Höllenfahrt - Martina Bauer - E-Book
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Martina Bauer

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Beschreibung

Im Schatten des Pfälzer Bienwaldes – wo zwischen uralten Bäumen und düsteren Schatten im Dickicht der Tod lauert! Christi Himmelfahrt, Vatertag, 2014. Ein Sommerausflug wird für die junge Krankenschwester Doro und ihre Clique zum Albtraum. Als ein heftiger Sturm über den Bienwald hinwegfegt, verliert das Grüppchen in dem Labyrinth aus Bäumen die Orientierung. Auf der Suche nach einem Ausweg stoßen sie an einen abgelegenen See – und machen eine Entdeckung, die ihr Schicksal besiegelt. Denn der Sturm hat etwas freigelegt, etwas Tödliches, das seit Jahrzehnten vergessen im Wasser lagert. Unaufhaltsam breitet sich der Tod aus, einer nach dem anderen wird dezimiert. Doro schafft es zunächst als Einzige, der Gefahr zu trotzen. Nur wenige Kilometer ist die rettende Straße entfernt, doch kann Doro ihren schwerkranken Freund im Stich lassen, um HIlfe zu holen? Denn der Wald gibt seine Opfer nicht so leicht frei. Die Jäger des Waldes wittern den Geruch, der von dem sterbenden Jungen ausgeht. Und sie wittern auch Doro!

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Höllenfahrt

Ein Thriller von Martina Bauer

und L.S. Anderson

Alle Rechte liegen bei der Autorin Martina Bauer

Copyright:

©2014 Martina Bauer & L.S. Anderson

www.martinabauer.jimdo.com

Impressum:

Martina Bauer

Guttenbergstr. 1

76889 Schweigen-Rechtenbach

Covergestaltung:

Jacqueline Spieweg, FarbRaum4 (http://www.jspieweg.de/)

Coverfoto:

Scared young woman running through a forest at night, looking back (www.shutterstock.com)

Lektorat: 2014 Eliane Wurzer (Verlagsgruppe Droemer/Knaur)

Über die Autoren

Schon als Kind liebte Martina Bauer gruselige und packende Geschichten und schlich sich heimlich ins Wohnzimmer oder ließ sich ins Kino schmuggeln, um sich spannende Filme anzusehen. Heute schreibt sie mit Erfolg Thriller, Krimis und Horrorgeschichten. Mit ihrem Mann und ihrem Sohn lebt sie an der Südlichen Weinstraße und arbeitet als Fachkrankenschwester für Intensivpflege und Anästhesie.

L.S. Anderson ist Ingenieur und führt, wie die meisten Menschen, ein Leben reich an bedeutungslosen Zufällen, Banalitäten, Leerlauf und unnützen Anstrengungen. Zwischendurch ist er immer wieder unterwegs und hat lange Jahre im Ausland gelebt. Zu schreiben begann er, als er in Bahnhofsbuchhandlungen und Airport-Bookshops nichts mehr fand, was ihm gefiel. Anderson liebt seine Frau, Kino, gute Schuhe und ein Glas Wein zum Essen. Der Name L.S. Anderson ist ein Pseudonym.

Anmerkung: L.S. Anderson verstarb im Mai 2024.

Ein guter Freund kennt all deine besten Geschichten. Ein bester Freund hat sie mit dir zusammen erlebt.

(unbekannter Verfasser)

R.I.P., L. Prolog

Wildschwein (Sus scrofa)

Eiförmige, behaarte Ohren und mittellanger, am Ende buschiger Schwanz kennzeichnen die Schweine im engsten Sinne (Sus), welche unser Wildschwein (Sus scrofa, Sus aper und fasciatus) würdig vertritt. Dieses starke, kräftige und wehrhafte Thier erreicht bei reichlich 2 Meter Gesammt- oder 1,8 Meter Leibes- und 25 Centim. Schwanzlänge 95 Centim. Schulterhöhe und 150 bis 200 Kilogramm an Gewicht, ändert jedoch nach Aufenthalt, Jahreszeit und Nahrung in Größe und Gewicht bedeutend ab …

In seiner Gestalt ähnelt das Wildschwein seinem gezähmten Abkömmling; nur ist der Leib kürzer, gedrungener; die Läufe sind stärker, der Kopf ist etwas länger und schmächtiger; das Gehör steht mehr aufgerichtet und ist etwas länger und spitziger; auch die Gewehre oder Hauer werden größer und schärfer als bei dem zahmen Schweine. Die Färbung ist verschieden, wird jedoch im allgemeinen durch den Jägernamen »Schwarzwild« bezeichnet …

Mit Ausnahme der Gerste auf dem Halme, frißt es überhaupt alle denkbaren Pflanzen und verschiedene thierische Stoffe, sogar gestorbenes Vieh, gefallenes Wild und Leichen, auch solche von seines Gleichen, wird sogar unter Umständen förmlich zum Raubthiere. Erfahrene Waidmänner verdächtigen das Wildschwein, junge, noch unbehülfliche Wildkälber mörderisch anzufallen oder ebenso verwundetem Edel-, Dam- und Rehwilde auf der Rothfährte (d. i. die Blutspur) zu folgen und nicht von ihm abzulassen, bis es die gewitterte Beute erlangt und getödtet hat, worauf es, neidisch und streitsüchtig gegen- und untereinander, tapfer schmausen soll, so daß der Jäger am nächsten Morgen kaum mehr als die Knochen findet …

(Aus: Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Dritter Band, Erste Abtheilung: Säugethiere, Zweiter Band: Raubthiere, Kerfjäger, Nager, Zahnarme, Beutel- und Gabelthiere. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1883., S. 544-551.)

I

»It comes down to a simple choice, really. Either get busy living, or get busy dying.«

Tim Robbins as Andy Dufresne, „The Shawshank Redemption“

Doro hatte Kopfschmerzen. Nicht schlimm, aber es gab auch gerade nichts, was sie davon ablenkte. Bitte, lieber Gott, lass es keine ausgewachsene Migräne werden, dachte sie. Hinter ihr, auf der Ladefläche des Passat-Kombi, welkten zwei große Blumensträuße vor sich hin. Im Wagen roch es wie bei einer Trauerfeier. Der Geruch zusammen mit dem Gedudel und Gequassel im Autoradio machte das Pochen hinter Doros Schläfen nur noch unangenehmer.

»Der Deutsche Wetterdienst«, sagte ein munterer Moderator, »gibt eine Unwetterwarnung heraus …«

Auch das noch. Doro beugte sich ein wenig nach rechts, um zwischen Pit und Kathrin hindurch die Straße sehen zu können. Nichts bewegte sich. Der Stau dauerte schon mehr als eine Stunde. Die Hitze flimmerte über den beiden Reihen stehender Autos. Nur wenige Leute waren ausgestiegen und lehnten sich an ihre Fahrzeuge, denn es ging kein Wind, und die stechende Sonne war noch schwerer auszuhalten als die Temperatur im Inneren der Wagen. Für die Jahreszeit war es viel zu heiß.

»… eine Gewitterfront aus Frankreich …«

Kathrin lehnte sich zu Pit hinüber, der am Steuer saß. »Ich mag das Publikum auf der ART«, schwärmte sie über die kürzlich besuchte Kunstmesse. »Die Besucher sind irgendwie schräg, aber das Niveau ist gehoben. Nicht die breite Masse, die sich sonst auf Messen herumtreibt.«

Amen, dachte Doro.

Trotz der Wärme wünschte sie sich, statt ihrer Bermudas lange Hosen angezogen zu haben. Micki, Kathrins kleiner Bruder, der zwischen ihr und Frank auf dem Rücksitz saß, trug Cargoshorts, und die warme und schwitzige Berührung ihrer beider Knie war ihr unangenehm. Ihn schien das nicht zu stören. Er hatte Earbuds in seinen Ohren und hörte Musik über sein Smartphone. Sein Kopf wippte leicht im Takt. Er war so versunken in der Welt der elektronischen Klänge, wie das nur ein Neunzehnjähriger sein kann. Bei Doro kamen die Beats als leises, rhythmisches Zischen und Rascheln an, das auf ihre Nerven wie ein tropfender Wasserhahn wirkte.

»… für das südliche Rheinland-Pfalz und den nördlichen Schwarzwald besteht im Verlauf des Nachmittags die Gefahr von Starkregen, Hagelschlag und Orkanböen …«

Doro löste vorsichtig ihr Knie von Mickis Bein. Es klebte ein wenig. Micki wandte sich ihr zu und lächelte. Er strich mit den Fingern über das Smartphone und das ›Rrsch-rrsch‹ verstummte.

»Geht es dir gut?«, fragte er.

»Danke, es geht schon.«

»Du siehst müde aus.«

Mickis Aufmerksamkeit freute Doro. Ein hübscher Junge, dachte sie, gepflegter als die meisten in seinem Alter – ein bisschen verwuschelt-verschlafen, die wirren Locken wie von einer Frau zerwühlt. Und dann diese Augen! Wie kann ein Junge nur solche Augen haben?, dachte Doro. Ich wette, die Mädels in seiner Klasse finden ihn süß. Als ich in seinem Alter war, hätte ich ihn auch süß gefunden.

Micki bemerkte, dass Doro ihn von der Seite betrachtete, und lächelte sie noch einmal an. Es war ein nettes Lächeln. Doro kannte ihn nicht so gut wie die anderen, mit denen sie unterwegs war, aber sie wusste, dass er weder so arrogant noch so eitel war wie seine große Schwester.

