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Die SCARLETT TAYLOR – REIHE: Eine Paranormal-Romance-Serie, voller Magie, Dämonen, Hexen und mystischer Kreaturen. *** Band 5 der "Scarlett Taylor"-Reihe *** Scarlett und ihr Parapsychologen-Team sind mit der Planung des neuen Hexenladens beschäftigt, als Elvira eine Ankündigung macht, die alles ins Wanken bringt. Für Scarlett bricht eine Welt zusammen, doch sie gibt ihr Bestes, um es allen recht zu machen. Dabei schlägt sie allerdings Wege ein, die nicht jeder in ihrem Umfeld gutheißen kann und gerät dadurch ebenso auf den Radar einer geheimen Organisation, die ganz andere Pläne mit ihr hat. In der "Scarlett Taylor"-Reihe sind bereits erschienen: Band 1: "Scarlett Taylor - Parapsychologin wider Willen" Band 2: "Scarlett Taylor - Hexenblut" + Band 2.5: Die Novelle "Scarlett Taylor - Parapsychologin im Weihnachtsstress" Band 3: "Scarlett Taylor - Prophezeiung" Band 4: "Scarlett Taylor - Wendy" Band 5: "Scarlett Taylor - Libelle"
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Seitenzahl: 535
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Stefanie Purle
Scarlett Taylor - Libelle
Band 5
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Impressum neobooks
Für Frank
Du besitzt die seltene Gabe,
Kritik in Zuckerwatte zu packen und
mit einer Prise Humor zu würzen.
Danke für dein Interesse
und deine Begeisterung!
Du ahnst nicht,
wie viel mir das bedeutet.
Der Herbst kam mit dem Ostwind zusammen und pustete innerhalb weniger Tage auch den letzten Rest des Sommers davon. Den Himmel sieht man jetzt nur noch in eine Decke aus grauen Wolken eingehüllt, die den Regen, der uns im Sommer fehlte, jetzt doppelt und dreifach nachliefern. Das Wasser sammelt sich in dreckigen Pfützen, auf denen braun-orange Blätter wie unförmige Boote dahinsegeln. Unter meinen Füßen knacken Eicheln und Kastanien, die auf dem Bürgersteig verstreut liegen. Die Äste der Bäume sind schon fast kahl. Es sieht aus, als versuchen sie mit ihren dürren Fingern die Wolkendecke beiseite zu schieben, um endlich wieder etwas von der wärmespendenden Sonne zu sehen. Doch leider gelingt es ihnen nicht. Stattdessen peitscht der Wind auch die letzten Blätter von ihren Zweigen und lässt sie wie ein Konfettiregen aus Rot, Orange, Braun und Gelb zu Boden schweben.
Ich bin auf dem Weg zu einem Treffen mit meiner Tante Elvira. Sie hat mir gestern eine SMS geschrieben und mich zu einem letzten Eis in der örtlichen Eisdiele eingeladen, bevor nächste Woche die Saison beendet ist. Zuerst wollte ich mit dem Bulli fahren, doch dann habe ich es mir beim Anblick der letzten bunten Herbstblätter in den Baumwipfeln anders überlegt. Ich liebe diese Jahreszeit. Erst recht, seitdem ich eine Hexe, oder besser gesagt eine Druidenhexe bin. Für mich hat jede Jahreszeit ihren eigenen Reiz, doch die Farben des Herbstes mag ich am liebsten und nutze deshalb jede Möglichkeit, um draußen zu sein. So habe ich viel mehr Gelegenheit, das herumwirbelnde Laub zu betrachten, dem Ruf der Krähen zu lauschen und den typisch erdigen Duft des Herbstes zu genießen.
Ein eisiger Windhauch fegt über die Straße hinweg und ich klappe den Kragen meines weinroten Wollmantels hoch. Meine Jackentaschen sind voll mit glänzenden Kastanien und besonders schönen Eicheln. Gerade als ich mich bücke, um eine weitere Kastanie aufzuheben, höre ich Elvira meinen Namen rufen.
„Scarlett! Hier bin ich!“
Ich blicke auf und sehe sie an der gegenüberliegenden Straßenseite stehen. Sie steckt in einem Ungetüm von hellblauem Steppmantel und hat einen ewig langen weißen Schal um ihren Hals gewickelt, dessen Enden vom Wind in alle Richtungen gezerrt werden.
„Hey Elvira!“, rufe ich zurück und schaue über die Straße. „Warte, ich komme.“
Sie nimmt mich in den Arm, sobald ich sie erreicht habe und drückt mich fest. „Schön, dass du Zeit hattest“, sagt sie und blickt mich an. „Neuer Mantel?“
„Ja“, antworte ich und kann nicht umhin, ihre glasigen Augen zu bemerken. „Alles okay bei dir?“
„Ja, ja, natürlich“, sagt sie rasch und wischt über ihre Augen. „Der Wind.“
Dann hakt sie sich bei mir ein und wir laufen die restlichen hundert Meter zur Eisdiele gemeinsam.
Der Fahrradstand, der noch vor knapp zwei Wochen kaum genügend Platz für all die bunten Kinderfahrräder bot, ist nun leer, bis auf ein einzelnes schwarzes Herrenrad, das vom Wind in Schräglage versetzt wurde. Vor dem Eingang, wo sonst mehrere Tische mit Rattan-Stühlen standen, steht nun nichts mehr außer einem ausgeblichenen Plastik-Sonnenschirmständer, um den der Wind kleine Laubhaufen herum drapiert.
Wir gehen hinein und Elvira lotst mich zu einer Nische im hinteren Bereich des Raumes. Schweigend endledigen wir uns unserer Jacken und ich spüre ein seltsames Unbehagen in mir aufsteigen. Elvira ist so anders als sonst, ihre ganze Haltung wirkt angespannt.
„Und du bist sicher, dass mit dir alles okay ist?“, frage ich, als wir uns setzen.
Sie nickt, ohne mich anzusehen, doch dann geht ihr Nicken in ein Schulterzucken und schließlich in Kopfschütteln über.
„Was ist los?“ Ich strecke die Hand über den Tisch aus, doch sie verbirgt ihre Hände in ihrem Schoß.
Mit einem halbherzigen Lächeln sieht sie mich endlich an und holt Luft. „Ich muss dir etwas sagen“, überwindet sie sich schließlich.
Sofort mache ich mir Sorgen. „Ist was mit Mama? Geht es ihr gut? Geht es dir gut?“
„Ja, ja“, beruhigt sie mich und senkt die Lider. „Es geht uns gut.“
Erleichtert lehne ich mich zurück. „Was ist es dann? Was musst du mir sagen?“
Wieder holt sie Luft und reibt ihre Hände unter dem Tisch, vermutlich um sie aufzuwärmen und gleichzeitig Zeit zu schinden. Man kann deutlich sehen, dass sie mit sich hadert.
„Na los, nun spuck schon aus“, fordere ich sie auf und lache, doch sie stimmt nicht in mein Lachen ein, sondern sieht mich ernst an.
„Ella und ich werden umziehen.“
Blinzelnd begegne ich ihrem Blick, während ich die Information verarbeite. „Okay… Wird Mama das Gästezimmer zu klein?“
Elvira schüttelt mit dem Kopf. „Nein. Wir werden wegziehen. Weg von hier.“
Für einen Moment scheint die Zeit stillzustehen. „Weg von hier“, wiederhole ich murmelnd und Elvira nickt. „Und wohin?“
„Ella möchte an die Küste, sie wollte schon immer ans Meer.“
„An die Küste?“, unterbreche ich meine Tante lautstark.
Der Kellner schaut verdutzt und neugierig zu uns, auch die wenigen Gäste drehen sich zu uns um.
„Ja, an die Küste. Rund drei Stunden Fahrt von hier.“
Ich verstehe es nicht und schüttle mit dem Kopf. „Aber wieso? Warum so weit weg?“ Meine Stimme klingt weinerlich, obwohl ich eher verwundert als traurig bin.
„Ich denke, die Küstenluft wird Ella guttun. Sie muss mehr raus, braucht mehr Bewegung. Sie kann nicht den ganzen Tag nur auf diesem Sessel sitzen!“
„Das sehe ich genauso“, antworte ich. „Aber das kann sie doch auch hier! Sie kann genauso gut hier spazieren gehen.“
Meine Tante schüttelt mit dem Kopf. Ihr graues Haar mit den auffallend weißen Strähnen, die vom Töten hunderter dunkler Wesen herrühren, fällt in ihr Gesicht. Sie streicht es sich hinter die Ohren, bevor sie mich ernst ansieht. „Nein, das kann sie nicht“, sagt sie. „Nicht hier.“
Es dauert ein wenig, bis es in meinem Kopf Klick macht. Dabei ist es nicht so, dass ich mir der Tatsache, dass meine Mutter Angst vor mir und meinesgleichen hat, nicht bewusst wäre. Es ist eher so, dass ich mir diesen Gedanken nicht zugestehen mag, da es einfach zu weh tut.
„Weil wir hier sind“, sage ich und mache eine ausladende Handbewegung, die alle magischen Wesen im Ort mit einschließen soll.
