Scarlett Taylor - Stefanie Purle - E-Book

Scarlett Taylor E-Book

Stefanie Purle

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Beschreibung

Teil 1 der "Scarlett Taylor"-Reihe: Scarlett Schneider ist 27 Jahre alt, übergewichtig, arbeitslos, Single und pleite. Als sie denkt, es könnte nicht mehr schlimmer werden, verschwindet ihre Tante Elvira spurlos und teilt ihr lediglich per E-Mail mit, dass Scarlett sich von nun an um ihre Kunden kümmern soll. Doch was Scarlett nicht ahnt: Elvira führt gar kein Reisebüro, sondern ist als Parapsychologin im Außendienst tätig. Scarlett, selbst eine Skeptikerin, die nur glaubt, was sie mit eigenen Augen sieht, übernimmt widerwillig ihren ersten Fall und beschließt, Elvira um jeden Preis wiederzufinden. Dabei findet sie sich schon bald in einer Welt wieder, in der Geister und Dämonen existieren, und auch in ihr selbst steckt mehr, als sie jemals zu glauben gewagt hätte. Dieser Roman enthält explizite Szenen.

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Seitenzahl: 324

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Stefanie Purle

Scarlett Taylor

Parapsychologin wider Willen

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Es geht weiter…

Impressum neobooks

Widmung

Für meinen Mann

Kapitel 1

Als die Mail meiner Tante Elvira bei mir ankommt, stehe ich gerade an der Kasse im Supermarkt. Ich habe mein letztes Geld zusammengekratzt, sogar etwas aus dem Sparschwein genommen und die Sofaritzen durchsucht.

Das Sparschwein... Eine weitere Erinnerung an eine gescheiterte Beziehung. Mein Ex hatte es angeschafft. Eines Abends kam er damit vom Einkaufen heim und präsentierte es stolz, mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht. "Für unseren Urlaub!", verkündete er und steckte feierlich einen Fünf-Euro-Schein hinein. Eben diesen Schein halte ich nun in der Hand. Mehr hatte das Sparschwein nie zu fressen bekommen, und den Urlaub verbringt mein Ex nun mit seiner wohlhabenderen, schlankeren neuen Freundin.

Biep, biep, biep... vibriert das Handy in meiner Hand und reißt mich aus meinen Gedanken. Ich stecke es in meine Manteltasche. Die Kassiererin wirkt genervt, als sie meine Sachen über das Band schiebt. Eine Tüte Chips, Tampons, zwei Brötchen, eine Packung Käse, weiße Schokolade und eine Gurke. „Sechs Euro Zwanzig", nuschelt sie, während ich versuche, meine Einkäufe auf einem Arm zu balancieren.

Mist, das sind circa zwanzig Cent zu viel. Ich gebe ihr, was ich dabeihabe: Den Schein, und den restlichen Euro in fünf und zehn Centstücken. Sie rollt mit den Augen und fängt an zu zählen.

Biep, biep, biep... dröhnt es erneut mahnend aus meiner Manteltasche.

"Es fehlen noch 22 Cent", sagt sie und hält die Hand auf. Die Kunden hinter mir seufzen, einer guckt genervt auf seine Uhr.

Ich räuspere mich, lehne mich zu ihr und flüstere: "So viel habe ich leider nicht. Ich habe nur das, was ich Ihnen gegeben habe."

Die Augen der Kassiererin taxieren mich. "Svenja, einmal Storno Kasse Zwei!", schreit sie mir mitten ins Gesicht. Ihr Atem riecht nach Knoblauch. "Dann müssen Sie einen Artikel hier lassen", sagt sie und greift nach meiner Tafel Schokolade.

"Nein!", schreie ich, etwas zu laut und energisch. Aber meine Schokolade kriegt sie nicht! Hat sie denn nicht die Tampons gesehen? Ich brauche die Schokolade!

Also gebe ich ihr die Gurke. Wieder rollt sie mit den Augen.

Sie kassiert ab und gibt mir dreizehn Cent zurück. Ich verlasse hastig das Geschäft und gehe zum Parkplatz. Blöde Kuh, denke ich und werfe meine Einkäufe auf den Beifahrersitz meines schrottreifen Wagens. Biep, biep, biep... vibriert mein Handy in der Manteltasche. Ich setze mich ins Auto, packe die Schokolade aus und beiße hinein, dann hole ich mein Handy hervor und öffne die Mail-App.

Ich kneife die Augen zu und sende ein Stoßgebet gen Himmel: „Bitte, bitte, lass es eine Job-Zusage sein!“ Schließlich bin ich seit knapp sechs Monaten arbeitslos und wenn ich nicht bald einen Job finde, werde ich elendig verhungern und verdursten. Okay, vielleicht nicht ganz so schlimm. Aber nein, es ist keine Job-Zusage. Tante Elvira hat mir geschrieben. Seltsam, sie schreibt eigentlich nie E-Mails. Ich wusste gar nicht, dass sie meine Adresse hat.

In der Betreffzeile steht "Wichtig! Bitte sofort lesen!". Ich rechne mit einer Art Kettenbrief, einer von der Sorte "Wenn du diese Mail nicht weiterleitest, bist du heute Nacht tot!". Tante Elvira würde auf so etwas hereinfallen, sie war schon immer abergläubisch. Also werfe ich mein Handy zu meinen Einkäufen auf den Beifahrersitz, starte den Motor und beiße erneut von meiner Schokolade ab, ohne die Mail zu lesen. Mein Auto piept, fast so nervig wie mein Handy. Es will Benzin. Aber bis zu meiner Wohnung wird es wohl noch reichen, hoffe ich.

Aber es reicht nicht. Zwanzig Meter vor meinem Parkplatz geht der Motor mit einem gluckernden Seufzen aus. Ich fluche und schlage auf das Lenkrad. "Du dämliche Mistsau!", schreie ich die Blechkiste an und versetze ihm einen weiteren Schlag, diesmal auf die Hupe. Passanten, die neben mir auf dem Bürgersteig vorbeilaufen, schütteln mit dem Kopf. Für heute reicht es mir wirklich mit dem Augenrollen und Kopfschütteln!