Kathrin erzählte Pit immer noch von der Kunstmesse, und wenn sie dabei den Kopf bewegte, wippte ihr kurzer Pferdeschwanz, zu dem sie ihr akkurat geschnittenes Haar gebunden hatte. Wie ihr Bruder war sie blond, nicht billig katzenbergerblond, sondern edel dunkelblond. Wie Honig. Sie besaß die reinste und feinporigste Haut, die Doro je gesehen hatte. Und wie ihr Bruder war sie groß und hübsch. Wie kann man nur, ohne sich Mühe geben zu müssen, so perfekt sein?, dachte Doro. Die schwitzt nicht mal. Und warum wird man, wenn man so aussieht, ausgerechnet Juristin und arbeitet dann bei einer Sparkasse? An einem gemeinsamen Wellness-Wochenende mit Pit und Frank hatte Doro sie einmal in der Sauna erlebt: Kathrin hätte ein Model für Luxusunterwäsche sein können. Doro war auch vorzeigbar, mit und ohne Kleider, das wusste sie von sich und war auch stolz darauf, aber in Kathrins Gesellschaft kam sie sich immer klein und unscheinbar vor.

»An alle Väter«, sagte der Moderator im Autoradio unerschütterlich gut gelaunt, »die heute am Vatertag mit oder ohne Familie einen Ausflug machen: Kommen Sie gut und rechtzeitig nach Hause, bevor das Wetter umschlägt. SWR Drei, es ist fünfzehn Uhr …«

»Ist was?«, fragte Kathrin. Ihre Eisaugen waren im Rückspiegel auf Doro gerichtet.

Doro zuckte zusammen, als sie so überraschend und in spitzem Ton angesprochen wurde, und ärgerte sich gleich darauf über ihre Reaktion. »Nichts mit dir.« Sie bemühte sich nicht, freundlich zu klingen.

»Du guckst so«, sagte Kathrin.

Eine Sekunde zu lang musterten sie sich gegenseitig über den Spiegel, dann blickte Kathrin weg und begann, wieder auf Pit einzureden. Was findet er nur an der, dachte Doro. Gut, sie geben ein schönes Paar ab und sind Kollegen. Aber Pit war ein Kreissparkassen-Vermögensberater, einer, der sich mit Bausparverträgen auskannte, und Kathrin eine ehrgeizige Juristin. Irgendwann wird sie sich von Pit verabschieden – nach oben, dachte Doro.

Sie schloss die Augen und versuchte einen Moment lang, Kopfschmerz und Hitze zu verdrängen. Es gelang ihr nicht. Der Geruch der verwelkenden Blumen verursachte ihr leichte Übelkeit. Sie öffnete ihre Augen wieder und sagte zu Pits Hinterkopf: »Können wir nicht doch die Fenster schließen und die Klimaanlage laufen lassen?«

»Nein«, sagte Kathrin. »Ich kriege Halsschmerzen von dem Kaltluftgebläse.«

»Pit?«, drängte Doro.

Pit sagte über die Schulter: »Ich mache die Heckklappe auf, dann kommt mehr Luft in den Wagen, und es wird bestimmt besser.« Er drückte auf einen Schalter am Armaturenbrett. »Hab ich mir erst kürzlich einbauen lassen.« Er klang stolz wie ein kleiner Junge. Es klickte. Die Heckklappe fuhr summend nach oben. Die einströmende Luft roch nach Abgasen und fühlte sich an, als käme sie aus einem Backofen.

»Bitte nicht«, sagte Doro, »da kommt doch nur noch mehr Hitze rein.«

»Nein, es ist gut so«, sagte Kathrin.

Oh mein Gott, dachte Doro, wäre ich doch bloß zu Hause geblieben. Ehe sie es verhindern konnte, griff Frank über Micki hinweg ihre Hand, streichelte ihren Handrücken und machte ein Trostgesicht. Ist doch nicht so schlimm, sagten seine Hundeaugen, wir haben es bald geschafft. Doro versuchte vorsichtig, sich aus seinem Griff zu befreien. Bitte, lass mich los, dachte sie und sagte: »Frank, ich habe Kopfschmerzen.«

»Wegen der Tabletten?«

Ja, dachte Doro, und außerdem will ich jetzt nicht angefasst werden. Sie zog ihre Hand weg.

»Was nimmt sie denn?«, sagte Kathrin zu Frank.

Was geht denn dich das auf einmal an, dachte Doro.

»Ribavirin«, sagte Frank, »ein Virostatikum – wegen einer Spritzenverletzung.«

»Ein Viro-was?«, fragte Pit.

»Doro hat sich versehentlich an einer Kanüle gestochen und nimmt ein spezielles Medikament, das die Ausbreitung von Viren im Körper verhindert.«

Oh, nein. Das habe ich nun davon, dass ich mit einem Apotheker zusammen bin, dachte Doro. Er kennt nicht nur die Pillen, die ich einnehme, er diskutiert sie auch noch mit seiner Verwandtschaft.

Franks Erklärung war ein gefundenes Fressen für Kathrin. Sie wandte sich in ihrem Sitz um. »Doch hoffentlich auf der Arbeit, oder?«, sagte sie zu Doro. »Wenn du nämlich als Krankenschwester AIDS kriegst, dann ist das ein Berufsunfall, da zahlt die Versicherung.«

Du Giftschlange, dachte Doro und sagte: »Ich kriege kein AIDS. Ich kriege gar nichts. Ribavirin ist Standardprophylaxe nach einer Stichverletzung.«

»Ach so …«, sagte Kathrin, und dann ahmte sie spöttisch Doros Tonfall und Dialekt nach. »Stan-dard-pro-phy-laxe …«

Doro wurde von weiteren Diskussionen über ihren Gesundheitszustand erlöst, weil Franks Telefon dudelte. Er stieg aus dem Wagen, und sie konnte hören, dass er mit seiner Mutter sprach. Es war schon ihr zweiter Anruf innerhalb einer Stunde. Frau Hamann hatte gerne alles im Griff. Frank kam kaum zu Wort.

»… nein … nein … wir stehen noch auf der A65. Kurz vor … Ja, Mama, alles zu … ja, Mama. Ja … Kathrin und Micki sind mit uns gefahren … mit uns … Willst du sie … Ja, gut. Grüß schön … Ja, Mama. Sag Oma, dann bleiben wir halt zum Abendessen.«

Oh, nein. Doro schloss wieder die Augen und spürte ihren Kopfschmerzen nach. Ich hätte zu Hause bleiben sollen, dachte sie, mit irgendeiner Ausrede, egal … Ich könnte jetzt in Unterwäsche auf meinen Balkon sitzen und Eis aus der Packung essen. Ich wette, meine Kopfschmerzen würden dabei sofort verschwinden. Stattdessen stehe ich an einem viel zu heißen Maitag auf der Autobahn im Stau, und wenn der sich endlich auflöst, dann muss ich bei der Familie meines Freundes schaulaufen. Oder, besser gesagt, Spießruten laufen.

»Stau und stockender Verkehr auf folgenden Autobahnen und Bundesstraßen«, sagte der Moderator im Autoradio und begann eine lange Aufzählung. Irgendwann war auch die A65 zwischen Kandel und Wörth an der Reihe. Am Wörther Kreuz seien Bergungsarbeiten im Gang. »Bitte umfahren Sie diesen Bereich weiträumig …«

Frank steckte den Kopf durchs Fahrerfenster. »Was hat er eben gesagt? Wie lange wird es noch dauern, bis die Fahrbahn wieder frei ist?«

Doro konnte an seiner Haltung erkennen, dass er nervös war. Er ist einer, der es jedem recht machen will, dachte sie, und für einen Moment fühlte sie so etwas wie Mitleid mit ihm. Seine Großmutter und seine Mutter wollen, dass er kommt, und er kann nicht, er steckt im Stau. Und die Blumen für Oma und Mama welken stinkend vor sich hin.

Frank beugte sich zum offenen Wagenfenster auf der Beifahrerseite und sagte an Kathrin vorbei zu Pit: »Gibt es denn keine Möglichkeit, irgendwo vor Wörth von der Autobahn abzufahren, an einem Parkplatz oder so?«

»Keine Ahnung. Ich kenne mich hier nicht aus.«

»Sieh doch mal auf dem Navi nach.«

»Solange wir nicht rollen«, sagte Pit, »ist es egal, was uns das Navi zeigt. Wir kommen eh nicht hin.«

Doro fuhr mit ihrem rappeligen Panda die A65 fast täglich zur Arbeit und wusste, dass zwischen ihnen und dem Wörther Kreuz noch ein Parkplatz lag, von dem aus man die Autobahn vielleicht verlassen konnte. Aber sie hielt den Mund. Sie hatte es nicht eilig, in Hamanns Reihenhausgarten anzukommen. Eigentlich mochte sie ja Familienfeste. Sie war gesellig und hatte eine ziemlich große Verwandtschaft, zwei ältere Brüder, junge Eltern, alle Großeltern lebten noch, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen … Nur selten hatten alle zugleich Zeit, doch wenn sie zusammenkamen, waren sie ein gut gelaunter, lautstarker Haufen, aßen zu viel, tranken mit Spaß, redeten alle durcheinander oder erzählten immer dieselben alten Geschichten. Das musste so sein. Familientreffen bei Hamanns waren anders. Sie fanden öfter statt, waren aber eigentlich keine richtigen Feste, sondern eher Veranstaltungen, mit denen Franks Großmutter bei Laune gehalten wurde. Die alte Dame besaß seit dem Tod ihres Mannes drei Viertel des Familienvermögens, nämlich zwei Apotheken in der Karlsruher Innenstadt mitsamt den Häusern, in denen sie sich befanden. Angesichts ihrer fünfundachtzig Jahre war vermutlich schon bald mit einem erneuten Erbfall zu rechnen. Frank hatte zwar Pharmazie studiert und arbeitete in einer der Apotheken, aber er war nicht der einzige Enkel seiner Großmutter und sein Vater nicht ihr einziges Kind.

