Scarlett Taylor - Wendy - Stefanie Purle - E-Book

Scarlett Taylor - Wendy E-Book

Stefanie Purle

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Beschreibung

Die SCARLETT TAYLOR – REIHE: Eine Paranormal-Romance-Serie, voller Magie, Dämonen, Hexen und mystischer Kreaturen. ***Der vierte Teil der "Scarlett Taylor"-Reihe*** Scarlett ist sich sicher, dass in den dunklen Tiefen des Sees hinter Chris´ Haus etwas Böses lauert. Doch ehe sie der Sache auf den Grund gehen kann, gerät sie in das Visier der Polizei: Sie wird verdächtigt, einem örtlichen Satanskult anzugehören, von dem nun ein jugendliches Mitglied spurlos verschwunden ist. Während das Böse auszubrechen droht, muss Scarlett sich vor der Polizei verstecken und sucht Rat bei Roberta. Doch es gibt Bedrohungen, die selbst die amtierende Hexenkönigin vor Angst erzittern lassen. In der "Scarlett Taylor"-Reihe ist bereits erschienen: Band 1: "Scarlett Taylor - Parapsychologin wider Willen" Band 2: "Scarlett Taylor - Hexenblut" + Band 2.5: Die Novelle "Scarlett Taylor - Parapsychologin im Weihnachtsstress" Band 3: "Scarlett Taylor - Prophezeiung" Band 4: "Scarlett Taylor - Wendy" Band 5: "Scarlett Taylor - Libelle"

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Seitenzahl: 421

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Stefanie Purle

Scarlett Taylor - Wendy

Band 4 der "Scarlett Taylor"-Reihe

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Impressum neobooks

Kapitel 1

Als ich an diesem Sommermorgen die Augen öffne, spüre ich bereits, dass etwas anders ist. Sonnenlicht kriecht flüsterleise über unsere dünnen Bettdecken, obwohl die Wärme von gestern noch immer bleiern in der Luft hängt. Aber da ist noch mehr, als nur diese drückende Wärme, die zur einer weiteren Nacht unruhigen Schlafes geführt hat.

Irgendetwas stimmt nicht, Unheil liegt in der Luft.

Ich steige leise aus dem Bett. Chris knurrt im Schlaf und dreht sich um. Auf Zehenspitzen gehe ich auf die Fensterfront zu und blicke hinunter zum See. Das Laub der Bäume ist von Tau bedeckt, der wie tausend Diamanten in der aufgehenden Sonne glitzert. Der See ist dunkel und still. Er wirkt als sei er in Trauer gehüllt, seine Tiefen sind noch dunkler als sonst.

Ich lege die Handfläche gegen die Scheibe. Schon durch das Glas hindurch spüre ich diese Niedergeschlagenheit, die so gar nicht zu der sommerlichen Szenerie passt. Wäre da nicht der See, dessen Traurigkeit mich bei seinem Anblick allein melancholisch werden lässt, wäre es ein Sommermorgen wie jeder andere auch.

Ein Blick über die Schulter verrät mir die aktuelle Uhrzeit. Es ist kurz vor Sechs. Spät genug, um Chris zu wecken.

„Chris“, flüstere ich und krabble über meine Seite des Bettes zu ihm hinüber. „Bist du wach?“ Ich küsse seine nackte Schulter. Er gibt ein grunzendes Geräusch von sich und beginnt sich zu räkeln. „Irgendetwas stimmt draußen nicht.“

Seine Augen öffnen sich. „Was?“, fragt er noch ganz schläfrig und blickt sich ein wenig orientierungslos um. Die Bettdecke rutscht von seinem Oberkörper und liegt bedenklich tief auf seiner Hüfte.

Ich weiß, dass er unter dieser dünnen Decke nackt ist, und wenn sie nur noch ein wenig mehr von seinem hinreißenden Körper preisgibt, werde ich mich nicht mehr konzentrieren können. Also zwinge ich mich, ihm in die Augen zu sehen. „Mit dem See stimmt etwas nicht.“

Chris stützt sich auf seine Unterarme und blickt über meine Schulter hinweg zur Fensterfront. „Mit dem See stimmt etwas nicht?“, wiederholt er fragend. Seine Pupille wird größer und dann wieder kleiner. Seine wolfsähnlichen Augen zoomen den See und die Umgebung heran. „Sieht doch ganz normal aus.“

„Spürst du das denn nicht?“ Ich stehe wieder auf und gehe zurück zum Fenster. „Es ist etwas mit dem See geschehen. Er trauert.“

Chris steht plötzlich hinter mir und legt seine Hände auf meine Hüften. Sein Kinn ruht sanft auf meinem Scheitel. „Ich sehe nichts.“

Er schaut ein weiteres Mal durch die Bäume hinunter zum Wasser. Sein warmer Körper drückt gegen meinen. Er senkt den Kopf und vergräbt sein Gesicht in meinen Haaren.

Ich schließe die Augen, als sein heißer Atem meine Schulter streift. Seine Wärme und der sanfte Druck seiner Hände schieben das Unheilvolle und die Melancholie, die der See ausstrahlen, davon. Langsam drehe ich mich zu ihm um, mein Brustbein kribbelt warm und angenehm. „Ich kann ja später mal nachsehen, was mit dem See los ist“, sage ich flüsternd und fahre mit meinen Fingerspitzen über seinen harten Oberkörper und die weichen Brusthaare.

Chris nickt und schiebt den Träger meines Nachthemdes zur Seite. Seine Augen funkeln, das keltische Tattoo auf seinem Brustbein scheint bei seinem beschleunigten Herzschlag zu vibrieren.

Ich beginne ihn wieder zurück zum Bett zu schieben. Der Anblick seines Körpers hat jeden Gedanken an den See verbannt. Als wir das Bett erreichen, legt er sich rücklings darauf und ich knie mich über seinen Schoß. Wir geben uns einander hin und ich dränge das melancholische Klopfen aus meinem Bewusstsein.

„Möchtest du auch Spiegeleier“, fragt Chris mich, wie jeden Morgen.

Und wie jeden Morgen verneine ich dankend und nippe stattdessen lieber an meinem Latte mit einem extra Schuss Vanillesirup, während ich den nackten Rücken meines Gefährten beim Werkeln in der Küche betrachte.

Doch an diesem Morgen schweift mein Blick immer wieder zur Fensterfront ab. Das Wasser des Sees wirkt noch immer dunkler als sonst, selbst jetzt, da die Sonne höher am Himmel steht. Bei seinem Anblick wird mir ein wenig flau im Magen, was nicht am Kaffee liegt.

„Findest du nicht auch, dass der See heute dunkler ist?“

Chris dreht sich zu mir um, während hinter ihm die Spiegeleier blubbernd braten. „Das war also keine Ausrede, nur um mich wecken zu können?“, fragt er und lächelt verschmitzt.

Ich lache. „Nein, natürlich nicht. Seit wann brauche ich Ausreden, um dich zu wecken?“

Er zuckt mit den Schultern und streicht sich das noch feuchte Haar aus der Stirn. „Brauchst du nicht“, gibt er grinsend zu und geht zum Fenster.

„Siehst du das auch? Irgendetwas ist doch faul“, bemerke ich erneut und lehne mich zurück, um zwischen den dicken Baumstämmen hinunter auf die Wasserfläche zu schauen.

Chris stemmt die Hände in die schmale Hüfte, stellt sich auf Zehenspitzen und reckt den Hals. „Ganz ehrlich, Scarlett, ich sehe da keinen Unterschied“, lässt er mich wissen, bevor er zurück zu seinen Spiegeleiern sprintet und die heiße Pfanne vom Herd nimmt. „Für mich sieht der See aus wie immer.“

Seufzend stelle ich meine Tasse ab und schüttle leicht mit dem Kopf. „Ich weiß auch nicht, woran es liegt. Etwas Unheilvolles lieg in der Luft und es hat mit dem See zu tun. Ich glaube, ich gehe gleich mal runter und schaue nach dem Rechten.“

Mit dem Teller Spiegeleier in der Hand setzt Chris sich mir gegenüber an den Tisch. „Musst du nicht ins Büro?“, fragt er, obwohl wir beide die Antwort bereits kennen.