Ich nehme den Gang raus, öffne die Tür und schiebe mein Auto ächzend auf den Parkplatz. Natürlich hilft mir keiner, auch nicht mein arroganter Nachbar, der gerade in Unterhemd und Boxershorts den Müll nach draußen bringt. Er bleibt stehen, kreuzt die Arme vor der Brust, damit man seinen lächerlich großen Bizeps noch besser sehen kann, und beobachtet mich grinsend. Er steht selbst noch in dieser Haltung da, als ich, meine Sachen auf dem Arm balancierend, an ihm vorbei zur Haustür gehe. Sein Grinsen ist eines von der arroganten, überheblichen Sorte, so eins, wo nur ein Mundwinkel leicht nach oben gezogen ist. Ich fummle in meiner Manteltasche nach dem Haustürschlüssel und ignoriere ihn.

"Na, Schneider, alles klar?" fragt er und wirft den Kopf nach hinten.

"Hmm“, grunze ich und vermeide jeglichen Blickkontakt.

"Soll ich dir vielleicht helfen?"

"Nee, geht schon", ächze ich in dem Moment, als meine Tampons zu Boden fallen. Noch bevor ich mich bücken kann, hat er die Schachtel schon in der Hand.

"Super extra large“, liest er von der Schachtel ab und lacht. "Wusste gar nicht, dass so ein zartes Persönchen wie du, so ein Fassungsvolumen hat!"

Mir ist klar, dass seine Bemerkung ironischer Natur ist, denn ich bin weit entfernt davon ein zartes Persönchen zu sein, womit ich aber eigentlich kein Problem habe. Mein einziges Problem in diesem Moment ist, dass dieser Kerl meine Tampons in den Händen hält!

"Gib her!", keife ich und will ihm die Schachtel aus der Hand reißen, doch er hält sie hoch, und grinst amüsiert.

Man, wie ich dieses Grinsen hasse. Es ist noch so eine Art überhebliches Grinsen, aber diesmal mit Zähnen. Mit weißen, perfekten Zähnen, die im Dunkeln zu leuchten scheinen.

"Na, komm, Schneider, ich helfe dir", gibt er nach, mit einem milderen Gesichtsausdruck und schließt die Tür für mich auf. Mit seinen dicken Muskelarmen hält er sie offen und ich husche an ihm vorbei. Warum ich in dem Moment rot werde, weiß ich nicht, aber ich könnte mich selbst dafür ohrfeigen. Natürlich bemerkt er meine Röte und setzt sein verführerischstes Lächeln auf.

Von oben ruft eine junge, weibliche Stimme: "Schaaatz, wo bleibst du?"

"Komme gleich, Baby. Ich trage nur noch der Frau Schneider die Tampons nach oben. Bin gleich wieder da!"

Wenn Blicke töten könnten, wäre er jetzt tot. Nicht nur das, er wäre zu Staub zerfallen, zu Staub und Asche

Aber nein, er lacht mal wieder, zeigt seine weißen Perlenzähne, spannt scheinbar extra die Muskeln für mich an und geht nach oben die Treppen hinauf, anstatt zu Staub zu zerfallen. Ich zwinge mich, nicht auf seine prallen Pobacken vor mir zu starren, die sich durch den dünnen Stoff der Boxershorts abzeichnen und folge ihm.

Er wartet, bis ich meine Tür aufgeschlossen habe, und dreht meine Schachtel Tampons in seinen Händen. Dann legt er sie auf den Stapel Einkäufe in meinem Arm, zwinkert mir erneut zu und sprintet ein Stockwerk höher, wo dieses junge Ding auf ihn wartet. Ich höre ihr Kichern und sein bärenartiges Grunzen, bis endlich die Tür hinter mir ins Schloss fällt.

Nachdem ich meine Einkäufe verstaut habe, schalte ich den Fernseher ein und lege mich aufs Sofa. Ich nehme mein Handy und lese endlich diese blöde Kettenmail meiner Tante. Doch als ich sie öffne, merke ich schnell, dass es sich nicht um eine Kettenmail handelt.

Liebe Scarlett,

wenn Du diese Mail bekommst, bedeutet es, dass mir vor sieben Tagen etwas zugestoßen ist. Bitte mach Dir keine Sorgen, ich komme schon klar. Allerdings brauche ich Deine Hilfe. du musst meinen Job übernehmen. Alles, was Du dazu benötigst, habe ich für Dich hinterlegt. Den Schlüssel zu meinem Büro findest Du in dem Buch "Krieg und Frieden", das ich Dir zum zwanzigsten Geburtstag geschenkt habe. Er klebt auf der letzten Seite. Gehe bitte in mein Büro, dort findest Du in der untersten Schublade meines Schreibtisches ein Buch. Darin steht alles, was Du wissen musst. Bitte höre den Anrufbeantworter ab und kümmere Dich um meine Kunden.

Behandle bitte alles vertraulich, es wird Dir eh keiner glauben. Aber glaube mir, es ist alles wahr!

In Liebe,

Deine Tante Elvira

Ich springe auf und renne zu meinem Bücherregal. Krieg und Frieden, Krieg und Frieden, da ist es! Ich hole das schwere Buch hervor und blättere zur letzten Seite. Tatsächlich, dort klebt ein Schlüssel! Ich löse den Klebestreifen und halte den silbernen Schlüssel in meiner Hand.

Vor sieben Jahren hat Elvira ihn also schon bei mir versteckt. Und wie gut sie mich doch kennt, sie wusste genau, dass ich dieses Buch nie lesen, und deshalb nie sein Geheimnis vorab entdecken würde.

Ich stecke den Schlüssel in meine Hosentasche und nehme mein Handy. Ich rufe Elvira an, doch es geht nur die Mailbox dran. Dann versuche ich es auf ihrem Festnetzanschluss, doch auch dort geht niemand ran. Mein Herz pocht aufgeregt in meiner Brust. Wo ist Tante Elvira, was ist ihr zugestoßen? Erneut lese ich die Mail von ihr.

Wenn du diese Mail bekommst, bedeutet es, dass mir vor sieben Tagen etwas zugestoßen ist.

