Kinder des Watts - Martina Bauer - E-Book
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Kinder des Watts E-Book

Martina Bauer

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Beschreibung

Wenn das Paradies zum blutigen Alptraum wird ... Ein Motorboot durchpflügt die nächtliche See. Den Bug ziert eine schreckliche Galionsfigur. Es ist die Leiche einer jungen Frau! Nordseeküste, Neuharlingersiel/Ostfriesland. Im beschaulichen Neuharlingersiel scheint die Welt in Ordnung – bis die junge Ärztin Ylvie Martens auf eine mysteriöse Gemeinschaft stößt. Der idyllische Eindruck, den die bei Sonnenuntergang barfuß am Strand tanzenden Kinder des Watts erwecken, weicht bald einer dumpfen Angst. Bei einem Notfalleinsatz gerät Ylvie in das Zentrum der Sekte und verstrickt sich in ihrem gefährlichen Netz aus Lügen, Macht und Ohnmacht. Als ihre Freundin spurlos verschwindet, stößt Ylvie bei der Suche nach ihr immer wieder auf die Kinder des Watts und ihre bizarren Rituale. Doch sie muss feststellen, dass nichts so ist, wie es scheint. Mit jeder Antwort, die sie findet, tauchen neue, erschreckende Fragen auf – und jemand aus den Reihen der Gemeinschaft wird alles tun, um ihre Ermittlungen zu verhindern. In einem Wettlauf gegen die Zeit deckt Ylvie dunkle Geheimnisse auf. Wird sie es schaffen, die Wahrheit zu finden, ohne zum Opfer der Sekte zu werden? Mörderisch gut: Kinder des Watts - Der neue Küstenkrimi von Martina Bauer!

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Kinder

des

Watts

Ein Küstenkrimi von Martina Bauer

Alle Rechte liegen bei der Autorin Martina Bauer

Copyright:

© 2025 Martina Bauer www.martinabauer.jimdo.com

Impressum:

Martina Bauer

Guttenbergstr. 1

76889 Schweigen-Rechtenbach

Covergestaltung:

Jacqueline Spieweg, FarbRaum4 (http://www.jspieweg.de/)

Coverfoto:

Old Abandoned Church at Sunset (www.shutterstock.com)

Lektorat: Christine Giegerich

(www.lektorat-giegerich.de)

Über die Autorin

Schon als Kind liebte Martina Bauer gruselige und packende Geschichten und schlich sich heimlich ins Wohnzimmer oder ließ sich ins Kino schmuggeln, um sich spannende Filme anzusehen. Heute schreibt sie mit Erfolg Thriller, Krimis und Horrorgeschichten. Mit ihrem Mann und ihrem Sohn lebt sie an der Südlichen Weinstraße und arbeitet als Fachkrankenschwester für Intensivpflege und Anästhesie.

Alle Personen im nachfolgenden Text sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. 

1

Sie ging abends nicht mehr gerne zum Hafen, aber er hatte gesagt, es sei wichtig. Dort wollten sie sich mit den anderen zu einer Besprechung treffen. Abzusagen konnte sie sich nicht leisten, das würde auffallen, er wirkte sowieso schon misstrauisch in letzter Zeit.

Und sie war ja schon die ganze Zeit gespannt auf sein neues Motorboot. Sie stellte sich vor, wie sie mit einem Glas Bier in der Hand das Schaukeln der Wellen genoss, während er berichtete, was ihm auf dem Herzen lag.

Vielleicht konnte sie ihn überreden, sie irgendwann einmal zu einer Bootstour mitzunehmen. Heute war es dafür schon zu spät, aber im Frühjahr oder Sommer vielleicht, wenn die Sonne verführerisch auf den Wellen glitzerte, und ihr blasser Teint auf dem Sonnendeck sanft bräunen konnte. Viel zu selten unternahm sie solche Dinge, einfach mal die Seele baumeln lassen und das Leben genießen. Immer lebte sie für die Arbeit, und in ihrer knapp bemessenen Freizeit war sie hauptsächlich für die anderen da. Einen einzelnen Ausflug sollte er ihr doch gönnen.

Und das tat er, nur anders, als sie es sich vorgestellt hatte. Ganz anders.

Sie würde die Luftnot, die Qualen nicht mehr lange ertragen. Wann hörte er damit auf? Wann ließ er sie endlich in Ruhe? Jede Möglichkeit hatte er ihr genommen, auf ihre Misere aufmerksam zu machen, und sie ahnte langsam, dass sie dieses Martyrium wahrscheinlich nicht überlebte.

Anfangs hatte sie sich gefragt, was in seinem Kopf vorging, als er das Boot durch die nächtliche Nordsee lenkte, mit ihr als Galionsfigur. Ob es ihm selbst wehtat, wie einem strengen Vater, der glaubte, sein unartiges Kind für ein kleines Vergehen bestrafen zu müssen? Oder genoss er ihr Elend, mit einer sadistischen Ader, die ihr bislang verborgen geblieben war?

Mittlerweile hatte sie nicht mehr die Kraft, darüber nachzudenken. Alles drehte sich ums Überleben. Sie konnte nicht mehr, war kurz davor, sich aufzugeben, doch ihr Körper schaffte es immer noch, irgendwelche Reserven zu mobilisieren. Reserven, von denen sie gar nicht gewusst hatte, dass es sie gab. Reserven, die ihr Leiden verlängerten.

Die straff gespannten Seile schnitten nicht nur die Blutzufuhr zu ihren Händen ab, sondern zwängten ihren Körper in eine unnatürliche und extrem schmerzhafte Haltung. Ihre Arme wurden gewaltsam nach hinten gezerrt.

Sie wusste, dass man früher eine ähnliche Art der Fesselung angewendet hatte, um Geständnisse aus vermeintlichen Hexen herauszupressen. Der Inquisitor band ihnen die Arme hinter dem Rücken zusammen und zog sie über eine Winde nach oben. Dann ließ er sie in ihr eigenes Gewicht zurückstürzen, bis die Schultergelenke auskugelten, die Bänder und Sehnen rissen und der Schmerz alles auslöschte.

Sein Helfer wartete schon, um sie zu überwältigen, als sie, nichts Böses ahnend, den Kai betrat. Zu zweit hatten sie sie am Bug des Bootes festgezurrt. Wie durch einen Schleier kam die Erinnerung an ihre Stimmen. Wohlüberlegt, fast kunstvoll hatten sie die Seile am Rumpf angebracht. Voller Angst hatte sie den Stimmen gelauscht. »Fester!«, hatte einer von ihnen gesagt, als sie schon vor Schmerzen aufschrie. Sie hatten in einem entspannten Tonfall miteinander geredet, als diskutierten sie, wie man ein Huhn nach dem Schlachten richtig zerlegte. Als wäre ihr Leben für sie … nichts.

Anfangs hatte sie gedacht, sie müsste in dieser Position hängen bleiben, bis die Sonne aufging, bis die ersten Fischer zu ihren Booten kamen und sie dort fanden. Sie hatte sich gefragt, wie sie die Stunden, die Minuten, die Sekunden durchhalten sollte. Sie keuchte, hustete, nässte sich ein vor Schmerz.

Doch dann machten die beiden das Boot los. Sie verabschiedeten sich voneinander. Der eine verschwand pfeifend in der Dunkelheit, als wäre es ein ganz normaler Abend mit einem Freund gewesen, und der andere fuhr mit ihr hinaus aufs Meer.

Mit Vollgas durchpflügte das Boot die nächtliche See. Abwechselnd wurde sie, je nach Wellengang, aus dem Wasser gehoben und unter die Wasseroberfläche gedrückt. Der Druck des eiskalten Wassers umhüllte sie, sie verlor jegliche Orientierung, konnte oben und unten kaum noch unterscheiden. Sie kam wieder hoch. Beim Luftholen drangen Gischt und salziger Sprühnebel in ihre Atemwege. Sie hustete, prustete, keuchte, japste. Und auf einmal bekam sie gar keine Luft mehr. Die Stimmritze verkrampfte, versuchte die Lunge vor dem eindringenden Wasser zu schützen. Als ihr die Sinne schwanden, wurde das Boot langsamer. Als ahnte er, dass es gleich mit ihr zu Ende ging. Doch er wartete nur ein Weilchen ab, ein Weilchen, in dem sie es schließlich schaffte, das verschluckte Wasser auszuhusten und stattdessen den Brustkorb mit Atemluft zu füllen. Dann gab er wieder Gas. Verzweifelt streckte sie sich, machte sich lang, versuchte sich so groß wie möglich zu machen, um den Kopf besser oben halten zu können, doch das verstärkte den grausamen Schmerz in ihren Armen noch. Um sie herum sprudelte und tobte das Wasser, wie eine Meute, die sich am Blutgeruch der sterbenden Beute erfreute.

