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"Yanko III - Dromenca" ist der dritte Band der Geschichten von Yanko, dem griechischen Roma. Dromenca ist ein Wort aus dem Romanes und bedeutet "auf dem Weg". Durch ein einschneidendes Ereignis wird Yanko gezwungen, fluchtartig das Land zu verlassen. Immer noch von seiner Vergangenheit verfolgt und weiterhin unfähig eine dauerhafte Beziehung zu führen, schlägt er sich durchs Leben und kämpft bis an den Rand seiner Kräfte für seinen Seelenfrieden, der schließlich erneut auf eine existentielle Probe gestellt wird.
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Seitenzahl: 593
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Lungo drom
phirava korkorri
Savo drom
phiresa mo šukar gi
Mo ilo but mangel tu
oh, but mangav tu
Me žanav
te phiras khetane
Ked aves kaj mande,
te šaj čumidas?
Den langen Weg
gehe ich allein
Diesen Weg
wanderst du meine schöne Seele
Mein Herz liebt dich sehr
oh, ich liebe dich sehr
Ich weiß,
wir gehen zusammen
Wann kommst du zu mir,
damit wir uns küssen können?
Pala Romende!
Ušten Roma!
Sein Hemd klebte an dem abgewetzten Sitz der Aloha Airlines, und er hatte Mühe seinen Atem einigermaßen ruhig zu halten. Er fror, obwohl er schwitzte. Susannah griff nach seiner Hand, und er drückte sie, während er gebannt aus dem Fenster starrte, so, als ob er erwartete, dass jeden Augenblick das Gesicht von Susannahs Ex-Freund an der Scheibe erscheinen und ihn hämisch angrinsen würde. Sein Herz jagte, und er betete innerlich das Flugzeug möge schneller fliegen. In knapp einer Stunde sollten sie auf Kaua’i landen. Sie hatten vor dann erst einmal bei einer Freundin von Susannah unterzukommen, bis sie sich im Klaren darüber sein würden, was sie nun weiterhin unternehmen wollten.
Die Stewardess kam vorbei und reichte ihnen einen geeisten Saft in einer Art Joghurtbecher. Yanko trank einen Schluck, und als die kühle Flüssigkeit seine Kehle hinunterfloss, beruhigte er sich etwas. Er sah zu Susannah rüber und musste auf einmal grinsen.
Das war jetzt also aus seiner Erholungsphase auf Big Island geworden. Knapp einen Monat war seit seiner Anreise vergangen, und nun war er zusammen mit Susannah auf der Flucht vor ihrem völlig durchgeknallten Ex-Freund Frankie, Chef eines Marklerbüros, der sich als eifersüchtiger und äußerst faschistischer amerikanischer Patriot entpuppt hatte. Frankie hatte natürlich gewusst, dass Susannah hawaiianischer Abstammung war, jedoch gehörte Hawaii für ihn ganz selbstverständlich zu den USA, und somit zählte auch alles, was es auf den Inseln gab, inklusive ihren Einwohnern zu seinem Eigentum. Auf welchem Weg dieser Frankie erfahren hatte, dass Yanko zwar einen amerikanischen Pass besaß, aber eigentlich ein staatenloser Zigeuner war, konnte sich keiner erklären, aber er hatte es irgendwie herausgefunden, und das machte die Sache nicht besser.
Als Susannah Frankie schließlich ihre Affäre mit Yanko gestanden, und ihm auch ihren Entschluss ihn zu verlassen, mitgeteilt hatte, setzte dieser Himmel und Hölle in Bewegung, um es den beiden so schwer wie möglich zu machen. Er hatte sogar Yankos Hütte gefunden und die beiden nachts im Schlaf überrascht und Yanko mit einem Gewehr gedroht ihn zu erschießen, falls er nicht sofort verschwinden, und sich noch einmal blicken lassen würde. Dann hatte er Susannah geschnappt und sie mit zurück nach Kona genommen.
Yanko hatte sich noch in jener Nacht fest vorgenommen Susannah zu holen und mit ihr zusammen von der Insel zu fliehen, deshalb war er schon am übernächsten Tag per Anhalter nach Hilo zum Flughafen gefahren. Im Flughafengebäude hatte er anschließend sein Gepäck in einem Schließfach deponiert. Sorgfältig hatte er bereits beim Hineingehen darauf geachtet nicht besonders aufzufallen und am besten sogar völlig unerkannt zu bleiben. Seine Haare hatte er mit Gel streng nach hinten gekämmt, denn er ahnte zu Recht, dass Frankie überall seine Leute positioniert hatte. Auch war ihm klar gewesen, dass der Flughafen viel zu klein war, um eigentlich unbemerkt wieder hinaus zu gelangen. Deshalb hatte er sich dort in einer Toilette schnell umgezogen und war dann mit Sonnenbrille und Baseballkappe bewaffnet hinaus in Richtung Autovermietung gegangen. Frankies Leute sollten, für den Fall, dass sie ihn beim Hineingehen doch erkannt hatten, denken, dass er tatsächlich abgeflogen sei, und zwar allein. Doch Yanko wollte nicht ohne Susannah gehen. Nicht mehr.
Dann war Yanko mit einem Mietwagen nach Kona gefahren, und schließlich war es den beiden gelungen in einer nervenaufreibenden Nacht und Nebel Aktion aus der Stadt zu verschwinden. Allerdings waren sie sich nicht sicher, ob sie dabei tatsächlich ungesehen geblieben waren.
Es hatte ihn ganz plötzlich erwischt.
Kurz nachdem er nach Big Island zurückgekommen war, hatte es bei Pupu im Dorf eine kleine, feierliche Zeremonie gegeben, und Susannah war auch gekommen. Von diesem Tag an besuchte sie ihn so oft es ging an seiner Hütte. Sie erfand irgendwelche Kunden, die angeblich irgendwelche Häuser besichtigen wollten und belog Frankie damit nach Strich und Faden, nur, um so oft wie möglich bei Yanko sein zu können.
Es war wie ein Fieber über ihn gekommen, und von jetzt auf nachher konnte er sich ein Leben ohne sie irgendwie nicht mehr vorstellen. An Maria und seinen erst vor kurzem geborenen Sohn Daniel, wollte er dabei allerdings lieber nicht so genau denken.
Susannah lehnte ihren Kopf an seine Schulter und legte einen Arm um seinen Bauch. Yanko rutschte, so weit es der Sitzabstand zuließ, etwas runter und küsste sie in ihr langes, dunkles Haar, das ihr weit über den Rücken fiel. „Alles wird gut!“, flüsterte er, obwohl er seine berechtigten Zweifel hatte. Susannah nickte und sagte: „Wie schaffen das! Bald sind wir in Sicherheit!“
Eine Woche waren sie dann auf Kaua’i, als es Yanko nicht mehr aushielt. Kaua’i war zwar eine wunderschöne Insel, aber er fand trotzdem keine Ruhe, und die Angst eventuell auf dieser Insel festzusitzen, krallte sich wie ein Schraubstock in seiner Brust fest. Die Ereignisse seiner Vergangenheit sorgten dafür, dass er sich plötzlich wieder ständig verfolgt fühlte. Es ist bestimmt nur eine Frage der Zeit, bis Frankie Susannah hier aufspürt, dachte Yanko immer wieder, denn mit ihrer heimlichen Abreise hatten sie ihn sicherlich endgültig zur Weißglut gebracht.
Yanko konnte zwar nicht mit Sicherheit einschätzen, was Frankie nun unternehmen würde, doch selbst Susannah hatte keine Mühe dabei sich die schlimmsten Dinge auszumalen. Yanko befürchtete jedoch ebenfalls, dass Frankie eventuell so weit gehen könnte, und eines Tages sogar beim Zirkus auftauchen würde.
Dennoch beschlossen sie gemeinsam nach Sheddy und damit zurück zu SAN DANA zu gehen. Sie konnten nur beten, dass Frankie sich mit der Zeit beruhigen, und sie in Ruhe lassen würde.
Maria packte kommentarlos ihre Sachen, schnappte wortlos die Kinder und verließ Yanko ein weiteres Mal.
Mala und Nino waren bereits vor zwei Wochen zurück nach St. Lucia geflogen, und nachdem Maria Yanko dann einfach in der Tür hatte stehen lassen, war es plötzlich seltsam still im Blockhaus geworden, selbst draußen regte sich in diesem Moment kein Lüftchen. Die Natur schien, genau wie Yanko, auf einmal die Luft anzuhalten, so, als könnte sie darüber entscheiden, ob das soeben Geschehene wahr werden sollte oder doch lieber nicht.
Nachdem sich die Staubwolke, die Marias Auto an diesem heißen Julitag hinterließ, wieder gelegt hatte, hätte Yanko sich am liebsten eine Zigarette angezündet. Aber es waren keine da. Notgedrungen schluckte er also den Drang danach herunter und räumte in einer Hauruck-Aktion sein Haus auf. Er riss die benutzten Bettbezüge herunter und die Fenster auf, warf alle Teppiche hinaus auf die Wiese, sammelte in Windeseile alle herumliegenden Spielsachen ein und packte sie in einen Pappkarton, den er im Anbau gefunden hatte. Er putzte, saugte, kehrte die Veranda, räumte alles weg, was nicht ihm persönlich gehörte, spülte das Geschirr ab, bezog sein Bett frisch und putzte sogar die Fenster. Zu guter Letzt hängte er die Tür wieder ein, die sein altes Blockhaus vom Anbau trennte und ließ sich dann aufs Sofa fallen.
