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Das Buch erzählt die berührende Geschichte eines Roma, der in den USA lebt und nach dem Tod seiner Frau verzweifelt versucht, mit seinem Leben wieder zurecht zu kommen. Dabei gerät er in eine folgenschwere Liebesbeziehung, durch die er nicht nur zur Zielscheibe der Leute wird, sondern sich auch seiner Vergangenheit stellen muss.
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Seitenzahl: 579
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Für meine Familie
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Auf meinem sehr sehr langen Weg traf ich viele schöne Roma. Auf diesem sehr sehr langen Weg begegneten mir viele glückliche Roma.
Auch ich hatte eine große, glückliche Familie. Sie wurde von der schwarzgekleideten Legion ermordet. Alle wurden umgebracht, Männer, Frauen, selbst die kleinen Kinder.
Lieber Gott, öffne deine großen Tore, damit ich sehen kann, wo all meine Menschen geblieben sind. Erhebt euch Roma, es wird Zeit! Steht auf ihr müden Roma!
Und wieder werde ich diesen langen Weg gehen, und werde mit schönen Roma zusammentreffen. Und auf diesem langen, beschwerlichen Weg, werde ich mit diesen glücklichen Menschen mitziehen.
Da sitze ich nun und versuche alles mal aufzuschreiben.
Ich glaube, ich muss das wirklich tun. Diese Möglichkeit habe ich noch nicht ausprobiert, um irgendwie wieder auf die Reihe zu kommen und glücklich zu sein. Ich schreibe es nicht für andere, ich schreibe es nur für mich, damit ich mich freimachen kann, damit ich wieder Vertrauen finde und die schönen Seiten des Lebens genießen kann, denn ich weiß, dass es sie gibt. Eigentlich dachte ich alles sei vorbei, denn alles, was ich zum Leben brauchte war hier bei mir gewesen, war so nah, zum Vergehen nah, und jetzt kann ich mich nicht fallen lassen.
Ganz tief in mir sitzt die Angst wieder alles zu verlieren.
Es ist schwer, ich habe noch nie so geschrieben, und ich weiß nicht, was am Ende hier vor mir liegen wird, und wie es mir dabei gehen wird, während ich alles hier aufs 'Papier' bringe, aber ich muss da jetzt durch, sonst werde ich immer wieder kämpfen und wieder verdrängen. Ich hoffe, es wird die Medizin sein, die ich brauche. Ich muss lernen ganz ehrlich zu sein und alles aufschreiben und nichts zurückhalten, alles noch einmal Revue passieren lassen.
Ich habe so viel vergessen, weil ich damals, so wie heute auch noch, niemanden damit belasten wollte – ich habe es verdrängt, alles zugeschüttet...
Oh Scheiße, ich habe echt Angst vor diesen leeren Seiten...
Eine warme Sommerbrise ließ das Wasser auf dem kleinen See unterhalb seines Blockhauses glitzern. Es war Juli, und die Sonne schien kräftig und tauchte die wunderschöne Berglandschaft Colorados in strahlendes Licht. Hoch oben am Himmel zog ein Steinadler seine Kreise.
Im Januar, bevor ich sechzehn wurde, bin ich nach Deutschland gekommen, nachdem mein Vater im Jahr zuvor gestorben war. Wir hatten früher einen Zirkus und waren zu dieser Zeit meistens in Spanien unterwegs gewesen. Als mein Vater tot war, ging uns ziemlich schnell das Geld aus, denn die spanische Regierung hatte plötzlich die Preise für die Winterquartiere erhöht, und so mussten wir den Zirkus verkaufen und andere Arbeit finden. Meine Mutter ging mit meinem Bruder zu Onkel John nach Sheddy in die USA und ließ mich in Deutschland bei Pflegeeltern zurück, damit ich zur Schule gehen konnte.
Von da an war alles nur ein Kampf gewesen, vor allem Kampf gegen die Einsamkeit, und weil ich mit Menschen zusammen war, für die andere Dinge wichtiger waren als Familie, Gemeinschaft und Liebe.
Ich wohnte schließlich bei einem Ehepaar, das mich nicht verstanden hatte, zuerst weil ich die deutsche Sprache nicht konnte und sonst, weil ich eben nicht so war, wie sie es gerne gehabt hätten. Sie hatten sich zunächst schon bemüht, aber später nicht mehr, und ich habe mehr die Straßen kennengelernt, als die Schule besucht. Ihr Bemühen endete schlagartig, als sie irgendwie erfahren hatten, dass ich ein Zigeuner bin. Ab dann hatten sie mich wahrscheinlich nur noch deshalb geduldet, weil sie vom Amt Geld für mich bekamen. In dieser Zeit bin ich mit allen möglichen Leuten herumgezogen.
Nach einem Jahr hatte mir meine Mutter dann mitgeteilt, dass sie noch immer keine Arbeit gefunden hatte und ich doch noch länger in Deutschland bleiben müsste, solange bis sie endlich welche gefunden, und damit dann auch Geld für uns alle hätte.
An diesem Tag habe ich angefangen zu trinken. Jeden Tag, ständig – ich wollte nichts mehr hören, nichts mehr sehen, und ich habe versucht das alles zu verdrängen, weil ich es nicht wahrhaben wollte.
Yanko saß auf der Veranda und tippte das alles in seinen Laptop, der vor ihm auf dem Tisch stand. Er versuchte sich zu konzentrieren, was ihm aber nicht sonderlich gut gelang und sein Blick schweifte dabei immer wieder gedankenverloren über den See. Aber er hatte sich fest vorgenommen da durch zu gehen.
Eines Tages dann starb meine Pflegemutter. Ich habe trotzdem Blumen auf ihrem Grab gepflanzt und bin oft zum Friedhof gegangen und habe mit ihr gesprochen. Irgendwie hatte ich Mitgefühl mit dieser merkwürdigen, harten Frau, die unfähig war Liebe zu geben und zu empfangen, und die auch keine eigenen Kinder hatte.
So auch an jenem Tag, der alles in meinem Leben für immer verändert hatte - jener Tag, an dem es plötzlich wieder Sonne in mir gab, an dem ich leicht wurde und so herrlich ruhig. An diesem Tag fiel alles von mir ab, der ganze Dreck und die Dunkelheit waren weg, so als ob es einfach so sein musste.
Ich spürte plötzlich hinter mir etwas, was mir augenblicklich den Atem geraubt hatte, und mein Herz hatte angefangen wild zu schlagen. Ich stand eine ganze Weile so da und habe einfach nur dieses seltsame und doch wundervolle Gefühl genossen. Ich hatte niemanden kommen hören und doch musste da ja jemand sein. Dann spürte und hörte ich auf einmal ein paar Schritte näher kommen und auf einmal stand eine junge Frau neben mir und sagte einfach: „Sei nicht so traurig, das tut mir auch weh, obwohl ich dich noch nie gesehen habe.“ Ich schaute sie an und nahm einfach ihre Hand, als ob ich nie eine andere genommen hätte und sagte ihr, dass ich nicht mehr traurig sei, und dass jetzt alles gut wäre. Und so war es auch, und von diesem Tag an waren wir zusammen. Alles war auf einmal leicht und unbeschwert geworden.
Wir liebten uns ohne Ende.
Nach einem Jahr kauften wir uns dann zwei Flugtickets und zogen zu meinen Verwandten in die USA - nach Sheddy - nach Hause.
Wir waren absolut glücklich zusammen. Sie konnte so wunderbar unbeschwert sein. Sie hatte es verstanden, sich von ihren alten, familiären und einengenden, irischen Fesseln zu befreien.
Fam war ein Teil von mir. Nichts wurde langweilig, oder hätte mich von ihr wegbringen können. Keine Macht der Welt würde mich von ihr trennen können, so dachte und fühlte ich. Es war noch nicht einmal ein Gedanke, es war einfach klar. Es gab keine andere Frau, keinen anderen Menschen für mich mit dem ich leben wollte, und durch den ich lebte. Es gab bis jetzt keine andere Frau, mit der ich auch nur annähernd so intensiv zusammen war. Sie zu spüren und zu...
Ich finde keine Worte dafür, vielleicht später.
Es ist verdammt anstrengend mich daran zu erinnern, was
wann und wo damals geschehen war und was mit mir gewesen ist. Ich habe vier Jahre lang überhaupt niemandem erzählen können, wie Fam tatsächlich gestorben ist. Ich habe, so wie mein Onkel John und mein bester Freund Ron behaupten, drei Monate lang überhaupt nicht gesprochen, kein Wort über nichts und niemanden.
Sie ist bei einer unserer Bergwanderungen tödlich verunglückt.
Ich kann mich nur noch ganz dunkel an diese Zeit erinnern, denn von da ab weiß ich nicht mehr viel. Als ich danach wieder zurück in Sheddy war, bin ich sofort in den Pub gegangen und habe mich volllaufen lassen. Ich habe so gezittert, dass ich kaum trinken konnte.
