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Die SCARLETT TAYLOR – REIHE: Eine Paranormal-Romance-Serie, voller Magie, Dämonen, Hexen und mystischer Kreaturen. +++ Der siebte Band der "Scarlett Taylor"-Reihe +++ Das Verschwinden ihrer Mutter ist nach Scarletts Auferstehung nicht ihr einziges Problem: Die uralte Prophezeiung sucht sie heim und die magischen Wesen fordern, dass sie ihren Pflichten nachgeht. Als Scarlett sich auf die Suche nach ihrer Mutter begibt, macht sie eine Entdeckung, die ihre gesamte Existenz infrage stellt. Die "Scarlett Taylor"-Reihe umfasst bislang folgende Bände: Band 1: "Scarlett Taylor - Parapsychologin wider Willen" Band 2: "Scarlett Taylor - Hexenblut" + Novelle / Band 2.5 : "Scarlett Taylor - Parapsychologin im Weihnachtsstress" Band 3: "Scarlett Taylor - Prophezeiung" Band 4: "Scarlett Taylor - Wendy" Band 5: "Scarlett Taylor - Libelle" Band 6: "Scarlett Taylor - Hexenseele" Band 7: "Scarlett Taylor - Mitternacht"
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Seitenzahl: 302
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Stefanie Purle
Scarlett Taylor - Mitternacht
Band 7 der "Scarlett Taylor"-Reihe
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Impressum neobooks
„Darling, du könntest dir einfach wünschen, deine Mutter wiederzusehen.“
Ich gebe einen quiekenden Schrei von mir und falle vor Schreck beinahe von der Toilette. „Wer spricht da?“, frage ich und ziehe hastig meine Unterhose hoch.
Im nächsten Moment steigt schwarzer Rauch unter dem Türspalt hervor und manifestiert sich zu einem knapp drei Meter hohen Mann, mit asiatischen Gesichtszügen, mattschwarzer Haut und Augen in derselben Farbe. Er kreuzt die Arme vor der Brust und vollführt eine knappe Verbeugung.
„Guten Morgen, Meisterin“, sagt er und lächelt mich an, sodass die spitzen Enden seines Ziegenbartes nach oben schnellen.
„Dschinn!“, zische ich, als sei sein Name ein Schimpfwort. „Was fällt dir ein, hier einfach so reinzuplatzen?“
Die riesige, schwarze Gestalt zuckt mit den nackten Schultern. „Du wolltest wissen, wer da spricht. Also habe ich mich gezeigt. War das etwa nicht dein Wunsch?“
Fassungslos blicke ich das rabenschwarze Ungetüm an. Sogar die Zähne sind mattschwarz und nur ein Glänzen auf seiner Pupille verrät, in welche Richtung er gerade schaut. Ich habe ja schon vieles in meinem Leben gesehen, aber dieser drei Meter große, muskulöse Dschinn mit den mandelförmigen Augen, dem gezwirbelten Ziegenbart und seinem freien Oberkörper, der hier am frühen Morgen, nur in einer Art schwarzer Seidenhose bekleidet barfuß in meinem privaten Bad erscheint, setzt dem Ganzen noch die Krone auf.
„So habe ich das natürlich nicht gemeint! Ich bestehe schon auf meine Privatsphäre!“, keife ich und drehe ihm den Rücken zu, während ich mir die Hände wasche.
„Ist das ein Wunsch?“
„Nein!“, schreie ich ihn an und in diesem Moment fliegt die Badezimmertür auf.
„Scar… Ach, du meine Güte!“ Chris tritt einen Schritt vor und taumelt beim Anblick des übergroßen Dschinns zwei Schritte wieder zurück. „Das… Das ist der Dschinn!“
„Ein cleveres Bürschchen hast du dir da geangelt, Meisterin.“
Chris ignoriert seine Worte. „Hast du ihn gerufen? Warum?“
Ich trockne mir die Hände ab und seufze. „Nein, ich habe ihn nicht gerufen. Glaub mir, ich kann darauf verzichten bei meiner Morgentoilette von einem pechschwarzen Ungetüm beobachtet zu werden!“
„Und warum ist er dann hier?“, will Chris wissen und deutet mit dem Arm auf den Dschinn, während er ihn misstrauisch mustert.
„Meine Meisterin braucht mich nicht zu rufen. Ich kann ihr jederzeit erscheinen, wann immer ich will, solange sie noch nicht alle Wünsche verbraucht hat“, erklärt der Dschinn und nimmt halb schwebend auf dem Rand der Badewanne Platz.
„Du darfst wieder in deiner Lampe verschwinden, okay? Ich rufe dich, wenn ich dich brauche!“
Ein hochnäsiges Lachen erklingt. „So funktioniert das leider nicht, Meisterin. Aber sei´s drum. Fürs erste will ich dich in Frieden lassen. Aber ich komme wieder. Früher oder später. Vergiss das nicht. Und dann wirst du dir etwas wünschen müssen. Ansonsten bin ich nicht mehr so freundlich und charismatisch.“ Er zwinkert mir zu und seine Umrisse lösen sich in schwarzem Nebel auf, der ebenso schnell verschwindet, wie er gekommen war.