Er wusste nicht, ob er froh oder traurig war. Es war ein seltsam neutrales Gefühl in ihm. Dennoch konnte er deutlich wahrnehmen, dass er es genoss allein in seinem Haus zu sein. Es war seltsam vertraut, und für einen Moment lang kam es ihm so vor, als hätte die Zeit zwischen Malas plötzlichem Erscheinen damals, kurz nachdem er erfahren hatte, dass Minerva nicht seine leibliche Mutter war, und heute gar nicht existiert. Yanko atmete tief durch und wünschte sich für einen Moment lang Susannah würde jetzt nicht in Newly in einem Café sitzen und auf ihn warten.
Nach ein paar Minuten kramte er aber dann doch langsam sein Handy hervor, um ihr zu sagen, dass er jetzt losfahren, und sie abholen würde.
Die erste gemeinsame Zeit mit Susannah im Zirkus verlief sehr harmonisch. Zwar hatten die Zirkusleute, und vor allem natürlich Yankos Familie und engste Freunde zunächst nur mit dem Kopf geschüttelt, sich aber nur im Stillen ihren Teil dazu gedacht, als Yanko plötzlich mit Susannah aufgetaucht war, denn sie wussten alle nur zu gut, dass jeder lautstarke Kommentar darüber eh zwecklos sein würde. Susannah war trotzdem vom ersten Tag an herzlichst aufgenommen worden, denn sie konnte ja nun wirklich nichts dafür, und ihre Hulatanzkünste wurden postwendend in das Programm integriert, und das Publikum liebte es.
Yanko fühlte sich mit Susannah an seiner Seite pudelwohl, und er bereute keinen seiner Schritte in den letzten Wochen. Zwar haftete die Angst, dass Frankie doch noch plötzlich auftauchen könnte, selbst nach Wochen, weiterhin an ihm, doch schließlich verblasste sie zusehends, und Susannah war sich irgendwann auch ziemlich sicher, dass Frankie es mittlerweile aufgegeben hatte nach ihr zu suchen.
Ron war jedoch ziemlich entsetzt, als Yanko ihn am Telefon schließlich davon in Kenntnis setzte, dass er jetzt mit Susannah zusammen sei und Maria deshalb abgereist wäre. Er war eigentlich so geschockt darüber, dass er danach erst einmal kein Wort herausgebrachte. Er stammelte nur ein kurzes „Ok...“ und legte dann prompt auf. Ihm war es in diesem Moment völlig egal was Yanko nun über ihn denken mochte. Es war einfach nicht mehr normal, was Yanko mit den Frauen trieb.
Ron konnte überhaupt nicht nachvollziehen, warum Yanko Maria nun schon zum wiederholten Mal verlassen hatte. Nach der Geschichte mit Mala hatte er jedenfalls das Gefühl gehabt, die beiden wären sich jetzt endgültig richtig nah gekommen, und auch, dass Yanko sich damit wohlfühlen würde. Seine Auszeit auf Hawaii hatte Ron nicht als Beziehungskrise vermutet, zumal der kleine Daniel auch noch ein absolutes Wunschkind war. Hatte er sich so getäuscht?
Er war felsenfest davon ausgegangen, dass Keiths Unfall und dadurch Yankos Rückfall zum Alkohol dafür verantwortlich gewesen waren, dass er diese Auszeiten auf Big Island gebraucht hatte. Aber wieso nahm er sich jetzt schon wieder eine andere Frau? Warum war er nicht einfach allein zurückgekommen, und alles würde weiterlaufen wie bisher?
Ron spürte plötzlich Marias Schmerz wie seinen eigenen, und blanke Wut kroch in ihm hoch. „Soll er halt herumhuren!“, fluchte er abfällig vor sich hin. „Er wird schon noch sehen wohin das alles führt!“, spottete er dann noch zynisch hinterher. Anschließend schmiss er sein Handy in die Ecke und nahm sich vor, Yanko nicht mehr darauf anzusprechen.
Nach der ganzen Aktion, die Yanko mit Nino gebracht hatte, war er zudem immer noch nicht wirklich gut auf Yanko zu sprechen. Zwar hatten sie sich auf Yankos Initiative hin mal ausgesprochen, aber Ron war trotzdem noch tief verletzt und enttäuscht darüber so lange hintergangen worden zu sein.
Er hatte genug.
Maria war mit ihren fünf Kindern und Kenia im Schlepptau zurück nach Mykonos geflogen. Sie brauchte jetzt dringend erst einmal Abstand, und sie hatte keine Ahnung, ob sie jemals wieder zurück zum Zirkus gehen würde. Sie war so enttäuscht und traurig, dass sie auch keine Idee hatte, was sie in Zukunft überhaupt tun wollte.
Ihre Schwester kam und half ihr schließlich bei der Versorgung der Kinder und tröstete sie, so gut es ging.
Ron war der Einzige mit dem Maria in dieser Zeit noch sprechen wollte, und so redeten sie oft stundenlang via Internet miteinander, und sie war froh, dass er ihre Lage so gut verstehen konnte.
Es war stockdunkel als Yanko müde und entnervt vor die Tür ging und die kühle, aber immer noch recht windige Nachtluft tief einatmete. Er hätte es wissen sollen, aber irgendwie war es nicht anders gegangen. Er ärgerte sich über sich selbst und kickte ein paar Steinchen weg. Jetzt hätte er eine rauchen können, aber er zwang sich an etwas anderes zu denken, doch die Schmerzen in seiner rechten Hand steuerten seine Gedanken automatisch zu lindernden Möglichkeiten.
Es war September geworden, und der Zirkus gastierte in einer Stadt im Norden von Wyoming. Am Nachmittag des Ankunftstages waren sie gerade dabei gewesen die Zelte aufzustellen, als überraschend ein heftiger Regen mit orkanartigem Sturm losgebrochen war. Das große Zelt drohte zu zerreißen, weil es noch nicht fertig verankert gewesen war. Alle Mann waren deshalb wie auf Kommando panisch zum großen Zelt gestürzt, und Yanko war plötzlich mit dem ebenfalls erst halb aufgebauten Pferdezelt allein da gestanden, welches man bei den heftigen Windböen auch nicht einfach hätte loslassen können. So zurrte er also notgedrungen die Seitenseile mit aller Kraft allein gegen den Sturm fest und rammte die dazugehörigen Holzpflöcke mit einem Vorschlaghammer in den noch recht harten Boden. Danach war er den anderen schnell zu Hilfe geeilt, hatte unzählige Seile gesichert, war auf dem Zeltdach herumgeklettert und hatte auf die schon deutlich zu vernehmenden Stiche in seiner Hand keine Rücksicht genommen. Das Zelt war in diesem Augenblick einfach wichtiger gewesen, zumal herumfliegende lose Teile auch schon zwei Männer verletzt hatten.
Yanko schlug den Kragen seine Jacke hoch und schlenderte missmutig über den Platz. Alles was er jetzt brauchen konnte, war eine schmerzende Hand. Die Performance, die er in den letzten Tagen zusammen mit Susannah erarbeitet hatte, war wunderschön und machte ihm sehr viel Spaß, doch dazu brauchte er zwei funktionierende Hände. Dass seine rechte nach dem Überfall vor ein paar Jahren, nie wieder so geworden war wie vorher, damit hatte er sich mittlerweile fast abgefunden, dennoch war sie schon seit längerem jedenfalls schmerzfrei gewesen. Er spürte zwar immer, wenn er sie etwas stärker beanspruchte, dass mit ihr etwas nicht ganz in Ordnung war, aber in letzter Zeit war es ihm gut gelungen sie nicht zu überanstrengen.
Er redete sich ein, während er am Himmel vergeblich nach Sternen Ausschau hielt, dass der Schmerz morgen sicherlich wieder weg wäre, aber tief im Innern wusste er, dass dem nicht so sein würde. Die Hand pochte immerhin so stark, dass er keinen Schlaf gefunden hatte und deswegen jetzt über den Platz lief, so, als könnte er dem Schmerz dadurch Einhalt gebieten, in dem er ihm immer ein Stückchen vorauseilte.
Aber es funktionierte irgendwie nicht, und als der Morgen graute, saß er immer noch neben seinem Pinto und starrte vor sich hin. Der Schmerz kroch mittlerweile sogar schon bis zum Ellbogen hinauf und jede Bewegung brannte wie Feuer.
Susannah machte ihm später warme Umschläge mit einer Kräutermischung, die sie von Hawaii mitgebracht hatte, doch der Schmerz hatte sich krampfhaft festgebissen. Yanko konnte unmöglich so bei der Abendvorstellung reiten, und deshalb fiel ihr gemeinsamer Auftritt notgedrungen aus.