In dieser Zeit habe ich nichts anderes getan, als dazusitzen und zu trinken. Ich habe nichts mehr gefühlt, ich war total leer. Ich habe kaum etwas gegessen. Irgendwann, das weiß ich wieder, kam John und hat mir eine saftige Ohrfeige gegeben und mich angeschrien, ob ich noch ganz dicht sei, was das solle, und ob ich mich nicht lieber gleich erschießen wolle, das würde schneller gehen. Er hatte mich gepackt und mich von der Bank, auf der ich saß, hochgerissen. Da stand ich dann vor ihm und mir war alles so egal...
Yanko unterbrach sein Schreiben und lehnte sich seufzend zurück. Gedankenversunken zündete er sich langsam eine Zigarette an und sah dabei deutlich die Szenerie von damals vor sich. Kurz zögerte er, ob er den inneren Film wirklich ablaufen lassen sollte, denn der plötzliche und heftige Stich in seinem Herzen forderte all seinen Mut heraus, weil er ihn unverblümt spüren, wie müde er sich von alldem fühlte.
Die Welle ließ sich jedoch nicht mehr aufhalten.
Damals saß Yanko im OLD RAILWAY allein an einem kleinen Tisch an der Wand. Vor ihm stand eine leere Flasche Whisky und ein noch volles Glas daneben. Er starrte stumm und mit leerem Blick vor sich hin.
Da betrat sein Onkel John den Pub. Er erblickte Yanko, so wie er ihn schon seit Wochen jeden Tag hier gesehen hatte, grau und leblos aus einem Glas Whisky trinkend. John konnte ihn gut verstehen, wusste er doch, wie sehr Yanko Fam geliebt hatte, und dass er durch den Unfall in ein tiefes, schwarzes Loch gefallen war. Oft fühlte sich John auch hilflos, weil er ihm gerne helfen mochte, aber nicht wusste wie. Alle Versuche prallten an Yanko ab. Es schien keine Tür zu geben, durch die man in dieser Zeit an ihn herankommen konnte.
In einem Anflug von Resignation wollte John schon wieder umdrehen und den Pub verlassen, als ihn plötzlich die Wut packte. Er konnte regelrecht spüren, wie sie unaufhaltsam in ihm aufstieg und sich ihren Weg bahnte. Es brauchte lange, um ihn aus der Fassung zu bringen, aber dann gab es kein Zurück mehr. John ging rasch und wild entschlossen, diese Mauer des Schweigens endlich zu durchbrechen, auf Yanko zu. Er packte ihn und riss ihn hoch und war ziemlich geschockt davon, wie Yanko dann schwankend vor ihm stand und ihn mit leerem Blick anstarrte. Doch John ließ nicht locker und blickte ihm wortlos scharf in die Augen. Yanko sah ihn weiterhin schweigend und müde an, und die Zeit schien stehenzubleiben. Johns Hand krallte sich schließlich in Yankos Hemd fest, als ob er ihn vor dem Ertrinken retten müsste. Auch die anderen Gäste hielten mittlerweile den Atem an. Nach einer für John schier endlosen Weile, hatte er für den Bruchteil einer Sekunde den Eindruck etwas anderes als Leere in Yankos Augen wahrzunehmen, und je länger sie sich anschauten, desto länger wurden die Augenblicke in denen dieser Schimmer in seinem Blick aufflackerte. John spürte instinktiv, dass dies der Schmerz sein musste, der sich irgendwo ganz tief in Yankos Seele vergraben hatte.
Und plötzlich fing Yankos Körper an zu zittern, und er griff automatisch zum Glas und nahm einen Schluck, doch das Zittern verstärkte sich noch – dieses Mal kam es nicht vom Alkohol. Dann brach etwas in ihm zusammen. Man konnte es fast hören. Yanko packte John und schubste ihn von sich weg. Und dann drehte er durch und schlug wie ein Wahnsinniger alles kurz und klein, und niemand hinderte ihn daran. Auch John ließ ihn gewähren, Yanko hätte ihn sonst über den Haufen gerannt, wenn er ihm in die Quere gekommen wäre. Dennoch fühlte John sich ungemein erleichtert, dass Yanko sich wohl endlich ein bisschen Luft machte. Doch während sein Neffe einen weiteren Stuhl in die Hand nahm, um diesen mit voller Wucht an die Wand zu schleudern, sah John erschrocken, wie sehr Yanko abgemagert war, und er wunderte sich, woher er diese gewaltige Kraft noch nahm so zu wüten. Bei jedem Schlag konnte er Yankos Muskeln sehen, wie sie ein Stück Schmerz aus seinem Körper ziehen wollten, und je mehr sie ihm entrissen, desto wilder wurde er. John hatte plötzlich Angst Yanko könnte jeden Moment zusammenbrechen, so ausgemergelt wie er war. Doch er tobte noch eine ganze Weile.
Dann, plötzlich, stellte sich Yanko vor ihn, und John konnte regelrecht sein Herz schlagen sehen. Er konnte spüren und sehen, dass Yanko versuchte zu leben und dass er wieder warm war. Sogar ein kurzes Lächeln huschte über Yankos Gesicht. Es war zwar nur ein Hauch, aber es war dagewesen, und John wusste, jetzt würde er anfangen müssen damit fertig zu werden, dass sie tot war. Er ahnte, dass dieser Kampf nicht so schnell enden würde, denn Yanko war sehr emotional, und alles was Fam betraf würde ihn vielleicht sogar sein Leben lang begleiten.
Yanko stand eine Weile einfach so da, und plötzlich sagte er ganz ruhig: „John... Sie wollte, dass ich lebe... aber wie soll ich das machen?“ Er drehte sich um, ging zum Tresen, bestellte sich noch einen Whisky und trank ihn in einem Zug aus. Dann lehnte er sich an die Theke, schaute wieder zu John und fragte ihn ganz leise: „Wie?... Wie John? Sag's mir!“ Schließlich krallten sich seine Finger in das Holz, und er trat mit voller Wucht gegen die Thekenverkleidung. John kam zu ihm rüber und legte eine Hand auf seine Schulter. Yanko seufzte leicht und murmelte: „Ich muss was essen!“ John umarmte ihn erleichtert, bezahlte seine Rechnung, und dann verließen sie gemeinsam den Pub.
Tante Mary sprang gleich in die Küche, als sie die beiden kommen sah und zauberte blitzschnell ein deftiges Mahl auf den Tisch. Yanko versuchte etwas zu essen, konnte aber die Gabel kaum noch festhalten, so erschöpft fühlte er sich nach seinem Ausraster. Langsam würgte er nach und nach ein paar Bissen hinunter, doch er fühlte sich zu elend und hundemüde. Schließlich stand er auf und legte sich wortlos auf die Couch. Wie betäubt fiel er sofort in einen traumlosen Schlaf.
Am nächsten Morgen stand er früh auf, ging in den Garten und hackte Holz. Es tat ihm gut etwas Körperliches zu tun. Das Holz gab ihm Ruhe und das Gefühl nicht allein zu sein. Später aß er noch ein wenig von Marys leckerem Eintopfgericht von gestern.
Dank ihrer Fürsorge schaffte es Yanko innerhalb von ein paar Wochen sein Trinkpensum von vier Flaschen Whisky pro Tag auf eine Flasche herunterzuschrauben. Geredet hatte er in dieser Zeit allerdings immer noch nicht viel, vor allem nichts über Fams Unfall.
Drei Monate später saßen sie wie immer abends gemeinsam beim Essen. Die Sonne schickte ihre goldbraunen Strahlen durch das Fenster und erwärmte den Raum. Mary bemerkte, dass Yanko ganz merkwürdig war und unkoordiniert in seinem Essen herumstocherte. Und sie fragte ihn vorsichtig: „Yanko, was ist los mit dir?“
Er blickte auf, und sie konnte sehen, dass er ganz blass war und leicht schwitzte. „Ich habe heute noch nichts getrunken... Ich muss es jetzt versuchen!“, murmelte er und fühlte sich hundeelend dabei. Kurz darauf konnte er die Gabel gar nicht mehr festhalten, denn seine Hände zitterten schon zu sehr, und bald durchzuckte ihn ein Krampf nach dem anderen. Er musste aufstehen und kauerte sich schließlich im Wohnzimmer auf der Couch zusammen.
Die Krämpfe und das Zittern wurden immer schlimmer, und Yanko schwitzte wie ein Tier. Vor Schmerzen zerriss er sich das Hemd und seine Hände krallten sich in seinen Körper. John setzte sich besorgt zu ihm, und Yanko konnte nur noch flüstern, dass er ihn bitte festhalten möge, weil es noch schlimmer werden würde. Yanko wälzte sich wild herum, und die Krämpfe schrie er in ein Kissen. Mary machte ihm oft kalte Umschläge und saß stundenlang neben ihm und versuchte beruhigend auf ihn einzureden, während John ihn, so gut es ging, festhielt.