Ich löffle den Schaum von meinem Latte. Natürlich muss ich ins getarnte Reisebüro meiner Tante Elvira. Seitdem meine Mutter endlich aus dem Koma erwacht ist, hat Elvira ihren Job als Parapsychologin vollends hingeschmissen und widmet sich nun ganz der Pflege meiner Mutter. Ich bin ihr natürlich dankbar dafür, denn ohne sie müsste ich eine Pflegekraft beschäftigen, da Mama sich von mir erst recht nicht betreuen lässt. Sie kommt nicht damit klar, dass ich ein magisches Wesen bin. Ihre Vorurteile sind so tief verankert, dass sie um Hexen, Mannwölfe und allem Magischen, einen großen Bogen macht. Und mir, als erster und bislang einziger Druidenhexe, traut sie nicht über den Weg. Es tut weh, dass meine Mutter - nachdem ich alles dafür getan habe, sie von dem Fluch meines Vaters zu befreien - nun regelrecht Angst vor mir hat. Sie hat die erste Hälfte meines Lebens damit zugebracht, alles Magische von mir fernzuhalten. Magie ist für sie gleichbedeutend mit der Bosheit meines Vaters, dem ehemaligen schwarzen Hexenkönig.

Sie ist zu Elvira gezogen, in die kleine Wohnung über dem Reisebüro. Elvira bringt sie regelmäßig zur Physiotherapie, kocht für sie, pflegt sie und holt mit ihr die vergangenen Jahre auf. Das Parapsychologenbüro hat sie seitdem nicht mehr betreten. Sie hat sogar schon den Text auf dem Anrufbeantworter neu besprochen: „Guten Tag, Sie sprechen mit dem Anschluss der Parapsychologin Scarlett Taylor. Elvira Taylor hat sich zur Ruhe gesetzt und ist nicht mehr zu erreichen. Für alle paranormalen Angelegenheiten ist nun ihre Nichte Scarlett zuständig. Bitte hinterlassen Sie Ihre Nachricht für Scarlett nach dem Piepton“. Und ihren eigenen Namen hat sie auch von der Schaufensterscheibe des getarnten Reisebüros gekratzt und mit einem wasserfesten Stift „Geschlossen“ darauf geschrieben. Doch viele frühere Kunden fragen noch immer nach ihr und können kaum glauben, dass sie nicht mehr als Parapsychologin arbeitet.

„Dann gehe ich erst ins Büro und schaue mir den See danach an“, sage ich, leicht enttäuscht und nippe an meinem Kaffee.

Es ist wie selbstverständlich zu meiner Aufgabe geworden, das geheime Parapsychologenbüro meiner Tante zu leiten, Aufträge auszusortieren und sie dann an die passenden Schamanen, Medien, Dämonologen und Parapsychologen weiterzuleiten oder selbst zu übernehmen. Zusammen mit Jason regle ich auch die Finanzen, schreibe Lohnabrechnungen und überweise Gehälter. Ich liebe diesen Job, das tue ich wirklich, und es ist genau das, was ich immer machen wollte. Nur lässt er mir keine Zeit zu erkunden, was ich nun eigentlich bin: Die erste Druidenhexe der Welt!

Ich kann in keinem Buch nachlesen, wozu ich in der Lage bin und was mich ausmacht. Ich bin die erste meiner Art, ein Stück Evolutionsgeschichte in der Welt der magischen Wesen.

Darius - der Druide und aktuelle Freund meiner Tante Roberta, der amtierenden weißen Hexenkönigin - hat mir zwar die Welt der Druiden erklärt, doch ich spürte gleich, dass das nicht meine Welt ist. Ich werde mir nicht in der Selbsttaufe ein brennendes Eisen in Form eines fünfzackigen Sternes auf den Kopf brennen (zumal ich nicht noch eine weitere Narbe gebrauchen kann, die meinen Kopf entstellt! Ich bin mit dem eingebrannten Todesblitz meines Vaters auf meiner Wange bestens bedient!) und ich werde auch nicht in einem Baumhaus im Wald wohnen oder Tierblut trinken und Opferlämmer schlachten. Nein, das bin ich nicht!

Aber was bin ich dann?

„Wenn dich der See so beschäftigt, könnte ich vielleicht erst zum Büro fahren und den Anrufbeantworter abhören. Dann kannst du runter zum See“, reißt Chris mich aus meinen Gedanken und schiebt sich das letzte Stück Spiegelei in den Mund.

„Nein, schon gut“, lehne ich ab, da ich weiß, dass er zu einem Auftrag muss, zu dem ich ihn selbst eingeteilt habe: Ein paar Orte weiter hat sich ein Rudel Werwölfe in einer alten Scheune eingenistet und schon etliche Opfer gefordert. Chris ist zwar hauptberuflich Dämonologe, aber als Mannwolf möchte er sich selbst um die Werwölfe kümmern. Außerdem ist er der einzige aus meinem Team, der es kräftemäßig überhaupt mit ihnen aufnehmen kann. „Das kann warten. So schlimm wird es wohl nicht sein.“

Doch mein Blick gleitet automatisch wieder zur Fensterfront, durch die dichten Bäume hindurch bis hinunter zur dunklen Oberfläche des Sees. Der blaue Himmel spiegelt sich nicht darin und auch die Sonne glitzert nicht auf seinen leisen Wellen.

Was auch immer mit dem See los ist, es wird warten müssen.

Wenig später schließe ich die Tür zum ehemaligen Büro meiner Tante Elvira auf und gehe hinein. Ich lasse das Licht im Verkaufsraum aus und schließe hinter mir ab. In den ersten Monaten nach der Erweckung meiner Mutter hatte ich ein paar Mal vergessen, das Licht auszuschalten. Es dauerte nicht lange und reisewillige Kunden kamen herein und wollten sich ein paar Reiseprospekte zur Durchsicht ausleihen, oder sie fragten, ob es eine Neueröffnung geben würde. Um das in der Zukunft zu vermeiden, lasse ich die Tür verschlossen und das Licht aus. Manchmal klopft zwar jemand, aber ich reagiere meistens nicht mehr darauf. Stattdessen verkrieche ich mich in den hintersten Teil des Ladens, wo das geheime Büro meiner Tante hinter einer Falttür verborgen liegt.

Sobald ich die Tür zur Seite schiebe, empfängt mich der staubige Geruch von Lavendel, altem Leder, zitroniger Holzpolitur und dem kalten Nachklang längst verglühter Räucherstäbchen. Das Aroma hat sich für immer in den vertäfelten Wänden eingenistet. Schreibtisch, Stuhl und Sessel stehen noch genau wie zuvor, jedoch habe ich ein paar Dinge aussortiert und andere hinzugefügt. Elvira hatte seltsame Statuen von steinernen Gargoyles auf dem Tisch und Bündel getrockneter Kräuter, sowie einige Hexenbeutel und einen Sigillenstein. Für sie waren diese Dinge zum Schutz auch sinnvoll, aber für mich sind sie unnötig. Zumal ich weiß, dass ein einzelner Sigillenstein noch keinen Dämon fernhält und ein Hexenbeutel nur in der Hand einer Hexe wirklich sinnvoll ist. Die Gargoyles gefielen mir nicht, also sind sie zusammen mit anderen Dingen in einer Kiste unter dem Tisch in der Büroküche verschwunden. Elvira wollte sie nicht wiederhaben und ich wollte sie nicht in Chris´ Haus lagern.

Stattdessen stehen jetzt ein paar Kristalle auf einer Ecke des Schreibtisches und ein opulenter Bilderrahmen mit einem Bild von mir und Chris im Schnee auf der anderen Ecke.