Yanko blieb den Abend über dann im Wohnwagen, während Susannah ihren Soloauftritt vorbereitete und auch tanzte.
Yanko hatte ihr nicht gesagt, dass sich der Schmerz immer weiter Richtung Schulter ausbreitete, und er schon gar nicht mehr klar denken konnte. Irgendetwas musste er jetzt unternehmen, denn noch so eine Nacht wollte er auf keinen Fall mehr aushalten. Und deshalb sah nur einen Ausweg. Kurzentschlossen bestellte er ein Taxi zum Zirkusplatz und ließ sich in die Stadt fahren.
Als Susannah spät abends wieder zurück in den Wohnwagen kam, schlief Yanko tief und fest, und Susannah legte sich erleichtert neben ihn.
Am nächsten Morgen erzählte Yanko ihr dann was los sei, und dass er sich gestern noch Opium gegen die Schmerzen besorgt hätte. Susannah war zwar zunächst einmal geschockt, hatte dann aber eine Idee.
Sie schnappte Yanko, fuhr mit ihm in die Stadt und fragte dort nach einem guten Akupunkteur. Und zwei Stunden später ging es Yanko tatsächlich etwas besser. Die Chinesin hatte ihm eine Nervenentzündung im Arm diagnostiziert und dementsprechend dann die Nadeln gesetzt.
Die restlichen drei Wochen, die der Zirkus dann noch in dieser Stadt zu Gast war, ging Yanko jeden Tag zu dieser Frau und danach waren die Schmerzen zum Glück soweit zurückgegangen, dass er sie nur noch verspürte, wenn er die Hand belastete.
Kaum waren sie mit dem Zirkus wieder zurück in Sheddy, überfiel Yanko allerdings, wie aus dem Nichts, ein Gefühl tiefster Einsamkeit. Nach einer Weile stellte er jedoch fest, dass dieses Gefühl bereits zusammen mit den Schmerzen in seiner Hand zurückgekehrt war. Dieser Schmerz hatte sich wie ein Wurm irgendwie ganz tief in seinen Körper hineingewunden. Oder war er vielleicht schon längst in ihm drin gewesen? War er vielleicht der Spiegel seiner Seele?
Yanko wusste es nicht. Er wurde jedenfalls immer stiller, und den Kampf gegen diese einnehmende und lähmende Leere verlor er Tag um Tag mehr. Und die Gedanken an seinen Bruder Keith, der seit mittlerweile einem guten dreiviertel Jahr noch immer im Koma lag, gaben diesem Wurm nur noch mehr Futter.
Eines Morgens beobachtete Susannah wie Yanko draußen am See kauerte, die Arme um die Knie geschlungen. Sie ahnte schon länger, dass ihn wieder irgendetwas quälte, hatte es aber zunächst richtigerweise nur auf die Schmerzen in seiner Hand zurückgeführt. Kurzentschlossen zog sie sich eine Jacke über, setzte sich neben ihn und legte einen Arm um seine Schultern. Sie sah, dass er mit den Tränen kämpfte.
„Hey, was machst du hier?“ fragte sie sanft und fuhr ihm liebevoll durch seine etwas zerzausten Haare. Yanko spürte dabei wie sich seine Brust nur noch mehr zusammenzog. Er wollte etwas sagen, aber es ging mal wieder nicht. Er wollte ihr eigentlich sagen, dass er die ganze Zeit an Keith denken musste und sich dabei ernsthaft fragte, ob es nicht doch besser gewesen wäre, wenn er damals seiner Bitte nachgegangen wäre und die Geräte abgeschaltet hätte. Keiths Zustand war immer noch im völligen Stillstand verhaftet. Nichts hatte sich getan, seitdem er wieder ins Koma gefallen war.
Auch nach einer ganzen Weile kamen keine Worte über Yankos Lippen. Stattdessen sah er ihr in ihre mandelförmigen, tiefdunkelbraunen Augen und musste dann aber plötzlich lächeln. Sie war einfach zu umwerfend schön, und er wollte ihr den Tag nicht mit seiner miesen Stimmung versauen.
Deshalb riss er sich zusammen, stand kurzerhand auf und zog sie zu sich. „Es ist nichts! Es ist einfach schön morgens hier zu sein!“, gab er ihr zur Antwort und umarmte sie, ohne noch mehr Worte darüber zu verlieren. Und während er ihren Duft einsog, hämmerte er sich fieberhaft in seinen Kopf hinein, dass er es nie mehr so weit kommen lassen würde wieder in irgendwelche Depressionen zu verfallen. Ihm fiel auch überhaupt kein triftiger Grund ein, warum das auch passieren sollte, denn schließlich hatte er ja alles was man zu einem guten Leben brauchte und sollte deshalb einfach glücklich sein. Er trank und rauchte nicht mehr, und die Schmerzen in seiner Hand waren auch nahezu verschwunden. Und Keith würde mit Sicherheit wieder gesund werden, und im Vergleich zu seinem Bruder ging es ihm nun wirklich um ein Vielfaches besser. Alles war also gut!
Am übernächsten Tag war Yanko allein auf dem Zirkusplatz zugange und werkelte hier und da etwas herum, aber Lust dazu hatte er eigentlich nicht. Irgendwann pfefferte er den Schraubenzieher, den er gerade in der Hand hielt in den Werkzeugkasten zurück und setzte sich an den Lagerfeuerplatz.
Schon als Jugendlicher hatte er es geliebt allein auf dem Platz zu sein, denn dann herrschte oft, wie er fand, eine seltsame, fast mystisch angefüllte Stille, auf die er heute allerdings gerne verzichtet hätte. Er war verstaubt und verschwitzt, und das Hemd klebte an seinem Körper. Plötzlich war er von diesem klebrigen Gefühl völlig entnervt. Er riss sich das Hemd vom Leib, obwohl es jetzt im Oktober nicht mehr sonderlich warm war, und pfefferte es mitten in die noch übrig gebliebene Asche hinein. Eine unerklärliche Wut kroch auf einmal in ihm herauf, und er hätte einfach grundlos drauflos brüllen können, doch genau in diesem Moment kam ein Auto auf den Platz gefahren.
Yanko murmelte nur: „Shit! Was macht die denn jetzt hier?!“ vor sich hin, angelte dann aber schnell wieder sein nun verdrecktes Hemd aus der Asche heraus und legte es neben sich auf einen Stein.
Er atmete tief durch als Dolores zu ihm herüberkam und sich neben ihn setzte. „Hi Yanko! Was machst du denn hier? Solltest du deine Hand nicht noch etwas schonen?“, fragte sie ihn gutgelaunt, und ihre gute Laune machte ihn nur noch grantiger, als er eh schon war. „Ich pass schon auf!“, konterte er schnell und wollte schon aufstehen, doch Dolores griff blitzschnell nach seinem Arm und hinderte ihn so daran. Yanko sah sie an: „Was ist?“
Dolores erwiderte seinen Blick ohne Worte, gab ihm damit aber genauso unmissverständlich zu verstehen, dass sie sehr gerne wissen würde, was ihm über die Leber gelaufen war. Er hielt ihrem Blick stand, und nach einer Weile entspannte er sich schließlich etwas. Mit einer abwehrenden Geste untermalt, sagte er dann halb resigniert: „Oh, Mann... Ich kriege es einfach nicht hin... Ich fühle mich total... irgendwie genervt... einfach Kacke!“ „Hast du Probleme mit Susannah?“, fragte Dolores daraufhin nur, und konnte dabei genau beobachten, dass er mehr als nur genervt war. Sie kannte ihn schließlich schon lange genug, und sie wusste zudem, wie sehr Yanko unter der ganzen Situation mit Keith litt.
„Nein, kein Problem... Ich weiß es doch auch nicht! Ich habe das Gefühl zu ersticken... Ich will rennen... weit weg... einfach drauflos... Verstehst du das? Ich nämlich nicht!“
Doch anstatt einer Antwort ergriff Dolores spontan seine Hand und sagte nur kurz: „Los, komm!“ Yanko sah sie etwas verwundert an, zog aber dann seine Jacke, die neben der Werkzeugkiste lag, an und folgte ihr.
