Herr Palomar - Italo Calvino - E-Book

Herr Palomar E-Book

Italo Calvino

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Beschreibung

Herr Palomar ist ein leidenschaftlicher Beobachter. Was immer sich seinem neugierigen Blick offenbart – das Spiel der Wellen im Meer, der Mond am Nachmittag, ein nackter Busen oder die verlockende Auslage eines Käseladens in Paris –, seine Phantasie treibt ihn in abenteuerliche Denkspiralen und Selbstgespräche.

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Seitenzahl: 145

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Das ist das Cover des Buches »Herr Palomar« von Italo Calvino

Über das Buch

Herr Palomar ist ein leidenschaftlicher Beobachter. Was immer sich seinem neugierigen Blick offenbart — das Spiel der Wellen im Meer, der Mond am Nachmittag, ein nackter Busen oder die verlockende Auslage eines Käseladens in Paris —, seine Phantasie treibt ihn in abenteuerliche Denkspiralen und Selbstgespräche.

Italo Calvino

Herr Palomar

Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber

Carl Hanser Verlag

Herrn Palomars Ferien

Herr Palomar am Strand

Versuch, eine Welle zu lesen

Das Meer ist leicht gekräuselt, kleine Wellen schwappen ans sandige Ufer. Herr Palomar steht am Ufer und betrachtet eine Welle. Nicht daß er sinnend in die Betrachtung der Wellen versunken wäre. Er ist nicht versunken, denn er weiß, was er tut: Er will eine Welle betrachten, und er betrachtet sie. Er ist auch nicht sinnend, denn zur Besinnlichkeit braucht man ein passendes Temperament, eine passende Stimmungslage und ein Zusammenwirken passender äußerer Umstände, und obwohl Herr Palomar im Prinzip nichts gegen Besinnlichkeit hat, ist im Augenblick keine dieser Bedingungen für ihn gegeben. Schließlich sind es auch nicht »die Wellen«, was er betrachten will, sondern nur eine einzelne Welle und weiter nichts. Im Bestreben, die vagen Gefühle nach Möglichkeit zu vermeiden, nimmt er sich für jede seiner Handlungen einen begrenzten und klar umrissenen Gegenstand vor.

Herr Palomar sieht eine Welle in der Entfernung auftauchen, sieht sie wachsen und näherkommen, sich in Form und Farbe verändern, sich überschlagen, zusammenbrechen, verströmen und rückwärtsfließend verebben. Er könnte sich also nun einreden, die gewünschte Operation beendet zu haben, und weitergehen. Doch eine Welle herauszulösen, indem man sie trennt von der unmittelbar folgenden Welle, die sie vorwärtszudrängen scheint und bisweilen einholt und überspült, ist sehr schwierig — ebenso schwierig, wie sie von der Welle zu trennen, die ihr unmittelbar vorausläuft und sie hinter sich her ans Ufer zu ziehen scheint, bis sie dann schließlich gleichsam gegen sie kehrt macht, wie um sie aufzuhalten. Betrachtet man ferner die Welle in ihrer Breite, als Front parallel zum Verlauf der Küste, so ist es schwierig, genau zu bestimmen, bis wohin die näherkommende Front sich kontinuierlich erstreckt und wo sie beginnt, sich zu teilen und auseinanderzufallen in eigenständige Wellen mit unterschiedlicher Schnelligkeit, Stärke, Gestalt und Richtung.

Kurzum, man kann eine Welle nicht isoliert betrachten, ohne dabei die vielfältigen Aspekte mit einzubeziehen, die zu ihrer Bildung zusammenwirken, desgleichen die ebenso vielfältigen, die sie von sich aus bewirkt. Und diese Aspekte verändern sich ständig, weshalb eine Welle jedesmal anders ist als eine andere; gleichwohl ist freilich nicht zu bestreiten, daß jede Welle stets einer anderen gleicht, wenn auch nur einer, die ihr nicht unmittelbar vorausläuft oder unmittelbar folgt. Kurzum, es gibt Formen und Abfolgen, die sich, wenn auch in unregelmäßiger Verteilung über Raum und Zeit, wiederholen. Da nun Herr Palomar im Moment nichts anderes zu tun gedenkt, als eine Welle einfach zu sehen, das heißt ihre simultanen Bestandteile allesamt zu erfassen, ohne auch nur den geringsten davon zu vernachlässigen, wird sein Blick so lange auf der Bewegung des Wassers ruhen, das er ans Ufer schwappen sieht, wie er Aspekte zu registrieren vermag, die ihm zuvor noch entgangen waren. Sobald er dann feststellt, daß die Bilder sich wiederholen, weiß er, daß er nun alles gesehen hat, was er sehen wollte, und kann aufhören.

