen. Und damit alle Werte und die Tradition des Buschenschanks schlucken.«
Oliver starrt mich an.
Im Vorfeld habe ich natürlich den Buschenschank gegoogelt, der bereits in dritter Generation von der Familie Feeberger geführt wird. Das Weingut lebt hauptsächlich von einem Ab-Hof-Verkauf. Nur an den Wochenenden im Sommer öffnet die Familie die Tore und lädt die Gäste zum Verweilen im großen Innenhof ein, wo Wein, Traubensäfte und kalte Speisen gereicht werden. Den Bewertungen im Internet zufolge, ein äußerst gut gehender und beliebter Buschenschank. Warum sollte man diesen nicht übernehmen wollen?
»Was weißt du schon von der Tradition und den Werten eines Buschenschanks?«, fragt Oliver und lässt seinen Blick wieder über mich gleiten. Dieses Mal wirkt er herablassend.
»Offenbar mehr als du«, antworte ich bockig, auch wenn das glatt gelogen ist.
Meine Worte scheinen zu wirken.
Oliver tritt unentschlossen von einem Bein auf das andere. Dann holt er tief Luft. »Ich habe jetzt echt keine Zeit dafür«, sagt er, und ich befürchte für einen Moment, meine Chancen verspielt zu haben. »Komm morgen um zwei Uhr noch einmal her.«
Zwei Uhr? Ich muss doch schon um zwölf Uhr in der Detektei sein.
»Geht’s nicht früher?«, frage ich in der Hoffnung, Herrn König dann bereits Ergebnisse liefern zu können.
»Klar«, antwortet Oliver mit einem Hauch Zynismus in der Stimme, »wenn du meine Schicht hier bis drei in der Früh übernimmst.«
***
»Ich sollte in die Politik gehen«, sagt Bianca am Frühstückstisch und schwenkt ihr Häferl mit dem kalt gewordenen Milchkaffee.
Irritiert hebe ich den Blick von meinen aufgequollenen Overnight-Oats. Ich mag diese matschigen, in Milch aufgeweichten Haferflocken. Erstens, weil es praktisch ist, die Masse am Vorabend anzusetzen und am nächsten Morgen einfach zu essen. Zweitens, weil sie mit etwas Zimt und Zucker, Nüssen oder frischem Obst richtig lecker schmecken.
Noch bevor ich fragen kann, was Bianca mit dieser Aussage meint, erklärt sie: »Dann setze ich mich dafür ein, dass die viel zu langen Sommerferien abgeschafft werden.«
Daher weht der Wind.
Sie sieht zu mir auf, offenbar auf Zustimmung wartend. »Es ist doch eine Frechheit, dass Eltern sich im Sommer zwei Monate durchgehend um ihre Kinder kümmern müssen. Dazu die Herbstferien, Winterferien, Osterferien und dazwischen die schulintern geregelten freien Tage.« Sie schüttelt verständnislos den Kopf, und ich tue es ihr gleich, weil ich mich für eine Diskussion nicht gewappnet fühle.
Ich bin kinderlos, was soll ich also darauf sagen?
Mal ignorierend, dass Bianca nicht arbeitet und genug Zeit für die Kinder hat. Bei Vollzeit arbeitenden Eltern stelle ich mir das Problem größer vor.
»In meinem nächsten Leben werde ich Lehrerin.«
Bei Biancas Nachsatz verschlucke ich mich fast. So gern ich meine Freundin auch habe, es gibt wohl keine ungeeignetere Person als sie, die einen Lehrerposten besetzen sollte. Sie ist doch schon mit Arya und Sheldon restlos überfordert.
»Kannst dich ja umschulen lassen«, sage ich nach einem Schluck von meinem Kräutertee, weil mir keine bessere Antwort einfällt.
Bianca sieht mich mit großen Augen an. Dann beginnt sie, langsam zu nicken. »Vielleicht mache ich das.« Anschließend steht sie auf und räumt den Esstisch ab, der seit einer Stunde mit dem leeren Frühstücksgeschirr der Kinder beladen ist.
Als sie fertig ist, habe ich auch den letzten Rest meiner Overnight-Oats ausgelöffelt und stecke das leere Glas und den Löffel in den chaotisch eingeräumten Geschirrspüler. Ich bin sicher, es würde viel mehr Geschirr hineinpassen, wenn man richtig sortiert, aber auch für diese Diskussion bin ich um diese Uhrzeit noch nicht bereit.