Elvira nickt und legt mit einem mitleidigen Blick den Kopf schief. „Es tut mir leid, Scarlett“, sagt sie und schiebt die Unterlippe vor. „Ich habe wirklich geglaubt, dass sie einfach nur Zeit braucht. Aber sie braucht nicht nur Zeit, sondern auch Abstand, so wie es aussieht.“
Ich senke den Blick und blinzle die Tränen weg, die langsam meinen Blick verschleiern wollen. Wie viele Tränen habe ich in meinem Leben schon um meine Mutter geweint? Es müssen Milliarden gewesen sein. Erst habe ich sie vor knapp zehn Jahren durch den Fluch meines Vaters ans Wachkoma verloren, und dann, nachdem endlich der Fluch gebrochen wurde, habe ich sie erneut verloren, weil sie eine tief verwurzelte Angst und Abneigung gegen magische Wesen wie mir hat.
Und nun verliere ich sie schon wieder.
„Und warum konnte sie mir das nicht persönlich sagen?“, frage ich und wische eine Träne von meiner Wange. „Warum schickt sie dich vor?“
„Das weißt du doch. Sie kann es nicht. Es ist alles zu viel für sie.“
Ja, das weiß ich. Alles ist zu viel für meine Mutter, seitdem sie aus dem Koma erwacht ist. Das Leben an sich ist für sie zur Bürde geworden. Alles ist neu, unbekannt und beängstigend für sie.
„Was darf ich Ihnen bringen?“, unterbricht der Kellner unser Gespräch in dem Moment, als wir beide mit gesenkten Köpfen schweigend dasitzen.
Elvira räuspert sich und holt die Eiskarte heran. „Den Nussbecher und eine Cola bitte“, ordert sie und schiebt mir dann die Karte über den Tisch.
Ohne den Kellner, die Karte oder Elvira anzusehen, bestelle ich nur einen Vanille Latte. Den hätte ich auch Zuhause haben können, aber ich habe jetzt keine Lust mir ein Eis auszusuchen.
„Bist du sicher, dass du kein Eis willst?“
„Ja“, antworte ich patzig und starre aus dem Fenster, wo das Laub wirbelnd über den Parkplatz fegt.
„Scarlett, bitte-“,
„Ich habe jetzt keine Lust auf Eis“, unterbreche ich sie ein weiteres Mal und verschränke die Arme vor der Brust.
Der Kellner nickt und entfernt sich rasch.
„Du benimmst dich wie ein bockiges Kind“, zischt Elvira leise mahnend.
Mit vor Wut zusammengepressten Lippen funkle ich sie an. „Und was ist mit dir? Willst du auch weg von hier? Weg von mir?“
Das letzte Wort bleibt mir fast im Halse stecken, woraufhin meine Tante ihre tadelnde Haltung fallenlässt und stattdessen wieder diesen mitleidigen Blick aufsetzt.
„Ach, Scarlett“, seufzt sie. „Ich will doch nicht weg von dir.“ Sie senkt nachdenklich die Lider und scheint ihre Worte abzuwiegen. Dann gleitet ihr Blick zum Fenster. „Aber weißt du, dieser Ort…“
„Was ist mit dem Ort?“
Ein paar weitere Sekunden schaut sie noch den herumwirbelnden Blättern auf dem Parkplatz zu, dann stützt sie die Unterarme auf den Tisch und blickt auf ihre gefalteten Hände.
„Ich habe mich knapp achtundzwanzig Jahre lang dem Paranormalen gewidmet. Ich habe das Parapsychologenbüro geleitet, hatte ein Team bestehend aus Mannwölfen, Medien, Schamanen, Hexen und etlichen Parapsychologen“, erzählt sie und ich frage mich, worauf sie eigentlich hinauswill. „Ich hatte es mit Geistern zu tun, die in der Schule spukten, auf die ich selbst einst gegangen bin. Ich habe gesehen, wie der Sohn meines Postboten von einem Dämon besessen war, wie er Innereien aus einer halbtoten Ziege gefressen hat! Ich musste mitansehen, wie meine Friseuse sich in einen dunklen Vampir verliebte und beinahe selbst zu einem geworden wäre, hätte ich ihn nicht getötet!“
Sie schüttelt mit dem Kopf und schließt die Augen. „Ich habe den Geist der Mutter der Supermarktkassiererin ins Jenseits geschickt, und sie weiß noch nicht einmal davon. Ich war auf der Beerdigung meines Schulfreundes, der offiziell bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Ich war die einzige, die wusste, was wirklich geschehen ist: Er wurde von einem Werwolfsrudel in Stücke gerissen. Ich selbst habe es wie einen Autounfall aussehen lassen.“
Ich höre ihr schweigend zu, warte ab, bis sie auf den Punkt kommt.
Sie seufzt und drückt Daumen und Zeigefinger gegen ihre Augenlider. Ihre Schultern sind herabgesackt, plötzlich wirkt sie auf mich älter als sie eigentlich ist. Dann nimmt sie die Hand herunter und sieht mich aus geröteten Augen an.
„Ich wollte das alles nicht, Scarlett. Ich bin in dieses Milieu hineingerutscht, weil ich deinen Vater dabei beobachtet habe, wie er durch das Tor beim alten Gut hindurchging und sich in Luft auflöste. Es war ein Portal, wie ich heute weiß. Und als er deine Mutter dann schwanger sitzengelassen hat, wollte ich Rache. Doch ich hatte keine Ahnung, auf was ich mich da einließ. Plötzlich war ich mittendrin und eins führte zum anderen.“
Der Kellner kommt mit Elviras Eis, der Cola und meinem Vanilla Latte herbei und wir schweigen. Sein Lächeln und fröhliches Geplapper dringen zu keinem von uns durch, weswegen er mit einem missmutigen Schnauben den Bon auf den Tisch wirft und zurück hinter seine Theke geht.
„Als Ella dann einen Tag vor deinem achtzehnten Geburtstag ins Koma fiel, hatte ich so eine Ahnung, woran es lag. Mir war gleich klar, dass es ein Fluch ist. Und meine Kontakte zur magischen Welt bestätigten es irgendwann dann auch. Jeder wusste Bescheid darüber, doch kaum einer traute sich, es auszusprechen. Doch nun war ich noch wütender auf deinen Vater! Nicht nur, dass er Ella und dich vor deiner Geburt verlassen hatte, er hatte meine Schwester nun auch noch ins Koma gelegt!“
„Ja, ich weiß das alles“, melde ich mich wieder zu Wort. „Aber der schwarze König ist tot! Er ist keine Gefahr mehr.“
Sie gibt ein ironisches Lachen von sich. „Als wenn er das einzige Problem wäre, Scarlett.“ Kopfschüttelnd und mit einem falschen Lächeln auf den Lippen macht sie eine ausladende Handbewegung. „Sie sind überall! Der ganze Ort ist voll von Erinnerungen an die letzten neunundzwanzig Jahre! Hinter jeder Ecke lauert etwas!“
Ich kann nicht anders, als sie mit Unverständnis anzublicken. „Ich finde, du kannst stolz auf das sein, was du geleistet hast“, sage ich in ruhigem Ton, da wir erneut die Aufmerksamkeit aller Gäste auf uns gezogen haben. „Du hast die Welt ein ganzes Stück besser gemacht.“
Jetzt schnaubt sie und vergräbt ihr Gesicht in den Händen. „Das mag sein“, murmelt sie in ihre Handflächen hinein. „Aber für mich ist es, als sei ich in einem immerwährenden Albtraum gefangen.“
Einige Atemzüge lang sagt keiner von uns etwas. Die Gespräche im Raum nehmen wieder zu, Löffelklappern und Tassenklirren mischen sich zu einem monotonen Rauschen.
„Elvira… Ich hatte keine Ahnung, dass es dir so damit geht“, sage ich schließlich, ehrlich schockiert, und bin versucht nach ihrer Hand zu greifen, lasse es dann aber sein.
Sie nimmt die Hände von ihrem Gesicht und streicht sich die Haare hinter die Ohren. „Die Parapsychologie war nie mein Gebiet. Es ging mir immer nur darum, meine Familie zu schützen.“ Wieder seufzt sie und wirkt dabei matt und müde. „Ich musste so viele Menschen anlügen, was meinen Beruf anging. Nie konnte ich wirklich jemanden an mich heranlassen, ohne zu riskieren, sie in Gefahr zu bringen.“ Sie sieht mich an und in ihren Augen sehe ich ein stummes Flehen. „Ich denke, es ist an der Zeit, dass ich auch mal an mich denke.“
Mein Kopf bewegt sich automatisch zu einem Nicken. Ich verstehe sie, auch wenn ich nicht so empfinde. Noch nicht. Vielleicht wird mir das Paranormale auch irgendwann zu viel. Womöglich ist meine Neugierde eines Tages gestillt und ich empfinde die Welt auch als einen Ort, an dem hinter jeder Ecke Monster lauern.
Allerdings bin ich selbst eines dieser Monster.
„Und mit Mama an die Küste zu ziehen ist das, was du willst?“, hake ich schließlich nach.
Elvira nickt. „Ja… Ein neuer Ort, wo wir von niemandem die Geheimnisse kennen, das wäre schön. Ein Ort, wo mich nicht jedes Gebäude mit seiner Geschichte heimsucht, wo mich nicht jedes Gesicht an einen Fall erinnert.“
Mit leicht verschwommenem Blick nehme ich meinen Löffel und rühre den Schaum meines Latte unter. In mir kämpfen zwei widersprüchliche Gefühle um die Oberhand: Einerseits verstehe ich Elvira und kann mir vorstellen, dass sie an einem Ort, wo sie niemanden kennt und noch einmal von vorne anfangen kann, glücklicher wäre. Andererseits bin ich wütend und enttäuscht, weil meine Tante und meine Mutter vor mir und meinesgleichen fliehen wollen.