Als nervöser Zeitgenosse, Bewohner einer hektischen und überfüllten Welt, neigt Herr Palomar zur Beschränkung seiner Kontakte mit der Außenwelt, und im Bestreben, sich vor der allgemeinen Neurotik zu schützen, sucht er seine Gefühle so gut er kann unter Kontrolle zu halten.

Der Buckel des näherkommenden Wellenberges hebt sich an einer Stelle höher als anderswo, und das ist der Augenblick, da er weiß zu schäumen beginnt. Geschieht dies in einer gewissen Entfernung vom Ufer, so bleibt dem Schaum noch genügend Zeit, sich aufschäumend gleichsam in sich selbst zu verhüllen und wie verschluckt zu verschwinden und im gleichen Moment wieder alles zu überfluten, diesmal aber von unten aufsteigend, wie ein Teppich, der sich den Strand hinaufschiebt, um die anrollende Welle zu empfangen. Doch erwartet man nun, daß die Welle sich auf den Teppich wälzt, so stellt man auf einmal fest, daß keine Welle mehr da ist, sondern nur noch der Teppich, und auch der verschwindet im Nu, verwandelt sich in ein Glitzern von nassem Sand, das rasch zurückweicht, wie verdrängt von der Expansion des trockenen bleichen Sandes, der seine wellige Grenze voranschiebt.

Zur gleichen Zeit muß man die Knicke der Front ins Auge fassen, die Stellen, an denen die Welle sich in zwei Flügel teilt, deren einer von rechts nach links zum Ufer strebt und der andere von links nach rechts, wobei der Ausgangs- oder Zielpunkt ihres Auseinander- oder Zusammenlaufens jene Spitze im Negativ ist, die dem Vormarsch der Flügel zwar folgt, aber sie nie zu erreichen vermag und stets ihrer wechselseitigen Überlappung unterworfen bleibt, bis sie von einer anderen Welle eingeholt wird, einer stärkeren, doch mit demselben Problem der Divergenz — Konvergenz, und schließlich von einer noch stärkeren, die den Knoten löst, indem sie ihn einfach zerschlägt.

Dem Muster der Wellenbewegungen folgend schiebt der Strand kaum angedeutete Zungen ins Wasser vor, die sich in mehr oder weniger überspülten Sandbänken fortsetzen, je nachdem, wie die Strömungen sie im Spiel der Gezeiten bilden und wieder zerstören. Eine dieser flachen Sandzungen ist es, die Herr Palomar sich als Beobachtungsstandpunkt gewählt hat, weil die Wellen schräg von rechts und links über sie schwappen und, wenn sie den Buckel des halb im Wasser befindlichen Teils überspülen, in der Mitte zusammentreffen. Um zu erkennen, wie eine Welle beschaffen ist, muß man daher diese gegeneinander gerichteten Schübe beachten, die sich in gewisser Weise neutralisieren und in gewisser Weise summieren und schließlich ein allgemeines In- und Durcheinander sämtlicher Schübe und Gegenschübe im gewohnten Zerfließen des Schaumes erzeugen.

Herr Palomar sucht nun zunächst sein Beobachtungsfeld zu begrenzen: Wenn er ein Quadrat von, sagen wir, zehn Metern Breite am Strand auf zehn Meter Tiefe ins Meer überblickt, kann er ein Inventar aller Wellenbewegungen aufstellen, die sich darin mit wechselnder Häufigkeit in einer gegebenen Zeitspanne wiederholen. Das Schwierige ist, die Grenzen dieses Quadrats im Blick zu behalten, denn nimmt er zum Beispiel als entfernteste Seite von seinem Standpunkt die Kammlinie einer näherkommenden Welle, so verdeckt diese Linie, während sie näherkommt und sich dabei hebt, vor seinen Augen all das, was hinter ihr liegt, und der zu prüfende Raum klappt auf und preßt sich im gleichen Zuge zusammen.

Dennoch läßt sich Herr Palomar nicht entmutigen, und jeden Augenblick glaubt er auch schon, glücklich alles gesehen zu haben, was er von seinem Beobachtungsstandpunkt sehen kann, doch immer wieder springt ihm dann etwas ins Auge, was ihm zuvor noch entgangen war. Hätte er nicht diese Ungeduld, ein komplettes und definitives Ergebnis seiner visuellen Operation zu erzielen, so wäre das Wellenbetrachten für ihn eine sehr erholsame Übung und könnte ihn vor Neurosen bewahren, vor Herzinfarkten und Magengeschwüren. Und vielleicht könnte es der Schlüssel sein, um die Komplexität der Welt in den Griff zu bekommen durch ihre Reduktion auf den einfachsten Mechanismus.