Wie bei einer Stoffpuppe wurde ihr Kopf hin und her, auf und ab geschleudert. Durch die Wucht schlug ihr Hinterkopf immer wieder gegen den Bootsrumpf. In der Ferne sah sie im Licht der Scheinwerfer etwas auf der Wasseroberfläche treiben, ein Stück Treibholz vielleicht, er hielt voll darauf zu. Es traf sie mit einer Wucht im Gesicht, dass sie dachte, ihr Schädel müsste vom Rumpf gerissen werden. Und dann schmeckte sie Blut. Sie war an der Wasseroberfläche, aber sie konnte nicht atmen, weil Mund und Nase voller Blut waren.

Das Boot schoss weiter voran, unbarmherzig und ohne Rücksicht auf ihr Schicksal. Die Schreie des Windes mischten sich mit dem Geräusch der Wellen. Sie war ein Spielball der Elemente, hilflos und verloren.

Die Gedanken verschwammen, wurden zu einem Einheitsbrei. In den wenigen klaren Momenten, die ihr blieben, dachte sie an die Menschen, die sie liebte, und an die Dinge, die sie noch tun wollte. Sie hatte immer gewusst, dass sie eines Tages im Meer sterben würde. Das hatte sie sich gewünscht. Doch nicht so. Nicht im Schmerz. Nicht alleine. Nicht in einem Akt sinnloser Gewalt.

In diesem Moment, gefangen zwischen Leben und Tod, spürte sie die unbarmherzige Kraft der Nordsee, die sie in ihren kalten, tiefen Schoß ziehen wollte. Keine tröstliche Umarmung der Wellen, wie sie es sich manchmal vorgestellt hatte, sondern ein eisiger, endloser Rachen, der sie sich einverleibte.

Das Geräusch des Bootes, das durch die Wellen pflügte, wurde zu einem monotonen Rauschen, das sie in die Ohnmacht zog.

Sie wusste, dass es gleich vorbei war.

Endlose Schwärze umschloss sie.

Das Boot pflügte einfach weiter.

2

Einige Monate früher …

Gleichmäßig plätscherten die Wellen gegen den Schiffsrumpf. Mit halb geöffneten Augen lag Ylvie in einem Liegestuhl an Deck und genoss das sanfte Schaukeln des Bootes. Sie trug ihren neuen, sündhaft teuren Bikini, mit dem sie wochenlang im Schaufenster einer Boutique geliebäugelt hatte, bis sie sich schließlich entschied, ihn zu kaufen. Er stand ihr ausgezeichnet und betonte unaufdringlich ihre Rundungen. Die Sonne strahlte von einem blauen Himmel mit vereinzelten Schäfchenwolken.

Möwen kreisten über Ylvie. Eine von ihnen landete auf dem Schiffsdeck, legte das Köpfchen schief und betrachtete sie aus emotionslosen schwarzen Knopfaugen, bevor sie sich auf eine Pommes frites stürzte, die Ylvie vom Teller gerutscht war. Lächelnd reckte sie ihr Gesicht der wärmenden Sonne entgegen, die ihren Weg zum Horizont suchte und bald dahinter verschwinden würde wie unter einer Decke, die sie erst am nächsten Morgen aufschlug, um müde darunter hervorzukriechen.

Kreischend erhob sich die Möwe in den Himmel und fegte dabei so dicht über Ylvies Kopf hinweg, dass sie den Luftzug spürte.

Der Wind fuhr durch ihr Haar und zerzauste es. Die Haarspange, mit der sie die Flut ihrer blonden Mähne zu bändigen versuchte, drohte sich zu lösen. Sie musste aufpassen, dass sie sie nicht verlor. Es war ihre Lieblingsspange. Sie war mit winzigen Swarovski-Steinen besetzt und nicht ganz billig gewesen. Ihr Vater hatte sie ihr vor Jahren zum Geburtstag geschenkt, und Ylvie hatte mit ihm geschimpft, weil sie wusste, dass er sich das eigentlich gar nicht leisten konnte. Sie versuchte ihren Pferdeschwanz straffzuziehen und mit der Spange zu fixieren, aber es funktionierte nicht. Etwas drückte gegen ihre Schläfe und hinderte sie daran.

Eine Schule Wale schwamm neben dem Boot. Die Tiere tauchten auf, beobachteten Ylvie auf dem Bootsdeck eine Zeitlang und tauchten wieder unter. Wasserfontänen prusteten aus ihren Blaslöchern. Sie begleiteten das Boot zur Linken und zur Rechten, ihre friedlichen Gesänge wirkten entspannend auf Ylvie, das dumpfe Brummen vibrierte in ihrer Brust wie bei einer Klangtherapie. Eine mächtige Schwanzflosse schwang majestätisch aus dem Wasser und peitschte es auf. Ylvie wunderte sich, dass die Kraft der Wellen das Boot nicht zum Kentern brachte.

Moment, dachte sie. Wie war es möglich, dass sie mit bloßem Ohr Walgesänge vernehmen konnte?

Und seit wann lebten Blauwale an der deutschen Nordseeküste?

Schmerzhaft drückte die Haarspange gegen ihre Wange, piekte in das weiche, blasse Fleisch.

Ylvie fuhr hoch. Es war keine besonders gute Idee gewesen, Walgesänge als Klingelton auf ihr Diensthandy zu spielen. Gott, war sie erschöpft. Sie hatte so sehr auf einen ruhigen Bereitschaftsdienst gehofft. Doch das war ihr nicht vergönnt.

Wäre ja auch mal etwas ganz Neues gewesen, dachte sie resigniert, und quälte sich aus dem Bett.

Das Handy fiel ihr aus der Hand und schlitterte über den Boden. Bitte, sei nicht kaputt, flehte Ylvie im Stillen. Munter sangen die Wale weiter ihre Lieder, als wollten sie Ylvie verspotten.

Sie bückte sich und hob das Handy auf. »Was gibt es denn?«, sagte sie.

»Meine Güte, ich hatte schon Angst, du nimmst niemals ab. Wo steckst du bloß?« Olga, die Nachtschwester und Schichtleitung aus der Notaufnahme, war am Apparat.

»Ich bin im Bereitschaftszimmer. Ich habe mich nur kurz hingelegt.« Ylvies Blick streifte durch den kleinen, karg eingerichteten Raum. Ein Schreibtisch, ein zerwühltes Bett, weiße Bettwäsche, weiß gestrichene Wände. Keine Farbtupfer, die dafür sorgen konnten, dass man sich wohlfühlte. Dafür war das Bereitschaftszimmer nicht da. Auf dem Kopfkissen lag einsam die hübsche Haarspange. Die Uhr zeigte halb eins in der Nacht. Ylvie hatte gerade einmal eine halbe Stunde geschlafen, sie fühlte sich wie gerädert.

»Wach erst mal richtig auf, aber beeil dich. Bitte«, sagte Olga.

»Es tut mir leid.« Ylvie klemmte das Handy zwischen Schulter und Wange und zupfte ihre Arbeitskleidung zurecht. Die Tagschicht war höllisch anstrengend gewesen, sie hatte kaum Zeit zum Essen und zum Trinken gefunden, und als es gegen einundzwanzig Uhr endlich ruhiger im Krankenhaus wurde, hatte sie noch einen Rundgang über die Stationen gemacht. Sie hatte offene Fragen geklärt, den Patienten eine gute Nacht gewünscht und sich schließlich bei Olga abgemeldet. Bis acht Uhr morgen früh ging offiziell ihr Dienst, doch sie wusste, dass sie nicht pünktlich rauskommen würde. Der Oberarzt bestand auf ihrer Anwesenheit bei der Morgenvisite.

Ich brauche Urlaub, dachte Ylvie. Ich arbeite mich sonst noch zu Tode.

Eilig kämmte sie ihr Haar mit den Fingern, brachte mit geübtem Griff die Spange an Ort und Stelle und ging ein paar Schritte hin und her, um ihren Kreislauf in Schwung zu bringen. »Schieß los«, sagte sie zu Olga.