Zwei Tage lang dauerte sein kräftezehrender Kampf, bis die Krämpfe endlich nachließen und er etwas schlafen konnte.
Am dritten Morgen stand er auf, ging hinaus auf die Terrasse, setzte sich dort auf eine Stufe in die Sonne und weinte.
Yanko wischte sich ein paar Tränen weg, die ihm währenddessen unbemerkt über die Wangen gelaufen waren. Er zog die Nase hoch, rappelte sich zusammen und schrieb weiter:
Dieser Entzug war wirklich eine Qual gewesen. Ich hatte zwischendurch das Gefühl gehabt zu sterben. Ich dachte jetzt ersticke ich, oder mein Körper krampft sich so eng zusammen, dass mein Herz keinen Platz mehr darin hat zu schlagen. Ich hätte nichts dagegen gehabt.
Da ist wohl alles zusammengekommen. Der Entzug, und der Schmerz über Fams Tod, der so lange in mir verschlossen war. Und mit Sicherheit hätte ich das ohne John und Mary nicht geschafft. Ich bin ihnen sehr dankbar, dass sie es durchgehalten, und mir immer wieder Vertrauen gegeben haben, auch wenn sie selbst manchmal nicht mehr daran geglaubt hatten, dass ich es ohne Medikamente schaffen würde. Vor allem danke ich ihnen für ihren Mut, mich bei ihnen zu Hause gelassen zu haben und mich nicht ins Krankenhaus gebracht zu haben – ich hasse Krankenhäuser!
Später, als ich dann endlich weinen konnte, konnte ich mich einfach nicht mehr dagegen wehren, ich war total aufgeweicht, und meine Seele lag offen da. Ich dachte, ich würde nie mehr aufhören können zu weinen.
Eine ganze Woche habe ich es dann ausgehalten nicht zu trinken, als mir schlagartig klar wurde, dass sie nie mehr zurückkommen wird.
Ich wusste nicht wohin mit diesem Schmerz, der mich schier
verbrannte, und so irrte ich stundenlang durch die Berge und wurde immer verzweifelter. Irgendwann ging ich zurück zu John und wollte mit ihm reden, aber ich brachte kein Wort heraus. Es wurde natürlich dadurch auch nicht besser. Aber ich hatte keine Energie mehr nach dem Entzug mich diesem Schmerz zu stellen, der mir jede Faser aus meinem Körper riss, meine Brust zusammenzog und mein Herz brach. Ich kaufte mir drei Flaschen Whisky und trank sie alle aus.
So ging das dann fünf Jahre lang, trinken, aufhören, trinken, aufhören usw.
Yanko hörte plötzlich das Geräusch eines heranfahrenden Autos und unterbrach sein Schreiben. Er drehte sich um und sah seinen alten Freund Ron aussteigen. Er stand auf und kam ihm erfreut entgegen. „Hi Ron, alter Kumpel, welch Überraschung! Hast du Urlaub? Komm hoch und setz dich!“ Sie umarmten sich kurz, und Ron nickte. „Ja, ich habe ein paar Tage frei und wollte mal nach meinem alten Zigeuner schauen!“ Ron schmunzelte, setzte sich, und Yanko klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter. „Das freut mich, Alter! Was magst du trinken?“ Ron bat um ein Bier, und Yanko ging ins Haus und kam mit einer Flasche Bier zurück. Ron nahm einen Schluck und fragte: „Wie geht's dir denn eigentlich so? Ich meine so wirklich. Das wollte ich dich schon seit Längerem mal fragen.“ Yanko setzte sich auch und stützte seinen Kopf in die Hände. „Hmm... Ganz gut... versuche durch das Schreiben alles irgendwie noch besser zu verarbeiten... Ist nicht ganz leicht, aber es geht.“ Ron nickte langsam. „Glaub' ich dir! Ich habe es ja miterlebt, das war ja auch echt hart für dich gewesen, und es hat dich vielleicht mehr mitgenommen, als dir bewusst ist. Ich wünsche dir jedenfalls, dass du mit alldem fertig wirst!“
Yanko atmete tief durch. „Danke!... Ja, wahrscheinlich... der Schmerz kommt immer mal wieder, nicht so wie am Anfang, aber manchmal tut's noch verdammt weh, und ich vermisse sie...“ Yanko wischte sich hastig ein paar Tränen weg, fing sich aber schnell wieder. Ron ließ nicht locker und bohrte weiter. Heute fühlte er sich irgendwie klar und bereit seinem Freund nah zu sein. „Und Alkohol?“ „Du stellst Fragen heute!“ Yanko lachte Ron an und wurde wieder nachdenklich. Er zögerte und wollte nicht so recht darüber sprechen. „Das ist über ein Jahre her!... Nun ja, manchmal fällt es mir nicht leicht, aber es geht schon.“
Ron wusste, dass es immer noch ein Thema für seinen Kumpel war. Er konnte seine innere Unruhe regelrecht schmecken. Yanko blickte zum See hinunter, als ob es dort eine Lösung gäbe. Sie schwiegen eine ganze Weile und rauchten dabei. Schließlich schaute Yanko seinen Freund an und fragte interessiert: „Und du? Erzähl du doch mal! Wie geht's dir?“ Ron schluckte und fing an herumzudrucksen, und es dauerte etwas bis er ein paar passende Worte fand, denn er hatte sich streng vorgenommen darüber gar nicht erst zu sprechen, und so antwortete er schließlich: „Ja... gut... Ich meine, es ist alles ok so weit.“ Yanko sah ihn fragend an. „Sicher? Was ist los mit dir? Ich seh' doch, dass was nicht stimmt! Komm, sag schon, du kannst doch mit mir reden!“
Eigentlich war er gekommen, um nach Yanko zu schauen und nicht, um über sich zu reden, aber jetzt spürte er, dass er es eigentlich doch gerne jemandem anvertrauen wollte, und Yanko war schließlich sein bester Freund. Er würde es mit Sicherheit für sich behalten, und er konnte ihm blind vertrauen. Doch es fiel ihm sichtlich schwer sich auszudrücken. „Ich weiß... Es ist trotzdem nicht so leicht.“, sagte Ron dann etwas zögerlich. Yanko schaute ihm weiter in die Augen und wartete einfach. Und nach einer Weile begann Ron schließlich ganz vorsichtig: „Ok... Ich... also... manchmal... Ich weiß nicht... Mir ist da was passiert... Ich... Seit einiger Zeit, da passiert es mir... dass... Ich... Mir gefällt es Männer anzuschauen... Ich fühle mich... irgendwie angezogen... Kennst du das?!“
Yanko musste unwillkürlich schmunzeln: „Hmm... Nun ja, das kenne ich tatsächlich... ist allerdings schon einige Jahre her, da hatte ich mal was mit einem Mann, damals in Deutschland. Es war nur kurz, nur Sex, keine Liebe. Das war da in meiner Vollsuff- und Drogenzeit. Ich weiß nicht, was mich dazu bewogen hatte, es kam eben so... war eine Erfahrung... aber mir war klar, dass ich nicht schwul bin... Und du? Was macht es mit dir?“
Ron war das alles sehr peinlich, und es fiel ihm äußerst schwer darüber zu reden. „Ich weiß nicht, was ich davon halten soll... Ich hatte noch nie was mit einem Mann... und habe auch noch nie darüber nachgedacht... bei meiner Erziehung sowieso nicht! Mein Vater hätte mich grün und blau geschlagen! Du weißt ja, wie die Leute hier sind... Es war auf einmal da... Ich bin selbst total überrascht...“
Yanko wurde neugierig. „Jemand Bestimmtes? Willst du Sex?“ Ron druckste weiter herum und war sichtlich verwirrt. Er schämte sich und traute sich nicht zu sagen, dass ihm vor allem Yanko auf einmal so gut gefiel, und dass es ihn nach all den Jahren, die sie sich jetzt kannten, plötzlich anmachte ihn nur anzusehen. „Ich... nein... Ich weiß nicht... Ich fühle mich total verwirrt. Ich... ich liebe Marianna und meine Kinder! Es ist auch alles gut zu Hause, wir verstehen uns gut, und im Bett ist es auch ok... Sorry, ich will dich damit nicht nerven...“
Ron stand plötzlich auf und wollte nur noch weg. Doch Yanko ging zu ihm. „He... Ron... Moment mal... Es ist alles ok, ich bin dein Freund, alles ist gut!... Ehrlich gesagt glaube ich, dass es vielen Männern so geht!“, versuchte er ihn zu beruhigen und legte Ron eine Hand auf die Schultern.