Mama… Sie hat sich noch nicht einmal getraut, mir persönlich von ihrem Umzug zu erzählen. Aber das sollte mich eigentlich nicht wundern, denn wir haben seit ihrem Erwachen kaum ein vernünftiges Gespräch miteinander geführt. Um ehrlich zu sein, waren unsere Gespräche intensiver, als sie noch im Wachkoma lag, denn da konnte sie sich wenigstens nicht von mir abwenden!
„Und wann soll es losgehen?“, traue ich mich schließlich nach einigen schweigsamen Minuten zu fragen.
Elvira blickt nicht von ihrem Eisbecker auf, in dem sie nur gedankenverloren herumrührt, ohne davon zu essen. „Ende der Woche.“
Mir fällt mein Löffel aus der Hand und landet scheppernd auf dem Marmortisch. „Was?“
„Geplant haben wir den Umzug schon länger, wir wollten dich aber erst informieren, wenn alles feststeht.“
„Ende der Woche?“ Mein Gehirn braucht etwas Zeit, um die Informationen zu verarbeiten. Sie gehen weg. Es steht fest. Und ich kann nichts daran ändern.
Als hätte sie meine Gedanken gelesen, greift Elvira nach meinem Handgelenk und schließt mitfühlend ihre kalten Finger darum. „Du kannst es nicht verhindern, Kindchen. Dieser Umzug ist längst überfällig, für Ella und für mich.“ Als ich nicht antworte, sondern sie nur verständnislos anschaue, nimmt sie ihre Hand weg und fährt fort. „Ich habe dir das Büro übergeben und du bist besser für den Job geeignet, als ich es je war. Du hast im vergangenen Jahr bewiesen, dass du auch sehr gut alleine klarkommst.“
„Darum geht es doch gar nicht, Elvira“, entgegne ich und muss mich beherrschen, einen ruhigen Ton zu bewahren. „Es geht nicht um das Büro oder die Arbeit! Ihr seid doch meine Familie! Ihr könnt nicht einfach wegziehen!“
Wieder schiebt sie die Unterlippe vor und sieht mich entschuldigend an. „Doch, Scarlett. Das können wir, und das werden wir auch. Bitte denk dabei doch auch an uns. Wir müssen raus aus diesem Ort mit all seinen Erinnerungen.“ Sie macht einen langen Seufzer und blickt zum Fenster hinaus, wo die ersten Regentropfen gegen die Scheibe prasseln.
„Du weißt aber schon, dass es Hexen, Mannwölfe, Geister, Dämonen und so weiter auch an der Küste gibt, oder? Es gibt sie überall!“
Ohne den Blick von einem besonders dicken Regentropfen zu nehmen, der langsam in Schlangenlinien an der Fensterscheibe herunterläuft, nickt sie. „Ja, das weiß ich“, antwortet sie in traurigem Ton und sieht mich wieder an. „Aber wenigstens weiß ich dort nicht, wer ein magisches Wesen ist und wer nicht.“
„Und was ist mit dem Reisebüro und deiner Wohnung?“
„Du wirst das Büro mit zu Chris nehmen müssen. Ich war heute beim Makler und werde beides verkaufen.“
Unsere Blicke begegnen sich noch eine Zeitlang, dann schaut sie auf ihren Eisbecher und lächelt. „Das Eis ist wohl hin“, bemerkt sie und zuckt mit den Schultern.
„Nicht nur das Eis“, murmle ich.
Nach unserem Gespräch verlassen wir in entgegengesetzte Richtungen das Eiscafé. Da der Regen stärker geworden ist, bot Elvira mir an, mich nach Hause zu fahren, doch ich lehnte ab. Ich halte es keine Sekunde länger in einem geschlossenen Raum mit ihr aus. Es war schon schwer genug, die restlichen Minuten mit ihr an einem Tisch zu sitzen.
Vielleicht übertreibe ich auch, aber im Moment fühlt sich der heimlich geplante Umzug meiner Mutter und Tante wie ein Verrat an. Dabei geht es gar nicht so sehr darum, dass sie in einen anderen Ort ziehen. Mein eigentliches Problem ist der Grund dafür! Sie beide fliehen vor mir und meinesgleichen, und allem was dazugehört.
Von meiner Mutter hätte ich sowas erwartet, denn seit ihrem Erwachen ist sie nicht mehr dieselbe. Von der mutigen und lebenslustigen Frau von damals ist nichts mehr übrig. Dass sie wegziehen möchte, wundert mich nicht. Aber Elvira? Sie ist im Ort bekannt wie ein bunter Hund, jeder mag und schätzt sie. Als Parapsychologin war sie eine Berühmtheit! Wenn ich allein an all die Fotos im Booh denke, die sie mit ihrem Team an den unterschiedlichsten Orten zeigen! Doch all das wirft sie jetzt weg…
Der Regen wird immer stärker und ich ziehe die Kapuze meines Mantels tiefer ins Gesicht. Es ist bitterkalt, aber das ist mir nun egal. Das Wetter passt zu meiner aktuellen Stimmung.
Ich biege in die Straße ein, in dessen Mitte das Booh liegt, als ich ein seltsames Gefühl im Nacken bekomme. Die Dämmerung hat bereits eingesetzt und es sind kaum Autos auf der Straße zu sehen, und Fußgänger erst recht nicht, doch irgendwie fühle ich mich beobachtet.
Ohne meine Schritte zu entschleunigen, blicke ich mich verborgen unter meiner Kapuze um. Niemand ist zu sehen, auch in den hell erleuchteten Fenstern der Häuser kann ich niemanden ausmachen, der mich beobachtet. Der Regen ist laut, er prasselt unaufhörlich trommelnd auf die Dächer parkender Autos und schlägt Blasen in den Pfützen. Ich kann nicht hören, ob Schritte hinter mir sind oder nicht. Also bleibe ich abrupt stehen und wirble herum, nur zur Sicherheit.
Aber hinter mir ist niemand auf dem Bürgersteig. Allerdings sehe ich ein unbeleuchtetes schwarzes Fahrzeug, das sich hinter die Reihe parkender Autos am Straßenrand einreiht. Automatisch gleitet meine Hand über die Seitentasche meiner Jeans, wo ich mein Klappmesser durch den tropfnassen Stoff ertaste. Aus dem Fahrzeug steigt niemand aus und ich überlege, ob ich umkehre und nachsehe, wer oder was sich in dem Wagen verbirgt. Doch ich entscheide mich dagegen und setze meinen Weg fort, diesmal aber wachsamer.
Ich habe das Booh fast erreicht, als ich mich ein weiteres Mal umdrehe und zu meinem Schrecken sehe, dass das schwarze Fahrzeug ohne Licht nur knapp dreißig Meter von mir entfernt ist. Beinahe geräuschlos verfolgt es mich im Schritttempo.
Schnell schaue ich wieder nach vorne und verhalte mich, als hätte ich nichts bemerkt. Wer auch immer mir da hinterherfährt, soll nicht wissen, dass ich ihn bemerkt habe. Doch zum Booh gehe ich nun nicht mehr. Stattdessen laufe ich einfach weiter, stets in dem Bewusstsein, dass das dunkle Auto mir folgt, bis ich schließlich an einem Laden mit Handarbeitswaren ankomme und einfach hineingehe.
„Guten Abend“, begrüßt mich eine weibliche Stimme gegen den Klang eines Türglöckchens und ich blinzle den Regen von meinen Wimpern weg. „Wir schließen gleich, tut mir leid.“
Ich streife die Kapuze ab und bleibe auf der Fußmatte hinter der Eingangstür stehen. Die Frau mittleren Alters zählt gerade das Kleingeld aus der Kasse und wirkt sichtlich beunruhigt.
„Ich will auch nichts kaufen“, sage ich und wage den ersten Blick hinaus, zurück auf die Straße. „Bin auch gleich wieder verschwunden.“
Sie schließt die Kasse mitten im Zählvorgang und ruft nach hinten. „Benny? Komm doch mal!“, zittert ihre Stimme.
„Keine Sorge, ich bin gleich wieder weg“, versuche ich sie zu beruhigen, als ich den schwarzen Wagen langsam am Handarbeitsladen vorbeifahren sehe.
„Was ist denn?“, antwortet eine männliche Stimme genervt.
Ich drehe mich zu den beiden um und der Mann, offenbar Benny, zieht scharf die Luft ein, als er mein Gesicht erblickt.
„Wie schon gesagt, ich bin sofort wieder verschwunden“, sage ich nun schon zum dritten Mal und ignoriere dabei die Reaktion des Mannes auf den Anblick meiner tiefen Narbe.
Als ich ein weiteres Mal nach draußen blicke, ist der Wagen verschwunden.
„Sehen Sie, schon bin ich wieder weg!“, sage ich, drücke die Klinke herunter, woraufhin die Glocke wieder bimmelt.