»Es sieht hier furchtbar aus, nicht wahr?« Bianca hat die Hände in die Hüften gestemmt und lässt ihren Blick durch die Wohnküche schweifen. »Kinder!« Ihre Stimme schnellt in die Höhe. »Räumt doch mal ein bisschen auf!«
Im Hintergrund fällt eine Tür ins Schloss. Anscheinend haben die Kinder genauso viel Lust darauf wie Bianca selbst.
»Wenn du willst, helfe ich dir«, sage ich schnell, damit Biancas Laune nicht schon am frühen Morgen kippt. Schließlich habe ich noch ein wenig Zeit, bevor ich mich auf den Weg zu Herrn König machen und ihm von meiner gestrigen Begegnung mit Oliver Feeberger erzählen muss. Ich hoffe, er schätzt meine Bemühungen ausreichend, um meinen Arbeitsvertrag noch heute zu unterzeichnen. Dann kann ich endlich eine neue Wohnung suchen.
Auch wenn ich Bianca dankbar bin, hier vorübergehend unterzukommen, so sehne ich mich schon sehr nach meinen eigenen vier Wänden.
Ich klaube mehrere Stofftiere und leere Verpackungen von Schokoriegeln vom Boden und finde unter einem Polster ein Paar Handschellen. Erst glaube ich, es sind Spielzeug-Handschellen, doch dafür wirken sie etwas groß.
»Öhm.« Ich hebe die Handschellen mit einem Finger hoch und warte, bis meine Freundin mir ihre Aufmerksamkeit schenkt.
Bianca stapft zu mir und entreißt mir die Metallringe. Dann wendet sie sich in Richtung Vorzimmer, von dem aus man in die Kinderzimmer gelangt. »Ihr sollt doch nicht in Mamas und Papas Schlafzimmer gehen!«
Ich entsorge die Schokoriegelverpackungen unter der Spüle und überlege mir zweimal, ob ich die nächste Frage tatsächlich stellen soll: »Ihr verwendet Handschellen?« Ein weiterer Grund, warum ich schleunigst eine eigene Wohnung brauche. Sheldons Zimmer, das ich okkupiert habe, grenzt nämlich an das elterliche Schlafzimmer. Auf dem Rückweg von der Detektei kaufe ich mir Ohropax.
»Schon lang nicht mehr.« Bianca seufzt. »War sowieso nur ein Versuch, wieder etwas Schwung in die Beziehung zu bringen.«
So genau will ich das gar nicht wissen. Vor allem weil Sheldon ja noch im elterlichen Bett schläft. Ich schüttle die Gedanken aus dem Kopf.
»Arya!« Biancas Stimme erreicht schon wieder eine Lautstärke, bei der ich Mitleid mit den Nachbarn bekomme. »Ich habe deinen Zahn gefunden.«
In dieser Wohnung wird prinzipiell viel geschrien. Auch weil sich die Familienmitglieder meist in unterschiedlichen Räumen aufhalten. Arya vor allem in ihrem Zimmer, versunken in Rollenspiele, wobei sie nie die Prinzessin, sondern immer die Drachentöterin sein will. Wenn Thomas zu Hause ist, steckt er die meiste Zeit in seinem Büro, das eigentlich ein begehbarer Schrank ist. Und Sheldon pilgert bevorzugt zwischen Bad, Klo und Küche hin und her. Er ist überall, wo Wasser zu finden ist, mit dem er seine verbotenen Experimente machen kann.
Unter lautem Getrampel kommt Arya in den Wohnraum gerannt. Sie entreißt ihrer Mutter den Zahn und hält ihn triumphierend in die Höhe. »Daraus mache ich eine Kette und schenke sie Fridolin.«
Erneut seufzt Bianca und wirft die eingesammelten Spielsachen in eine große Kiste, mit der sie sich einen Weg durch das Chaos bahnt. »Sie ist in diesen Fridolin verknallt«, sagt sie und stellt die Kiste in der Küche ab.
»Ist doch süß, dass sie ihm eine Kette schenken will«, sage ich. Auch wenn ich es süßer fände, wenn daran nichts baumeln würden, das in den vergangenen sieben Jahren in ihrem Mund steckte.