Bei den Zusammenkünften der Hamanns fühlte sich Doro immer irgendwie deplatziert. Die Großmutter war zwar bei klarem Verstand, sprach sie aber konsequent mit den Namen von Franks Ex-Freundinnen an; besonders eine Nicole schien sie in guter Erinnerung zu haben. Franks Mutter ließ sich von Doro siezen; wenn die Freundin ihres Sohnes aus dem Hochdeutschen in ihren heimatlichen Pfälzer Dialekt verfiel, tat Frau Hamann immer so, als würde sie nichts verstehen. Nur Franks Vater freute sich jedes Mal, wenn er Doro traf. Vielleicht sogar ein wenig zu viel, denn sie fand, dass er ihr oft zu nahe rückte. Er trank gerne einen; Doro hielt er für trinkfest, weil sie einmal ein paar Schnäpse mit ihm gekippt hatte, statt sich zu zieren, wie es seine Nichte Kathrin immer tat.

»Wir könnten auf dem Seitenstreifen vorfahren«, sagte Frank und holte Doro damit aus ihren Gedanken.

»Das ist verboten«, sagte Kathrin.

Frank richtete sich auf. Er war ungeduldig. Auf einmal straffte er sich und lief los, in Fahrtrichtung auf dem Seitenstreifen an den stehenden Autos vorbei.

Doro stieg aus dem Wagen und rief ihm nach: »Frank! Bleib doch hier! Bitte … das bringt doch nichts!«

Er achtete nicht auf sie. Sie sah ihm nach, bis er aus ihrem Blickfeld verschwand. Die Autokolonne glitzerte im grellen Licht und zwang sie, die Augen zusammenzukneifen. Der Frühsommerhimmel war diesig geworden, aber die blasse Sonne hatte nichts von ihrer Kraft verloren. Doro spürte die stechende Hitze auf ihrem Scheitel und ihren nackten Armen. Ihr Hemd und ihre Shorts klebten leicht an ihrer Haut, deshalb stieg sie nicht wieder in den Wagen. Sie blieb stehen und hoffte auf einen Luftzug, der sie ein wenig kühlen, den Schweißfilm auf ihrer Haut verdunsten lassen und vielleicht auch ihre Kopfschmerzen wegblasen würde. Doch es ging kein Wind. Ich wünschte, dieser Tag wäre schon vorbei, dachte sie, und dann verdichtete sich plötzlich ihr Missmut zu einer starken Beklemmung – wie zu einer Ahnung von Bedrohung oder Gefahr –, und sie musste tief durchatmen, um das Gefühl abzuschütteln. Was ist los mit mir?, dachte sie, und dann: Es ist das Gewitter, das in der Luft liegt. Hoffentlich sind wir hier weg, bevor es losgeht.

II

Fünf Minuten später tauchte Frank verschwitzt und mit gerötetem Gesicht wieder auf. »Da vorne ist eine Abfahrt der Autobahnmeisterei«, sagte er freudig erregt. »Ich bin extra reingelaufen. Man kommt an dem Depot vorbei auf einen festen Waldweg.«

Pit fragte: »Wie weit ist es denn noch?«

»Hundertfünfzig, zweihundert Meter auf dem Seitenstreifen.«

»Wenn du auf dem Seitenstreifen vorfährst«, sagte Kathrin zu Pit, »und an einer verbotenen Ausfahrt raus, wirst du bestimmt angezeigt und kriegst ein sattes Bußgeld.«

»Wer sollte ihn denn anzeigen?«, sagte Frank. »Los, Pit, eine halbe Minute Fahrt auf dem Seitenstreifen, und wir haben es geschafft.«

»Was denn geschafft?«, fragte Kathrin. »Wir stehen im Wald. Und dann?«

»Es sind von hier nur ein paar Minuten durch den Bienwald«, sagte Frank, »dann sind wir auf der Kreisstraße 19. Auf der kommen wir nach Hagenbach und dort wieder auf die Autobahn und zur Rheinbrücke … In zwanzig Minuten sind wir zu Hause.«

Ich nicht, dachte Doro.

»Wir werden im Wald stecken bleiben«, sagte Kathrin.

»Ach was!« Frank gab nicht auf. »Die Waldwege sind alle in Ordnung. Geschottert und fest. Auf denen kann man sogar Fahrrad fahren. Doro und ich sind schon oft im Bienwald Fahrrad gefahren.«

Einmal, dachte Doro.

»Ach ja? Dann kennt ihr euch also aus?«, fragte Kathrin.

»Wir haben mal an einer Westwall-Führung teilgenommen«, sagte Doro.

Alle warteten, ob Kathrin noch etwas sagen würde, aber sie hatte keine Argumente mehr.

»Na, dann los«, sagte Pit schließlich. »Alles einsteigen.« Er ließ den Motor an und fuhr die Heckklappe herunter.

»Wenn du ein Bußgeld kriegst«, sagte Frank zu Pit, »dann beteiligen wir uns.«

»Ich nicht«, sagte Kathrin.

Pit lenkte den Wagen auf den Seitenstreifen und rollte langsam und mit eingeschalteten Warnblinkern an der Reihe der stehenden Autos entlang. Niemand schien auf den blauen Passat zu achten, niemand hupte, um sich über die vermeintliche Vordrängelei zu beschweren, und niemand folgte ihnen. Nach einer Minute erreichten sie eine unauffällige Ausfahrt, die von runden, rot geränderten Verbotsschildern bewacht wurde. Einsatzfahrzeuge frei, verkündete eine rechteckige Hinweistafel. Pit bog auf einen schmalen, asphaltierten Weg ein, der von hohem Gebüsch gesäumt war.

Die Lufttemperatur sank schlagartig. Doro hielt einen Arm aus dem Wagen in den Fahrtwind. Ein Blick zum Himmel zeigte ihr, dass sich Wolken vor die Sonne schoben. Erleichtert beugte sie sich zum Fenster, um auch ihre Stirn zu kühlen. Sie rollten am eingezäunten Lager der Autobahnmeisterei vorbei, dann knirschte Schotter unter den Reifen des Wagens, und Pit fuhr langsamer.

Der Weg führte zum Waldrand, einer hohen Wand aus Frühsommerlaub mit einer Öffnung wie ein Tunneleingang oder ein Maul, das den Wagen mit seinen Insassen gleichgültig schluckte. Drinnen im Wald umfing sie grünes Halbdunkel, und es wurde noch einmal kühler. Dieses Mal fröstelte Doro, und wieder empfand sie einen Moment lang die rätselhafte Beklemmung, die sie schon auf der Autobahn gespürt hatte. Die Unruhe schien ihre Sinne zu schärfen. Der Geruch des Waldes, den sie normalerweise als angenehm empfunden hätte, kam ihr stärker vor als sonst, feuchter und fauliger … körperlicher. Es war Doro, als würde irgendwo in der Dämmerung ein großes, atmendes Wesen warten und sie modrig anhauchen. Du spinnst, sagte sie sich und schüttelte das Gefühl ab. Es ist das Gewitter, das in der Luft liegt. Hoffentlich sind wir hier raus, bevor es losgeht.

Der Weg beschrieb eine lange Kurve, weswegen er nirgendwo weiter als dreißig, vierzig Meter einsehbar war. Stellenweise wies er tiefe Fahrspuren auf. Pit musste im Schneckentempo um wassergefüllte Löcher herum manövrieren, damit der Wagen nicht aufsetzte. Doro konnte an seiner Schulterhaltung sehen, wie angestrengt er war. Schließlich erreichten sie eine Wegegabelung. Pit hielt an.

Kathrin sagte: »Wir müssen nach rechts.«

»Bist du sicher?«, fragte Pit.

»Wenn wir links fahren, kommen wir zurück zur Autobahn.«

»Der Weg hat doch eine Kurve gemacht«, sagte Frank.

»Genau. Deshalb müssen wir jetzt nach rechts.«

Doro zuckte zusammen, als auf einmal Micki sprach. »Fahr einfach weiter, Pit. Im Bienwald kann man sich nicht verirren. So groß ist der nicht.«

»Halt den Mund, Micki«, fuhr Kathrin ihren kleinen Bruder an.

Micki zuckte mit den Schultern. Dann strich er mit den Fingern über sein Smartphone, und das Zischen in seinen Kopfhörern wurde lauter.

»Die Kreisstraße liegt südlich der Autobahn«, sagte Frank. »Der Weg ist nach Westen geschwenkt, deshalb …«

»Woran erkennst du denn hier die Himmelsrichtungen?«, fragte Kathrin. »Hier sieht man doch nur Bäume.«

»Wir sind eine lange Kurve gefahren …«, begann Pit, aber Kathrin unterbrach ihn.

»Fahr rechts. Sonst kommen wir zurück zur Autobahn.«

Doro überlegte noch, ob sie sich an der verworrenen Diskussion beteiligen sollte, als Pit schon ein wenig zurücksetzte und dann den Wagen nach rechts lenkte. Ist ja eigentlich auch egal, dachte sie. Wie Micki gesagt hat: Im Bienwald kann man sich nicht verfahren. Auch wenn er unrecht hatte, was die Ausmaße dieses Waldes anging. Der Bienwald war verdammt groß.

Der eingeschlagene Weg wurde offensichtlich wenig benutzt. Er hatte keine tiefen Fahrspuren, dafür war er bewachsen. Erst nur mit Gras und dann, je weiter sie vorankamen, mit niedrigem Gestrüpp und Baumsämlingen, die am Wagenboden schabten, während Pit langsam über sie hinwegfuhr. Das Geräusch verursachte bei Doro eine Gänsehaut. Zudem wucherte das Unterholz des Waldes mehr und mehr in die Fahrspur, bis sie kaum breiter war als das Auto selbst. Pit fuhr noch etwa zweihundert Meter weiter, bis er schließlich anhielt. Dieser Weg würde nicht auf die Kreisstraße führen, sondern irgendwo zwischen den Bäumen enden.