Ich husche hinaus, zurück in den Regen und blicke die Straße hinunter. Der schwarze Wagen fährt im Schritttempo ohne Licht rund hundert Meter vor mir. Die hinteren Scheiben sind schwarz getönt, wie ich nun erkenne, sodass ich nicht sehen kann, wer oder wie viele sich darin befinden. Die Bremslichter leuchten auf und ich gehe in normalem Tempo den Bürgersteig entlang auf ihn zu. Das Messer in meiner Tasche drückt sich beruhigend gegen meinen Oberschenkel und verleiht meinen Schritten mehr Festigkeit, während ich weiterhin so tue, als hätte ich meinen Verfolger nicht ohne Unterbrechung im Blick.
Als uns noch rund zwanzig Meter trennen und mein Herz mir bereits bis zum Halse schlägt, fährt der Wagen weiter. Ich versuche mir noch schnell sein Kennzeichen und das Modell einzuprägen, doch da weder Marke noch Typ auf dem Wagen stehen, kann ich mir nur die Form merken. Nach wenigen Metern biegt er ab und ist aus meinem Sichtfeld verschwunden.
Ich überlege, nun doch noch zum Booh zu gehen, entscheide mich aber schließlich dagegen. Stattdessen nehme ich Abkürzungen querfeldein, die nur ein Ortsansässiger kennen kann und gelange so nach wenigen Minuten zum Wald. Im Schutz der fast blattlosen Baumkronen ist der Regen weniger schlimm. Ich nehme meine Kapuze vom Kopf und renne den Weg zu Chris´ Anwesen.
Sobald ich im Haus bin und mich meiner nassen Sachen entledigt habe, schreibe ich Chris eine SMS. Er ist mit ein paar Teammitgliedern im Booh und rechnet damit, dass ich nach meinem Treffen mit Elvira nachkomme.
Bin schon Zuhause. Nehme jetzt erstmal ein Bad, bin total durchgefroren. Bis später, liebe dich!
Von dem Verfolger sage ich nichts, da Chris sich sonst nur unnötig Sorgen machen würde. Es reicht auch, wenn er davon erfährt, sobald er Zuhause ist. Wahrscheinlich war es eh nur ein Ortsfremder, der nach einer Adresse suchte. Aber dennoch, Vorsicht ist besser als Nachsicht.
Ich lasse mir Badewasser ein, während das Gespräch mit Elvira sich in meinen Gedanken immer wieder abspielt. So wirklich ist die ganze Tragweite ihrer Ankündigung noch nicht zu mir durchgedrungen. Ich werde sie nicht mehr einfach so besuchen können. Auch Mama werde ich nicht mehr sehen können, außer ich setze mich ins Auto und fahre ein paar Stunden. Spontan bei Elvira vorbeikommen, um sie nach Rat zu fragen, ist dann nicht mehr möglich. Bin ich überhaupt schon bereit, das Parapsychologen-Büro ganz allein zu führen? Es rufen noch so viele Kunden an und verlangen explizit nach Elvira, weil sie ihnen früher schon einmal geholfen hat und sie ihr vertrauen. Sie hat zwar seit Mamas Erwachen an keinem Fall mehr mitgearbeitet, aber ich bin so oft zu ihr hochgegangen, um sie nach alten Fällen zu befragen.
War das vielleicht ein Fehler? Habe ich sie, obwohl sie sich von dem Business distanzieren wollte, zu sehr involviert? Trage ich einen Teil dazu bei, dass sie nun die Flucht antritt?
Und was ist mit dem Büro? Soll ich wirklich alle Akten in Chris´ Arbeitszimmer bringen und von nun an dort alles managen? Ich fand es eigentlich immer gut so wie es war. Wenn ich die Tür vom Reisebüro hinter mir schloss, konnte ich auch einen Teil der Sorgen und Aufgaben dahinter verschließen und hatte so etwas mehr Abstand. Wenn das Büro sich aber in Chris´ Arbeitszimmer befindet und ich das Telefon ständig klingeln höre, dann habe ich sicherlich niemals Feierabend!
Das Wasser in der Badewanne ist nur noch lauwarm und auch der meiste Schaum ist verschwunden, weswegen ich widerwillig aussteige und mich schnell in meinen Plüsch-Bademantel hülle. Meine Beine sind durch die Wärme ganz rot geworden und es geht mir schon etwas besser, wenn sich auch die Gedanken an Elvira und Mama wie Eiswürfel in meinem Bauch anfühlen.
Ich gehe ins Schlafzimmer und lege mich unter die dicken Daunendecken, wo ich mir ein Buch nehme und versuche, mich etwas abzulenken, bis Chris vom Booh zurückkommt. Draußen tobt der Wind in den Baumwipfeln und huscht jaulend ums Haus herum. Die Spitzen der hohen Tannen biegen sich bedrohlich hin und her, während der Regen in dicken Tropfen gegen die Scheibe prasselt.
Ich sitze im Bett, das Buch geöffnet auf meinem Schoß und kann an nichts anderes denken, als an den baldigen Verlust von zwei der wichtigsten Frauen in meinem Leben. Ohne auch nur ein Wort gelesen zu haben, sackt irgendwann mein Kopf gegen die Rückenlehne des Bettes und das monotone Prasseln des Regens geleitet mich in einen traumlosen Halbschlaf.
„Scarlett“, weckt mich die warme, raue Stimme von Chris nach unbestimmter Zeit.
Ich blinzle und schaue verschlafen in sein vom warmen Licht der Nachttischlampe beschienenes Gesicht. „Hey, da bist du ja.“ Ich strecke mich, während Chris seine Lippen auf meine Wange drückt. „Wie spät ist es?“
„Kurz nach elf“, antwortet er und streicht mir ein paar Strähnen aus dem Gesicht. „Wir haben dich im Booh vermisst. Jason, Kitty, Naomi und Fletcher waren da. Sie hatten alle Pläne, Zeichnungen und Strategien für den Laden mitgebracht, die sie dir zeigen wollten.“
Ich setze mich auf und gebe einen Seufzer von mir, als die harte Realität wieder auf mich einprasselt. „Ach, Chris…“. Ich weiß gar nicht, wo ich beginnen soll und schüttle mit dem Kopf.
„Was ist los?“, will er sofort wissen und setzt sich im Schneidersitz neben mich auf die Bettdecke.
„Elvira und Mama wollen an die Küste ziehen und das Reisebüro und Elviras Wohnung verkaufen. Sie war schon bei einem Makler und Ende dieser Woche sind sie bereits weg!“, sprudelt es dann plötzlich aus mir heraus.
Chris sieht mich mit großen Augen an. Sein Mund klappt auf, dann wieder zu. Er schluckt. „Ende dieser Woche schon?“
„Ja!“ Ich schlage mit den Händen auf die Bettdecke. „Sie planen es schon länger, wollten mich aber erst einweihen, wenn es sicher ist.“
„War Ella auch dabei?“
Ich schüttle mit dem Kopf und spüre, wie mir wieder Tränen in die Augen steigen. „Nein, sie war nicht dabei. Wahrscheinlich hatte sie Angst, dass ich sie verhexen könnte, sie in Stein verwandeln würde, oder sowas, damit sie nicht umzieht.“
Chris sieht mich mitfühlend an und streicht beruhigend über meinen Oberarm. „Das hat sie sicherlich nicht gedacht.“
„Oh doch, bestimmt hat sie das! Sie kann ja noch nicht einmal mit mir über das Wetter sprechen, ohne Angst zu haben!“
Wir schweigen einen Moment und Chris gibt mir Zeit, mich wieder zu sammeln. Nach einer Weile sehe ich ihn an.
„Das Büro wird auch verkauft. Elvira meint, ich könnte es in dein Arbeitszimmer verlegen, aber das will ich nicht.“
Er zieht die Augenbrauen zusammen. „Wieso nicht? Es ist ebenso dein Arbeitszimmer, und wenn du es als Parapsychologen-Büro nutzen willst, dann kannst du das tun.“
Vor meinem inneren Auge sehe ich das Arbeitszimmer, das eh schon mit meinen Kräutern, Edelsteinen, Tinkturen und Pülverchen vollgestopft ist. Wenn ich dort nun auch noch all die Ordner und Unterlagen aus dem Büro, sowie den Computer und all die Masken und Reliquien von den Wänden reinquetsche, ist dort kaum noch Platz zum Durchlaufen.
„Nein, das möchte ich nicht“, sage ich und schüttle mit dem Kopf. „Allein der Gedanke, dass dort dann ewig das Telefon klingelt…“ Ich schlage die Hand vor mein Gesicht und reibe meine Stirn.
Chris nickt und blickt grüblerisch zur dunklen Fensterfront hinaus. „Vielleicht können wir im Booh nachfragen, ob dort noch ein Raum für das Büro frei ist.“
„Das Gute an Elviras Büro war ja, dass man es hinter der Wand verstecken konnte. Es war geheim, kaum jemand wusste, dass es sich im hinteren Teil des Reisebüros verbirgt.“ Ich hebe die Schultern und atme gequält ein. „Es war einfach perfekt, so wie es war. Das Büro zu unserem Treffpunkt zu verlegen, würde uns zu angreifbar machen.“
„Das stimmt“, gibt Chris mir recht. „Das wäre nicht gut.“
Eine Weile hängen wir beide schweigend unseren eigenen grüblerischen Gedanken nach, bis Chris sich plötzlich räuspert und mich wieder ansieht.