Bianca lacht verbittert auf. »Ich kann mich nicht erinnern, wann Thomas mir das letzte Mal Schmuck geschenkt hat.« Sie wirft einen Blick auf ihre Hände. »Der Ehering passt mir schon lang nicht mehr, und die einzige Kette, die ich trage, ist diese hier.« Sie zieht ein Lederband unter ihrem T-Shirt hervor, an dem ein Schlüssel baumelt.
Nicht etwa der Schlüssel zu Thomas’ Herzen:
Es ist der Schlüssel zu Bad und Klo.
Seit Sheldons Klo-Wasserbomben-Aktion müssen die Kinder fragen, wenn sie auf die Toilette müssen.
Ich übrigens auch.
»Kommen wir noch einmal zurück zu diesem Sänger Schrägstrich Barkeeper Schrägstrich Weinguterben Schrägstrich heißen Typen.«
»Ich habe nie gesagt, dass er heiß ist.« Natürlich hat sie versucht, mich auszuquetschen, und nachdem ich nicht viel erzählt habe, interpretiert sie in die Sache mehr hinein, als sie wert ist.
»Typen mit einer tiefen, rauen Stimme sind doch immer heiß, oder?« Bianca grinst mich erwartungsvoll an.
Ich bemühe mich um ein belangloses Schulterzucken, was mir nicht so lässig gelingt, wie ich es wünsche. Dabei habe ich ihr nicht einmal erzählt, wie Oliver aussieht. Weder dass er groß ist, noch dass er schöne glänzend braune Haare hat, warme braune Augen und feine Lachfalten, die seine Mundwinkel zieren, wenn er lächelt. Sie scheint es trotzdem zu wissen.
Außerdem geht es darum gar nicht. Ich bin schließlich nicht auf der Suche nach einem neuen Freund. Auch wenn ich seit einem Monat nicht nur arbeitslos, sondern auch Single bin. Und damit wohnungslos. Aber das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Es ist einfach nur blöd gelaufen.
»Lass mich dir nur einen Tipp geben«, fährt Bianca fort und klingt dabei wieder völlig ernst. »Wenn der Fisch erst mal am Haken ist, dann dreh den Spieß um.«
Ich habe keine Ahnung, wovon sie redet.
»Soll er sich um die Kinder kümmern, den ganzen Tag zu Hause sitzen, während du arbeiten gehst und das Geld nach Hause bringst«, erklärt sie ihre Weisheit.
»Tolle Idee«, antworte ich zynisch. »Blöd nur, dass ich gar keinen Job habe.«
»Das wird schon«, meint Bianca zuversichtlich.
Vor einem Monat war ich das auch noch. Nachdem der anfängliche Frust und Ärger über den Verlust meines geliebten Jobs verflogen war, habe ich tatsächlich nach vorn geblickt und beschlossen, der Arbeitslosigkeit rasch ein Ende zu setzen. Ich bin gut ausgebildet, qualifiziert und arbeitswillig. Da musste sich doch etwas finden.
Vier Wochen, acht Bewerbungsgespräche und etwa fünfmal so viele Bewerbungsschreiben später ist meine Zuversicht leicht getrübt.
Ein Blick zu Bianca verrät mir, dass sie offenbar auf eine Reaktion meinerseits wartet.
Ich blinzle irritiert und sage dann schnell: »Alles klar. Wenn Oliver und ich je heiraten und Kinder kriegen sollten, werde ich deinen Rat befolgen.«
***
Fuchsteufelswild tigere ich vor der Bar auf und ab.
Seit einer geschlagenen halben Stunde.
Das Gespräch mit Herrn König war schnell zu Ende. Erst hat er mich eine Dreiviertelstunde warten lassen – vermutlich hat er gehofft, ich würde von allein verschwinden –, nur um mir mitzuteilen, dass er die Stelle anderweitig vergibt. Die Tochter seiner Nachbarin sucht nämlich dringend einen Job.
Sogar als ich ihm erklärt habe, dass ich Oliver Feeberger gefunden habe, winkte er nur desinteressiert ab.
Und wieder einmal habe ich den Kürzeren gezogen, weil jemand an meiner Stelle den Job bekommen hat, der mich nicht durch seine Qualifikation, sondern durch seine Beziehungen ausgestochen hat. Klassisches Vitamin B. Erst Herrn Königs Nichte, dann die Tochter seiner Nachbarin.
Doch das ganze Desaster hat schon früher begonnen.
