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Scarlett wacht in einer Art Zwischenwelt auf und macht sich auf die Suche nach ihrem Gefährten Chris. In der realen Welt warten weitere Probleme auf Scarlett: Offiziell sind sie und Chris tot, der Leiter der Libelle will ihren Kopf und versklavt weiterhin magische Wesen, um sich selbst zu bereichern. Als Scarlett dann das Schicksal einer einzelnen Hexe innerhalb der Mauern der Libelle mitbekommt, fasst sie einen Entschluss: Sie muss die Libelle stoppen! Dafür schlägt sie allerdings Wege ein, die erneut ihr Leben in Gefahr bringen.
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Seitenzahl: 277
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Stefanie Purle
Hexenseele
Band 6 der "Scarlett Taylor"-Reihe
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Impressum neobooks
Natürlich habe ich mir schon einmal Gedanken darüber gemacht wie es ist, zu sterben. Was kommt nach dem Tod? Der Himmel? Die Hölle? Oder ein großes Nichts? Und wohin reisen die Seelen von magischen Wesen? Teilen sie sich den Himmel mit den menschlichen Seelen, oder sehen wir unsere normalsterblichen Freunde im Jenseits nie mehr wieder?
Was auch immer dies für ein Ort ist, an dem ich mich nun befinde, er kam in keiner meiner Vorstellungen vor.
Ich bin allein und es ist Nacht. Ich liege auf dem Rücken, mitten auf der Landstraße, nahe dem Bahnübergang. Über mir sehe ich das Blätterdach der umstehenden Bäume. Kein Blatt regt sich, kein Lüftchen weht.
Chris ist nicht hier, und sein Transporter ebenfalls nicht. Selbst der Leichnam von Daphne Rudenko ist verschwunden, genau wie Ebraxas und Corvina.
Meine Erinnerungen an das zuletzt Geschehene kehren nur langsam und bruchstückartig zu mir zurück. Ich setze mich auf, reibe mir die pochende Stirn und versuche zu verstehen, was passiert ist.
Ebraxas, der Leiter der geheimen Organisation namens „Libelle“, war hier. Er hatte eine Waffe. Ich war so wütend, so unsagbar wütend und aufgebracht. Alle Wut brach auf magische Weise aus mir heraus und ich konnte meine Druidennatur mit meiner Hexennatur verbinden, und habe so einen Kreis aus glühenden Wurzeln um uns geschlossen. Ja, ich erinnere mich an die Hitze, die von den brennenden Baumwurzeln ausging. Wie habe ich das nur gemacht? Niemand hatte mir erklärt, wie man solch einen kraftvollen Zauber wirkt.
Chris! Oh mein Gott! Er ist tot! Ebraxas hat ihn erschossen! Ich erinnere mich wieder, er wurde von einer Kugel in die Stirn getroffen und ist gestorben…
Ich halte die Hand auf mein Brustbein, laufe keuchend, wimmernd und schluchzend umher, während ich immer wieder nach ihm rufe. „Chris! Wo bist du?“
Wenn er ebenfalls gestorben ist, dann muss er doch hier sein! Aber er ist es nicht! Niemand ist hier! Hier ist nichts, keine Magie, keine lebendigen Elemente, keine Geistwesen und scheinbar nicht eine einzige Seele weit und breit.
Es ist die Welt, so wie ich sie kenne, und doch ist sie ganz anders.
Ich glaube, dies ist meine ganz persönliche Hölle.
Keine Ahnung wie lange ich gebraucht habe, um endlich mit dem panischen Kreischen und Herumrennen aufzuhören. Es ist immer noch Nacht, und das schon seit einiger Zeit. Stunden? Tage? Ich weiß es nicht.
Meine Augen brennen vom vielen Weinen, mein Hals schmerzt und mir ist übel. Wer hätte gedacht, dass man auch nach seinem Tod noch körperliche Schmerzen fühlen kann?
Ich besehe meine Hände im graublauen Mondschein, dann meine Arme, meinen Körper und meine Kleidung. Sieht so meine Seele aus? Nehmen Seelen die Form des Körpers an, die er zum Zeitpunkt des Todes hatte? Ich hatte mir etwas Mystischeres vorgestellt, eine Art Lichtkugel vielleicht, die von Wolke zu Wolke schwebt, aber nicht das!
„Chris!“, krächze ich immer wieder und laufe über die gepflasterte Landstraße, auf der Chris´ Transporter zuletzt parkte. Doch ich bekomme keine Antwort.
Wieder und wieder gehe ich die Stelle ab, an der sich alles abgespielt hat. Dort auf dem Boden lag Daphne Rudenkos Leichnam, den ich mit ihrer Stola abgedeckt habe. Um uns herum ließ meine Druidenmagie die Straße aufbrechen, als sich dicke Wurzeln an die Oberfläche kämpften und uns mit glühendem Feuer zusammen umkreisten. Jedoch sehe ich keine Spuren davon. Die Straße ist intakt, die umliegenden Bäume sind nicht von Flammen angesengt. Nichts zeugt davon, dass dieser Kampf jemals stattgefunden hat.