„Den hatte ich fast vergessen“, gibt Chris zu, schüttelt mit dem Kopf und blickt dem dunklen Schatten hinterher, der dicht überm Teppichboden kriechend im Schlafzimmer verschwindet. „Was willst du mit ihm machen?“
„Keine Ahnung“, winke ich ab und schlüpfe in meine Jeans. „Er ist nicht gerade mein Hauptproblem. Um ihn kümmere ich mich, nachdem ich meine Mutter gefunden habe. Meine echte Mutter, nicht das seelenlose Double, mit dem wir bislang abgespeist wurden.“
Chris stützt sich am Rand des Waschbeckens ab und legt die Stirn in Falten. „Du denkst also echt, dass die Frau, die aus dem Wachkoma erwacht ist, nicht deine Mutter war?“
Ich beginne heftig zu nicken. „Ja, ganz sicher! Das würde auch erklären, warum sie mich nie sehen wollte, und warum sie immer Angst vor mir hatte, kaum etwas gesagt hat und nur aus dem Fenster starrte. Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass das nicht meine echte Mutter war!“
„Dann glaubst du also auch, dass deine echte Mutter die ganze Zeit im Kerker der Libelle hockte? All die Jahre?“
„Ich weiß nicht, seit wann sie da unten war. Vielleicht haben sie sie auch gegen ein Double ausgetauscht, kurz nachdem ich meine Macht aktiviert habe, oder bevor der Fluch von ihr genommen wurde. Keine Ahnung.“
Ein paar Momente lang sieht Chris mir nachdenklich beim Anziehen und Haarebürsten zu und schweigt. „Kann es vielleicht sein, dass du dir wünschst, sie wäre die ganze Zeit über ein Double gewesen, weil das bedeuten würde, dass eure Beziehung doch nicht kaputt ist?“
Mit mürrischem Gesicht stehe ich vorm Spiegel und creme meine Haut mit beinahe schlagenden Bewegungen meiner Hände ein. Ich will ihm nicht Recht geben, weil es einfach zu weh tut. Wenn die Frau, die aus dem Wachkoma erwacht ist, wirklich meine Mutter ist, dann muss ich einsehen, dass unsere Beziehung nicht mehr die ist, die sie vor dem Koma war. Wenn sie wirklich meine Mutter ist, dann werde ich akzeptieren müssen, dass sie nichts mit mir zu tun haben will und lieber weit weg an die Küste gezogen ist, um mich bloß nicht zu oft zu sehen.
„Wir werden sie schon finden, Scarlett“, sagt Chris nun, kommt auf mich zu und zieht mich an sich, um mir einen Kuss auf den Scheitel zu drücken.
Nachdem ich im Bad fertig bin, überlasse ich es Chris und gehe hinunter in das kleine Büro, das mittlerweile zu meinem persönlichen Hexenzimmer geworden ist. In den Kommoden und Schränken bewahre ich diverse Zutaten für Zaubersprüche auf, und das Bücherregal quillt vor uralten Grimoires und Schattenbüchern beinahe über. Ich ziehe eine Schublade vom Schrank auf und hole ein Pendel mit einem schwarzen Onyx-Stein daran heraus. Dann suche ich nach einer Landkarte, die auch die Küstengebiete zeigt, immerhin war meine Mutter zuletzt offiziell mit Elvira in ihrem Häuschen an der Küste. Ich schlage den Straßenatlas auf und blättere ihn durch, bis ich die richtige Karte gefunden habe. Dann nehme ich mir das Pendel, lasse den Onyx ausschwingen und konzentriere mich auf meine Mutter.
Ich brauche nichts Persönliches von ihr und auch kein Foto, damit der Zauber funktioniert. Sie ist meine Mutter, unser Blut ist das Band, das uns verbindet. Also schließe ich kurz die Augen, rufe mir ihr Gesicht und ihre Stimme in Erinnerung und lasse alle Anspannung fallen. Erwartungsvoll schlage ich die Augen auf und bewege meinen Arm mit dem Pendel sachte über die Karte. Doch es geschieht nichts. Ich fahre einen Bereich von rund einhundert Kilometern um ihren neuen Wohnsitz ab, doch das Pendel reagiert nicht. Es schwingt nicht, sondern hängt nur starr herab und macht rein gar nichts.
Es sollte nicht so sein, aber in gewisser Weise freut es mich, dass das Pendel nicht reagiert, denn das kann nur bedeuten, dass meine Mutter nicht mehr an der Küste ist (und es vielleicht auch niemals war), was die Chance erhöht, dass sie womöglich doch in der Libelle ist (auch wenn es die Kerker dort nun nicht mehr gibt).
Ich wiederhole mein Pendeln an immer größer werdenden Karten, und endlich bei einer Karte von Europa schlägt es schwach über West-Frankreich aus. Immer weiter grenze ich das Gebiet ein, wo das Pendel eine sachte Regung anzeigt. Es zittert nur so schwach, dass ich es fast nicht erkennen kann, aber dieses kleine Zucken des Pendels ist alles was ich habe, um meine Mutter zu finden. Ich schaffe es, den Ort immer weiter einzugrenzen und zu meiner Überraschung endet die Spur in einem winzig kleinen Ort im Westen Frankreichs.
Ich überprüfe noch ein paar Male, ob ich das Pendel nicht vielleicht missverstanden habe, doch da ich als einzige Reaktion von ihm nur immer ein leichtes Zittern über genau diesem Ort erhalte, notiere ich mir den Namen der Gegend und klappe den Atlas zu.
Chris und ich werden also einen Ausflug nach Frankreich unternehmen.
Ich will gerade wieder nach oben gehen, um ihn über unsere Reisepläne in Kenntnis zu setzen, als es an der Haustür klopft.
Ein wenig verwundert über solch einen frühen Besuch öffne ich die Tür und begrüße Darius.
„Darius? Was machst du denn hier?“, frage ich, sichtbar irritiert und blicke an ihm vorbei. „Ist Roberta auch hier?“
„Nein, ich bin allein“, antwortet er und hält seinen mit Schnörkel verzierten Druidenstab umklammert.
„Okay. Willst du reinkommen?“, frage ich, als ein hellblauer Fiat Panda, dessen Fahrer ihn offenbar für einen Offroad-Wagen hält, über den Waldweg brettert und auf unser Haus zuhält. „Wer ist das denn?“
Darius dreht sich zum Geräusch des dröhnenden Motors um und ist ebenso irritiert wie ich es bin.