Ron fühlte sich auf einmal sehr unwohl, denn am liebsten hätte er in diesem Moment Yanko an sich gezogen und umarmt, und er war von seinen intensiven Gefühlen für ihn vollkommen überwältigt. Seine Nähe machte ihn plötzlich ganz schwindlig. „Mhm...“, murmelte er nur und drehte sich schnell zum Gehen um, hielt dann aber doch noch einmal inne und sagte: „Ähm... Yanko... wegen dem Alkohol, wenn du Hilfe brauchst, ich bin für dich da! Ok?“
Yanko nickte. „Ok, danke!... Hey, Kopf hoch, das mit den Männern ist ja keine Krankheit!“ Yanko lächelte, ging zu Ron und umarmte ihn kurz, und während der ganzen Heimfahrt versuchte Ron seine Gedanken zu beruhigen, was ihm nicht wirklich gelang.
Es regnete in Strömen, als Ron einige Tage später im OLD RAILWAY Pub in Sheddy saß. Es war sehr voll an diesem Abend, und die Worte der Gäste schwirrten geräuschvoll durch den Raum. Roger trug ein volles Tablett nach dem anderen hinaus und hatte alle Hände voll zu tun. Ron trank schon sein fünftes Bier und versuchte seine Gedanken zu kontrollieren. Doch sie schienen nicht auf ihn hören zu wollen. Er dachte ununterbrochen an Yanko und schaute unbewusst dabei ein paar Männern nach. Er fühlte sich total verunsichert, und er konnte überhaupt nicht verstehen, was plötzlich mit ihm los war.
Das erste Mal, als er gemerkt hatte, dass der Anblick eines Mannes ihn erregte, war für ihn ein gnadenloser Schock gewesen. Er hatte in seinem Büro gesessen, als der junge Soldat hereinkam, um ihm ein paar Akten zu bringen. Als dieser sich wieder umdrehte um zu gehen, konnte er den Blick von dessem knackigen Hintern nicht mehr abwenden. Erst als der junge Mann schon Minuten wieder draußen war, hatte Ron entsetzt bemerkt, dass er ihm immer noch hinterhergestarrt hatte.
Ron bestellte noch ein Bier, und seine Gedanken waren auf einmal bei Marianna und seinen Kindern. Er sah den ganzen Alltag vor sich und konnte beim besten Willen einfach nichts finden, mit dem er seine neusten Neigungen hätte erklären können.
Er liebte seine Frau, und fand sie nach wie vor wunderschön. Er war stolz auf seine Kinder, und es fröstelte ihn bei dem Gedanken, sie könnten etwas von seinen geheimen Gedanken erfahren. Er liebte es nach wie vor zum Beispiel nach einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause zu seiner Familie zu kommen und abends gemeinsam am Tisch zu sitzen, zu essen und die Erlebnisse des Tages auszutauschen.
Für ihn war seine Familie immer das Wichtigste gewesen.
Ein Schauer der Erregung lief auf einmal durch seinen Körper, als wieder ein Bild von Yanko in seinem Kopf auftauchte, und er schämte sich in Grund und Boden dafür. Yanko war doch sein bester Freund, und wie er selbst gesagt hatte alles andere als schwul, auch wenn er vor Jahren mal diese kurze Affäre gehabt hatte.
War er denn jetzt schwul? Ihm wurde regelrecht schlecht bei diesem Gedanken, und er orderte sofort einen Whisky, den er dann in einem Zug austrank, um das würgende Gefühl loszuwerden.
Ron beschloss in dieser Sekunde mit Yanko nie wieder darüber zu sprechen.
Der Geruch von gemähtem Gras stieg ihm in die Nase, und er sog ihn ein, als könnte man ihn trinken. Yanko liebte diesen Geruch. Er ging zu seiner grau gesprenkelten Stute und streichelte ihren Hals und fuhr ihr mit der Hand durch die lange Mähne. Er dachte dabei, dass sie sich ruhig mal kämmen könnte und musste bei dieser Vorstellung schmunzeln. Sie schien seine Gedanken lesen zu können und schnaubte demonstrativ als Antwort, dann stupste sie ihn sanft mit ihren Nüstern. Es war schon immer Balsam für seine Seele gewesen sich auf ein Pferd zu schwingen und auf dem blanken Pferderücken über Wiesen und durch Wälder zu reiten. Die gigantische Bergkulisse rund um Sheddy brachte zudem Klarheit in seine oftmals rotierenden Gefühle und Gedanken. Was auch immer geschah, in der Natur fühlte er sich sicher. Sie beruhigte ihn.
Und hier in Sheddy war er zu Hause. Endlich.
Obwohl er sich früher, außer damals in Deutschland, nicht heimatlos gefühlt hatte, wuchs das Bedürfnis in ihm, seit Fam nicht mehr bei ihm war, irgendwo Wurzeln zu schlagen. Sheddy war für ihn eine Art Anker geworden, der ihm ermöglichte irgendwie allein zurechtzukommen. Vielleicht war es aber auch etwas in seiner Familie, das sich nach Beständigkeit sehnte, waren sie doch alle Zirkusmenschen gewesen, immer auf Reisen, immer unterwegs. Selbst wenn sie im Winter einige Monate an einem Platz geblieben waren, hatte es doch immer bereits Pläne für das nächste Jahr gegeben, und in Gedanken war man schon Monate vorher dort gewesen.
Die Erinnerungen an den letzten Winter in Barcelona, damals als sein Vater schon gestorben war, lagen ihm immer noch wie eine schwere Faust im Magen. Es war an einem Montag gewesen, als der Mann mit der Aktentasche in diesem feinen Anzug gekommen war und seine Mutter aus dem Wohnwagen geklopft hatte. Sie hatte die zwei Jungs sofort hinausgeschickt, aber sie hätten auch genauso gut dabeibleiben können, ahnten sie doch eh was dieser Besuch zu bedeuten hatte. Sie hatten sich dann draußen auf einen Stein gekauert, der unweit von ihrem Wohnwagen gelegen hatte und wie gelähmt vor sich hingestarrt. Keith hatte vom Boden ein paar Kieselsteinchen aufgesammelt und sie unmotiviert vor sich hingeworfen. Ab und zu hatten sich die Brüder angesehen und sich dabei völlig hilflos und ohnmächtig der Situation ausgeliefert gefühlt. Was sollte jetzt nur aus ihnen werden? Ihre Mutter war eine wunderbare Seiltänzerin. Sie hatte zwar auch viel im Büro gearbeitet, doch ihre Herzenssache war das Seiltanzen. Sie liebte das Seil. Was macht eine Seiltänzerin allein mit zwei Kindern ohne Zirkus? Yanko hatte gewusst, dass es vielen anderen Zirkusunternehmen ähnlich ging, und sie selbst ums Überleben kämpften. Vielleicht konnten Keith und er ja irgendwo arbeiten gehen? Vielleicht in einer Autowerkstatt oder bei der Müllabfuhr. Und er hatte sich vorgestellt wie Keith mit einer Müllzange durch Barcelona lief und Papierschnipsel aufsammelte, und dabei nur mühsam die Tränen verkneifen können.
Yanko schüttelte das beklemmende Gefühl von sich ab, schwang sich auf das Pferd und galoppierte über die Wiese in Richtung Wald. Es war ein lauer Sommerabend, und die Grillen zirpten und ließen die Luft schwirren. Er fühlte sich ruhig und der Anblick, der durch die Abenddämmerung beleuchteten Berge, erfüllte sein Herz mit Freude.
In den nächsten Wochen half Yanko Roger einige Male im Pub aus, denn Kim, seine Bedienung, war für ein paar Wochen verreist. Früher hatte er das öfter mal gemacht, aber seit er jetzt trocken war, hatte er den Pub eher gemieden. Aber es klappte ganz gut, und er dachte nicht oft daran, vor allem nicht, wenn viel los war und in diesen Wochen war viel Betrieb.
Ron kam oft vorbei, mal allein, mal mit Freunden. Er trank dann ein Bier nach dem anderen und blickte immer wieder verstohlen zu Yanko hinüber. Manchmal stupste ihn einer seiner Kumpels in die Seite, und machte sich über ihn lustig, weil er mit den Gedanken überhaupt nicht hier zu sein schien. Yanko beobachtete Ron desöfteren und spürte, dass es ihm irgendwie nicht gut ging.
Eines Abends nahm Yanko ein volles Tablett in die Hand, ging absichtlich an Rons Tisch vorbei und gab ihm durch einen Blick zu verstehen mit hinüber an die Musikbox zu kommen, die etwas abseits stand. Dort angekommen, sprach ihn Yanko direkt an: „Was ist los mit dir? Bist du überhaupt hier?“ Ron war sichtlich mitgenommen und traute sich nicht Yanko richtig anzuschauen. „Ich weiß nicht, was mit mir los ist, ich... ach... egal!“ Und schon winkte jemand wieder laut nach Yanko. Ron sah Yanko daraufhin kurz schüchtern an und setzte sich dann schnell wieder zu den anderen an den Tisch.