Sie gingen ein Stückchen über die Wiese hinter dem Zirkusplatz, bis sie auf einen Weg stießen. Dolores blieb stehen und begab sich in Position. „Bist du bereit? Na, los!“ Yanko verstand sofort und stellte sich neben sie. „Ok, wenn du meinst!“, raunte er dann und duckte sich etwas. Dann gab Dolores das Kommando: „Auf die Plätze, fertig, los!“, rief sie laut und spurtete los. Yanko wunderte sich, denn Dolores war schnell, und er hatte zunächst Mühe mit ihr Schritt zu halten. „Na, was ist?“, rief sie lachend, „Ist das alles? Jetzt renn auch! Na los, gib alles!“, stachelte sie ihn an, und plötzlich sprangen die Fesseln in seiner Brust auf, und Yanko stürmte los. Mit jedem Schritt stampfte er die Anspannungen der letzten Wochen aus seinen Muskeln. Dolores hielt dennoch gut mit, und so rannten sie, bis sie beide völlig außer Atem an einem Felsvorsprung anhalten mussten. Keuchend stützten sie ihre Arme auf den Beinen auf. „Sag mal, woher kannst du denn so schnell rennen?“, fragte Yanko sie noch nach Luft schnappend. Dolores grinste ihn triumphierend an: „Tja... jeder hat so seine kleinen Geheimnisse!“ Yanko streckte sich und grinste zurück: „Ja, offensichtlich!“, grinste er. „Besser jetzt?“, wollte Dolores dann wissen. Yanko sah sie an und nickte: „ Ja, viel besser!“
Dolores trat ein paar Schritte auf ihn zu und fixierte seinen Blick. „Das solltest du öfter machen, sonst macht es dich, was auch immer es ist, noch vollends kaputt! Und noch etwas! Du kannst nichts dafür was mit Keith geschehen ist! Niemand gibt dir die Schuld dafür, denn du bist nicht daran schuld! Verstanden?!“
Yanko sah sie einfach nur weiterhin an und atmete tief durch. Da war es plötzlich wieder, das Gefühl von damals, kurz bevor die erste Tour losgegangen war, als es mal ganz kurz im Raum gestanden hatte doch mit ihr zusammenzukommen. Doch Yanko schüttelte den zarten Hauch der Anziehung schnell wieder ab und trat einen Schritt zur Seite. „Lass uns zurückgehen, Susannah wartet bestimmt schon mit dem Essen.“, sagte er hastig und drehte sich schon zum Gehen um. „Yanko.“, hörte er daraufhin nur. Er drehte sich wieder um. „Was ist?“
Doch wie es schon öfter mal Dolores Art gewesen war, antwortete sie ihm nicht mit Worten. Stattdessen ging sie einen Schritt auf ihn zu und umarmte ihn einfach. Ihr war es völlig egal, dass er verschwitzt und verstaubt war, sie konnte plötzlich nicht mehr anders. Wie automatisch hatte ihr Körper sich zu seinem hinbewegt.
Yanko war davon wieder mal etwas überrascht, spürte jedoch gleichzeitig wie gut ihm diese Umarmung tat. Ohne Widerrede ließ er sie gewähren, und plötzlich wurde es ihm sogar scheißegal. Er wollte sich einfach nicht mehr dagegen wehren, wenn es nun mal in ihm wäre, und wenn er Dolores irgendwie doch noch wollte, dann sollte es eben so sein. Er hatte genug von all den unzähligen gescheiterten Versuchen irgendjemandem treu zu sein, obwohl er es dennoch immer wieder versuchte. Doch dann ließ er die Mauer einfach einstürzen und seiner Leidenschaft freien Lauf, so, dass es Dolores fast den Atem raubte.
Sie hatte ja mit vielem gerechnet, jedoch nicht mit einem so derart hingebungsvollen Liebesakt, der dieser Umarmung dann folgte. Und sie ahnte bald, dass es dieses Mal nicht bei einer einmaligen Sache bleiben würde, denn da war plötzlich viel mehr. So innig hatte sie sich noch nie mit einem Mann verbunden gefühlt, wie in diesen Stunden mit Yanko auf der Wiese.
In der folgenden Nacht schlief Yanko überhaupt nicht, aber diesmal war der Grund nicht seine Hand oder seine Sorgen um Keith, sondern Dolores. Er verstand sich selbst nicht mehr. Wie konnte es sein, dass er noch am heutigen Morgen gedachte hatte, wie glücklich er mit Susannah an seiner Seite war, und dass er sie liebte, um am selben Nachmittag mit einer anderen Frau zu schlafen, die er eigentlich nicht liebte, jedenfalls nicht so. Schon bemerkte er wieder den bekannten Hauch der Flucht in sich, aber er ließ diesem jetzt keine Chance zum Wachsen. Ratlos stellte er dann allerdings plötzlich fest, dass seine angeblich große Liebe zu Susannah anfing sich rasant in Luft aufzulösen, so, wie sich die wunderschönen und einmaligen Eisblumen im Winter in der Wärme der Sonne in Wasser verwandelten und dadurch zwangsläufig einen neuen und anderen Weg einschlugen.
Susannah schlummerte seelenruhig neben ihm und hatte keine Ahnung davon, was er am Nachmittag getrieben hatte, und er beschloss ihr auch nichts davon zu sagen. Vielleicht würde sein Schweigen ja das Geschehene irgendwie umgehen und seine Gefühle für Susannah zurückbringen.
Die nächsten Tage vermied es Yanko, so gut es ging, Dolores zu sehen, was aber fast unmöglich war, denn ihr gemeinsamer Sohn Manuel wollte ja schließlich auch zu ihm, und auf dem Zirkusgelände gab es allerhand zu tun. Mykee und Dolores waren ständig dort, und als Yanko und Susannah schließlich auf Mykees Wunsch hin abends bei ihnen zum Abendessen eingeladen waren, mussten sie sich ja zwangsläufig begegnen.
Yanko versuchte sich an diesem Abend auf Manuel zu konzentrieren, und Dolores hatte, Gott sei Dank, mit Susannah schnell ein gemeinsames Thema gefunden, über das sie lange, ausgiebig und herzhaft diskutierten.
Doch irgendwann standen Dolores und Yanko plötzlich allein in der Küche, die von jetzt auf nachher um gefühlte 20 Grad wärmer geworden war.
Yanko stellte gerade das benutzte Geschirr ab, während Dolores am Spülbecken zu Gange war. Sie sah ihn dabei nur kurz von der Seite her an, und ihr Herz schlug ihr bis zum Hals hinauf. Was war zum Teufel bloß auf einmal mit ihr los? So heftig war es ihr mit ihm noch nie ergangen, obwohl sie ja schon mehrfach in ihn verliebt gewesen war, aber das jetzt verstand auch sie überhaupt nicht mehr. Sie versuchte sich auf das Spülen zu konzentrieren und senkte ihren Blick wieder, doch Yanko nahm ihr auf einmal den Spülschwamm aus der Hand. Mit einem Fuß stupste er die Küchentür so geschickt an, dass sie leise ins Schloss fiel. Dolores zitterte fast vor Aufregung. Was, wenn jetzt jemand in die Küche käme, denn es war ziemlich offensichtlich, was Yanko im Schilde führte, doch zum Nachdenken kam sie nicht mehr. Yanko nahm sie in seine Arme und küsste sie, und er war selbst darüber erschrocken, dass es ihm sogar fast egal war, ob sie jemand dabei erwischen könnte.
Sie waren von jetzt auf nachher so heiß aufeinander geworden, dass sie es fast nicht mehr stoppen konnten. Atemlos riss Yanko dann aber doch noch rechtzeitig die Bremse rein: „Dolores, stopp... Stopp!“ Dolores fuhr sich durch die Haare. „Was sollen wir denn jetzt machen? Ich weiß gerade überhaupt nicht, was mit uns passiert! Du etwa?“ Yanko schüttelte den Kopf. „Nein... auch keine Ahnung!“
Dann kam ihm aber plötzlich eine Idee, die er zwar selbst irre fand, aber noch bevor er groß weiter überlegte, sagte er: „Was hältst du vom Zelten? Nächstes Wochenende? In den Bergen?“ Dolores sah ihn mit großen Augen erstaunt an. „Meinst du das im Ernst? Yanko, es ist fast Winter... Und was sagen wir dann den anderen?“ Yanko zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung... Aber so geht’s ja nun auch nicht weiter! Ich habe das Gefühl wir sollten das mal ausleben! Offensichtlich ist da über die Jahre hinweg vielleicht doch was zu kurz gekommen. Und das mit dem Wetter ist doch egal. Momentan liegt kein Schnee, und im Zelt wird es schon warm werden!“ erwiderte Yanko leicht grinsend und war sich dabei allerdings selbst nicht sicher, ob das wirklich eine so gute Idee war, geschweige denn, ob das mit dem Ausleben tatsächlich so sein könnte, wie er es eben gemutmaßt hatte. Dolores legte daraufhin ihre Hand auf seine Brust und konnte dabei deutlich seinen erhitzten Herzschlag fühlen. Sie sah ihm lange in die Augen und sagte schließlich einfach nur: „Ja!“ Yanko drückte sie kurz und flüsterte ihr ins Ohr: „Dann lass uns morgen telefonieren wie wir das anstellen, ok?“ Dolores nickte nur, und dann verschwand Yanko schnell aus der Küche.
In den verbleibenden Tagen, bis er sich mit Dolores in den Bergen treffen würde, fühlte sich Yanko richtiggehend beschwingt und fast zu gut gelaunt. Susannah freute sich natürlich sehr über seine zurückgekehrte gute Stimmung. Als er jedoch plötzlich Hals über Kopf das gesamte nächste Wochenende allein mit dem Pinto in den Bergen verbringen wollte, wunderte sie sich allerdings schon ein wenig darüber. Sie wäre nämlich sehr gerne mit ihm gegangen, hatte er ihr doch schon auf Big Island von den Bergen vorgeschwärmt und ihr quasi damit versprochen sie ihr zu zeigen. Dennoch konnte Susannah sein Argument sich ein bisschen Ruhe zu gönnen auch sehr gut verstehen, und außerdem würde es mit Sicherheit noch viele weitere Gelegenheiten dazu geben.