Doch jeder Versuch zur Präzisierung dieses Modells muß die Rechnung mit einer langgezogenen Welle machen, die quer zu den Flügeln und parallel zur Küste anrollt, wobei sie einen durchgängigen und nur leicht erhobenen Kamm vorangleiten läßt. Die kleinen Sprünge der schräg zum Ufer drängenden Wellen stören nicht den gleichmäßigen Elan dieses festen und glatten Kammes, der sie im rechten Winkel schneidet, und man weiß nicht, wohin er geht noch woher er kommt. Vielleicht aus einer leichten Brise vom Land, die das Wellenspiel an der Oberfläche bewegt, entgegen den Tiefenströmungen aus den Wassermassen des offenen Meeres. Doch diese langgezogene Welle, die aus der bewegten Luft entsteht, nimmt unterwegs auch die schrägen Schübe mit auf, die aus dem Wasser entstehen, und leitet sie um und lenkt sie in ihre Richtung und trägt sie mit sich voran. So wächst sie beständig weiter und gewinnt solange an Stärke, bis der unentwegte Zusammenprall mit den quer- und gegenläufigen Wellen sie langsam schwächt und schließlich verschwinden läßt, oder sie dreht und windet, bis sie zerfließt in einer der vielen Dynastien schräger Wellen, um mit ihnen ans Ufer zu klatschen.

Konzentriert man die Aufmerksamkeit auf einen Aspekt, so springt er mit einem Satz in den Vordergrund und erfüllt das ganze Tableau, wie bei jenen Bildern, vor denen man nur die Augen zu schließen braucht, und wenn man sie wieder öffnet, hat sich die Perspektive verändert. Jetzt, in diesem Durcheinander verschieden gerichteter Wellenkämme, erscheint das Gesamtbild zerstückelt in lauter Einzelbilder, die auftauchen und verschwinden. Hinzu kommt, daß auch der Rückfluß jeder einzelnen Welle noch eine gewisse Schubkraft hat, die sich den nach- und über sie kommenden Wellen entgegenstellt, und konzentriert man die Aufmerksamkeit auf diese rückwärtsgewandten Schübe, so scheint es, als sei die wahre Bewegung das Drängen vom Ufer zum Meer.

Ist dies womöglich das wahre Ergebnis, zu dem Herr Palomar gerade gelangt: die Wellen in Gegenrichtung laufen zu lassen, die Zeit umzukehren, die wahre Substanz der Welt jenseits der üblichen Sinnes- und Denkgewohnheiten zu erkennen? Nein, er gelangt nur bis zur Empfindung eines leichten Schwindelgefühls, nicht weiter. Das beharrliche Drängen, das die Wellen zur Küste treibt, überwiegt, sie haben sogar noch an Stärke gewonnen. Dreht sich etwa der Wind? Wehe, wenn das Bild, das Herr Palomar so penibel zusammenbekommen hat, jetzt durcheinandergerät und zerfällt! Nur wenn es ihm gelingt, alle Aspekte gleichermaßen im Blick zu behalten, kann er die zweite Phase seiner Operation in Angriff nehmen: die Ausweitung dieser Erkenntnis auf das ganze Universum.

Es würde genügen, nicht die Geduld zu verlieren, was aber bald geschieht. Herr Palomar geht weiter den Strand entlang, nervös wie zuvor und noch ungewisser in allem.

Der nackte Busen

Herr Palomar geht einen einsamen Strand entlang. Vereinzelt trifft er auf Badende. Eine junge Frau liegt hingebreitet im Sand und sonnt sich mit nacktem Busen. Herr Palomar, ein diskreter Zeitgenosse, wendet den Blick zum Horizont überm Meer. Er weiß, daß Frauen in solchen Situationen, wenn ein Unbekannter daherkommt, sich häufig rasch etwas überwerfen, und das findet er nicht schön: weil es lästig ist für die Badende, die sich in Ruhe sonnen will; weil der Vorübergehende sich als ein Störenfried fühlt; weil es implizit das Tabu der Nacktheit bekräftigt und weil aus halbrespektierten Konventionen mehr Unsicherheit und Inkohärenz im Verhalten als Freiheit und Zwanglosigkeit erwachsen.

