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Rangy Turner, ein gutaussehender und begnadeter Hollywood -Schauspieler auf dem Weg ganz nach oben, lebt zusammen mit seiner Frau Bianca und ihren drei Kindern ein Leben, von dem viele nur träumen. Trotz erfolgreicher Jahre im Filmgeschäft bemerkt der charismatische Rangy eine wachsende innere Unzufriedenheit. Eines Tages freundet er sich mit dem obdachlosen Bob in Venice Beach am Boardwalk an, was nach und nach zu drastischen Auswirkungen in seinem Leben führt.
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Seitenzahl: 346
Veröffentlichungsjahr: 2017
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For Travis
DANKE * THANKS * KIA ORA
Christina, Melanie, Rick, Travis
and to all the homeless people in Venice Beach, CA
*
Ein ganz besonderer Dank geht an Manfred,
der dieses Buchcover meinen
Vorstellungen entsprechend gestaltet hat.
*
Sämtliche Fotos gehören Anzy Heidrun Holderbach
und unterliegen dem Copyright.
*
Die Handlungen und Personen in diesem Buch sind frei
erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits
gestorbenen Personen sind rein zufällig.
All events and people are fictional.
Any resemblance to person living or dead
is purely coincidental.
*
Rangy Turner fühlte sich immer unwohl, wenn er einen Anzug, und vor allem eine Krawatte oder Fliege tragen musste. Aber sein Job verlangte das eben manchmal von ihm, was er allerdings jedes Mal wie einen Verrat an seiner persönlichen Freiheit empfand. Und dennoch wusste er auch, dass er außer Klatsch und Tratsch sowie unverständlichen, bis hin zu abfälligen Blicken wahrscheinlich nichts weiter zu befürchten hätte, wenn er sich bei solchen offiziellen Anlässen etwas legerer kleiden würde. Trotzdem biss er jedes Mal wieder in den sauren Apfel und zog sich entsprechend an, denn seine Frau Bianca war diesbezüglich vollkommen anderer Meinung, und das, was ihn zu Hause erwarten würde, sollte er es wagen sich nicht in Schale zu werfen, hatte er bereits zu Beginn ihrer Beziehung zu genüge erfahren dürfen. Rangy war von Natur aus ein friedliebender Mensch, und Disharmonie verursachte ihm immer Magenschmerzen, weshalb er es seither vorzog sich den Wünschen seiner Frau in Sachen Kleidung zu fügen, zumindest bei solchen Veranstaltungen wie dieser, auf der sie gerade zugegen waren.
Rangy wurde aus seinen Gedanken gerissen, als ihn seine Frau kurz in die Seite knuffte, weil er dem Fotografen, der sich schon in Position gestellt hatte, freundlich in die Kamera lächeln sollte.
Kurz war er selbst darüber erschrocken, wie automatisch und fast emotionslos er ein solches Grinsen inzwischen aufsetzen konnte, und alle Welt ihm abnahm, dass er dieses Bad in der Menge genießen würde.
Es war nicht so, dass er schlecht gelaunt war, im Gegenteil, er war sogar ziemlich gut gelaunt, und er hatte auch Spaß mit seinen Kollegen, aber vor allem war er glücklich darüber, dass dieser Film ein echter Erfolg werden sollte. Alle Kritiken sprachen dafür, und die Leute waren wohl schon ganz heiß auf diesen Streifen, in dem er eine der Hauptrollen spielte.
Rangy konnte zwar immer noch nicht wirklich verstehen, was die Menschen an Phantasyfilmen so derart begeisterte, dass sie schon Wochen im Voraus Tickets für die Vorstellungen bestellten. Aber eigentlich war ihm das auch egal, er hatte einen Job, den er anscheinend auch ganz ordentlich machte, und das gab ihm ein ausreichend gutes Gefühl.
Das Drehen machte ihm meistens viel Spaß, und er kam im Großen und Ganzen immer sehr gut, sowohl mit seinen Schauspielerkollegen, als auch mit den anderen Leuten vom Filmteam aus. Doch diese offizielle Präsentationsphase der Filmproduktionen mochte er allerdings wirklich nicht besonders. Und nach wie vor war es Rangy völlig unbegreiflich, dass Menschen so abartig ausrasten konnten, wenn sie ihre Filmstars live zu Gesicht bekamen. Das Schlimmste am Roten Teppich war für ihn der ganze Lärm, den die Fans und auch einige Reporter dort verbreiteten. Sein Körper mochte das irgendwie überhaupt nicht, und er musste innerlich immer ein wenig dagegen ankämpfen, nicht einfach zu flüchten. Auch die ganze Fragerei in den Interviews nervte ihn ziemlich, weil es kaum Fragen gab, die er interessant fand. Es langweilte ihn, aber es gehörte eben dazu, und deshalb riss er sich zusammen und tat sein Bestes. Und da unterschied sich das Event auf dem Roten Teppich hier in Los Angeles nicht wesentlich von dem irgendwo anders auf der Welt.
Das, was Rangy bei diesen Events noch am meisten Spaß machte, war das gesellige Beisammensein im Anschluss an den Lauf über den Roten Teppich. Da konnte er wieder durchatmen, das Jackett ausziehen, und auch seine Krawatte fand dann schnell den Weg in die Anzugjackentasche.
Für Bianca dagegen, war der Rote Teppich DAS Ereignis überhaupt, und Rangy fragte sich so manches Mal, ob seine Frau möglicherweise nur deshalb im Filmbusiness war, um sich nach getaner Arbeit in diesem Rampenlicht zeigen zu können. Sie genoss das Bad in der Menge voll und ganz, und je mehr Blitzlichtgewitter auf sie gerichtet waren, desto mehr blühte sie auf. Bianca lechzte förmlich danach Interviews zu geben, und man konnte ihr regelrecht ansehen, dass sie diese Aufmerksamkeit brauchte. Ja, es berauschte sie fast, und Rangy fühlte sich in solchen Momenten neben ihr, als käme er von einem anderen Stern.
Nicht, dass sie ihn dabei vergaß und so tat, als wäre er nicht da. Nein, ganz im Gegenteil, sie bezog ihn so sehr in alles ein, dass er sich schon ab und zu gefragt hatte, ob sie ihn wirklich so gut kannte, wie er eigentlich dachte.