Dolores erzählte Mykee wiederum, dass sie eine alte Freundin aus Mexiko besuchen möchte, die spontan nach San Francisco gekommen sei und nun sehr gerne mit ihr dort ein Mädelswochenende verbringen würde. Mykee hatte überhaupt keine Einwände, denn schließlich war Dolores die ganze Zeit über Tag und Nacht für die Kinder und ihn da gewesen. Im Gegenteil, er freute sich sogar sehr für sie, dass sie endlich einmal jemanden aus ihrer Vergangenheit treffen würde. Sie hatte zwar nie über Heimweh gesprochen, dennoch wusste er, dass sie manchmal welches hatte.
So kam es schließlich, dass Dolores von Yanko an einer Bushaltestelle etwas außerhalb von Newly abholt wurde, nachdem sie erfolgreich den Flughafen wieder verlassen und völlig unbeobachtet in den Bus gestiegen war.
Als das Wochenende sich allerdings dem Ende näherte, war beiden klar, dass diese Zeit nicht ausreichen würde. Und so beschlossen sie das Ganze bald zu wiederholen.
Zunächst führten sie ihren Alltag ganz normal fort und übten sich in Verschwiegenheit. Solange sie selbst nicht wussten, was ihre heiße Affäre eigentlich zu bedeuten hatte, wollten sie die anderen damit nicht unnötig verletzen.
Bald darauf gelang es ihnen eine weitere Zeit, diesmal sogar eine ganze Woche, allein in den Bergen zu verbringen, und Yanko fühlte sich dabei unglaublich frei und wie von Zementblöcken befreit, die ihn schon wieder seit geraumer Zeit zu erdrücken versuchten. Erklären konnte er seine plötzliche Leidenschaft für Dolores allerdings immer noch nicht, dennoch genoss er sie in vollen Zügen.
Irgendwann, das war beiden klar, mussten sie aber mal darüber reden, was denn nun in Zukunft geschehen sollte, schließlich könnten sie ihre geheimen Ausflüge in die Berge nicht allzu oft wiederholen. Aber war das zwischen ihnen wirklich tief genug für eine Beziehung?
Dolores war diejenige, die schließlich das Wort ergriff, und es wurde eine lange Nacht der Worte. Worte, die sie ihm schon seit einer Ewigkeit hatte sagen wollen. Worte, die bisher immer nur ganz tief in ihrem Herzen verschlossen gewesen waren, und sie sagte sie so, dass Yanko kein einziges Mal das Bedürfnis hatte zu fliehen, denn er fühlte sich von ihnen seltsamerweise nicht unter Druck gesetzt. Ihre Worte flossen in sein Herz, und er wusste plötzlich ganz genau was er tun wollte. Sein jahrelanger Kampf gegen seine ständige Untreue würde nun endlich ein Ende haben.
Er wusste, dass Dolores Mykee sehr liebte und umgekehrt. Die beiden waren einfach ein tolles Paar. Das, was in den letzten Wochen mit ihnen hier draußen in den Bergen passiert war, konnte Yanko zwar immer noch nicht erklären, und obwohl es unglaublich toll war, wurde Yanko auf einmal klar, dass er auch Dolores auf Dauer nicht würde treu sein können. Dafür liebte er sie nicht tief genug. Irgendetwas fehlte, obwohl er sich ihr momentan unglaublich nah fühlte.
Am Ende beschlossen sie deshalb, ihren jeweiligen Partnern mitzuteilen, was zwischen ihnen abgelaufen war und auch, dass es nun vorbei sein würde. Und obwohl es sich richtig anfühlte, war der Schmerz, den dieser bevorstehende Abschied in ihnen auslöste dennoch gewaltig, und beide brauchten noch ein paar Tage, um das alles zu verdauen.
Susannah war zwar ziemlich geschockt darüber, hätte ihm aber dennoch verziehen, doch Yanko wollte plötzlich nicht mehr. Er konnte vor allem nicht mehr. So weh ihm der Abschied von Susannah auch tat, so wusste er dennoch, dass das genau die richtige Entscheidung war. Warum auch immer, er war einfach irgendwie nicht mehr in der Lage eine normale, gesunde und dauerhafte Beziehung zu führen, so sehr er es sich auch wünschte. Die jüngsten Ereignisse hatten das wieder einmal aufs Deutlichste gezeigt. Es funktionierte einfach nicht mehr. Schluss, aus!
Yanko war das alles in jener Nacht im Zelt in den Bergen klar geworden, als Dolores über ihre Liebe zu ihm und ihre Beziehung mit Mykee gesprochen hatte und ihr dabei klar geworden war, dass sie Mykee nicht verlassen möchte, außer Yanko würde ihr hier und jetzt ein eindeutiges Ja geben können. Aber das hatte er nicht gekonnt, so stark er es in jenem Moment auch gefühlt hatte. Er hatte es ihr nicht geben können, auch, weil er sich selbst diesbezüglich nicht mehr vertraute. Ab jetzt würde er allein bleiben – ohne festen Partner, und egal mit wem er sich in Zukunft einließe, er würde demjenigen von vornherein deutlich sagen, dass es mit ihm keine feste Beziehung gäbe.
Traurig und enttäuscht kehrte Susannah schließlich allein zurück nach Big Island. Obwohl sie Angst davor hatte dort möglicherweise ihrem Ex-Freund zu begegnen, zog es sie dennoch nach Hause. Sie kam zunächst bei ihrem Bruder Pupu unter, der sie natürlich herzlich aufnahm, ihr Trost spendete und ihr schließlich zur Erleichterung auch mitteilte, dass Frankie mittlerweile geschäftlich in Japan zu tun hätte und deshalb kaum noch auf der Insel sei. Sie schrieb Yanko deswegen noch eine kurze SMS, damit er sich diesbezüglich ebenfalls entspannen konnte, was er bei dieser Wendung der Dinge wahrscheinlich eh schon längst getan hatte.
Obwohl Yanko ihr noch seine Hütte angeboten hatte, zog es Susannah doch vor bei ihrem Bruder zu bleiben. Die Erinnerungen würden einfach zu wehtun. Nur ein einziges Mal war sie kurz nach ihrer Rückkehr dort gewesen, und dabei hatte sie zudem deutlich gespürt, dass es nicht ihr Ort war. Es war Yankos Zuflucht. Es war sein Platz.
Eine Woche später, war der Zirkus für ein kurzes Gastspiel nach Denver gereist, als auf einmal Yankos Schwester Irina überraschend auf dem Platz erschien. Sie war spontan in die USA geflogen, zum einen, um endlich SAN DANA und ihre restlichen Nichten und Neffen kennenzulernen, und zum anderen natürlich, um ihren Bruder Yanko zu besuchen. Die Überraschung war ein Volltreffer. Sie wurde herzlich begrüßt, und ihre Nichte Kenia, die sie ja schon kannte, hing sofort an ihrem Hosenbein.
Da der Zirkus momentan mit voller Besetzung unterwegs war, gab es keinen freien Wohnwagen mehr für Irina, und so quartierte Yanko sie kurzerhand bei sich ein. Er hatte zwar nur ein einziges Bett in seinem Wohnwagen, aber er sah darin kein Problem mit seiner Schwester in einem Bett zu schlafen.
Sie genossen ihre gemeinsame Zeit sehr, und es gab unglaublich viel zu erzählen. Vor allem Yanko quetschte seine Schwester regelrecht nach Informationen über ihre gemeinsame Mutter aus. Er selbst wusste ja kaum etwas über Irinas Kindheit und ebenso wenig über die seiner Brüder in Griechenland. Er konnte sich an ihren Geschichten gar nicht satthören, und er freute sich den ganzen Tag über wie ein kleines Kind auf die langen Nächte, in denen sie ungestört in seinem Wohnwagen lagen und sich gegenseitig ihr Leben erzählten.
Je mehr sie von einander erfuhren, desto stärker wurde ihnen bewusst, was sie alles verpasst hatten, und die Trauer darüber saß sehr tief. Oft nahmen sie sich in die Arme, einfach um sich gegenseitig zu trösten und die unterstützende Energie des anderen zu spüren, die sie solange hatten entbehren müssen. Manchmal schliefen sie auch darüber ein, und vor allem Irina kuschelte sich dann wie ein kleines Kind an ihren großen Bruder, der ihr endlich die Kraft gab, die sie ihr ganzes Leben lang schon gebraucht hätte.
Irgendetwas in ihrem Inneren begann schließlich langsam zu heilen, offenbarte aber auch dadurch immer wieder den ungeheuren Schmerz, den sie bis jetzt mit sich herumgetragen hatten, ohne zu wissen, dass er überhaupt da war, denn sie hatten es ja nicht anders gekannt.