„Noch mehr Besucher zu dieser frühen Zeit?“, frage ich laut, zucke mit den Schultern und grinse.
„Es werden bald noch viel mehr sein“, prophezeit Darius mit Blick in Richtung des hellblauen Wagens und mein Grinsen gefriert.
„Wie meinst du das?“, hake ich nach, doch sein Blick ruht auf dem Auto, das vor unserer Garage parkt und dem mit einem gluckernden Hicks der Motor abgewürgt wird.
Die Türen schwingen auf und Naomi und Kitty steigen aus. Verwundert rufe ich ihre Namen. Naomi wirft die Autotür zu und kommt über den Kiesweg auf uns zu gerannt. Kitty jedoch ist damit beschäftigt, ihr weißes Kleid von Fusseln und Krümeln zu befreien und dabei ein möglichst angewidertes Gesicht aufzusetzen.
„Scarlett, Scarlett“, ruft Naomi aufgeregt und wirkt von dem kleinen Spurt völlig aus der Puste. „Ist alles in Ordnung? Geht es euch gut?“
„Ähm… Ja?“, antworte ich und frage mich, was das alles zu bedeuten hat. „Was ist denn los?“
Bevor sie antworten kann, schiebt Darius sich an mir vorbei ins Innere des Hauses und ich bitte Naomi und Kitty ebenfalls hinein. Naomi presst ihren braunen Lederrucksack dicht an ihre Brust und folgt Darius, während ich die Tür weiterhin für Kitty offenhalte, die in ihrem weißen Kleid den Kiesweg entlangschreitet, als wäre sie eine Braut auf dem Weg zum Altar.
„Was ist los?“, frage ich sie, als sie meine Höhe erreicht hat.
„Offenbar weniger als wir dachten“, antwortet sie und betritt das Haus.
„Wie meinst du das?“
Kitty seufzt und blickt sich im Wohnzimmer um. Sie schließt die Augen, zeigt mit den Handflächen nach oben und zieht die Stirn kraus, wie sie es immer macht, wenn sie die Antennen ihrer medialen Sinne ausstreckt.
Darius nimmt auf dem Ledersessel Platz. „Ein Kaffee wäre nicht schlecht.“
Naomi kniet sich vor den Wohnzimmertisch, kippt den Inhalt ihres Rucksackes darauf aus und sucht ihre Tarotkarten zusammen.
Ich starre sie mit offenem Mund nacheinander an. „Dürfte ich bitte erfahren, warum ihr drei zu solch früher Stunde unser Haus stürmt?“
„Was ist da unten los? Scarlett?“, dringt Chris´ Stimme nach unten und ich höre ihn die ersten Treppenstufen hinabsteigen.
„Wenn ich das nur wüsste!“
Unten angekommen reißt er für einen kurzen Moment beim Anblick unserer Gäste die Augen auf, fängt sich aber schnell wieder. „Ist alles in Ordnung? Gibt es einen Notfall?“
„Ja und nein“, antwortet Darius mystisch.
„Hey Chris…“ begrüßt Naomi meinen Gefährten, ohne den Blick von ihren Karten zu nehmen, die sie mittlerweile zu einem Stapel sortiert hat und auf dem Tisch auszulegen beginnt. „Wir wissen es noch nicht genau, aber irgendwas ist im Anmarsch.“
„Nicht irgendwas“, bemerkt Darius.
„Was? Wovon sprecht ihr?“, will ich wissen und bemerke selbst die Gereiztheit in meiner Stimme.
„Sie kommen“, murmelt Kitty mit geschlossenen Augen und wedelt mit der Hand in der Luft. „Sie kommen, und es sind viele.“
„Wer kommt?“
„Psst“, macht Kitty und legt den Finger auf ihre violett angehauchten Lippen.
„Chris!“ Ich spreche seinen Namen langsam aus, betone den Vokal mehr, als es nötig tun würde.
Er stellt sich an meine Seite, blockiert damit meinen Blick auf Kitty und wendet sich an Darius. „Darius, was können wir für dich tun? Was ist der Grund deines Besuches?“
Der Druide dreht seinen Druidenstock und blickt nüchtern zu uns hoch. „Die Druiden kommen. Sie sind unterwegs. In Scharen. Tausende von ihnen, von überall.“
„Moment… Was? Wieso?“, will ich wissen.
„Es sind Druiden?“, fällt Naomi mir ins Wort und sieht zu Darius. „Kitty hatte die Vision einer Gruppe und ich las in den Karten von einer Art Völkerwanderung. Aber es sind Druiden?“
„Ja, es sind Druiden. Sie kommen, damit die Prophezeiung sich erfüllt“, antwortet Darius.