Bianca sah umwerfend aus in ihrem gewagt hochgeschlitzten, hautengen, roten Kleid und den wirklich hohen High Heels, und ihre schwarze Kurzhaarfrisur sah trotz der Strenge keck und verführerisch aus.
Rangy liebte seine Frau, und er musste manches Mal schmunzeln, wenn er sie so im Rampenlicht aufblühen sah, und er fragte sich plötzlich, wieso sie eigentlich ausgerechnet ihn ausgewählt hatte, obwohl sie schon von Anfang an wusste, dass er ihre Art des Ehrgeizes nicht teilte.
Sicher, er wollte auch gutes Geld verdienen und ein Dach über dem Kopf haben, und es beruhigte ihn ungemein zu wissen, dass es auch ihren drei Kindern an nichts fehlte, aber es blieb für ihn weiterhin ein Rätsel, was seine Frau und ebenso die meisten seiner Kollegen an diesem Rummel um ihre Person so erstrebenswert fanden.
Rangy atmete tief durch und beantwortete die vielen belanglosen Fragen der Journalisten freundlich und professionell, und er war froh darüber, dass er über die Jahre hinweg gelernt hatte diese Fragerei relativ entspannt über sich ergehen zu lassen, dabei stets höflich zu bleiben und ein paar coole und witzige Sprüche parat zu haben, welche die Reporter amüsierten und das Ganze etwas auflockerten.
Später stand Rangy dann mit einigen seiner Filmkollegen zusammen und trank, wie die anderen auch ziemlich viel Bier. Sie waren bald alle gut angetrunken und hatten eine Menge Spaß. Sie erzählten sich eine lustige Begebenheit nach der anderen, hauptsächlich von den Dreharbeiten und lachten dabei lauthals.
Bianca amüsierte sich währenddessen in einer Runde von drei Produzentinnen und reichlich Champagner, den sie dabei alle vier sichtlich genossen.
Bianca hatte zwar in New York Schauspiel studiert, war aber mittlerweile vor allem eine sehr engagierte Produzentin geworden. Oftmals war sie in einer Produktion sogar beides, und deshalb zeitlich auch sehr eingespannt. Doch Bianca schien diesen Stress zu lieben, ja regelrecht zu brauchen.
Rangy sah zu ihr hinüber, und sie lächelten sich an. Er fühlte, dass er sie immer noch sehr begehrte, und das erwärmte wohltuend sein Herz. Gegensätze ziehen sich wohl doch an, dachte er dabei und prostete ihr zu. Sie erhob ihr Glas ebenfalls und schickte ihm noch eine Kusshand hinterher.
Bianca musste unwillkürlich leise kichern, und sie erwischte sich dabei, wie sie an letzte Nacht dachte, als sie zusammen gekommen waren. Seine Leidenschaft brachte sie auch nach so vielen Jahren immer noch derart in Wallung, dass sie sich scherzhaft fragte, ob er ihr vielleicht heimlich abends einen Liebestrank verabreichte.
Obwohl Bianca fand, dass ihr Mann sich oftmals besser kleiden sollte, liebte sie seine Natürlichkeit sehr. Ja, sie tat ihr sogar unwahrscheinlich gut. Sie beruhigte sie irgendwie und legte sich wie ein kühlendes Tuch um ihr inneres Gehetzt sein und die dadurch permanent entstehende Hitze, welche auf Dauer bestimmt nicht gut für ihr Herz war.
Rangy sah irgendwie immer umwerfend gut aus, ganz egal was er anhatte, oder auch, beziehungsweise gerade dann, wenn er gar nichts anhatte. Bianca kannte sonst niemanden in ihren Kreisen, der auch nur annähernd so ein natürliches Charisma besaß und dabei auch noch vollkommen bescheiden war. Sie wusste, dass ihr Mann weder eingebildet noch eitel war, obwohl er das wirklich hätte sein können, und das nicht nur wegen seines Aussehens. Er war ein begnadeter Schauspieler, dessen Talent mittlerweile schon großes Aufsehen erregt hatte. Er war auf dem besten Weg einer der ganz Großen zu werden, und sie würde ihm dabei helfen das zu erreichen. Sie würde ihn an die Spitze bringen, und sie würde an seiner Seite ebenfalls weltberühmt werden.
Bianca war durchaus bewusst, dass Rangy sich ihr zuliebe zu offiziellen Anlässen in Schale schmiss, und sie liebte ihn dafür noch umso mehr. Seine schulterlangen, immer irgendwie leicht ungekämmt aussehenden, dunkelblonden Haare hatte er wie meist zu einem Zopf nach hinten zusammengebunden, was seine wunderschönen, strahlend blauen Augen nur noch mehr zum Vorschein brachte.
Bianca verabschiedete sich von ihrer Gesellschaft, ging zu ihrem Mann hinüber und zog ihn lächelnd mit zum Buffet, das üppig beladen und sehr lecker aussah. Rangy stellte sein leeres Glas auf einem der dafür vorgesehenen Tabletts ab und holte für sich und seine Frau jeweils einen Teller.
Später in der Nacht schlief Bianca schon eine ganze Weile, während Rangy immer noch keinen Schlaf finden konnte. Ihr Arm lag auf seinem nackten Bauch, und er spürte ihren gleichmäßigen Atem an seinem Oberarm.
Schließlich gab er auf und schälte sich vorsichtig aus dem Bett, und es gelang ihm tatsächlich sie dabei nicht zu wecken. Barfuß stieg er leise die Treppe hinunter und ging durchs Wohnzimmer auf die großzügige Terrasse hinaus.
Zunächst lehnte sich Rangy mit dem Rücken ans Geländer. Er ließ seinen Blick an ihrem Haus vorbeischweifen und dachte dabei, dass er in seinem Leben bis jetzt wirklich Glück gehabt hatte. Er war mit einer gutaussehenden und klugen Frau verheiratet, die er liebte und mit der er drei wunderbare Kinder hatte, die er ebenfalls über alles liebte. Er hatte eine abwechslungsreiche, interessante Arbeit, bei der er mittlerweile richtig viel Geld verdiente. Zusammen hatten sie sich dann vor ein paar Jahren dieses wunderschöne Haus gekauft, was zwar inzwischen auch aufgrund von äußeren Umständen unumgänglich geworden war, denn ihr wachsender Bekanntheitsgrad hatte es dringend notwendig gemacht sich ein Haus mit einer sicheren Umzäunung zuzulegen.