Der Wagen stand. Einen Moment lang saßen sie alle stumm da und lauschten dem Motor im Leerlauf und dem rhythmischen Rascheln aus Mickis Kopfhörern.

Schließlich brach Pit das Schweigen. »Sieht so aus, als müssten wir zurück.« Er wandte sich in seinem Sitz um, so weit er konnte, um durch das Heckfenster den überwachsenen Weg zu überblicken, auf dem sie gekommen waren. »Die ganze Strecke im Rückwärtsgang … Das wird nicht einfach«, sagte er.

»Du solltest wenden«, sagte Kathrin.

Doro fragte sich, wie Pit das auf der engen Spur anstellen sollte. Als könnte sie Gedanken lesen, drehte sich Kathrin zu Doro um und sagte spitz: »Hast du vielleicht eine bessere Idee?«

»Ich habe doch gar nichts gesagt.«

»Du machst so ein Gesicht.«

»Guck mich nicht an«, sagte Doro, »dann siehst du auch nichts, was dir nicht gefällt.«

»Ich guck mir an«, sagte Kathrin und ahmte Doros Dialekt nach, »was mir g’fällt.«

»Am besten«, sagte Frank schnell, »sehen wir uns mal um, ob da vorne irgendwo Platz zum Wenden ist.«

Zuerst reagierte und antwortete niemand, aber dann seufzte Pit, stellte den Motor ab und stieg aus.

»Ich komme mit«, sagte Frank. Gemeinsam liefen sie los, entfernten sich auf dem immer schmaler werdenden Weg und verschwanden hinter einer Biegung.

Doro stieg auch aus und sah sich um. Nach allen Seiten erstreckte sich ein alter Mischwald mit lockerem, mannshohem Unterholz, durch das man kaum zwanzig Meter freie Sicht hatte. Es war auffallend still; weder ging Wind, noch ließen sich Vögel hören. Für die Tageszeit war es ungewöhnlich düster. Doro konnte den Himmel durch die Baumkronen hindurch nicht erkennen. Das Letzte, was sie beim Blick nach oben gesehen hatte, bevor sie in den Wald fuhren, waren Wolken gewesen, die sich vor die blasse Sonne schoben. In der Richtung, in die Pit und Frank gelaufen waren, war es zwischen den Bäumen heller. Hoffentlich ist das die Straße, zu der wir wollen, dachte Doro. Ich will hier raus sein, wenn das Gewitter losgeht. Wenn es schüttet, blitzt und kracht, bin ich überall lieber als tief im Wald. Sogar bei Hamanns ist es dann besser als hier. Oder jedenfalls sicherer. Wo bleiben bloß Pit und Frank?

Doro war erleichtert, als die beiden wieder auftauchten. »Da vorne geht ein Seitenweg ab zu einer Lichtung«, sagte Frank, als sie beim Wagen anlangten. »Da können wir reinfahren, zurücksetzen und wenden.«

»Oh, gut. Dann los, damit wir aus dem Wald raus sind, wenn das Gewitter losgeht«, sagte Doro zu Pit.

»Welches Gewitter?«, fragte Frank.

»Hast du nicht Radio gehört?«

»Doro hat Angst vor Gewittern«, sagte Kathrin und lachte.

»Alles einsteigen«, sagte Pit zackig wie ein Zugbegleiter und ließ den Motor an.

Die nächsten zwanzig, dreißig Meter waren die Wegränder noch dicht bewachsen, und Kraut und Büsche streiften die Flanken des Wagens. Dann lichtete sich auf einmal links das Unterholz. Zwischen den Bäumen hindurch konnte Doro in einiger Entfernung eine freie Fläche ausmachen. Dort lag die Lichtung, die Frank erwähnt hatte. Zu ihr führte eine Zufahrt von dem Weg aus, auf dem sie gekommen waren.

Pit fuhr einige Meter an der Einmündung vorbei, hielt an, bog vorsichtig in die Abzweigung, schlug in die entgegengesetzte Richtung ein und fuhr rückwärts wieder an.

Geschafft, dachte Doro.

Da sackte das Heck des Wagens plötzlich nach rechts ab. Kathrin schrie auf. Alle streckten die Hände nach einem Halt aus. Pit schaltete hektisch und gab Gas, aber der Passat bewegte sich weder vor noch zurück. Der Motor heulte auf, weil die Antriebsräder keine Bodenhaftung mehr hatten.

Wir sitzen fest, dachte Doro. Oh Gott …

Pit gab seine Bemühungen auf. Er ließ den Wagen im Standgas laufen und stieg aus. Die anderen folgten ihm, und dann standen sie alle ratlos um das Auto herum. Das rechte Hinterrad war in einem Seitengraben gelandet, der unter altem Laub verschüttet und nicht zu erkennen gewesen war.

Kathrin war die Erste, die ihre Sprache wiederfand. »Du hast zu stark eingeschlagen«, sagte sie zu Pit.

»Da hast du recht«, sagte Doro, »da wäre ich jetzt nicht drauf gekommen.«

»Mach mich bloß nicht an!«, erwiderte Kathrin mit schriller Stimme.

»Hört auf damit!« Frank rang die Hände. »Es bringt nichts, wenn wir uns hier anschreien! Lasst uns lieber überlegen, wie wir den Wagen wieder freikriegen.«

»Wir müssen schieben«, sagte Pit. »Es hilft nichts.«

»Ich sitze am Steuer«, sagte Micki.

»Nein, du schiebst auch. Ich fahre.« Kathrin stieß ihren Bruder an. »Und nimm die Knöpfe aus den Ohren, damit man mit dir reden kann.«

Micki gehorchte. Er wickelte die Kopfhörer mit dem Kabel um sein Smartphone und steckte es in die vordere Tasche seiner Shorts.

»Okay«, sagte Pit. »Kathrin, setz dich ans Steuer. Gib nicht zu viel Gas, damit die Räder Grip behalten. Wenn sich der Wagen bewegt, aber nicht freikommt, dann schaukeln wir – vor, zurück, vor, zurück …«

»Ich weiß, wie das geht«, sagte Kathrin. Sie stieg ein, und die anderen verteilten sich am Heck des Wagens. Doro blieb an der Ecke des Autos, die noch auf dem Weg stand. Pit, Frank und Micki versammelten sich an der abgesackten Seite. Dabei trat Micki nichts ahnend auf die Laubschicht, unter der der Graben verborgen lag, sank bis zu den Waden ein und schrie überrascht auf. Schwarzer Schlamm und fauliges Wasser quollen in den Löchern hoch, die er getreten hatte. Pit versank auch, aber mit nur einem Fuß, und Wasser füllt seinen Schuh, ehe er sich erschrocken durch einen Sprung vor Schlimmerem retten konnte. Frank sah, was Micki und Pit geschehen war, und machte rechtzeitig einen großen Schritt über den verdeckten Graben hinweg. Endlich lehnten sich alle gegen das Heck des Passats.

Pit rief: »Jetzt!«

Kathrin gab Gas. Doro, Pit, Frank und Micki schoben mit aller Kraft. Der Motor jaulte auf. Das linke Vorderrad drehte pfeifend durch. Pit gab die Kommandos.

»Nicht so viel Gas! Ja, so …!«

Der Wagen rührte sich nicht.

»Schlag mal ein bisschen ein … nein, nach rechts. Nach rechts! Ja, so. Und jetzt mit weniger Gas … Los!«

Doro, Pit, Frank und Micki warfen sich gegen das Fahrzeug. Der Motor heulte.

»Weniger Gas!«

Der Wagen bewegte sich ein wenig.

»Noch mal!«

Der Motor drehte hoch. Doro, Pit, Frank und Micki stemmten sich gegen das Heck. Der Passat ruckte und saß dann wieder fest.

»Halt … halt! So ist es gut. Er kommt. Gleich noch mal. Auf mein Kommando … Achtung …«

»Moment«, sagte Frank schwer atmend. »Pause. Lass uns erst mal Luft holen.«

»Pause! Mach den Gang raus, Kathrin.«

Doro trat vom Auto zurück und streckte sich. Ihre Arme und Schultern schmerzten von der Anstrengung des Schiebens. Sie untersuchte ihre Sandalen. Würden sie durchhalten, wenn sie ihre Füße noch ein paar Mal mit aller Kraft gegen den Waldweg stemmte? Schon jetzt fühlten sich die dünnen Riemchen lose an, wie durch Belastung gedehnt. Die kann ich wohl wegwerfen, wenn wir hier raus sind, dachte sie.

Ein kühler Luftzug strich durch den stillen Wald. Doro sah alarmiert auf. Obwohl erst halb vier nachmittags, herrschte Dämmerung wie zu Einbruch der Nacht. Wind wisperte in den Baumkronen. Die Brise brachte den Geruch von Regen mit sich. Doro schauderte.

»Pit«, sagte sie, »wir müssen los.«

»Was? Gleich, Doro. Gleich haben wir den Wagen frei. Dann suchen wir den Weg zur Kreisstraße.«

»Wir haben nicht mehr viel Zeit, Pit!«

»Wieso? Wegen dem Wetter?« Pit schaute zweifelnd nach oben in die Baumkronen.

»Wegen dem Unwetter. Da war vorhin eine Unwetterwarnung im Autoradio. Wenn es zu regnen anfängt und der Boden matschig wird, kriegen wir den Wagen auf keinen Fall hier raus!«

»Ja, ich weiß. Du hast recht. Los, schieben wir.«

Alle nahmen wieder ihre Positionen ein.