»Du wirst im OP gebraucht«, sagte Olga. Im Hintergrund hörte Ylvie Monitore piepsen, Stimmengewirr, etwas klapperte. »Im Schockraum liegt ein Junge. Er wurde gerade eingeliefert, Opfer eines Verkehrsunfalls. Er hat Verdacht auf innere Blutungen, wahrscheinlich ein Milzriss. Du musst ihn übernehmen.«

Ylvie eilte bereits über den Krankenhausflur. »Yvanek ist für die OPs zuständig heute Nacht.«

»Der operiert gerade einen Blinddarmdurchbruch«, sagte Olga. Ihre Stimme klang gestresst.

Ylvie war jetzt hellwach.

»Wir bringen ihn gerade in den Operationssaal, komm bitte direkt dorthin«, sagte Olga.

Das hieß, es war eilig. Normalerweise hätte Ylvie sich in der Notaufnahme ein Bild von dem Patienten gemacht, hätte sich die Befunde und Aufnahmen angesehen, sie hätte vor dem Eingriff mit den Angehörigen gesprochen. Hierfür war jetzt keine Zeit.

Die Flure wirkten wie ausgestorben.

Ylvies Sohlen quietschten leise auf dem glänzenden grünen Linoleum.

»Ein Junge, sagtest du. Wie alt ist er?«, sagte sie.

»Keine Ahnung, zehn oder elf, schätze ich.«

»Was ist mit seinen Eltern?«

»Sie sind beide tot«, sagte Olga. »Der Vater fuhr den Wagen.«

Verdammt, dachte Ylvie. Der arme Junge! Insgeheim hoffte sie, dass er nicht bei Bewusstsein wäre, wenn sie im Operationssaal eintraf. Gleichzeitig schämte sie sich für diesen Gedanken. Aber die Vorstellung, dass er sie fragte, wie es seinen Eltern ging, und wissen wollte, warum sie nicht hier waren, ging ihr zu sehr ans Herz. Sie wollte nicht diejenige sein, die ihm erklären musste, was passiert war. Das war eine der schlimmsten Seiten in ihrem Job.

Ylvie erreichte den Operationstrakt. Eilig zog sie sich um, schlüpfte in einen grünen Polyesterkasack und eine gleichfarbige Hose und Clogs. Anschließend wusch und desinfizierte sie sich ausgiebig die Hände.

Im Operationssaal herrschte hektisches Treiben. Die Pfleger und Assistenten lagerten den schwerverletzten Jungen, der sich bereits im Tiefschlaf befand. Der junge Narkosearzt wirkte angespannt. Er warf Ylvie einen besorgten Blick zu.

Leif, der Assistenzarzt, eilte auf sie zu. Der bärtige Hüne mit den tätowierten, muskulösen Oberarmen trug sein schulterlanges hellbraunes Haar zu einem Dutt gedreht. Ylvie stellte ihn sich gerne als Schlagzeuger einer Heavy‑Metal‑Band vor, aber tatsächlich besuchte der feinfühlige, tiefsinnige junge Mann an seinen freien Wochenenden mit Begeisterung die Oper.

Leif informierte sie zügig über die bisherigen Ergebnisse und die Diagnose. »Der Junge hat schon viel Blut verloren«, sagte er.

»In der Kinderklinik wäre er sicherlich besser aufgehoben«, sagte Ylvie. »Warum wurde er nicht dorthin gebracht?«

»Der Fahrer des Rettungswagens hat den kürzesten Weg gewählt«, sagte Leif. »Es ging nicht anders.«

Ylvie war froh, dass er assistierte, Leif war ein ausgezeichneter junger Arzt, er war zuverlässig und geschickt. Während sie die blasse Bauchhaut des Jungen mit Desinfektionsmittel betupfte, fütterte er sie mit weiteren Informationen. Die Identität des Jungen war nicht bekannt. Laut den Rettungssanitätern und dem einliefernden Notarzt hatten die Eltern keine Papiere mit sich geführt. Es war Sache der Polizei, sich darum zu kümmern, und doch fühlte Ylvie sich beklommen bei dem Gedanken, ein Kind zu operieren, von dem niemand wusste, dass es schwerkrank hier lag, und nicht bekannt war, ob es jemanden gab, der sich für es verantwortlich fühlte. Sie ließ sich das Skalpell reichen und führte den Hautschnitt durch. Blut lief aus der Wunde. Viel Blut.

»Ich brauche mehr Tupfer«, sagte sie. Sie warf einen Blick zu dem Kopf des Kindes. Er war mit sterilen grünen OP-Tüchern abgedeckt. Sie verhinderten, dass sie sein Gesicht sehen konnte. Das verstärkte für sie das Gefühl seiner Schutzlosigkeit.

Ich bin verantwortlich für dein Leben, redete Ylvie in Gedanken mit ihm, und ich werde alles tun, um es zu retten.

Leif hielt die ganze Zeit den Sauger in die offene Wunde. Sofort pulsierte neues Blut nach und raubte Ylvie die Sicht auf die inneren Organe.

»Ich habe endlich die Blutwerte aus dem Labor erhalten«, sagte der Narkosearzt. »Er braucht dringend Konserven.«

»Die sind gerade angekommen. Ich mache nur noch schnell die Verträglichkeitsprobe«, sagte Olga.

Ylvie und Leif arbeiteten hoch konzentriert. Hier mussten sie alles geben, ihr ganzes Können war gefragt. Aber es war schwierig. Sobald Ylvie die Blutung an einer Stelle gestillt hatte, sprudelte es an einer anderen weiter. Sie konnten kaum die Quelle ausmachen. Ylvie setzte Klemmen und kauterisierte. Doch sie kämpfte gegen Windmühlenflügel.

Irgendwo ganz tief hinten in ihrem Kopf dachte sie an die Fluten aus ihrem Traum. Wer die Gezeiten nie selbst erlebt hatte, stellte sich gerne vor, dass das Wasser in Wellen aus der Ferne anrollte. In Wirklichkeit schien es von allen Seiten zu kommen, zum Teil glaubte man, es käme direkt aus dem Boden. Hier, bei diesem armen kleinen Patienten, verhielt es sich ähnlich. Und hier handelte es sich nicht um kühles, schlammbraunes Wasser, sondern um frisches, hellrotes Blut.

Der Narkosearzt verabreichte eilig gerinnungshemmende Präparate, während Ylvie Nähte setzte, Blut wegwischte und ein Stoßgebet nach dem anderen zum Himmel schickte.

Gemeinsam kämpften sie verbissen um das Leben des kleinen Patienten. Doch es nützte nichts. Sie konnten die Blutung nicht stillen.

Unter Ylvies Händen starb der Junge.

*

Niemand sprach ein Wort.

Die Pfleger räumten die blutigen Tücher und Utensilien beiseite. Besteck klapperte, Mülltüten raschelten. Die Monitore waren schwarz, als wären sie ebenfalls gestorben. Inmitten der trostlosen Szenerie lag das tote Kind wie aufgebahrt auf dem OP-Tisch.

Der Narkosearzt stützte den Kopf in die Hände, er schien den Tränen nahe zu sein. Es war immer furchtbar, einen Patienten zu verlieren. Und in diesem Fall, bei einem Kind, war es umso schlimmer. Ylvie spürte eine tief sitzende, dumpfe Verzweiflung. Sie wusste, dass sie alles richtig gemacht hatte. Sie war eine ausgezeichnete Chirurgin. Und doch haderte sie, ob der Junge vielleicht noch leben würde, wenn er direkt in die Kinderklinik verlegt worden wäre. Wenn sich Spezialisten um ihn gekümmert hätten.

»Gute Reise, Jonas«, murmelte Leif hinter ihr. Er schniefte.

Ylvie fuhr herum. »Wie hast du ihn gerade genannt?«

»Er heißt Jonas«, sagte Leif. »Das konnte er dem Sanitäter im Rettungswagen wohl noch mitteilen, bevor er das Bewusstsein verlor.«

Ylvie trat an den OP-Tisch. In der Eile vor der Operation hatte sie noch gar nicht die Zeit gehabt, den Jungen anzusehen. Nun zog sie ihm das Tuch vom Gesicht. Sie erstarrte.

Jonas war bildhübsch. Lange gebogene Wimpern zierten seine mandelförmigen Augen. Die Wangenknochen waren klar definiert. In wenigen Jahren hätte er die Blicke der Mädchen auf sich gezogen. Halblanges, blondes Haar umrahmte sein Gesicht, seine Nase war klein, die Lippen voll und sehr blass. Seine schmalen Schultern weckten einen Beschützerinstinkt, der so wehtat, dass es in Ylvies Brust schmerzte.