Sie hatten nun auch viel mehr Platz, sowohl im, als auch ums Haus herum. Die Terrasse war riesig, und der Swimmingpool eine echte Pracht, was nicht nur den Kindern viel Spaß bereitete. Die Aussicht hier oben in den Hollywood Hills über die Stadt Los Angeles war gigantisch, und man konnte sogar noch in der Ferne das Meer erblicken.
Das weiße Ledersofa und die dazugehörigen vier Sessel, der Couchtisch mit dem eingelassenen Schachbrett, die hochwertige Kücheneinrichtung, sowie der übergroße Flachbildfernseher hatten sie von den Vorbesitzern übernommen, was vor allem Bianca besonders gut gefiel. Rangy machte sich nicht sehr viel aus schicken Möbeln, ihm reichte es, wenn es vor allem gemütlich war. Aber es störte ihn auch nicht, dass ihr Haus so schick möbliert und wertvoll ausgestattet war. Es war eben so, und er konnte es auch durchaus genießen. Am besten gefiel ihm die weite Terrasse und der große, offene Kamin im Wohnzimmer.
Rangy drehte sich um und ließ seinen Blick über das schier endlose Lichtermeer der Stadt streifen und atmete dabei ein paar Mal tief durch.
Irgendwie fühlte er sich genervt, ja fast traurig, und das passte ihm überhaupt nicht, zumal es ganz besonders an solch einem Tag wie heute doch nun wirklich keine Veranlassung dazu gab. Er hatte allen Grund über den gelungenen Film glücklich zu sein. Und er sollte stolz auf sich und seine erbrachte Leistung sein, denn offenbar hatte er seinen Job wirklich gut gemacht. Er fand seinen Zustand seltsam, denn vorhin auf der Feier war er noch ziemlich gut gelaunt gewesen.
Doch irgendwie wollten sich diese Gefühle von Glück und Zufriedenheit einfach nicht wieder einstellen, und er schämte sich deshalb fast ein wenig, weil er sich so undankbar vorkam. Und noch schlimmer, es war ihm fast gleichgültig, und er fühlte sich ein wenig verloren.
Nach einer Weile rappelte sich Rangy dennoch zusammen und ging wieder hinein.
Er trank noch ein Glas Wasser und legte sich danach zurück ins Bett, wo er schließlich nach kurzer Zeit dann doch noch den ersehnten Schlaf fand.
Am nächsten Morgen herrschte wie immer um diese Zeit bereits ein geschäftiges Treiben in der Küche, als Rangy dazukam.
Er hatte dann doch noch relativ gut geschlafen und fühlte sich ausgeruht. Er setzte sich an den reichlich gedeckten Tisch, während Elena, ihre älteste Tochter, wobei sie streng genommen eigentlich nur Biancas leibliches Kind war, Rangy hatte sie kurz nach der Heirat adoptiert, mit vollem Mund aufstand und ihr Handy suchte. Elena war Bianca wie aus dem Gesicht geschnitten und mit ihren siebzehn Jahren schon ziemlich erwachsen. Rangy kam gut mir ihr klar, und für ihn gab es keinen Unterschied zwischen ihr und seinen beiden jüngeren leiblichen Kindern Joey und Kimberly. Elena gehörte genauso zur Familie wie alle anderen auch. Er fand es für sie nur sehr schade, dass sie keinen Kontakt zu ihrem biologischen Vater hatte, denn dieser hatte anscheinend keinerlei Interesse daran seine Tochter kennenzulernen. Rangy wusste, dass Elena deshalb manchmal sehr traurig war und sich auf eine schmerzhafte Art einsam fühlte. Obwohl er sich das aufgrund mangelnder Selbsterfahrung nur vorstellen konnte, wie es in ihr aussehen mochte, spürte er dennoch, dass ihm dieses Gefühl der Einsamkeit seltsamerweise nicht fremd war.
Elena hatte ihr Handy inzwischen gefunden und setzte sich wieder zu ihnen an den Tisch zurück und nippte an ihrem Orangensaft.
„Kommt, los, beeilt euch! Ihr seid alle spät dran!“, stellte Bianca wie meistens um diese Uhrzeit fest und sah dabei einmal sowohl auf die Küchenuhr über der Tür, als auch streng in die Runde.
Da läutete die Hausglocke, und Bianca wurde noch energischer: „Kinder! Beeilung, jetzt! Der Chauffeur ist da!“
Wie auf Kommando standen Elena, Joey und Kimberly auf und riefen der Reihe nach: „Bye, Mum! Bye Dad!“, während sie sich in Richtung Haustür bewegten, wo ihre Schultaschen schon bereitstanden.
Bianca rief ihnen: „Bye meine Lieben! Passt auf euch auf!“ und Rangy: „Habt einen schönen Tag!“ hinterher.
Dann schnappten sich die Kinder ihre Taschen und verließen schnell das Haus.
Bianca sah Rangy kurz darauf eindringlich an und sagte, allerdings etwas ruhiger: „Und du, du musst dich auch beeilen! Du weißt, dass Blake nicht gerade entzückt darüber ist, wenn jemand zu spät kommt! Vor allem nicht am ersten Drehtag...“
Rangy schob sich eine Gabel voll mit Rührei und Speck in den Mund und murmelte dabei: „Hm, ich weiß... Ich bin schon unterwegs!“
Rangy hasste es schon morgens einen Termin zu haben. Er war der geborene Nachtmensch, und er verstand nicht, warum man um alles in der Welt an einem Studiodrehtag so früh anfangen musste. Es war nicht unbedingt das frühe Aufstehen, was ihn nervte, er war morgens einfach nicht so leistungsfähig wie nachmittags oder abends, und daher strengte es ihn, egal was zu tun war, einfach viel mehr an.
Aber es war nun mal so, und Blake hatte ihn für diesen neuen Film in einer Hauptrolle engagiert, und er hatte zugesagt, also musste er eben hin. Und er wollte diesen Film ja auch wirklich gerne machen, obwohl ihm seine neue Rolle noch etwas fremd war, trotz der Tatsache, dass das Drehbuch gut geschrieben war und sein Charakter auch sehr ausführlich darin beschrieben wurde. Aber einen Priester hatte er noch nie zuvor gespielt, und er hatte auch im echten Leben noch keinen Geistlichen näher kennengelernt, weshalb er etwas unsicher darüber war, ob er es dieses Mal auch wieder so leicht haben würde, wie bei den beiden letzten Produktionen, wo ihn die Rolle quasi wie von selbst getragen hatte. Dieses Getragensein passierte ihm immer dann, wenn er den Typen mochte, den er verkörpern sollte, und er hoffte sehr, dass er sich in die kommende Rolle ebenso gut, und vor allem schnell und zuverlässig hineinversetzen konnte, sodass er sie authentisch genug rüberbringen würde.
