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Baro Mangipe, was soviel bedeutet wie "große Leidenschaft", stammt aus dem Romanes und ist die Fortsetzung des Romans "Yanko - Die Geschichte eines Roma". Auch nach Yankos schwerer Zeit, in welcher er sich mit der Gesellschaft und seinem Liebesleben auseinandersetzen musste, überschlagen sich weiterhin die Ereignisse. Die Aufdeckung eines vor ihm lang gehüteten Geheimnisses führt ihn schließlich an den Tiefpunkt seines Lebens.
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Seitenzahl: 611
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Pala mi familja
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phirav mange korkorro
me sjum romano čhavo
i phuv mange dajori
o kham mange phral baro
maren na man me na žav
vaker devla kaj te žav
akaja sudba romani
ačhel la mange but phari
ma maren man kaštenca
so maren man barenca
me sjum romano čhavo
ake naj man dadoro
ich wandere allein
ich bin ein sohn der zigeuner
die erde ist meine mutter
die sonne mein großer bruder
wenn du mich schlägst, renne ich
gott sag, wohin soll ich rennen
dies ist das schicksal der roma
und das haftet sehr schwer an mir
schlagt mich nicht mit den stöcken!
warum werft ihr mit steinen nach mir?
ich bin ein sohn der zigeuner
und ich kenne keinen vater
Er hatte ihr versprochen zu schweigen.
Die Umstände hätten damals auch etwas anderes gar nicht zugelassen. Die Wahrheit zu sagen, hätte überhaupt keinen Sinn gemacht und niemandem wirklich geholfen. Es war zu spät gewesen, um etwas zu ändern, und jetzt gab es eine andere Wahrheit. Müde schob er den schweren, dunkelgrünen Vorhang zur Seite und starrte in die tiefschwarze Nacht. Er seufzte leise vor sich hin und versuchte dabei den dumpfen Schmerz in seinem Herzen zu ignorieren.
Langsam drehte er sich um und schlurfte über den Gang in die Küche. Sein Knie machte ihm heute extrem Probleme. Er schaltete das Licht an und öffnete den Kühlschrank. Was hoffte er eigentlich darin zu finden? Seine auf Eis gelegten Gefühle? Oder etwa sein Gewissen? Er wusste es nicht. Sein Blick fiel auf die Vodkaflasche, die er schon in den letzten Nächten als Schlafmittel benutzt hatte und goss sich ein großes Glas voll. Fast widerwillig leerte er es in einem Zug und schüttelte sich anschließend.
Warum musste er nur immer wieder daran denken? Es hatte sich doch alles gut entwickelt. Wenn er allerdings, so wie heute Nacht, von seinen quälenden Träumen aufwachte, spürte er deutlich eine dunkle, hohe und unheilvolle Welle kontinuierlich auf sich zu rollen. Ihre Energie drückte auf sein Gemüt, und je mehr die Jahre vergingen, desto größer wurde ihre Macht. Schon seit einiger Zeit war er sich nicht mehr ganz sicher. Vielleicht sollte er sein Versprechen doch brechen.
Nachdem er genügend Vodka getrunken hatte, verließ er die Küche und schleppte sich wieder die Treppe hinauf, vorbei an den vielen Familienfotos, die dort an der Wand hingen, zurück ins Schlafzimmer. Seine Frau schlief immer noch tief und fest. Sie hatte genauso wenig Ahnung, wie alle anderen.
Es war eine dieser mondlosen Nächte, in denen man das Gefühl hatte durch dichten Stoff zu laufen.
Zunächst dachte er die Geräusche kämen von einem Tier, das sich über sein Grundstück schlich, aber je länger er lauschte, desto sicherer wurde er, dass es sich hier nicht um ein herumstreunendes Tier handelte. Er vergewisserte sich, dass seine Frau und sein zwei Wochen alter Sohn fest schliefen und schlich sich lautlos aus dem Schlafzimmer. Er machte kein Licht. Vorsichtig ging er zum Wohnzimmerfenster und spähte in die schwarze Nacht. Sekunden später fuhr er zusammen, nachdem er plötzlich eine Taschenlampe aus dem nahen Gebüsch aufblitzen sah. Nach kurzer Zeit konnte er dann erkennen, wie sich eine schmale, dunkle Gestalt langsam davonschlich.
Er spürte sein Herz bis zum Hals hinauf schlagen. Der Schweiß brach ihm aus, weil er unwillkürlich an die Wilsonbrüder denken musste. Aber die konnten es diesmal nicht gewesen sein, denn sie hatten noch eine ganze Weile das Gefängnis zu hüten. Vielleicht war es ja auch nur ein verirrter Wanderer gewesen. Doch die Stimme, die er plötzlich in seinem Inneren vernahm, ließ das Blut in seinen Adern gefrieren. ′′Wir geben niemals auf! Dreckiger Zigeuner! Verpiss dich!′′, hallte es in seinem Kopf wider, und er spürte fast gleichzeitig, wie sich die Mistgabel in seine rechte Hand gebohrt hatte.
Das Quengeln seines Sohnes riss ihn aus der Erstarrung, und er ging zurück ins Schlafzimmer, nachdem er sich noch vergewissert hatte, dass die Haustür auch wirklich abgeschlossen war und keine unbekannten Geräusche mehr zu vernehmen waren.
In dieser Nacht machte er allerdings kein Auge mehr zu und war bei Tagesanbruch sofort draußen, um nach Spuren zu suchen, die der nächtliche Unbekannte mit Sicherheit irgendwo hinterlassen hatte, und die er dann auch fand. Doch es war nichts beschädigt worden, und auch sonst deutete nichts auf einen Überfall oder irgendetwas in diese Richtung hin.
Yanko beschloss Maria nichts davon zu sagen, er wollte sie nicht unnötig beunruhigen.
In der folgenden Nacht, als alle tief und fest schliefen, schlich sich Yanko unbemerkt ins dunkle Wohnzimmer und stellte sich am Fenster auf die Lauer. Und tatsächlich, die Taschenlampe erschien erneut. Derjenige war sehr gut getarnt, und Yanko hatte Mühe überhaupt etwas zu erkennen. Dann blieb die Taschenlampe in einigen Metern Abstand stehen, um nach einer kurzen Weile wieder völlig zu verschwinden.
In der nächsten Nacht wartete Yanko draußen. Er hatte sich unten, direkt an dem kleinen See in einem nahen Gebüsch versteckt. Etwa zur selben Zeit, wie in den Nächten zuvor, hörte er das Geräusch herannahender Schritte. Leise und vorsichtig versuchte er sich hinter den Unbekannten zu schleichen, der sich langsam dem Blockhaus, diesmal allerdings von einer anderen Seite her, näherte. Offensichtlich handelte es sich tatsächlich nur um eine einzelne Person, die sich da auf seinem Gelände unerlaubt herumtrieb, und er fasste den Entschluss sich denjenigen sofort zu schnappen. Wer auch immer das sein mochte, Yanko fühlte plötzlich eine unbändige Wut in sich aufsteigen, denn die ganze Wilson-Geschichte war noch nicht allzu lange her, und außerdem wurde er auch durch die immer wiederkehrenden Schmerzen in seiner Hand ständig daran erinnert.
Yanko kauerte sich hinter den nächsten Baum und wartete bis die Gestalt nah genug herangekommen war. Dann sprang er hinter dem Baum hervor und stürzte sich mit einem Satz auf den Unbekannten. Sofort nahm er ihn in den Würgegriff und zischte: „Wer bist du, und was machst du hier?“ Die Stimme, die ihm antwortete, war alles andere als die eines gewieften Verbrechers. Fast kläglich wimmerte es leise: „Ich kann nichts dafür!“ Yanko lockerte seinen Griff etwas und zog denjenigen mit in den Stall und schaltete dort das Licht an. Vor ihm stand ein etwa sechzehnjähriger, schmächtiger Junge, der am ganzen Leib zitterte. Yanko starrte ihn ungläubig an. „Was zum Teufel machst du hier draußen mitten in der Nacht?“ Der Junge schüttelte nur den Kopf und stammelte: „Nichts... Nichts... Ich... Ich sammel Schnecken...“ „Und warum ausgerechnet bei mir? Hör mal, du kannst mir viel erzählen, aber das glaube ich dir nicht!“
Yanko witterte, dass der Junge ihn anlog und wurde nun richtig wütend. „Du sagst mir jetzt auf der Stelle, was du hier machst, oder ich rufe die Polizei! Verstanden?! Ich habe genug von deinem Herumstreunen hier!“ Der Junge wurde auf einmal ganz blass um die Nase und stotterte: „N... N... Nein, bitte nicht die Polizei!“ „So, warum denn nicht? Hä?“, hakte Yanko gleich nach. „Weil... Weil... Ich darf nicht darüber reden!“, wimmerte der Junge erneut und vermied es dabei Yanko in die Augen zu schauen. Yanko platzte gleich der Kragen. „Wenn du mir jetzt nicht augenblicklich erzählst was hier los ist, dann gnade dir Gott!“, fauchte er und schüttelte den Jungen dabei an den Schultern kräftig durch.