„Jason hatte die Idee, den Laden im leerstehenden Reisebüro zu eröffnen. Alle waren davon begeistert, aber daraus wird dann ja wohl auch nichts.“
Es ist, als lege sich noch eine zusätzliche Tonne Gewicht auf mein eh schon erdrückendes Gefühl der Hilflosigkeit. Ich weiß, wie sehr sich meine Leute einen gemeinsamen Laden gewünscht haben. Sie wollen damit nicht nur ihre monatlichen Einnahmen erhöhen, sondern vor allem jungen Hexen und Neugewandelten einen Zufluchtsort geben, wo wir sie dann auf den richtigen Pfad bringen können. Und was würde sich dafür besser eignen, als ein sogenannter Esoterik-Laden?!
„Das wäre echt eine gute Idee gewesen“, sage ich traurig.
„Scarlett, wieso kaufen wir das Reisebüro und die Wohnung darüber nicht einfach?“
Ich blicke auf und sehe ihn entgeistert an. „Wir?“
Er nickt und seine Augen blitzen aufgeregt. „Ja, genau. Wir könnten einen Kredit aufnehmen. Ich habe das Haus als Sicherheit für die Bank und…“
„Nein!“, unterbreche ich ihn und lege die Handfläche auf seine Brust. „Nein, Chris, das geht nicht.“
„Warum nicht?“
Ich schüttle vehement mit dem Kopf. „Du wirst nicht dein Elternhaus aufs Spiel setzen für die Schnapsidee von einem Hexenladen!“
Sein Ausdruck wird ernster und das Blitzen in seinen Augen erlischt. „Das ist keine Schnapsidee, Scarlett. Ich bin wirklich der Meinung, dass der Laden eine super Anlaufstelle für Hexen, Vampire und Gewandelte sein könnte. Und das alles unter dem legalen Deckmantel eines Esoterik-Ladens!“
„So meinte ich das auch nicht. Es ist auch keine Schnapsidee. Aber trotzdem möchte ich nicht, dass du dein Elternhaus für sowas aufs Spiel setzt.“
Er kräuselt die Augenbrauen. „Aber ohne eine für die Bank anerkannte Arbeitsstelle werden wir keinen Kredit bekommen.“
„Das weiß ich“, sage ich. „Wir können das Haus nicht kaufen, keine Bank der Welt gibt uns ohne richtige Arbeit einen Kredit. Und wir haben einfach zu wenig angespart, als das es für eine Anzahlung reichen würde.“
„Deswegen habe ich vorgeschlagen, mein Elternhaus als Sicherheit zu nehmen.“ Seine Stimme ist ernst und bestimmt, als ließe er keine Widerworte gelten.
„Chris, das kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren“, lasse ich ihn wissen und sehe zu, wie seine Stirn sich immer mehr in Falten legt. „Ich wäre nie wieder froh, wenn ihr euer Elternhaus verliert, weil der Laden nicht genug einbringt.“
„Wir könnten die Ratenzahlungen bereits von unseren monatlichen Einnahmen als Dämonologe und Parapsychologin begleichen. Wir sind nicht davon abhängig, ob der Laden gut läuft oder nicht.“
„Trotzdem bin ich nicht damit einverstanden, dein Haus als Sicherheit zu nehmen.“
Er sieht mich ernst an, seine Zähne mahlen aufeinander, was den edlen Schwung seines Unterkiefers betont. „Dass du nach mehr als einem Jahr immer noch von diesem Haus sprichst, als gehöre es nur mir und meinen Geschwistern alleine…“
Er lässt den Satz unvollendet, doch ich weiß, worauf er hinauswill.
„Es ist aber euer Haus und nicht meins“, schießt es aus mir heraus, bevor ich wirklich darüber nachdenken konnte.
Chris zuckt, als hätten ihm meine Worte körperliche Schmerzen zugefügt.
„Es tut mir leid“, sage ich sanfter und strecke meine Hand nach ihm aus. „Du weißt doch, wie ich das meine.“
Zu meinem Entsetzen entzieht sich Chris meiner Berührung und sieht mich mit kalten Augen an. „Du bist meine Gefährtin, Scarlett. Was mein ist, ist auch dein, und was dein ist, ist auch mein. So ist es zwischen Gefährten.“
„Ja, das weiß ich doch“, stimme ich ihm mit flehendem Unterton zu, doch er steht trotzdem vom Bett auf.
Seine moosgrünen Augen sehen mich auf eine Art und Weise an, wie sie es noch nie zuvor getan haben. Ein dunkler Schatten huscht über sein Gesicht. Mein Herz setzt ein paar Schläge aus, als er mich so schweigend anblickt.
„Du verhältst dich aber nicht so.“ Sein Ton ist so kalt wie sein Blick. Dann dreht er sich um und verlässt das Schlafzimmer.
Ich bleibe benommen und geschockt zurück.
Nachdem ich eine Weile wie erstarrt auf dem Bett gesessen und vergeblich versucht habe, die Scherben meines Lebens gedanklich wieder zu kitten, stehe ich auf. Noch nie habe ich mich wirklich mit Chris gestritten. Wir hatten zwar immer mal wieder Meinungsverschiedenheiten, doch noch nie sind wir im Streit auseinandergegangen oder waren länger als ein paar Stunden auf den jeweils anderen böse. Allerdings ging es bei diesen kleinen Streitereien auch nie um wirklich ernste, existentielle Dinge. Dieses Mal scheint es anders zu sein, ich spüre es als einen schweren Stein auf meinem Brustbein. Eine Art Kälte ist an die Stelle getreten, wo sonst kribbelnde Wärme verströmt wurde.
Ich halte es nicht länger aus und stürme aus dem Schlafzimmer.
„Chris?“, rufe ich und sprinte schon die Treppe hinunter.
Aus Richtung der Küche dringt ein murmelndes Knurren. Ohne meine Geschwindigkeit zu drosseln renne ich durch den Flur und das Wohnzimmer hinein in die Küche.
Chris sitzt auf einem Hocker an der Kücheninsel und blickt in eine halbvolle Tasse Kaffee. Sein Haar sieht zerzauster aus als noch vor wenigen Minuten, seine Stirn ist aber noch immer in diese grüblerischen Falten gelegt.
Mit langsameren Schritten gehe ich nun auf ihn zu und ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, lege ich die Arme um seine Schultern. Sein Körper ist so warm und ich bemerke, dass ich damit instinktiv versuche, die Kälte aus meinem Brustbein zu vertreiben.
Chris erwidert meine Umarmung nicht, legt aber seinen Kopf so, dass ich seinen Atem in meinem Nacken spüren kann.
„Scarlett“, flüstert er und küsst mein Haar.
Ich lege den Kopf ein wenig zurück, um ihn anzusehen. Seine Stirn hat sich ein wenig gelockert, aber seine Augen haben noch immer einen finsteren Ausdruck. Ich studiere sein Gesicht und suche darin nach einer Antwort auf die Frage, wie ich alles wieder in Ordnung bringen kann.
„Bist du immer noch der Meinung, dass dies einzig und allein mein Haus ist?“, fragt er leise, doch in seinem Ton kann ich hören, wie ernst er es meint.
Natürlich ist es sein Haus. Seine Eltern haben es vor langer, langer Zeit erbaut. Es ist das Haus, in dem er und seine Geschwister geboren und aufgewachsen sind. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie schlimm es für sie alle sein müsste, dieses Haus an die Bank zu verlieren.
Er dreht seinen Oberkörper, legt seine starken Arme um meine Mitte und zieht mich noch dichter an sich, bevor er seine Frage wiederholt. „Wem gehört dieses Haus, Scarlett?“
Mein Kinn zittert, als ich seinem ernsten Blick begegne. Ich möchte sagen, dass es auch mein Haus ist, weil ich weiß, dass es das ist, was er hören will. Aber ich kann es nicht. Ich habe kein Recht der Welt, dieses Haus als mein Eigentum anzusehen.
„Das Haus gehört dir, Bianca und Arturo.“
Ein dunkler Schatten legt sich über seine moosgrüne Iris und er nickt. „In Ordnung“, antwortet er, ohne mich loszulassen. Zu meiner Überraschung drückt er einen zarten Kuss auf meine Stirn. „Dann werde ich morgen zur Bank gehen und einen Kredit beantragen. Dieses Haus, also meinHaus, wie du eben bestätigt hast, werde ich als Sicherheit nehmen.“
„Nein“, hauche ich gegen seinen Hals. „Tu das nicht. Nicht für so ein leerstehendes Reisebüro und eine renovierungsbedürftige Oberwohnung.“
Ich spüre, wie er mit den Schultern zuckt. Seine Hände gleiten, als sei nichts gewesen, über meinen Rücken. Er sagt nichts mehr und auch ich lasse es für heute gut sein.
Die Stelle an meinem Brustbein kribbelt lauwarm. Nicht so heiß wie sonst, aber immerhin lauwarm.
Mitten in der Nacht werde ich von einem Klopfen an der Fensterfront des Schlafzimmers geweckt. Zuerst halte ich es für einen Ast, der durch den Wind im Takt gegen die Scheibe knallt, doch nachdem ich immer wieder drei kurz aufeinanderfolgende Schläge vernehme, reiße ich alarmiert die Augen auf.