Ihr wurde übel. Sie hielt sich am Tisch fest, schloss die Augen und atmete ein paarmal tief durch. Nein, dachte sie, es kann nicht sein.

»Ylvie, was ist mit dir?«

Leifs Hand lag auf ihrer Schulter, schwer und warm. Ein Pfleger schob eilig einen Stuhl heran. Ylvie setzte sich.

»Mir geht es gut«, sagte sie. »Es ist nur … einen Moment lang dachte ich, ich würde den Jungen kennen.« Heftig schüttelte sie den Kopf.

»Und?«, fragte Leif. »Kennst du ihn?«

»Nein«, sagte Ylvie. »Ich habe mich geirrt.«

*

Im Personalaufenthaltsraum warteten zwei Polizisten auf Ylvie. Sie waren sehr freundlich und sprachen sie etwas altertümlich mit »Frau Doktor« an. Sie sagten, sie wollten versuchen, die Identität des toten Kindes herauszufinden.

Ein Pfleger brachte ihnen eine Plastiktüte mit den wenigen Habseligkeiten des Jungen. Einer der Polizisten zog Einmalhandschuhe über und holte Kleidungsstücke heraus. Sie waren blutverschmiert. Ein dünnes Sweatshirt, Jeans, Boxershorts. Die Sachen waren nicht unmodisch, aber abgetragen, als hätten sie zuvor einem anderen Kind gehört. Der Jeansstoff war an den Knien ganz dünn, fast durchgewetzt. Und die ursprüngliche Farbe des Sweaters war kaum noch zu erkennen, sie war völlig verblasst.

»Vielleicht gibt es ältere Geschwister«, murmelte Ylvie.

»Im Wagen lagen keine Papiere«, sagte einer der Polizisten. Er sah sehr jung aus, als hätte er vor Kurzem noch die Schulbank gedrückt. Seine Augen blickten interessiert und hellwach, selbst zu dieser fortgeschrittenen Uhrzeit. »Die erwachsenen Unfallopfer trugen weder Personalausweis noch eine Fahrerlaubnis bei sich. Die Kollegen versuchen derzeit den Halter des Fahrzeugs zu ermitteln. Die Kennzeichen sind gestohlen.«

»Denken Sie an Kindesentführung?«, fragte Ylvie.

»Wir wollen es nicht hoffen«, sagte der zweite Polizist. »Das Ganze ist jedenfalls nicht nur furchtbar tragisch, sondern auch etwas mysteriös.«

*

Für den Rest der Nacht blieb es in der Klinik ruhig. Aber nicht für Ylvie. Sie hatte eine Menge Papierkram zu erledigen. Sie war froh darüber, denn das lenkte sie zumindest ein ganz klein wenig von ihren trübsinnigen Gedanken ab. Ständig erschien Jonas’ Gesicht vor ihrem geistigen Auge.

Sie legte die Brille zur Seite und rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die schmerzenden Augen.

»Kaffee?«, fragte Olga mitfühlend und stellte eine dampfende Tasse vor Ylvie ab. Der Kaffee war so heiß, dass sie sich fast die Zunge verbrannte. Und er war sehr stark und er tat ihr gut.

Am frühen Morgen, eine halbe Stunde, bevor die Tagschicht und mit ihr der übliche Trubel begann, kehrte Ylvie in den Operationstrakt zurück. Der Saal war aufbereitet worden, bereit für den nächsten Patienten. Nichts erinnerte an die Tragödie, die wenige Stunden zuvor stattgefunden hatte. Die Schränke waren aufgefüllt worden, die Instrumente und Geräte blitzten vor Sauberkeit und warteten auf den nächsten Einsatz, als wäre das alles nicht passiert.

Ylvie dachte an einen kleinen, blassen Körper, der in die Leichenhalle der Klinik gebracht worden war, und der nun in einer kalten, harten Edelstahlwanne lag.

Sie dachte an die Plastiktüte mit den armseligen Kleidungsstücken.

Als Ylvie um Viertel nach acht am Morgen die Klinik verließ, fühlte sie sich unglaublich erschöpft.

Ich will das nicht mehr, dachte sie.

Sie wollte raus aus diesem Hamsterrad, das nicht einmal eine Minute anhielt, um eines Verstorbenen zu gedenken. Sie liebte ihren Beruf, aber es war Zeit für eine Veränderung.

3

Ylvie war bislang nur ein einziges Mal in ihrem Leben so weit oben in Deutschland gewesen. Beim ersten Mal war sie knapp vier Jahre, gerade so alt, dass sie sich erinnern konnte, wie sie mit einer kleinen gelben Schaufel und einem feuerroten Eimer in der Hand im Schlick buddelte und Wattwürmer und Muscheln untersuchte. Ihre Mutter hatte ein bisschen geschimpft, weil das zitronengelbe neue Kleid gleich am ersten Urlaubstag mit Matschflecken übersät war, die nie wieder rausgehen würden. Es war ein schöner, glücklicher Familienurlaub gewesen.

Einige Tage nach ihrer ereignisreichen Nachtschicht hatte sich Ylvie bei einer Headhunter-Agentur für medizinisches Personal angemeldet und wurde wenig später von Dr. Bente Pedersen kontaktiert. Er war auf der Suche nach einem neuen Allgemeinchirurgen für seine Tagesklinik in Neuharlingersiel, der Friesenklinik. Erfreut hatte sie festgestellt, dass sie mit ihren Eltern damals genau in diesem ostfriesischen Städtchen Urlaub gemacht hatte. Und nun hatte sie ein ansprechendes Jobangebot in einer Gegend, die sich landschaftlich so sehr von Bayern unterschied, als wäre sie das genaue Gegenstück. Sie telefonierte lange im Video-Call mit Bente Pedersen, und als sie auflegte, war sie bereits sicher, dass sie die Stelle annehmen würde.

Ihren neuen Arbeitsplatz kannte sie ausschließlich von dem Infomaterial, das der Klinikchef ihr zukommen ließ, sowie von der Fotogalerie auf der übersichtlich gestalteten Homepage der Klinik, von Google-Funden und von ehemaligen Patienten, die Rezensionen zu ihren Behandlungen verfasst hatten. Auch von ihrer zukünftigen Wohnung kannte sie nur den Grundriss.

Als sie die Stelle zusagte, hatte sich alles überschlagen, und ihr fehlte die Zeit für ein verlängertes Wochenende, um sich die Gegend in Ruhe anzusehen. Einen Nachmieter für ihre Wohnung in der Nähe von München suchen, den Umzug organisieren, Freunde und Bekannte und die Familie verabschieden: Ihr Terminplan platzte aus allen Nähten.

Es wird schon passen, sagte sie sich. Vielleicht war es sogar besser, völlig unvoreingenommen in ihr neues Leben zu starten. Am Ende hätte sie bei einem Besuch in Neuharlingersiel die Fliege an der Wand gestört – nur, um bleiben zu können, wo sie war, in München, wo sie sich auskannte. Es war besser, alle Brücken hinter sich abzubrechen, sich keine Hintertür offen zu halten. So würde sie sich in Ostfriesland mit ihrem neuen Leben viel einfacher arrangieren.

Gewisse Bedenken hatte sie wegen des platten, weiten Landes. Ylvie war an bergige und hügelige Gegenden gewohnt. Seit der Kindheit hatte sie nie wieder ihre Urlaube am Meer verbracht, sondern immer in den Alpen beim Wandern. Aber sie hatte oft vom Meer geträumt.

Ylvie hatte befürchtet, die Berge zu vermissen. Früher hatte sie in den Bergen eine Art Trutzburg gesehen. Geborgen zwischen aufgeworfenen Falten der Erde, eingebettet in eine mächtige Landschaft, die Schutz vor dem Drumherum bot. Aber in den letzten Wochen war ihr das wie eine Falle vorgekommen. Wenn sie nicht schlafen konnte und aus dem Fenster schaute, wirkten die Berge wie düstere Burgen. Sie schienen näher zu rücken und die Täler mehr und mehr einzuengen, wie die Rücken von riesigen Ungeheuern, die ihre Beute einkreisten.

Nun stellte Ylvie fest, dass die ebenerdige Landschaft Norddeutschlands eine angenehme Ruhe auf sie ausstrahlte. Das Land war flach wie mit dem Nudelholz ausgerollt, und das nicht erst, seit sie Niedersachsen erreicht hatte.

Sie dachte, dass sie bestimmt die richtige Entscheidung getroffen hatte.