„Ich habe Angst!“, entwich es dem Jungen, der offensichtlich vor etwas anderem noch viel mehr Angst hatte als vor Yanko. „So? Vor was denn? Oder vielleicht besser, vor wem denn?“, fragte Yanko und wurde wieder etwas ruhiger. „Die bringen mich um, wenn ich was sage!“, flüsterte der Junge ängstlich. Yanko hatte plötzlich ein ungutes Gefühl, und das Frösteln von der ersten Nacht, in der er von den Geräuschen des Jungen aufgewacht war, kehrte wieder zurück. Und plötzlich kam ihm eine Idee.
Er versprach dem Jungen, dass ihm nichts passieren würde, jedoch müsste er Vertrauen haben und ihm alles erzählen.
Und so setzten sie sich schließlich auf zwei Strohballen, und der Junge erzählte ihm, was hinter seinen Pirschgängen steckte, und Yanko erstarrte innerlich.
Der Junge war in eine faschistische Jugendbande geraten, die über diverse Zeitungsartikel erfahren hatte, dass die Besitzer des neuen Zirkus SAN DANA, der hier in Sheddy seine Heimat hatte, Zigeuner waren, und außerdem hatten sie von der sogenannten Wilsonmission gehört, und darüber waren sie auf ihn gestoßen. Der Junge sollte Yankos Grundstück inspizieren und alles über ihn und seine Familie herausfinden. Seine Anführer wollten ein ganz genaues Bild über Yanko und sein Leben haben, denn sie hatten vor, diese verfluchte Sippschaft, so wörtlich, Stück für Stück auszurotten. Als Erstes war geplant Yankos Haus zu zerstören, wenn er wieder unterwegs war. Danach sollte seine Frau entführt werden, damit er durch die Lösegeldforderungen pleitegehen würde.
Yanko rieb sich sein Gesicht und versuchte krampfhaft aus diesem Alptraum aufzuwachen, doch anscheinend war er leider schon wach. „Willst du das auch?“, fragte Yanko ihn dann nur, nachdem der Junge mit seinem Bericht fertig war. Der Junge überlegte eine Weile und rang mit sich. „Ich weiß nicht... Ich kenne dich ja gar nicht... Ich mache da halt mit... weil... weil ich sonst niemanden habe.“
Yanko atmete tief durch und schlug ihm dann einen Deal vor. Wenn der Junge wirklich aus dieser Gruppe aussteigen wollte, dann sollte er jetzt die Gelegenheit dazu haben. Er sollte erst einmal alles so weitermachen, wie ihm aufgetragen wurde, nur ab sofort die Polizei von allen Schritten unterrichten, damit die Bande dann auf frischer Tat ertappt werden könnte. Der Junge willigte schließlich nach längerem Zögern ein, und Yanko fuhr in dieser Nacht noch mit ihm nach Newly aufs Polizeipräsidium.
Der Deal lief, und Henk Morrisson versprach sich darum zu kümmern, und Yanko blieb nur die Hoffnung nach der nächsten Tour ein unversehrtes Haus vorzufinden.
Ab dann konnte es ihm nicht schnell genug gehen. Er sehnte die Tour herbei und achtete fieberhaft darauf Maria und Jony niemals aus den Augen zu lassen. In jener letzten Woche vor der Tour träumte er jede Nacht von all den fürchterlichen Dingen, die die Wilsonbrüder ihm in den letzten Jahren angetan hatten, und die Bilder verfolgten ihn auch noch am Tag.
Schließlich startete die vierte Tour, und Yanko war froh, als sie den Staat Colorado endlich verlassen hatten. Es dauerte jedoch eine ganze Weile, bis er sich etwas entspannen konnte, doch vollkommen gelang ihm das nicht.
Nach einer gefühlten Unendlichkeit rief Henk Morrisson dann endlich an und verkündete Yanko das genaue Datum, an dem sein Haus verbrannt werden sollte, und er teilte ihm gleichermaßen mit, dass alles vorbereitet wäre, die Bande auf frischer Tat zu überführen.
In jener Nacht schlief Yanko überhaupt nicht. Rastlos lief er auf dem Zirkusplatz auf und ab und wartete ungeduldig auf den erlösenden Anruf, der hoffentlich überhaupt kommen würde. Zwischendurch sehnte er sich nach einer Flasche Whisky, und er war sich sicher, dass er eine aufmachen würde, falls die Polizei von Sheddy und Newly heute Nacht versagen würde. Er machte sich plötzlich dann doch Vorwürfe, dass er Keith bis heute nichts von alldem erzählt hatte, denn es könnte ja immerhin sein, dass auch sein Bruder und alle anderen Roma, die mit ihm zu tun hatten, auf der Abschussliste dieser Bande standen. Yanko beschloss daher ihm auf jeden Fall davon zu erzählen, falls das heute Nacht schiefgehen würde, ansonsten wollte er lieber niemanden unnötig beunruhigen.
Morgens um halb fünf erreichte ihn dann endlich der ersehnte Anruf. Zitternd fragte er nur: „Henk?“ „Ja! Yanko, alles ist gut gelaufen! Die Jungs sind hinter Schloss und Riegel. Und wie vereinbart, fängt unser Mittelsmann gleich morgen an dein Blockhaus zu streichen. Ich werde dich wieder anrufen, sobald ich mehr Hintergründe erfahren habe. Vorerst scheint das Schlimmste verhindert zu sein!“ Henk klang sehr stolz und zuversichtlich. „Danke Henk!“, war alles was Yanko herausbrachte. Er fühlte sich plötzlich zum Umfallen müde und hätte im Stehen einschlafen können. Er schaltete sein Handy aus, ließ sich neben Maria ins Bett fallen und schlief fast augenblicklich ein.
Es dauerte eine Weile, bis Yanko diesen Vorfall einigermaßen verdaut hatte, doch ganz ließ er sich nicht abschütteln. Egal was er tat, eine latente Angst blieb hartnäckig in seinen Knochen haften. Er bemühte sich jedoch sehr alle anliegenden Aufgaben, die jeder Tag mit sich brachte zu erledigen. Er schaffte das auch, aber er tat es ohne besondere Freude oder Anteilnahme. Morgens mistete er das Pferdezelt aus, und nachmittags trainierte er mit seinem Pinto und Manuel. Und zusammen mit dem gutaussehenden polnischamerikanischen Seiltänzer Mykee kreierte er in dieser Zeit eine neue kombinierte Seil- und Pferdeperformance. Auch betreute er morgens die Schulklassen und Kindergartengruppen, die fast täglich kamen, um den Zirkus zu besichtigen und kennenzulernen und natürlich um die Pferde anzuschauen. Er kümmerte sich um seinen kleinen Sohn Jony, wenn Maria Mabel beim Kartenvorverkauf half, und er fuhr mit Roger zum Einkaufen, wenn kein anderer dafür Zeit hatte, was meistens der Fall war, denn seit Ron nicht mehr dabei war, musste Roger die Gastronomie mehr oder weniger allein schmeißen.
Die Nächte verbrachte Yanko oft bei seinem Pferd. Im Wohnwagen war es ihm momentan einfach zu eng. Er brauchte Luft, und er brauchte Zeit für sich. Wenn er dann nachts im Stroh lag, versuchte er klare Gedanken zu fassen, was ihm aber nicht gelang. Stattdessen türmten sich immer größere und dunklere Schatten in ihm auf, die ihn zu verschlingen drohten.
Maria wusste nach einer Weile nicht mehr, wie sie an Yanko herankommen sollte, und so ging sie eines Nachmittags zu Keith rüber. Sie musste mit jemandem reden, der ihr nicht gleich die Tür vor der Nase zuwarf und mit dem sie auf Romanes sprechen konnte. Sie konnte inzwischen zwar etwas Englisch, aber bei so wichtigen Dingen war sie froh, wenn sie nicht auf Englisch sprechen musste.
Sie traf ihn draußen vor seinem Wohnwagen. Er war offenbar allein, denn es war recht still. „Hallo Keith!“, sagte sie und bemerkte, dass sie ihn eigentlich noch nie bewusst angesehen hatte. Sie fand ihn sehr attraktiv und war plötzlich von seinen tiefblauen Augen total fasziniert.
„Hallo Maria! Wie schön dich zu sehen! Was führt dich zu mir?“, begrüßte Keith sie herzlich und war wieder einmal von ihrer atemberaubenden Schönheit äußerst angetan. Er hatte sich schon mehrfach dabei erwischt, wie er ihr hinterhergestarrt hatte, weil er einfach seinen Blick nicht von ihr abwenden konnte. Sie hatte eine magische Ausstrahlung, die ihn gefährlich anmachte. Doch sie war die Frau seines Bruders, und er durfte sich nicht verlieben. Aber vielleicht war es dafür doch schon zu spät gewesen.