»Achtung …! Kathrin, nicht so viel Gas … jetzt! Schiebt!«

Doro schob mit all ihrer Kraft. Durch die dünnen Sohlen ihrer Sandalen fühlte sie den Schotter des Waldwegs. Der Motor des Passats dröhnte. Das linke Vorderrad drehte immer noch durch, lief dabei heiß, und die Feuchtigkeit des Waldwegs stieg unter ihm als Dampf auf.

»Halt! Kathrin, schlag mehr nach links ein, sonst kommst du zu nah an … Ja, so. Jetzt noch mal … los!«

Ein Windstoß fuhr durch den Wald. Die Baumkronen begannen zu rauschen.

»Gas!«, rief Pit. »Schiebt!«

Der Wagen bewegte sich ein wenig.

»Noch mal! Gas!«

Kathrin gab Gas. Alle schoben. Der Wagen ruckte hart, und dann rutschte das rechte Vorderrad vom Wegrand ab und ebenfalls in den Graben. Der Passat setzte knirschend auf. Das blockierte Rad kam frei. Es drehte sich nun rasend schnell und schleuderte eine Fontäne von Schlamm und verfaultem Laub zur hinteren Ecke des Fahrzeugs, wo sich Pit, Frank und Micki schiebend abmühten. Als sie der schwarze Dreck traf, sprangen sie erschrocken auseinander. Frank fiel dabei hin und sackte bis zu den Ellenbogen in den Matsch des Grabens.

»Halt! Stopp! Aufhören! Kathrin, hör auf, Gas zu geben!«

Kathrin nahm den Fuß vom Gaspedal.

»Scheiße, wie sehen wir jetzt aus!« Micki musterte sich selbst und die beiden anderen. »Voll versaut.«

»Mein Handy ist weg«, sagte Frank. Auf den Knien hockend tastete er suchend in der schwarzen Brühe herum, aus der er sich gerade erst befreit hatte.

»Komm her und sieh dir an, was du angerichtet hast«, rief Micki Kathrin zu, die aus dem Wagen gestiegen war.

»Aber da kann sie doch nichts dafür«, sagte Pit.

»Wenn sie Auto fahren könnte, wären wir schon längst weg hier«, sagte Micki.

»Was verstehst du denn vom Autofahren?«, sagte Kathrin, »du hast doch gerade mal acht Wochen den Führerschein.«

Micki bückte sich, grub mit beiden Händen einen Batzen verfaulten Laubs aus dem Graben und warf ihn nach seiner Schwester. Sie sprang mit einem empörten Schrei zurück, aber der Wurf traf klatschend ihre Knie und ihren Rocksaum.

»Micki! Spinnst du oder was?«

»Ich hab’s wieder!«, rief Frank, richtete sich auf und hielt das verschlammte Handy hoch.

»Funktioniert es noch?«

»Micki, du bist unmöglich!«

»Hört auf«, sagte Doro. »Hört auf!« Niemand achtete auf sie. Sie stand etwas abseits und blickte nach oben. Das Geräusch des Windes war zu einem mächtigen Brausen angewachsen, und die Baumkronen wiegten sich in langen Wellen. Die Bewegung öffnete das Blätterdach für eine Sekunde, und Doro blickte in einen schwarzen, brodelnden Himmel. »Hört auf!«

Auf dem Boden des Waldes war der Sturm noch nicht angekommen und nur als frischer Wind zu spüren. Er wurde mit jeder Sekunde stärker und kälter.

»Pit«, rief Doro. »Wir müssen raus aus diesem Wald!«

»Aber das können wir nicht«, sagte Kathrin. »Der Wagen sitzt doch fest.«

»Dann eben zu Fuß«, sagte Doro. »Macht, was ihr wollt, aber ich bin weg.« Sie machte Anstalten, ihre Handtasche aus dem Auto zu holen.

Da brach die Hölle los.

Zuerst war es nur ein merkwürdiges Jaulen und Rauschen wie das einer riesigen Turbine.

Es ist so weit, dachte Doro.

Wie eine Lawine aus Luft fuhr der Wind heulend und fauchend in den Wald und riss und zerrte an allem, was ihm im Wege stand. Der kalte Sturm packte Doro wie eine unsichtbare Faust und warf sie hin und her, während sie in Panik darum kämpfte, auf den Beinen zu bleiben. Gleichzeitig prasselte ein Hagel von Blättern, Zweigen und kleinen Ästen auf sie ein, die der rasende Wind von den Bäumen riss. Der Wald schwankte; die Erde schien zu beben. Der Lärm war unbeschreiblich.

Erst nach langen Sekunden des Schreckens und der Verwirrung kam Doros Verstand wieder in Gang. Sie gab ihren Widerstand gegen den wütenden Sturm auf, ging auf Hände und Knie nieder und kroch auf allen vieren zum Wagen. Der spitze Schotter bohrte sich schmerzhaft in ihre Haut. Im Windschatten des Wagens hoffte sie, Deckung zu finden. Dort hockte sie sich hin, lehnte sich an das Sicherheit verheißende Blech und nahm die Arme schützend über den Kopf. Zwischen ihren Ellenbogen hindurch sah sie erst Micki herankriechen und sich neben ihr zusammenkauern und danach Pit. Zusammengeduckt und eingerollt wie Drillinge im Mutterleib drängten sie sich Schutz suchend aneinander. Durch das Brausen und Jaulen des Orkans erklang ein merkwürdiger, lang gezogener Schrei, fast schon ein Gesang, wie ihn Doro noch nie gehört hatte. Obwohl in dem allgemeinen Tumult kaum vernehmbar, erkannte sie instinktiv, dass einer von ihnen wie ein Tier in Todesfurcht schrie. Doro fühlte ihr eigenes Entsetzen wie einen Wurm in ihren Eingeweiden und ihrer Brust wachsen und wusste, dass sie nicht mehr viel länger an sich halten konnte. Gleich würde auch sie schreien, sich in die Hose machen und nass gepisst und kreischend blindlings losrennen, selbst wenn es sie das Leben kostete. Sie presste sich an das Auto und umklammerte mit aller Kraft ihren Kopf mit den Armen, wie um sich am Aufspringen zu hindern. Um sie herum ging die Welt unter.

Das Rauschen des Sturms wuchs zu einem dumpfen Grollen an, und stärker als zuvor fuhr der Wind noch einmal mit voller Wucht in den Wald. Doro spürte, dass der Passat unter dem Druck der Böe erzitterte. Dann hörte sie Holz brechen und splittern.

Doro sprang auf.

Überall fielen abgerissene Äste aus den Baumkronen, dünne und dicke. Der Stamm einer alten Fichte in der Nähe knickte mit einem scharfen Krachen um. Der abgebrochene Baum stürzte und riss andere, kleinere Bäume mit sich. Der ganze Wald schien einzustürzen.

Doro rannte blindlings los.

III

Sobald sie lief, merkte Doro, dass eine schnelle Flucht unmöglich war. Den größten Teil ihrer Kraft brauchte sie, um sich gegen den Wind zu stemmen, überhaupt auf den Beinen zu bleiben und die Richtung zu halten. Schwankend kämpfte sie sich vorwärts, beschirmte mit beiden Händen ihre Augen und ihr Gesicht gegen das Geprassel von Zweigen und Blättern, das in Schauern auf sie niederging, und sprang oder kletterte über abgerissene Äste auf ihrem Weg. Überall um sich herum hörte sie durch das Heulen und Donnern des Orkans Holz brechen und fallende Bäume krachen. Jeden Moment erwartete sie, von einem Ast erschlagen oder einem Baum begraben zu werden.

Was Doro wie eine Ewigkeit vorkam, wie ein hartnäckiger Albtraum, ein Spießrutenlauf in tiefem Wasser oder zähem Schlamm, dauerte in Wirklichkeit kaum eine halbe Minute. Dann erreichte sie den Waldrand, auf den sie instinktiv zugelaufen war. Sie brach wie ein flüchtendes Tier durch das Gebüsch und stolperte auf die Lichtung, die sie schon vom Wagen aus gesehen hatte. Auf der offenen, nur stellenweise mit Buschwerk bewachsenen Fläche tobte der Sturm ohne Hindernis; er ergriff Doro, kaum dass sie zehn Schritte aus dem Wald heraus war, und brachte sie aus dem Gleichgewicht. Sie taumelte und fiel schmerzhaft auf ihren Hintern. Als sie sich umwandte, um wieder aufzustehen, sah sie, dass sie auf einer bröckeligen Asphaltfläche lag. Ehe sie sich darüber wundern konnte, berührte sie jemand an der Schulter. Sie blickte auf. Pit beugte sich zu ihr und rief gegen den Wind: »Bist du in Ordnung?«

»Ja! Wo sind die anderen?«

Pit deutete hinter sich. Kathrin, Frank und Micki kauerten einige Meter entfernt auf dem Asphalt. Sie waren verdreckt und vom Sturm zerrupft; in ihren bleichen Gesichtern zeichnete sich der Schrecken über das gerade Erlebte und Überstandene ab. Fassungslos registrierte Doro, dass Kathrin ihre Dolce & Gabbana-Handtasche mit beiden Händen wie ein Schutzschild an ihre Brust presste. Wie konnte sie in einer offensichtlich lebensgefährlichen Situation an eine Handtasche denken?

»Ist jemand verletzt?« Doro musste schreien, um das Kreischen des Sturms zu übertönen.

»Micki hat sich die Beine aufgeschrammt.«

»Schlimm?«

»Ich weiß nicht.«

Über ihnen knackte brechendes Holz.