„Schon wieder diese Prophezeiung, ich fass es nicht!“, rufe ich genervt aus und werfe die Hände in die Luft. „Die Prophezeiung hat sich doch schon erfüllt, Roberta ist Hexenkönigin, meine Güte, und das für immer! Was soll denn noch passieren?“
Nun fixiert der Druide mich allein mit seinen dunklen Augen und ein Gefühl der Vorahnung überkommt mich. „Sie wollen das, was du Randolf geschenkt hast. Und ich ebenfalls.“
Kitty löst ihre Konzentration auf und kommt zu uns. „Was hat sie Randolf geschenkt? Und wer ist dieser Randolf überhaupt?“
„Sie wollen was?“ Ich stemme die Hände in die Hüfte und drehe mich kopfschüttelnd um. „Wissen die denn nicht, dass ich momentan ganz andere Sorgen habe?“
Während ich weiterhin kopfschüttelnd die Wand anstarre, klärt Chris Kitty und Naomi auf. „Randolf ist Robertas Liebhaber. Scarlett hat sich seinen Körper ausgeliehen, um die Libelle zu unterwandern, und dabei sind scheinbar ein paar ihrer Druidenkräfte auf den Werwolf übergegangen.“
„Wie bitte?“, kreischt Kitty und reißt Mund und Augen weit auf. „Sie hat ihm ihre Kräfte gegeben?“
„Nein“, stöhne ich und drehe mich wieder zu der Gruppe um. „Ich habe meine eigenen Kräfte behalten, aber Randolf konnte plötzlich so eine Art Schutzwall aus Lianen herbeizaubern, als ich wieder zurück in meinem eigenen Körper war.“
„Der Werwolf hat die Kräfte allerdings mittlerweile wieder verloren, worüber er auch ganz glücklich ist. Sie waren nicht für seine Art bestimmt, er ist froh, sie wieder los zu sein“, teilt Darius uns mit. „Aber die Druiden kommen, Scarlett. Sie warten seit Jahrhunderten darauf, dass sich die Prophezeiung erfüllt… Die ganze Prophezeiung.“
Alle Blicke im Raum sind auf den Druiden gerichtet. „Wie lautet die ganze Prophezeiung“, stellt Chris nun die Frage, die ich mich nicht zu fragen traute.
„Sie Wort für Wort zu übersetzen, würde wenig Sinn ergeben, da sie auf Altdruidisch verfasst wurde, und wie ich vermute, spricht keiner von euch noch diese alte Sprache.“
„Wie lautet sie?!“ Chris´ Stimme ist dunkel und seine Worte werden von einem dunklen Knurren aus seinem Inneren untermal.
Darius atmet tief ein, legt seinen Druidenstab quer über seine Oberschenkel und umfasst ihn so stark, dass seine Knöchel weiß hervortreten.
„Sinngemäß befasst sich der erste Teil mit dem, was bereits geschehen ist. Wenn die Nacht ihre dunkelste Stunde erreicht hat, wird die Mitternacht dem Tag die ewige Krone aufsetzen. Damit ist gemeint, dass Scarlett, als Tochter des schwarzen Königs, Roberta zur neuen weißen Hexenkönigin ernennt, und das für die Ewigkeit. Dieser Teil hat sich ja bereits erfüllt.“
„Die Prophezeiung geht noch weiter?“, fragt Kitty und blickt uns alle der Reihe nach an. „Wusstet ihr davon? Wusstest du davon, Scarlett?“
Ich weiche ihrem Blick aus und zucke mit den Schultern. „Darius hat so etwas angedeutet, aber genaues hat er nicht gesagt.“
„Erzähle uns vom Rest der Prophezeiung, Darius“, fordert Naomi den Druiden auf und setzt sich auf ihre Hacken, wobei sie ihre zitternden Hände mit Mischen ihrer Tarotkarten beschäftigt.
Darius´ Blick gleitet ins Nichts und seine Augen bekommen einen verträumten Ausdruck. „Ihr Verzicht ist der Druiden Gewinn. Finsternis und Licht vereinen sich in ihr, sie ist halb Druidin, halb Hexe. Halb dunkel, halb hell.“ Er seufzt. „Danach wird alles sehr schwammig. Es ist die Rede davon, dass sie trotz ihrer druidischen Neutralität dunkle Wesen tötet und durch das Fegefeuer wandert, um wiederaufzuerstehen. Auch ihre Narbe kommt im Originaltext der Prophezeiung vor: Gezeichnet vom Vater, verlassen von der Mutter.“
Meine Fingerspitzen fahren unbewusst über meine entstellte Wange. „Verlassen von der Mutter?“, wiederhole ich seine Worte und mein Herz zieht sich zusammen.
Chris legt den Arm um meine Taille und zieht mich an seine Seite. „Bestimmt ist der Umzug gemeint, oder der Fluch des schwarzen Königs.“, versucht er mich zu beruhigen.
„Und was noch? Wie geht’s weiter?“, bohrt Kitty nach.
„Ihre Tode bringen Hexenseelen Frieden, die Spuren ihrer Seele verleihen den Druiden magische Kräfte. Sie ist ein Paradoxon, weder tot noch je geboren, weder Tag noch Nacht, weder Sonne noch Mond, sie ist die Mitternacht.“
Es fühlt sich an, als hätten Darius´ Worte magische Kräfte und er hätte damit die Zeit eingefroren. Für gefühlte Minuten sagt niemand etwas, und ich glaube, ich bin nicht die einzige, die den Atem angehalten hat.
„Was soll das heißen, weder tot noch je geboren?“, durchbricht Chris als erster die Stille. „Ist ihr Leben in Gefahr? Oder was willst du damit sagen?“
Der Druide hebt die Hände. „Ich sage gar nichts, ich habe euch lediglich die gesamte Prophezeiung vorgetragen.“
Chris´ Griff um meine Mitte verstärkt sich. „Weder tot noch je geboren? Also existiert Scarlett gar nicht, oder was deutet die scheiß Prophezeiung damit an?“
Ich lege den Arm um Chris´ Bauch und blicke zu ihm hoch. „Ich bin doch hier“, sage ich mit Nachdruck. „Ich bin hier, nicht tot und offensichtlich doch geboren, oder etwa nicht? Sonst wäre ich doch nicht hier! Aber ich bin hier!“
Meine Beruhigungsversuche scheinen zu funktionieren, auch wenn meine Worte für mich selbst überhaupt keinen Sinn ergeben. Chris´ Herzschlag beruhigt sich und seine angespannten Muskeln lassen ein wenig locker.
„Ein Paradoxon“, sagt Darius und zuckt unbeteiligt mit den Schultern.