Ylvie war müde. Die einige Hundert Kilometer lange Fahrt hatte sie schon als anstrengend empfunden. Wenige Kilometer vor ihrer Ausfahrt geriet sie in einen Stau. Im Autoradio wurde von einem schweren Verkehrsunfall mit mehreren beteiligten Wagen berichtet. Über eine Stunde bewegte sie sich in einem Stop-and-Go-Alptraum. Zwischendurch befürchtete Ylvie, der Verkehr könnte komplett zum Erliegen kommen. Dann wäre sie gezwungen, den Rest des Tages auf der Autobahn zu verbringen, eingewickelt in eine Decke, die die Gelben Engel vom ADAC verteilten. Um sich warm zu halten, würde sie Tee aus Thermosflaschen trinken müssen. Keinen guten, hochwertigen Ostfriesentee, sondern womöglich Kamillentee, der sie an den Geruch der Patientenzimmer bei der Nachmittagsvisite im Krankenhaus erinnerte. Kamillenteegeruch, vermischt mit dem Geruch von eitrigen Wunden und infizierten Körperflüssigkeiten: Darauf konnte sie momentan gut verzichten.

*

Schließlich erreichte sie die Unfallstelle, an der der Verkehr im Schritttempo einspurig vorbeigeleitet wurde. Eilig wandte sie den Blick ab, als sie die Krankenwagen, Polizei- und Feuerwehrfahrzeuge erblickte. Diese Zeiten waren für sie nun vorbei. Es würden keine verstümmelten Unfallopfer mehr in ihrer Notaufnahme landen. Keine weinenden Angehörigen mehr, für die sie kaum Zeit zum Trösten fand.

Keine Kinder mehr, die ihr unter den Händen wegstarben.

In der Friesenklinik in Neuharlingersiel würde sie Leistenbrüche operieren und Wunden verbinden. Sie würde Patienten bei der Gesundung unterstützen, mit ihnen lachen, sie als genesen nach Hause entlassen.

Hinter der Unfallstelle atmete sie erleichtert auf, und nun konnte sie endlich wieder Gas geben, so gut das bei den vom Himmel strömenden Wassermassen möglich war.

Schließlich erreichte sie die Autobahnausfahrt. Es war nun nicht mehr weit bis zu ihrem neuen Wohnort, nur noch fünfzig Kilometer laut dem Navigationssystem. Ylvie schmunzelte über die Ortsnamen, die so typisch norddeutsch klangen, als wären es Städte in einem ostfriesischen Bilderbuch. Ellenserdammersiel, Altfunnixsiel und Neuharlingersiel, wie lange würde es wohl dauern, bis sie alle auseinanderhalten konnte?

Obwohl sie ständig Ausschau hielt, konnte sie das Meer nicht sehen. Das Wetter war einfach zu schlecht. Der Frühling stand vor der Tür, aber so wie es aussah, hatte er noch nicht angeklopft. Der Regen hing wie ein nasser, grauer Schleier über der Landschaft. Ostfriesland hieß sie mit einer Schlechtwetterperiode willkommen. An und für sich war das für Ylvie kein Problem. Am Anfang würde sie sich auf ihre neue Arbeit konzentrieren. Nach Feierabend würde sie sich mit einem guten Buch auf der Couch einrollen, ein Glas Wein genießen und dem Prasseln der Regentropfen an der Fensterscheibe lauschen. Sie würde schon noch genug Gelegenheiten haben, an sonnigen Sonntagnachmittagen am Deich entlang spazieren zu gehen. Vielleicht würde sie sich früher oder später ein neues Fahrrad kaufen.

Trotzdem war sie gespannt, wie es hier bei gutem Wetter aussehen würde. Sie war neugierig auf das Graublau des Himmels, auf die grünbräunliche Farbe der Nordsee, auf das kräftige Grün der saftigen Salzwiesen.

Doch nun wurde sie von Erschöpfung übermannt. So sehr sie ankommen und ihre neue kleine Wohnung in Empfang nehmen wollte, so dringend brauchte sie eine kurze Pause. An einer Raststätte hielt sie an, tankte den Wagen auf und zog sich an einem Automaten einen Kaffee. Er schmeckte bitter, tat aber gut. Ylvie trank in langsamen Schlucken. Dann atmete sie tief durch und trat den Rest ihrer Reise an.

*

Schließlich erreichte sie Neuharlingersiel. Im Sommer, bei schönem Wetter, würde das schmucke Hafenstädtchen von Touristen überlaufen sein. Heute war davon nichts zu spüren. Nur wenige Menschen eilten mit Funktionsjacken und Regenschirmen ausgestattet durch die Straßen.

Das Mehrfamilienhaus mit Ylvies Mietwohnung lag am Stadtrand in einer Häuserreihe ganz in der Nähe der Friesenklinik. Von Weitem sah sie schon den Möbelwagen, der am Morgen vor ihr losgefahren und wahrscheinlich besser durchgekommen war als sie. Möbelpacker liefen mit Möbelstücken bepackt in das Haus hinein und mit leeren Händen wieder heraus. Gerne hätte sie ihre neue Wohnung begutachtet, aber den Arbeitern im Weg herumzustehen, machte wenig Sinn.

Ylvie fuhr weiter die Straße entlang und erreichte ein modernes Flachdachhaus. Chirurgische Tagesklinik Neuharlingersiel, stand in beleuchteten Lettern über dem Eingang der Klinik. Von allen liebevoll nur Friesenklinik genannt, das hatte Bente ihr erzählt. Das Gebäude sah neu und einladend aus.

Ylvie überlegte, ob sie hineingehen und sich vorstellen sollte. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Es war siebzehn Uhr dreißig. Langsam würden die Mitarbeiter in den Feierabendmodus schalten. Die Patienten hatten ihre Narkose ausgeschlafen und warteten darauf, abgeholt zu werden. OP-Säle würden gereinigt werden, Arbeitskleidung in Wäschebehälter geladen und abtransportiert werden.

Nein, sie würde damit warten bis Montag.

Eine Frau trat aus der Klinik und schlug den Kragen ihres dunklen Mantels hoch. Sie war um die fünfzig, groß und robust aussehend. Eine Böe blies ihr das Haar aus dem Gesicht. Sie trat einen Schritt zurück in den schützenden Eingangsbereich und band sich ein Kopftuch um. Sie warf einen Blick in Ylvies Richtung und betrachtete interessiert ihren Wagen mit dem fremden Nummernschild. Dann senkte sie den Kopf zum Schutz vor dem kalten Wind und eilte zum Parkplatz.

*

Ylvie verspürte großen Hunger. Außer dem Frühstück und ein paar kleineren Snacks unterwegs hatte sie noch nichts gegessen. Sie zückte ihr Handy und googelte nach Restaurants in der Nähe. Wenige Straßen entfernt gab es ein Fischrestaurant mit dem Namen Krabbenkutter. Die Fotos zeigten eine liebevoll eingerichtete, urige Gaststube und Teller voll mit Muscheln, gegrillten Fischen und bunten Salaten. Ylvie lief das Wasser im Mund zusammen. Auf frischen Fisch hatte sie sich die ganze Zeit schon gefreut.

Sie gab die Adresse ins Navi ein und fuhr zu dem Restaurant.

Direkt vor dem hübschen Fachwerkhaus hielt sie an. Kurz fürchtete sie, das Restaurant könnte geschlossen sein, weil kein Licht in den Fenstern zu sehen war. Sie rief die Homepage auf und checkte die Öffnungszeiten: Die Küche machte gerade auf. Ein Stück weiter vorne entdeckte sie eine Parklücke. Ylvie steuerte sie an, als direkt vor ihr eine Gestalt über die Straße huschte.

Mit einem Aufschrei trat sie auf die Bremse.

Es war ein älterer Mann. Sein Haar war halblang und verstrubbelt, sein Pullover bestimmt zwei Nummern zu groß. Seine Füße waren nackt. Er stand vor dem Wagen und starrte Ylvie an.

Sie öffnete die Fahrertür und lehnte sich nach draußen. »Es tut mir leid, ich habe Sie nicht gesehen«, sagte sie. »Ist alles in Ordnung?«

Er starrte noch kurz, dann drehte er sich wortlos um und verschwand zwischen den Schatten.

Puuh, dachte Ylvie, das war knapp. Sie schloss die Augen und atmete ein paarmal tief durch, dann fuhr sie im Schritttempo zur Parklücke. Ihre Hände zitterten beim Einscheren.