„Kann ich kurz mit dir reden? Ich brauche deinen Rat, bitte!“, bat sie, und obwohl ihr eigentlich gar nicht danach war, konnte sie sich ein Lächeln nicht verkneifen. Keith bot ihr einen Stuhl an, und sie setzte sich. Ihre dichten, schwarzen Haare hatte sie zu einem Zopf geflochten, der ihr lang und schwer über der Brust lag.
Keith musste sich regelrecht zusammenreißen, damit Maria nicht bemerkte, dass ihm durch ihre Anwesenheit ganz heiß geworden war. „Was ist denn los?“, fragte er schnell und setzte sich neben sie. „Es ist wegen Yanko...“, begann sie, und Keith seufzte. Er hätte es sich ja denken können. Immer nur Yanko. Hatte sie wirklich nur seinen Bruder im Kopf? Naja, sie hatte ihn geheiratet und ein Kind mit ihm, aber war da nicht vorhin ein leises Lächeln auf ihrem Gesicht gewesen, das ihm gegolten hatte? „Was ist mit meinem lieben Bruder?“, fragte Keith deshalb etwas schnippig. „Er schläft seit Tagen nur noch im Stall, und ich komme überhaupt nicht mehr an ihn heran. Ich weiß nicht, was ihn so beschäftigt. Er redet nicht über seine Gefühle.“ „Das hat er noch nie besonders gut gekonnt...“, gab Keith zu bedenken und hätte ihr viel lieber gesagt, wie schön er sie fand. „Was soll ich denn jetzt machen?“, hörte er Maria fragen. Keith setzte sich in seinem Stuhl zurecht und blickte in ihre wunderschönen, fast schwarzen Augen und hätte sie um ein Haar einfach geküsst. Doch er riss sich zusammen und sagte ihr: „Es ist nicht einfach mit meinem Bruder zu leben, das sag ich dir! Du brauchst viel Geduld, viel Verständnis und eine riesengroße Toleranz, sonst gehst du kaputt! Er ist eben so! Solche Phasen hat er immer mal wieder. Ich kann aber verstehen, wenn dir das auf Dauer zu viel wird! Das kann einem echt den letzten Nerv rauben!“ Und dann sagte er ihr etwas, was er vielleicht besser nicht hätte sagen sollen. „Maria, wenn du die Schnauze voll hast, dann kannst du gerne zu mir kommen!“
Maria starrte ihn etwas überrascht an, doch sie musste erneut lächeln. Es tat ihr einfach gut aus der Schwere, die Yanko momentan umgab, draußen zu sein und hier bei seinem Bruder zu sitzen und etwas Leichtigkeit und Humor zu genießen. Wann hatte sie das letzte Mal gelacht? Wann hatte Yanko das letzte Mal gelacht? Und in diesem Moment kam es ihr so vor, als hätte er überhaupt noch nie gelacht. „Ja... Ähm... Ich danke dir jedenfalls für deine Offenheit! Ich muss jetzt wieder zu Jony.“, sagte Maria, während sie aufstand. Keith erhob sich ebenfalls und nahm vorsichtig ihre Hand. „Maria, wenn du magst, dann komm doch mal wieder vorbei. Ich würde mich sehr darüber freuen!“ „Ja... Vielen Dank, Keith!“, antwortete sie und ging beschwingt zurück zu ihrem Wohnwagen.
Es hatte ihr sehr gut getan so viel uneingeschränkte Aufmerksamkeit zu bekommen. Wann hatte Yanko ihr zum letzten Mal gesagt, dass er sie liebte? Wann hatte er das letzte Mal ihre Hand genommen? Und so beschloss sie insgeheim, Keith ab sofort öfter zu besuchen.
Und das tat sie dann auch, und schon bald kursierte das wilde Gerücht im Zirkus umher, dass Keith und Maria eine Affäre hätten. Mabel beeindruckte das herzlich wenig, denn nur mal von der Tatsache abgesehen, dass sie und Keith noch einen Wohnwagen teilten, hatten sie nicht mehr viele Gemeinsamkeiten. Und eigentlich wäre es ohnehin gut auch diese Wohnsituation bald dementsprechend zu verändern.
Yanko reagierte darauf allerdings etwas anders.
Er stellte Keith zur Rede und das ziemlich brutal. Er schnappte sich seinen Bruder, als der gerade seinen Wohnwagen verließ, um zu der allmorgendlichen Besprechung zu gehen. Yanko presste ihn fest an die Wohnwagenwand und zischte ihn wütend an: „Ist das wahr? Hä? Hast du was mit Maria? Na los, sag's mir!“ Yanko ließ nicht locker, und Keith rang kurz nach Atem, bevor er sich mit einer geschickten Bewegung aus Yankos Griff befreien konnte. „Spinnst du? Was soll das? Ich habe nichts mit deiner Frau, obwohl ich es tatsächlich gerne tun würde!“ fauchte er ungehalten zurück. „Weißt du auch warum? Weil nämlich mein lieber Bruder wieder einmal im Selbstmitleid versinkt und alle anderen behandelt, als wären sie Scheiße! Was glaubst du, wie es Maria im Moment geht, hm?... Ja genau, du weißt es nämlich gar nicht, weil du dich einen Furz um sie kümmerst!“, ergänzte er ziemlich ärgerlich.
Yanko setzte sich auf einen Stuhl, der vor dem Wohnwagen stand und fuhr sich durch die Haare. „Und sie, will sie auch was von dir?“, fragte er matt. Keith setzte sich neben ihn. „Ich weiß es nicht, aber sie kommt in letzter Zeit ziemlich oft zu mir, und wir reden. Ja! Reden! Das tut nämlich gut, und außerdem bringt es die Menschen einander näher! Wenn du nicht aufpasst, kommt sie vielleicht tatsächlich irgendwann ganz zu mir. Ich finde sie jedenfalls wunderbar, und sie hat so eine abweisende Behandlung einfach nicht verdient! So, jetzt weißt du's!“, warf Keith Yanko vor die Füße und war froh, dass es endlich raus war. Ab heute würde er sich richtig um Maria bemühen, und es war ihm egal, was sein Bruder davon hielt. Jeder hatte die gleichen Chancen, und momentan könnten seine Aktien tatsächlich steigen, wenn Yanko sich nicht endlich wieder zusammenriss. Maria hatte einen treuen und verständnisvollen Mann verdient, der immer für sie da war, und nicht so einen depressiven, in sich gekehrten und mürrischen Alleingänger, dachte Keith. Er stand auf und ließ Yanko einfach allein dort sitzen. Sollte er doch machen was er wollte, er würde ab heute jedenfalls keine Rücksicht mehr auf ihn nehmen. Er wollte nur noch Maria.
Yanko ging zurück zu seinem eigenen Wohnwagen. Er hatte ihn für alle Fälle behalten. Er fühlte sich wie erschlagen und wollte jetzt einfach nur in seinem Bett liegen. Doch als er die Tür geöffnet hatte, sah er, dass dort jemand am Küchentisch saß. Es war Ron.
Sie fielen sich um den Hals und freuten sich riesig den anderen wiederzusehen. „Mensch, wie kommt's, dass du plötzlich hier bist?“, rief Yanko und empfand seine Anwesenheit wie ein Himmelsgeschenk. „Ich hatte Sehnsucht! Nach dir, nach dem Zirkus, nach allem hier. Und ich muss ja schließlich auch mal mein Patenkind kennenlernen! Ich habe zwei Wochen frei!“, erklärte Ron.
Yanko schloss schnell die Tür ab, und es dauerte nicht lange bis sie sein Bett zerwühlt hatten.
Maria freute sich auch sehr darüber Ron zu sehen, und sie erzählte ihm davon, dass Keith in sie verliebt sei, und dass er sich wünsche, dass sie sich von Yanko trennen würde. Sie erzählte ihm ihren ganzen Kummer mit Yanko, und es tat ihr gut, dass Ron ein so einfühlsamer Zuhörer war. Ron hatte nicht viel dazu gesagt, denn er spürte, dass Maria Yanko sehr liebte und leider bereit war, so wie auch er am Anfang, viel zu viel zu schlucken. Was hätte er ihr also raten können, wo er doch selbst immer wieder schwach wurde und sich stets erneut auf Yanko einließ, obwohl es ihm regelmäßig das Herz brach, und er sich jedes Mal vornahm, dass es ihm nicht wieder passieren würde, schließlich wusste er ja genau worauf, oder besser gesagt auf wen er sich einlassen, und was letztendlich geschehen würde. Aber er kam einfach nicht wirklich von ihm los, und da halfen auch die vielen, durchaus sehr attraktiven Männer in L.A. nicht viel. Sein Herz wollte auf Dauer nichts von ihnen wissen. Er hätte Maria sehr gerne geholfen, doch alles was er dazu sagen konnte, war, dass es ihm genauso ging, als er mit Yanko noch fest zusammengewesen war. Jetzt, da sie sich nur noch selten sahen, war die Verbindung seltsamerweise wieder konstanter, und es war für ihn irgendwie leichter geworden mit ihm umzugehen.