Elviras Bulli ist es genau wie dem geheimen Büro ergangen. Nachdem mein Auto im Kampf gegen Cassandra, der wildgewordene Freundin meines Vaters, zerstört wurde, hat Elvira mir ihren Bulli überlassen. Sie hat sich stattdessen einen Kleinwagen geholt, mit dem sie Mama zur Therapie fährt. Ich habe als erstes eine vernünftige Anlage einbauen lassen, damit ich nicht immer wieder diese alte Beatles-Kassette hören musste. Dann ist einiges von Elviras Equipment rausgeflogen, was nun auch unter dem Tisch der Büroküche vor sich hingammelt.

Es kommt mir manchmal so vor, als hätten wir unsere Leben getauscht: Sie hält sich mit kleinen Halbtagsjobs über Wasser und kümmert sich den Rest der Zeit um Mama. Ich leite das Parapsychologen-Büro und vertreibe Geister und sonstige paranormale Geschöpfe, während für Freizeit meist kaum noch Zeit bleibt. Aber ich liebe mein neues Leben! Das Einzige was mich stört, ist die Abneigung, die meine Mutter gegen mich hegt. Bei diesem Gedanken wird mir immer ganz schwer ums Herz. Ich sitze hier unten, in diesem geheimen Büro, und meine Mutter ist ein paar Meter über mir in Elviras Appartement. Und doch bin ich meilenweit von ihr entfernt.

Ich schüttle den Kopf und schlucke den Kloß im Hals herunter. Gib ihr einfach noch etwas Zeit, höre ich Elviras Worte in meinen Gedanken. Sie hat beinahe zehn Jahre verpasst, sie muss sich erst neu eingewöhnen. Irgendwann wird sie verstehen.

„Ja, ja…“, stöhne ich und setze mich in den ledernen Bürostuhl, der unter meinem Gewicht knarzt. Die Anzeige auf dem Anrufbeantworter blinkt, es sind mehrere Nachrichten darauf, die sich das Wochenende über angesammelt haben. Ich drücke auf Play und hoffe, dass die verzweifelten Stimmen neuer Klienten mich auf andere Gedanken bringen werden.

„Frau Taylor? Sind Sie die neue Parapsychologin?“, beinahe jede zweite Nachricht beginnt mit diesen oder ähnlichen Worten, obwohl Elvira den Ansagetext sehr klar formuliert hat. Ich lehne mich zurück und höre weiter zu. „Ich weiß nicht, ob ich bei Ihnen richtig bin. Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, was eine Parapsychologin eigentlich macht und außerdem habe ich mit solchen Dingen nicht wirklich viel am Hut.“ Komm zur Sache, denke ich leicht genervt und beginne auf dem Ende eines herumliegenden Kugelschreibers zu kauen, während ich das heutige Blatt im Kalender aufschlage. „Es geht um meine Tochter. Sie interessiert sich sehr für so dunkles Zeugs. Seit Monaten kleidet sie sich nur noch in schwarz, hat sich sogar die Haare schwarz gefärbt.“

„Hier ist nicht das Jugendamt, gute Frau“, zische ich dem Apparat entgegen und meine Finger wandern bereits zur Taste, die zur nächsten Nachricht vorspult.

„Sie ist erst sechzehn und ich habe Angst, dass sie mit den falschen Leuten zusammen ist. Überall malt sie diesen Stern hin und seit ein paar Wochen hat sie Probleme in der Schule.“

Ich schüttle mit dem Kopf, mein Finger liegt nun auf der Vorspultaste.

„Gestern kam sie erst am frühen Morgen wieder nach Hause, und als ich sie fragte, was sie gemacht hat und wo sie war, wollte sie erst nicht mit der Sprache rausrücken. Ich habe sie dann aber nicht in Ruhe gelassen, ich mache mir als Mutter ja schließlich Sorgen, wissen Sie?“

Das ist der Moment, in dem ich endgültig die Taste herunterdrücke und zur nächsten Nachricht spule. Würde ich mir alle Nachrichten von besorgten Müttern anhören, deren pubertierende Kinder eine wilde Phase durchmachen und zum Grufti werden, hätte ich für nichts anderes mehr Zeit. Es ist meine Aufgabe, aus den ganzen Anrufen die wichtigen und echten Fälle herauszufiltern. Und ein schwieriger Teenager gehört nicht dazu!

Die zweite Nachricht kommt von einer Hotelangestellten aus dem Süden. Sie erzählt, dass Gäste eines gewissen Zimmers immer wieder von polternden Geräuschen, Kratzen an den Wänden und kalten Luftzügen berichten, seitdem ein Gast sich vor ein paar Jahren dort drinnen erhängt hat. Bei ihren Erläuterungen denke ich sofort an Kitty, das ist ein Auftrag für sie. Ich notiere mir die Telefonnummer und Adresse und schreibe in ein paar Stichworten auf, worum es geht. Dann falte ich das Papier und schreibe oben Kittys Namen drauf.

Der dritte Anrufer ist wieder einer der Sorte, die ich nicht sonderlich ernst nehmen kann und die mir zugleich fürchterlich auf die Nerven gehen. Ein junges Mädchen mit piepsiger Stimme versucht möglichst cool und lässig rüberzukommen, doch die Nervosität ist deutlich im Zittern ihres Soprans zu hören. „Hey, Scarlett, hier im Dorf erzählt man sich, dass du eine ganz Große in Sachen Hexenkunst bist, und ich wollte mal fragen, ob du mir und meiner Clique was beibringen kannst.“

„Oh nein“, seufze ich und lege meinen Kopf auf das kühle Kalenderblatt vor mir. Seit ein paar Wochen kommen immer wieder Anfragen von Jugendlichen, die irgendwo meinen Namen aufgeschnappt haben und denken, ich wäre eine Wicca, oder gehöre sonst einer Naturreligion an, in die ich sie einweihen könnte. Die meisten von ihnen wollen einfach nur ihre Eltern schocken oder sich von den anderen in ihrer Klasse abheben. Ein ernstes Interesse an einer Religion oder der Natur, habe ich noch bei keinem Anrufer festgestellt. Zu Anfang traf ich mich noch mit einigen der Jugendlichen. Doch sobald sie ihren Kaugummi auf die Straße spuckten und mir in ihren wallenden schwarzen Mänteln entgegen kamen, mit dem lustigen Aufnäher „Just legalize it“ und ein paar gestickten Hanfblättern darunter, war mir klar, mit welcher Sorte Jugendlicher ich es zu tun hatte. In der Regel horchte ich sie dann nur etwas aus, und wenn sie mir so harmlos erschienen wie sie aussahen, verabschiedete ich mich und sah meine Pflicht als erledigt an. So lange sie keine Dämonen beschworen oder schwarze Messen abhielten, sollten sie meinetwegen tun und lassen was sie wollen.

„Wir kennen die Basics und so, aber vielleicht willst du ja mal bei unserem Zirkel vorbeischauen und uns ein paar Spells zeigen, oder was auch immer.“

Automatisch verdrehte ich die Augen. Sie kennen die Basics, sie haben einen Zirkel und wollen ein paar Spells lernen. Da hat wohl jemand mal wieder die Fernsehwelt mit der Realität verwechselt. Ohne ihrem Gebrabbel noch weiter zu lauschen, drücke ich die Vorspultaste und höre mir die Sorgen der nächsten Anrufer an. Eine ältere Frau fragt höflich nach unserer Schamanin Naomi, da sie mit ihrer verstorbenen Schwester Kontakt aufnehmen möchte. Seitdem unser Computergenie Jason uns eine Website eingerichtet hat, auf der all unsere „Dienstleistungen“ gelistet sind, hat Naomi immer mehr zu tun. Viele wollen mit Verstorbenen sprechen oder glauben, ein Fluch läge auf ihnen oder ihrem Haus. Naomi kommt dann und löst den Fluch, oder überbringt Botschaften der Toten in wundervollen und würdevollen Zeremonien. Es ist uns allen lieber, wenn die Kunden die Hilfe eines Schamanen in Anspruch nehmen, anstatt sich selbst an ein Ouija Board zu setzen oder Gläserrücken auszuprobieren. Denn solche Aktionen sind noch nie gut ausgegangen! Die wenigsten wissen, dass sie so ein Tor zur Unterwelt öffnen und Dämonen und andere dunkle Wesen dadurch zu ihnen sprechen und sich als geliebter Verstorbener ausgeben. Wenn wir so etwas vermeiden können, indem wir den Klienten unsere Schamanin Naomi vorbeischicken, dann haben wir schon eine Menge getan.