Vor fünf Jahren, ich war gerade kurz vor meinem Studienabschluss der Betriebswirtschaft, sprach mich an der Uni ein Studienabgänger des Fachs Marketing an. Karsten Gut. Er wollte eine Werbeagentur gründen und brauchte dafür Unterstützung bei den betriebswirtschaftlichen und finanziellen Angelegenheiten. Und nachdem sich herumgesprochen hatte, dass ich eine der besten Studentinnen war, bot er mir eine Stelle an.
Natürlich war mir schon damals klar, dass mein Familienname nicht unvorteilhaft war. Ich hatte zwar keine Beteiligung am Unternehmen, doch mein Name floss trotzdem in die Firma ein. Werbeagentur Gut und Böse, ein Marketing-Schachzug des lieben Karsten. Ich war begeistert.
Jahrelang musste ich gegen die Vorwürfe meiner Eltern kämpfen, weil ich mich dagegen entschieden hatte, Zahnärztin zu werden. Dann, mit dreiundzwanzig Jahren, konnte ich nicht nur mit einem erfolgreichen Studienabschluss prahlen, sondern ging auch gleich unter die Unternehmer. Mehr oder weniger.
Meine ganze Freizeit habe ich für Gut und Böse geopfert. Während der Woche habe ich die Korrespondenz übernommen und an den Wochenende Kalkulationen und Statistiken erstellt.
Und was bekam ich als Dank?
Vor vier Wochen die Kündigung auf dem Silbertablett. Auch wenn wir uns auf eine einvernehmliche Auflösung des Dienstverhältnisses vor Ende der Kündigungsfrist geeinigt haben. Mit einer Abfindung, die mich wohl hätte zufriedenstellen sollen. In meinem Ärger über Karstens Entscheidung, und weil ich keinen Tag länger dort arbeiten wollte, habe ich zugestimmt. Im Nachhinein weiß ich, dass ich wohl mehr Geld hätte herausschlagen können.
Karstens neue Freundin, die selbst gerade an einer Fachhochschule das erste Jahr im Finanzwesen hinter sich gebracht hatte, brauchte einen Job, um ihr weiteres Studium finanzieren zu können.
Ich wurde eiskalt ersetzt.
Mit den Worten: »Mona, die Zeit ist gekommen, deine hier gewonnenen Erfahrungen in die Welt hinauszutragen und dich neuen Herausforderungen zu stellen.«
Mir klappte der Mund auf.
»Du sollst doch nicht in einer so kleinen Werbeagentur versauern. Du bist für Größeres bestimmt.«
Am liebsten hätte ich Karsten an die Wand geklatscht. Und seine neue Freundin gleich mit dazu.
»Den Agenturnamen werden wir aber so belassen. Es ist eine Marke, und außerdem hast du in deinem Dienstvertrag zugestimmt, deinen Namen unentgeltlich zur Verfügung zu stellen. Ich habe in den vergangenen fünf Jahren so viel aufgebaut. Das verstehst du doch, nicht wahr?«
Ja, du hast viel aufgebaut, Karsten.
Vor Wut schäumend bemerke ich erst, dass Oliver vor der Bar steht, als er sich räuspert. Er beobachtet mich mit einer Mischung aus Belustigung und Verwunderung.
»Ich denke, du hast genug Meter gemacht«, sagt er grinsend, und spielt damit auf mein Hin- und Herlaufen vor dem Lokal an.
»Du warst die ganze Zeit da drinnen?«, frage ich und deute auf den offenen Eingang hinter ihm.
»Jep.«
Ich werfe einen Blick auf meine Armbanduhr. Es ist zehn vor zwei.
»Du lässt mich hier siebenunddreißig Minuten warten, obwohl du da bist?«
»Wir waren für zwei Uhr verabredet«, entgegnet er gelassen. »Und ich wollte dich bei deinem kleinen Workout nicht stören.«
Der Nächste, den ich an die Wand klatschen will.
»Du denkst wohl auch, ich hätte nichts Besseres zu tun, als hier zu warten?«, fahre ich ihn an und wundere mich selbst über meinen kleinen Gefühlsausbruch. Ich bin doch sonst so souverän. »Statt meine Zeit hier zu vergeuden, sollte ich mich darum kümmern, mir einen neuen Job zu suchen, um nicht noch länger in Sheldons Rennautobett schlafen zu müssen.«
Ich ignoriere Olivers fragenden Gesichtsausdruck. Auch wenn ich weiß, dass es nicht hilft, mich bei ihm auszukotzen, fühlt es sich dennoch gut an. Die vielen Rückschläge der letzten Wochen haben das Fass zum Überlaufen gebracht.