Spät am Nachmittag saß Ron in den letzten Strahlen der fast untergegangenen Sonne auf der kleinen Wohnwagentreppe und rauchte eine Zigarette. Seine Gedanken drehten sich wild durcheinander, und er schüttelte mehrmals schon fast resigniert den Kopf. Was für einen Riesenschritt hatte Yanko im Februar diesen Jahres gemacht, als er nach Griechenland geflogen war und Maria geheiratet hatte. Er musste sich doch wirklich sicher gewesen sein. Oder war es doch nur eine Laune gewesen, und er hatte deswegen ihm gegenüber sein Vorhaben verschwiegen? Früher hätte er seine Hand dafür ins Feuer gelegt, dass Yanko so etwas nie tun würde, aber heute war er sich dessen nicht mehr so sicher. Yanko war unberechenbar geworden, so sehr er es sich auch anders wünschte.
„Hey, was ist los mit dir? Zählst du die Steinchen vor deinen Füßen?“ Ron zuckte zusammen. Er hatte ihn nicht kommen hören. Ron blickte auf und sah Yanko in die Augen. Er stand auf, und sie umarmten sich fest. „Nein, ich habe auf dich gewartet, du alter Bastard!“, sagte Ron und spürte, wie sich sein Herz zusammenzog. Yanko sah ausgelaugt und blass aus. Seine Haare waren ungekämmt, was zwar öfter vorkam, aber irgendwie sahen sie heute extrem verzottelt aus, und rasiert hatte er sich offenbar auch schon länger nicht mehr. Aber das Schlimmste war, dass Yanko nach Alkohol roch.
Ron war es leid ihn darauf anzusprechen und beschloss daher, es so gut es ging zu ignorieren. „Was musst du noch alles machen bevor die Abendvorstellung anfängt?“, fragte er ihn deshalb. Yanko zündete sich eine Zigarette an und scharrte mit einem Fuß in den Steinchen herum. „Ich muss noch den Braunen für Manuel fertig machen, mit dem Pinto noch 'ne Runde drehen und mich dann umziehen. Warum?“, antwortete Yanko und klang dabei nicht besonders motiviert. Ron musterte ihn. „Vielleicht sollte ich mit dem Pinto raus, und du kümmerst dich um Letzteres etwas intensiver...“ Er hatte es sich dann doch nicht verkneifen können, ihn auf sein Erscheinungsbild aufmerksam zu machen.
„Was? Wieso?“, fragte Yanko etwas verwundert. Aber eigentlich wusste er schon was Ron meinte, doch er hatte überhaupt keine Lust dazu. Er musste ständig an Keith und Maria denken und fragte sich ernsthaft, ob er nicht doch eifersüchtig war. Aber irgendwie fühlte es sich anders an, und er wurde sich einfach nicht klar darüber, was er genau fühlte, beziehungsweise wie er dieses Gefühl beschreiben sollte. Seit er von Keith erfahren hatte, dass er auf seine Frau stand, hatte er das Gefühl, als ob jemand den Stöpsel aus seinem Energietank gezogen hätte und dieser nun unaufhörlich ausfloss. Bald würde nichts mehr darin sein. Dieser Zustand war ihm zwar nicht fremd, und doch schien sich die gähnende Leere dahinter von Minute zu Minute zu vergrößern. Grundlos hätte er einfach weinen können, und er fühlte sich nicht imstande irgendeinen zielgerichteten Gedanken zu fassen. Er wusste, dass er Maria ungerecht behandelte, und er konnte gut verstehen, dass sie sich nach einem lustigeren, offeneren und vor allem treuen Mann sehnte. Aber der Gedanke, sie könnte sich von ihm trennen und zu Keith gehen, machte ihn fast wahnsinnig.
„Entschuldige, aber du siehst aus wie ausgekotzt!“, erwiderte Ron so sachte, wie möglich. Yanko murrte kurz vor sich hin und warf dann genervt die Zigarette weg. Er konnte Ron nicht ansehen. Bald würde auch er wieder weg sein, und dann würde die Leere erneut zu diesem gähnenden, schwarzen Loch werden, das ihn sowieso schon wieder seit einigen Wochen verfolgte.
Yanko war schon am Gehen, als er zu Ron murmelte: „Ich muss an die Arbeit!“ Ron lief ihm hinterher und packte ihn am Arm. Es war ein Reflex, er konnte eben auch nicht aus seiner Haut. So durfte es einfach nicht weitergehen, und er kannte diese Symptome nur zu genau. Yanko war auf dem besten Weg wieder tief abzustürzen, und das wollte er auf jeden Fall verhindern.
„Ok, wenn es sein muss, aber heute Abend reden wir! Hast du gehört?“ Yanko nickte flüchtig und befreite sich schnell aus der Umklammerung und ging zügig zum Pferdezelt, wo er erst einmal die Vodkaflasche aus der Futterkiste riss und ein paar kräftige Schlucke nahm.
Er hatte sich für Vodka entschieden, denn den konnte man nicht so schnell riechen, und es war ihm vor ein paar Tagen, als er wieder angefangen hatte zu trinken, völlig egal gewesen, dass der letzte Entzug erst knapp drei Monate her gewesen war.
Yanko war froh, dass sein Pinto die Nummer schon in und auswendig konnte und eigentlich keine Kommandos mehr benötigte. So flutschte die Vorführung einfach so dahin, ohne dass Yanko besonders anwesend sein musste. Offenbar gefiel es dem Publikum was er da so machte, denn wie jeden Abend war der Applaus gigantisch, doch es berührte ihn überhaupt nicht. Es war, als ob er in einer anderen Welt ritt, und zwischen diesen Welten hing ein dichter Schleier durch den nichts wirklich zu ihm durchdrang.
Als er nach seiner Vorführung durch den Vorhang zurückgaloppiert war und sich gerade vom Pferd rutschen ließ, stand Maria mit dem kleinen Jony auf einmal vor ihm. Sie sahen sich kurz an, dann nahm Yanko wortlos seinen Sohn auf den Arm und verließ zusammen mit dem Pinto das Zelt. Maria ging ihnen hinterher.
Im Pferdezelt legte Yanko das Baby ins Stroh und versorgte den Pinto. Maria stand daneben und beobachtete ihn schweigend. Nach einer ganzen Weile gab sie sich einen Ruck, ging zu Yanko in die Box und streichelte ihm sanft über den Rücken. Yanko hielt inne, drehte sich langsam um und legte eine Hand auf den Pferderücken. Er sah Maria in die Augen und spürte dabei seinen Herzschlag. Er fühlte sich einfach nur mies und wusste nicht, was er machen sollte. Maria trat noch näher zu ihm und umarmte ihn. „Bitte komm wieder zu mir ins Bett! Du fehlst mir so!“, flüsterte sie und hielt ihn einfach nur fest. Yanko fuhr ihr mit der anderen Hand über ihre Haare und wünschte sich, er könnte sie so lieben, wie er es schon mal getan hatte, aber in diesem Moment fühlte er nur eine zehrende Müdigkeit in seinen Knochen. Selbst ihr zarter, schlanker Körper, der sich verführerisch an ihn schmiegte, brachte ihn nicht in Wallung. Er fühlte kein Prickeln, keine Lust und kein Verlangen nach ihr. Alles was er wollte, war, sie nicht zu verlieren, und doch war er außer Stande etwas dagegen zu tun. Was wollte er eigentlich nicht verlieren? War es wirklich Maria selbst? Oder wollte er nur das Familiengefühl nicht verlieren? Egal was es war, er wollte jedenfalls nie wieder etwas oder jemanden verlieren.
„Ja, vielleicht.“ brachte er dann leise heraus und löste sich sanft aus der Umarmung, hob Jony aus dem Stroh und ging mit ihm wortlos hinüber zu ihrem gemeinsamen Wohnwagen. Dort wickelte er den Kleinen und legte ihn dann in sein Bettchen. Sanft streichelte er seine Wangen, und es tat ihm in der Seele weh, dass er nicht so für ihn da sein konnte, wie er es sich vorgenommen hatte. „Es tut mir leid!... Schlaf gut!“, flüsterte er seinem Sohn zu, der schon genussvoll und schläfrig an seinem Daumen nuckelte. Yanko gab ihm noch einen Kuss, und als er sich umdrehte, kam Maria gerade zur Tür herein. Yanko blieb stehen, und sie schauten sich einen Moment lang in die Augen.