Yanko wunderte sich sehr über Rons Verhalten, denn normalerweise war er eigentlich immer sehr selbstbewusst, lustig und humorvoll. Das Tablett in seiner Hand wurde immer schwerer, und die Geschäftigkeit holte ihn schnell aus seinen Gedanken zurück in den Pub. So beschloss Yanko Ron in den nächsten Tagen nochmal in aller Ruhe darauf anzusprechen.
Jenny besuchte Yanko kurz darauf, wie so oft im letzten Jahr, in seinem Blockhaus. Er hatte den Tisch auf der Veranda gedeckt und lecker gekocht. Er kochte gerne, wenn er Zeit hatte und genoss es immer sehr in Ruhe alles vorzubereiten. Kochen beruhigte ihn, und er konnte dabei meistens gut abschalten. Sein Bruder Keith konnte das allerdings überhaupt nicht verstehen, und er belächelte ihn deswegen oft, obwohl er zugeben musste, dass Yanko wirklich sehr gut kochen konnte, aber für ihn war das keine Arbeit für einen Romamann. Yanko sah das anders.
Yanko hatte sich auf Jennys Besuch sehr gefreut, obwohl es in letzter Zeit oft nicht einfach war zwischen ihnen, denn Jenny würde gerne mit ihm zusammen nach L.A. gehen, aber er wollte nicht von Sheddy weg. Er konnte Jennys Motivation gut verstehen, denn ihr wurde eine tolle Stelle als Ärztin in einem Universitätskrankenhaus angeboten, und das wäre DIE Chance für sie eine tolle Karriere zu starten, aber sie wollte partout nicht ohne ihn gehen, und so schwang dieses Thema seit Wochen immer irgendwie mit wenn sie sich trafen, so auch heute.
Während sie aßen, erzählten sie sich ein paar Witze und mussten dabei herzlich lachen, doch es wurde deswegen nicht wirklich unbeschwerter. Nach dem Essen schauten sie sich lange schweigend und verliebt an. Yanko nahm ihre Hand und streichelte ihr sanft über ihre Wange. „Schön, dass du gekommen bist!“ Jenny lächelte ihn an und nahm seine Freude zum Anlass nochmals das heikle Thema auf den Tisch zu bringen. „Ich habe dich so vermisst!... Deswegen werde ich auch nicht nach Los Angeles gehen! Ich halte das ohne dich nicht so lange aus!“ Yanko seufzte und versuchte es zum hundertsten Mal mit Engelszungen. „Aber hier bekommst du nicht diese tolle Möglichkeit, hier gibt es keine Universitäten und große Krankenhäuser usw.“
Es verletzte sie wenn er das sagte, obwohl er in gewisser Weise Recht hatte, aber was sollte sie dort ohne ihn? „Ich weiß, dass du nicht mitgehen magst, dein Zuhause ist hier. Ich möchte mich aber nicht von dir trennen, nur wegen einem tollen Angebot!“ Sie sah ihn schmerzerfüllt an, nahm sich aber dann zusammen und schwenkte plötzlich das Thema um, denn sie spürte, dass er auch heute einfach nicht umzustimmen war. „Was ist eigentlich mit Ron los? Er ist so still in letzter Zeit. Lacht gar nicht mehr so oft. Weißt du was?“ Yanko schüttelte den Kopf und war froh, dass sie nicht weiterbohrte. „Ich glaub', er weiß es selbst nicht so genau. Vielleicht muss er einfach mal über alles nachdenken. So was kommt ja mal vor!“ Ihr Blick war voller Sorge, als sie sagte: „Hm... Ja... Ich hoffe nur, er findet sich schnell wieder!“ Yanko nahm ein Schluck Wasser. „Ja, das hoffe ich auch!“ Yanko stand auf und ging zu ihr rüber. Er zog sie an sich und küsste sie zärtlich. Er fände es schon sehr schade, wenn sie nach L.A. ginge, denn er würde ihre Gesellschaft mit Sicherheit vermissen.
Er nahm ihre Hand, und sie gingen zum See hinunter und legten sich dort am Ufer ins Gras. Yanko nahm Jenny liebevoll in seine Arme. Er wollte eigentlich gar nicht wieder davon anfangen, aber irgendwie musste er doch noch etwas dazu sagen. „Jenny... Ich liebe dich wirklich, aber ich kann hier nicht weg, das geht jetzt einfach nicht. Ich brauche mein Zuhause. Ich hoffe du kannst das verstehen. Und bitte lass dir nicht meinetwegen so eine gute Chance entgehen. Du bist jung, im Prinzip musst du einfach da hingehen!“ „Ich will jetzt nicht davon reden. Ich liebe dich auch!“, sagte sie und küsste Yanko schnell. Dann konnte er nichts mehr sagen und gab sich ihr hin.
Als er Jenny Farlow näher kennenlernte, hatte er sich eigentlich schon damit abgefunden den Rest seines Lebens allein zu verbringen. Alle Versuche, sich an jemanden zu binden, waren bis dahin jämmerlich gescheitert. Kaum hatte er geglaubt verliebt zu sein, war das Gefühl so schnell wie es gekommen war auch wieder verschwunden gewesen. Seine Liebesfähigkeit schien mit Fam gestorben zu sein. Jenny kannte er schon seit vielen Jahren, doch früher hatten sie nicht sehr viel miteinander zu tun gehabt. Einige Jahre lang hatte Jennys Familie auch in Washington D.C. gelebt. Jenny war sehr ehrgeizig, und sie hatte schon immer gewusst was sie wollte. Sie war neun Jahre jünger als er, und steckte voller Elan. Das war es wahrscheinlich, außer ihrer einfachen, natürlichen Schönheit, was ihn an ihr faszinierte und ihn ein Stück weit wieder ins Leben zurückkatapultiert hatte. Sie hatten viel Spaß zusammen, und er fühlte sich in ihrer Anwesenheit nicht ganz so dumpf und leer. Sie erhellte sein Leben und gab ihm ein Stück Boden unter den Füßen zurück. Doch er war noch weit davon entfernt sein komplettes Leben mit ihr, geschweige denn überhaupt wieder mit jemandem teilen zu können, denn er fühlte überhaupt nicht, was er ihr hätte geben können. Und wie sollte er ihr sein tiefes, für ihn selbst schon fast unerreichbares Gefühl von Leere erklären.
Er wusste keine Worte dafür. Selbst nicht auf Romanes.
Einige Tage später saß Yanko morgens allein am See und musste plötzlich an Ron denken. Und wie er so dasaß und seinen Gedanken freien Lauf ließ, kamen ihm auch einige Dinge aus seiner Jungendzeit in den Sinn zurück. Unwillkürlich dachte er an den Kerl mit dem er damals in Deutschland eine Affäre gehabt hatte. Er versuchte sich daran zu erinnern, wie es sich überhaupt angefühlt hatte mit ihm zu schlafen, aber es gelang ihm nicht besonders gut. Das lag wahrscheinlich an der extremen Sauferei und den Drogen in jener Zeit. Nur schemenhaft sah er den jungen Mann noch vor sich, bei dem er immerhin drei Monate lang gewohnt hatte.
Und er dachte an Fam - wie sie früher herumgealbert hatten, an ihr Lachen, das ihm immer gute Laune gemacht hatte und an ihre Küsse, die er nie vergessen würde.
Gedanken an Jenny tauchten ebenfalls in seinem Kopf auf und hinterließen einen ratlosen Geschmack.
Plötzlich hörte er in seinem Inneren Fetzen aus dem letzten Gespräch mit Ron, als er bei ihm oben zu Besuch gewesen war und dabei sah er Ron vor sich, wie er vor ein paar Tagen im Pub gesessen, und ein Bier nach dem anderen in sich hineingekippt hatte.
Nach stundenlanger Grübelei stand Yanko schließlich auf und lief am Ufer hin und her, und auf einmal hatte er einen Impuls. Er wusste selbst nicht woher dieser so plötzlich gekommen war, doch es war auf einmal glasklar zu spüren. Fast fröstelte ihn dabei, doch gleichzeitig wurde er ruhig und warm, und er entschied dem sofort nachzugehen.
Die Nacht war schon hereingebrochen, als Yanko zurück ins Blockhaus ging. Dort rief er erst im OLD RAILWAY an, holte dann den Autoschlüssel und fuhr hinunter nach Sheddy.
Roger war gerade am Aufräumen, und Ron saß tatsächlich noch an der Theke. Yanko ging mit einer unerschütterlichen Entschlossenheit, die ihn selbst wunderte, auf seinen alten Kumpel zu. „Komm!“, sagte er nur. Ron schaute ihn zwar verwundert an, stellte aber keine Fragen, denn er würde es ja eh gleich erfahren was Yanko wollte. Er nahm seine Jacke und ging mit Yanko hinaus. Sie setzten sich in Yankos Pickup und fuhren los. Auf dem ganzen Weg sprachen sie allerdings immer noch kein einziges Wort.