Rangy nahm noch einen Schluck Kaffee, während er aufstand um sogleich in den Eingangsbereich zu gehen. Bianca folgte ihm und sah ihm dabei zu, wie er seinen Schlüssel schnappte, während sich seine nackten Füße in die Flip Flops hangelten. Rangy gab seiner Frau noch schnell einen Kuss zum Abschied und verließ danach zügig das Haus.
Bianca stand noch einen Moment lang da und sah ihm durch die geschlossene Haustür hinterher, und fragte sich dabei schon gewohnheitsmäßig, wieso ihr Mann um alles in der Welt diese Dinger richtigen Schuhen vorzog. Flip Flops hatten in Biancas Augen, wenn überhaupt, nur am Strand etwas verloren. Sie wusste, dass Rangy am liebsten immer und überall nur barfuß sein wollte, und sie fand seine Füße auch durchaus schön genug, um sich zeigen lassen zu können, doch irgendwie konnte sie seinen Faible nicht wirklich nachvollziehen. Streit hatten sie deshalb noch keinen gehabt, denn Rangy wusste meistens schon was sich gehörte, und deshalb duldete sie seine Vorliebe, allerdings immer mit einem unverständlichen inneren Kopfschütteln.
Das, was Bianca viel mehr störte, war seine offene Art. Denn Rangy war schnell jedermanns, und vor allem jederfraus Liebling, obwohl er das selbst gar nicht so sah und auch überhaupt nicht anstrebte. Trotzdem war Bianca immer sehr unruhig, wenn er allein unterwegs war, und vor allem, wenn er ohne sie bei einem Filmprojekt engagiert wurde. Er spielte zudem seine Rollen so authentisch, dass sie immer rasend vor Eifersucht wurde, wenn sie eine Sexszene mit ihm und einer anderen Frau auf der Leinwand sah. Schon ein banaler Kuss reichte manchmal aus, dass sie fast ausflippte. Bianca vertraute ihrem Mann eigentlich schon, und er hatte bisher auch immer beteuert, dass er niemals fremdgegangen sei, und dennoch blieb dieses nagende Gefühl nach wie vor in ihr haften. Das war wohl das bittere Los, wenn man mit einem gutaussehenden und zudem humorvollen Mann verheiratet war, der obendrein noch ein unglaublich großes Herz hatte. Bianca hatte sich ja auch deshalb in ihn verliebt, warum sollte es anderen Frauen also anders gehen? Rangy sagte zwar dann stets, dass da ja auch immer zwei dazu gehörten, und dass er nur sie lieben würde. Und dennoch wusste Bianca nur zu gut, dass irgendwann auch einmal das erste Mal sein könnte. Deswegen war sie heilfroh, dass Rangy bei diesem neuen Projekt einen Priester spielte, was natürlich nicht wirklich eine hundertprozentige Garantie fürs Nicht-Fremdgehen war. Aber die gab es ja sowieso nicht.
Als Bianca schließlich wieder in ihrer Küche stand, nahm sie die Zeitung in die Hand und strahlte augenblicklich voller Stolz, als sie auf der Titelseite sich selbst neben ihrem Mann groß abgelichtet erblickte. Sie fand, dass sie wirklich wie ein unschlagbares, erfolgreiches, glückliches und sexy Ehepaar aussahen, weswegen sie die Eifersuchtsgedanken und ebenso die Flip Flops schnell wieder loswurde.
Dann atmete Bianca tief durch und griff nach ihrem Handy.
Rangy hatte noch nie viel für Kosmetik übrig gehabt, und das übliche Make-up Prozedere vor jedem Dreh nervte ihn. Aber es gehörte nun mal dazu, und er versuchte, während an ihm getupft und gezupft wurde, an etwas anderes zu denken, was allerdings nicht immer klappte, je nachdem wer gerade an ihm zugange war. Manchmal hatten die Make-up Leute morgens wohl anstatt Kaffee Babbelwasser zu sich genommen und quasselten in einem fort über Gott und die Welt, dass sich Rangy schon manches Mal gefragt hatte, wie man überhaupt nur so viele Wörter in so kurzer Zeit in seinem Kopf produzieren konnte. Meistens waren die Make-up Leute aber auch wirklich lustige Zeitgenossen, und er wurde durch ihren morgendlichen Redeschwall einfach mitgezogen und dadurch auch irgendwie wacher.
Gerade als eine der Assistentinnen ihm sein Priesterkostüm reichte, und er es sich über den Kopf stülpte, erschien Blake, der Produzent. Er strahlte, wie immer, eine ziemliche Hektik aus und seine grauen Haare schimmerten am Haaransatz schon verschwitzt. Blake war etwas korpulent, was allerdings durch seine recht ansehnliche Körpergröße etwas unterging. Er rieb sich kurz über seinen Vollbart und rückte die Brille zurecht.
Blake musterte Rangy von Kopf bis Fuß, dann sagte er schließlich, und das auch ziemlich eindringlich: „Da bist du ja endlich! Ich muss dir aber nicht sagen, wie wichtig dieser Film für uns ist, oder? Wir brauchen... Ich brauche absolute Zuverlässigkeit! Vor allem von dir! Hast du das kapiert?“
Rangy sah ihn an, und fragte sich, weshalb nur so viele Produzenten immer gleich so unangenehm sein mussten. Aber er antwortete ihm ruhig, denn er wollte, wie üblich, jeglichen Stress vermeiden, vor allem aber ganz besonders am Morgen.
„Klar, kapiert! Du kannst auf mich zählen!“
Blake nickte nur schnell und setzte, während er sich schon zum Gehen umdrehte, ein: „Darauf wette ich!“, hinten an.
Blake ließ die Türe offen stehen als er ging und rauschte schnell, und auch schon wieder mit dem Handy am Ohr davon.
Rangy sah ihm kurz kopfschüttelnd hinterher, nahm dann einen tiefen Atemzug und ließ den Rest seines Ankleidens brav über sich ergehen.