„Das ergibt doch alles gar keinen Sinn“, bemerkt Kitty und wirft die Arme in die Luft. „Wer nie gelebt hat, kann auch nicht sterben. Und trotzdem heißt es in eurer Prophezeiung, dass ihre Tode den Hexenseelen Frieden bringen. Wie soll das gehen, wenn sie nie geboren wurde? Was für ein Quatsch!“
„Und was wäre, wenn sie irgendwie in einer Dimension landet, in der sie wirklich nie geboren wurde?“, versucht Naomi auf ihre Art das Rätsel zu lösen.
„Also ich bin immer noch in derselben Dimension, in der ich schon immer war!“, stellt Kitty fest und stemmt die Hände in ihre schmale Taille. „Und da Scarlett hier vor uns steht, gehe ich davon aus, dass dasselbe auch für sie gilt. Außerdem…“, sie unterbricht ihren Satz, um ein Lachen dazwischen zu schieben. „Wir können ja mal ihre Mutter fragen, was die dazu sagt, dass sie damals, vor knapp dreißig Jahren, gar kein Kind zur Welt gebracht hat!“
Keiner stimmt in ihr Lachen ein, jeder ist mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt und versucht die Prophezeiung für sich selbst zu entschlüsseln. Das Kitty meine Mutter erwähnt hat, bringt mich wieder gedanklich zu meinem eigentlichen Problem zurück: Das Verschwinden meiner Mutter!
Es ist mir egal, was die Prophezeiung sagt und was das eventuell für mich bedeuten könnte. Darius und die anderen Druiden werden warten müssen, bis sich ihre Prophezeiung erfüllt. Sie warten schon hunderte von Jahren, da werden ein paar weitere Tage wohl nicht allzu schlimm sein.
„Apropos meine Mutter“, beginne ich und erzähle ihnen davon, wie ich sie im Kerker der Libelle in einer Zelle habe hocken sehen. „Sie war es, ich bin mir zu einhundert Prozent sicher! Und heute Morgen rief mich dann Elvira an und teilte mir mit, dass meine Mama verschwunden sei.“
Naomi legt die Hände vor ihren Mund und sieht mich aus großen, besorgten Augen heraus an. „Oh nein!“
Kitty zieht die Stirn kraus und ihrem Blick ist zu entnehmen, dass sie medial ins Reich der Geister abtaucht, um nach der Seele meiner Mutter Ausschau zu halten. Darius wirkt nachdenklich und zieht die ledrige Stirn in tiefe Falten.
„Ich habe sie gependelt, doch mein Pendel schlägt nur ganz leicht über einem kleinen Ort in Frankreich aus. Das ist die einzige Spur, die ich habe. Wir müssen da hin und nach ihr suchen.“
Chris reibt über meinen Rücken und küsst meinen Scheitel, als ein Rumpeln von Oben uns kurz zusammenzucken lässt.
„Guten Morgen?“, hallt Falks Stimme oben über den Flur. „Können wir runterkommen?“
Falk und Dahlia. Die beiden hätte ich beinahe vergessen. „Ja, natürlich“, rufe ich zurück und räuspere mich.
Naomi schaut mich fragend an und linst hinüber zur Treppe. „Das sind Falk und Dahlia, wir haben sie gestern aus der Libelle befreit und sie haben die Nacht bei uns verbracht“, erkläre ich ihr knapp und beginne aufgrund leichter Überforderung meine Stirn zu reiben.
Chris, der meine Körpersprache besser lesen kann als jeder andere, seilt sich von uns ab und übernimmt unsere Gäste, die im Morgenmantel bekleidet und ein wenig schüchtern den Fuß der Treppe erreichen. „Guten Morgen, ihr Beiden! Ich hoffe, ihr habt gut geschlafen“, begrüßt er sie fröhlich und lenkt sie mit ausgebreitetem Arm in die Küche. „Habt ihr Hunger? Wir haben frisches Brot, Haferflocken und Eier. Und wie wäre es mit Kaffee?“
Dankbar, dass er sich um die beiden kümmert, wende ich mich wieder Naomi, Kitty und Darius zu.
„Soll ich deine Mutter vielleicht auch mal pendeln? Ich kann ihr auch die Karten legen, vielleicht erfahren wir darin auch etwas“, schlägt Naomi vor.
Ich nicke eifrig. „Ja, auf jeden Fall! Komm mit, im Büro habe ich die Landkarten.“
„Moment“, meldet sich Darius wieder zu Wort und erhebt sich. „Ich denke, du hast jetzt Wichtigeres zu tun, Scarlett. Die Druiden sind unterwegs, sie wollen, dass du die Prophezeiung erfüllst. Und ich finde, du bist es mir schuldig, dass ich der erste Druide bin, dem du deine magischen Kräfte verleihst.“
Mein Mund klappt auf und ich sehe ihn finster und schockiert an. „Denkst du wirklich, dass diese blöde Prophezeiung mir wichtiger ist, als meine verschwundene Mutter wiederzufinden?“ Meine Worte klingen harsch, doch ich bereue meinen Ton ihm gegenüber nicht.
„Sie sollte dir wichtiger sein“, sagt er trocken und betont unbeeindruckt.
„Ist sie aber nicht!“ Ich greife nach Naomis Handgelenk und ziehe sie hinter mir her ins Büro. Sobald wir in dem vollgestellten Raum sind, schließe ich die Tür. Meine Knie zittern und ich brauche einen Moment, um das Kribbeln der vor Wut grollenden Blitze in meinen Handflächen zu unterdrücken.
„Atme, Scarlett“, flüstert Naomi und legt die Hände auf meine Schultern. „Es wird alles wieder gut. Wir werden deine Mutter finden und alles wird sich fügen.“
Ich lausche ihren beruhigenden Worten und ihren sanften Atemzügen und lasse den aufkommenden Stress abebben. Sie ist keine Hexe und hat schon gar nicht Robertas Beruhigungs-Kräfte, aber sie ist meine Kollegin, Schamanin und Freundin und schafft es auch so, mich wieder in die richtige Bahn zu lenken.