„Yanko, bitte rede mit mir! Was habe ich dir getan, dass du jetzt so distanziert bist? Liebst du mich nicht mehr?“, sprudelte es plötzlich aus Maria heraus, und sie hatte Mühe sich vorzustellen, dass genau derselbe Mann noch vor gar nicht so langer Zeit extra nach Mykonos gekommen war, um sie zu heiraten.
Yanko wusste, dass es allerhöchste Zeit war etwas zu erklären, und es nervte ihn selbst, dass es ihm immer noch so schwer fiel über das was ihn bewegte zu sprechen. Immer wenn er den Ansatz machte sein Befinden beschreiben zu wollen, dann verflüchtigte es sich, und es kam sofort ein anderes Gefühl hervor. Dann vermischten sie sich auch oft, und es kam vor, dass er es dann nicht mehr vermochte aus dem Meer seiner Empfindungen ein bestimmtes herauszupicken, über das er dann sprechen könnte. Bei anderen beherrschte er das ziemlich gut, da hatte er schnell den Durchblick und eine unschlagbare Intuition was mit demjenigen los war, und was denjenigen bedrückte, aber bei sich selbst hatte er den Eindruck auf vollster Linie zu versagen. Yanko hatte Kopfweh, und seine rechte Hand schmerzte ihn. Er hatte heute einfach viel zu viel Stallarbeit gemacht. Er wollte jetzt nur noch, so schnell es ging, allein sein und sich die Lichter ausschießen.
„Maria... Ich weiß nicht, was ich sagen soll... Ähm... Ich... Es tut mir leid! Ich weiß, es ist grad ziemlich Scheiße mit mir... und ich verlange auch überhaupt nicht, dass du das verstehst!“, stammelte Yanko und hoffte, Maria würde jetzt einfach freiwillig die Tür freigeben und ihn vorbeilassen. Ihm war beklemmend heiß geworden, und der Wohnwagen schien sich mit jedem Atemzug weiter zu verkleinern und auf seine Brust zu drücken. „Ich möchte es aber gerne verstehen, weil ich dich liebe und mit dir zusammenleben will! Aber das ist wirklich nicht gerade leicht im Moment, da hast du vollkommen Recht! Bin ich dir wohl doch zu traditionsbewusst, oder?“, forderte sie ihn allerdings weiter auf sich zu äußern. Sie wollte jetzt Klarheit. Sie wollte einfach wissen, wie er zu ihr stand.
„Nein... Naja, vielleicht ein bisschen... aber das ist es nicht... Ich fühle mich einfach beschissen, und ich kenne den Grund dafür auch nicht.“, murmelte Yanko und setzte sich an den Tisch. Er rieb sich über sein Gesicht und spürte dabei, dass er innerlich zitterte. Maria setzte sich neben ihn und legte eine Hand auf seinen Unterarm. Unwillkürlich hätte er ihn fast zurückgezogen, doch er ließ ihn liegen und versuchte zu spüren, ob es ihm gefiel oder nicht. Es war ein seltsames Gefühl. In dem Moment, als ihre Hand seinen Arm berührt hatte, verstärkte sich plötzlich die bleierne Schwere auf seiner Brust und breitete sich auch über seinen gesamten Bauch aus. Kurz schnappte er nach Luft und räusperte sich. Er musste hier raus und zwar ganz schnell. Der Schweiß lief ihm den Rücken hinunter, und sein Mund war auf einmal völlig ausgetrocknet.
„Maria...“, begann er stockend und schluckte, bevor er weitersprechen konnte. „Wie auch immer... Ich kann im Moment einfach nicht!“ Yanko schob den Stuhl nach hinten, während er aufstand und ließ Maria allein und traurig im Wohnwagen zurück.
Der Herbstwind blies ihm kalt ins Gesicht. Yanko fröstelte etwas, und er spürte, dass sein Hemd total nassgeschwitzt war. Schnell ging er in seinen Wohnwagen rüber, zog das Hemd aus und warf es über einen Stuhl. Dann riss er einen der Unterschränke auf und holte eine Flasche Whisky heraus. Erschöpft ließ er sich auf die Bettkante fallen und nahm ein paar große Schlucke direkt aus der Flasche. Dann stand er auf, ging in die kleine Duschkabine und sah in den Spiegel. Kurz blickte er sich selbst in die Augen, legte dann aber eine Hand quer über sein Spiegelbild und drehte sich wieder weg. Langsam zog er sich aus, und als er die Knöpfe seiner Hose aufmachte, verfluchte er dabei innerlich diesen verdammten Scheißkerl Wilson. Gerade heute hatte er wieder das Gefühl, dass immer noch etwas in seiner Hand steckte und sich von innen ins Fleisch bohrte. Offensichtlich war das aber nur seine Einbildung, denn auf dem letzten Röntgenbild hatte man nichts dergleichen entdecken können.
Yanko duschte lange, und das warme Nass tat ihm gut. Er lehnte sich an die Wand und ließ das Wasser über seinen Kopf laufen. Die Kopfschmerzen ließen etwas nach, und er fühlte sich ein wenig leichter, als er sich dann völlig unabgetrocknet ins Bett fallen ließ. Er liebte das Gefühl von nasser Haut immer noch.
Er war schon fast eingeschlafen, als Ron hereinkam und die Tür hinter sich abschloss. Yanko drehte sich um und war plötzlich genervt. Jetzt hätte er endlich schlafen können, und ausgerechnet dann wurde er gestört. Kurz ärgerte er sich, dass er vorhin nicht abgeschlossen hatte, aber der Ärger verflog auch gleich wieder, als Ron sich wortlos auszog und sich neben ihn legte. Plötzlich war Yanko wieder hellwach und stürzte sich leidenschaftlich auf ihn. Rons Anwesenheit ließ es jedenfalls ordentlich prickeln, und Yanko war von einer Sekunde auf die nächste von Kopf bis Fuß elektrisiert. Rons Körper löste in ihm einfach ein unbändiges Begehren aus, und es fiel ihm immer noch schwer sich in bestimmten Situationen zu beherrschen, wenn er ihm zu nahe kam.
Sie liebten sich in dieser Nacht, als wäre es eine ihrer ersten gewesen.
Am nächsten Morgen hatte Yanko frei. Er stand auf, zog eine Jeans an, machte Kaffee und brachte Ron eine Tasse mit ans Bett. Yanko setzte sich neben ihn, und sie lehnten sich in die Kissen. Als er sich dann durch die Haare fuhr, dachte er, dass es besser gewesen wäre, wenn er sie gestern vor dem Duschen gekämmt hätte. Naja, irgendwie würde er sie wieder auseinander bringen, zur Not so, wie man es bei einem Pferd machte. Er fühlte sich seit Langem mal wieder annähernd ausgeschlafen und bedeutend ruhiger.
Ron sah ihn an. „Und jetzt sag doch mal! Was ist mit dir und Maria los, hm?“ Yanko rollte mit den Augen und schnaufte genervt. „Ich weiß es nicht! Verdammt nochmal! Musst du ausgerechnet jetzt damit anfangen? Es ist doch grad so schön!“ Ron seufzte: „Ja, aber bei dir ist jeder Augenblick der falsche, wenn es ums Reden geht. Stimmt's Cowboy?“ Yanko sah ihn an und zischte: „Ja, stimmt! Und weißt du auch warum? Weil ich es einfach nicht weiß, verstehst du? Ich weiß es nicht! Und nochmal für alle Langsamen: Ich weiß es nicht!! Ok?!“ Er war drauf und dran aufzustehen. Konnte es nicht einmal einen Tag ohne diese Fragerei geben!
Ron legte ihm aber beruhigend eine Hand auf den Bauch und hätte eigentlich am liebsten sofort Yankos Hose wieder aufgeknöpft und ihn weiter unten gestreichelt. Schon allein der Gedanke daran löste bei ihm ein eindeutiges Ziehen in den Lenden aus, doch er hatte sich vorgenommen Yanko heute in die Mangel zu nehmen, also riss er sich zusammen.
Dann fragte und fragte er, unter anderem natürlich auch nach seiner erneuten Trinkerei, und er redete sich dabei den Mund fusslig, doch Yanko äußerte sich nicht. Jedenfalls haute er dieses Mal nicht ab, sondern saß einfach weiter neben ihm und schwieg.
Irgendwann stand Yanko dann doch auf und schnappte sich die Whiskyflasche und trank sie halb aus. Anschließend holte er eine Bürste aus der Duschkabine und drückte sie Ron in die Hand. Doch nach ein paar Minuten nahm er Ron die Bürste wieder ab und warf sie in die Ecke. Es half nichts, er musste das Gröbste erst einmal selbst mit den Fingern auseinanderfieseln, wie bei seinem Pferd.