So vergingen die Tage, und Rangy kam mit seiner neuen Rolle ganz gut zurecht.
Mit was Rangy allerdings überhaupt nicht klarkam, war seine Nachtruhe. Die Schlafprobleme wurden immer heftiger, und er konnte sich nicht erklären warum das so war, denn er hatte bisher noch nie irgendwelche Schlafstörungen gehabt. Aber jetzt konnte er manchmal erst gar nicht einschlafen, und wenn er dann schlief, wachte er des Öfteren mitten in der Nacht auf und fand danach keine Ruhe mehr. Diese Unruhe war für ihn unerklärlich, denn er war immer noch davon überzeugt definitiv keinerlei Probleme zu haben, die das rechtfertigen würden. Auch kam in dem neuen Film nichts vor, was ihn über die Maßen belastete. Zudem gelang es ihm recht gut die Rolle zum Feierabend hin ausreichend hinter sich zu lassen, um wieder ganz Rangy zu sein.
Aber irgendetwas ließ ihn auch in dieser Nacht nicht zur Ruhe kommen.
Bianca schlief wieder einmal seelenruhig in seinem Arm, doch Rangy lag erneut wach da, dachte an dies und das, und versuchte dabei herauszufinden, was ihn um alles in der Welt nicht schlafen ließ.
Irgendwann nervte ihn das Ganze wieder so sehr, dass er, wie neulich schon, hinaus auf die Terrasse ging und seinen Blick über die Stadt schweifen ließ. Erneut fühlte er diesen merkwürdigen Zustand in sich, dass sich anfühlte, als wäre er traurig, aber er wusste partout nicht worüber er denn hätte traurig sein sollte. Er hatte nun wirklich alles, was man brauchte um glücklich zu sein. Und er war es wirklich, dessen war er sich absolut sicher.
Der nächste Morgen begann wie immer, und nachdem die Kinder das Haus verlassen hatten, stand Bianca auf und gab Rangy einen Kuss auf die Wange. „Und du musst dich auch beeilen! Blake macht mir die Hölle heiß, wenn du wieder zu spät kommst. Dieser Film wird dich definitiv in die A-Liste bringen. Also, Darling, bitte vermassel es nicht! Das ist deine Möglichkeit, deine Chance!“
Rangy sah sie kurz an und murmelte: „Ja, Honey, ich weiß...“
Für einen Moment lang war er von Biancas Worten richtig genervt, weshalb er heute schneller als sonst seine Schlüssel und Flip Flops schnappte, ihr den Abschiedskuss gab und das Haus verließ.
Der Drehtag heute war anstrengend, denn sie drehten im Freien in der prallen Sonne, und es war ziemlich heiß. Rangy musste sich als Priester durch eine Menschenmenge kämpfen, die sich vor seiner Kirche versammelt hatte. Die Leute sollten in dieser Szene laut herumschreien und Rangy versuchen daran zu hindern aus der Kirche zu gelangen.
Der Lärm und die Hitze setzten Rangy ziemlich zu, und er fühlte sich den ganzen Tag über recht unwohl. Dennoch riss er sich zusammen und absolvierte das Drehpensum professionell, und auch Blake schien nicht gemerkt zu haben, dass er heute nicht auf der Höhe war.
Aber solche Tage gab es eben manchmal, und Rangy hakte es auch gleich wieder ab, als er nach dem Dreh im Auto saß und nach Hause fuhr. Er verbuchte diesen Tag unter 'Schlecht geschlafen ergibt einen schlechten Tag' und hatte es schon fast vergessen, als er daheim in den Hof hineinfuhr.
Es geschah am Ende eines der kommenden Wochenenden, als Rangy schweißgebadet aus einem Albtraum hochschreckte.
Er hatte von einer Filmpremiere geträumt, von Blitzlichtgewittern und kreischenden Fans. Er war mit Bianca zusammen den Roten Teppich entlanggelaufen und schließlich so derart von den Blitzen der Kameras geblendet gewesen, dass er gar nichts mehr erkennen konnte. Schließlich war der Lärm der Fans ohrenbetäubend und unerträglich laut geworden. Dann waren er und Bianca auf einmal bei einer Aftershow Party, die der letzten sehr ähnelte. Er hatte einen Drink in der Hand und stand bei einigen Kollegen, während Bianca Champagner schlürfend mit ein paar Frauen zusammenstand. Dann, ganz plötzlich, verwandelten sich alle Gesichter der Gäste in schreckliche, furchteinflößende, hässliche, fratzenhafte Masken, die ihn irrwitzig und verhöhnend auslachten.
Rangy rappelte sich vorsichtig auf und achtete sorgsam darauf, dass er dabei seine Frau nicht aufweckte.
Und wieder ging er barfuß hinunter, diesmal ins Wohnzimmer, wo er die Terrassentür leise öffnete. Ein milder, warmer Windhauch strömte ins Zimmer, und Rangy atmete ihn bewusst ein. Er liebte den Wind.
Zunächst lief er dann im Wohnzimmer auf und ab und versuchte sich irgendwie zu beruhigen, was ihm aber nicht besonders gut gelang. Dabei fuhr er sich mehrmals über sein unrasiertes Gesicht, denn zum Rasieren hatte er gestern und heute absolut keine Lust gehabt.
Ganz abgesehen davon gefiel es ihm manchmal einen Bart zu haben, aber es dauerte leider viel zu lange, bis der mal ordentlich lang war und nach was aussah. An einem Tag so und am anderen so, das wäre ganz nach seinem Geschmack. Die sogenannten Dreitagesbärte fielen für Rangy nicht in die Kategorie Bart.
Schließlich trat er hinaus auf die Terrasse, stellte sich wieder ans Geländer und starrte zum Pazifik hinüber, den man nachts allerdings nicht wirklich sehen konnte, aber Rangy wusste ja, dass er dort war, und er bildete sich ein ihn sogar über diese Distanz hinweg riechen zu können.
Rangy fühlte sich wie kurz vorm Platzen und bekam es einfach nicht hin sich zu beruhigen. Er zitterte förmlich vor Unruhe, und die Bilder, vor allem aber der unerträgliche Lärm aus seinem Traum waren noch so deutlich zu sehen, beziehungsweise zu hören, als wäre er noch mittendrin.