Der Stromkasten! Ich renne auf ihn zu und reiße die schmale Tür daran auf, die vor kurzer Zeit noch ein Portal zurück zu Ebraxas Büro war. Aber da ist kein Portal, nur ein Stromkasten mit Sicherungskästen, dicken Kabeln, einem Feuerlöscher und mehreren Schildern mit Warnhinweisen.
Verzweifelt schlage ich die Tür wieder zu und schreie aus heiserer Kehle meinen Frust und die Trauer in diese einsame Welt hinaus, bevor ich auf die Knie sacke und mein Gesicht in meinen Händen verberge.
Ich weine, bis ich keine Tränen mehr übrig habe und zum ersten Mal seit Langem nehmen meine Gefühle keinen Einfluss auf das Wetter. Der Himmel ist noch immer einfach nur bewölkt, kein Windhauch ist zu spüren und weder Regen noch Hagel prasseln auf mich nieder. Keine Blitze, kein Donner, nichts!
Irgendwann stehe ich auf und laufe schlurfend und mit gesenktem Kopf einfach die Straße hinunter. Wenn ich von nun an bis in alle Ewigkeit in dieser Kopie meiner früheren Welt gefangen bin, dann muss ich mir zwangsläufig einen Unterschlupf suchen. Ich bin zwar weder müde, noch hungrig, aber ich habe trotzdem nicht vor, für immer an diesem Bahnübergang festzusitzen. Außerdem habe ich die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, hier vielleicht doch noch auf eine andere Seele zu treffen. Es ist immer noch möglich, dass Chris ebenfalls an diesem Ort gefangen ist. Er starb einige Minuten vor mir, womöglich ist seine Seele auch gerade auf der Suche nach mir. Dieser Gedanke treibt mich an und ich beschleunige meine Schritte.
Je weiter ich mich vom Bahnübergang entferne, umso dunkler wird es. Es gibt hier keine Straßenlaternen und der Mond ist hinter einer halbtransparenten Wolke verschwunden, sodass nur ein Hauch seines silbrigen Lichtes den Weg erhellt. Ich versuche eine Flamme heraufzubeschwören, die mir Licht spenden kann, doch es funktioniert nicht. Es gibt hier keine Elemente, keine Magie, kein Licht. Es gibt nur mich und die Dunkelheit.
Nach gefühlten Stunden erreiche ich den Wald, der unser Haus umgibt. Ich renne, doch es ist unsagbar anstrengend. Mein schwerer Körper ist ungelenk und steif, als sei ich nur ein Mensch aus Fleisch und Blut und keine Druidenhexe mehr. Die Schwerkraft scheint verstärkt zu sein und jeder Schritt ist eine Qual!
In diesem Moment kommt mir der Gedanke, dass ich dies alles verdient habe! Ich habe den Tod mehrerer Menschen auf dem Gewissen, die nur gestorben sind, weil ich eine Ghula befreit habe.
Ich wollte Ebraxas töten, ich war sogar bereit dazu, meine eigene Tante Corvina umzubringen!
Ich bin eine Mörderin und habe diese einsame dunkle Hölle verdient.
Es ist noch immer dunkel, als ich den See erreiche. Ich weiß nicht, warum ich nicht zuerst im Haus nachgesehen habe, aber irgendwie hielten mich die dunklen Fenster davon ab, hineinzugehen. Der Gedanke daran, das Haus leer aufzufinden, macht mir Angst. Wenn Chris dort nicht ist, bin ich mir sicher, dass er sich gar nicht in dieser seltsam stillen Kopie der echten Welt befindet, und eigentlich wünsche ich mir sogar, dass er diesen dunklen, falschen Abklatsch unseres Hauses nicht sehen muss, auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, die Ewigkeit hier allein zu verbringen.
Der See liegt vollkommen still da. Keine seichten Wellen schwappen ans Ufer, die Wasseroberfläche ist vollkommen glatt. Von unseren Kois ist nichts zu sehen, generell scheint es hier außer mir kein weiteres Lebewesen zu geben. Ich höre weder Grillen, noch Kröten oder Vögel. Auch wenn es Nacht ist, müsste ich doch irgendwas hören! Was ist mit den nachtaktiven Waldtieren, die um unser Haus herum leben? Ist wirklich nichts und niemand hier?
Schweigend lausche ich der Stille und sitze im hohen Gras, nahe des Ufers. Nichts bewegt sich, kein Grashalm, kein Blatt, noch nicht einmal eine Wolke. Ich glaube, dies ist der unheimlichste Ort, den es im ganzen Universum gibt.
Ich warte. Minuten, vielleicht sogar Stunden. Doch nichts geschieht. Absolut nichts! Es wird nicht heller, es bleibt alles gleich, als befände ich mich in einer Momentaufnahme, dem Standbild einer dunklen Welt. Und schon wieder treibt dieser Gedanke an die ewige Einsamkeit an diesem Ort mir die Tränen in die Augen. Leise schluchzend lasse ich ihnen ihren Lauf und wische nur gelegentlich mit dem Ärmel meines Pullovers über mein nasses Gesicht. Ich sollte aufstehen, mich endlich aufraffen und ins Haus gehen, auch wenn es leer ist. Es bringt nichts, hier weiter in der Kälte im Gras zu hocken und zu weinen.