Ich breite die Karten, sowie ein gerahmtes Bild von Mama vor ihr aus und sie benutzt eine ihrer vielen Halsketten als Pendel. Ihrem Gesicht ist anzusehen, wie sehr sie sich konzentriert, doch das Pendel schlägt bei ihr nicht aus. Wieder und wieder versucht sie es, gibt doch schließlich auf.
„Ich kriege sie nicht, es ist, als wäre sie gar nicht da“, sagt sie und schaut mich enttäuscht und mitleidig an. „Tut mir wirklich leid.“
„Trotzdem danke für den Versuch“, sage ich und lächle sie an. „Sonst versuche es doch noch mit den Tarot-Karten, vielleicht erhältst du darüber irgendwelche Informationen.“
Sie nickt und beginnt damit, die Karten zusammenzufalten, als plötzlich die Tür geöffnet wird und das weiße Gesicht von Kitty hineinlinst.
„Also, tot ist sie schonmal nicht“, sagt sie und öffnet die Tür ganz. „Sie ist auf keiner mir zugänglichen geistigen Ebene gesehen worden.“
Erleichtert fasse ich mir ans Herz. „Das ist gut, sehr gut. Danke.“
„Allerdings wurden du und Chris auch von keinem meiner Wächter gesehen, obwohl ihr ja offenbar wirklich tot wart, wenn auch nur für kurze Zeit“, gibt sie zu bedenken.
„Wir waren im Limbus, jeder von uns in seinem eigenen. Chris war länger in seinem, als ich in meinem“, erkläre ich und ignoriere dabei den angstvollen Blick, den Naomi mir zuwirft.
Kitty legt den Kopf in den Nacken und sieht mich prüfend an. „Im Limbus?“, hakt sie nach und verschränkt die Arme vor der Brust. „Davon gibt es so viele, wie Sterne am Himmel. Wie hätten meine Wächter oder ich euch da finden sollen?“
„Das war kein Vorwurf, Kitty“, sage ich, doch nun schaut sie mit gerunzelter Stirn Naomi an.
„Hör´ doch mal auf, dir so viele Sorgen um Scarlett zu machen! Mir ist ihre dunkle Aura auch schon aufgefallen, aber das ist nun mal der Preis, den man zahlt, wenn man von den Toten wiederaufersteht!“, zischt sie die Schamanin genervt an, wirft ihr schneeweißes Haar über die Schulter und stolziert aus dem Büro hinaus.
Wir folgen ihr zurück ins Wohnzimmer, wo Darius noch immer im Sessel sitzt und uns mit erwartungsvollem Blick empfängt.
„Da ihr nun fertig seid, schlage ich vor, du verleihst mir nun deine Kraft“, sagt er und erhebt sich aus dem quietschenden Leder.
„Erstens, wir sind noch lange nicht fertig, oder siehst du meine Mutter hier irgendwo? Und zweitens, selbst wenn ich dir jetzt das Druiden-Upgrade verpassen wollte, ich wüsste gar nicht, wie ich das anstellen sollte!“
„Was habt ihr überhaupt vor? Wollt ihr deine Mutter suchen gehen, oder wie ist der Plan?“, fragt Kitty.
„Ja. Ich denke schon.“ Grübelnd blicke ich in Richtung Küche, wo Chris noch immer unsere Gäste bewirtet. „Ich wollte Chris gerade erzählen, wo ich Mama geortet habe, als ihr herkamt.“
Kitty nickt. „Toller Plan“, bemerkt sie ironisch. „Und das alles wolltet ihr alleine bewerkstelligen? Oder hättest du uns noch darüber informiert, dass deine Mutter verschwunden ist?“
An mein Team habe ich dabei wirklich nicht gedacht, um ehrlich zu sein. Sie haben doch sicher genug mit ihren Aufträgen und Besseres zu tun, als kopf- und planlos herumzuirren und meine Mutter zu suchen.
„Die Aufträge können warten, Scarlett“, sagt Kitty und funkelt mich aus zu Schlitzen geformten Augen an. „Und wenn du uns miteinbeziehst, seid ihr vielleicht nicht so planlos!“
„Könntest du aufhören meine Gedanken zu lesen, Kitty?!“, zische ich sie an und stemme die Fäuste in die Hüften.
Sie imitiert meine Haltung. „Nein, das kann ich nicht! Du denkst einfach zu laut!“
Eine lange Sekunde halte ich ihrem finsteren Blick stand, doch als ihr Mundwinkel zu zucken beginnt, kann ich mein eigenes Grinsen auch nicht mehr verbergen.
„Okay, vielleicht ist es ganz gut, dass ihr nun auch Bescheid wisst“, gebe ich zu. „Und wenn ihr gerade nicht mit wichtigen Aufträgen beschäftigt seid und vielleicht etwas Zeit habt und uns helfen wollt, dann würden wir uns freuen.“
„Sie haben vielleicht Zeit“, wirft Darius dazwischen und besieht sich seine Fingernägel. „Du aber nicht.“
„Er hat Recht“, sagt Kitty. „Meine Wächter teilten mir mit, dass eine Art magische Völkerwanderung begonnen hat. Horden von Druiden sind auf dem Weg hierher und wenn sie alle so denken wie der da“, sagt sie und deutet auf Darius, „dann lassen sie dich nicht gehen, ehe sie haben, was sie wollen.“
Ich sehe den Druiden an und mein Magen zieht sich zusammen, als er wissend zu nicken beginnt.