»Wir müssen weg von den Bäumen! Hier ist es zu gefährlich, hier können wir nicht sitzen bleiben!«

Kilometerweit entfernt, nur erkennbar am Widerschein an den niedrigen treibenden Wolken, blitzte es. Doro zählte im Geist die Sekunden bis zum Donner. Eins, zwei, drei, vier … Gut, dachte sie, das Gewitter ist weit weg.

Im nächsten Moment begann der Regen. Er trieb waagerecht über die offene Fläche, und der Wind verlieh den Tropfen die Wucht von kleinen Geschossen, die beim Aufprall auf die Haut schmerzten. Doro richtete sich auf, so weit sie konnte. Der Sturm zerrte an ihr. Der Regen prasselte kalt auf sie ein; in Sekunden war ihre Kleidung durchweicht, und das Haar klebte ihr nass am Schädel. In den Regen blinzelnd suchte sie nach Deckung, sah aber zunächst nichts außer den rissigen Asphaltbahnen und zwischen ihnen Inseln mannshohen Gebüschs. Dann entdeckte sie in einiger Entfernung eine Vertiefung im Gelände. Das war besser als gar nichts: Wenn sie dort Schutz suchten, waren sie zwar immer noch dem Regen ausgesetzt, aber der Wind würde sie nicht mehr so direkt treffen. Doro winkte den anderen und machte sich gegen den Sturm gebeugt auf den Weg.

Die Vertiefung war ein von Menschenhand angelegter Teich, etwa zehn Meter im Quadrat und mit regelmäßigen, um die zwei Meter hohen Uferwänden. Er war fast trocken gefallen, nur auf seinem Grund stand noch Wasser, und darin wuchsen Schilf und Rohrkolben. Doro lief am Rand des Teichs entlang und suchte einen Teil der Böschung, der nicht zu stark bewachsen war, um nicht im dichten nassen Gras sitzen zu müssen. An einer Stelle war der Bewuchs nur locker, und sie wollte schon den kurzen Abhang hinabsteigen, als sie zwischen Röhricht und Algen im Wasser Blechkanister entdeckte. Erst einen, dann einen zweiten, und dann glaubte sie, tiefer im Schilf noch andere zu sehen. Unter der aufgepeitschten Wasseroberfläche und zwischen den Pflanzen war nicht viel von ihnen zu erkennen, und die, die sie genauer sah, waren fast vollständig verrostet. Nur an ein paar kleinen Stellen sah man ihnen noch an, dass sie einmal gelb gewesen waren. Die Entdeckung irritierte Doro. Seit sie denken konnte, gab es Entsorgungs- und Wiederverwertungsregeln für alles und jeden, für private Haushalte, Firmen und öffentliche Einrichtungen, und beruflich musste sie sich sowieso an strenge Vorschriften halten; deshalb kamen ihr Blechkanister in einem Teich im Wald nicht normal vor. Schweinerei! In Blechbehältern wurden gewöhnlich Farben und Lösungsmittel transportiert, daher hielt Doro Ausschau nach einem Ölfilm auf dem Wasser, aber sie konnte nichts erkennen. Trotzdem wollte sie nicht mit Blick auf die seltsamen Kanister sitzen. Sie lief weiter und fand an einer Ecke des Teichs eine andere Stelle, die ihr annehmbar erschien. Sie ging in die Hocke und rutschte auf ihren Absätzen vorsichtig bis zur Mitte der Böschung hinab. Tatsache oder Einbildung, dort unten schien die Gewalt des Windes geringer als oben auf den Asphaltflächen. Sie wandte dem Sturm den Rücken zu, schlang die Arme um ihre Knie und machte sich so klein wie möglich. Dann kamen auch die anderen nacheinander vorsichtig die Böschung heruntergerutscht und nahmen dieselbe Haltung ein wie Doro. Instinktiv rückten sie zusammen, wie Menschen es seit Zehntausenden Jahren tun, wenn die Natur sich gegen sie wendet. Pit und Frank kauerten mit den Unterarmen auf den Knien und gesenkten Köpfen; Kathrin umarmte sitzend ihre Handtasche. Alle sahen unter sich; keiner schien den Mut zu haben, in das Inferno aus wogenden Bäumen und splitterndem Holz, dem sie gerade entkommen waren, zurückzublicken.

Nach einer Weile begann Micki, die Abschürfungen an seinen Knien und Schienbeinen zu befingern. Die Wunden waren oberflächlich und sahen ungefährlich aus, aber Mickis Beine und Hände waren trotz des strömenden Regens immer noch ein wenig schmutzig vom Schlamm des Grabens.

Doro langte zu ihm hinüber und hielt seine Hand fest. »Spiel nicht daran herum«, rief sie in den Wind, »sonst entzündet sich das.«

Micki schien sie nicht zu verstehen. Er lächelte kurz und geistesabwesend, befreite seine Hand aus ihrem Griff. Doro machte keinen zweiten Versuch, ihn zu belehren.

Nach einer Weile begann Kathrin zu sprechen. »… ich friere … ich dachte, wir kommen an eine Straße.« Sie klang empört.

»Die Straße ist woanders«, sagte Pit mit erhobener Stimme, um im Wind hörbar zu sein.

»Hier ist doch asphaltiert.«

Frank mischte sich ein. »Das ist vielleicht eine ehemalige Anlage der Amerikaner«, sagte er. »Oder aus dem Zweiten Weltkrieg. Hier verlief mal der Westwall. Der Teich hier war bestimmt ein Löschteich.«

»Dann muss es hier auch eine Straße geben«, sagte Kathrin.

»Wir müssen warten«, sagte Doro, »bis der Sturm nachlässt.«

Niemand achtete auf sie, und sie bedauerte wieder einmal, dass sie den Mund aufgemacht hatte. Hättest du Pit vorhin fahren gelassen, Kathrin, dachte sie, dann säßen wir jetzt nicht hier, sondern … na ja, wir säßen um Franks Großmutter herum und würden Käsekuchen essen. Ach, wäre ich doch bloß zu Hause geblieben.

Kathrin kramte in ihrer Handtasche. Das teure Teil wies große Wasserflecke auf. Sie fand ihr Telefon, wandte sich vom Regen weg und bedeckte das Ohr, das sie nicht brauchte, mit der Hand.

»Wen rufst du an?«, fragte Frank.

»Was?«

»Wen du an-rufst …!«

Auch Micki schien zu telefonieren. Er beugte sich tief über sein Smartphone, um es vor dem Regen zu schützen.

»Papa … Halloo?« Das war Kathrin. »Papa … Ja, ich bin’s … Nein, alles in Ordnung, nein, uns ist nichts … Ja, Micki ist bei mir … hallo? Hallo?« Die Verbindung brach ab. »Der Empfang ist eine Katastrophe!«, rief sie aufgebracht.

Frank wandte sich an Pit. »Gib mir mal dein Telefon. Meins hat im Schlamm den Geist aufgegeben.«

Er wählte. »Mama … Mama …! Ja, ja … Mama, hör mal, wir … Ja … nein, hör mal, wir sitzen fest, nein, kein Unfall, es geht uns … Ja, Kathrin und Micki sind bei mir, nein kein Unfall, hör mir doch mal zu, bitte, wir sind liegen geblieben, im Bienwald … im Bienwald … was? Nein, wir können kein Taxi … wir … Hörst du mich noch? Ich rufe nur an, damit ihr … Nein, ihr könnt uns nicht abholen … Nein, nein, Mama, lass mich doch bitte ausreden … Nein, ich will jetzt nicht mit Oma sprechen … Mama, bitte, hör’ mir doch mal zu …« Eine Weile schwieg Frank, das Telefon am Ohr. Dann rief er: »Ich rufe später noch mal an. Grüß Oma von mir. Ja … ja … bis dann.«

Doro sah an Pit vorbei, wie Frank das Telefon zurückgab und die Arme wieder um die Knie schlang. Wie er da kauerte, mit eingerollten Schultern, und unter sich sah, fühlte Doro so etwas wie Mitleid mit ihm, aber nicht nur das … Es war nicht, dass er erbärmlich aussah, verfroren, schmutzig, Haare und Kleidung nass und angeklatscht, so sahen sie jetzt alle aus, außer Kathrin – Kathrin, dachte Doro, sieht immer noch aus wie ein Model, das gerade in Beverly Hills in einen Swimmingpool geschubst worden ist. Frank wirkte wie ein hilfloser Junge. Doro hatte das Jungenhafte, Halbwüchsige an ihm immer gemocht, auch wenn ihm der Übermut und die Verwegenheit, die kleine Bengel an sich haben, fehlten. Wie er jetzt im Regen hockte, irgendwie eingeschnappt (warum eigentlich?), spürte Doro so etwas wie Abneigung gegen ihn. Einen Moment lang hatte sie ein schlechtes Gewissen: Frank und sie waren ein Paar, und eigentlich sollte sie ihm beistehen – nur wobei? Dabei, dass er der Anerkennung und dem Wohlwollen von Mutter und Großmutter hinterherdackelte? Hier im Wald, in Sturm, Regen und Kälte, abgeschnitten von der Außenwelt, für Stunden – vielleicht bis morgen früh, wäre sie lieber mit einem Typen zusammen, der nicht mit seiner Mama telefonierte, sondern sie in den Arm nahm und sagte: Doro Brandner, mach dir keine Sorgen, wir kommen hier wieder heil und gesund raus. Hier hast du meine Jacke, damit du bis dahin nicht frierst. Ja, eine Jacke würde er dabeihaben. Selbst über eine stinkende, alte Lederjacke würde sich Doro freuen. Die Idee mit der Jacke gefiel ihr. Ihr war kalt.