Ich gehe noch die letzten Nachrichten durch, mache mir Notizen und verteile potenzielle Aufträge an meine Teammitglieder. Danach stecke ich die Zettel mit den Aufträgen in meine Tasche, lösche das Band des Anrufbeantworters und schalte ihn wieder ein, bevor ich mich auf dem Weg zum Booh, der Stammkneipe für Dienstleister der Parapsychologie, mache. Da dieser Ort für alle Teammitglieder wie ein zweites Zuhause ist, hinterlege ich dort die Zettel mit den Aufträgen in einem kleinen Körbchen auf der Ecke des Tresens. Jeder der kommt, wirft einen Blick hinein und schaut nach, ob ein spezieller Auftrag für ihn, oder ein freier Auftrag, den ich niemand speziellem zuordnen konnte, drin ist. Dieses System funktioniert recht gut, auch wenn Jason sein Möglichstes tut, dieses Zettelsystem zu digitalisieren. Doch so lange Jo, Berny und ein paar andere ältere Teammitglieder sich weigern, ein Smartphone zu nutzen, werden wir wohl bei dem Zettel-System bleiben.

Als ich gerade auf dem Rückweg bin, klingelt mein Handy. Ich fahre mit dem sperrigen Bulli rechts ran und nehme ab.

„Hey, Süße, ich bin´s. Störe ich gerade? Es dauert auch nicht lange“, beginnt die Stimme meiner besten Freundin Carmen zu plappern und ich kneife die Augen zusammen. Beinahe hätte ich vergessen, dass sie und ihr Freund, der gleichzeitig ihr Chef ist, heute Abend zu uns zum Essen eingeladen sind.

„Bill verträgt keine Nüsse, er hat eine Nussallergie. Ich weiß ja nicht was du kochen willst, aber es darf nichts mit Nüssen sein, weißt du? Erdnüsse sind am Schlimmsten, davon schwillt sein Gesicht richtig an und wird knallrot. Ich hab´s einmal miterlebt und das will ich wirklich nicht nochmal sehen. Es war widerlich!“

„Okay“, sage ich, doch sie redet schon weiter, über Walnüsse, Haselnüsse und Desserts mit Nusscreme.

„Selbst Eis mit Nüssen verträgt er nicht, obwohl ich ja bezweifle, dass da auch nur etwas anderes als Nussaroma drin ist. Ich meine, echte Nüsse sind bestimmt nicht im Eis. So wie Erdbeeren auch kaum im Erdbeerjoghurt zu finden sind, man muss sich ja nur mal die Zutaten auf der Rückseite durchlesen. Meistens steht da nur was von Aroma, aber nicht von Erdbeeren!“

„Ist Bill auch gegen Erdbeeren allergisch?“, hake ich ein wenig verwirrt nach und trommle mit den Fingern auf dem Lenkrad.

„Nein, nein, nur gegen Nüsse. Aber Nüsse in jeglicher Art und Form, weißt du?! Bill bat mich, dir das zu sagen, nicht dass du nachher so viel Mühe mit dem Kochen hast, und er es gar nicht essen darf. Das wäre ja auch wirklich schade. Er lässt dich im Übrigen schön grüßen und freut sich schon, dich und Chris heute Abend kennenzulernen“, säuselt sie übertrieben aufgeregt.

„Du hast ihm aber nichts von-“, beginne ich, doch sie antwortet bereits, bevor ich den Satz zu Ende sprechen kann.

„Nein, nein, natürlich nicht. Das würde er sowieso nicht verstehen. Ich meine, wer versteht das schon?“ Sie kichert kurz hysterisch. „Ich verstehe diese ganze Hexen-Sache ja selbst nicht! Also nein, ich habe ihm nichts davon erzählt, das ist auch nichts für ihn. Also, ich meine dieses ganze Esoterische, das ist nichts für ihn.“

Ich seufze. „Es hat nichts mit Esoterik zu tun, Carmen“, erkläre ich, obwohl ich weiß, dass es sinnlos ist. Aber ich mache ihr keinen Vorwurf. Wie soll sie die Tatsache, dass ich eine Druidenhexe und mein Freund ein Mannwolf ist, auch verstehen?

„Das weiß ich doch, aber es bleibt unser Geheimnis, ja? Wir sagen Bill nichts von dieser Hexensache, okay?“

„Nein, auf keinen Fall.“

Ich höre sie erleichtert seufzen. „Dann ist ja gut. Also, Süße, keine Nüsse. Dann bis später, ich freu mich schon!“

„Ich mich auch“, sage ich und versuche es auch so zu meinen. Dann legen wir auf. „Keine Nüsse und kein Hexenkram für Wilhelm“, sage ich zu mir selbst und spucke seinen wahren Namen förmlich aus. Er heißt Wilhelm, nennt sich aber Bill, weil das jugendlicher und frischer wirkt, sagt Carmen. Ich kenne ihn zwar nur aus Carmens Erzählungen, aber es fällt mir schwer, unvoreingenommen zu bleiben. Er betrügt seine Frau, mit der er einen gemeinsamen Sohn hat, seit Jahren mit Carmen. Ihre Beziehung findet hauptsächlich bei der Arbeit statt, wo sie als seine Sekretärin fungiert. Dass sie sich mal außerhalb der Arbeit treffen, ist nur auf Geschäftsreisen möglich, oder wie jetzt, da seine Frau zur Kur ist. Aber Carmen liebt ihn und deswegen werde ich ihn heute Abend bei uns willkommen heißen, auch wenn ich eigentlich nur herausfinden will, was mit dem See hinter Chris´ Haus los ist.

Kapitel 2

Als ich wieder Zuhause ankomme, ist Chris schon unterwegs zu seinem Auftrag. Ich schleppe die Einkaufstüten mit den Zutaten für das Dinner heute Abend ins Haus, doch auf der Kücheninsel lasse ich sie uneingeräumt liegen und mache mich auf den Weg hinunter zum See.

Flink und behände, wie man es von einer Frau mit meiner Statur kaum erwarten würde, sprinte ich durch den Wald. Sommerlich warme Luft streift meine Haut und weht mein Haar hinter meine Schultern. Ich springe über herumliegende Baumstämme, ducke mich unter herabhängende Äste hindurch und weiche gekonnt Büschen und Fuchsbauten aus, bis ich endlich das flache Gras am Ufer des Sees erreiche.

Von Nahem sieht der See noch düsterer aus. Die Oberfläche ist still und pechschwarz, der blaue Sommerhimmel spiegelt sich nicht darin und es sind auch keine Libellen zu sehen oder Frösche zu hören. Alles, was ich gestern noch als normal und gegeben betrachtet habe, fehlt nun. Ich trete noch näher, bis meine Schuhspitzen das Schilf berühren, atme tief ein und rieche die stehende Luft um mich herum. Es riecht nach feuchter Erde, Gras und Moder. Kein Vogel zwitschert, keine Mücke summt um mich herum. Ich wittere Gefahr wie ein wildes Tier, dem sich etwas Böses nähert. Doch so sehr ich mich auch auf meine Sinne konzentriere, ich kann den Ursprung der Gefahr nicht lokalisieren.

Trotz der aufsteigenden Mittagshitze fröstelt es mich. Ich reibe mir die Gänsehaut von den Armen und blicke mich um. Niemand außer mir ist hier, und doch spüre ich die lauernde Gefahr im Nacken, als würde mich jemand beobachten. Die Stille beunruhigt mich, auch wenn sie doch sonst immer so friedlich auf mich gewirkt hat. Dieses Mal ist es eine andere Stille, eine melancholische, unheilvolle Stille.