Wie konnte sie mir diese Mail schicken, wenn ihr etwas zugestoßen ist? Was, um Himmels Willen, ist mit ihr geschehen? Und wieso soll ich ihr Reisebüro übernehmen? Es kann ihr doch egal sein, ob die Leute nun noch in den Urlaub fliegen oder nicht. Und was meint sie damit, dass mir eh keiner glauben wird?

Tausend Fragen schießen durch meinen Kopf und machen mich ganz schwindelig. Erst laufe ich nervös in meiner Wohnung auf und ab, lese die Mail wieder und wieder, fahre mir durch die Haare und rede mit mir selbst. Doch dann beschließe ich, das einzig Logische zu tun: Ich muss in Elviras Reisebüro und das Buch holen, das sie dort für mich verwahrt. Und dann werde ich Elvira finden.

Kapitel 2

Meine Hände zittern und ich bin völlig außer Atem, als ich vor Elviras Reisebüro stehe und den Schlüssel ins Schloss stecke. Die Muskeln in meinen Beinen schmerzen, ich bin den ganzen Weg gerannt. Ich drehe den Schlüssel und öffne die Tür.

Der Innenraum ist von den leuchtenden Palmen im Schaufenster in mattes Grün getüncht. Meine Hand tastet suchend an der Wand entlang, bis ich endlich den Lichtschalter finde.

„Elvira?!“, rufe ich und meine eigene Stimme hallt mir in dem kargen Raum entgegen, wie ein Echo. „Elvira, bist du hier?“

Keine Antwort. Ich blicke von den Regalen mit Reiseprospekten an der Wand zum Schreibtisch und hinüber zur Pflanze in der Ecke des Raumes. Keine Verwüstungen, keine Zeichen eines Kampfes, alles sieht aus wie immer.

„Elvira?“, rufe ich erneut, bevor ich mich an ihren Schreibtisch setze. Wieder erhalte ich keine Antwort. Etwas zögerlich ziehe ich die Schubladen auf, erwarte jeden Moment, dass meine verrückte Tante um die Ecke gesprungen kommt und mir sagt, dass alles nur ein Scherz gewesen ist.

In der ersten Schublade liegen ein paar Büroklammern und Druckerpapier. Die zweite Lade ist leer, bis auf einen einsamen Kugelschreiber. Dann ziehe ich die unterste Schublade heraus, in der Elvira mir das Buch hinterlegen wollte. Doch auch sie ist leer.

„Sehr witzig, Elvira!“, rufe ich in den leeren Raum. „Du kannst jetzt rauskommen.“

Aber es folgt keine Reaktion. So langsam zweifele ich an mir selbst. Ich hole mein Handy hervor und lese mir die Mail erneut durch.

Gehe bitte in mein Büro, dort findest Du in der untersten Schublade meines Schreibtisches ein Buch.

So steht es dort. Aber hier ist kein Buch!

Aufgewühlt und ein wenig genervt, lehne ich mich im Stuhl zurück. Mein Blick gleitet durch das spartanisch eingerichtete Reisebüro. Ich habe mich immer gefragt, warum Elvira hier nicht ein wenig mehr dekoriert. Außer den leuchtenden Palmen im Schaufenster, gibt es keinerlei Deko. Keine Bilder von endlosen Sandstränden, keine Aufsteller mit Werbung für den nächsten Skiurlaub, nur die schmalen Regale mit Broschüren. Hinter dem Schreibtisch ist die Tür zur Kaffeeküche, geschmückt mit einem einfachen Kalender ohne Bilder. Ich stehe auf und gehe darauf zu. Der Kalender zeigt noch das Juli-Blatt, dabei haben wir schon September. Vorsichtig öffne ich die Tür einen Spalt und rechne mit einer lachenden Elvira dahinter, die mit dem Finger auf mich zeigt. Aber auch dieser Raum ist leer. Ich schalte das Licht an und sehe mich um. An der einen Wand steht ein Tisch, mit Tassen, Wasserkocher, Kaffeepulver und einer Schale Zucker. Gegenüber davon ist eine kleine Spüle, und auf der anderen Seite des länglichen Raumes steht ein Schreibtisch.

Ein Schreibtisch? Ich bin mir sicher, ihn hier noch nie gesehen zu haben, und als ich mich weiter umblicke, merke ich auch, wieso. Vor dem Schreibtisch ist eine Trennwand angebracht, die man zuziehen kann. Ich habe immer gedacht, dahinter würde Elvira Papiere, Prospekte, Druckerpatronen und so weiter aufbewahren. Doch da war die ganze Zeit ein Büro versteckt, zwar ein kleines, aber trotzdem ein voll ausgestattetes Büro.

Der Tisch wirkt sehr alt, ist aus dunklem, leicht rötlichem Holz, mit Schnitzereien an den Seiten. Vor ihm stehen zwei Sessel, hinter ihm ist ein großer Bürostuhl, mit schwarzem Leder bezogen. Erst jetzt bemerke ich die Wand hinter dem Schreibtisch. Sie ist mit Pinnwänden gespickt, an denen unzählige Zeitungsartikel, Fotos und gezeichnete Symbole auf vergilbtem Papier hängen. Die ganze hintere Wand des Raumes ist voll davon. Rechts und links hängen geschnitzte Masken mit schrecklichen Fratzen, darunter baumeln seltsame Amulette mit Sternen, Gesichtern und anderem seltsamen Kram. Wenn das ein Streich sein soll, dann ist es ein sehr aufwändiger, denke ich.

Ich gehe um den Tisch herum und setzte mich in den ledernen Stuhl. Auf dem Tisch steht eine kleine Lampe, eine von diesen grün goldenen Bänkerlampen. Ich schalte sie ein und öffne vorsichtig die erste Schublade. Sie ist voll mit seltsamen Kram. Noch mehr Amulette, ein silberner Dolch, ein Säckchen mit bunten Edelsteinen und Dosen mit unterschiedlichen Kräutern. In der zweiten Schublade sind ein paar Bücher. Sie wirken sehr alt, beinahe antik. Auf einem steht „Mythische Kreaturen“, auf einem anderen „Geistwesen“. Ich schüttle mit dem Kopf. Was ist das alles?