Darum beeilt er sich, sobald er von weitem den rosigbronzenen Umriß eines entblößten weiblichen Torsos auftauchen sieht, den Kopf so zu halten, daß die Richtung der Blicke ins Leere weist und dergestalt seinen zivilen Respekt vor der unsichtbaren Grenze um die Personen verbürgt.

Allerdings — überlegt er, während er weitergeht und, kaum daß der Horizont wieder klar ist, die freie Bewegung seiner Augäpfel wieder aufnimmt — wenn ich mich so verhalte, bekunde ich ein Nichthinsehenwollen, und damit bestärke am Ende auch ich die Konvention, die den Anblick des Busens tabuisiert, beziehungsweise ich errichte mir eine Schranke, eine Art geistigen Büstenhalter zwischen meinen Augen und jenem Busen, dessen Anblick mir doch, nach dem Schimmern zu urteilen, das am Rande meines Gesichtsfeldes aufleuchtete, durchaus frisch und wohlgefällig erschien. Kurzum, mein Wegsehen unterstellt, daß ich an jene Nacktheit denke, mich in Gedanken mit ihr beschäftige, und das ist im Grunde noch immer ein indiskretes und rückständiges Verhalten.

Auf dem Heimweg von seinem Spaziergang kommt Herr Palomar wieder an jener sonnenbadenden Frau vorbei, und diesmal hält er den Blick fest geradeaus gerichtet, so daß er mit gleichbleibender Gelassenheit den Schaum der rückwärtsfließenden Wellen streift, die Planken der an Land gezogenen Boote, den Frotteestoff des über den Sand gebreiteten Badetuches, den Vollmond von hellerer Haut mit dem braunen Warzenhof und die Konturen der Küste im Dunst, grau gegen den Himmel.

Jetzt — denkt er mit sich zufrieden, während er seinen Weg fortsetzt — jetzt ist es mir gelungen, mich so zu verhalten, daß der Busen ganz in der Landschaft aufgeht und daß auch mein Blick nicht schwerer wiegt als der einer Möwe oder eines fliegenden Fisches.

Aber ist eigentlich — überlegt er weiter — dieses Verhalten ganz richtig? Bedeutet es nicht, den Menschen auf die Stufe der Dinge niederzudrücken, ihn als Objekt zu betrachten, ja, schlimmer noch, gerade das an seiner Person als Objekt zu betrachten, was an ihr spezifisch weiblich ist? Perpetuiere ich damit nicht gerade die alte Gewohnheit der männlichen Suprematie, die mit den Jahren zu einer gewohnheitsmäßigen Arroganz verkommen ist?

Er dreht sich um und geht noch einmal zurück. Wieder läßt er den Blick mit unvoreingenommener Sachlichkeit über den Strand gleiten, aber diesmal richtet er es so ein, daß man, sobald die Büste der Frau in sein Sichtfeld gelangt, ein Stocken bemerkt, ein Zucken, fast einen Seitensprung. Der Blick dringt vor bis zum Rand der gewölbten Haut, weicht zurück, wie um mit leichtem Erschauern die andersartige Konsistenz des Erblickten zu prüfen und seinen besonderen Wert einzuschätzen, verharrt für einen Moment in der Schwebe und beschreibt eine Kurve, die der Wölbung des Busens in einem gewissen Abstand folgt, ausweichend, aber zugleich auch beschützend, um schließlich weiterzugleiten, als sei nichts gewesen.

So dürfte nun meine Position — denkt Herr Palomar — ziemlich klar herauskommen, ohne Mißverständnissen Raum zu lassen. Doch dieses Überfliegenlassen des Blickes, könnte es nicht am Ende als eine Überlegenheitshaltung gedeutet werden, eine Geringschätzung dessen, was ein Busen ist und was er bedeutet, ein Versuch, ihn irgendwie abzutun, ihn an den Rand zu drängen oder auszuklammern? Ja, ich verweise den Busen noch immer in jenes Zwielicht, in das ihn Jahrhunderte sexbesessener Prüderie und als Sünde verfemter Begehrlichkeit eingesperrt haben!

Eine solche Deutung stünde quer zu den besten Absichten des Herrn Palomar, der, obwohl Angehöriger einer älteren Generation, für welche sich Nacktheit des weiblichen Busens mit der Vorstellung liebender Intimität verband, dennoch mit Beifall diesen Wandel der Sitten begrüßt, sei’s weil sich darin eine aufgeschlossenere Mentalität der Gesellschaft bekundet, sei’s weil ihm persönlich ein solcher Anblick durchaus wohlgefällig erscheinen kann. So wünscht er sich nun, daß es ihm gelingen möge, genau diese uneigennützige Ermunterung in seinem Blick auszudrücken.