Ich trete vom Schilf zurück und beginne am Ufer entlangzulaufen, wobei ich die schwarze Wasseroberfläche nicht aus den Augen lasse. Am hölzernen Bootssteg, dessen Latten verwittert und morsch sind, halte ich wieder an. Vorsichtig trete ich darauf und nähere mich Schritt für Schritt seinem Ende, das ungefähr fünf Meter aufs Wasser hinausragt. Das morsche Holz unter mir würde nachgeben, wäre ich nicht zur Hälfte Druidin. Ich kann fühlen, wie es die Fasern anspannt, beinahe wie Muskeln, um mich zu halten. Am Ende des Bootsteges lasse ich mich auf die Knie nieder und umfasse mit den Händen den allerletzten Balken. Glitschige Algenbeläge drücken kühl gegen meine Handflächen, als ich in das Dunkel des Wassers blicke. Wie durch einen Nebel hindurch sehe ich verschwommen mein eigenes Gesicht auf der Oberfläche. Die Narbe auf meiner Wange dominiert mein Spiegelbild und hebt sich schwarz-silber von meiner blassen Gesichtshaut ab. Einen kurzen Moment verirren sich meine Gedanken zu dem heutigen Abend. Wie wird Bill reagieren, wenn er diese Entstellung in meinem Gesicht sieht? Werde ich wieder die erfundene Geschichte von einem Autounfall erzählen müssen, oder hat Carmen das bereits für mich erledigt? Die betroffen dreinblickenden Gesichter derer, die mich nach dem Todesblitz meines Vaters ansahen, tauchen vor meinem inneren Auge auf. Mitleid, Schrecken und manchmal sogar Ekel war in ihren Mienen zu lesen. Und selbst jetzt, fast ein halbes Jahr später, begegne ich immer noch vielen fragenden oder ausweichenden Blicken. Das einzig Positive an dieser hässlichen Narbe ist die Tatsache, dass sie für Menschen einfach nur blassrosa aussieht, wie eine gewöhnliche Narbe. Nur magische Wesen sehen das Schwarz mit den silbernen Furchen darin.

„Zu spät“, höre ich plötzlich eine tiefe, grummelnde Stimme unter mir und ich zucke zusammen. Das Wasser bewegt sich und lässt mein Spiegelbild in Fetzen über den schwarzen See gleiten. Ich drehe mich zu allen Seiten um.

„Wer ist da?“, rufe ich und richte mich auf. „Hallo?“ Doch niemand antwortet. Stattdessen höre ich ein gurgelndes Lachen, das sich immer weiter über den See verzieht. „Hallo! Ist da jemand?“ Wieder keine Antwort, stattdessen legt sich wieder diese drückende Stille über den See.

Ich springe auf, plötzlich von Panik ergriffen, und verlasse fluchtartig den Bootssteg. Ohne meine Konzentration gehen zwei morsche Latten entzwei und ich komme ins Straucheln. Taumelnd trete ich ins knietiefe Wasser und falle vornüber ans Ufer.

Wieder ertönt dieses fiese Lachen. Es scheint, als käme es aus der Mitte des Sees, doch das kann nicht sein!

So schnell ich kann, krabble ich über das Ufer, so weit weg vom Wasser wie eben möglich, bis endlich das Lachen wieder verstummt. Tropfnass, von den Oberschenkeln abwärts, hocke ich da und blicke mich verängstigt um, während ich im Geiste all die Wesen durchgehe, die im Wasser leben könnten. Da wären Nixen, Sirenen und Meerwesen, doch sie alle bevorzugen Salzwasser. Dann gibt es noch die Wasserelfen, kleine tropfenförmige Geistwesen, ähnlich der oberirdischen Elfen, doch sie sind stumm und können es demnach nicht gewesen sein. Mir fallen noch weitere Wesen ein, doch die meisten davon leben im Meer oder in Lagunen, keines davon ist in Waldseen beheimatet.

Ratlos rapple ich mich wieder auf und versuche die Angst abzuschütteln. Sollte sich mir etwas Böses nähern, so habe ich immer noch meine Magie, um mich zu wehren. Außerdem habe ich schon wahrhaft Schlimmeres erlebt und gesehen als ein gruseliges Lachen, das über einen schwarzen See schwebt! Trotzdem läuft mir beim Gedanken an die Stimme, die nur zwei Worte sagte -„Zu spät“- wieder ein kalter Schauer über den Rücken.

Ich beginne weiter den See zu umrunden, die Hand kampfbereit ausgestreckt, um notfalls einen Blitz abzufeuern, falls es nötig ist. Als ich am hinteren Ende des ovalen Sees angekommen bin, entdecke ich Wachsspuren im niedergetretenen Gras. Ich hocke mich hin und hebe eines der Wachstropfen auf. Es ist grau und riecht leicht nach Weihrauch. Sofort denke ich an das Mädchen, das mir auf den Anrufbeantworter gesprochen hat und von mir ein paar Spells wissen wollte. Ob sie hier eine Séance abgehalten hat? Oder waren es nur Angler, die des Nachts im Kerzenschein geangelt haben? Oder ein verliebtes Pärchen? Ich suche die Umgebung nach Anglerzubehör oder Resten vom romantischen Picknick ab, aber ich finde nichts. Doch als ich ein paar Meter weiterlaufe, entdecke ich etwas abgelegen vom Ufer eine Stelle zwischen ein paar Bäumen, wo das Gras niedergedrückt ist und in dessen Mitte ein paar verkohlte Holzscheite liegen. Als ich näherkomme, entdecke ich auch leere Bierdosen, die achtlos ins Gebüsch geworfen wurden, dazu die aufgerissene Verpackung von Schokoriegeln und einen leeren Pizzakarton. Verärgert hebe ich den Müll auf und klemme ihn mir unter den Arm. Dann hocke ich mich neben die Feuerstelle und halte die Hand darüber. Es ist noch warm, also wird es von vergangener Nacht stammen.

Ich lasse den Blick weiter suchend umherschweifen, als ich an einem Baum ein eingeritztes Pentagramm entdecke. Ein verärgertes Schnauben dringt durch meine Nasenlöcher. Nicht nur, dass der Künstler diesen Baum einfach als Leinwand missbraucht und ihn somit verletzt hat, es handelt sich auch noch um ein umgedrehtes Pentagramm, eines, das den Gehörnten symbolisiert, mit zwei Sternspitzen nach oben!

Ich lege den Müll für einen Moment beiseite und gehe zum Baum. Als ich meine Hand auf seine Wunde lege, kann ich seinen Schmerz spüren. Mit geschlossenen Augen fühle ich an dem Schmerz vorbei und suche nach der Intention, die hinter diesem Symbol steckt. Was wollte der Schnitzer erreichen? Schutz? Eine Opfergabe für den Gehörnten? Oder war es einfach nur eine dumme Spielerei, ohne wirklichen Hintergrund?

Bilder von Jugendlichen dringen in meinen Kopf. Der Baum lässt mich in kurzen, blitzartigen Bildern sehen, was er selbst gesehen hat: Vier Teenager, ein Feuer. Ein rostiges Taschenmesser, Kerzenschein, Gelächter, und dann die Schnitte durch die dicke Rinde hindurch.

Ich zucke zusammen beim Erleben des Schmerzes und öffne die Augen wieder. Der Junge, der das umgedrehte Pentagramm in die Rinde dieses Baumes geritzt hat, hatte kein größeres Ziel im Auge. Er tat es, um ein Mädchen zu beeindrucken, das mit dabei war.

Sanft fahre ich mit den Fingerspitzen über die Wunde. Ich konzentriere mich und schicke heilende Energie in die Schnitte. Voller Bewunderung sehe ich zu, wie unter meinen Fingerspitzen hölzernes Narbengewebe entsteht und die Schnitte verschließt. Innerhalb weniger Sekunden ist das Pentagramm verschwunden. Der Baum atmet erleichtert auf, seine Blätter rascheln und ein harziger Geruch steigt in meine Nase.

Ich wünschte, ich könnte dasselbe mit meiner Narbe machen.