Dann mache ich mich an die unterste Schublade, und hoffe, dass ich hier finde, was Elvira für mich hinterlegt hat. Unwillkürlich halte ich die Luft an, als ich sie aufziehe.

Obenauf liegt ein weißes Blatt Papier auf dem in großen Buchstaben mein Name steht. Nur mein Name, sonst nichts. SCARLETT. Ich nehme es heraus und lege es auf den Schreibtisch. Unter dem Blatt ist das besagte Buch. Ein ziemlich dickes, in Leder gebundenes Buch mit einem fünfzackigen Stern eingebrannt auf dem Deckel. Mit beiden Händen hebe ich es heraus, und sehe, dass das noch nicht alles ist, was Elvira für mich hinterlegt hat. Da ist ein Handy, mit einem Klebezettel, auf dem wieder mein Name steht. Dann noch ein silbernes Amulett an einem Lederband. Es sieht aus wie eine Münze, mit seltsamen Symbolen und Schriftzeichen darauf. Ich lasse es durch meine Finger gleiten und begutachte es. Es wirkt sehr alt und handgefertigt. Ich habe keine Ahnung von solchen Dingen, aber es ist definitiv älter als hundert Jahre. Viel älter.

Ganz hinten in der Lade ist ein Kulturbeutel, an dem auch ein Klebezettel mit meinem Namen klebt. Er ist schwer und prall gefüllt. Als ich ihn öffne, kommt mir ein seltsamer Geruch entgegen. Es riecht nach Gewürzen, Kräutern und rostigem Metall. Ich hole verschiedene Sachen heraus. Ein Samtbeutel gefüllt mit Edelsteinen, mehrere Fläschchen mit Pulver oder Salzen befüllt, ein silberner Flachmann mit einer Flüssigkeit, dann noch ein paar silberne, goldene und kupferne Amulette mit Symbolen.

Ich habe keinen Schimmer, was ich mit all dem Zeug anfangen soll. Verwirrt sortiere ich es zurück in die Kulturtasche. Dann mache ich mich an das mysteriöse Buch mit dem Stern auf dem Deckel und schlage es auf. Auf der ersten Seite ist ein handschriftlicher Brief von Elvira an mich, darunter klebt ein Briefumschlag.

Liebe Scarlett,

ich freue mich, mein Vermächtnis nun an Dich weitergeben zu können. (Auch, wenn ich mir gewünscht hätte, es Dir unter anderen Umständen beizubringen.)

Vermächtnis? Wovon spricht sie nur?

Ich weiß, all das mag Dir sehr fremdartig und seltsam vorkommen-

Du hast ja keine Ahnung...

-aber ich kann Dir versichern, alles, was Du in diesem Buch lesen wirst, ist wahr.

Du musst Dich von nun an um unsere Kunden kümmern.

Welche Kunden? Ich verstehe das alles nicht!

Bist Du im Dienst, wirst Du Dich Scarlett Taylor nennen, nicht Scarlett Schneider. Von nun an, hast Du zwei Identitäten:

- Scarlett Schneider, wenn Du nicht im Dienst bist,

- Scarlett Taylor, Parapsychologin im Außendienst, wenn Du arbeitest.

„Was?“, schreie ich in die Stille und klappe das Buch zu. Meine Tante muss verrückt sein! Parapsychologin... Was soll das sein?

Ein weiteres Mal hole ich mein Handy aus der Tasche und wähle Elviras Nummer. Ich muss mit ihr sprechen. Dringend. Aber wieder geht sie nicht dran.

Ich schlage das Buch erneut auf. Da ist dieser Briefumschlag. Doch ein wenig neugierig öffne ich ihn und fische zwei Plastikkarten und ein Büchlein heraus. Als ich sie ansehe, kann ich es kaum fassen. Es ist ein Personalausweis, ein Führerschein und ein Reisepass. Alle drei ausgestellt auf den Namen „Scarlett Taylor“, mit meinem Foto als Passbild.

„Scarlett Taylor“, flüstere ich leise und lese den Namen wieder und wieder auf den Ausweisen. „Scarlett Taylor... So schlecht klingt das gar nicht.“

Ich bin völlig in Gedanken vertieft, als das Telefon klingelt. Vor Schreck lasse ich meine neuen Ausweise fallen. Nach dem zweiten Klingeln geht der Anrufbeantworter an und ich lausche gespannt der Ansage.

„Dies ist der Anschluss von Elvira Taylor, Parapsychologin im Außendienst. Ich bin zurzeit leider nicht im Büro, Sie können mir aber eine Nachricht hinterlassen. Ich werde mich dann umgehend bei Ihnen zurückmelden.“

Dann ein Pfeifton, danach ein Schluchzen. „Elvira? Sind Sie da?“, spricht eine weibliche, weinerliche Stimme auf den Anrufbeantworter. „Wir brauchen Ihre Hilfe. Eine Bekannte hat Sie empfohlen.“ Sie seufzt und zieht die Nase hoch. „Elvira? Wenn Sie da sind, nehmen Sie bitte ab.“

Das Schluchzen und Flehen der Frau geht mir durch Mark und Bein. Sie tut mir ehrlich leid. Offensichtlich ist sie sehr verzweifelt.

Du musst Dich von nun an um unsere Kunden kümmern, hatte Elvira geschrieben.

„Elvira?“, fleht die Frau weinerlich.

Ich gebe mir einen Ruck und nehme den Hörer ab.

„Scarlett Taylor hier.“ sage ich und bin erstaunt, wie leicht mir mein neuer Name über die Lippen geht. „Elvira ist zurzeit leider nicht zu sprechen, kann ich Ihnen vielleicht weiterhelfen?“

Kurz ist Stille am anderen Ende, dann wieder ein weinerlicher Seufzer. „Ich weiß nicht. Sie halten mich wahrscheinlich für verrückt.“

Ich gebe ein kurzes Prusten von mir. „Nein, mit Sicherheit nicht. Mein Maß an Verrücktheiten ist für heute bereits ausgeschöpft.“ Die weinerliche Frau schluckt und räuspert sich. In sanfterem Ton fahre ich fort. „Erzählen Sie mir doch worum es geht, vielleicht kann ich Ihnen helfen. Ich bin die Nichte von Elvira Schnei... äh, Taylor.“ Mist.