Als ich gerade aufstehen will, sehe ich für einen kurzen Moment ein schwaches Leuchten an einer Uferstelle. Ich blinzle, reibe mir über die Augen und schaue erneut hin. Da ist etwas, ein gräuliches Glimmen, ganz schwach und kaum wahrnehmbar.
„Hallo? Ist da jemand?“, rufe ich in die Richtung des Schimmers und rapple mich auf.
Ich habe Angst, mit einer zu schnellen Bewegung das, was auch immer sich dort manifestieren möchte, zu verschrecken, also schleiche ich in gebückter Haltung näher heran. „Geh bitte nicht weg“, flehe ich den Lichtschimmer an.
Dann sehe ich noch mehr dieser gräulich leuchtenden Fleckchen, sie sind um den gesamten See herum verteilt. Schnell zähle ich durch und komme auf eine Anzahl von sieben schwachen Lichtern, die den See umgeben. Und in dem Moment wird mir klar, wer sich da zu manifestieren versucht, ich weiß es instinktiv: Meine Urahnen, die sieben Elstern!
„Bleibt hier, bitte“, keuche ich und knie mich neben den nächstgelegenen Lichtfleck am Boden. Mit zitternden Fingern berühre ich das schwache Glimmen und spüre eine Art Kraft von ihm aufsteigen. „Kommt zu mir, bitte lasst mich hier nicht allein!“
Je länger meine Finger über dem Licht ruhen, umso größer wird das Leuchten. Es bricht aus der Erde heraus und wächst empor. Die umliegenden restlichen sechs Lichter schweben über den See in meine Richtung und kommen immer näher.
Instinktiv versuche ich auf meine Magie zuzugreifen, um ihnen mehr Kraft zu schenken, doch ich finde keinen Zugang. Trotzdem wachsen die Lichter weiter, formen sich zu mannshohen Säulen mit gräulich leuchtenden Konturen, die mir nun langsam die Körper der längst verstorbenen Hexen und Kräuterfrauen zeigen.
Ich richte mich auf, erwidere ihr mildes Lächeln und spüre eine enorme Erleichterung in mir aufsteigen. Ich bin nicht allein in dieser Welt gefangen, meine Ahnen, die Kräuterfrauen, die vor hunderten von Jahren einst Magie an diesem Ort ausübten, sind bei mir.
Schließlich stehen sie alle Sieben um mich herum und ich besehe mir eine halbtransparente Silhouette nach der anderen. Sie sind unterschiedlichen Alters, die Jüngste ist um die zwanzig, die Älteste schätzungsweise um die siebzig Jahre alt. Sie tragen fließende Gewänder, die jüngeren mit geflochtenen Taillengürteln und Blumenranken in den hüftlangen Haaren.
„Ich kenne noch nicht einmal eure Namen“, stelle ich fest und schüttle verwundert mit dem Kopf. „Wieso seid ihr hier? Wie kann das sein?“
Die älteste und kleinste Frau sieht zu mir auf und ergreift meine Hand. Ich spüre ihren Griff nur hauchzart und eisigkalt auf meiner Haut. Ihr Gesicht ist von tiefen Falten geprägt, die Augen sind schmal und voller Güte, doch ihre Farbe kann ich nicht erkennen, alles an ihr leuchtet in diesem gräulichen Schimmer.
„Wir sind schon lange miteinander verbunden, Scarlett“, sagt sie und ihre zitternde Stimme hallt von weit her. „Schon lange beobachten wir dich und die vielen anderen Versionen aus anderen Dimensionen von dir. Wir waren es, die der Scarlett aus der Zukunft damals rieten, dir unsere Grimoires zu hinterlassen.“
„Eure Grimoires?“, hake ich nach und versuche ihren kryptischen Worten einen Sinn zu verleihen.
Die alte Frau nickt lächelnd. „Es ist kompliziert, Scarlett. Als körperlose Wesen können wir zwischen den Dimensionen umherreisen. Die Dimensionen, die ihr Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit nennt, können wir alle sehen. Manchmal greifen wir ein, wenn es zum Wohle der magischen Welt von Nöten ist. So überzeugten wir eine zukünftige Version deiner Selbst, dir unsere Grimoires zu überlassen, die der schwarze König in seiner Bibliothek lagerte.“
„Okay“, antworte ich mit unüberhörbarer Verwirrung in der Stimme.
Nun wendet sich eine der jüngeren Frauen an mich. Sie legt ihre kalte Geisterhand auf meine Schulter und ich sehe in ihr hübsches Gesicht. Sie hat runde Wangen, die zu Lebzeiten mit Sommersprossen übersäht gewesen sein müssen. Ihr Haar ist geflochten und oberhalb des Ohres stecken kleine Blüten darin. „Die Grimoires ermöglichten dir, den Inviolabilem-Zauber durchzuführen, ohne den du jetzt nicht hier wärst.“
Das Lächeln, das ich ihr bislang noch erwidert hatte, fällt aus meinem Gesicht. „Ohne den Zauber wäre ich nicht hier?“ Meine Augen sind weit aufgerissen, die Worte hallen laut aus meinem Mund. Ihnen habe ich es zu verdanken, in dieser seelenleeren Hölle festzusitzen?
„Dunkle Zauber fordern Opfer, Scarlett“, sagt eine Stimme hinter mir, doch ich drehe mich noch nicht einmal zu ihr um.