Pit holte sie aus ihren Gedanken. Er beugte sich zu ihr und sagte: »Kriegst du keine Verbindung?«

»Mein Telefon ist im Auto.«

»Du kannst meins haben.«

»Ich will nicht telefonieren«, sagte Doro. »Wozu?«

»Damit deine Leute wissen, dass es dir gut geht.«

»Es geht mir nicht gut«, sagte Doro. »Ich bin nass, und mir ist kalt, und ich kann hier nicht weg. Wenn ich meine Eltern oder meine Brüder anrufe, machen die sich nur Sorgen und können doch nichts tun.«

Pit sagte: »Tut mir leid.«

»Es muss dir nichts leidtun. Du kannst ja nichts dafür.«

»Ich hätte richtig abbiegen sollen.«

Du hättest nicht auf Kathrin hören sollen, dachte Doro, aber nun ist es zu spät.

»Papa?«

Doro fuhr zusammen. Kathrin telefonierte wieder. »Ich bin’s noch mal. Hörst du mich? Ja, ich weiß, dass die Verbindung … Hallo? Weil wir … Im Bienwald … Das ist doch jetzt nicht wichtig. Wir sind mit dem Wagen liegen geblieben … Nein, nichts passiert, nein … Ja, Micki ist bei mir … bist du noch da? Micki ist bei mir, hörst du …? Nichts passiert. Nur unser Wagen … Nein, nicht der TT, es ist Pits … Der ADAC …? Hallo? Halloo? Oh, Scheibe …!« Kathrin sagte nie Scheiße. Sie nahm ihr Telefon vom Ohr, starrte auf das Display und rief: »Warum haben wir denn hier keinen Empfang, wir sind doch nur einen Kilometer vom nächsten Ort entfernt? Micki, gib mir mal deins.«

»Ich kriege kein Netz.«

»Weil du bei so einem Billiganbieter bist! Pit …?«

»Willst du wirklich den ADAC anrufen?«

»Aber … was sollen wir denn machen?«

»Wir müssen warten«, sagte Doro. »Telefonieren bringt nichts, und der ADAC holt uns hier nicht raus. Wenn der Sturm so weit nachlässt, dass er keine Bäume mehr umwirft und keine Äste mehr abreißt, dann laufen wir zur Straße.«

»Aber …«

Doro hörte nicht mehr, was Kathrin einzuwenden hatte. Sie machte die Augen zu, ließ den Kopf hängen und bemühte sich, Nässe, Kälte und den Wind zu ignorieren, der sie immer wieder schob und an ihr zog, ihr die nassen Haare ins Gesicht wehte, wo sie kleben blieben. Die schrecklichen Minuten im Wald, als der Sturm über sie hergefallen war, wirkten noch immer in ihr nach. Vor ihrem inneren Auge flackerten wirre Bilder, undeutliche Momentaufnahmen von stürzenden Bäumen und abgerissenen Ästen, die ihr auf ihrer panischen Flucht den Weg versperrten. Doro öffnete nicht die Augen und versuchte auch nicht, ihrer Erinnerung auszuweichen. Stattdessen beruhigte und tröstete sie sich, wie sie es von einer älteren Kollegin einmal beigebracht bekommen hatte: Es ist vorbei, sagte sie sich, es ist alles gut, mir ist nichts geschehen. Ich bin in Sicherheit. Weißt du, was ein Mantra ist?, hatte die Kollegin gesagt. Nein, kein Auto. Damit beschwörst du dich selbst. Alles-ist-gut-mir-wird-nichts-geschehen. Das musst du immer wiederholen, und dabei ruhig atmen, dann wirkt es besser als eine Tablette. Denk immer daran, dass du jung bist. Wenn man jung ist, ist man unzerstörbar und alles, was einem an Körper und Seele zustößt, das heilt auch wieder.

Alles-ist-gut-mir-wird-nichts-geschehen …

So gelang es ihr allmählich, den inneren Bildern ein wenig von ihrem Schrecken zu nehmen. Ich habe es überstanden, dachte sie. In ein paar Tagen werden mir die chaotischen Minuten in dem einstürzenden Wald wie ein schlechter Traum vorkommen, und irgendwann werde ich meinen Kindern von diesem Abenteuer erzählen, bei dem ich mit einer Erkältung oder einer harmlosen Unterkühlung davongekommen bin.

Bei diesem Gedanken kehrte ihre Außenwahrnehmung zurück. Oh Gott, ist mir kalt, dachte sie. Immer noch mit geschlossenen Augen spürte sie dem Regenwasser nach, das sie unaufhörlich als Trommelfeuer harter Tropfen attackierte, ihr aus den Haaren und über den Rücken in den Hosenbund rann, über die Schultern und Schlüsselbeine in den BH. Sie begann zu zittern. Wir müssen raus aus diesem Wald, dachte sie. Wann wird der Sturm so weit nachlassen, dass wir loslaufen können? In einer Stunde? In zwei? Morgen früh? Doro öffnete die Augen und sah auf die Uhr.

Es war Viertel vor vier.

Sie hob den Blick und sah Micki, Frank und Pit einige Meter entfernt am Rand des Teiches kauern. Micki tauchte seine Sneakers ein, schwenkte sie und leerte sie wieder aus. Dann schöpfte er mit den Händen Wasser und rieb und spülte den schwarzen Schlamm des Waldgrabens von seinen Beinen. Frank neben ihm wusch seine Arme. Auch Pit hatte die Hände im Wasser. Doro fielen die Kanister ein, die nicht weit entfernt im Schilf rosteten. Gelb, eine der Warnfarben der Natur. Gelb wie ein Warnschild.

Was, wenn …

Ihr Herz begann, schneller und heftiger zu schlagen. Sie reckte sich und rief in den Sturm: »Bleibt vom Wasser weg! Da ist vielleicht was drin!«

Frank rief über die Schulter: »Was?«

Micki rief: »Das Wasser ist wärmer als der Regen.«

Sie hatten sie nicht verstanden. Doro rief: »Es – ist – vielleicht – gefährlich!«

Kathrin sagte: »Du spinnst doch.«

Doro wollte antworten, aber ihr fiel nichts Passendes ein. Was sollte sie auch sagen? Sie hatte nur ein paar alte Blechkanister gesehen, nichts weiter, und daraus eine Befürchtung abgeleitet – aber vielleicht oder sogar wahrscheinlich fantasierte sie sich bloß irgendwas zusammen. Kathrin rutschte vorsichtig die Böschung hinunter bis zum Rand des Wassers und begann, sich die Beine an den Stellen abzuspülen, wo Micki sie mit Schlamm beworfen hatte.

Doro blieb auf der Böschung zurück. Ich muss aufhören, dachte sie, mich überall verantwortlich zu fühlen und einzumischen. Niemand verlangt das von mir. Und wenn ich den Mund aufmache, hört ja doch keiner hin. Wieder ließ sie den Kopf hängen, schloss die Augen und versuchte, an etwas zu denken, das sie von der Kälte ablenken würde. Es gelang ihr nicht. Sie hörte nicht auf zu zittern. Ihre Zähne begannen zu klappern. Nach ein paar Minuten hielt sie es nicht mehr aus. Bewegung, hoffte sie, würde sie aufwärmen oder wenigstens die Kälte besser ertragen lassen.

Doro kroch die Böschung hinauf, blickte vorsichtig über den Rand, kniff die Lider gegen den Regen zusammen und richtete sich auf. Wieder packte sie der Wind mit Wucht, und sie musste kleine Tanzschritte machen, bis sie ihr Gleichgewicht halten konnte. Bewegung … Doro schlang die Arme um den Oberkörper und lief los, mit gesenktem Kopf und eingerollten Schultern. Auf der quadratischen Lichtung mit vielleicht hundert Metern Seitenlänge beschrieben die rissigen, löchrigen Asphaltbahnen ein großes H. Dazwischen wuchs Gebüsch. Überwuchert von Brombeeren, Salweiden und Birkenschösslingen konnte Doro die verwitterten Reste von Fundamenten oder Bauwerksockeln erkennen, während sie das Asphalt-H ablief, angestrengt gegen den Wind tapsend, tänzelnd und balancierend. Wenn sie dem Sturm den Rücken zuwandte, wurde ihr nicht viel wärmer, aber der Fußmarsch lenkte sie von Kälte und Nässe ab. Es kam ihr vor, als habe der Wind etwas an Kraft verloren. Zwar brauste er noch immer wild durch Baumkronen und ließ Stämme ächzen und knarren – beklemmende, eigentümlich lebendige Klänge, wie Doro sie noch nie gehört hatte – aber das Knirschen und Knacken von brechenden Ästen und das Krachen und Splittern von berstenden Stämmen war nicht mehr zu hören. Das machte Doro Hoffnung. Wenn ich mich nicht irre, überlegte sie, und wenn ich mir die Lage jetzt nicht schön fantasiere … dann heißt das, dass sich das Zentrum des Sturms schnell bewegt und wir bald aus dem Bereich des stärksten Windes raus sind. Dann haben wir mit ein bisschen Glück und Umsicht auch bald diesen Wald hinter uns. Na, das ist doch mal was.

Die Zuversicht wärmte besser als eine dicke Jacke: Auf einmal kamen Doro Nässe und Kälte fast erträglich vor. Fast …

IV

Doro lief etwa zehn Minuten lang in Sturm und Regen auf den verwitterten Asphaltflächen zwischen den Gebüschinseln immer wieder von einem Ende der Lichtung zum anderen. Richtig warm wurde ihr davon nicht, aber es lenkte sie ab. Es verschaffte ihr das Gefühl, etwas zu tun, sich der wütenden Natur zu widersetzen, statt verschüchtert und zähneklappernd in einem Erdloch zu kauern. Dann tauchte auf einmal Frank auf und winkte ihr. Als sie beisammenstanden, die Köpfe eingezogen und mit dem Rücken zum Wind, sah Doro, dass er von der Kälte blaue Lippen hatte. Beim Sprechen bebte sein Unterkiefer.