„Okay... Also, wir sind vor circa sechs Monaten in dieses Haus gezogen. Ich wusste von Anfang an, dass hier etwas nicht stimmt. Es war so ein Gefühl, wissen Sie?“, fängt die Frau an zu erzählen.

Ich spiele mit dem Münzamulett in meiner Hand, während ich zuhöre. „Ja, kenne ich“, lüge ich und drehe die Münze zwischen meinen Fingern. „Und weiter?“

„Und nun ist es seit knapp drei Wochen so, dass ich mich beobachtet fühle. Nicht nur ich, meine Tochter auch, sie ist vierzehn. Wir fühlen uns beim Anziehen, Ausziehen und Duschen beobachtet. Es ist, als seien wir nie allein.“

„Hmm“ brumme ich. „Sind Sie denn allein? Oder beobachtet Sie der Nachbarsjunge durchs Fenster, oder so was in der Art?“ Natürlich suche ich erst mal nach einer logischen Erklärung.

Wieder herrscht kurz Stille am anderen Ende. „Nein. Das war ja auch noch nicht alles! Seit einigen Nächten wird meiner Tochter nachts die Bettdecke vom Bett gezogen. Sie hat panische Angst und mag nicht mehr allein in ihrem Zimmer schlafen. Und ich habe einen Schatten gesehen. Mehrmals. Er hat sich bewegt. Es war wirklich unheimlich“, erzählt sie und ihre weinerliche Stimme kehrt zurück. „Mein Mann glaubt das alles nicht, aber ich habe es gesehen. Und es hat mit mir gesprochen.“

„Was hat mit Ihnen gesprochen?“

„Der Schatten!“

„Und was hat er gesagt?“, hake ich neugierig nach.

Sie zögert ein wenig, dann höre ich sie schluchzen. „Er sagte... Sie ist mein!“

Ich muss schlucken, und obwohl ich es nicht gern zugebe, läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken.

„Können Sie vorbeikommen, und das... wegmachen?“, schluchzt und fleht sie weiter.

„Nun ja. Ich kann es versuchen. Ich vertrete Elvira bloß, bis sie wieder da ist“, gebe ich nach, ohne zu wissen, wie ich der Frau eigentlich helfen soll.

Sie wirkt erleichtert, gibt mir ihre Adresse und Telefonnummer und wir verabreden uns für den morgigen Tag. Insgeheim hoffe ich, bis dahin Elvira gefunden zu haben, damit sie diese Angelegenheit übernehmen kann. Wir verabschieden uns und ich lege den Hörer auf.

Ich lehne mich zurück und schlage die Hände vors Gesicht. Wo bin ich hier bloß hineingeraten, frage ich mich. Wie soll ich dieser Frau nur helfen? Was erwartet Elvira nun von mir?

Ich nehme mir das Buch erneut vor und lege es auf meinen Schoß. Auf der zweiten Seite klebt ein weiterer Briefumschlag. Als ich ihn öffne, entdecke ich darin dreitausend Euro in großen Scheinen und eine Kreditkarte auf den Namen Scarlett Taylor. Ich befühle das Papier des Geldes mit meinen Händen und kann es kaum fassen. Wieso hinterlegt Elvira mir so viel Geld? Darf ich es behalten? Wofür ist es gedacht? Ich kann es natürlich sehr gut gebrauchen, davon könnte ich tanken und Lebensmittel kaufen. Seit Monaten habe ich kaum Geld. Das Arbeitslosengeld reicht gerade mal für die Miete und die Nebenkosten. Danach bleibt mir nicht mehr viel übrig. Sicherlich hätte ich mir eine günstigere Wohnung nehmen können, aber ich habe nun mal meine Ansprüche.

Ich lege das Geld und die Kreditkarte auf den Tisch und blättere zur nächsten Seite. Wieder ein Briefumschlag, diesmal ein wattierter, der prall gefüllt ist und das ganze Buch ein wenig zerknittert und ausbeult. Ich öffne ihn und ziehe einen Autoschlüssel samt Fahrzeugschein heraus. Der Wagen ist auf meinen Namen zugelassen. Als ich den Fahrzeugschein auseinanderfalte, fällt ein kleiner Zettel heraus. Wagen steht auf dem Parkplatz hinter dem Reisebüro, steht darauf.

Ich halte den Schlüssel ungläubig hoch. Als Schlüsselanhänger baumelt dieser fünfzackige Stern daran. Meine Tante hat mir ein Auto geschenkt! Ich kann es kaum glauben. Wieso schenkt sie mir ein Auto, dreitausend Euro und eine Kreditkarte? Warum? Und wo hat sie so viel Geld her?

Wieder nehme ich mein Handy und wähle ihre Nummer, doch erneut antwortet niemand. Zu gerne würde ich mit ihr reden, ich habe tausend Fragen, die ich ihr stellen möchte. Wo ist sie nur und was ist ihr geschehen, frage ich mich sorgenvoll.

Nach und nach lege ich alle Sachen, die sie mir hinterlegt hat, zusammen und verstaue sie in einer alten Plastiktüte, die ich in meiner Manteltasche gefunden habe. Das Buch ist zu groß, deswegen klemme ich es mir unter den Arm, als ich mich zum Gehen aufmache. Vorsichtshalber ziehe ich die Trennwand zu und lasse das geheime Büro, mit all seinen Symbolen und Masken dahinter verschwinden. Ich lösche alle Lichter und schließe von außen die Tür zum Reisebüro zu. Der Autoschlüssel klimpert in meiner Hand, als ich zum Parkplatz hinter das Gebäude laufe. Drei Autos stehen dort im Halbdunkel, nur das entfernte Licht einer Straßenlaterne leuchtet mir sanft den Weg. Ein Bulli, ein Kleinwagen und ein ziemlich cooler, rabenschwarzer Sportwagen. Als ich auf dem Nummernschild meine neuen Initialen lese, quieke ich vor Aufregung. Ich drücke den Knopf auf dem Schlüssel und der 6er BMW zwinkert mir blinkend zu. Ein Freudenschrei löst sich in meiner Kehle und ich renne auf mein neues Auto zu. Ehrfürchtig steige ich ein, lege meine Sachen auf den Beifahrersitz und nehme den Neuwagengeruch wahr, während ich zärtlich über das lederbezogene Lenkrad streichle. Ich stecke den Schlüssel ins Schloss und starte den Motor. Der Wagen schnurrt wie eine Katze. Als ich Gas gebe um vom Parkplatz zu fahren, faucht mein Kätzchen und buckelt. Ich bin einen Kleinwagen mit wenig PS gewohnt, ich werde mich wohl erst einfahren müssen. Mein schwarzer Panther und ich verlassen ruckelnd und fauchend das Gelände und fahren zurück nach Hause.