Sie schloss den Wagen ab und eilte durch den Regen zum Eingang. Sie stieg eine enge Holztreppe hinauf und betrat die Gaststube. Der einzige Gast stand an der Theke. Es war der Barfüßige.

Ein Mann mit beachtlichem Bauch, rötlichen Haaren und einem Schnurrbart wie eine Bartrobbe kam aus der Küche. In den Händen hielt er eine Box, die er über die Theke schob. »Hier«, sagte er. »Komm am Wochenende wieder, da habe ich mehr für dich.«

»Haben Sie vielen Dank«, sagte der Barfüßige und nickte unterwürfig. Er nahm die Box und ging zum Ausgang, wo Ylvie stand und die Szene beobachtete.

Der Mann hielt vor Ylvie kurz inne. Dann deutete er eine Verbeugung an und ging mit seiner Box hinaus.

Ylvie war verblüfft und sprachlos.

Der Wirt lächelte. »Es ist alles frei, Sie sind heute der erste Gast.« Einladend breitete er die Hände aus.

»Danke.« Ylvie wählte einen Platz am Fenster. Der Wirt brachte eine Speisekarte und zündete die Kerze auf ihrem Tisch an. Ylvies Magen fing laut an zu knurren. Sie sahen sich an und prusteten beide los.

»Entschuldigung«, sagte Ylvie. »Das ist mir peinlich.«

»Nicht doch! Denken Sie, ich würde mich über Besucher freuen, die schon satt sind, wenn sie in meinen Krabbenkutter kommen? Was darf ich Ihnen zu trinken bringen?«

»Ein Jever, bitte.«

»Gerne.«

Der Gastwirt brachte ihr Bier. Als er es vor ihr abstellte, musterte er sie neugierig.

»Eine Touristin sind Sie sicher nicht«, sagte er. Sie registrierte, wie er ihre Kleidung beäugte: aufmerksam, aber nicht aufdringlich. Die hellen Pumps mit den niedrigen Absätzen waren bequem, aber sie würde trotzdem erleichtert aufatmen, wenn sie nachher aus ihnen schlüpfen konnte. Dazu trug sie eine Skinny-Jeans von einer Designermarke und eine weiße, leicht ausgeschnittene Seidenbluse. Ylvie war alles andere als ein Modepüppchen, aber sie legte durchaus einen gewissen Wert auf Qualität. »Kleider machen Leute«, hatte ihre Oma immer gesagt. »Gut gekleideten Menschen wird mit mehr Respekt begegnet.« Ylvie hatte den Rat der alten Dame stets beherzigt.

Aber vielleicht galt diese Kleiderordnung mehr im mondänen München und weniger hier an der Nordseeküste, wo Gummistiefel und ein Friesennerz heute sicherlich eher angebracht wären.

»Nein.« Sie nahm einen Schluck von ihrem Bier. »Bin ich nicht.«

»Die Saison hat noch nicht angefangen«, sagte er.

Ylvie griff nach der Speisekarte. Während sie sie studierte, begann der Wirt den blitzsauberen Nachbartisch abzuwischen, sicherlich nur, um ein Schwätzchen mit ihr zu halten. Sie freute sich auf ein kleines Gespräch mit einem Einheimischen; insgeheim hatte sie sich ein bisschen fremd und verloren gefühlt, als sie in dem verregneten Städtchen angekommen war.

»Ich bin aus beruflichen Gründen hergekommen«, sagte sie. »Ursprünglich stamme ich aus dem Münchener Raum.«

»Was machen Sie denn?«

»Ich bin Ärztin. Allgemeinchirurgin, genauer gesagt.«

»Das ist gut«, sagte der Wirt. »Hier werden Sie auf jeden Fall gebraucht.«

»Ich werde in der Tagesklinik arbeiten. Am Montag fange ich an.«

»Ah«, er nickte. »Die Friesenklinik. Mein Bruder wurde letzten Herbst dort operiert. Er fühlte sich sehr gut aufgehoben.«

»Das freut mich«, sagte Ylvie. »Bitte bringen Sie mir als Vorspeise das Garnelenpfännchen, gerne mit viel Knoblauch, und als Hauptgericht die Scholle Störtebeker Art.«

»Eine gute Wahl«, sagte der Wirt. Er verschwand in der Küche und kehrte mit einem Körbchen mit Weißbrot und einem Gruß aus der Küche, einer Art Heringscreme, zurück. Es schmeckte köstlich.

»Mit der Gemeinde haben Sie aber nichts am Hut?«, fragte der Wirt weiter.

»Welche Gemeinde?«

»Na, diese Leute vom Aussiedlerhof. Gelegentlich kommen Auswärtige, um sich ihnen anzuschließen. Einen von denen haben Sie eben gesehen.«

»Sie meinen den Mann ohne Schuhe?«

»Genau.«

»Ich hätte ihn gerade beinahe überfahren.«

»Das hat er Ihnen scheinbar nicht übelgenommen.« Der Wirt ahmte die Verbeugung nach.

»Womit beschäftigt sich diese Gemeinde?«, fragte Ylvie.

»Das weiß niemand so genau.«

»Ich dachte im ersten Moment an einen Obdachlosen.«

»Nein, Henning kommt regelmäßig vorbei und fragt nach Essen, das ich nicht mehr für die Kundschaft verwenden kann. Sachen mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum und so, Salate, die nicht mehr ganz frisch sind, oder die ich aus verschiedenen Gründen nicht verwenden konnte.«

Er bemerkte Ylvies fragenden Blick. »Ich gebe es lieber diesen Leuten, als Essen wegzuwerfen«, sagte er.

Die Tür ging auf, ein Mann kam herein.

»Ich muss weiter«, sagte der Wirt und ging hin, um ihn zu bedienen.

Der Mann setzte sich in die gegenüberliegende Ecke und warf Ylvie einen kurzen Blick zu, nickte grüßend und begann, in einer Zeitschrift zu lesen.

Nach einiger Zeit wurde das Essen serviert. Es schmeckte vorzüglich. Der Fisch zerging auf der Zunge, die Bratkartoffeln waren knusprig und der Salat knackig.

Ylvie betrachtete interessiert die Inneneinrichtung des Restaurants. Ein Fischernetz hing an der Decke. Überall standen kleine, dekorative Elemente in maritimen Formen, wie hölzerne Anker oder Windlichter voll mit Muschelschalen. Buddelschiffe gab es auch. An den Wänden hingen Bilder mit Meeresmotiven oder von kapitalen Fischen, die den Fischern ins Netz gegangen waren. An einem der hinteren Tische konnten die Besucher in einem Strandkorb sitzen. Es gefiel Ylvie ausgesprochen gut; hier würde sie mit Sicherheit öfter herkommen.

Zwei ältere Herren betraten den Gastraum und setzten sich in die andere Ecke, während sie Ylvie verstohlen musterten.

»Noch ein Bier?«, fragte der Wirt schließlich.

»Nein, danke. Ich muss noch Auto fahren. Mehr als ein Gläschen erlaube ich mir nicht.«

»Dann vielleicht einen schönen Ostfriesentee?«

»Das klingt verlockend.«

Ylvie trank ihren Tee und aß Buttergebäck dazu. Sie lobte ausgiebig das Essen, als sie bezahlte.

»Ich komme mit Sicherheit wieder«, sagte sie.

Er nickte. »Im Sommer ist es hier täglich brechend voll. Da müssen Sie vorab reservieren. Im Moment ist es noch ruhig, da bekommen Sie eigentlich immer einen Platz, außer am Wochenende. Ich würde mich freuen, Sie wieder begrüßen zu dürfen. Übrigens, ich heiße Björn.«

»Ganz bestimmt komme ich wieder«, sagte Ylvie. »Ylvie Martens.«

»Dr. Ylvie Martens, nehme ich an?«

»Richtig, aber so lasse ich mich nur in der Klinik ansprechen.«

»Montag ist Ruhetag«, sagte Björn. »Freitags kommen die älteren Herren zum Bingo-Spielen, und Donnerstag ist Familientag. Da bekommen die Kleinen zu jedem Kindergericht eine Limo gratis.« Erwartungsvoll schaute er Ylvie an. »Falls Sie mit der Familie herkommen möchten.«

»Ich bin alleine«, sagte Ylvie kurz.

Er nickte. »Dann noch einen schönen Abend. Und ich wünsche Ihnen einen guten Start bei der Arbeit.«

»Danke«, sagte Ylvie. »Auf Wiedersehen.« Sie schlüpfte in ihre Jacke und ging hinaus auf den Parkplatz.