Im Schlafzimmer ist es stockdunkel, doch aus der unteren Ecke der Fensterfront strahlt ein schwaches, goldenes Licht. Ich werfe die Beine aus dem Bett und krabble über den Boden auf das Licht zu. Es ist eine winzige Elfe, sie hat ihr Licht gedimmt, offenbar um nicht aufzufallen.
„Was ist los“, flüstere ich gegen die Scheibe, die daraufhin beschlägt.
Wild und wirr fliegt sie vor meiner Nase hin und her, wie eine Motte vor einer Glühbirne. Als sie merkt, dass ich keinen blassen Schimmer habe, was sie von mir will, beginnt sie weiter auf und ab zu fliegen. Sie verschwindet für einen kurzen Moment aus meinem Sichtfeld und taucht dann blitzartig wieder vor mir auf. Das wiederholt sie immer wieder, bis ich kurz davor bin, einfach wieder aufzustehen und zurück ins warme Bett zu gehen. Doch dann, als sie ein sechstes Mal nach unten saust und ich ihr mit meinem Blick folge, entdecke ich einen dunklen Umriss hinter den dicken Stämmen der Tannen am Boden. Der Umriss bewegt sich und schiebt sich langsam hinter den Stamm. Es war eindeutig der Umriss eines Menschen.
Erschrocken krabble ich von dem Fenster weg und zurück zum Bett.
„Chris… Chris!“, rufe ich im Flüsterton und taste den Boden nach meinem Bademantel ab.
Chris dreht sich im Bett und knurrt, dann schreckt er hoch. „Was? Was ist los?“
„Da draußen ist jemand.“
Bei diesen Worten springt er aus dem Bett. Sobald seine Füße auf dem Boden landen, ist die Verwandlung bereits vollzogen. Ich höre es an seinem Atem, der nun tiefer und rasselnder klingt.
„Wo?“
Endlich habe ich den Bademantel gefunden und werfe ihn mir auf den Knien hockend über. „Im Osten, unter der Fensterfront, hinter den großen Tannen.“
„Ich gehe raus“, lässt Chris mich wissen und überwindet mit zwei Schritten den Abstand zwischen Bett und Schlafzimmertür.
Bevor ich protestieren kann, höre ich das Knarzen des Treppengeländers, gefolgt von dem dumpfen Aufprall seiner Pranken, als er mit einem Sprung über die Treppe im Erdgeschoss landet.
Ich habe keine Zeit nachzudenken und sprinte ihm hinterher, wobei ich den Gurt meines Bademantels festzurre. Chris ist bereits zur Tür hinaus und hat sie wieder geschlossen. Der kalte Hauch der nächtlichen Herbstluft steht noch im Flur und lässt mich bereits hier schon frösteln. Doch ich gehe trotzdem nach draußen.
Die Kieseinfahrt reflektiert das spärliche Mondlicht, dahinter liegt schwarz der Waldrand vor dem sternenklaren Himmel. Ich schließe die Augen, rufe die Elemente auf und suche mit ihrer Hilfe telepathisch das Gebiet ab. Vor kurzem erst habe ich diese Art der Magie erlernt und brauche nun keinen Pendel mehr, um Personen aufzuspüren. Jedoch funktioniert es nur bis zu einer gewissen Reichweite. Sind die Wesen oder Menschen weiter als einen Kilometer entfernt, verliere ich sie.
Chris´ Energie spüre ich im Osten, doch da sind noch drei weitere Energien, die hier allerdings nicht hingehören. Zwei sind in Chris´ Nähe, die Dritte befindet sich im Bereich der Zufahrt zu unserem Haus, tief im Wald.
Ich reiße die Augen wieder auf und renne barfuß um das Haus herum zu Chris. So langsam gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit und ich kann die Bereiche zwischen den Baumstämmen ausmachen. Wer auch immer hier herumschleicht, scheint kein magisches Wesen zu sein, weswegen ich aufpassen muss, keine offensichtliche Magie anzuwenden. Wären es magische Wesen, würde ich mit Feuer den Platz erleuchten und den Eindringlingen mit Blitzen drohen. Doch wenn es Menschen sind, darf ich mich ihnen nicht offenbaren. Es reicht schon, dass Chris in seiner Mannwolfsgestalt ist. Wenn sie ihn mit einer Taschenlampe anleuchten und sein fellbewachsenes Gesicht sehen, ist er enttarnt.
Ich erreiche die Fensterfront und bleibe an der Ecke stehen. Zwischen den Stämmen der dicken Tannen ist niemand mehr, aber es liegt noch der Rest einer dunklen, menschlichen Aura in der Luft.
„Sie sind weg. Ich rieche Panik“, lässt Chris mich flüsternd wissen.
Ich zucke zusammen und entdecke ihn schließlich seitlich hinter mir. Ich war so auf die menschliche Aura fokussiert, dass ich ihn glatt übersehen habe.
„Es waren Menschen, oder?“
„Ja, gewöhnliche Menschen. Allerdings waren ihre Absichten nicht gut.“
Ich nicke, in der Gewissheit, dass er mich mit seinen Wolfsaugen in der Dunkelheit sehen kann. „Zwei waren hier am Haus, einer schien im Wald zu warten.“
„Ja, ich höre ein Auto. Sie fahren weg.“
Ich halte den Atem an und lausche, bis ich schließlich auch das leise Motorengeräusch in der Ferne höre. Erleichtert darüber, dass wir sie in die Flucht geschlagen haben, ohne dass es zu einer Auseinandersetzung kam, lasse ich die Schultern sacken.
Chris geht an mir vorbei und ich höre ihn tief einatmen. „Lederjacke. Neugier und Argwohn. Vielleicht auch Neid, oder Missgunst. Teures Parfum. Neuwagengeruch.“ Er saugt immer wieder die Luft durch seine Nasenlöcher und wittert den noch in der Luft hängenden Geruch, den nur er und seine Artgenossen wahrnehmen können. „Dann leichte Panik.“
„Wie riecht Panik?“, will ich aus reiner Neugierde heraus wissen und beginne selbst in der Luft zu riechen, obwohl ich nichts anderes als Moos und vielleicht noch den harzigen Geruch der Tannen wahrnehmen kann.
„Leicht säuerlich, milchig und ranzig.“
Eine Windböe fegt um uns herum und schiebt die nassen Blätter am Boden vor sich her. Ich schlinge die Arme um meinen Oberkörper und versuche nicht zu zittern. „Das klingt ekelig.“
„Man gewöhnt sich dran.“ Er kommt zur Stelle zurück, an der ich auf ihn warte und legt seine Hand auf meine Schulter. „Lass uns reingehen.“
Mir entgeht nicht, dass er weiterhin in seiner Mannwolfgestalt bleibt. Offenbar hat er Dinge gewittert, die ihn beunruhigen, oder zumindest dazu veranlassen, kampfbereit neben mir herzugehen.
Drinnen angekommen kontrolliert Chris alle Fenster im Haus und verschließt sie. Er lässt die Rollläden herunter und sichert die Haustür zusätzlich mit einem Riegel, während ich am Kaffeeautomaten Milch nachfülle und zwei Kakaos zubereite.
„Hast du die Männer gehört, oder wovon bist du wach geworden?“, fragt Chris, als er zu mir in die Küche kommt. Er hat wieder seine menschliche Gestalt angenommen und nimmt nur in Boxershorts bekleidet an der Kücheninsel Platz.
Ich hole den fertigen Becher Kakao und stelle ihn vor ihm ab. „Eine Elfe hat an die Scheibe geklopft“, erkläre ich und hole auch meinen Becher aus dem Automaten. „Erst hielt ich es für Äste im Wind, doch dann hab ich ihr schwaches Leuchten gesehen.“
Chris nickt und bedankt sich für das warme Getränk, auch wenn er nicht wirklich etwas zum Aufwärmen braucht, im Gegensatz zu mir.
„Erst habe ich nicht verstanden, was sie von mir wollte. Doch sie hat meinen Blick auf die Tannen gelenkt, und da habe ich einen von ihnen gesehen.“ Ich setze mich ihm gegenüber hin und lege die kalten Finger um den heißen Becher. „Gestern Abend, als ich von dem Treffen mit Elvira nach Hause lief, hatte ich auch schon das Gefühl, von einem Auto verfolgt zu werden.“
Ruckartig blickt Chris von seinem Becher auf und sieht mich grimmig an. „Und das wolltest du mir verschweigen?“
„Nein, natürlich nicht“, entgegne ich schnell und strecke die Hand nach seinem Unterarm aus. Seine Haut fühlt sich fast so warm wie die Tasse an. „Ich bin nur darüber hinweggekommen, nach unserem Gespräch gestern. Aber das ist der Grund, warum ich gestern Abend nicht mehr ins Booh gegangen bin… Einer der Gründe… Ich wollte sie nicht zu euch führen, falls es wirklich Verfolger waren.“
Chris´ Miene wird wieder sanfter und er nickt verständnisvoll. „Hast du ihre Gesichter gesehen? Oder das Kennzeichen?“
„Ihre Gesichter konnte ich nicht sehen, der Wagen hatte verdunkelte Scheiben. Aber ich habe mir das Kennzeichen gemerkt.“
„Gut“, antwortet Chris und wirkt erleichtert. „Wir sollten Daniel Stahl bitten, das Kennzeichen zu überprüfen. Ich will wissen, wer das war.“
„Ob es dieselben waren, die gerade eben noch um unser Haus geschlichen sind?“
Er zuckt mit den Schultern. „Keine Ahnung. Aber es wäre schon ein seltsamer Zufall, wenn es nicht so wäre.“
Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengrube nicke ich. „Was sind das wohl für Leute? Und was wollen sie?“, grüble ich laut vor mich hin.