Er macht kehrt und naht sich entschlossenen Schrittes noch einmal der Frau in der Sonne. Diesmal wird sein unstet über die Landschaft schweifender Blick mit einer besonderen Aufmerksamkeit auf dem Busen verweilen, aber er wird sich beeilen, den Busen sogleich in eine Woge von Sympathie und Dankbarkeit für das Ganze mit einzubeziehen: für die Sonne und für den Himmel, für die gekrümmten Pinien, das Meer und den Sand, für die Düne, die Klippen, die Wolken, die Algen, für den Kosmos, der um jene zwei aureolengeschmückten Knospen kreist.

Das dürfte genügen, um die einsame Sonnenbadende definitiv zu beruhigen und alle abwegigen Schlußfolgerungen auszuräumen. Doch kaum naht er sich ihr von neuem, springt sie auf, wirft sich rasch etwas über, schnaubt und eilt mit verärgertem Achselzucken davon, als fliehe sie vor den lästigen Zudringlichkeiten eines Satyrs.

Das tote Gewicht einer Tradition übler Sitten verhindert die richtige Einschätzung noch der aufgeklärtesten Intentionen, schließt Herr Palomar bitter.

Das Schwert der Sonne

Der Reflex auf dem Meer entsteht, wenn die Sonne sich neigt: Vom Horizont her schiebt sich ein blendender Fleck zum Ufer, ein Streifen aus tanzenden Glitzerpunkten; dazwischen verdunkelt das Mattblau des Meeres sein Netz. Die weißen Boote werden im Gegenlicht schwarz, verlieren an Konsistenz und Volumen, erscheinen wie aufgesogen von jener glitzernden Sprenkelung.

Um diese Zeit macht sich Herr Palomar, der ein Spätling ist, an sein Abendschwimmen. Er geht ins Wasser, löst sich vom Ufer, und der Sonnenreflex auf dem Meer wird ein schimmerndes Schwert, das sich vom Horizont heran bis zu ihm erstreckt. Herr Palomar schwimmt in dem Schwert, oder besser gesagt, das Schwert bleibt immer vor ihm, bei jedem seiner Schwimmstöße weicht es zurück und ist nie zu erreichen. Wohin er die Arme auch wirft, überall nimmt das Meer seine abendlich dunkle Färbung an, die sich hinter ihm bis zum Ufer erstreckt.

Während die Sonne tiefer sinkt, färbt der Reflex sich von schimmerndem Weiß zu kupfergoldenem Rot. Und wohin Herr Palomar sich auch wendet, stets ist er selber die Spitze des schlanken Dreiecks. Das Schwert folgt ihm und deutet auf ihn wie ein Uhrzeiger mit der Sonne als Zapfen.

Ein Gruß, den die Sonne mir ganz persönlich entbietet — ist Herr Palomar zu denken versucht, oder besser gesagt, nicht er, sondern das egozentrische und größenwahnsinnige Ich in seinem Innern. Aber das depressive und selbstquälerische Ich, das mit dem anderen zusammen im gleichen Gehäuse wohnt, erwidert: Jeder, der Augen hat, sieht, daß der Reflex ihm folgt; die Täuschung der Sinne und Gedanken hält uns alle gefangen. — Ein dritter Mitbewohner interveniert, ein eher ausgeglichenes Ich: Wie dem auch sei, ich gehöre jedenfalls zu den fühlenden und denkenden Wesen, die fähig sind, in ein Verhältnis mit den Sonnenstrahlen zu treten und nicht nur Wahrnehmungen zu interpretieren, sondern auch Täuschungen einzuschätzen.

Jeder Badende, der um diese Zeit nach Westen schwimmt, sieht den schimmernden Streifen, der auf ihn gerichtet ist, um knapp vor dem Punkt, an den er die Arme wirft, zu erlöschen. Jeder hat seinen Reflex, der nur für ihn diese Richtung hat und sich immer mit ihm bewegt. Rechts und links neben dem Streifen ist das Blau des Wassers viel dunkler. Ist dies das einzige nicht Illusorische, das wir alle gemeinsam haben: das Dunkel? — fragt sich Herr Palomar. Doch nein, das Schwert springt gleichfalls jedem ins Auge, es gibt keine Möglichkeit, ihm zu entfliehen. Ist das, was wir alle gemeinsam haben, vielleicht gerade das, was jedem persönlich zu eigen ist?