Nachdem ich meinen Rundgang um den See beendet habe, ohne dabei wirklich eine Ursache für die seltsame Melancholie des Wassers oder der Herkunft der gruseligen Stimme zu finden, klemme ich mir den Müll unter den Arm und gehe wieder hoch zum Anwesen. Wenn ich mich vor meinem Rundgang auch noch davon hätte überzeugen lassen, dass ich mir die Trauer des Sees nur einbilde, so bin ich mir doch nach meinem Rundgang sicher, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist. Ich habe keine Menschenseele am Ufer oder im umliegenden Wald bemerkt, von der diese Stimme hätte kommen können. Selbst meine Hexen- und Druideninstinkte zeigten an, dass ich alleine war. Weder Mensch, noch Tier war mit mir zusammen am See, und das macht die ganze Sache noch seltsamer. Normalerweise bin ich dort unten nie alleine. Die Tiere des Waldes suchen meine Nähe, auch wenn sie immer gebührenden Abstand halten. Auch Queenie, mein Schutzgeist in Form eines Albino-Eichhörnchens, war nicht bei mir. Dabei hält sie sich immer in meiner näheren Umgebung auf, wenn ich draußen bin.

Erst, als ich schon fast wieder beim Haus bin, höre ich die Vögel in den Baumwipfeln zwitschern und ein leises Grillenzirpen aus einiger Entfernung. Ich gehe in die offenstehende Garage und sortiere den Müll in die Tonnen, als ich einen weißen Fleck im Augenwinkel bemerke. Es ist Queenie, die an dem Busch neben den Garagentor emporklettert und dann an den dünnen Birkenstamm daneben springt. Sie hält sich an der weißen Rinde fest und schaut mit ihren kleinen Knopfaugen zu mir herüber, während ihr Schwanz frech hin und her zuckt.

„Hey, Queenie, meine Süße“, begrüße ich das zierliche Tier, schließe die Mülltonnen und laufe auf sie zu. Ich strecke den Arm nach ihr aus und als meine Fingerspitzen sie fast berühren, schnuppert sie daran. „Hast du Hunger?“, frage ich, obwohl ich noch nie erlebt habe, dass dieses kleine, verfressene Tier mal nicht hungrig war.

Ich greife mit der freien Hand in meine Hosentasche und hole eine Nuss hervor. Queenie springt vom Birkenstamm auf meinen Arm, klettert auf meine Schulter und schlüpft unter meine Haare. Ihr borstiges Fell kitzelt mich im Nacken. Ich hebe die Nuss an ihr kleines Maul neben meinem Gesicht, sie nimmt es mit ihren zarten Fingern entgegen und beginnt daran zu nagen.

Nachdem Queenie auch die letzte Nuss aus meiner Hosentasche vertilgt hat, springt sie von meiner Schulter herunter, klettert am Efeu neben dem Garagentor empor und flitzt hoch bis auf das Hausdach. Ich gehe währenddessen hinein und beginne die Einkäufe wegzuräumen. Während ich das tue, nehme ich mein Handy und rufe Fletcher an, der auch im Wald wohnt. Er ist selbst eine Hexe und war einmal mein Mentor. Von ihm habe ich die Grundlagen der Magie gelernt. Er wohnt im Sommer in einem Wohnwagen auf einer kleinen Lichtung, gut fünfzehn Minuten Fußmarsch von Chris´ Anwesen entfernt. Ich bitte ihn, sich den See auch einmal anzuschauen und erkläre ihm mein seltsames Gefühl und die Melancholie, die in dem dunklen Wasser zu sein scheint. Von der unheimlichen Stimme erzähle ich nichts. Zum einen möchte ich ihn nicht ängstigen, obwohl er dem Ganzen wahrscheinlich sehr wohl gewachsen ist, zum anderen kommt es mir aber jetzt selbst ziemlich wirr und vage vor. Habe ich sie wirklich gehört, oder habe ich es mir nur eingebildet? Vielleicht war es auch nur ein Mensch, der sich einen Scherz erlaubt hat, und meine Sinne haben ihn aufgrund des Schreckens nur nicht wahrgenommen.

Fletcher verspricht mir, sich am Nachmittag zum See aufzumachen. Sobald er sich einen Eindruck verschafft hat, wird er sich bei mir melden. Das ist alles, was ich in diesem Moment tun kann. Ich kann nicht alle Termine absagen und das ganze Parapsychologen-Team herbeirufen, nur weil ich ein seltsames Gefühl habe. Also versuche ich mich stattdessen auf den heutigen Abend zu konzentrieren. Ich räume Küche, Esszimmer und Wohnzimmer auf, schüttle die Kissen vom Ledersofa aus und poliere den Mahagonietisch mit Möbelpolitur, während das Backofenspray im Ofen einweicht. Dann reiße ich alle Fenster auf und lüfte kräftig durch, schrubbe Ofen und Herd und gehe sogar nach draußen, um einen kleinen Blumenstrauß zu pflücken, den ich auf dem frisch polierten Tisch im Esszimmer platziere.

Eine Weile debattiere ich gedanklich darüber, wo wir Vier heute Abend essen werden: Im Wohnzimmer, Esszimmer oder an der Kücheninsel. Schließlich entscheide ich mich für das Esszimmer und decke dort den Tisch. Im Gästezimmer habe ich in einem Schrank Stoffservietten gefunden, die ich bügle und nach mehreren gescheiterten Faltversuchen einfach zusammengeklappt neben die Teller lege. Auf dem Tisch im Wohnzimmer verteile ich kristallene Weingläser auf Untersetzern und rücke ein paar Bilderrahmen und Deko-Objekte über dem Kamin zurecht. Zufrieden betrachte ich mein Werk.

Als ich mich daran mache die Lasagne vorzubereiten, frage ich mich, warum es mir überhaupt so wichtig ist, vor Carmen und ihrem Bill zu glänzen? Will ich sie irgendwie beeindrucken? Nein, stelle ich nach einiger Überlegung fest, es geht mir in Wahrheit nur darum, meiner besten Freundin zu zeigen, dass Chris und ich ein ganz normales Leben führen. Ich will ihr zeigen, dass, obwohl wir Mannwolf und Druidenhexe sind, man sich mit uns zu einem Pärchen-Dinner treffen kann.

Carmen hat mich noch nie hier besucht und ich befürchte insgeheim, dass sie vermutet, hier würden getrocknete Kräuter von der Decke baumeln, dubiose Tränke in bauchigen Flaschen die Regale füllen, Katzenschädel auf den Fensterbänken liegen und in der Luft würde immer der Geruch von Räucherstäbchen hängen. Quasi so, wie es bei meiner Tante Roberta oder Fletcher Zuhause aussieht.

Als mir Fletcher wieder in den Sinn kommt, ziehe ich mein Handy aus der Hosentasche, während ich das Hackfleisch anbrate. Noch keine Nachricht von ihm. Ich schaue durch die Fensterfront hinunter zum See. Er sieht noch immer so grau und matt aus, wie seit heute früh, obwohl der Himmel frei von Wolken und strahlend blau ist. Ich seufze ratlos und werfe kleingeschnittene Tomaten und Paprika zu dem Hackfleisch, während in dem Topf daneben die Butter für die Bechamelsauce zu brutzeln beginnt.

Nachdem ich die Lasagne in der Auflaufform geschichtet und mit reichlich Käse bestreut habe, stelle ich sie in den blitzblanken Backofen. Ich habe sie extra jetzt schon vorbereitet, damit ich, wenn unsere Gäste da sind, nicht in der Küche herumwerkeln muss. Der Backofen muss nun nur noch angestellt werden, nachdem Carmen und Bill eingetroffen sind. Und während die Lasagne im Ofen vor sich hinbrutzelt, kann ich mich mit ihnen unterhalten. Es ist schließlich ein ganz normaler Dienstagabend und die beiden müssen morgen früh wieder zeitig aufstehen, um zur Arbeit zu kommen. Da will ich die wenige Zeit, die wir miteinander haben, natürlich nicht allein in der Küche verbringen.