Was ein Rettungsunternehmen werden sollte, erinnert nun mehr an eine Flucht. Nachdem Chris Falk und Dahlia verköstigt hat und sich das verliebte Pärchen zu einem Spaziergang im Wald aufgemacht hat, setzen wir uns alle an den großen Esstisch und besprechen das weitere Vorgehen. Ich teile ihnen mit, wo das Pendel auf der Suche nach meiner Mutter ausgeschlagen hat und Chris berechnet die kürzeste Route von hier, über Elviras und Mamas neues Haus an der Küste, bis zu dem kleinen Örtchen im Südwesten Frankreichs, während Naomi die Karten legt, um uns noch ein paar mehr Hinweise zu verschaffen. Kitty wütet in unserer Küche herum und wirft alles Essbare in eine Reisetasche, während bereits die zweite Thermoskanne Kaffee vollläuft.
Da unsere Autos noch im Nachbarort stehen, unternimmt Chris einen Sprint durch den Wald, um meinen Bulli abzuholen. Den Transporter lässt er später von Jason oder einem anderen Teammitglied abholen, sofern er dann noch nicht abgeschleppt wurde. Aber auch darum können wir uns später kümmern, wenn wir meine Mutter wiederhaben.
Ich nutze die verbliebene Zeit bis zu unserer Abreise, um mit Darius zu sprechen. Verständlicherweise will er das, weswegen die Heerscharen von Druiden zu mir unterwegs sind, als Erster haben. Es war schon schlimm genug für ihn, dass der Werwolf Randolf eine Kostprobe meiner Kräfte bekam und nicht er. Darius war immer für mich da, er hat mich auf meinem Weg durch die magische Welt stets begleitet und war mir ein guter Freund und Berater. In den letzten Wochen ist unsere Beziehung dann noch enger geworden, als ich die Tage mit ihm zusammen im Wald um Robertas Schloss herum verbrachte und darauf wartete, dass Chris wieder aufwacht. Jetzt im Nachhinein frage ich mich, ob sein Interesse wirklich mir als Person galt, oder ob er die ganze Zeit nur die Prophezeiung im Hinterkopf hatte.
„Den Druiden wird es nicht gefallen, wenn sie nach ihrem langen Marsch feststellen, dass du gar nicht mehr hier bist. Dein Verschwinden könnte viele von ihnen ziemlich wütend machen.“
Mit einem Seufzen nehme ich neben ihm Platz und lehne mich im Sofa zurück. „Darius, es geht hier um meine Mutter, versteh´ das doch bitte! Sie ist der wichtigste Mensch in meinem Leben, ich habe sie schon mehr als einmal verloren, ich will sie nicht nochmal verlieren!“
Der Druide schüttelt mit dem Kopf. „Sie war vielleicht bis zu deinem achtzehnten Geburtstag der wichtigste Mensch in deinem Leben. Dann kam der Fluch und es vergingen zehn Jahre, bis du wieder ein Wort mit ihr sprechen konntest. Und seitdem sie wach ist, ist eure Beziehung nicht mehr das, was es einmal war. Außerdem hast du nun einen Gefährten. Christobel ist der wichtigste Mensch in deinem Leben, nicht deine Mutter.“
Er sagt es so trocken und ohne jegliches Gefühl, dass ich einen Moment brauche, um seine Worte zu verdauen. „Sie ist meine Mutter, Darius. Meine Mutter! Sie hat mich zur Welt gebracht und aufgezogen. Ganz allein, ohne jegliche Unterstützung!“
„Das bestreite ich nicht. Ich sage nur, dass einige Zeit vergangen ist und du schon länger sehr gut ohne sie klarkommst. Außerdem hast du als Druidenhexe eine Pflicht zu erfüllen. Die magische Macht wurde dir nicht einfach so geschenkt. Du hast Verpflichtungen, denen du nachkommen musst.“
Ich schüttle mit dem Kopf, auch wenn ich diese Verantwortung, von der er da spricht, als schwere Last auf meinen Schultern fast körperlich spüren kann. „Selbst wenn ich bleiben wollte, um all die Druiden zu empfangen, könnte ich ihnen doch nicht geben, weswegen sie hierher pilgerten, denn ich weiß nicht, wie es geht! Ich habe keine Ahnung, wie ich Randolf diese Art von Magie verliehen habe! Es ist einfach so passiert, ich habe es nicht willentlich getan!“
Darius beugt sich in seinem Sessel vor und stützt die Ellenbogen auf den Oberschenkeln ab. „Scarlett, es ist deine Bestimmung. Von daher denke ich, dass es ganz intuitiv passieren wird, wenn du es einfach mal versuchst. Es war doch eigentlich klar, dass irgendwann der Tag kommt, an dem du neue Druidenhexen erschaffen wirst. Eine neue magische Rasse reproduziert sich entweder über den natürlichen Weg, wie bei den Werwölfen zum Beispiel, oder über Weitergabe der Kräfte durch Infektion, wie beispielsweise bei den Vampiren.“
Meine Augen werden groß. „Ich werde dich nicht beißen, soviel ist klar!“
Der Druide lacht. „Na, das hoffe ich doch! Ich lasse mich nämlich nur ungern beißen, außer von Roberta natürlich, bei ihr ist das etwas anderes.“
Ich hebe abwehrend die Hände und verziehe das Gesicht. „Bitte verschone mich!“
Sein Lachen wird lauter und ich lasse mich davon anstecken. Es tut gut, in dieser schwierigen Situation ein wenig zu lachen. Es fühlt sich an, als hebe sich der dunkle Vorhang, gewebt aus Verantwortung und Erwartungen etwas. Das Licht, das nun hineinscheint, gibt mir neue Zuversicht.