Stattdessen verlasse ich ihren Kreis und versuche einen klaren Gedanken zu fassen, obwohl ich ihrer aller Blicke in meinem Rücken spüre.
„Ohne den Inviolabilem-Zauber wärst du gestorben“, sagt eine der Kräuterfrauen. „Wir haben die Zukunft dieser Dimension ohne dich gesehen, Scarlett, und dazu durfte es einfach nicht kommen.“
Mein Blick ruht auf dem bewaldeten Hang, auf dem oben das kolossale Holzhaus der Familie Belger thront – Mein Zuhause, das jetzt leer und verlassen daliegt, als sei es nur eine Attrappe, eine Requisite der Vergangenheit.
„Ich bin gestorben“, antworte ich leise. „Und Chris ebenfalls.“ Dann drehe ich mich zu ihnen um. „Und wenn mein Gefährte nicht lebt, will ich auch nicht mehr am Leben sein.“
Unsere Blicke begegnen sich und ich sehe sie nacheinander an. Die Älteren wirken missmutig, ein wenig verärgert und eine der Sieben schnauft. Die Jüngeren hingegen legen den Kopf schief und lächeln mitfühlend und von Trauer ergriffen. Vielleicht haben sie selbst einen Geliebten verloren und können meine Gefühle nachempfinden.
„Du musst leben!“, sagt die Älteste und zieht die Augenbrauen zusammen. Mit festen Schritten, die noch nicht einmal einen Grashalm krümmen, stampft ihr transparenter Körper auf mich zu. „Du schuldest es der magischen Welt! Du bist die erste Druidenhexe, der Urtypus einer neuen Art! Die Prophezeiung endet hier nicht, du hast dein Soll noch nicht erfüllt!“
Eine weitere Geisterhexe schließt zu ihr auf, ihr Gesicht wirkt ebenso unerbittlich, wie das der Ältesten. „Wir haben dich nicht umsonst zum Inviolabilem-Zauber geführt! Du musst leben, Scarlett, und sei es nur, um danach weitere sechs Male zu sterben! Das bist du uns schuldig…“
„Weitere sechs Male?“, hake ich nach. „Wieso sechs Male? Wovon sprichst du überhaupt?“
Eine der übrigen Hexen tritt vor. Sie knetet ihre Finger und blickt mit reumütigem Blick zu mir auf. „Wollen wir das nicht in Ruhe besprechen?“, fragt sie und deutet hoch zum Haus. „Lasst uns doch alle reingehen und die Angelegenheit in Ruhe klären, einverstanden?“
Ich hatte Recht. Das Haus ist leer. Chris ist nicht hier, auch wenn es so aussieht, als sei er nur kurz unterwegs und nicht tot. Alles ist noch so, wie wir es zuletzt verlassen haben. Sein Kapuzenpullover hängt noch über dem Hocker an der Kücheninsel, ein paar Tassen stehen in der Spüle, warten darauf, in die Spülmaschine einsortiert zu werden.
Ich versuche Licht zu machen, doch weder der Strom noch die Streichhölzer wollen funktionieren.
„Gib es auf“, sagt die zweitälteste Hexe und nimmt am großen Esstisch Platz.
Die übrigen tun es ihr gleich.
„Hier gibt es keine Elemente, also auch kein Feuer“, erklärt eine der Jüngeren und klopft auf den Stuhl neben ihr. „Setz´ dich zu uns, wir haben einiges zu bereden.“
Sobald sie sich alle um den Tisch herum versammelt haben, wirft das gräuliche Schimmern ihrer Körper einen schwachen Lichtschein in den Raum. Ich nehme neben der sommersprossigen Kräuterfrau Platz und schaue die Älteste an, die offenbar nur darauf wartet, mit ihrer Geschichte zu beginnen.
„Dieser Wald und das umliegende Land waren einst unsere Heimat“, erzählt sie und blickt mit einem wehmütigen Lächeln aus der Fensterfront neben ihr hinaus. „Vor vielen Jahrhunderten lebten wir in einer Dorfgemeinschaft zusammen unter Menschen. Die Menschen nannten uns Kräuterfrauen und wussten unsere Heilkünste sehr zu schätzen. Doch dann begann die Zeit der Hexenverfolgung und mit unserem Frieden im Dorf war es vorbei.“
Ich beobachte, wie sich die Stimmung am Tisch verändert. Eine Art Angst und knisternde Wut liegt in der Luft.
„Fast jeder, der irgendwie auffiel, wurde der Hexerei beschuldigt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Nachbarn und ehemalige Freunde verrieten sich aus Angst gegenseitig und viele unschuldige, nicht-magische Wesen mussten sterben. Irgendwann traf es dann auch uns.“
„Das tut mir sehr leid“, sage ich bestürzt.
Die Rednerin nickt. „Frauen, die eine Fehlgeburt erlitten, wurden angeklagt, mit dem Teufel in Verbindung zu stehen. Frauen mit Muttermalen wurden hingerichtet, denn die Male wurden als Hexenmale angesehen. Rothaarige, sommersprossige, kluge und intelligente Frauen, alleinstehende Frauen, Frauen mit Katzen als Haustiere, sie alle wurden verbrannt, aus Angst vor der Hexerei und dem Teufel.“
Ich kann nur betroffen mit dem Kopf schütteln. Natürlich kenne ich die Geschichte der Hexenverfolgung, doch sie von einem Opfer zu hören, ist etwas ganz anderes. Es geht mir sehr nahe und für einen Moment vergesse ich meine eigene unglückliche Situation.