Ron ließ sich dadurch aber nicht beirren und beschloss Yanko dann doch danach zu fragen, was er die ganze Zeit schon vermutet hatte: „Sag mal, könnte es sein, dass du eifersüchtig bist?“ Yanko fuhr herum. „Was? Wie kommst du denn jetzt auf so einen Scheiß?“ „Naja... Maria hat mir erzählt, dass Keith sich in sie verliebt hätte...“, sagte Ron und sah, dass Yanko leicht zusammenzuckte.
Yanko arbeitete sich weiter durch seine Haare und fand es ziemlich blöd, dass Maria Ron das erzählt hatte. Wieso hatte er das Ganze überhaupt von Keith erfahren und nicht von ihr selbst? Obwohl er sich, wenn er ehrlich war, denken konnte, dass sie momentan wohl lieber mit Leuten redete, die ihr auch antworteten und die ihr Aufmerksamkeit schenkten.
„Nein, ich bin nicht eifersüchtig!... War ich noch nie!“, maulte Yanko zurück und verfluchte dabei seine langen Haare. Ron blickte zu ihm rüber und war sich sicher, dass es trotzdem so war. „Warum bist du dann so komisch zu Maria? Du hast sie immerhin geheiratet!“ „Ich habe Dolores auch geheiratet!“ „Ja schon, aber ich dachte du liebst Maria! Das mit Dolores war doch aus einem ganz anderer Grund!“, staunte Ron fast entsetzt über Yankos Aussage. „Vielleicht wäre es mit Dolores besser gelaufen!“, sagte Yanko leicht genervt. „Das ist jetzt aber nicht dein Ernst, oder? Hallo, was ist los mit dir?... Du bist ja beinahe so drauf wie damals, kurz bevor du auf die Idee mit dem Zirkus gekommen bist!“, fragte Ron mitfühlend. Yanko seufzte: „Ich will sie nicht verlieren... Ja... Aber ich kann auch nicht mit ihr zusammen leben... glaube ich... Ich... Ach, vergiss es!!!“ „Nein! Was? Rede weiter!... Bitte!“, flehte Ron schon fast. Yanko ließ von seinen Haaren ab, die schon wieder einigermaßen ansehnlich aussahen, nahm einen Schluck Whisky, stand auf und zog sich T-Shirt, Pullover und Schuhe an und schnappte sich im Hinausgehen noch seine Jacke.
Die Tür fiel laut ins Schloss, und die klare Luft schlug ihm fast wie eine Ohrfeige ins Gesicht. Yanko lief ruhelos hinter seinem Wohnwagen auf und ab und rauchte dabei. Er hatte Ron eben etwas gesagt, was er sich selbst noch gar nicht eingestanden hatte. Aus irgendeinem Grund hielt er das Zusammenleben mit Maria nicht aus. Vielleicht hatte es doch mit ihr zu tun, doch die Möglichkeit sie eventuell an Keith zu verlieren, zerriss ihn schier.
Als er fertig geraucht hatte, kehrte er zu Ron zurück, der sich inzwischen auch angezogen hatte. „Ron, bitte setz dich!“, bat Yanko, und sie nahmen am Küchentisch Platz. Yanko sah Ron in die Augen. Er wollte es ihm sagen, und so zwang er es schließlich aus sich heraus. „Ron... Ich weiß wirklich nicht warum es so ist, aber Tatsache ist... Ich halte es mit Maria auf Dauer nicht aus... Es ist so schwer... Da ist irgendetwas ganz Schweres, was mir wie Bleitonnen auf der Brust liegt und mir die Luft abschnürt. Und trotzdem zerreißt es mich, wenn ich daran denke, dass sie und Keith... Ich verstehe es selbst nicht!“
Ron sah ihn lange an, dann hatte er eine Idee. „Sag mal, du hast mir doch mal von der Aufstellung erzählt, die du mal bei der Freundin von Silvia in Deutschland gemacht hast. Vielleicht gibt es das hier ja auch, und vielleicht würde es dir dabei helfen, klarer zu sehen. Und wenn ich ehrlich bin, würde ich auch gerne mal was wissen, was ich nicht verstehe.“ Yanko sah Ron verwundert an. „Hey Mann, das ist 'ne super Idee! Ich hatte das schon total vergessen! Und was willst du gerne wissen?“ „Ich will wissen, warum ich dich so liebe, und warum um alles in der Welt ich nicht von dir loskomme.“ „Willst du mich denn loswerden?“, fragte Yanko erschrocken und spürte zugleich, wie sich sein Magen zusammenzog. Doch Ron schüttelte den Kopf. „Nein... Aber es wäre doch mal gut zu wissen, was das mit uns überhaupt soll, oder nicht? Dieses dauernde Hin und Her, das macht mich echt mürbe!“, erklärte Ron seufzend. „Da hast du allerdings Recht... Mich auch! Aber ich kann dich einfach nicht verlassen... Vielleicht ist es ja das... Vielleicht bin ich ja doch mehr schwul, als mir klar ist?!“, stimmte ihm Yanko zu.
Rons Idee war genial. Yanko wunderte sich, dass er nicht schon längst von selbst darauf gekommen war. Im Grunde seines Herzens war Ron das Einzige, was ihn auf Dauer wirklich interessierte, mal abgesehen von seinen Kindern und den Pferden. Genau das wollte er auch gerne mal wissen, und genau das würde er aufstellen. Er fühlte sich etwas erleichterter, denn plötzlich war ein Weg sichtbar geworden, der etwas Hoffnung versprach. Vielleicht war es tatsächlich so, dass er gar nicht mehr mit einer Frau zusammensein konnte, weil er Ron liebte.
Und eine Woche später waren sie schon bei einem Aufstellungsseminar in Denver.
Yanko wollte und konnte damit nicht mehr bis zum Ende der Tour warten. Er hatte seine Aufgaben beim Zirkus guten Gewissens verteilt, denn während der zweiten Tour hatte es ohne ihn ja auch schon mal gut funktioniert, als er Hals über Kopf zu Maria nach Griechenland geflogen war.
Ron und Yanko sehnten sich nach einer Lösung für ihre Beziehungssituation. Sie wollten einfach endlich verstehen, was mit ihnen los war. Als Yanko dann sein Anliegen vortrug, wurde allerdings schnell deutlich, dass sein momentan größeres Problem nicht Ron, sondern immer noch der weitgehend unverarbeitete Schmerz um seine ermordete Frau Fam war. Und im Laufe seiner Aufstellung wurde auf einmal sehr gut sichtbar, dass hinter all dem Verlustschmerz über seine erste Frau ein noch viel tieferer Schmerz lag, und dass sich diese beiden Gefühle in ihm potenziert hatten. Die Stellvertreterin hatte in diesem Zusammenhang das deutliche Gefühl Yankos Mutter zu sein, was bei Yanko jedoch auf völliges Unverständnis stieß, denn Minerva ging es gut, und er hatte schon immer ein sehr gutes Verhältnis zu ihr gehabt. Doch es änderte nichts an diesem herzzerreißenden Bild, in dem der Stellvertreter von Yanko an dieser Frau hing, und sie sich verzweifelt umarmten und dabei bitterlich weinten, bis Yanko bereit war und deutlich sagte, dass er sich darum kümmern werde. Dann erst fiel die größte Verzweiflung von den Stellvertretern ab, und sie konnten erleichtert aufatmen. Danach war Yanko total durch den Wind, denn er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was das zu bedeuten hatte.
In Rons Aufstellung konnte man dann deutlich sehen, dass es das Schlimmste für beide wäre, wenn sich Yanko für eine Seite entscheiden müsste, denn offensichtlich war es für ihn momentan eine wichtige Erfahrung, sowohl mit einem Mann, als auch mit einer Frau zusammen zu sein, und für Ron war es eine wichtige Gelegenheit seine ständig nagende Eifersucht zu heilen, die offensichtlich ihre Wurzeln im Konkurrenzverhalten seines Vaters und dessen Familie hatte. Es fiel beiden nicht leicht sich mit dem was sie nun gesehen hatten, zufrieden zu geben, und doch waren sie auch erleichtert darüber, dass ihre Beziehung offenbar tatsächlich ihre Daseinsberechtigung hatte.
Yanko schob es dann aber noch Wochen hinaus dem nachzugehen, was sich in seiner Aufstellung gezeigt hatte. Insgeheim wünschte er sich, dass sich das merkwürdige Gefühl in seinem Herzen von allein wieder legen würde. Doch es ließ ihn einfach nicht los. Im Gegenteil, immer öfter träumte er seltsame, verwirrende Dinge von einer fremden Frau, die ihn in ihren Armen wiegte.
Der Regen lief ihm in Strömen am Körper hinunter, doch er spürte es nicht.
Als er den Wohnwagen verließ, hatte er das Gefühl auf Watte zu treten. Sein Kopf schmerzte, als ob ihm jemand mit einem Baseballschläger vor die Stirn geschlagen hätte. Wenn er jetzt nach seinem Namen gefragt worden wäre, hätte er nicht antworten können. Er wusste in diesem Moment gar nichts mehr.