Es regnete plötzlich wie aus Kübeln, und der Waldweg war nach kurzer Zeit so aufgeweicht, dass der Dreck bis an die Scheiben flog, doch Yanko fuhr deswegen nicht langsamer. Ron schaute ihn deshalb zwar kurz an, beschloss aber weiterhin nicht zu fragen, was denn auf einmal in ihn gefahren war. Er genoss es einfach neben ihm zu sitzen und schloss für einen Moment lang die Augen.
Bei Yankos Blockhaus angekommen, rannten sie durch den Regen und erreichten trotzdem ziemlich durchnässt die Haustür. Dort zogen sie die Schuhe aus und gingen hinein.
Das Blockhaus hatte keinen Flur, man stand sofort in dem großen, gemütlichen Raum, der Küche und Wohnzimmer in einem war. Yanko besaß nicht viele Möbel. Vor dem Kamin befanden sich ein großes Sofa und zwei Sessel auf denen ein paar Felle und Decken lagen. Neben dem Kamin standen einige Kisten mit Feuerholz. Es gab ein kleines Regal in dem ein paar wenige Bücher und ein Aktenordner standen. An der Wand hing ein großes, eingerahmtes Foto von einer galoppierenden Mustangherde. Auf einem Stapel Decken in der Ecke lagen einige Adlerfedern und daneben ein schöner, alter Sattel, und auf dem einfachen Holztisch vor dem Sofa lag sein Laptop, wo sich außerdem ein paar Zeitungen und Briefe stapelten. Yanko hatte das besondere Talent Sachen herumliegen zu lassen, ohne dass es besonders unordentlich wirkte.
Yanko legte Holz in den Kamin und machte Feuer, und es wurde schnell angenehm warm. Ron stand an der Küchentheke angelehnt und wurde auf einmal nervös. Was hatte sein Zigeunerkumpel bloß vor? Manchmal war ihm Yanko immer noch fremd, obwohl er ihn schon so lange kannte und sowohl Freud als auch Leid mit ihm geteilt hatte. Eigentlich unterschied er sich nicht viel von einem ganz normalen Amerikaner und doch irgendwie in allem, auch wenn man ihm nicht unbedingt ansah, dass er ein Zigeuner war. Außer an seiner Haut vielleicht, die etwas dunkler war als bei den weißen Amerikanern, und die im Sommer auch sehr schnell richtig braun wurde. Seine Haare waren für den amerikanischen Durchschnitt vielleicht etwas zu lang, und er könnte sie auch öfter mal kämmen, fand Ron, aber Yanko zog meistens Jeans und Hemd oder T-Shirt an, also keine Anzüge oder Hüte, so wie Ron Zigeuner allgemein von Bildern her kannte. Die ganze Familie Melborn war diesbezüglich mehr amerikanisch, obwohl Keith, Mabel, John, Mary und Minerva schon eher so aussahen, wie man sich Zigeuner so vorstellte. Sie hatten alle, außer Yanko und Keiths Sohn Andy, schwarze Haare und bis auf Keith und Yanko auch braune Augen. Yankos Augen dagegen waren wirklich etwas Besonderes. Ron hatte immer das Gefühl bis auf den Grund seiner Seele schauen zu können, wenn er in sie hineinsah. Sie schimmerten wie die untergehende Sonne im Wasser. Er sah ihm gerne in die Augen, und wenn Yanko dabei lachte, war ihm schon immer ganz warm ums Herz geworden.
Er wusste eigentlich gar nicht, was Yanko selbst über sein Romasein dachte, er hatte noch nie darüber gesprochen. Und es war auch selten, dass er Yanko in seiner Sprache sprechen hörte, aber wenn er es tat, dann hatte er jedes Mal das Gefühl jemanden zu sehen, den er sonst nie sah. Ab und zu neckte er ihn gerne indem er ihn ′Alter Zigeuner′ oder so nannte, aber es bedeutete eigentlich nichts. Er kannte nur diese paar wenigen Zigeuner hier, und er dachte eigentlich nie daran, dass sie welche waren. Und die Leute hier in Sheddy schienen sich auch nicht mehr daran zu erinnern oder gar zu stören.
Ron wurde jetzt langsam doch zu neugierig, und er fragte Yanko schließlich, was eigentlich los sei, aber der antwortete nicht. Erst als das Feuer gut brannte, stand Yanko auf und schaute Ron lange an. Dann ging er langsam auf ihn zu und zog sich dabei sein Hemd aus. Ron zuckte innerlich etwas zusammen, blieb aber wie gebannt, dort wo er war, wie angewurzelt stehen und rührte sich nicht. Yanko machte sich dann daran behutsam Rons Hemd aufzuknöpfen. Ron war jetzt total verwirrt und stotterte leise: „Was... was machst du da?“ Er spürte wie ihn die Welle der Erregung erfasste, dennoch blieb er weiterhin tief atmend stehen und ließ es einfach geschehen, er hätte sich eh nicht mehr dagegen wehren können. Als Antwort fuhr Yanko ihm mit der Hand über die nackte Brust. Er machte das alles sehr sanft und achtsam. Schließlich stellte er sich hinter Ron und umarmte ihn, dabei ließ er eine Hand weiter über Rons Oberkörper wandern. Irgendwann nahm Yanko langsam Rons Gesicht in seine Hände und küsste ihn vorsichtig auf den Mund. Ron erwiderte den Kuss zwar, war aber immer noch total verunsichert und völlig durcheinander. Was war denn auf einmal nur in Yanko gefahren? Was dachte der sich eigentlich dabei? Doch dann konnte Ron nicht mehr denken, und plötzlich entfachte sich in ihm die glühende Leidenschaft, die er schon so lange unterdrückt hatte, und er konnte und wollte sich dann nicht mehr beherrschen. Selbst von alldem komplett überrumpelt, zog er Yanko schließlich fest an sich, küsste und streichelte ihn ebenfalls und fing an dabei Yankos Hose zu öffnen.
Yanko war die ganze Zeit über doch auch ziemlich überrascht von dem Ganzen, denn es erregte ihn tatsächlich Ron zu berühren. Eigentlich hatte er damit gerechnet, dass gar nichts gehen würde, schließlich kannten sie sich schon über zehn Jahre. Doch es überkam ihn heftig, und er nahm schnell Rons Hand und führte ihn ins Schlafzimmer. Ron legte sich aufs Bett und sah Yanko dabei zu, wie er sich die Jeans auszog. Dann stieg Yanko langsam zu ihm aufs Bett und zog auch Ron die Hose herunter. Erst schämte sich Ron ein wenig, als er so nackt und voll erregt dalag. Doch konnte er ebenfalls deutlich erkennen, dass es Yanko nicht anders ging und so entspannte er sich langsam, holte tief Luft und grinste Yanko an, der verschmitzt zurückgrinste, ihn umdrehte und vorsichtig aber fest entschlossen in ihn eindrang.
Yanko war über die Intensität und Leidenschaft, die zwischen ihnen entstand kurzzeitig richtig erschrocken, und Ron war weiterhin überhaupt total perplex über die ganze Situation, aber er war voll dabei sie zu leben und zu genießen.
Hinterher schauten sie sich eine Weile schweigend an und schliefen später im Arm des anderen ein.
Früh am nächsten Morgen schien die Sonne schon hell durch das Fenster, als Yanko Kaffee machte. Er hatte geduscht und das Wasser seiner nassen Haare perlte noch am Körper herunter. Seine Jeans war alles was er anhatte. Die Haustür stand weit offen, und von draußen drang Vogelgezwitscher in den Raum.
Ron kam schon komplett angezogen in die Küche und wirkte sehr nachdenklich. Beide blickten sich schweigend an, und Yanko drückte Ron wortlos eine Tasse Kaffee in die Hand.
Ron trank. Yanko trank.
Schließlich nahm Ron seine Jacke vom Haken und ging zur Tür. Yanko zog sich noch schnell ein kurzes Hemd über, und brachte Ron zum Pub zurück, wo sein Auto auf dem Hof die ganze Nacht über gestanden hatte. Ron war schon im Begriff gewesen auszusteigen, als er sich doch noch einmal umdrehte und Yanko kurz ansah. „Danke!“, brachte er nur heraus und flüsterte dabei fast. Yanko grinste ihn kurz an und sagte: „Gleichfalls!“ Dann fügte er etwas ernster hinzu, dass er jetzt für eine Woche bei den Cheyenne zum jährlichen Pferdefest sein würde. Ron nickte leicht. „Mhm... Ja, bis dann!“ „Bis dann!“, nickte Yanko zurück und legte dabei seine rechte Hand auf Rons Genick und lächelte ihn leicht an. Ron stieg aus, und Yanko fuhr wieder nach Hause.