„Wir Sieben waren schon immer eng befreundet, und als wir erfuhren, dass die Hexenverfolger näherkamen, schmiedeten wir einen Pakt. Wir wussten, dass wir ihnen nicht entkommen konnten, also fanden wir einen Schlupfweg.“
Interessiert beuge ich mich vor. „Einen Schlupfweg?“
Sie nickt. „Wir banden unsere Seelen an die Plejaden, dem Sternbild, die sieben Schwestern oder auch das Siebengestirn genannt. Wir wollten den Tod nicht akzeptieren und hofften, dass wir so eines Tages zurückkehren können, wenn die Welt wieder sicherer geworden ist.“
Sie pausiert und blickt auf ihre gefalteten Hände auf dem Tisch. Die übrigen sechs wirken ebenfalls bedrückt und irgendwie müde.
„Aber das seid ihr nicht“, schlussfolgere ich. „Oder doch?“
„Nein, das sind wir nicht“, bestätigt sie und blickt langsam wieder auf. „Seit mehr als vierhundert Jahren beobachten wir nun schon die magische Welt, doch sicher war es für Unseresgleichen nie! All unsere Lieben starben und ihre Seelen reisten weiter, nur wir blieben stecken. Wir konnten zwar ihre Leben verfolgen und ihnen auch mal eine Eingebung, oder einen Hinweis geben, wenn sie offen dafür waren. Aber Kontakt konnten wir mit keinem aufnehmen. Wir haben uns mit dem Plejaden-Bann mehr selbst geschadet als genützt.“
Offenbar sehe ich verwirrt aus, denn die jüngere Hexe neben mir wendet das Wort an mich. „Hätten wir unsere Seelen nicht an die Plejaden gebunden, wären sie weitergereist und vielleicht schon ein paar Mal wiedergeboren worden. Doch so hängen wir in einem ähnlichen Limbus wie diesem hier fest. Und das seit Jahrhunderten“, erklärt sie.
„Aber ihr sagtet doch, dass ihr eure Lieben und mich beobachtet habt, in vielen Dimensionen“, grüble ich nach und stelle mir dabei unsichtbare Geisterseelen vor, die hinter Lebenden stehen und ihnen bei ihrem Tun und Handeln zusehen.
„Um sie zu beobachten, müssen wir den Limbus nicht verlassen. Wir können den Limbus nicht verlassen.“
„Das ist so nicht ganz richtig“, wendet die Älteste ein. „Wir können den Limbus sehr wohl verlassen, das war ja damals auch der Plan. Allerdings müssen wir heraufbeschworen werden. Doch um das Leben auf der Erde oder in einer der vielen Dimensionen zu beobachten, brauchen wir nur unseren Zirkel.“
„Moment mal.“ Ich halte ihnen die Handfläche entgegen und kneife für eine Sekunde die Augen zu, doch auch das hilft nicht, um all die neuen Informationen in meinem Kopf zu ordnen. „Was genau ist eigentlich der Limbus, und wieso bin ich jetzt hier? Und was wollt ihr von mir, warum habt ihr dafür gesorgt, dass ich hierherkomme? Und wie zum Teufel heißt ihr überhaupt?“
Bei Erwähnung des Gehörnten ducken sich die Jüngeren Hexen und schauen sich um, als erwarteten sie etwas. Doch es geschieht nichts.
„Wie töricht von dir, an solch einem Ort seinen Namen auszusprechen!“, ermahnt mich die Älteste und schüttelt mit dem Kopf. „Der Limbus ist eine Art Zwischenwelt. Von hieraus geht es nur gen Himmel, Hölle oder Erde. Wer nicht an diese drei Orte gehört, gelangt in seinen persönlichen Limbus. Nur von dort ist eine Rückkehr zum irdischen Leben möglich. Ist die Seele erst einmal weitergereist, ist es zu spät.“
Ich nicke und erkenne so langsam, warum die Hexen sich für den Limbus entschieden haben. Falls ihrer auch nur annähernd so unheimlich und verlassen ist wie meiner, dann frage ich mich wirklich, wie sie das all die Jahrhunderte über ausgehalten haben.
„Du bist in deinem Limbus, weil der Inviolabilem-Zauber verhindert, dass deine Seele weiterwandert. Nur so kann dein Tod aufgehalten werden. Du bist zu wichtig für die magische Welt, deswegen haben wir dafür gesorgt, dass du unsere Grimoires erhältst und den Unversehrtheitszauber anwendest.“
„Wusstet ihr, dass Ebraxas Zaballa Chris und mich erschießen wird?“, frage ich und spüre einen Kloß in meinem Hals bei dem Gedanken an meinen geliebten Gefährten.
Sie antworten nicht direkt, doch ich sehe in ihren Augen, dass sie Bescheid wussten.
„Wäre es nicht einfacher gewesen, Chris und meinen Tod von vornherein zu verhindern?“ Meine Stimme bricht und der leere Raum hinter meinem Brustbein zieht sich zusammen.