Aus dem Weinkühlschrank hole ich eine der guten Rotweinflaschen, öffne sie und gieße den Wein in eine schicke Glaskaraffe, damit er dekantieren kann. Mir persönlich liegt nicht viel an Wein, aber ich weiß, dass Carmen und Bill schön öfters bei Weinproben waren und er einen ganzen Keller für teure Weine hat. Wahrscheinlich wird ihn unser Zehn-Euro-Wein nicht sonderlich beeindrucken, aber das ist mir jetzt egal.

Nach einem Blick auf die Uhr renne ich nach oben und gehe rasch duschen. Chris müsste gleich von seinem Einsatz zurückkommen und ich bin mir sicher, dass er danach auch noch duschen möchte. Als ich fertig bin und in Unterwäsche im Schlafzimmer stehe, höre ich seine Schritte auf der Treppe und bin erleichtert, dass er es pünktlich geschafft hat.

Die Schlafzimmertür öffnet sich und ein blutverschmierter Chris kommt herein. Seine Schultern hängen matt herab und das, was von seinem Gesicht nicht mit Blut besprenkelt ist, sieht blass aus.

„Ach du meine Güte“, sage ich aufgebracht und gehe auf ihn zu, während mein Blick ihn automatisch nach Verletzungen absucht. „Ist alles okay? Hast du dich verletzt?“

Er schüttelt den Kopf und streckt die Hände nach mir aus, lässt sie aber wieder sinken, als ihm aufgeht, dass auch sie mit Blut verdreckt sind. „Nein, mit mir ist alles in Ordnung“, sagt er in rauem Ton und ich entnehme seiner kratzigen Stimme, dass er viel geschrien haben muss. „Es ist nicht mein Blut.“

Erleichtert lasse ich die Anspannung aus meinem Körper fließen und sehe zu, wie er sich die Haare aus der verklebten Stirn streicht. „Ich kann für heute Abend absagen, wenn du möchtest“, schlage ich vor, doch er schüttelt bereits mit dem Kopf.

„Nein, auf keinen Fall. Nach einer Dusche bin ich wieder wie neu.“

Er geht an mir vorbei (jedoch nicht ohne seine Augen einmal meinen halbnackten Körper hinab und wieder hinaufgleiten zu lassen) und verschwindet im Bad neben dem Schlafzimmer.

„Okay, wie du meinst“, antworte ich und hole mein schwarzes Seidenshirt vom Bett. „Waren es denn viele Werwölfe?“, rufe ich ihm zu, als das Rauschen der Dusche ertönt.

„Ja, sieben Stück“, antwortet er über das Plätschern hinweg.

In mir stellt sich das übliche schlechte Gewissen ein, das ich immer bekomme, wenn mein Gefährte einen von mir zugeteilten Auftrag übernimmt und dieser sich als besonders schwierig und riskant herausstellt. Aber er hat selbst darauf bestanden, sich eigenhändig um die Werwölfe zu kümmern. Schließlich sind sie irgendwie seine Artgenossen. Er hatte gehofft, dass er sie zur Vernunft bringen könnte, aber nach dem ganzen Blut auf seinen Klamotten zu urteilen, war es vergebens.

„Konntest du sie überzeugen, sich den Mannwölfen anzuschließen?“

Ich schlüpfe in das Shirt und setze mich auf die Bettkannte, um mir die schwarze Stoffhose anzuziehen, die ich mir bereitgelegt hatte.

„Nein, daran war nicht zu denken! Ein paar Mannwölfe von außerhalb kamen noch dazu. Wir konnten ein kleines Mädchen, das die Werwölfe sich für einen späteren Snack gefangen hielten, befreien. Aber für zwei junge Männer und eine Frau war es schon zu spät“, erzählt Chris aus der Dusche weiter. „Die Werwölfe waren total im Blutrausch, man konnte kein vernünftiges Wort mehr mit ihnen sprechen.“

„Und was habt ihr mit den Leichen gemacht?“, hake ich nach und ziehe meine Strümpfe über.

Chris schaltet die Dusche aus und ich höre das Schaben der Glastür auf den Fliesen, als er heraustritt. „Das hat der andere Mannwolf-Clan übernommen. Sie waren eh schon länger an dem Fall dran“, antwortet er und erscheint nackt und nass mit einem Handtuch in der Hand im Türrahmen. „Sie lassen es wie einen Autounfall aussehen“, erzählt er, während er sich die Haare trockenrubbelt. „Sie haben die Opfer und die Werwölfe in einen alten Bulli gesetzt, den sie vom Schrottplatz geklaut haben. Auf irgendeiner Landstraße werden sie ihn sich dann überschlagen lassen. Das wird zwar nicht ganz zu den Verletzungen passen, aber sie hoffen, dass es einige Zeit dauern wird bis man sie und den Bulli findet. Die Polizei wird denken, wilde Wölfe hätten diese Wunden an den Leichen verursacht. Und für pathologische Untersuchungen wird es dann hoffentlich schon zu spät sein.“

Trotz der Bilder von zerfetzten Leichen in meinem Kopf, kann ich nicht aufhören, den nackten Körper meines Gefährten zu betrachten. Eigentlich wollte ich auch noch nach dem kleinen Mädchen fragen, doch auch dieser Gedanke entgleitet mir.

In seiner ganzen Pracht und Anmut steht er vor mir und raubt mir damit allein schon fast den Atem. Dass er bemerkt, dass ich ihn anstarre, kann ich an der Reaktion zwischen seinen Schenkeln sehen. Es scheint ihm zu gefallen, dass ich mich kaum sattsehen kann.

Er lässt das Handtuch fallen und kommt langsam schleichend auf mich zu. Seine geschmeidigen Bewegungen erinnern an ein Raubtier, das sich seiner Beute nähert. Unter seinen linken Rippen hat sich ein dunkler Schatten gebildet, der in ein paar Tagen sicherlich zu einem blauen Fleck werden wird. Ich sitze noch immer auf der Bettkannte und lege die Ohrringe, die ich gerade anlegen wollte, zurück auf den Nachttisch. Als er direkt vor mir steht, sehe ich, dass sich der Schatten bis zu seinem Hüftknochen hinunterzieht und ich fahre mit meinen Fingern über die noch feuchte Haut.

„Du bist verletzt“, hauche ich gegen seinen Unterbauch, als seine Finger durch mein feuchtes Haar gleiten.

Sein Gemächt reckt sich mir entgegen und ich spüre ein verlangendes Ziehen in meinem Unterleib. Ich umfasse seine schmale Hüfte und lasse meine Daumen durch den Rand seiner Behaarung gleiten.

„Nichts Schlimmes“, raunt er und zieht scharf die Luft ein, als ich meine Hand von seinen Hüften hinab zu seinem pochenden Glied gleiten lasse.

Ich umfasse ihn mit der Faust und führe seine Spitze an meine Lippen. Sanft küsse ich das glatte, rosa Fleisch, bevor ich mit der Zungenspitze darüberfahre, als die Türklingel ertönt.

Kapitel 3

„Hallo, kommt doch herein“, sage ich noch etwas außer Atem und streiche mein feuchtes Haar glatt.

Carmen umarmt mich und drückt mir einen Kuss auf die Wange. Sie riecht so gut wie sie aussieht, nach süßem Karamell mit einem Hauch Rosenduft im Nachklang. Ihr langes, blondes Haar ist heute glatt und fällt in einem seidigen Strang über ihren Rücken. Sie trägt ein schulterfreies, weißes Sommerkleid mit winzigen rosa Blüten darauf, was ihre Sommerbräune gut zur Geltung bringt. Ihre hochhackigen Riemchensandalen und ihr Lippenstift greifen den rosa Farbton der Blüten wieder auf. Sie strahlt mich freudig an und präsentiert dabei ihre perfekten, perlweißen Zähne, die mit ihrer zarten Perlenkette an ihrem schlanken Hals um die Wette schimmern.