Kaum dort angekommen, packte er ein paar Sachen zusammen, ging dann etwas grübelnd auf die Veranda und zündetet sich eine Zigarette an. So schnell, wie er ursprünglich gedacht hatte, konnte er die vergangene Nacht doch nicht vergessen, und er fragte sich warum es ihn auf einmal so mitgerissen hatte. Aber er kam auf keine Antwort. Er ließ seinen Blick über den See schweifen, fuhr sich schließlich mit den Fingern durch seine, für Roma eher ungewöhnlich dunkelblonden Haare, die ihm etwas verstrubbelt auf die Schultern fielen, lachte kurz auf und murmelte vor sich hin: „Was für verrückte Ideen man manchmal hat! Naja, weiter geht's!“
Er ging hinüber zu den Pferden, zog seiner Stute das Halfter über den Kopf und verlud das Tier im Hänger. Er atmete die frische Luft ein und war auf einmal gut gelaunt. Alle Grübelei war verschwunden, und er pfiff laut vor sich hin. Er packte alle Sachen, die er brauchte ins Auto und fuhr los. Von unterwegs aus rief er noch Jenny an, um ihr zu sagen, dass er sie liebte.
Ron fuhr allerdings völlig verwirrt an seinem Haus vor. Er musste langsam aus dem Auto aussteigen, denn er spürte Yanko noch sehr deutlich in sich. Es tat nicht weh, aber es war ein seltsames Gefühl, und es machte ihn schwindlig, wenn er daran dachte, was der Grund dafür war.
Er ging ins Haus und versuchte dort so schnell wie möglich seine Uniform anzuziehen. Seine Frau Marianna kam im Bademantel aus dem Bad, als sie ihn hörte und küsste ihn schnell zur Begrüßung auf den Mund: „Wo warst du denn? Was ist passiert? Dein Handy war auch aus!“, fragte sie leicht besorgt. Ron konnte sie nur kurz anschauen. Er war froh, dass seine Antwort schon ein paar Mal die ganze Wahrheit beinhaltet hatte, so kam er sich nicht wirklich schlecht dabei vor, ihr nicht alles zu erzählen und antwortete schnell: „Ich war bei Yanko. Wir haben geredet, und ich habe ein paar Bier getrunken. Ich habe nicht auf die Zeit geachtet, und dann war es plötzlich so spät... und ich war hundemüde. Ich dachte du schläfst bestimmt schon. Es tut mir leid!“ Ron ging zu ihr und küsste sie schnell auf die Stirn. Marianna nahm es recht leicht: „Ich habe mir zwar so etwas schon gedacht, aber ich habe mir auch Sorgen gemacht. Bitte ruf mich das nächste Mal an, egal wie spät es ist. Ok?“ Ron nickte nur kurz. „Mhmm!“ Er küsste sie nochmal. „Ich muss jetzt los... bis später!“, sagte er schnell und verließ fast überstürzt das Haus, während Marianna ihm leicht verwundert hinterherschaute.
So vergingen die Tage.
Ron fügte sich, so gut es ging in seinen Alltag und versuchte dabei nicht an Yanko zu denken. Doch sobald er in seinem Büro saß, oder sonstwo allein war, musste er unweigerlich an ihn denken. Yanko schien zum Greifen nah, so präsent hatte er ihn in seinem Bewusstsein. Er hatte seinen Geruch noch in der Nase und sehnte sich nach seinen Küssen. Er betete, dass er nicht aus Versehen im Schlaf darüber reden würde, denn er träumte seitdem jede Nacht davon wieder mit Yanko zusammenzusein.
Oft nahm er sein Handy in die Hand und wollte ihn anrufen, doch dann wusste er nicht, was er hätte sagen sollen. Entmutigt ließ er es immer wieder sein, denn er wusste, dass diese Nacht für Yanko nur eine einmalige Sache gewesen war.
Plötzlich erinnerte er sich an seine Jugendzeit, als er eines Nachmittags von der Schule nach Hause gekommen war und seine Eltern völlig aufgebracht in der Küche vorgefunden hatte. Sein jüngerer Bruder Steven war mit hochrotem Kopf vor seinem Vater gestanden und hatte immer wieder beteuert damit nichts zu tun gehabt zu haben. Sein Vater hatte sich überhaupt nicht beruhigen können und war immer wütender geworden. Er hatte kräftig auf ihn eingeschlagen und dabei Sachen gebrüllt, wie: „Mach das ja nicht noch einmal... Wenn ich dich nochmal mit so etwas erwische, dann gnade dir Gott... Das ist nicht ehrbar... Das ist eine Schande für die ganze Familie, damit spuckst du auf uns...“
Ron konnte sich noch ganz genau daran erinnern, wie er erstarrt im Türrahmen gestanden hatte und überhaupt nicht wusste, was denn sein Bruder so Schlimmes angestellt haben sollte. Steven war danach eine Woche lang nicht zur Schule gegangen und hatte obendrein zwei Monate Hausarrest bekommen. Danach hatte keiner mehr darüber gesprochen, und so hatte dieses Ereignis, das Ron dann jahrelang ungelöst mit sich herumtrug, eine nagende Wunde in seiner Seele hinterlassen. Er hatte es einfach nicht vergessen können und immer wieder gerätselt, was Steven wohl angestellt haben konnte, dass sein Vater so brutal zu ihm gewesen war. Jahre später, als er selbst schon aus dem Haus gewesen war und einer eigenen Arbeit nachging, hatte er Steven nach jenem Tag gefragt. Steven hatte ihm lange in die Augen gesehen, bevor er ihm erzählen konnte, dass er damals von einem Kumpel ein Pornoheft zugesteckt bekommen hatte, in dem auch homosexuelle Männer abgebildet waren.
Yanko fühlte sich immer wohl, wenn er bei den Cheyenne war. Sie waren sein zweites Zuhause. Er saß mitten unter ihnen am Feuer und freute sich, sie alle wiederzusehen. Irgendwie hatten sie ja eine sehr ähnliche Vergangenheit.
Ein umherziehendes Volk. Dauernd unterwegs. Verfolgt, vertrieben, verachtet und misshandelt. Überall und nirgends zu Hause. Gefleckter Wolf hatte ihm einmal gesagt, dass die Seelen der wandernden Völker immer frei sein würden, weil sie von Anfang an gelernt hätten loszulassen.
Gefleckter Wolf... An ihn wollte er jetzt eigentlich nicht denken, obwohl das hier fast unmöglich war. Sie waren alle präsent, alle...
Einmal im Jahr feierten die Cheyenne in dieser Gegend ein Fest zu Ehren des Pferdes. Es gab Pferderennen, Geschicklichkeitswettbewerbe und eine Art Rodeo, bei dem es darum ging ein Pferd, so schnell wie möglich nur mit Hilfe eines Halfters und eines Seils, zuzureiten. Das Fest ging über vier Tage und wurde am vierten Abend mit einem großen, wunderschönen, festlichen Powhow beendet.
Schon von Kindesbeinen an hatte Yanko mit Pferden zu tun gehabt. Er war bereits auf ihrem Rücken gesessen, da konnte er noch nicht einmal laufen. Für ihn war es immer klar gewesen, dass er mit Pferden arbeiten wollte. Mit drei Jahren schon hatte er seinen ersten eigenen Auftritt in der Manege gehabt.
In den folgenden Jahren hatte er es dann erfolgreich durchgesetzt, dass alle Tiere im Zirkus so natürlich wie möglich präsentiert wurden. Weder Zaumzeug, Sattel und Glitzerschmuck, noch bunte Federn auf den Köpfen der Tiere, oder irgendwelche zu Zöpfen geflochtenen Schweife hatten sie geschmückt. Seine Pferde hatten lange Mähnen, und sie bewegten sich ganz natürlich. Er hatte es verstanden Mensch und Tier in einem harmonischen Gefüge darzustellen, ohne Gewalt und Zwang. Die Zuschauer hatten spüren können, dass die Pferde Freude daran hatten mit ihm in der Manege zu sein. Und seine artistische Performance mit und auf dem Pferd hatte vor allem die Eleganz und die Schönheit der Tiere hervorgehoben. Sein Vater hatte sofort gesehen, dass Yanko einen ganz besonderen Zugang zu Pferden hatte, lange bevor es ihm selbst bewusst geworden war. Oft schlief Yanko neben ihnen im Stroh, damit sie sich blind vertrauen lernten, wie er immer behauptet hatte, und auch heute noch war er davon überzeugt, dass das auf diese Art wunderbar funktionierte. Das Zusammensein mit den Pferden gab ihm Ruhe und ein Gefühl des Friedens. Vor allem liebte er es mit ihnen draußen zu sein. Mit der Natur und den Pferden eins zu sein, war für ihn eine Form des Glücks. Immer schon hatte er danach gesucht, was er noch von ihnen lernen könnte. Seine Fähigkeiten wurden später durch die Freundschaft mit den Cheyenne noch vertieft, waren sie doch Meister im artgerechten Umgang mit Pferden. Gefleckter Wolf war jedenfalls davon überzeugt gewesen, dass Yanko in einem seiner früheren Leben mit Sicherheit mal ein Pferd gewesen war.