„Nach dem, was ich gewittert habe, sind es keine Jugendlichen mehr. Sie rochen wie gestandene Männer. Der Geruch von einem Neuwagen haftete an ihnen, und dann das teure Parfum. Um Geld schien es dabei nicht zu gehen, ich glaube nicht, dass es Diebe waren, die ihr nächstes Objekt ausspionieren wollten.“
„Aber du hast auch Neid gewittert. Vielleicht waren es doch Diebe. Reiche Diebe“, gebe ich zu bedenken.
Chris kräuselt die Lippen und legt den Kopf schief. „Es war eher so eine Mischung aus Missgunst, weniger materieller Neid. Da war auch zu wenig Adrenalin für Kriminelle. Aber ganz ausschließen kann ich es natürlich nicht.“
Der Gedanke, dass jemand um unser Haus herumschleicht mit der Absicht, uns eventuell auszurauben, verstärkt das ungute Gefühl in meinem Bauch nur noch mehr. „Ich werde einen Schutzkreis ziehen. Auch wenn es nur Menschen sind. Ich will nicht, dass hier jemand einsteigt, während wir schlafen!“
„Es gibt auch nicht-magische Wege, um sich vor Einbrecher zu schützen“, wendet er schmunzelnd ein.
„Ja, Alarmanlagen und sowas.“ Ich werfe die Hände in die Luft. „Das ist viel zu wenig und auch zu unsicher. Ich werde einen Schutzkreis ziehen, den nur magische Wesen betreten können!“
Chris wischt sich über die Stirn. „Puh, da bin ich aber erleichtert. Ich dachte schon, du wolltest jeden, der die magische Grenze übertritt, in Flammen aufgehen lassen!“
„Das wäre auch eine gute Idee!“
Nachdem wir unseren Kakao getrunken haben, checke ich die unmittelbare Umgebung noch einmal mithilfe der Elemente auf Eindringlinge. Wir sind allein, zum Glück. Im Wald ist niemand, außer den üblichen Tieren und Geistwesen. Doch trotzdem kann ich nicht mehr einschlafen. Meine Gedanken überschlagen sich, ich denke an die Zutaten für den Schutzkreis und frage mich, ob ich alles im Hause habe. Dann kommen mir wieder Elvira und Mama in den Sinn, dessen Abreise nun bereits einen Tag näher gerückt ist. Das Reisebüro, mein Parapsychologen-Büro und der Hexenladen. Chris, der tatsächlich sein Elternhaus als Sicherheit für einen Kredit benutzen will. Die Verfolger im schwarzen Wagen, die Männer, die um unser Haus schlichen.
Ruckartig setze ich mich wieder auf und werfe die Beine aus dem Bett. Chris ächzt und dreht sich um. Ich flüstere ihm beruhigende Worte zu, ziehe meinen Bademantel über und gehe auf Zehenspitzen nach unten. Ich möchte ihn wirklich nicht wecken, es reicht, wenn einer von uns keinen Schlaf bekommt.
Unten angekommen, husche ich ins Arbeitszimmer und knipse die Messinglampe auf dem Schreibtisch an. Der beruhigende Geruch getrockneter Kräuter, Pergament und Möbelpolitur umfängt mich. Ich setze mich auf den Bürostuhl und ziehe einen der Stapel mit Hexenbüchern heran. Ich suche nach einem ganz bestimmten Buch, einem, dass mein Ich aus einer anderen Zukunftsdimension mir hinterlassen hat. Es handelt von Schutzzaubern, Fluchtafeln und Bannsprüchen. Ich entdecke es unter dem dicken Wälzer der von Heilkräutern und Tinkturen handelt und ziehe es hervor. Es ist ein kleines Buch, nicht sehr dick und auch nicht besonders gut erhalten. Die Seiten sind so dünn und brüchig wie Schmetterlingsflügel, doch die Schrift kann man noch entziffern. Vorsichtig blättere ich zu den Seiten auf denen die Schutzzauber beginnen. Die ersten Zauber sind vor allem gegen magische Wesen wirksam. Es gibt welche, die insbesondere Werwölfe, Vampire und Dämonen abhalten sollen. Ein anderer Zauber ist dafür gedacht, um auch Geistwesen von einem Gebiet fernzuhalten, sei es nun zu ihrem eigenen Schutz, oder weil man in seinem Tun nicht von ihnen gestört werden will. Dann endlich komme ich zu den Sprüchen, die sich gegen Menschen richten, magische Wesen aber außer Acht lassen. Zu Zeiten der Hexenverfolgung hatten diese Zauber Hochkonjunktur. Der erste Schutzzauber lässt den Menschen einfach umkehren, ohne dass er dabei bemerkt, dass er sich eigentlich in eine andere Richtung bewegt. Dazu muss man einen Knick in der Dimension herbeiführen, doch das traue ich mir ohne Robertas Hilfe noch nicht zu. Der nächste Schutzzauber ist zu brutal, dort gehen die Eindringlinge wirklich wahrhaftig in Flammen auf, sobald sie den Schutzkreis durchbrechen. Ich brauche etwas einfacheres, etwas, das niemandem groß Schaden zufügt, uns aber trotzdem ungebetene Gäste fernhält. Dann ein paar Seiten weiter werde ich endlich fündig: „Schutzzauber des Vergessens“.
Ich überfliege die Seite und nicke zufrieden. „Lässt Menschen beim Näherkommen das eigentliche Vorhaben vergessen. Legt Tarnschleier über das Gebiet, macht es für Menschen unauffindbar - Das ist es“, murmle ich in die Stille des Arbeitszimmers. „Samen des Wurmfarnes, getrocknetes Benediktenkraut, Asche eines Ungeborenen und vier Rohdiamanten.“
Langsam lege ich das brüchige Büchlein zurück auf den Schreibtisch und blicke ins Leere. Asche eines Ungeborenen, das ist wirklich grenzwertig. Aber vier Rohdiamanten, das ist doch glatt unmöglich!
Doch plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen und ich ziehe das Buch wieder heran. Dort steht nichts davon, dass man die Diamanten nicht auch selbst herstellen darf. Ein kleines Lächeln formt sich auf meinen Lippen. Diese Zutat ist also kein Problem mehr, genau wie die Samen und Kräuter. Fehlt nur noch die Asche eines Ungeborenen.
Roberta kann ich nicht danach fragen, da es sich bei diesem Schutzzauber um dunkle Magie handelt, mit der sie, als weiße Hexenkönigin, nichts zu tun haben will.
Einer meiner allerersten Zauber war ein Bannspruch, bei dem auch Asche benutzt wurde. Damals war Elvira verschwunden und hatte mir ein Buch mit Zaubersprüchen und so weiter hinterlassen, zu dem auch eine kleine Kulturtasche mit mehreren kleinen Fläschchen gehörte, unter denen sich auch Gefäße mit kleinen Mengen Asche Verstorbener befanden.
Mit fahrigen Fingern reiße ich eine Schublade nach der anderen an den Seiten des Schreibtisches auf, auf der Suche nach eben dieser Kulturtasche. Weit hinten, in einer der untersten Schubladen, entdecke ich sie schließlich, hinter einem Sammelsurium aus Kugelschreibern, Edelsteinen, Scheren und Kräuterbeuteln. Ich ziehe sie heraus und kippe ihren Inhalt über dem Hexenbuch aus.
„Vampirblut, Blut einer Jungfrau, Asche einer Jungfrau, Asche eines Heiligen, gemahlene Biberzähne…“, lese ich von den Etiketten der bunten Fläschchen ab und schiebe diejenigen zur Seite, die nicht infrage kommen. „Geraspeltes Bockshorn, getrockneter Friedhofsklee, pulverisierte Zähne (menschlich), Fötus-Asche, ägyptische Mumie gemahlen… Moment mal.“ Ich hole die vorletzte Flasche wieder heran und halte sie dichter an die Schreibtischlampe. Fötus-Asche- Das müsste genau das sein, wonach ich suche!
„Fötus-Asche?“, wiederholt Chris und verzieht angewidert das Gesicht.