»Komm m-mal«, sagte er. »Micki hat irgendw-was. Kannst du mal nach ihm sehen?«

»Wie? Was hat er denn?«

»Komm und sieh ihn dir an.«

Doro ahnte, dass sie gleich schlechte Neuigkeiten erfahren würde. Sie spürte das bisschen Zuversicht schwinden, das sie sich mit ihrer Spekulation über ein Nachlassen des Sturms eingeredet hatte. Beklommen folgte sie Frank.

Micki lag auf dem Rücken im nassen Gras am Fuß der Böschung, die Beine bis zu den Knien im Wasser des Teichs. Pit und Kathrin knieten neben ihm. Doro erschrak. Schon von Weitem erkannte sie, dass Micki sich nicht bewusst war, was er tat; niemand bei klarem Verstand legt sich mit dem Gesicht in den Regen. Als Doro bei ihm ankam, sah sie, dass er blass war und flach und rasch atmete.

»Auf einmal hat er die Augen verdreht und sich hingelegt«, sagte Pit hilflos.

»Micki …?«, sagte Doro und kniete sich neben den Jungen.

»Er ist nicht ansprechbar«, sagte Pit.

Doro fasste Micki am Arm und sagte: »Micki, hörst du mich?«

Micki rollte die Augen hinter halb gesenkten Lidern. Seine Lippen öffneten und bewegten sich ein wenig. Sie nahm seine Hand in ihre und fühlte dabei automatisch den Puls am Handgelenk. Viel zu schnell. Und viel zu flach. Mickis Hand fühlte sich heiß an. Sie berührte seine Stirn, die regelrecht glühte.

»Was sagt er?«, fragte Kathrin.

»Nichts.«

Frank, Pit und Kathrin sahen Doro erwartungsvoll an. Doro blickte von einem zum anderen, in verfrorene Gesichter, über die das Regenwasser aus angeklatschten Haaren lief. Kathrin sah wie immer am besten aus. Sie hatte ihr nasses Haar glatt über den Kopf zurückgestrichen, und es umrahmte ihr Gesicht wie flüssiges Gold. Ihr Lippenstift verdeckte ihre blauen Lippen, falls sie welche hatte. Ihre durchweichte Bluse ließ ihren Spitzen-BH durchscheinen.

»Was ist mit ihm?«

»Er hat Fieber«, sagte Doro. »Wie es aussieht, ziemlich hoch. Irgendeine Infektion, Grippe … Etwas, das in ihm geschlummert hat und wegen dem Stress der letzten Stunde durchgebrochen ist … Ich weiß es nicht genau.«

»Ich denke, du kennst dich aus«, sagte Kathrin. »Du bist doch Krankenschwester.«

Doro schwieg.

»Und was machen wir mit ihm?«

Doros professioneller Verstand erwachte. Etwas zu tun, war ihr Beruf, und ›Was machen wir?‹, war eine Frage, auf die sie eine Antwort hatte. »Okay«, sagte sie entschlossen. »Mit dem Fieber kann er nicht hier liegen bleiben. Erst mal muss er raus aus dem nassen Gras und dem Wasser. Pit, Frank, zieht ihn hoch auf den Asphalt.«

Die beiden machten sich, ohne zu zögern, an die Arbeit.

Doro sagte: »Kathrin – steh nicht im Weg.«

Kathrin trat tatsächlich zurück.

Schwer atmend von der Anstrengung schleppten Pit und Frank den teilnahmslosen Micki die Böschung hoch. Als er zusammengesunken auf dem Asphalt saß, die Augen geschlossen, sagte Doro: »Wir müssen ihn wärmen und warm halten. Pit, du hast doch bestimmt eine Rettungsdecke im Wagen.«

Pit schaute zum Waldrand, wo der Wind Baumkronen peitschte und Baumstämme unter seiner Wucht schwankten. »Die können wir jetzt nicht holen«, sagte er. »Das ist zu gefährlich.«

»Ich war am Waldrand«, sagte Doro. »Der Wind reißt keine großen Äste mehr ab und wirft auch keine Bäume mehr um. Zum Auto hin und zurück, das sind nur fünfzig Meter oder so durch den Wald …«

»Es ist zu gefährlich«, wiederholte Pit.

Doro sagte: »Frank?«

Frank hob abwehrend die Hände. »Auf keinen Fall!«

»Du brauchst doch nur eine Minute!«

Frank schüttelte den Kopf.

»Wenn ihr euch nicht traut, dann gehe ich halt selbst«, sagte Doro. »Wie finde ich die verdammte Decke?«

Pit beschrieb, wo er in seinem Passat den Erste-Hilfe-Kasten verstaut hatte.

»Hast du vielleicht auch Aspirin im Auto – irgendwas Fiebersenkendes?«

»Hast du immer noch Kopfschmerzen?«, fragte Frank.

»Herrgott, nein, die sind doch nicht für mich! Pit …?«

»Nein.«

»Willst du wirklich wieder in den …?«, fragte Frank.

»Nein«, sagte Doro. Sie konnte jetzt keine Entmutigung brauchen. »Nein«, wiederholte sie, »will ich nicht. Ich will nach Hause in ein heißes Bad. Und ich kann dir noch hundert andere Dinge nennen, die ich gerade lieber machen würde, aber was ich will, ist egal, denn im Moment ist nur wichtig, dass Micki versorgt wird.«

»Lasst sie doch gehen«, sagte Kathrin. »Wenn sie halt will.«

In diesem Moment sah Micki auf und lächelte Doro an, seine Mädchenaugen strahlten glasig. Doro, die geglaubt hatte, dass er weggetreten war, starrte entgeistert zurück. Es war ein seltsames Lächeln, so bedrückt. So eines, das man lächelt, kurz bevor man in Tränen ausbricht. Zugleich war es zutiefst vertrauensvoll und traf Doro buchstäblich ins Herz: Als sich ihre Blicke begegneten, fühlte sie plötzlich ein Gewicht in ihrer Brust. Sie ging vor Micki in die Hocke und nahm seine Hand.

»Ich hole dir die Rettungsdecke, Micki, die wird dich warm halten. Ich bin gleich wieder bei dir, hörst du?«

Micki schien Doro nicht zu verstehen. Sein Lächeln wich einem fragenden Gesichtsausdruck. Mit fiebrigem Blick sah er ihr nach, als sie sich aufrichtete und ohne ein weiteres Wort loslief.

Auf dem Weg zum Wald sank Doros Mut. Die Bäume vor ihr ragten turmhoch auf, das Brausen in den Baumkronen wurde immer lauter, und als sie nahe genug war, hörte sie auch das Knarren und Knirschen von Stämmen und Ästen unter der Wucht des Windes. Die Angst vor der Naturgewalt, wegen der sie kaum eine Stunde zuvor in heller Panik aus dem Wald geflohen war, kehrte zurück und drohte, sie zu überwältigen und zu lähmen. Sie musste sich zwingen, einen Fuß vor den anderen zu setzen, immer weiter. Bei jedem Schritt fürchtete sie, dass sie den nächsten nicht wagen würde, doch das Bewusstsein, dass Pit, Frank und Kathrin ihr nachsahen und der kranke Micki auf sie wartete, trieb sie voran.

Sie erreichte den Waldrand. Über ihr schwankten die Bäume; vor ihr war es düster. Aus Angst, doch noch anzuhalten und umzukehren, nahm sie einen Anlauf, schrie und sprang durch eine Lücke im Gebüsch in die Dämmerung unter dem Blätterdach. Einige Meter weit rannte sie, fast ohne etwas zu sehen. Dann verfing sie sich in einem Hindernis. Jetzt hatten sich ihre Augen halbwegs an das schummrige Licht gewöhnt.

Der Waldboden war ein Trümmerfeld. Doro musste sich durch ein Gewirr von abgerissenen Ästen kämpfen und über gestürzte Stämme klettern. Während sie sich einen Weg suchte, blickte sie immer wieder nach oben. Hoch über sich sah sie abgerissene Äste, die sich irgendwo verfangen hatten und die, so fürchtete sie, jeden Moment herunterkommen würden. Und es gab entwurzelte Bäume, die in den Kronen ihrer Nachbarn festhingen und immer noch umfallen konnten.

Wo war das Auto?

Doro hielt an, die Nerven zum Zerreißen gespannt, bereit loszurennen, wenn über ihr oder in ihrer Nähe etwas krachte oder sich bewegte.

War der Passat unter Zweigen oder einem umgestürzten Baum begraben?

Sie zwang sich zur Ruhe und suchte die Dämmerung nach Pits Wagen ab. Um sie herum seufzte, ächzte und bewegte sich der Wald wie ein riesiges, schwer atmendes Tier. Der Regen rauschte im Blätterdach. Der Wind zwischen den Bäumen blies unregelmäßig und aus überraschend wechselnden Richtungen. Wenn er für die nächste fauchende Böe sekundenlang Atem holte, knackte, tropfte und raschelte es überall.

Das Auto …

Hatte sie sich verlaufen?

Oh mein Gott, dachte Doro, ich habe mich verirrt.

Ich finde den Wagen nicht.

Ich finde nicht mehr aus dem Wald raus.

Ein entwurzelter Baum wird mich erschlagen. Oder ein abgerissener Ast.

Ich …

Dann sah sie den Passat. Er stand, wie sie ihn verlassen hatten, keine zehn Meter von ihr entfernt, und war seltsamerweise völlig unbeschädigt. Sie war zu nervös gewesen, um ihn wahrzunehmen.