Er stolperte durch die teilweise knöchelhohen Pfützen über den Platz hinüber zum Pferdezelt und ließ sich dort neben seinem Pinto ins Stroh fallen. Seine Gedanken kreisten, und er zitterte am ganzen Körper. Schlagartig wurde ihm schlecht. Er sprang blitzartig auf und schaffte es gerade noch rechtzeitig in den Regen hinaus, wo er sich übergeben musste. Anschließend holte er sein Pferd und ritt mit ihm in die Nacht hinaus. Er brauchte jetzt Luft. Sein Herz raste, und am liebsten hätte er laut geschrien, doch der Schrei blieb auf seinem Weg irgendwo im Körper stecken.
Zwei Tage war er dann fortgeblieben, und alle hatten sich schon große Sorgen um ihn gemacht. Als er schließlich an jenem Morgen wieder zurück war, kam Maria ihm entgegen. Er nahm sie kurz, wortlos in die Arme und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
Vor ein paar Tagen hatte Yanko ihr von sich aus von der Aufstellung erzählt, und Maria war froh gewesen, dass er wieder mit ihr gesprochen hatte. Umso mehr Sorge hatte sie jetzt gehabt, als er so plötzlich und ohne ein Wort verschwunden war.
Später saßen sie in ihrem gemeinsamen Wohnwagen am Küchentisch. Maria schälte Kartoffeln und hoffte, dass Yanko ihr nun endlich den Grund seines Fortbleibens mitteilen würde.
Yanko hatte seinen kleinen Sohn auf dem Arm und sah seiner Frau in die Augen. „Es ist wahr!“, sagte er nur, und Maria starrte ihn fassungslos an. „Wie? Was? Warum?“, brachte sie nur heraus. „Sie hat den richtigen Zeitpunkt verpasst.“, murmelte Yanko und stand auf, um Jony in sein Bett zu bringen. „Gibt es dafür überhaupt einen richtigen Zeitpunkt?“, fragte Maria kopfschüttelnd und konnte es kaum fassen. Wie hatte sie ihm nur so etwas antun können? Warum hatte sie es ihm nicht schon längst gesagt? Was wäre daran so schlimm gewesen? Maria sah ihrem Mann hinterher und war einfach nur traurig. Wieviel Leid hätte ihm das wohl erspart? Wieviele unzählige Stunden hatte er schon damit verbracht herauszufinden, warum er immer wieder in Depressionen verfiel. Sie wusste von einer befreundeten Familie was es bedeuten konnte mit einer Familienlüge zu leben und wie weitreichend die Folgen davon sein können.
Als Jony schlief, und sie das Geschirr gespült hatten, nahm sie Yanko in den Arm und versuchte ihm einfach nur nah zu sein. Sie konnte seine Verwirrung und Verzweiflung genau spüren, und sie bekam zum ersten Mal eine Ahnung davon, warum er so war, wie er war. Sie konnte es nicht in Worte fassen, doch ganz tief in ihrem Herzen spürte sie es.
Nach einer Weile löste Yanko sich wortlos aus der Umarmung und verließ schnell den Wohnwagen, um die Pferde für die Abendvorstellung fertig zu machen. Vorher ging er noch bei Dolores und Mykee vorbei und holte seinen Sohn Manuel ab, der seit ein paar Wochen seine erste kleine Performance auf dem Pferd aufführen durfte und schon ganz stolz und fix und fertig angezogen auf seinen Papa wartete.
Doch so sehr sich Yanko auch während der Vorstellung zusammenriss, er konnte sich einfach nicht konzentrieren. Er machte zwar keine Fehler, doch Keith spürte deutlich, dass Yanko nicht bei der Sache war. Daher beschloss er, sich seinen Bruder nach der Vorstellung vorzuknöpfen. Er hatte ja viel Verständnis für ihn, aber erst ohne Bescheid zu geben zwei Tage lang einfach abzuhauen und dann an der Grenze zur Fahrlässigkeit mit ihm in der Manege zu reiten, konnte er beim besten Willen so nicht stehen lassen.
Doch Yanko war nach der Vorstellung gleich in die Stadt gefahren, und Keith ging kopfschüttelnd durch den schier nicht enden wollenden Regen zum Wohnwagen seiner Familie. Dann würde er ihn eben morgen zur Rede stellen. Aber Keith machte sich dann doch noch ein paar Gedanken. Was um alles in der Welt wollte Yanko jetzt noch bei diesem Sauwetter in der Stadt? Dabei könnte er doch schön gemütlich bei seiner Familie im Wohnwagen sein und seine hübsche Frau in den Arm nehmen.
Spät in der Nacht klopfte Yanko Keith aus dem Schlaf. Er musste es ihm jetzt sagen, auch wenn er momentan nicht besonders gut auf seinen Bruder zu sprechen war. Maria hatte sich ihm gegenüber zu der ganzen Sache mit Keith noch nicht wirklich geäußert, und er war immer noch wütend auf seinen Bruder, weil er weiterhin völlig ungeniert auch in seinem Beisein seine Frau anbaggerte.
Keith kam schlaftrunken aus dem Wohnwagen und wunderte sich, als er Yanko vor seiner Tür stehen sah. Mit ihm hatte er jetzt am allerwenigsten gerechnet. Vielleicht war er ja aber doch endlich zur Vernunft gekommen und wollte ihm nun mitteilen, dass er sich von Maria trennen würde, weil er eingesehen hätte, dass er einfach völlig unfähig sei eine Beziehung zu führen.
Sie setzten sich in ihren Bürowagen, denn es regnete immer noch in Strömen. Irgendwie schien es in Oregon in diesen Tagen keine Sonne zu geben.
„Keith...“, begann Yanko dann langsam. „Minerva... Sie... Sie ist nicht meine Mutter...“ Er konnte es selbst immer noch nicht fassen, geschweige denn verstehen, aber er hatte Minerva ganz direkt darauf angesprochen, und sie hatte ihm nach kurzem Zögern schließlich gestanden, dass sie tatsächlich nicht seine leibliche Mutter war. Sie hatte verzweifelt geweint, während sie ihm die ganze Geschichte erzählte, und sie hatte beteuert, dass sie ihn trotzdem wie ihren eigenen Sohn lieben, und keinen Unterschied zwischen ihm und Keith machen würde.
„Wie bitte???“ fuhr Keith erschrocken hoch. Er war total geschockt und verwirrt, denn mit so einer Geschichte hatte er natürlich absolut nicht gerechnet. „Was ist denn das jetzt für ein Schwachsinn?? Wie kommst du auf so etwas??“ Keith dachte für einen Moment Yanko sei betrunken und phantasiere vor sich hin. „Es ist wahr, Keith! Ich habe es in meiner letzten Aufstellung gesehen, und...“, erklärte Yanko seinem Bruder, der ihn jetzt völlig entgeistert anstarrte und ihm ins Wort fiel: „Aufstellung?? Und das glaubst du dann, oder was?? Yanko, du bist mein Bruder!!!“, rief Keith aufgebracht, und doch konnte er die Gänsehaut auf seinem Rücken nicht ignorieren, geschweige denn loswerden. „Ja, ich bin dein Bruder... aber nur dein Halbbruder... Ich habe sie gefragt.“, sagte Yanko leise und hätte sich jetzt am liebsten betrunken, aber er wollte seinen Rückfall, solange es ging, weiterhin vor Keith geheim halten.
Keith sackte in sich zusammen, denn es war offensichtlich, dass Yanko keinen Unsinn von sich gegeben hatte. Warum sollte Minerva ihm auch so etwas erzählen, wenn es nicht stimmte? „Ja, aber... Was... Wie... Erzähl!“, stotterte Keith und war froh, dass er schon saß, denn ihm wurde plötzlich ganz mulmig in der Magengegend.
Yanko fuhr sich durch die Haare und holte tief Luft. Er konnte das alles ja selbst noch gar nicht begreifen, und während er Keith die ganze Geschichte erzählte, hatte er das Gefühl, er würde von einem anderen Menschen berichten.
„Unser Vater hatte kurz nach deiner Geburt ein Verhältnis mit einer Romni aus einer anderen Gruppe. Sie waren für kurze Zeit in Nordgriechenland unterwegs gewesen. Sie waren Schauspieler und Musiker und hatten ein kleines Theater mit dem sie durch die Gegend gezogen waren. Meine richtige Mutter war damals siebzehn Jahre alt gewesen. Als Hadley erfahren hatte, dass sie schwanger war, wusste er wohl zunächst nicht, was er machen sollte. Erst hatte er Minerva alles verschwiegen und ist wohl meiner Mutter, so oft es ging, hinterhergefahren und hatte sie besucht. Doch nach kurzer Zeit drohte ihre Gruppe ihm mit Besuchsverbot, wenn er sie nicht heiraten würde. Hadley wollte aber unbedingt bei der Geburt dabei sein, und so kam die Idee mit Mykonos auf. Die Insel schien ihnen wohl weit genug weg gewesen zu sein. Offenbar hatten sie an dem Tag, als sie den Ausflug nach Delos gemacht haben, nicht damit gerechnet, dass es schon soweit war.“
Yanko zündete sich eine Zigarette an. Er musste eine kurze Pause machen. Keith tat das Gleiche, und so saßen sie eine Weile schweigend da und schauten sich nur an. In Keiths Kopf drehte sich alles, und er konnte überhaupt nicht verstehen, warum ihnen das nicht schon früher jemand gesagt hatte.