Ich lege meine Fingerkuppen auf meine Augenbrauen und streiche mit etwas Druck darüber. Das soll beruhigen, habe ich mal gehört.
»Ich frage mich, warum ich überhaupt hier bin«, murmle ich und wundere mich selbst, dass ich das eben laut ausgesprochen habe.
»Du wolltest mit mir reden«, erklärt Oliver, als hätte ich das vergessen. »Wegen meiner Großeltern.«
»Das weiß ich schon«, zische ich genervt. Ich versuche, mich wieder zu beruhigen. Es könnte mir eigentlich egal sein, weil ich sowieso nicht für Herrn König arbeiten werde, aber irgendwie fühle ich mich verpflichtet, Oliver die Nachricht seiner Großeltern dennoch zu überbringen. Auch wenn ich diese gar nicht kenne.
»Deine Großeltern haben extra einen Detektiv beauftragt, um dich zu finden.«
Er reagiert nicht darauf.
Ich winke ab. »Mir kann es sowieso egal sein, weil ich diesen Scheißjob in der Privatdetektei ohnehin nicht bekomme und mir jetzt etwas anderes suchen muss. Was vermutlich eh besser ist.«
»Du bist Detektivin?« Oliver grinst amüsiert.
»Unsinn! Der Idiot von Detektiv hat meine Bewerbung der falschen Stellenbeschreibung zugeordnet. Und weil ich im Moment einfach irgendeinen Job brauche, habe ich die Probearbeit angenommen. Ich sollte dich ausfindig machen und davon überzeugen, deine Großeltern zu kontaktieren. Aber … wie das Leben eben spielt.« Ich zucke mit den Schultern.
Warum stehe ich überhaupt noch hier?
»Und wenn ich dir einen Job gebe? Fürs Erste?«
Überrascht sehe ich auf. »Da drinnen?« Ich deute auf die Bar hinter ihm. »Nein, danke.« Allein die Vorstellung finde ich abstoßend. Ich bin kein Nachtmensch, mag weder laute Musik noch Tanzen, und schon bei der Vorstellung, mit zweihundert Gästen dort eingepfercht zu sein, werden meine Handinnenflächen feucht.
»Auf dem Weingut«, erklärt Oliver knapp.
Ich horche auf.
Was hat er eben gesagt?
»Sagen wir für zwei Monate. Die Unterkunft ist dabei.«
Ich starre ihn immer noch perplex an.
»Um diese Jahreszeit werden jede Menge helfende Hände benötigt.«
Obwohl ich versuche, etwas in seinen Augen zu erkennen, ist da nichts. Kein Spott, kein Hohn. Er meint das tatsächlich ernst.
Ich öffne den Mund, setze zu einer Antwort an, weiß aber nicht, was ich sagen soll. Souveränität, Mona! Jetzt komm schon! Straff die Schultern und schlag dir diesen Unsinn aus dem Kopf.
»Lieber nicht«, sage ich und höre selbst, wie unentschlossen ich klinge.
»Dann nicht«, antwortet Oliver unbeeindruckt. »Dann gehe ich auch nicht zurück.«
»Was?« Ich verstehe nicht richtig.
»Wenn du nicht gehst, gehe ich auch nicht.«
***
»Wie kindisch ist das denn?«, fragt Bianca, nachdem ich ihr von dem Jobangebot erzählt habe. Sie kann gar nicht glauben, dass ich es überhaupt in Betracht ziehe.
»Vielleicht sind zwei Monate auf einem Weingut eine tolle Erfahrung«, sage ich, als wollte ich mich selbst überzeugen. »Dann hättet ihr wieder mehr Platz für euch.«
»Mehr Platz? Pah!« Bianca winkt ab. »Hier ist genug Platz für uns alle.«
In Wahrheit sagt sie das nur, damit sie eine Hilfe mit den Kindern hat. Gerade jetzt, wo Arya und Sheldon den ganzen Tag zu Hause sind, weil die Schule und der Kindergarten erst in zwei Wochen wieder anfangen.
»Was willst du dort überhaupt machen?«, fragt sie herausfordernd. »Barfuß die Weintrauben zertreten?«
»Sie werden mir schon erklären, was ich tun soll«, antworte ich leicht verunsichert. Ich habe wirklich keine Ahnung, was mich dort erwartet. Ich weiß aber, was mich in den nächsten zwei Monaten hier erwartet, wenn ich nicht bald hier rauskomme. Vermutlich werde ich durchdrehen.