Die Älteste schüttelt mit dem Kopf. „Wir brauchten deinen Tod, Scarlett, so leid es uns auch tut.“
„Was?“, krächze ich räuspernd und schlucke den Kloß herunter. „Ihr braucht meinen Tod?“
Jetzt nickt sie. „Ja. Deine Tode sind unsere einzigen Auswege aus dem Limbus.“
„Und was ist mit Chris?“ Sein Name verlässt nur als elendiges Krächzen meinen Mund. Ich schnappe nach Luft und lege die Hand auf das große schwarze Loch hinter meinem Brustbein. „Habt ihr seinen Tod einfach in Kauf genommen? Als Ticket ins Jenseits? Eine Art Kollateralschaden?“
Eine eiskalte transparente Geisterhand legt sich auf meinen Unterarm und ich blicke durch den Schleier meiner Tränen zur jüngeren Hexe neben mir. „Scarlett, ihr seid Gefährten! Unserer Ansicht nach müsste der Unversehrtheitszauber auch für ihn gelten, denn im magischen Sinne seid ihr eins.“
Ich reiße die Augen auf und heiße Tränen laufen über meine Wangen. „Was?“, frage ich blinzelt und verwirrt. „Aber… Ich habe ihn sterben sehen! Die Kugel ist durch seinen Schädel hindurch, sein ganzer Hinterkopf war…“ Ich kann nicht weitersprechen.
„Als wir den Zauber niederschrieben, gab es noch keine Waffen wie die, die eure Generation heute benutzt“, sagt die Zweitälteste. „Trotzdem wirkt der Zauber und das Fleisch wird heilen.“
Ich springe auf und der Stuhl auf dem ich saß kippt nach hinten, doch das kümmert mich nicht. „Wo ist er? Wenn er nicht tot ist, wo ist er dann?“, schreie ich die sieben schemenhaften Geisterhexen an, die mit großen Augen zu mir aufsehen.
Die Älteste deutet mir an, mich wieder zu setzen, doch ich kann nicht. „Wahrscheinlich ist er in seinem eigenen Limbus, Scarlett! Aber nun beruhige dich! Wir müssen noch einiges besprechen. Du wirst schneller wieder bei ihm sein, wenn du uns zuhörst!“
Mein keuchender Atem füllt die erwartungsvolle Stille, die sich nun ausbreitet. Besteht wirklich die Möglichkeit, dass Chris noch lebt? Hat unsere Gefährtenverbindung und der Inviolabilem-Zauber ihn gerettet?
Diese kleine Flamme der Hoffnung flackert in diesem leeren Raum hinter meinem Brustbein, beginnt ihn zu erhellen und mich dabei wieder mit Lebenswillen zu erfüllen. Ich stelle meinen Stuhl wieder auf und setze mich. „Was soll ich machen?“
Die Älteste lächelt zufrieden und auch die übrigen wirken erleichtert. „Du kannst den Limbus durch den See der Tränen hindurch wieder verlassen und in dein altes Leben zurückkehren. Aber dafür musst du eine von uns mitnehmen. Wenn eine von uns als Geistererscheinung mit dir reist, wird ihre Seele auf die nächste Ebene katapultiert und ist frei. Nur so können unsere Seelen Frieden finden. Du jedoch wirst aus dem See der Tränen in deinen Körper zurückkehren.“
Ich reibe mir die Schläfen und versuche ihre Worte zu verarbeiten. Hätte ich mich doch nur früher schonmal mit dem Thema beschäftigt, dann wären mir Dinge wie Limbus, See der Tränen und die magischen Gesetze der Seelenwanderung vielleicht geläufig.
„See der Tränen? Wo und was soll das sein?“, hake ich nach und setze schon zu einer weiteren Frage an, doch die Älteste unterbricht mich, indem sie den Finger hebt.
„Du wirst uns einfach vertrauen müssen. Du hast nicht die Zeit, um alles bei deinem ersten Tod zu hinterfragen. Du wirst zurückreisen müssen, bevor sie dich beerdigt haben.“
„Was?“, schreie ich auf und ein grausames Bild von mir in einem Sarg tief unter der Erde erfüllt meine Gedanken. „Bevor sie mich beerdigen? Oh mein Gott, wie lange bin ich denn schon hier?“
Aus Gewohnheit blicke ich auf meine Armbanduhr, doch die Zeiger darin drehen sich wild in verschiedene Richtungen. Die Angst, dass mein Körper bereits beerdigt worden ist und ich in einem Sarg erwache, bringt mein Herz zum Rasen.
Die Älteste schaut zur jüngsten Hexe herüber und ihr Gesichtsausdruck wird milde. „Es ist an der Zeit“, sagt sie und erhebt ihren geisterhaft transparenten Körper.
Auch die übrigen stehen auf und wenden ihre Blicke zur Jüngsten neben mir. Sie nicken ihr zu, klopfen ihr aufmunternd auf die Schulter, während sie zu Schluchzen beginnt.
„Ihr werdet mir fehlen“, wimmert sie und ihre transparente Erscheinung flackert.