Auch wurde Yanko wieder einmal bewusst, wie tief der Schmerz über die frühe Trennung von seiner Mutter immer noch saß. Oftmals geriet diese Tatsache bei ihm in Vergessenheit, einfach deshalb, weil er sich verstandesmäßig gar nicht so wirklich vorstellen konnte, wie einschneidend und folgenschwer dieses Erlebnis anscheinend für ihn war. Aber jedes Mal wenn er es wagte sich daran zu erinnern und mutig genug war, dem Faden dieses fast brennenden Gefühls zu folgen, geriet er meist recht schnell an einen Punkt, an dem sich alles anfing zu drehen und er, wie in einem Strudel blitzartig in einen völlig unbekannten und bedrohlich dunklen Abgrund gesogen wurde, wobei er dabei regelmäßig das Gefühl bekam, den Verstand zu verlieren. Die Tragweite dessen konnte er überhaupt nur ansatzweise erahnen.
Immer wieder dankte Yanko innerlich dem Himmel dafür, dass seine Kinder von all ihren Müttern und Geschwistern untereinander wussten und sie sich auch alle kannten. Jetzt erst wurde ihm richtig klar, wie wichtig das für jeden einzelnen von ihnen eigentlich war. Irinas Anwesenheit und die Gespräche mit ihr, gaben ihm eine besondere Kraft und Stärke zurück, die sich unwahrscheinlich gut anfühlten.
Doch nach einiger Zeit fühlte er auch etwas, was er erst gar nicht wahrhaben wollte, und er fragte sich bald ernsthaft, ob er jetzt vollkommen abdrehen würde. Deshalb schluckte er diese merkwürdigen Gefühle vehement herunter und tat so, als ob er sie nie gehabt hätte.
Irina schlief seit Tagen nur noch in seinem Arm und wollte gar nicht mehr von ihm abrücken. Yanko ließ es auch geschehen, denn es fühlte sich einfach gut an, und seine kurzen Zweifel darüber, ob das alles noch unter Geschwisterliebe fallen würde, drängte er ebenfalls zur Seite. Da er nicht wusste, wie sich die Liebe zu einer Schwester eigentlich anfühlte, konnte er das, was da zwischen ihnen entstanden war, überhaupt nicht einschätzen. So verließ er sich diesbezüglich ab sofort einfach voll auf Irina, denn immerhin war sie bereits mit zwei Brüdern aufgewachsen von denen ebenfalls einer älter war als sie.
Eines Nachts konnte Yanko mal wieder nicht einschlafen, denn er musste dauernd daran denken, dass sie bald nach Griechenland zurückkehren würde. Da überfiel ihn eine so große Sehnsucht nach ihr, obwohl sie noch direkt neben ihm lag, dass er kurz nach Luft schnappen musste.
Davon wachte Irina schließlich auf. „Alles ok mit dir?“, murmelte sie schlaftrunken. „Jaja...“, erwiderte Yanko schnell, obwohl er sich überhaupt nicht ok fühlte. Am liebsten hätte er sie ganz fest an sich gedrückt, um ihr damit zu sagen, dass sie ja nicht weggehen sollte. Doch er kämpfte gegen dieses Bedürfnis an, das in diesem Ausmaß mit Sicherheit die Grenze bereits überschritten hatte.
Irina beugte sich daraufhin über ihn und blickte tief in die Augen, in die sie am liebsten schaute. Fühlte er etwa wie sie? Könnte das tatsächlich möglich sein? Quälte ihn die bevorstehende Trennung etwa ebenso sehr wie sie? Irgendwie ließ sie das Gefühl auf einmal nicht mehr los, dass dem so war.
Eines Morgens war sie aufgewacht und hätte ihn beinahe angefangen zärtlich zu streicheln, einfach, weil die Stimmung so gewesen war. Doch sie hatte es sich sofort strengstens verboten, denn das wäre einfach jenseits des Möglichen gewesen. Yanko hätte sie mit Sicherheit und verständlicherweise hochkant hinausgeworfen. Und dennoch ließ sie diese Anziehung ab da nicht mehr los. Ihr ganzer Körper sehnte sich immer mehr nach seinem, sie wollte ihn mit Haut und Haaren ganz und gar spüren und ihn nie wieder loslassen. Gleichzeitig zweifelte sie die ganze Zeit über an ihrem Verstand und versuchte das drängende Bedürfnis irgendwie loszuwerden. Als sie Yanko aber nun in die Augen sah, hatte sie plötzlich den Eindruck in seinem Blick mehr zu lesen, als bisher.
Yanko wand sich aber plötzlich aus ihrer Nähe und setzte sich auf. Er rieb sein Gesicht. Irina gesellte sich neben ihn. „Hey Bruder, was ist los? Hast du schlecht geträumt?“ Yanko sah sie an, und er wusste, dass er auf der Stelle aus diesem Wohnwagen verschwinden sollte. Doch irgendwie wollte er sie aber auch nicht einfach so im Ungewissen lassen, schließlich hatten sie in den vergangenen zwei Wochen so offen und ehrlich miteinander gesprochen, dass es eigentlich nur stimmig wäre ihr auch jetzt seine wahren Gefühle mitzuteilen.
Und dann nahm er all seinen Mut zusammen und tat es schließlich auch. Zu seiner großen Überraschung teilte Irina ihm allerdings mit, dass es ihr genauso ginge, und sie ebenso ratlos sei, was sie damit nun anfangen sollte. Schließlich beschlossen sie, sich ihren Gefühlen einfach mal hinzugeben und sich auf das Experiment einzulassen, das sie eigentlich sowieso nicht mehr aufhalten konnten.
Und Yanko hätte am nächsten Morgen seinen Wohnwagen am liebsten nie wieder verlassen, und Irina ging es genauso.
Doch eines war zu diesem Zeitpunkt jedenfalls klar geworden: Sie hatten ab sofort ein Geheimnis, das niemand wissen sollte. Und sie hatten noch etwas: Das Gefühl, dass es für ihre Situation eigentlich keine Lösung gab.
Das Klingeln seines Handys riss ihn aus dem Schlaf.
„Ja?“, murmelte Yanko deshalb noch ziemlich verschlafen. Adam Brown musste lächeln. „Guten Morgen, Mr Melborn! Hier ist Adam Brown aus Santa Monica. Ich hoffe, ich störe nicht.“ Yanko setzte sich auf und schaute schnell auf das Display seines Handys. „Ähm, nein... Sie stören nicht! Hallo!... Was verschafft mir denn die Ehre Ihres Anrufs?“ Adam Brown räusperte sich und fand die Vorstellung, dass jemand mittags um zwölf Uhr noch so verschlafen klingen konnte irgendwie amüsant. Bei ihm war es ja ein paar Stunden früher, weshalb er sich eigentlich auch sicher gewesen war, Yanko wach anzutreffen. „Wie geht es Ihnen, Mr Melborn? Ich hoffe doch gut! Ich habe da nämlich einen besonderen Anlass, weswegen ich Sie sprechen wollte!“ „Mir geht’s gut! Danke! Um was geht’s denn?“ Yanko war inzwischen aufgestanden und setzte Wasser für Kaffee auf.
Er ließ sich dann aufs Sofa fallen, und nachdem Adam Brown aufgelegt hatte, fühlte er sich wunderbar. Der Ärger darüber, dass er geweckt worden war, nachdem er endlich ein paar Stunden Schlaf gefunden hatte, war wie weggeblasen. Denn soeben war er vom Bürgermeister von Santa Monica eingeladen worden, bei einem großen Zigeunermusikevent dabei zu sein und die Ansage machen zu dürfen, wobei er die Gelegenheit nutzen könnte, ein paar informative Worte über die Situation der Roma in den USA zu verlieren.
Er fühlte sich auf einmal vogelfrei und leicht. Ruckzuck hatte er einen Flug nach L.A. gebucht und im Handumdrehen allen Bescheid gegeben, dass er für ein paar Tage weg sein würde.
Als Yanko dann zwei Tage später durch die Tür des Rathauses von Santa Monica ging, musste er zwangsläufig an seinen letzten Besuch denken, bei dem er unter sinnesraubenden Schmerzen hier eine Rede gehalten hatte. Unwillkürlich musste er auch an Fam denken, und an seine Überlegungen, ob diese Rede eigentlich irgendetwas bewirken könnte. Doch offensichtlich hatte sie es, auch wenn sie 'nur' zu einem Musikevent geführt hatte.
Adam Brown freute sich sehr darüber Yanko wiederzusehen und lud ihn postwendend ein, Gast in seinem Haus zu sein, doch Yanko lehnte dankend ab. Er wollte lieber allein sein. Adam Brown bestand dann allerdings unerbittlich darauf ihm wenigstens seine Unterkunft zu bezahlen und quartierte ihn im Handumdrehen im Santa Monica Beach Hotel ein.
Yanko wusste gar nicht wie ihm geschah, und als er schließlich die Tür seines Balkons aufmachte und sich vor ihm der Pazifik ausbreitete und der Wind ihm ins Gesicht fegte, fühlte er sich seltsam berührt, und es tat ihm fast weh diesen wundervollen Anblick zu ertragen.
Diese Nacht schlief er draußen auf dem geräumigen Balkon, und er konnte sich zunächst an dem Rauschen der Wellen gar nicht satthören. Jetzt, Ende Januar, waren die Temperaturen selbst hier in California nicht gerade sommerlich warm, aber das störte Yanko überhaupt nicht. Er war endlich zurück am Meer, und er spürte wieder einmal wie sehr er es vermisst hatte.