»Warst du in deinem Leben schon einmal in einem Buschenschank?«, fragt Bianca, mir offenbar in dieser Hinsicht überlegen. Sie wartet mein Kopfschütteln nicht ab. »Da muss man Gäste bedienen, mit ihnen plaudern und Wein trinken. Das passt zu einem geselligen Menschen, aber – sei mir nicht böse, Mona – nicht zu dir.«
Ich starre sie wortlos an. Diese Aussage bringt nichts auf den Tisch, das ich nicht längst weiß. Doch die Wahrheit so ins Gesicht geworfen zu bekommen, das tut trotzdem weh.
Einsichtig nicke ich. »Es wird sich schon etwas anderes finden.«
Bianca lächelt mir aufmunternd zu. »Etwas, das besser zu dir passt.«
Ich nicke wieder und bemühe mich um ein Lächeln. Es fällt mir schwerer, als ich zugeben will. Warum? Wollte ich wirklich auf dieses Weingut? Herausfinden, was mich dort erwartet? Neues ausprobieren? Einmal von dieser Schiene, auf der sich mein ganzes Leben befindet, runterkommen? Nicht auf die Art wie in den letzten Wochen, sondern ganz selbstbestimmt? Weil ich es will?
»Und jetzt zu Thomas.« Bianca wechselt das Thema. »Findest du nicht, er hat sich auffällig verhalten, als er am Montagmorgen losgefahren ist?«
Biancas größtes Problem ist, dass ihr zu Hause die Decke auf den Kopf fällt. Sie braucht dringend andere Aufgaben als Kinder und Haushalt. Etwas, das sie ablenkt und ihr Gehirn fordert. Diese ganzen Hirngespinste, für die sie zu viel Zeit hat, tun ihr nicht gut.
»Was meinst du?«
»Er hat sich die Haare zweimal gekämmt, bevor er aus dem Haus gegangen ist. Zweimal.« Bianca reißt die Augen auf. »Und ich glaube, er hat sich ein neues Parfüm gekauft.«
»Und?«
Ich bereue meine Frage im gleichen Moment, als sie mir über die Lippen kommt. Ich weiß schon jetzt, wohin das Gespräch führen wird.
»Da steckt doch bestimmt eine andere Frau dahinter.«
Für Bianca steckt hinter allem, was Thomas tut, eine andere Frau. Geht er im Hochsommer nach einer Tropennacht in der Früh noch einmal duschen, liegt es an einer anderen Frau. Beschließt er, seine Ernährung umzustellen, um ein paar überschüssige Kilo zu verlieren, liegt es an einer anderen Frau. Und fragt er, ob Bianca mal eine Zahnpasta kaufen kann, welche die Zähne aufhellt, tut er das ebenfalls wegen einer anderen Frau.
Eine ohne Kinder und mit einem Becken, das dies sofort verrät. Eine, die Karriere macht und sich eine Putzfrau leisten kann, die die Wohnung in Schuss hält. Thomas will nämlich keine Haushaltshilfe zahlen, wenn Bianca sowieso den ganzen Tag daheim ist.
Was ich verstehen kann.
Anfangs habe ich ihr dabei geholfen, Ordnung zu halten, doch bei Arya und Sheldon ist das eine Sisyphus-Arbeit. Hat man einen Raum auf Vordermann gebracht, ist der nächste auch schon im Chaos versunken.
Gerade, als ich nach einer diplomatischen Antwort suche, die ich Bianca geben kann, beginnt mein Handy zu klingeln. Wie gerufen.
Die fremde Nummer auf dem Display gehört bestimmt einem Unternehmen, bei dem ich mich beworben habe. Ich gehe ins Vorzimmer hinaus, um ungestört zu sein. Wie erwartet ist es der Personalchef einer Firma, bei der ich letzte Woche zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen war. Er kommt schnell auf den Punkt. Ich bekomme die Stelle nicht – dabei hatte ich ein gutes Gefühl –, denn sie besetzen intern nach.
Als ich auflege und darüber nachdenke, ob ich Olivers Angebot nicht doch annehmen soll, taucht Sheldon neben mir auf. Er sieht mich mit seinen großen blauen Augen an.