Kapitel 3

Nachdem ich die halbe Nacht in dem verrückten Buch gelesen habe, für das Elvira Jahre gebraucht haben muss um es zu verfassen, fahre ich am nächsten Morgen zur Polizei. Ich möchte Elvira als vermisst melden. Jetzt, da ich gelesen habe, womit Elvira sich wirklich beruflich beschäftigt hat, nämlich mit übernatürlichen Sachen wie Geistern, Dämonen, Hexenpriestern und Teufelsaustreibern, mache ich mir noch mehr Sorgen um meine Tante. Entweder ist sie geistesgestört, oder sie glaubt all das wirklich und ist vielleicht irgendeinem Satanskult in die Falle gegangen. Egal was es ist, Elvira braucht Hilfe!

Ich sage dem Beamten vorne am Schalter, dass ich eine Vermisstenanzeige aufgeben möchte. Ohne den Blick auch nur einmal von seinem Computerbildschirm zu heben, schickt er mich in das Büro seines Kollegen.

„Den Gang runter, dritte Tür rechts“, nuschelt er und steckt sich die stumpfe Seite eines Bleistiftes zwischen die Lippen.

Ich folge seiner Wegbeschreibung und klopfe an die Tür. Von innen höre ich eine gelangweilte Stimme. „Ja, bitte.“

Eine billige Parfumwolke kommt mir entgegen, als ich die Tür öffne. Hinter dem Schreibtisch sitzt ein breitschultriger Mann, Mitte dreißig, mit kurzen, braunen Haaren. Ein Dreitagebart sprießt auf seinem Kinn und er trägt eine schwarze Hornbrille auf der Nase, über die hinweg er mich fragend ansieht. „Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“

Ich schlucke hörbar, schließe die Tür hinter mir und trete vor seinen Schreibtisch.

„Bitte, setzten Sie sich doch“, sagt er und deutet mit der Hand auf einen Stuhl.

Ich nehme Platz und lege meine Handtasche auf den Schoß. „Ich möchte meine Tante Elvira Schneider als vermisst melden, bitte“, sage ich und merke plötzlich, wie nervös ich bin.

Der Polizist wird es auch bemerkt haben, so wie meine Stimme gezittert hat. Er lächelt mich mitfühlend an, öffnet ein Programm an seinem Computer und lässt sich meine Personalien zeigen. Dann stellt er mir ein Dutzend Fragen, tippt auf der Tastatur herum und bittet mich um ein aktuelles Foto meiner Tante. Ich gebe mir Mühe, alles so korrekt wie möglich zu beantworten. Von dem geheimen Büro und dem Buch sage ich natürlich nichts.

„Elvira Schneider, S-C-H-N-E-I-D-E und R, richtig?“, fragt er nun schon zum zweiten Mal.

„Ja, das sagte ich doch bereits.“

Der Polizist schüttelt sanft mit dem Kopf, seine Augen huschen wild über den Bildschirm. In seinem Blick meine ich Verwirrung und Ratlosigkeit zu sehen.

„Was ist denn?“, hake ich ungeduldig nach und versenke angespannt meine Fingernägel in den Knien.

Er räuspert sich. „Es tut mir leid, aber eine Elvira Schneider habe ich hier nicht im System“, sagt er schließlich und kratzt sich am Kinn.

„Wie bitte?“, hake ich verdutzt nach und lehne mich vor. Ich versuche auf seinen Bildschirm zu sehen, doch er dreht ihn von mir weg und blickt mich über seine Brille hinweg tadelnd an.

„Ihre Tante ist nicht im System. Die Frau, die sie als vermisst melden möchten, ist nicht gemeldet“, versucht er sanft zu erklären.

Ich gebe seltsame, protestierende Laute von mir und fahre nervös durch meine Haare. „Aber... Das ist nicht möglich! Natürlich ist sie hier gemeldet. Sie hat das Reisebüro, drei Straßen von hier entfernt!“, erkläre ich aufgebracht.

Er schüttelt sachte mit dem Kopf, blickt erneut auf den Bildschirm und wieder zu mir. Dann nimmt er die Brille ab, stützt sich auf seine Unterarme und sieht mich eindringlich an. „In unseren Daten ist keine Elvira Schneider gemeldet, auf die Ihre Beschreibung passt. Aber wenn Sie möchten, kann ich meine Leute auf den Fall ansetzen.“

„Natürlich möchte ich das! Deswegen bin ich ja hier!“, rufe ich ihm aufgebracht ins Gesicht, als die Tür hinter mir mit Schwung geöffnet wird.

Ich zucke zusammen, als sie gegen die Wand prallt und drehe mich um. Zwei Männer in grauen Anzügen kommen auf mich zu, beide mit Glatze und rahmenlosen Brillen auf der Nase. Ich sehe verdutzt zu dem Polizisten, der jedoch nur gelangweilt auf seinen Bildschirm starrt. Einer der Männer umfasst meinen Oberarm und zieht mich hoch, nicht gewaltsam, aber doch energisch und fordernd.

„Wir werden uns um die Angelegenheit kümmern, Sie hören dann von uns“, sagt er monoton und führt mich aus dem Büro.

Ich will mich zu ihm umdrehen, doch hinter mir steht der andere Glatzkopf und blockiert die Sicht.

„Hallo? Was soll das? Hey!“, protestiere ich lautstark und versuche mich aus dem Griff des Anzugträgers zu befreien, schaffe es aber nicht.