Dann wendet sich die Älteste erneut an mich. „Scarlett, versuche niemals mehr über uns herauszufinden, vor allem nicht unsere Namen! Du darfst unsere Namen nicht kennen, denn allein der Gedanke an uns kann an unseren Seelen zerren und sie zurück in den Limbus reißen! Denke noch nicht einmal an uns! Verstanden?!“
Mit großen Augen sehe ich sie an, dann nicke ich. „Okay.“ Meine Hände zittern, mein Herz poltert in meiner Brust und vor lauter Aufregung wird mir übel.
Die jüngste Hexe ergreift meine Hand. Ich spüre einen leichten Druck aus kaltem Nebel an meinen Fingern. „Ich danke dir, Scarlett“, sagt sie und sieht mich aus müden, tränenunterlaufenen Augen heraus an. „Danke, dass du mir mit deinem Tod den ewigen Frieden schenkst.“
Ich zucke mit den Schultern und vor lauter Nervosität dringt ein kurzes Kichern aus meiner Kehle. Sie braucht sich nicht zu bedanken. Ohne die sieben Hexen wäre mein Leben bereits vorbei. Außerdem wirkt es nicht so, als hätte ich unbedingt eine Wahl. Natürlich nehme ich ihre Geisterseele mit mir, wenn das bedeutet, dass ich dann wieder in meinem alten Leben und bei Chris bin.
„Ich muss mich bedanken“, sage ich nun und schaue sie nacheinander an. „Ohne euer Grimoire wäre ich jetzt tot, für immer. Und Chris ebenfalls.“ Die letzten Worte kommen nur gebrochen aus meinem Mund und schon wieder weine ich.
Sie begleiten die jüngste Hexe und mich hinaus und hinunter zum See. Wir gehen allesamt schweigend. Meine Hand, die die Jüngste noch immer fest umklammert hält, ist mittlerweile eiskalt und taub, doch ich beschwere mich nicht. Ich brauche ihren Halt ebenso wie sie meinen.
Als wir am Ufer stehenbleiben, sehe ich sie fragend an. „Das soll der See der Tränen sein?“, will ich wissen und schaue über die schwarz glänzende Wasseroberfläche.
Die zweitälteste tritt vor. „Du hast ihn dazu gemacht, ja.“
Ich soll diesen See in den See der Tränen verwandelt haben? „Wie?“
„Auf seinem Grund hast du ein magisches Wesen getötet, den Wendigo. Danach hast du ihn instinktiv wieder mit neuem Leben gefüllt, als du die Fische hineingesetzt hast. Und schließlich hast du den Inviolabilem-Zauber an seinem Ufer und in seinen Tiefen vollzogen. So wurde er zu deinem persönlichen See der Tränen.“
Ich denke an den Kampf mit dem menschenfressendem Wendigo, den ich mit dem Knochen eines seiner Opfer getötet habe, und an meine wunderschönen Fische, die ich danach hineingesetzt habe. Eigentlich war ich der Überzeugung, dass ich dem See damit etwas Gutes tue, doch offensichtlich habe ich damit unbewusst auch meine Rückfahrkarte ins Leben erschaffen.
Die Älteste tritt an meine Seite und sieht mich an. „Ihr müsst gehen“, sagt sie und blickt dann an mir vorbei zur Jüngsten. „Wir kommen nach, meine Liebe. Irgendwann sind wir alle wieder zusammen. Bis dahin wirst du im Jenseits bei deinen Lieben sein und uns gar nicht vermissen.“
Mit tränenerstickter Stimme lacht die jüngste Hexe neben mir und nickt.
„Die Gefährtenverbindung wird deine Begleiterin automatisch zur Seele deines Gefährten ziehen. Sie wird ihn ebenfalls durch den See der Tränen führen, danach ist sie frei“, erklärt die Älteste. „Dein Inviolabilem-Zauber ist an uns gebunden, deswegen können du und Chris nur noch sechs weitere Male sterben. Und nur wenn ihr gleichzeitig sterbt, so wie dieses Mal, reicht eine einzelne unserer Seelen aus, um euch beide zurückzubringen.“
„Ich… Ich habe nicht vor, in nächster Zeit erneut zu sterben, und Chris ebenso wenig“, sage ich mit einem unguten Gefühl im Bauch. „Werdet ihr solange warten können?“
Sie lächelt und in ihren gräulich durchschimmernden Augen sehe ich ein Wissen, vor dem ich mich instinktiv fürchte. „Wir werden uns wiedersehen, früher oder später. Die Zeit im Limbus vergeht anders, musst du wissen, und wenn man eh in der Lage ist, seinen Geist durch Raum und Zeit zu schicken, hat Zeit keine große Bedeutung mehr.“
Mit zitternder Unterlippe nicke ich. Ich habe Angst. Angst vor dem, was gleich passieren wird und Angst davor, noch viele weitere Male zu sterben.
„Aber nun geht. Für uns mag Zeit keine Bedeutung haben, aber in deiner Realität läuft sie weiter, Scarlett. Haltet einander an den Händen und lauft durch das Wasser. Alles weitere wird von selbst geschehen.“
Der Griff der Geisterhand verstärkt sich und ein eisiger Schauer läuft an meinen Arm hoch. Ich blicke auf unsere Füße hinab, die nur wenige Zentimeter vom stillen Wasser entfernt sind. Die Hexe neben mir tut den ersten Schritt und ich mache es ihr nach. Geräuschlos taucht mein Fuß ins Wasser, dann ziehe ich den anderen nach. Weder Kälte noch Nässe sind zu spüren. Ich schaue die junge Hexe neben mir an, ihr Gesicht ist erwartungsvoll und freudig, doch in ihren Augen liegt auch ein Hauch von Angst vor der Ungewissheit.