Wie von selbst ging Rangy schließlich ins Schlafzimmer zurück, zog sich leise seine schon etwas zerschlissene, schwarze Jogginghose und einen ebenso alten, schwarzen Kapuzenpulli an und verließ barfuß das Haus.
Er wusste nicht warum er das tat und wohin er überhaupt fahren sollte, aber er musste einfach raus.
Ziellos fuhr Rangy schließlich stundenlang durch die Straßen von L.A., bis er irgendwann in Venice Beach landete und sein Auto in der Windward Avenue abstellte.
Er stieg aus, zog die Kapuze über den Kopf und lief zum Strand hinunter. Am Meer angekommen, watete er erst einmal ins Wasser und ließ seine Füße vom kühlen Nass umspülen.
Danach hockte er sich und hin benetzte mit den Händen sein Gesicht.
Das salzige Nass gab ihm endlich etwas Erleichterung.
Kurz darauf lief noch ein wenig am Ufer entlang, sog einige Male die frische Meeresluft tief ein, bevor er sich irgendwann in den Sand setzte.
Endlich fühlte er sich wieder etwas besser und innerlich ruhiger. Erleichtert legte er sich auf den Rücken, blickte in die funkelnden Sterne hinauf und schlief sogar nach einer Weile ein.
Am nächsten Morgen erwachte Rangy durch das raue Krächzen eines Raben, der in unmittelbarer Nähe seinen Morgenspaziergang machte. Rangy war kurz irritiert und wusste erst gar nicht wo er war, doch dann fiel ihm alles wieder ein, und er musste etwas schmunzeln. Kurz darauf sah er sich prüfend um, denn er wusste, dass man am Strand eigentlich nicht übernachten durfte, aber anscheinend hatte ihn niemand bemerkt.
Beruhigt legte sich Rangy wieder hin und breitete seine Arme im Sand aus. Plötzlich bemerkte er, dass er sich richtig gut fühlte, so gut wie seit Langem nicht mehr, und er wunderte sich darüber, wieso das so war. Als dann aber keine sofortige Antwort zu ihm kam, stand er auf, klopfte sich den Sand aus den Klamotten, wusch sein Gesicht im Meer, zog seine Kapuze tief ins Gesicht und ging in Richtung öffentliche Toiletten.
Sorgsam achtete Rangy darauf, dass die Leute sein Gesicht nicht zu sehen bekamen, aber zu seiner Erleichterung nahm keiner groß Notiz von ihm.
Und als er dann barfuß in dem stinkenden Klo stand und pinkelte, fand er den dort vorherrschenden, beißenden Geruch sogar irgendwie seltsam befreiend. Sein Blick fiel auf eine gebrauchte Spritze neben der Kloschüssel und auf ein benutztes Kondom in der Ecke, und trotzdem blieb er merkwürdig ruhig dabei, fast so, als ob er das jeden Tag sehen würde.
Rangy war froh, als er ein paar Dollar in seiner Hosentasche fand. Davon kaufte er sich einen Coffee to go und setzte sich damit auf eine Bank direkt am Boardwalk und sah den Geschäftsbesitzern dabei zu wie sie ihre Läden öffneten und beobachtete die vorbeilaufenden Menschen.
Wohl dachte Rangy auch an Bianca und seine Kinder, die sich mit Sicherheit schon längst fragten wo er geblieben war, und er hätte eigentlich anrufen müssen, und vor allem hätte er vor einer halben Stunde bereits am Set sein sollen, aber er hatte sein Handy zu Hause vergessen. Oder hatte er es etwa unbewusst mit Absicht nicht mitgenommen? Und seltsamerweise hielt ihn hier irgendetwas magisch fest, weswegen er jetzt einfach nicht aufstehen, sich ins Auto setzen und zum Set fahren konnte.
Nach einer Weile kam ein recht verstaubter, schwarzer Obdachloser, der die Sechzig wohl schon überschritten hatte, in einem ziemlich verblassten Indianer Outfit mit seinem vollgepackten Einkaufswagen angekarrt und setzte sich ungefragt neben Rangy auf die Bank. Völlig selbstverständlich und in aller Ruhe begann er dann einen Joint zu drehen. Rangy beobachtete ihn dabei, aber keiner der beiden sagte ein Wort.
Nachdem der Joint fertig gedreht war, zündete ihn der fremde Obdachlose an, zog zweimal daran und reichte ihn dann Rangy weiterhin wortlos hinüber. Rangy sah ihn fragend an. Und da machte der Mann endlich seinen Mund auf und bemerkte dazu: „Es sieht ganz so aus, als hättest du noch weniger als ich...“
Rangy sah ihn immer noch an, aber anstatt ihm zu antworten und die Dinge richtig zu stellen, nahm er den Joint entgegen und zog ein paar Mal daran, bevor er ihn wieder zurückgab und dem fremden Mann dabei dankbar zunickte.
So saßen sie dann eine weitere Weile wortlos da und rauchten in aller Ruhe den Joint zusammen. Und je mehr Rangy von dem Gras intus hatte, desto mehr entspannte sich etwas in ihm, und auch die letzten Gedanken an Zuhause und ans Set verschwanden. Er genoss das Hier und Jetzt vollkommen und genau da wo er in diesem Moment war. Trotzdem verursachte das tief in ihm drin irgendwie ein schlechtes Gewissen, doch das spürte Rangy dank des Joints gerade überhaupt nicht.
Ein wenig später tauchte eine Frau aus der Menschenmenge auf, die sehr verärgert und schlecht gelaunt aussah. Rangy entdeckte sie und rief ihr spontan zu: „Hey, Honey, ich wünsche dir einen wunderschönen Tag!“, und grinste sie dabei aufrichtig an. Er meinte es wirklich so, denn er wollte sie einfach aufmuntern, weil sie so unglücklich wirkte.
Verblüfft hielt die Frau plötzlich an und öffnete geschäftig ihre Handtasche. Dann nahm sie ihren Geldbeutel, fischte eine Ein-Dollarnote heraus und drückte sie Rangy wortlos in die Hand. Danach ging sie zügig ihrer Wege.