*

Die Möbelpacker waren gerade fertig geworden, als Ylvie in ihrer neuen Wohnung ankam. Gemeinsam gingen sie mit ihr durch die Räume und fragten, ob alles okay sei. Das war es. Die Männer hatten gute Arbeit geleistet, und Ylvie war erfreut und dankbar, wie gut alles geklappt hatte. Sie bedankte sich, gab jedem ein großzügiges Trinkgeld und wünschte ihnen eine gute Heimreise.

Endlich schloss sie die Tür hinter ihnen, schlüpfte aus ihren Pumps und ging noch einmal langsam und in aller Ruhe durch die Wohnung. Die Räume waren großzügig geschnitten. Die Wohnung war deutlich größer als ihre vorherige in München, die Miete betrug aber nicht einmal die Hälfte. Die Fenster würden bei Tageslicht eine fantastische Aussicht auf das Wattenmeer bieten. Heute war es leider bereits dunkel. Es gab einen kleinen Balkon, und sie freute sich schon darauf, ihn im Sommer zu nutzen.

Auf dem Esszimmertisch stand ein Geschenkkorb. Erstaunt zog Ylvie die violette Schleife auf und entfernte die durchsichtige Geschenkfolie. Herzlich willkommen!, stand auf einer Karte, die unterschrieben war von ihren zukünftigen Kolleginnen und Kollegen. Die Mitarbeiter der Friesenklinik freuen sich auf die Zusammenarbeit mit dir, stand darunter. Ylvie fühlte sich gerührt. Mit so einer netten Geste hatte sie nicht gerechnet.

In dem Korb befanden sich ein Paar gelbe Gummistiefel, worüber Ylvie herzlich lachte. Die würde sie bei ihren Wattwanderungen sicherlich gut gebrauchen können. Die Größe stimmte sogar, was Ylvie etwas verwunderte. Sie hatte verhältnismäßig kleine Füße und trug Größe 36. Dazu gab es ein paar norddeutsche Spezialitäten: Sanddorngelee, Schietwettertee und eine kleine Flasche Aquavit.

Sie beschloss, bald einen kleinen Einstand zu geben, um sich bei den künftigen Kollegen zu revanchieren.

Die Umzugskartons standen sorgfältig beschriftet im Wohnzimmer. Ylvie öffnete Schränke, zog Schubladen auf und überlegte, wo sie welche Habseligkeiten verstauen und einräumen würde. Sie beschloss, das auf morgen zu verschieben. Für heute Abend suchte sie nur ihre Kosmetiktasche und einen Pyjama heraus.

Sie stellte sich unter die Dusche, seifte die Anstrengung des Tages von sich ab, föhnte ihr langes, blondes Haar und cremte sich mit einer duftenden Lotion ein. Dann bezog sie ihr Bett und schlüpfte unter die warme Decke.

Im Dunkeln lauschte sie den Geräuschen. Ein Auto fuhr an ihrem Haus vorbei, zwei Männer unterhielten sich draußen miteinander, einer lachte, dann war alles still.

Sie stellte sich vor, wie sie im Sommer bei geöffnetem Fenster schlafen würde und von Möwengeschrei und Meeresrauschen geweckt wurde.

Etwas schabte an ihrer Haustür.

Erschrocken setzte sich Ylvie auf. Selbst der neugierigste Nachbar würde kaum auf die Idee kommen, nach zweiundzwanzig Uhr zu prüfen, wer in die leerstehende Wohnung eingezogen war. Sie wartete eine Weile, dann hörte sie, wie unten die Eingangstür zugeschlagen wurde.

Ylvie schlüpfte aus dem Bett und spähte aus dem Fenster, aber die Straße war menschenleer.

Als sie in den Flur schaute, sah sie etwas auf dem Boden liegen. Jemand hatte einen Flyer unter ihrer Tür durchgeschoben. Kinder des Watts, stand in Großbuchstaben auf der Vorderseite. Ylvie klappte den Flyer auf.

Auf der Innenseite waren fröhlich lachende Menschen abgebildet. Hand in Hand liefen sie barfuß durch das Wattenmeer. Komm zu uns, stand darüber. Jeder ist willkommen.

Auf der Rückseite standen Termine verschiedener Wochenmärkte in der Region, wo die Kinder des Watts selbst hergestellte Produkte verkauften: Schmuck, Nahrungsmittel, Kunsthandwerk.

Es musste sich um die Gemeinde handeln, von der Björn gesprochen hatte. War ihr der Mann mit der Essensbox etwa hierher gefolgt? Nur, um ihr einen Flyer unter der Tür durchzuschieben? Bestimmt nicht.

Ylvie legte den Flyer in die Schublade ihres Nachttisches und überlegte, ein Buch aus einem der Kartons herauszusuchen und noch ein bisschen zu lesen, aber sie war so müde, dass ihr bald die Augen zufielen.

4

Frische, nach Salz riechende Luft strömte in Ylvies Wohnung, als sie am Morgen die Fenster öffnete. Eine blassgelbe Sonne schien von einem blauen Himmel. Weit lehnte sie sich hinaus: Da war es, das Meer. Was für ein Privileg, dachte sie, täglich morgens aufzuwachen und diesen Ausblick genießen zu dürfen!

Ylvie schlüpfte in ihren Bademantel und kochte sich eine Tasse Tee. Sie trank ihn in der offenen Balkontür stehend, im Morgenmantel und in ihren Pantoffeln, bis es ihr zu kalt wurde.

In der Küche röstete sie Toastbrot und bestrich die Scheiben mit dem köstlichen Sanddorngelee aus ihrem Geschenkkorb.

Nach dem Frühstück machte sie sich im Bad zurecht und legte ein leichtes Make-up auf. Ihre Haarmähne bändigte sie mit einem breiten blauen Haarband.

Sie betrachtete die Umzugskisten und dachte: Ihr werdet mir schon nicht davonlaufen. Sie würde den Vormittag nutzen, um das schöne Wetter zu genießen und ein bisschen die Gegend zu erkunden.

Aus einer der Kisten kramte Ylvie ihre Wanderbekleidung heraus – warme Unterwäsche, eine dunkelblaue Funktionshose und einen Fleecepullover, wollene, von ihrer Mutter gestrickte Strümpfe und eine wind- und wasserdichte Jacke. Kurz beäugte sie die Gummistiefel, aber dann entschied sie sich für ihre Wanderschuhe. Mit ihnen würde sie besser laufen können.

Es waren nur wenige Meter bis zum Strand. Der Wind blies ihr das Haar aus dem Gesicht, und sie dachte, dass sie bestimmt kalte Ohren bekommen würde.

Ein beeindruckender Anblick empfing sie auf der Spitze des Deichs. Die Nordsee breitete sich majestätisch vor ihr aus. Gerade herrschte Flut. Wütend schlugen die Wellen gegen den Deich, mit rhythmischer Gleichmäßigkeit, als wollten sie sich anstrengen, ihn zu brechen. Gischt spritzte in die Luft und hinterließ einen feinen Nebel auf Ylvies Haut.

Sie schloss die Augen. Das Rauschen der Wellen, das Pfeifen des Windes und der Geruch des Meeres gaben ihr neue Energie. Die mächtige Landschaft ließ sie sich klein und unbedeutend fühlen, aber auch glücklich und bescheiden.

Sie spazierte den Deich entlang. Während sich auf der einen Seite das schimmernde Meer bis zum Horizont erstreckte, lagen auf der anderen Seite grüne Wiesen mit einzelnen Tupfern von bunten Wildblumen.

Möwen jagten kreischend über den Strand, stritten miteinander um ihre Beute. Vielleicht würde sie irgendwann einmal sogar eine Robbe in freier Wildbahn sehen. Das wäre schön.

Es gab etliche, jetzt außerhalb der Touristensaison geschlossene Strandkioske. Bestimmt bereitete es im Sommer Freude, Familien beim Sandburgenbauen oder Muschelsuchen zu beobachten, aber momentan genoss sie die entspannte Ruhe.

In der Ferne entdeckte sie kleinere Inseln. Sie nahm ihr Handy zu Hilfe und identifizierte sie als Wangerooge und Spiekeroog.

Bis in die nächste Ortschaft Bensersiel zu laufen, war ihr für heute zu weit. Sie beschloss, umzukehren und den hübschen Kutterhafen in Neuharlingersiel zu besuchen, bevor sie nach Hause zurückkehrte und sich an die ungeliebte Arbeit machte, ihre Habseligkeiten aus den Umzugskisten zu sortieren und in die Schränke einzuräumen.