Am nächsten Tag ging er als allererstes surfen, und als er sich nach Stunden auf dem Wasser schließlich ausgepowert in den Sand fallen ließ, fühlte er sich so richtig gut. Er drehte sich auf den Bauch, stützte den Kopf in die Hände und schaute zum Hotel hinüber, ließ den Blick dann den weitläufigen Strand rauf und runter schweifen, sah die Berge zu seiner Linken und Venice Beach entfernt zu seiner Rechten. Schließlich legte er den Kopf auf die Arme und fühlte sich so entspannt und wohl in seinem Körper, wie schon seit gefühlten Urzeiten nicht mehr, wenn überhaupt schon jemals. Und das, obwohl ihm bewusst war, dass sich direkt vor ihm eine Millionenstadt ausbreitete. Es muss wohl an der Bauweise dieser Metropole liegen, dass sie mich nicht erdrückt, mutmaßte Yanko. Vielleicht lag es aber auch am Pazifik, der hier im Westen die eindeutige, und damit absolut sichere Grenze darstellte – hier war frische Luft und Natur, Wind und Freiheit.
Dass er sich mit den Jungs von der Band sofort anfreundete, verstand sich fast von selbst, und der Abend vor dem Konzert war erst am frühen Morgen zu Ende. Stunde um Stunde kramten sie gemeinsam alte Lieder aus, tanzten und sangen. Yanko wunderte sich sehr darüber an wie viele Lieder er sich plötzlich erinnerte, an die er gar nicht mehr gedacht hatte. Und als er morgens dann irgendwann ins Bett fiel, fühlte er sich so richtig satt und rund um wohl.
Das Konzert fand am frühen Abend im Greek Theater im Griffith Park statt, und es kamen mehrere tausend Besucher. Roma, Amerikaner, Mexikaner, Brasilianer, Kanadier – kurz, Menschen aus aller Herren Länder. Es war ein wunderbarer Abend voller grandioser Musik. Die Blechbläser stampften den mitreißenden Balkanrhythmus in den Staub, und die Sänger sangen sich in die Herzen der Zuhörer.
Yanko war so gut gelaunt, dass er mit Leichtigkeit die richtigen Worte zur Begrüßung fand – nicht zu viele, aber auch nicht zu wenige. Er wollte schließlich keine Informationsveranstaltung daraus machen, dennoch aber die Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen über gewisse aktuelle rassistische Vorfälle zu berichten. Er wollte damit in keiner Weise auf die Tränendrüse drücken, er erhoffte sich dadurch nur, dass die Menschen ihre Herzen öffnen, und der Welt der Roma eine Chance geben würden. Er wollte, dass sie sich einfach einmal tief davon berühren ließen.
Und dann staunte er nicht schlecht und war sehr überrascht und fast ungläubig, als der Chef der Band ihn während dem Konzert plötzlich auf die Bühne bat, um zusammen mit ihnen ein paar Songs zu singen. Yanko ließ sich aber nicht lange bitten.
Und dann stand er da oben und sang, und das Publikum feierte ihn, und das nicht nur aufgrund seiner wunderbaren Stimme, sondern vor allem deshalb, weil die Lieder, so wie er sie sang, die Leute sehr berührten. Sie kamen einfach tief aus seinem Herzen, und Yanko konnte sich gar nicht vorstellen, dass er das in diesem Ausmaß heute zum ersten Mal tat. Während er sang, spürte er, wie sein Herz und seine Gefühle sich über die Töne wie von selbst einen Weg nach draußen bahnten, und er fühlte sich das erste Mal vor Publikum ganz und gar authentisch. Er tat das, was tief in seinem Innern verankert war, das, was er war. Er sang von seinem Volk, von seinen Leuten, von seiner Vergangenheit, von seinem Leben. Er sang seine Lieder.
Noch in dieser Nacht beschloss die Band ihn mit auf ihre USA Tournee zu nehmen, und Yanko sagte sofort zu. Es passte einfach.
In jener Nacht klopfte es auch an seiner Hotelzimmertür. Yanko hatte sein Hemd schon ausgezogen und eigentlich gar keine Lust mehr darauf zu öffnen. Er machte aber trotzdem auf und staunte dann nicht schlecht. Vor ihm stand Margret Brown, die Frau des Bürgermeisters.
Sie war schon direkt nach dem Konzert begeistert hinter die Bühne gekommen und hatte der Band und vor allem Yanko für den grandiosen Auftritt gratuliert. Danach hatte sie sich dann immer irgendwie in Yankos Nähe aufgehalten, hier und da auch mit ihm etwas geplaudert und kleine Späßchen gemacht, bis sie schließlich später mit ihrem Ehemann zusammen das Gelände verlassen hatte.
„Hallo, Mr Melborn! Ich hoffe, ich störe Sie nicht?!“, sagte Margret Brown leise, aber dennoch deutlich. Yanko räusperte sich: „Hallo, Mrs Brown! Ähm... Nein, Sie stören nicht, aber was gibt es denn? Was machen Sie hier mitten in der Nacht?“ „Darf ich kurz hereinkommen?“, fragte sie und sah Yanko mit schimmernden Augen an. Yanko trat zur Seite. „Ja, klar! Bitte, setzen Sie sich!“, antwortete er und schloss dann die Tür hinter ihr. Sie setzten sich an den runden Tisch, um den ein paar Stühle gruppiert waren. Mrs Brown rückte sich erst ein wenig zurecht und dann sah sie Yanko an.
Sie sieht aus wie eine Wiesenblume, dachte Yanko und musste innerlich schmunzeln. Irgendwie fand er die Situation plötzlich lustig. Da saß er mitten in der Nacht mit der Frau des Bürgermeisters in seinem Hotelzimmer, hatte selbst nur eine Jeans an, und sie trug noch ihr zart geblümtes Abendkleid von vorhin. Es fehlt nur noch ein Strohhut, phantasierte Yanko weiter und stellte sie sich dabei unvermittelt auf einem Hippiefest vor. Offenbar grinste er jetzt tatsächlich, denn sie fragte: „Was ist?“ „Ähm, das würde ich gerne von Ihnen wissen! Schließlich haben Sie an meine Tür geklopft! Wollen Sie was trinken? In dem Kühlschrank dort ist bestimmt etwas.“ Doch Mrs Brown schüttelte den Kopf. „Nein, danke! Ja, ich... Ich bin zu Ihnen gekommen, weil... nun, weil ich... Ich weiß es auch nicht so genau... Sie sind mir irgendwie nicht mehr aus dem Kopf gegangen... Ich wollte Sie einfach nur noch einmal sehen... Schließlich fahren Sie ja schon morgen mit der Band weiter nach San Diego...“, erklärte sie dann etwas stockend den Grund ihres Kommens.
Yanko bekam auf einmal ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. „Was ist los?“, fragte er deshalb, diesmal etwas fordernder. Er hatte überhaupt keine Lust auf irgendwelche Gefühlsduseleien, obwohl sie persönlich ihn jetzt gerade nicht nervte. Im Gegenteil, sie hatte sogar etwas Erfrischendes an sich, eine Art, die er so noch nicht kannte. Sie war eine Mischung aus feiner Dame und einem noch völlig unschuldigen, abenteuerlustigen Kind. Trotz allem strahlte sie irgendwie eine weise Lebenserfahrung aus, immerhin hatte sie auch schon zwei erwachsene Kinder. Mehr wusste Yanko allerdings nicht von ihr. Er hatte außerdem schon krampfhaft überlegt, ob sie sich bei seiner Rede damals im Rathaus schon einmal begegnet waren, doch er konnte sich nicht daran erinnern.
„Was war mit Ihnen eigentlich das letzte Mal bei Ihrer Rede im Rathaus los gewesen?“, fragte sie ihn plötzlich unvermittelt, so, als hätte sie seine Gedanken von eben verfolgt. „Als wir uns die Hände zum Abschied gaben, wirkten Sie völlig erschöpft. Das hat mich lange beschäftigt. Mein Mann hatte das irgendwie nicht mitbekommen, naja, er war ja auch mit allem anderen sehr beschäftigt gewesen... Und als ich vorhin zu Hause war und schon zu Bett gehen wollte, ist mir das alles wieder eingefallen, und es hat mich irgendwie in Unruhe versetzt. Ich wollte es einfach wissen. Ich weiß auch nicht warum... Es tut mir leid, wenn ich Sie damit belästige!“, gab sie Yanko weiterhin als Antwort und sah ihn dabei unvermittelt an.
Yanko stand ziemlich ruckartig auf. Er wusste nicht, ob er sie auf der Stelle rausschmeißen, oder selbst aus dem Fenster springen sollte. Deswegen war sie hierher gekommen? Um ihn das zu fragen? Wieso hatte sie überhaupt bemerkt, dass es ihm damals so scheiße gegangen war? Warum fragten ihn die Leute immer solche Sachen? Kaum hatte er mal gute Stimmung und fühlte sich wohl, kam irgendeiner daher und knallte ihm energetisch mit einer solchen Fragerei eiskalt eine ins Gesicht. Willkommen in der Realität – zack! Yanko ging im Zimmer auf und ab und hätte sie am liebsten angeschrien, sie möge sich zum Teufel scheren mit ihrer saudummen Frage.