Trotz ihrer Freude an diesem Fest vergaßen sie nie ihre Ahnen und Freunde, die bereits verstorben waren. An jedem zweiten Abend gab es ein besonderes Ritual, um sie zu ehren und ihnen zu danken. In diesen Momenten lief es jedem der Anwesenden immer noch eiskalt über den Rücken, und die Atmosphäre wurde dunkel und schwer.
Yanko legte unbewusst seine rechte Hand auf die Narbe an seinem Bauch und richtete seinen Blick auf Black Wolf, der ihm gegenüber stand. Ihre Blicke trafen sich voller Trauer und Schmerz. Auch nach all den vielen Jahren verbargen sie ihre Tränen nicht voreinander.
Nach dem Ritual sprangen alle in den kühlen Fluss, um sich wieder voll und ganz in die Gegenwart zu bringen. Und beim anschließend gegrillten Lamm wurde die Stimmung wieder ausgelassener und fröhlicher. Yanko sang ein paar Gypsylieder und begleitete sich dabei auf einer Gitarre und war wieder einmal selbst davon überrascht, wie schön diese Musik war.
Seine Musik.
Während des gesamten Festes dachte er nicht oft an Ron. Warum sollte er auch, es war ja zwischen ihnen im Prinzip nicht viel anders als vorher. Nur einmal musste er den Gedanken an ihn vehement abschütteln. Er hatte von ihm geträumt und war danach mit der Hand in der Hose aufgewacht.
Nach vier wunderschönen Festtagen verabschiedete sich Yanko dann von seinen indianischen Freunden und fuhr zurück nach Sheddy. Es war erst früher Nachmittag, als er dort ankam und Lust auf einen Kaffee verspürte. Spontan hielt er am OLD RAILWAY, und als er die Tür öffnete und hineinging, sah er Ron mit einem halbvollen Glas Bier in der Hand am Tresen sitzen.
Ron drehte gedankenverloren an dem Glas und erschrak fast, als Yanko ihm zur Begrüßung auf die Schulter klopfte. Sie lächelten sich etwas unsicher an, und Yanko bestellte bei Roger einen Kaffee.
Verlegen nahm Ron einen großen Schluck aus seinem Glas. Sekunden vergingen, doch sie kamen ihm vor wie Stunden. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals hinauf, und auch Yanko bemerkte zu seinem Erstaunen, dass er etwas nervös wurde. Als er seinen Kaffee bekam, rührte er schnell die Milch hinein, schleckte den Löffel rasch ab und brach schließlich das Schweigen und fragte Ron leise: „Wie geht's dir?“ Ron starrte weiter auf sein Bier und murmelte: „Es geht.“ Yanko flüsterte: „Bereust du es?“ Ron wurde leicht rot und stotterte: „Nein... ganz und gar nicht... Und du?“ Man konnte die aufkommende Spannung zwischen den beiden regelrecht riechen. Es prickelte ziemlich, und Yanko nahm schnell einen Schluck Kaffee und atmete kurz tief ein, um das merkwürdig ziehende Gefühl in seinem Körper abzuschütteln und antwortete dann etwas übertrieben cool: „Alles klar bei mir... War toll bei den Cheyenne... Hat viel Spaß gemacht. Gruß von Black Wolf an dich!“
Plötzlich schaute Ron auf die Uhr. Ihm war ganz heiß und auch wieder schwindelig geworden, und er hatte das Gefühl in dem Raum keine Luft mehr zu bekommen. „Entschuldige mich Yanko, aber ich muss meine Kinder bei Sandra abholen“, erklärte er, obwohl er frühestens erst in zwanzig Minuten hätte losfahren müssen. Und wie von selbst fragte er Yanko dann noch, ob er am nächsten Wochenende wieder am Bierstand auf dem Sommerfest mithelfen würde. Seine Frau Marianna, die auf dem Rathaus in Sheddy arbeitete, habe schon gefragt, ob sie das wieder zusammen machen würden. Yanko nickte zustimmend und sah ihm dabei flüchtig in die Augen. Ron zahlte schnell und verließ anschließend ziemlich rasch den Pub.
Als Yanko bemerkte, dass er Ron hinterherstarrte, schüttelte er unwillkürlich den Kopf, trank seinen Kaffee aus, zahlte ebenfalls und fuhr dann direkt nach Hause.
Kaum war er zu Hause angekommen, rief er erst einmal Jenny an. Sie verabredeten sich noch für den selben Abend, und Yanko fuhr später zu ihr.
Jenny wunderte sich etwas als sie dann zusammen im Bett waren, denn Yanko war irgendwie anders als sonst. Sie hatte fast das Gefühl, als ob er nur seinen Trieb bei ihr ausleben würde und nicht wie sonst in liebevoller Verbindung mit ihr war. Aggressiv und fast grob liebte er sie.
Am nächsten Morgen musste sie ihn darauf ansprechen, denn ihre Empfindungen der vergangenen Nacht beschäftigten sie zu sehr. Deshalb begann sie vorsichtig: „Was war gestern Nacht eigentlich mit dir los?“ Yanko sah sie erstaunt an. „Warum?“ Jenny holte tief Luft und sagte dann behutsam: „Du warst irgendwie so wild und weit weg.“ „Habe ich dir wehgetan?“, fragte Yanko besorgt, doch Jenny schüttelte langsam den Kopf. „Nein, aber du warst irgendwie anders...“ Yanko grinste. „Ich war eben so lange nicht bei dir gewesen!“ Er umarmte sie und war zugleich erschrocken, denn er hatte das Gefühl soeben den Boden unter den Füßen zu verlieren. Er musste sofort an Ron denken und hatte plötzlich den Eindruck, dass irgendetwas mit ihm passierte, was er nicht steuern konnte.
In der gleichen Nacht lagen Ron und Marianna in ihrem Ehebett, und er hatte sie im Arm. Sie küsste ihn zärtlich, und es war klar was sie wollte. Ron bemühte sich, doch es half alles nichts, schließlich gab er auf und drehte sich seufzend auf den Rücken. Marianna schaute ihn besorgt an. „Was ist los? Geht's dir nicht gut?“ Denn es war noch nie vorgekommen, dass es im Bett bei ihnen nicht klappte. Ron fühlte sich wie erschlagen, aber was sollte er ihr sagen? Dass er nur noch an Yanko denken würde und es deswegen nicht ginge? „Ich glaube, ich bin überarbeitet. Tut mir leid!“, log er stattdessen und fühlte sich verdammt mies dabei. Seine Frau küsste ihn wieder und legte sich zurück in seinen Arm. „Dann ruh' dich aus! Macht ja nichts... Schlaf gut!“ Ron gab ihr einen Kuss auf die Stirn und hoffte, sie würde gleich einschlafen. „Ja, schlaf du auch gut!“, wünschte er ihr und knipste das Licht aus.
In den folgenden Tagen kam sich Ron wie in einem Vakuum vor. Morgens ging er zur Army in sein Büro, konnte sich aber kaum auf seine Arbeit konzentrieren, und wenn er abends nach Hause kam, hatte er oft Kopfschmerzen und ging früh zu Bett, oder er betrank sich im OLD RAILWAY.
Einmal hatte er den Mut gehabt und Yanko angerufen, um dabei festzustellen, dass er ihn schon gefragt hatte, ob er am Sommerfest wieder mitarbeiten könnte. Er war vollkommen neben der Spur. Seine Gedanken drehten sich nur noch um Yanko, und er versuchte sie erfolglos wegzuwischen.
Zwei Wochen waren seit ihrem kurzen Wiedersehen im OLD RAILWAY vergangen, als Ron auf einmal schlagartig klar wurde, dass er sich in Yanko wirklich verliebt hatte.
Die Erkenntnis traf ihn wie ein Blitz, und er musste kurz nach Luft ringen. Doch je mehr er sich dieses Gefühl nach und nach erlaubte, desto klarer wusste er, was er tun würde. Er musste es einfach darauf ankommen lassen. Er musste es wissen.
Spätabends, am gleichen Tag kurz nach Feierabend, rief er seine Frau an und sagte ihr, dass er noch zu Thomas gehen, und vielleicht diese Nacht nicht nach Hause kommen würde. Marianna antwortete entspannt und sagte nur, dass sie ihn liebe. Automatisch gab er ihr zurück, dass er sie auch liebe, obwohl er momentan gar keine Ahnung hatte, ob das wirklich noch so war. Dann setzte er sich entschlossen ins Auto und fuhr zu Yanko raus.
Es regnete, und Ron erinnerte sich, dass es in jener Nacht, auch geregnet hatte.