Rangy sah ihr zunächst völlig verwundert hinterher, musste dabei aber trotzdem grinsen, und sein Banknachbar klopfte ihm anerkennend auf den Rücken. „Scheint so, als ob das auch für dich ein wundervoller Tag ist!“
Rangy lächelte ihn kurz etwas irritiert an, stand dann aber auf und hielt dem Obdachlosen den Dollarschein hin. „Nimm du ihn! Ich muss los...“ Doch der antwortete nur verschmitzt: „Nein, mein Sohn, der gehört dir! Sie hat ihn dir gegeben! Also nimm ihn und mach weiter so mit deinem netten Schlachtplan, dann kannst du dir auch bald eine Rasur leisten...“
Und Rangy feixte zurück: „Wenn du meinst... Pass auf dich auf!“ „Übrigens, ich bin Bob.“ Und Rangy sagte daraufhin nur: „Rangi.“
Rangy wusste selbst nicht, warum er Bob seinen alten Spitznamen aus seiner Kindheit und Jugendzeit genannt hatte, er war ihm eben seltsamerweise als erstes eingefallen. Gleichzeitig war Rangy auch sehr froh darüber, dass er seinen richtigen Namen nicht preisgegeben hatte. Man wusste ja nie, ob man plötzlich doch erkannt werden würde, und das wäre hier an diesem Ort und in seinem momentanen Outfit wohl eher ungünstig gewesen. Obwohl sein Spitzname fast genauso geschrieben wurde wie sein richtiger Name, war Rangi ein Name der Maori und wurde mit rollendem 'r', 'a' wie in 'car', 'ng' wie in 'engaged', und das 'i' wie in 'Victoria' ausgesprochen.
„Man sieht sich, Rangi!“, rief Bob, und Rangy nickte ihm noch zu, bevor er den Dollarschein in seine Hosentasche steckte und zu seinem Auto ging.
Kurz musste Rangy über Bobs Aussprache schmunzeln, denn es fiel den meisten englischsprachigen Leuten sehr schwer ein rollendes 'r' hinzubekommen.
Rangy wusste nicht warum, aber er achtete dann sorgsam darauf, dass ihn niemand dabei sah als er in sein Auto einstieg. Später wusste er dann warum.
Er wollte diese Welt ganz für sich alleine haben.
Kaum hatte Rangy die Haustür aufgesperrt, stand Bianca schon vor ihm. Sie starrte ihn fragend an und war wie zu erwarten sehr aufgebracht, aber es lag auch Sorge in ihrer Stimme, als sie ihn sogleich fragte, wo zur Hölle er gewesen sei. „Die rufen mich ununterbrochen an!!! Warum hast du dein Handy nicht mitgenommen? Was ist denn passiert?“
Rangy gab ihr schnell einen Kuss. „Es tut mir leid... Ich habe vergessen zu tanken...“, log er, dann rannte er rasch die Treppe hoch und verschwand im Bad.
Bianca sah ihm zwar etwas verdutzt hinterher, ging dann aber wieder in die Küche und rief Blake an. Sie erzählte ihm, was passiert sei, und dass Rangy sich gleich auf den Weg machen würde. Blake war natürlich einerseits erleichtert das zu hören, andererseits kochte in ihm trotzdem die Wut hoch über Rangys wiederholtes Zuspätkommen.
Indessen zog sich Rangy im Bad aus und ging erst einmal duschen. Anschließend rasierte er sich ordnungsgemäß.
Er fühlte sich ein wenig ratlos, als er über die Ereignisse der letzten Stunden nachdachte. Doch dann riss er sich zusammen, ging ins Schlafzimmer rüber, wo er das nasse Handtuch aufs Bett warf und sich anzog. Die Jogginghose und den Kapuzenpulli legte er auf einen Stuhl, der neben dem Bett stand. Dann holte er tief Luft und fuhr, nachdem er Bianca noch einmal versichert hatte, dass es ihm leid täte erneut zu spät zu sein, zum Set.
Blake stürmte sofort auf Rangy zu, als der aus der Maske kam, was Rangy allerdings schon erwartet hatte, und irgendwie konnte er ihn ja auch verstehen. Sein Zuspätkommen hatte den gesamten Ablauf des Drehtages komplett durcheinandergebracht. Und trotzdem nervte es Rangy ziemlich, dass sich Blake so aufregte. Für ihn war Blakes Verhalten ein paar Nummern zu übertrieben, schließlich war er nicht der Einzige dem das mal passierte.
Letztendlich verließ Blake mit hochrotem Kopf das Set und lief zu seinem Trailer, in dem er sein Büro eingerichtet hatte.
Danach verlief der Dreh dennoch recht erfolgreich und reibungslos, und am Ende des Tages, allerdings mit drei Stunden Verspätung, waren dann doch noch alle Szenen, die für heute geplant waren im Kasten.
Die kommende Woche gestaltete sich dann eigentlich wie immer.
Bianca und Rangy waren beide sehr beschäftigt und daher kaum zu Hause. Sie sahen sich morgens nur kurz beim Frühstück, und nachts schlief der eine meistens schon wenn der andere ins Bett kam.
Bislang hatten sie nicht mehr über neulich gesprochen, und Rangy war sehr froh darüber, denn er wusste immer noch nicht wo er diese ganze Venice Beach Geschichte und die vorangegangene Unruhe einordnen sollte. Die Zeit danach war mit Terminen so vollgespickt gewesen, dass er erstens keinen Raum dafür gehabt hatte länger darüber nachzudenken, und zweitens war er abends so kaputt gewesen, dass er auch wieder recht gut geschlafen hatte. Deswegen war er sich mittlerweile auch sicher, dass er diese merkwürdige Phase überwunden hatte.
Am Ende jener Woche stand Rangy wie immer barfuß und mit offenem Hemd neben der weißen Ledercouch im Wohnzimmer und blickte durch die weit geöffnete Terrassentür hinaus zum Pool, dessen Wasser in der untergehenden Sonne golden funkelte.
Bianca goss derweil Rotwein in zwei Gläser und ging zu ihrem Mann hinüber. Rangy nahm eines der Gläser entgegen und legte danach einen Arm um seine Frau. Sie prosteten sich zu und nahmen jeder einen Schluck.