Sie führen mich den Flur entlang, vorbei an dem bleistiftkauenden Beamten, der so tut, als würde er uns nicht bemerken, und hinaus auf den Parkplatz. Ich zapple und wehre mich heftig. Ich schreie sogar, doch niemand reagiert. Vor meinem Auto bleiben wir stehen. Der schmalere der beiden Glatzköpfe stellt sich vor mich, während der andere immer noch mühelos meinen Oberarm in seinen riesigen Händen hält. Ich ziehe und zerre, doch er kommt nicht mal ins Wanken. Der schmale Glatzkopf sieht mich an, blickt mir direkt in die Augen, und ich beginne mich augenblicklich zu entspannen. Ich weiß nicht warum, aber plötzlich lasse ich meine Abwehrhaltung fallen und konzentriere mich ganz auf ihn.

„Es ist alles in Ordnung. Wir werden Ihre Tante suchen, Sie brauchen sich um nichts zu kümmern. Machen Sie sich keine Sorgen mehr. Sie fahren jetzt nach Hause und vergessen, dass Sie hier waren. Die Sache ist für Sie abgeschlossen. Verlassen Sie jetzt das Gelände“, säuselt er und ein Gefühl von Frieden überkommt mich.

Ich nicke und lächle ihn an. Der Griff um meinen Oberarm löst sich, ich steige in mein Auto und fahre davon.

Zuhause sitze ich wenig später wie benommen auf meinem Sofa und starre vor mich hin. Ich habe keine Ahnung, was ich vorhatte. Es ist wie dieses Gefühl, wenn man einen Raum betritt und vergessen hat, was man eigentlich wollte, bloß hoch zehn. Innerlich bin ich leer. Ich weiß nicht, wo ich war, ich weiß nur, dass ich plötzlich auf meinen Parkplatz fuhr, ausstieg und hoch in meine Wohnung ging. Der restliche Morgen ist wie ausradiert. Immer wieder reibe ich mir die Augen, bis mein ganzer Lidstrich verschmiert ist. Ich habe Kopfschmerzen und spüre einen unangenehmen Druck hinter der Stirn. Als ich ins Badezimmer gehe, um mein Gesicht mit kaltem Wasser zu bespritzen, sehe ich mich im Spiegel an. Meine Augen wirken matt und ein wenig milchig. Verwirrt schüttle ich mit dem Kopf. Was ist bloß los mit mir?

Ich stelle mich unter die Dusche und lasse das warme Wasser über mein Gesicht laufen, in der Hoffnung, dass es auch meine Gedanken wieder klarer werden lässt. Immer wieder denke ich, dass ich etwas vergessen habe. Etwas Wichtiges. Einen Termin?

Als ich wieder aus der Dusche steige, binde ich mir ein Handtuch um die nassen Haare und ziehe meinen Bademantel über. Anschließend gehe ich schlurfend, und noch immer wie benommen, ins Wohnzimmer, um in meinen Kalender zu schauen. Auf dem Tisch liegt er, neben dem dicken, in Leder gebundenem Buch von Elvira.

Elvira!

Wie ein Film im Zeitraffer laufen vor meinem inneren Auge die Geschehnisse des gestrigen Tages ab. Elviras Mail, ihr Reisebüro, das geheime, versteckte Büro. Das Buch, die seltsamen Utensilien und Amulette, mein neuer Name. Und der Auftrag!

Ich schnappe nach Luft, falle vor dem Wohnzimmertisch auf die Knie und öffne meinen Kalender. Darin klebt ein Zettel mit der Anschrift der Frau, die gestern auf Elviras Anrufbeantworter gesprochen hat. Hektisch gucke ich auf die Uhr. Ich habe noch eine halbe Stunde Zeit, bis ich da sein muss.

Im Eiltempo föhne ich mir die Haare, ziehe den Lidstrich neu, tupfe etwas Rouge auf die Wangen und getönten Lippenbalsam auf die Lippen. Danach schlüpfe ich in eine schwarze Hose und wähle hastig eine schwarze Seidenbluse dazu aus. Schwarz scheint mir die angemessenste Farbe für diesen Job zu sein.

Ich raffe alles zusammen, was Elvira mir hinterlegt hat, und renne zum Auto.

Der schwarze Panther steht auf dem Parkplatz. Mein altes Auto wirkt neben ihm trist und matt. Es fällt mir leicht ihn stehen zu lassen und mich stattdessen in meinen neuen BMW zu setzen. Ich lege meine Sachen auf den Beifahrersitz und streiche über das weiche Lenkrad, während mir der herbe Neuwagengeruch angenehm in die Nase steigt.

„Ich bin jetzt Scarlett Taylor“, sage ich leise zu mir selbst. „Parapsychologin im Außendienst.“

Ich drehe den Schlüssel im Schloss und der Panther fängt an zu schnurren.

Kapitel 4

Ich fahre aus der Stadt heraus und folge einer langen, endlos wirkenden Landstraße. Rechts und links von mir sind Felder, die im aufkommendem Wind wellenartig hin und her schwanken. Der Himmel verdunkelt sich, je näher ich meinem Ziel komme. Ich frage mich, ob das ein böses Omen ist. Andererseits glaube ich nicht an Omen. Am Horizont sind dicke, fast schwarze Wolken, die die Sonne komplett verdrängen. Als ich durch ein Waldstück fahre, fängt es an zu regnen und ich höre nicht weit entfernt den Donner grollen.

„Sie haben ihr Ziel erreicht“, sagt die weibliche Stimme des eingebauten Navis und ich sehe mich ungläubig um.

Der Scheibenwischer kämpft mit den herabfallenden Wassermassen und verliert kläglich. Zwischen seinen hektischen Bewegungen, kann ich kaum die Straße vor mir erkennen. Ich rolle vorwärts und suche die Umgebung ab, als ich einen Briefkasten am Straßenrand entdecke, auf dem die Nummer Dreizehn in dicken, weißen Lettern prangt. Wie passend, denke ich. Wäre ich so abergläubisch wie Elvira, wäre dies wohl das zweite böse Omen heute. Erst der abrupte Wetterwechsel und nun schlägt´s Dreizehn.