„Okay“, sage ich schließlich und beuge mich zum Druiden vor. „Vielleicht versuchen wir es mal.“
Beim ersten Versuch sitzen wir uns draußen zwischen ein paar dicken Eichenbäumen im Schneidersitz gegenüber, fassen uns an den Händen und schließen die Augen. Ich versuche mich zu konzentrieren, doch die Gedanken an die immer näherkommenden Druiden, meine verschwundene Mutter, und Darius´ ledrige Hände lenken mich ab. Ich gebe mein Bestes, all das auszublenden, mich mit den Elementen zu verbinden und all meine Kraft in die Weitergabe dieser besonderen Druidenhexenmagie zu legen, doch es klappt nicht. Alles, was ich vollbracht habe, ist ein aufziehender Sturm, Nieselregen und Risse im Erdboden.
„Spürst du schon etwas?“, frage ich und linse durch ein Auge zu Darius.
Er schüttelt mit dem Kopf und öffnet die Augen. „Nein. Aber wenn du so weitermachst, sind meine Hände bald verkohlt.“
Ich reiße beide Augen auf und drehe seine Hände um. Rote Striemen von meinen Blitzen sind darauf zu sehen. „Oh nein, das tut mir leid. Das wollte ich nicht“, sage ich und fühle mich schlecht.
„Nicht so schlimm. Versuch es noch einmal.“
Ich sehe die Gier in seinen Augen. Er will diese Macht unbedingt! Wenn ich mir vorstelle, dass bald hunderte seiner Art so vor mir stehen, wird mir beinahe übel.
„So wird es nicht funktionieren“, sage ich und lasse seine Hände los. „Mit Randolf habe ich auch nicht meditiert, und trotzdem hat er die Kraft bekommen.“
„Weil eure Seelen sich berührt haben.“
„Ja, aber ich kann doch jetzt nicht mit meiner Seele in jeden Druidenkörper steigen, um ihm diese Macht zu verleihen!“
Darius fasst sich nachdenklich an seinen Kinnbart und dreht die goldene Perle darin mit seinen Fingern. „Du hast seine Seele berührt und vorher deine Druidenmagie mit dem Druidikum gestärkt. Vielleicht brauchst du jetzt auch ein wenig Druidikum, damit du nicht mehr nur die Elemente mit deiner Hexenmagie beschwörst und deine magischen Blitze abfeuerst.“ Er greift in die Tasche seiner Leinenkutte und zieht ein halbvolles Fläschchen des speziellen Kräutertrankes hervor. „Hier, nimm etwas davon und dann versuchen wir es nochmal.“
Ich nehme ihm die Flasche ab, löse den Korken und gebe einen Tropfen der braunen Flüssigkeit auf meine Fingerspitze. Dann schließe ich die Augen und führe den Finger zu meinen Lippen. Sobald der Tropfen meinen Mund erreicht, wird mein Körper von seiner magischen Wirkung durchflutet. Alles um mich herum erstrahlt plötzlich. Grün ist nicht mehr einfach nur Grün, sondern zieht sich über die ganze Farbskala, von lindgrün, über moosgrün bis hin zu olivgrün. Doch es sind nicht einfach nur Farben, dahinter stecken Emotionen, Gefühle, ganze Geschichten.
„Scarlett?“ Die Stimme des Druiden reißt mich aus meinen Gedanken. Ich sehe seinen habsüchtigen Blick, in dem eine Spur Ungeduld liegt. „Versuchst du es jetzt? Bitte?“
Er streckt mir seine Hände entgegen, doch ich schüttle mit dem Kopf. Jetzt, da sich ein Tropfen des Druidikums in meinem System befindet, kann ich plötzlich viel klarer denken. Es reicht nicht, einfach nur mit Darius zu meditieren. Ich muss seine Seele berühren, und zwar genauso, wie der fremde Druide es im Kerker mit mir gemacht hat, als er sehen wollte, ob sich wirklich die Druidenhexe im Körper dieses Werwolfes befindet.
Also strecke ich meine Hand aus und lege sie auf Darius´ Brust. Seine Augen funkeln vor Hoffnung und Vorfreude, ich mache meine zu und lasse meine Seele durch meinen Arm zu seinem Herzen wandern. Es geschieht ganz intuitiv, das Druidikum verstärkt meine Druidenkräfte und dieser Teil meiner Seele wird von Seinesgleichen magnetisch angezogen.
Plötzlich sehe ich Darius´ Seele vor meinem inneren Auge plastisch vor mir. Ich erkenne sie sofort, auch wenn sie seinem äußerlichen Körper in keiner Weise ähnlichsieht. Sie ist dunkelgrün, vernarbt, braun, mit tiefen Wunden und Tälern voller Güte und Mitgefühl. Ich sehe die Freude und das Leid, das er in seinem Leben erfahren hat. Schwarze Tupfen aus lang vergangener Zeit durchziehen seine Seele; Fehler, die er einst begangen hat und manche davon nun bereut. Blutrote Kleckse aus tief empfundener Liebe schwirren im inneren Nebel umher und mischen sich mit allem, was diesen Druiden ausmacht.
Langsam ziehe ich meine eigene Seele wieder zurück, lasse sie wieder in meinen Körper gleiten und nehme die Hand von seiner Brust.
Als ich die Augen wieder öffne und Darius anschaue, zucke ich erschrocken zurück und gebe einen quietschenden Schrei von mir. Seine sternförmige Narbe leuchtet, aber nicht in diesem Rotton, wie sie es tut, sobald er der weißen Hexenkönigin näherkommt, sondern in einem tiefen Schwarz! Es ist ein schwarzes Glimmen, das sich mit nichts auf der Welt vergleichen lässt.
„Was? Was ist los?“, fragt Darius, reißt die Augen auf und blickt sich um.
„Die… Deine Narbe!“
„Was ist damit? Leuchtet sie?“
Ich nicke und sehe geschockt zu, wie das schwarze Glimmen langsam versiegt. „Ja… Aber nicht rot, so wie bei Roberta.“