Meine Nase kräuselt sich unwillkürlich, während ich das kleine, ovale Fläschchen in meiner Hand betrachte, dessen hellblaues Glas im schrägstehenden Licht der Morgensonne schimmert. „Du willst gar nicht wissen, was noch alles in den anderen Flaschen war.“
Chris schüttelt sich. „Wenn es nicht unbedingt sein muss, dann lieber nicht.“ Er geht um die Kücheninsel herum und stellt sich neben mich. Sein Blick ruht auf dem Fläschchen in meiner Hand, in der die gräuliche Asche wie Sand von einer Seite zur anderen rieselt. „Wo hat Elvira diese Asche bloß her?“
„Das habe ich mich auch schon gefragt“, gebe ich zu und streiche mit dem Daumen über den mit Wachs versiegelten Korken am Flaschenhals. „Wahrscheinlich von einer anderen Hexe. Vielleicht gab es eine magische Haushaltsauflösung.“
Ich blicke hoch in Chris´ Gesicht und sehe zu meiner Erleichterung ein kleines Grinsen auf seinen Lippen. „Bei eBay findet man sowas auf jeden Fall nicht.“
„Wer weiß“, sage ich und zucke mit den Schultern. „Vielleicht gibt es ja ein eBay nur für magische Wesen, und wir wissen bloß nichts davon.“
Sein Mundwinkel zuckt und er schüttelt mit dem Kopf. „Auf jeden Fall steckt hinter diesem Fläschchen eine traurige Geschichte. Irgendjemand hat sein Kind verloren und alles was davon übrig ist, hältst du nun in den Händen.“
Bei diesen Worten stelle ich die Asche auf die Kücheninsel und wische mir die Hände an den Oberschenkeln ab. Chris hat recht. Wir können diesen Schutzzauber nur wirken, weil jemand sein ungeborenes Kind verloren hat. Aber so ist das mit der dunklen Magie, sie fordert Opfer.
„Hast du sonst alles für den Zauber?“, fragt er und geht wieder zu seinem Platz, wo die noch immer dampfenden Spiegeleier schon auf ihn warten.
Ich nicke und atme erleichtert auf. „Ja, sonst habe ich alles. Samen vom Wurmfarn und Benediktenkraut hatte ich noch vom Sommer. Das Kraut brauche ich zum Räuchern und die Samen um den Kreis auszulegen. Zum Glück habe ich drei große Gläser voller Samen.“
Dann greife ich in meine Hosentasche und hole die Diamanten heraus. Ich lege sie auf dem Tisch ab, wo sie in alle Richtungen kullern. „Und die hier brauchte ich noch.“
Zuerst kaut Chris unbeeindruckt weiter und beobachtet die gräulich gelben Steinchen dabei, wie sie sich in den Fliesenfugen sammeln. Dann schnellen seine Augenbrauen nach oben und er verschluckt sich beinahe. „Sind das… Diamanten?“
„Rohdiamanten, ja.“ Ich versuche mir den Stolz nicht anmerken zu lassen, außerdem sage ich ihm nicht, dass ich nur vier davon für den Zauber brauche. Irgendwie sind die Pferde mit mir beim Zaubern durchgegangen und ich habe so lange weitergemacht, bis ich nicht mehr konnte. Dabei sind mehrere kleine, doppelpyramidenförmige Diamanten herausgekommen und einige ziemlich große, die mir einiges meiner magischen Kraft abverlangt haben.
„Das hast du also die halbe Nacht gemacht“, bemerkt er staunend und nimmt einen der größten Steine zwischen Daumen und Zeigefinger. „Der hier ist ganz schön groß.“
„Ja, die längste Seite ist gut zehn Millimeter breit“, lasse ich ihn wissen.
Er sieht mich mit einem verschmitzten Gesichtsausdruck über den Stein hinweg an, sagt aber nichts. Ich begegne seinem Blick möglichst unbeteiligt und zucke mit den Schultern. Meine Fingerspitzen streichen über die kleinen Steinchen, die noch so unscheinbar wirken.
„Und was hast du nun mit den vielen Steinen vor?“, fragt er schließlich und legt den großen Diamanten in der Mitte einer Fliese auf der Kücheninsel ab.
„Ich brauche sie für den Schutzzauber“, antworte ich, ohne den Blick von dem Diamanten zu nehmen. „Bevor ich zum Büro fahre, werde ich ihn sprechen.“ Auch wenn ich nicht wirklich gelogen habe, was die Steine angeht, merke ich, dass meine Wangen warm werden. Schnell hebe ich meinen Kaffeebecher an meine Lippen und nehme einen Schluck. „Und was ist dein Plan für heute?“
Chris sieht mich schief an, spießt das letzte Stück seiner Spiegeleier auf und hält es vor seinen Mund. Ich kann die Zweifel in seinem Blick sehen. „Ich gehe später ins Booh, aber erst will ich mich im Wald umschauen. Vielleicht kann ich die Männer von gestern wittern und eventuell sogar ihre Spur aufnehmen.“
„Sei bitte vorsichtig, okay? Solange wir nicht wissen, wer sie sind oder was sie wollen, sollten wir beide sehr vorsichtig sein.“
Er nickt kauend und legt seine Gabel auf dem Teller ab. „Wollen wir uns zum Mittagessen im Booh treffen? Du musst doch bestimmt auch dort hin, um die Aufträge abzuliefern.“
„Gute Idee“, sage ich und lächle ihn an.
Chris erwidert mein Lächeln, doch die Zweifel und unausgesprochenen Fragen liegen noch immer in seinem Blick.
Nachdem Chris im Wald verschwunden ist, sammle ich die Rohdiamanten wieder auf und stecke sie in meine Hosentasche. Die vier kleinsten und unscheinbarsten verstaue ich separat in meiner linken Tasche, sie werde ich für den Schutzzauber verwenden.
Ich ziehe meine Regenjacke über und gehe nach draußen. Der Himmel ist grau und das meiste Sonnenlicht dahinter verschwunden. Ein Schwarm Krähen wird hoch über den Baumwipfeln vom Wind erfasst und segelt wirr am Himmel, während die hohen Tannen sich zum Lied des Herbststurmes wiegen. Ich schiebe das Glas mit den Wurmfarnsamen in die eine Jackentasche und stecke das mit Baumwollband umwickelte Benediktenkraut zusammen mit einem Feuerzeug und dem Fläschchen Asche in die andere. Dann mache ich mich auf zur östlichen Hausseite.
Auch wenn ich weiß, dass ich bei diesem Vorhaben nicht auf die Unterstützung meines Schutztieres Queenie hoffen darf, schaue ich mich trotzdem nach ihr um. Meine Hoffnung, dass sie als weißer Schutzgeist meine neutrale Druidenhexen-Natur akzeptiert, ist noch nicht gestorben. Doch wie schon erwartet, kann ich sie nirgendwo erspähen.
Als ich die östliche Hauswand mit der Fensterfront erreicht habe, gehe ich kurz in mich, um mich zu vergewissern, dass ich alleine bin. Nach einer kurzen Verbindung mit den Elementen nehme ich Chris ungefähr fünfhundert Meter von mir entfernt im Wald wahr, aber ansonsten niemanden. Ich bin allein, also kann ich mit dem Schutzzauber beginnen.
Ich sage den lateinischen Spruch auf und zünde das Kräuterbündel an. Der Wind reißt den Rauch in die Luft und schürt die glimmende Glut, die an den Spitzen der bröseligen Blätter frisst. Nun hocke ich mich am östlichsten Punkt auf den feuchten Boden. Meine Fingerspitzen graben ein schmales Loch in die kalte Erde, in das ich den ersten Rohdiamanten kullern lasse. Danach folgt eine kleine Prise Fötus-Asche, bevor ich die Erde wieder in das Loch schiebe und dabei weiter den einstudierten Zauberspruch aufsage. Ich stehe auf, nehme eine Handvoll von den Samen und begebe mich zum südlichsten Punkt des Hauses, wo ich wieder ein kleines Loch grabe, Diamant und Asche hineinwerfe und uralte lateinische Wörter aufsage. Dasselbe mache ich auch am westlichen und nördlichen Punkt, bis ich wieder beim östlichen Punkt ankomme und somit einmal das Haus umkreist habe. Die Wurmfarnsamen haben knapp ausgereicht und das Kraut ist soweit heruntergebrannt, dass ich es wie einen Zigarettenstummel über dem zugeschütteten ersten Loch ausdrücke, genau wie das Buch es verlangt hat.
Sobald die Glut auf die krümelige Erde trifft, ertönt ein Zischen und ich spüre ein Surren in der Luft. Es fühlt sich wie eine elektrostatische Aufladung an, die sich kuppenförmig über das Haus legt. Ich trete ein paar Schritte zurück und blicke die Hauswand empor. Ganz leicht ist ein silberner Schimmer zu sehen, fast so, als flirre die Luft vor Hitze. Zufrieden betrachte ich mein Werk in der Gewissheit, dass Menschen nun nicht mehr ins Haus eindringen können.
Später im Büro stellt sich bei mir ein sentimentales Gefühl ein. Auch wenn ich erst seit etwas mehr als einem Jahr von diesem geheimen Parapsychologen-Büro weiß, ist es mir doch sehr ans Herz gewachsen. Hier in diesem Raum habe ich von Elviras Tätigkeiten der vergangenen Jahre erfahren. Ich bekam zum ersten Mal einen Einblick in eine Welt, die mir bis dahin verborgen war. Dieses Büro war der Anfang von allem. Allein der Gedanke daran, dass sich hier vielleicht bald so etwas Profanes wie eine Versicherung niederlassen könnte, stößt mir sauer auf. Genau wie der Umstand, dass ich nie wieder Elviras Wohnung betreten könnte. Diese Wohnung war, nachdem Mama ins Koma gefallen ist, mein zweites Zuhause. In diesem ganzen Haus stecken so viele Erinnerungen, gute wie auch schlechte, die ich nicht einfach so aufgeben will. Auch wenn ich nichts dagegen unternehmen kann, dass Mama und Elvira wegziehen, aber dieses Haus nehmen sie mir nicht weg!