Ich fahre die lange Auffahrt hoch, die sich zwischen den Bäumen auftut und sehe durch die Wassermassen hindurch verschwommen das Haus. Es ist riesig. Je näher ich komme, umso massiver und größer wirkt es. Dreistöckig, dunkelrote Backsteine, weiße Fensterrahmen und Fenster, die wie dunkle Augen jedem Ankömmling argwöhnisch entgegen starren. In der Mitte sind graue Zementstufen, die zur dunkelgrünen Haustür führen, welche wie ein riesiger Schlund zwischen den Fensteraugen sitzt.

Ich lache kurz auf. Klar, dass die Bewohner meinen, hier würde es spuken. Das Haus sieht alles andere als einladend aus. Es kommt selbst mir so vor, als wenn es mich böse ansieht.

Ich nehme meine Sachen, halte sie schützend unter meinem Mantel an mich gedrückt, steige aus und renne die Stufen zur Haustür hoch. Dieser kurze Weg reicht aus, um mich zu durchnässen. Ich streiche mir die nassen Strähnen aus dem Gesicht und drücke den Klingelknopf. Zu dem melodischen Ding-Dong gesellt sich ein markerschütternder Donner und ich zucke erschrocken zusammen.

Die Tür öffnet sich einen Spalt breit und die verweinten, rot unterlaufenen Augen einer Frau sehen mich an.

Ich räuspere mich. „Guten Tag, ich bin Scarlett Schn... äh, Taylor. Wir waren verabredet.“

Die Frau wischt sich mit einem zerknüllten Taschentuch über die Nase und nickt, dann öffnet sie die Tür. „Kommen Sie rein“, sagt sie, und ich erkenne ihre weinerliche Stimme wieder. Sie ist die Frau, mit der ich telefoniert habe. Ihr langes, blondes Haar ist zerzaust und im Nacken zu einem lockeren Knoten gebunden. Sie trägt einen weiten Pullover, Leggings und Hausschuhe.

Ich schreite über die Türschwelle und putze meine nassen Schuhe auf der Fußmatte ab. Der hölzerne Boden unter mir quietscht und ächzt. Ich frage mich, ob man dieses Quietschen eventuell als Stimmen fehlinterpretieren könnte und ich vielleicht in diesem Moment schon den Fall gelöst habe. Doch ich behalte meine Vermutung vorerst für mich und sehe mich um.

Der Innenraum des Hauses wirkt dunkel und düster. Obwohl mehrere kleine Lampen brennen, geben sie nicht wirklich viel Licht ab. In den Ecken sind tiefe Schatten, die Täfelung an den Wänden ist in dunklem Holz gehalten und auch von draußen kommt nicht viel Licht herein, da die hohen Bäume die Sicht auf den Himmel versperren.

„Ich bin Zoe, wir hatten telefoniert“, stellt sie sich vor und reicht mir die Hand.

Ich schüttle sie und bemerke, wie sehr sie zittert. Sie dreht sich ängstlich um, während sie ihr Taschentuch an die Lippen presst.

„Alles in Ordnung?“, frage ich und schaue in die Ecke in die sie blickt, sehe aber nichts.

„Ja, ja... Alles in Ordnung“, stammelt sie und schließt die Arme um ihren Körper. „Kommen Sie, wir gehen in die Küche.“

Ich folge ihr, während ein weiterer Blitz samt Donner am Himmel tobt. Für einen kurzen Moment ist der Innenraum des Hauses erleuchtet, nur für den Bruchteil einer Sekunde. Zoe zuckt zusammen und keucht, geht dann aber weiter.

Die Küche ist groß und rustikal gemütlich eingerichtet, doch auch hier ist es auffallend dunkel. Trotz der zwei Fenster und den Leuchtröhren unter den Hängeschränken, wirkt es unheimlich düster hier drin. Wir nehmen an der Kücheninsel mit der Marmorplatte Platz.

„Kann ich Ihnen einen Tee anbieten?“, fragt sie, während ich meine Sachen auf dem Hocker neben mir abstelle.

„Gerne,“ sage ich. „Wollen wir uns nicht duzen?“

Zoe nickt und füllt dampfend heißes Wasser von einem Teekessel in zwei Tassen, während ich ihr zusehe. Sie ist sehr dünn, wirkt fast abgemagert und ein wenig kränklich. Ihre spitzen Schulterblätter zeichnen sich durch den weiten Strickpullover ab. Mit zitternden Händen trägt sie die Tassen zur Kücheninsel. Ich lehne mich vor, komme ihr entgegen und nehme ihr eine Tasse ab.

„Danke“, haucht sie und schaut sich hektisch um, bevor sie sich setzt. Sie legt die Hände um die heiße Tasse und weicht meinem Blick aus. Ihre Lippen sind trocken und aufgesprungen, ihre Haut wirkt matt und fahl. Ich frage mich, ob Zoes eigentliches Problem vielleicht ganz woanders liegt, und gar nichts mit diesem Haus zu tun hat.

Was würde Elvira in dieser Situation tun? Was erwartet sie von mir?

„Geht es dir gut, Zoe?“, frage ich vorsichtig und lächle sie mitfühlend an. Sie wirkt so zerbrechlich, dass ich am liebsten nach ihrer zitternden Hand greifen würde.

Zoe seufzt, beißt sich auf die Unterlippe und schüttelt mit dem Kopf. „Nein“, flüstert sie und blickt in eine Ecke. Ich folge ihrem Blick, sehe jedoch nichts Auffälliges. „Ich brauche dringend deine Hilfe, Scarlett“, sagt sie leise flehend und ich sehe eine Träne in ihrem Augenwinkel.

„Deswegen bin ich ja hier, Zoe. Wie kann ich helfen?“ Ich verberge, dass ich keine Ahnung habe wie ich ihr helfen kann. Außer dem, was ich letzte Nacht in dem Buch von Elvira gelesen habe, weiß ich nichts über Geister, Poltergeister oder Dämonen. Auch sage ich ihr nicht, dass ich an Dergleichen gar nicht glaube, sondern davon ausgehe, dass es für die Phänomene hier im Haus eine einleuchtende, wissenschaftliche Erklärung gibt.