Rangy genoss den erdigen Geschmack des Weins, der nun langsam seine Kehle hinunterrann, aber noch mehr genoss er die anschließend wohltuende, beruhigende Wirkung des Alkohols. Dadurch spürte er erst, dass er doch noch ziemlich angespannt war. Die letzte Zeit war aber auch wirklich anstrengend gewesen, dachte er gerade, als Bianca ihn fragte: „Wie läuft's am Set? Geht es vorwärts?“ Rangy nahm noch einen Schluck, bevor er antwortete: „Ja... Es läuft ziemlich gut... Es gibt viele Arrangements zu üben für die Kampfszenen...“ Bianca sah ihn an: „Blake hat es mir heute Nachmittag erzählt. Er ist sehr nervös wegen dem Zeitplan...“ Rangy war plötzlich genervt. „Warum fragst du dann, wenn du es schon weißt?“
Bianca sah ihren Mann etwas amüsiert an. Sie wusste, dass er noch nie besonders gut auf Blake zu sprechen gewesen war. Rangy akzeptierte zwar Blakes Kompetenz, aber beste Freunde würden sie wohl nie werden, was, soviel sie wusste, durchaus auch auf Gegenseitigkeit beruhte. „Hey, Darling, beruhige dich, alles ist ok... Nur, sei ein einfach ein wenig pünktlicher, bitte!“, flüsterte sie ihm ins Ohr, und ihr Tonfall ließ unmissverständlich durchsickern, was sie eigentlich vorhatte.
Ihren Blick konnte sie schon seit einer ganzen Weile nicht mehr von seiner nackten Brust lösen. Sie mochte es sehr, wenn Rangy zu Hause seine Hemden nicht zuknöpfte. Schließlich nahm sie Rangy den Wein aus der Hand und stellte beide Gläser auf dem Couchtisch ab. Anschließend schlang sie ihre Arme um ihn und fing an ihn zu küssen.
Rangy war zunächst gar nicht in Stimmung, aber ihre fast unverschämt verführerische Art hatte ihn, wie so oft, bald in ihren Bann gezogen, und er ließ sich dann sogar sehr gerne darauf ein.
Bianca schubste Rangy schließlich leicht in Richtung Treppe, während sie ihn immer wieder küsste. Rangy schnappte sich bald ihre Hand, und dann verschwanden sie recht zügig im Schlafzimmer. Kaum hatte Rangy die Tür hinter ihnen geschlossen, riss sie ihm schon das Hemd herunter, bevor sie sich ziemlich leidenschaftlich liebten.
Am nächsten Morgen wachte Rangy auf und fühlte sich seltsamerweise nicht wirklich erholt. Kurz dachte er schon, er würde vielleicht krank werden. Doch als Bianca ihn dort berührte wo unmissverständlich klar war, was sie erneut von ihm wollte, war das matte Gefühl schnell wieder wie weggeblasen, und nachdem er gekommen war, fühlte er sich tatsächlich besser.
Als seine Frau danach aufstand und ins Bad ging, sah er ihr eine Weile hinterher und stellte wieder einmal fest, wie schön sie war, und dass er nach all den Jahren immer noch total auf sie abfuhr. Sie hatten zwar ihre Differenzen was die Karriere anging, aber im Bett lief es nach wie vor echt gut. Und trotzdem erwischte sich Rangy dabei, dass er sich fragte, ob das tatsächlich so war, oder ob er sich über die lange Zeit hinweg einfach nur daran gewöhnt hatte. Schnell schüttelte er allerdings diesen Gedanken wieder ab, denn er kam sich etwas schäbig vor, solche Grübeleien überhaupt in seinem Bewusstsein vorzufinden. Es gab nun wirklich nichts in seinem Leben, was er in Frage stellen sollte. Und er liebte seine Frau, dessen war er sich nach wie vor sehr sicher, und das war ja auch schließlich die Hauptsache.
Rangy setzte sich auf die Bettkante, und da fiel sein Blick auf den Stuhl, wo immer noch die Klamotten von seinem Venice Beach Ausflug lagen. Wie von selbst griff er nach der Jogginghose und kramte den Dollarschein heraus. Kurz sah er ihn an, dann stopfte er ihn schmunzelnd in die Tasche zurück.
Schließlich stand er auf und folgte Bianca ins Bad.
Die folgenden Tage am Set verliefen etwas turbulenter, denn es waren viele Szenen mit Unmengen von Menschen zu drehen, was immer ein hohes Potenzial von Chaos in sich barg. Das Filmteam tat zwar sein Bestes alles gut zu koordinieren, und trotzdem waren solche Tage für alle immer äußerst stressig.
Außerdem war es heute draußen besonders heiß, und Rangy schwitzte ziemlich in seinem Priesterkostüm, was ihm eigentlich nicht viel ausmachte, aber irgendwie war er zudem unkonzentriert und vergaß öfter seinen Text, was dazu führte, dass wegen ihm einige Szenen mehr als üblich wiederholt gedreht werden mussten. Außerdem hatte Rangy oftmals eine andere Vorstellung davon, wie er die heutigen Szenen spielen wollte, was zwischen ihm, dem Regisseur, Blake und den Kameraleuten für einigen Diskussionsstoff sorgte.
Im Prinzip waren sich alle meist schnell einig, nur Blake musste wieder einmal seinen Sturkopf durchsetzen und ritt auf Kleinigkeiten herum, die nicht nur in Rangys Augen totaler Schwachsinn waren. Letztendlich sagten alle Ja zu Blakes Vorschlag und warteten dann ab, bis der wieder in seinem Trailer saß und drehten die Szenen dann doch so, wie sie es für richtig hielten. Aus Erfahrung wussten alle, dass sich Blake hinterher fast bis gar nicht mehr daran erinnerte, was er genau gesagt hatte. Umso mehr stresste sein Verhalten das ganze Team, weil seine rechthaberischen Allüren eben vollkommen unnötig und restlos übertrieben waren.
Rangy nervte das total, aber wie auch sonst immer riss er sich zusammen. Er dachte nur kurz daran, wie viel mehr Spaß es machen würde, wenn Blake nicht ständig so überreagieren würde. Denn Spaß hatte Rangy trotz allem nach wie vor, und den ließen sich auch die anderen nicht von diesem Miesepeter verderben, obwohl sie sich auch oft wünschten, Blake würde etwas runterfahren und seinen anstrengenden, narzisstischen Dickschädel zu Hause lassen.
Am darauffolgenden Wochenende kamen die Unruhe, und die damit verbundene Schlaflosigkeit allerdings wieder zurück.
Ruhelos und ratlos lief Rangy mit einer Flasche Wasser in der Hand, aus der er ab und zu einen Schluck nahm, mitten in der Nacht im Wohnzimmer auf und ab.