*

Der Rückweg führte sie durch gewundene Sträßchen, vorbei an reetgedeckten Häusern. Alle Menschen, die ihr begegneten, grüßten freundlich.

Im Stadtzentrum kam sie an kleinen, schnuckeligen Cafés vorbei, aus denen es nach Tee und gebackenem Kuchen roch.

Auf dem Flyer in ihrer Schublade hatte sie gelesen, dass am Samstag der Wochenmarkt in Neuharlingersiel stattfand. Schon von Weitem sah sie die Verkaufsstände am Kutterhafen. Das war die perfekte Gelegenheit, ein paar Einkäufe für das Wochenende zu tätigen, und die regionale Szene besser kennenzulernen.

Als sie den Markt betrat, wurde sie sofort von einer lebhaften Atmosphäre empfangen. Die Stände waren bunt dekoriert, und die Verkäufer boten laut rufend ihre Waren feil. Der Duft von gebackenem Brot lag in der Luft und vermischte sich mit dem erdigen Aroma von frischem Gemüse. Ylvie lächelte, als sie die Vielfalt der Produkte sah: verschiedene Sorten Zwiebeln, üppige Salatköpfe, leuchtend bunte Radieschen und knackige Karotten und eine Auswahl an Kräutern in bunten Töpfen.

Eine ältere Frau bot selbst gestrickte, wunderschöne Wollmützen an. Ylvie suchte sich eine blau melierte Mütze aus. »Die hätte ich heute Morgen schon gebraucht«, sagte sie und zupfte lachend an einem ihrer kalten Ohrläppchen. Die Verkäuferin bot ihr einen Spiegel an, in dem sich Ylvie mit der neuen Mütze stolz betrachtete.

Sie schlenderte von Stand zu Stand und ließ sich von den Farben und Gerüchen verzaubern. Die Standverkäufer boten großzügig ihre Leckereien zum Probieren an. Ylvie kaufte eingelegten Schafskäse, geräucherte Wurst und Holzofenbrot. Der freundliche Brotverkäufer schenkte ihr mit breitem Lächeln eine Tüte, in die sie ihre Einkäufe verstauen konnte.

An einem Stand mit frischem Fisch kaufte sie ein Fischbrötchen und ließ es sich einpacken. Sie würde es nachher zu Hause essen. Dann kaufte sie noch Halsbonbons und zwei Tüten losen Tee samt Kandiszucker und Sahne.

Am letzten Verkaufsstand in der Reihe fiel ihr ein Junge auf, der ohne Schuhe zwischen den Marktbesuchern herumlief. Ein Kind des Watts wahrscheinlich.

»Ist es heute nicht ein bisschen zu kalt zum Barfußlaufen?«, fragte sie ihn.

Erschrocken schaute der Junge sie an. Er hatte ein hübsches Gesicht, und sein Haar war gekämmt, aber unordentlich geschnitten, als hätte er selbst eine Schere zur Hand genommen. Er trug eine Jeanshose mit abgeschnittenen Beinen und ein langärmeliges Hemd, das ihm eine Nummer zu groß zu sein schien. Sie schätzte ihn auf sechs oder sieben Jahre.

Der Junge flitzte davon und versuchte, sich hinter dem letzten Verkaufsstand zwischen einer jungen Frau und einem bärtigen Mann zu verstecken.

Ylvie trat näher. »Ich wollte dich nicht erschrecken«, sagte sie.

»Ist sie das?«, fragte der Junge, anstatt zu antworten, und schaute zu der Frau hoch. Sie war sehr hübsch, mit glattem, dunkelbraunem Haar bis zur Taille, und sie trug ein ähnliches Hemd wie der Junge. Sie schaute auf und lächelte. »Guten Tag«, sagte sie. »Möchten Sie vielleicht eine unserer Marmeladen probieren?«

»Mama, ist sie das?«

»Pssst!«, sagte die Frau. Dann wandte sie sich wieder an Ylvie. »Diese Halskette würde bestimmt gut an Ihnen aussehen«, sagte sie. Auf dem einfachen Tapeziertisch, der den Leuten als Verkaufstisch diente, lagen Schmuckstücke aus Muscheln. Die Sachen sahen recht hübsch, aber für Ylvies Geschmack zu schlicht aus. Zusätzlich verkaufte die Familie Räucherfisch, eingelegten Hering und eingekochtes Obst und Gemüse. Zuletzt entdeckte Ylvie den Stapel Flyer auf dem Tisch. Kinder des Watts. Es war derselbe Flyer wie in ihrer Nachttischschublade.

»Ich glaube nicht, dass sie mir stehen würde«, sagte sie.

»Bei uns bekommen Sie nur erstklassige, handgefertigte Ware«, sagte die Verkäuferin mit beleidigtem Unterton.

»Ich würde gerne ein Glas eingelegten Hering kaufen«, sagte Ylvie. Tatsächlich war sie kulinarisch bereits bestens versorgt für das Wochenende, aber sie wollte die Frau nicht verletzen, die sehr stolz auf ihren Schmuck zu sein schien.

Während die Verkäuferin die Heringe in eine Tüte packte, spähte Ylvie über den Verkaufstisch. Der Junge saß im Schneidersitz auf einer alten Decke auf dem Boden. Das war nur wenig besser, als die ganze Zeit auf dem kalten Straßenpflaster herumzulaufen. Die beiden Erwachsenen trugen ebenfalls keine Schuhe. Ylvie rang mit sich; sollte sie die Eltern darauf ansprechen, für wie wichtig sie wärmendes und gutes Schuhwerk bei Kindern hielt? Aber sie hielt sich zurück. Sie wollte es sich nicht gleich am ersten Tag mit jemandem verscherzen. Davon abgesehen sah der Junge, der sie neugierig, aber schüchtern betrachtete, kerngesund aus.

Die Frau steckte einen Flyer in die Tüte. »Bitte kommen Sie doch zu unserem Gottesdienst«, sagte sie. »Er findet immer freitagabends statt.«

»Ich werde sehen«, sagte Ylvie.

Der Bärtige hinter dem Verkaufstisch hatte die ganze Zeit geschwiegen. Als Ylvie ihn betrachtete, begann er die Waren auf dem Tisch hin und her zu räumen, als wollte er Desinteresse signalisieren.

Ylvie nahm die Tüte und verabschiedete sich. Nach einigen Metern drehte sie sich noch einmal um. Sie bemerkte, wie schäbig und wie einfach der Verkaufstisch der Kinder des Watts gegenüber den anderen, über und über mit Waren bestückten Tischen der anderen Stände aussah. Und sie registrierte, wie die Familie die Köpfe zusammensteckte und Ylvie hinterherschaute. Eindeutig redeten sie über sie.

Ist sie das? Mama, ist sie das?

Der Junge musste sie mit jemandem verwechselt haben. Oder war das Ankommen einer neuen Ärztin in Neuharlingersiel denn so eine große Neuigkeit, dass selbst die Kinder des Küstenstädtchens Bescheid wussten? Das konnte sich Ylvie eigentlich nicht vorstellen.

*

Den Rest des Wochenendes widmete sich Ylvie ihrer Wohnungseinrichtung. Sie wischte Schränke aus, räumte ihre Sachen ein, hängte Bilder auf und rief ihre Eltern und Bekannten an, um ihnen mitzuteilen, dass sie gut in Ostfriesland angekommen war. Sie ließ sich die Leckereien vom Markt schmecken und nahm sich vor, am kommenden Samstag gleich wieder den leckeren Schafskäse zu besorgen.

Die Begegnung mit den Kindern des Watts ging ihr nicht aus dem Kopf. Etwas machte ihr zu schaffen, aber sie kam nicht darauf. Warum war der Junge so erschrocken weggerannt, als sie ihn ansprach? Für eine solch kindliche Reaktion war er eigentlich zu alt gewesen.

Ist sie das? Mama, ist sie das?

Seine kleinen, nackten, rosa Fußsohlen: Woran erinnerte sie das?

Und vor allen Dingen: Wer hatte den Flyer unter ihrer Tür durchgeschoben und warum?

*

Am Montagmorgen, ihrem ersten Arbeitstag, war Ylvie nervös und gleichzeitig voller Vorfreude. Sie gönnte sich ein herzhaftes Frühstück, flocht ihre Haare zu einem französischen Zopf, schnappte ihre Tasche und machte sich auf den Weg.

---ENDE DER LESEPROBE---