„Scarlett, mein Schatz, ich bin ja so froh, dass wir uns endlich mal zu viert treffen können. Super, dass ihr es einrichten konntet. Das ist so ein richtiger Pärchen-Abend, nicht wahr?“, plappert sie kichernd drauf los und ich spüre einen Hauch Unsicherheit in ihrer Stimme. Sie wirkt aufgeregt und ein wenig nervös. Ihre Wimpern flattern wie Schmetterlingsflügel und sie schüttelt mit dem Kopf. „Ach, ich Dummerchen“, sagt sie und dreht sich zu ihrer Begleitung um. Sie streckt die Hand aus und ergreift ihn an seinem Jackettärmel. „Das ist Bill“, stellt sie ihn vor und ich setze ein freundliches Lächeln auf. „Bill, das ist meine beste und älteste Freundin Scarlett.“

Bill tritt über die Türschwelle, legt einen Arm um Carmens schmale Taille und den streckt mir den anderen zum Gruß entgegen. Sein Haar ist aschgrau, an den Seiten kurz und oben etwas länger, wo er es mit Gel zurückgekämmt hat. Das Gesicht ist oval und teigig, mit spärlichen Bartstoppeln am Kinn. Seine Augen haben einen schmutzigen Grauton, der mich spontan an dreckiges Wischwasser erinnert. Er trägt ein dunkelblaues, teuer aussehendes Jackett und darunter ein hellblaues Hemd, bei dem er einen Knopf zu viel am Kragen offengelassen hat, sodass man seine glattrasierte, mit Sommersprossen übersäte Brust erahnen kann. Sein Hemd steckt in einer ausgewaschenen Jeans, die an den Knien weiße Abnutzungen hat und so gar nicht zum Rest seiner Erscheinung und den auf Hochglanz polierten schwarzen Lederschuhen passt.

Ich ergreife seine Hand und drücke sie, wobei ich bemerke, dass er auch mich von oben bis unten mustert. Sein Händedruck ist schwach, die Handflächen viel zu glatt und warm.

Sein Mundwinkel zuckt und er zieht eine Augenbraue hoch. „Deine älteste, beste und dickste Freundin, wie ich sehe“, bemerkt er und zwinkert mir zu.

Ich lasse seine viel zu kleine Hand los und ziehe die Augenbrauen hoch, doch Carmens gespieltes Lachen verwirrt mich. Mir liegen ein dutzend bissiger Erwiderungen auf der Zunge, doch ich bringe keine davon über die Lippen. Carmen drückt meine Schulter und sieht mich mit flehendem Blick an, während sie noch immer künstlich lacht. Ich atme tief ein und lasse es gut sein. Stattdessen führe ich meine Gäste ins Wohnzimmer.

„Wo ist Chris denn?“, will Carmen wissen, nachdem sie auf dem Zweiersofa neben dem Kamin dicht an Bill gedrückt Platz genommen hat.

Ich setze mich ihnen gegenüber auf das große Sofa und schlage die Beine übereinander. „Er ist oben und zieht sich an. Er kam erst vor wenigen Minuten von einem Auftrag zurück.“

Carmen nickt und zieht Bills Arm auf ihren Schoß. Seine kleine Hand schiebt ihren Rock hoch und umfasst ihren nackten Schenkel ein Stück zu weit oben, aber es scheint sie nicht zu stören.

„In welcher Branche ist Ihr Gatte tätig?“, will Bill wissen, während sein Blick über die Gemälde im Raum schweift.

Carmen lacht wieder. „Bill, du kannst Scarlett natürlich duzen“, korrigiert sie ihn und stupst ihm mit dem Ellenbogen scherzhaft in die Seite. „Er ist immer so überhöflich, weißt du?“, bemerkt sie an mich gerichtet.

Ich lache kurz auf. „Ha! Ja, das ist mir gleich aufgefallen“, gebe ich ironisch zurück und ernte einen mahnenden Blick von Carmen.

„Und die beiden sind noch nicht verheiratet, Bill“, antwortet Carmen weiter für mich, bevor ich wieder etwas Falsches sagen kann. „Und Chris arbeitet als Privatdetektiv.“

Mein Unbehagen wächst und ich ziehe unbeabsichtigt die Augenbrauen hoch und räuspere mich. Ungeduldig gleitet mein Blick zur Treppe, in der Hoffnung, Chris würde daraufhin erscheinen. Als mein Brustbein beim Gedanken an ihn warm wird, höre ich ein leises Poltern von oben und ich weiß, dass Chris sich beeilen wird.

„Aha“, sagt Bill und lehnt den Kopf in den Nacken um auch noch die Decke zu betrachten. „Und in dieser Branche verdient man so viel, dass man sich dieses Anwesen leisten kann?“ Es ist eigentlich keine Frage, das ist mir klar.

Bevor Carmen wieder ihre gekünstelte Lachtirade starten kann, antworte ich. „Sieht wohl so aus, nicht wahr?“, sage ich mit einem süffisanten Lächeln und falte die Hände über dem Knie.

Bills Blick begegnet meinem und ich bin mir ziemlich sicher, dass er darin erkennen kann, dass ich dieses Spielchen nicht mehr lange mitspiele. Ich weiß nicht, welches Ziel er mit seinen Bemerkungen verfolgt und ob er überhaupt eines verfolgt. Vielleicht ist er auch einfach nur von Natur aus unhöflich, arrogant und überheblich.

„Und diese Narbe, Scarlett-“, beginnt er, lässt Carmen los und lehnt sich vor. Er stemmt die Ellenbogen auf die Oberschenkel und legt sein Kinn auf die gefalteten Hände. „Was hat es mit dieser Narbe auf sich?“, fragt er und spiegelt mit seiner Fingerspitze meine Narbe auf seiner Wange.

„Bill!“, zischt Carmen empört und zieht so kräftig an seiner Schulter, dass sein Ellenbogen vom Oberschenkel rutscht. „Darüber hatten wir doch gesprochen!“

Mein Lächeln bleibt standhaft und ich winke ab. „Schon gut, Carmen, das bin ich doch gewohnt.“ Ich ahme seine Haltung nach und beuge mich ebenfalls vor. Im Augenwinkel sehe ich Carmens angsterfülltes Gesicht. „Es war ein Autounfall, Bill“, lüge ich und spucke seinen Namen aus, als würde er einen bitteren Geschmack verursachen.

Carmen lässt erleichtert die Schultern sacken. Hat sie etwa wirklich gedacht, ich würde diesem Bill die Wahrheit über meine Narbe erzählen?

Er spitzt die Lippen, legt den Kopf schief und macht ein mitleidiges Gesicht. „Ich kenne ein paar gute Chirurgen, Scarlett. Sicherlich belastet dich diese Entstellung.“ Er verzieht angewidert das Gesicht und schluckt, als hätte ihn wahrhaftig ein übelkeitserregender Ekel bei meinem Anblick gepackt. „Ich kann dir ein paar Nummern dalassen, wenn du möchtest.“

„Nein, danke“, entgegne ich, ohne das falsche Lächeln fallenzulassen. Dann erhebe ich mich. „Wenn ihr mich kurz entschuldigen würdet, ich muss mich um das Essen kümmern.“

Und mit diesen Worten lasse ich sie alleine im Wohnzimmer zurück.

In der Küche angekommen balle ich die Hände zu Fäusten und laufe wie ein Tiger im Käfig auf und ab. Was sieht Carmen nur in diesem Mann? Er betrügt seine Frau mit ihr, ist überheblich, beleidigend, arrogant und ganz offensichtlich ein riesiges Arschloch! Wieso, um Himmels Willen, ist Carmen schon seit etlichen Jahren an seiner Seite? Wie hält sie diesen Kerl nur aus?

Ich halte mich am Rand der Kücheninsel fest und zwinge mich langsam und tief einzuatmen, um mich zu beruhigen. Meine Hände kribbeln und ich weiß, dass das Adrenalin in meinen Adern sich zu Blitzen in meinen Handflächen formen will. Rasch taste ich in meiner Hosentasche nach den zwei Bergkristallen, die ich eigentlich immer mit mir herumschleppe. Sie dienen mir im wahrsten Sinne des Wortes als Blitzableiter und nehmen die magische Energie auf, die sich impulsartig und ohne meine Kontrolle aus meinen Handflächen entleert. Doch ich habe sie nicht bei mir! Ich muss mich wirklich beruhigen, um nicht zu explodieren!