Wir gehen weiter und tiefer hinein, bis das tiefschwarze Wasser uns fast bis zum Hals geht. Dann umschließt das Wasser uns ganz und ich bin nicht mehr im See, sondern in einem großen schwarzen Nichts.
Die Hand der jüngsten Hexe wird mir entrissen und sie ist verschwunden, bevor ich sie noch ein letztes Mal anschauen kann. Ich taumle durch tiefdunkle Schwärze und dann befinde ich mich wieder in meinem menschlichen Körper. Meine Augen sind geschlossen, die Hände liegen gefaltet auf meinem Bauch. Ich schnappe nach Luft, sauge den Sauerstoff in meine Lungen wie ein Ertrinkender. Hustend reiße ich die Augen auf und sehe nichts als Dunkelheit.
Von Panik ergriffen reiße ich die Arme hoch und taste meine Umgebung ab. Weicher Stoff umgibt mich, unter meinem Kopf ist ein Kissen und mein Körper liegt auf einem harten Untergrund. Ich will schreien, doch es kommt kein Ton aus meiner Kehle.
Mein schlimmster Albtraum ist wahr geworden: Ich wurde lebendig begraben!
Meine Finger tasten die Decke ab, sie ist ebenfalls mit Stoff bezogen und ich suche verzweifelt nach einem Hebel oder einem Riegel, auch wenn ich bezweifle, dass Särge innen mit Öffnungsmechanismen ausgestattet sind. Panisch trommle ich mit den Beinen, strample um mich, in dem Versuch, irgendwie dieser Kiste zu entkommen. Vom lauten Pochen meines Herzschlages erkenne ich zuerst meinen eigenen Schrei gar nicht, doch als er endlich an mein Ohr dringt, verstumme ich und zwinge mich zur Ruhe.
Ich muss hier raus, ich muss schnell hier raus!
Die Vorstellung von meterdicken Erdschichten über mir raubt mir die Luft zum Atmen.
Dann endlich besinne ich mich meiner Magie und durch die Panik befeuert rauschen die Elemente zu mir, wie von einem Magneten angezogen. Wind rauscht durch die kleine Kammer über meinen liegenden Körper hinweg, ich spüre den Strom des Grundwassers unter meinem Rücken und kleine Feuerfunken beleuchten nun den Innenraum.
Ich liege tatsächlich in einem Sarg!
Nicht durchdrehen, Scarlett, dreh jetzt nicht durch! Immer wieder rede ich mir selbst gut zu und überlege, wie ich hier rauskommen kann. Ich lasse Blitze an meiner rechten Hand entstehen und feuere, ohne groß zu überlegen, gegen den Deckel über mir. Ein lauter Knall ertönt, Holz bricht und die Hälfte des Sargdeckels springt offen. Ich mache mich für die Erdmassen bereit, die nun auf mich herabfallen müssten, doch es passiert nichts. Stattdessen blicke ich nun auf eine von schwachem Lichtschein beschienene Zimmerdecke.
Ich richte meinen Oberkörper auf uns linse über den Rand des Sarges. Man hat mich noch nicht beerdigt, ich stehe in einer kleinen Kapelle und neben meinem Sarg steht noch ein weiterer.
„Chris!“, schreie ich und klettere aus dem gesprengten Loch im Sargdeckel hinaus. Der Sarg kippt und ich lande mit einem lauten Krachen, samt Sarg, auf dem Boden. „Chris!“
Immer wieder rufe ich seinen Namen, während ich den Sarg von meinen Beinen streife, wie einen hölzernen Reifrock. Der Duft von Rosen und angesengtem Holz steigt in meine Nase, während ich mich keuchend aufrapple und um den zweiten Sarg herumgehe. Meine Finger tasten über das polierte Kiefernholz und fingern nach der losen Verriegelung. Als ich sie endlich gelöst bekomme und den Deckel aufschiebe, reißt mir Chris´ Anblick den Boden unter den Füßen weg. Aus meinem Mund kommt ein Schrei, der dem Kreischen eines verwundeten Tieres ähnelt.
Ich lege die Hände um sein wachsartiges Gesicht, streiche über die Bartstoppeln an seinem Kinn und klopfe sacht gegen seine Wange. „Chris… Bitte, komm zurück! Chris, ich flehe dich an!“
Mein Kopf sackt nach hinten und ich schluchze gen Himmel, bevor mein Oberkörper über seinem offenen Sarg zusammensackt. Meine Knie geben nach, der Schmerz ist einfach zu viel, dies ist mehr als ich ertragen kann.
Meine Finger krallen sich an seinem hellblauen Hemdskragen fest und ich beginne an seinem Körper zu rütteln, doch er reagiert nicht. Er öffnet die Augen nicht. Mein Gefährte wirkt wie ein Crash-Test-Dummy, eine leblose Puppe, ohne Körperspannung und ohne ein einziges Lebenszeichen.