Doch plötzlich hatte er eine zierliche, leicht kühle Hand auf seinem nackten Rücken, und er fuhr herum. „Es tut mir leid! Ich wollte Ihnen damit nicht zu nahe treten!“, sagte Margret Brown sanft. „Das sind Sie aber!“ konterte Yanko unwirsch, blieb aber dennoch bei ihr stehen. Irgendwie hatte ihre Frage gar nichts Forderndes an sich gehabt. Es war einfach nur die Erinnerung an diese Zeit, die in ihm das Gefühl der Verzweiflung wieder wachrief. Ihre Stimme hatte allerdings etwas sehr Zartes und Mitfühlendes an sich, und Yanko beruhigte sich etwas. Er setzte sich sogar wieder.
„Mrs Brown, was wollen Sie von mir? Sind Sie nur deswegen hierher gekommen, um von mir zu erfahren, wie es mir damals ging?“, fragte er dann wieder etwas beherrschter. Margret Brown setzte sich ebenfalls und rückte ihren Stuhl ein wenig in seine Richtung. „Ja, auch... Ich weiß, es geht mich ja eigentlich nichts an! Wir kennen uns ja kaum... Ich... Ich würde Sie aber sehr gerne kennenlernen! Sie... Sie faszinieren mich!“, sagte sie nun und errötete dabei um einen fast unsichtbaren Hauch.
Yanko atmete tief durch. Eigentlich hätte er sich über so ein Kompliment freuen sollen, aber irgendwie konnte er es nicht leicht nehmen und humorvoll damit umgehen. Er hatte plötzlich das Gefühl jemand würde ihm wieder einen Strick um den Hals legen. Abermals stand er auf und ging hinaus auf den Balkon und wünschte sich, sie würde einfach wieder gehen und noch mehr, sie wäre erst gar nicht gekommen.
Adam Brown hatte seinem Zirkus SAN DANA hier eine wunderbare Plattform gegeben. Er stand auf seiner Seite. Er hatte ihn zu dem Kongress nach Hawaii gebracht. Er hatte ihm zudem zwei tolle Gelegenheiten geschenkt in der Öffentlichkeit in einem geschützten Rahmen über die Situation der Roma in den USA zu berichten. Er war es, der ihn mit dieser Band zusammengebracht hatte und ihm dadurch nun die Möglichkeit gab, zwei Wochen lang mit den Jungs auf Tour zu gehen und seine Lieder zu singen. Und jetzt stand Adam Browns Frau mitten in der Nacht hier in seinem Hotelzimmer und wollte offenbar mehr, als nur wissen wie es ihm damals gegangen war. Guter Vorwand, dachte Yanko und wünschte sich eine Zigarette.
In diesem Moment trat sie zu ihm hinaus auf den Balkon und stellte sich neben ihn. Ihr Blumenkleid wehte im Wind, und wenn sie einen Hut getragen hätte, würde sie ihn jetzt wohl mit einer Hand festhalten müssen.
Yanko sah sie an: „Mrs Brown, das ist sehr nett von Ihnen, aber ich wäre jetzt lieber wieder allein! Verstehen Sie mich nicht falsch, aber ich meine, es wäre wirklich besser, wenn Sie jetzt nach Hause gehen würden! Ihr Mann hat sehr viel für mich getan! Ich will nicht, dass er irgendwas Falsches denkt! Verstehen Sie?“ Yanko wunderte sich, dass er dabei so höflich blieb, aber irgendwie forderte sie das heraus.
Mrs Brown lächelte plötzlich und stellte sich mit dem Gesicht in den Wind. Sie atmete tief ein, so, als ob sie noch niemals diese Luft gerochen hätte. „In ihrer Nähe fühle ich mich leicht und frei! Verzeihen Sie bitte, wenn Ihnen das unangenehm ist! Ich werde jetzt gehen! Es war schön, Sie wenigstens etwas kennengelernt zu haben!“, sagte sie, erneut in einem sehr sanften Ton. Dann drehte sie sich um, ging zurück ins Zimmer, nahm ihre Tasche und zog die Tür leise hinter sich zu.
Yanko stand bestimmt noch eine halbe Stunde auf dem Balkon und starrte ihr hinterher und versuchte zu begreifen, was soeben geschehen war.
Irgendwann rappelte er sich zusammen und ging schlafen. Es wurde eine sehr unruhige Nacht, in der er von allen möglichen Beziehungen und Affären wild durcheinander träumte und dabei ständig das Gefühl hatte, verfolgt und gejagt zu werden. Schweißgebadet wachte er gegen sechs Uhr morgens auf und konnte danach nicht mehr einschlafen.
Kaum waren die Band und er später in San Diego angekommen, schlief Yanko erst einmal bis zum Soundcheck. Danach war er wieder auf dem Damm und fühlte sich gut. Die Musik heilte schließlich auch den Rest seiner schlechten Laune und puschte ihn dabei noch so richtig auf. Und als dann nach dem Konzert Margret Brown plötzlich wieder vor ihm stand, musste er sogar lachen.
Er fragte sie dann nicht mehr warum sie gekommen sei, und er fragte auch nicht, ob ihr Mann darüber Bescheid wüsste. Er ging einfach davon aus, dass er es wissen würde, denn die Browns waren weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Er fragte sie auch nicht wo sie übernachten würde, und als sie später dann einfach mit zu ihm aufs Zimmer kam, ließ er sie kommentarlos gewähren.
Dann erst lehnte er sich mit dem Rücken an die Tür und fragte sie: „Was zum Teufel machen Sie hier?“ Margret Brown schien sich über Nacht in ein junges Mädchen verwandelt zu haben, dem nur der Sinn nach Spaß und Vergnügen zu stehen schien, und sie schnappte einfach Yankos Hand und zog ihn in die Mitte des Raums. Yanko war eigentlich klar was passieren würde, wenn er nicht sofort den Riegel vorschob, aber heute hatte er überhaupt keine Lust mehr dazu. Er war frei. Er war niemandem gegenüber Rechenschaft schuldig, und Mrs Brown war definitiv alt genug, um zu wissen was sie wollte.
Sie stand einfach da, hielt seine Hand fest und sah ihm in die Augen. „Er wird nichts erfahren! Das ist ganz allein meine Sache! Ich will ihn auch nicht verlassen, aber ich will diese zwei Wochen mit dir verbringen!“, sagte sie plötzlich so klar und einfach, dass Yanko nur noch grinsen musste. „Und ich will frei bleiben!“, gab er ihr als Antwort zurück. Sie nickte daraufhin nur stumm, reckte dann ihren Kopf zu ihm hinauf und schloss die Augen.
Sie sieht nicht nur aus wie eine Blumenwiese, sie schmeckt und riecht auch so, dachte Yanko dann immer wieder, während sie sich für die Dauer dieser Tour liebten.
Nach der Tour war es dann mit ihnen aber irgendwie doch noch nicht vorbei, und daher beschlossen sie noch eine weitere Woche dranzuhängen. Yanko hatte zwar keine Ahnung, wie Margret das nun ihrem Mann erklären wollte, aber er hatte auch gar kein Bedürfnis danach es zu wissen.
Margret war jedenfalls völlig angetan von Yanko, und die Faszination beruhte bald auf Gegenseitigkeit. Sie führte ein Leben, welches sich Yanko nie vorstellen könnte zu leben, und für Margret war es genau umgekehrt. Sie fand es total aufregend mit einem Zigeuner unterwegs zu sein, Geschichten über seine Familie und sein Volk zu erfahren und in diese, für sie völlig unbekannte Welt einzutauchen.
Und ihr geordnetes und durchgeplantes Leben machte auf Yanko zum ersten Mal keinen einengenden Eindruck mehr, er konnte sogar, die von ihr beschriebene Sicherheit auch teilweise als angenehm nachempfinden. Gleichzeitig wusste er aber auch, dass er so nie würde leben können. Es war ihm schon ein Gräuel nur darüber nachzudenken, was in so und so vielen Jahren eventuell sein könnte. Allein der Gedanke daran Tag ein Tag aus dasselbe tun zu müssen und einen geregelten Tagesablauf zu haben, sowie ständig auf irgendwelchen Feierlichkeiten und offiziellen Anlässen immer höflich und diszipliniert aufzutreten, löste ein beklemmendes Nagen in seinem Bauch aus. Einen regelmäßigen Tagesablauf hatte er zwar auch ab und zu, dennoch war ihm die Vorstellung davon, lange Zeit im Voraus schon genau zu wissen, was dann und dann sein würde absolut zuwider. Dabei konnte er dann stets die fast immerwährende Unstetigkeit, dieses immer irgendwie auf dem Sprung sein, so deutlich wie selten zuvor in sich pulsieren spüren. Oftmals dachte er in dieser Zeit an seinen Vater. Ob er ihm jemals gesagt hätte, dass Minerva nicht seine echte Mutter war?