„Und wie bist du dann zu uns gekommen?“, fragte Keith leise und stellte erschrocken fest, dass sie sich vielleicht nie kennengelernt hätten, wenn es anderes gelaufen wäre. Vielleicht hätte er dann nie erfahren, dass er überhaupt einen Bruder hatte. Doch diesen Gedanken schob er schnell wieder zur Seite, denn das wollte er sich jetzt ganz und gar nicht genauer vorstellen.
Yanko räusperte sich und fuhr schließlich fort mit dem was Minerva ihm noch erzählt hatte. „Ma... ähm... Ich meine Minerva... Nun ja... Sie... Scheiße, wie soll ich sie denn jetzt nennen? Sie ist doch irgendwie meine Mutter, oder? Naja, egal jetzt! Dad wollte Minerva jedoch nicht verlassen. Sie hat mir jedenfalls erzählt, dass Dad es ihr schließlich gebeichtet hat. Minerva war darüber natürlich erst einmal geschockt gewesen, aber sie liebte ihn eben auch sehr, und so haben sie dann einen Plan ausgeheckt. Was Dad bis dahin wohl auch nicht gewusst hatte, war, dass Ma... ähm... Minerva nach einer Fehlgeburt keine Kinder mehr bekommen konnte, und das hatte auch sonst niemand aus unserer Gruppe gewusst. Sie tat also so, als ob sie schwanger sei und kurz vor der angeblichen Geburt seid ihr dann zu dritt weggefahren und habt einen Besuch bei unseren Verwandten in den USA vorgetäuscht. Dabei seid ihr in dieser Zeit irgendwo in Athen geblieben, und habt euch versteckt gehalten. Meine leibliche Mutter war dann zunächst nach meiner Geburt mit mir zusammen wieder zu ihren Leuten zurückgekehrt, in der Hoffnung, dass doch noch alles gut werden würde, wenn ihr Bruder erst einmal seinen Neffen gesehen hätte. Hadley war verzweifelt gewesen, denn die Gruppe von meiner Mutter hatte ihr nach dem unerlaubten Ausflug nach Mykonos mit dem kompletten Ausschluss aus der Gruppe gedroht, falls er sie nicht endlich heiraten würde, und sie das Kind behalten wollte. Dad hatte sich aber trotzdem noch weiterhin heimlich mit ihr getroffen, und nach einem halben Jahr brachte er mich dann mit. Das war wohl noch ein kleiner Deal zwischen dem Bruder meiner Mutter und Dad gewesen, damit ich wenigstens noch eine kleine Weile bei meiner echten Mutter bleiben konnte. Aber eben nicht zu lange, damit ich keine bewussten Erinnerungen mehr an sie haben würde. Hadley bekam es aber nach und nach mit der Angst zu tun, dass der Schwindel irgendwann doch noch herauskommen würde und deshalb drängte er darauf unsere Gruppe und Nordgriechenland ganz zu verlassen. Jetzt wissen wir wenigstens den wahren Grund weshalb wir damals losgezogen sind. SAN DANA ist wohl eher aus der Not heraus geboren worden.“
„Oh mein Gott!!!“, war alles was Keith in diesem Moment dazu sagen konnte. Er fühlte sich mit einem Mal total schwach und griff geistesabwesend zu der Schnapsflasche, die Roger wohl noch vom Einkauf heute Nachmittag hier auf dem Tisch hatte stehen lassen. Er nahm einen kräftigen Schluck und reichte die Flasche Yanko gedankenlos rüber, der aber ablehnte. Er hätte allerdings dringend einen Schluck vertragen können, aber er wollte nicht riskieren, dass Keith ihm dann wieder einen Vortrag halten würde. Eigentlich wollte er Keith noch fragen, ob er davon gewusst hatte, doch an seiner Reaktion konnte er sehen, dass er so etwas offensichtlich noch nicht einmal geahnt hatte.
„Dann ist das ganze Gerede von dem Streit zwischen den Lovára und den Artíste, weswegen wir angeblich von Griechenland weggegangen sind, totaler Schwachsinn gewesen!“, stellte Keith fest, und Yanko nickte nur stumm. Sie sahen sich eine Weile schweigend an, bevor Keith dann aufstand und um den Tisch herum zu Yanko ging. Er zog seinen Bruder hoch und umarmte ihn. Er konnte nichts sagen, er war einfach nur sprachlos. Gerne hätte er geweint, um den dicken Kloß im Hals loszuwerden, aber die Tränen waren irgendwo unterwegs versickert.
„Wie geht's dir damit?“, war das Erste was Keith nach einer Weile wieder herausbrachte. Yanko lief im Wagen auf und ab und spürte, dass diese Frage ihn wütend machte. Er war plötzlich nah dran einen der Stühle zu nehmen und ihn auf dem Tisch zu zerschmettern. Aber so schnell wie die Wut kam, war sie auch schon wieder verschwunden. „Ich weiß es nicht... Ich begreife das alles noch gar nicht...“, murmelte er, blieb an der Tür stehen und schaute hinaus in den Regen. „Ich geh jetzt ins Bett! Ich bin hundemüde!“, ergänzte er noch, bevor er die Tür aufmachte. Keith nickte nur und sah auf der Uhr, die über der Tür hing, dass es schon fünf Uhr morgens war. „Gute Nacht, Bruder!“, sagte Yanko und ging hinaus. „Ja, gute Nacht, Bruder!“ erwiderte Keith noch und folgte ihm dann hinaus in den frühen Morgen.
Keith legte sich ins Bett, aber er machte in diesen Stunden kein Auge mehr zu. Er beschloss gleich nachher mit seiner Mutter zu sprechen. Schließlich hatte sie ihm ja auch jahrelang etwas vorgemacht, und er fühlte sich für Yanko irgendwie verantwortlich. Was in seinem Bruder jetzt vorgehen musste, und wie es ihm damit tatsächlich ging, konnte er allerdings nur erahnen. Vielleicht war Yankos richtige Mutter ja noch am Leben. Diese Vorstellung verwirrte Keith noch mehr, denn eigentlich konnte er sich so etwas gar nicht wirklich ausmalen.
Keith stand wieder auf und kochte Kaffee, und dabei fragt er sich immer wieder, warum um alles in der Welt sein Vater nicht gewollt hatte, dass die Wahrheit ans Licht kommt.
Ron hatte sich trotzdem entschlossen nach diesem Aufstellungswochenende in Denver, erst einmal wieder nach L.A. zu gehen.
So weit war er noch nicht. Jeden Tag Yanko mit Maria zusammen sehen zu müssen, war momentan einfach zu viel für ihn. Er war sowieso total geschockt gewesen, als er von ihrer Heirat erfahren hatte. Damals wollte er Yanko überraschen und war einfach nach Mykonos gekommen, um ihn zu sehen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er weder von Maria noch von irgendeiner Heirat gewusst. Yanko hatte darüber keine Silbe verloren.
Seinen Pub in San Francisco hatte er kurz vor der ersten Tour dann doch verkauft, weil er sich vorgenommen hatte ganz beim Zirkus und bei Yanko zu bleiben, komme was da wolle. Aber nach alldem was dann nach der zweiten Tour geschehen war, konnte er nicht mehr, und es hatte ihn schließlich nach L.A. gezogen, wo er sich einen anderen Pub pachtete, das BLUE MOON in West Hollywood. Oft war er dann auf der kleinen Dachterrasse über seinem Pub gesessen und hatte an Yanko und die ersten beiden Touren gedacht, die sie mit SAN DANA zusammen gemacht hatten.
So auch heute wieder, und die Bilder stiegen in ihm auf, als wenn es gestern gewesen wäre, und er verlor sich in seinen Erinnerungen:
Jede Vorstellung war ausverkauft gewesen, und die Premierentour war richtig gut angelaufen. Ihre erste Tour als neuer Zirkus SAN DANA. Die Freude war riesig gewesen, als sie das erste Mal das Zelt in einer fremden Stadt aufgebaut, und sich für die Premiere vorbereitet hatten. Alle Artisten waren an diesem Abend über sich hinausgewachsen. Und auch in den folgenden Wochen hielten sich die Freude und die Begeisterung über das neue, erfolgreiche Zirkusprojekt.
Black Wolf hatte von Anfang an gekonnt und charmant durch das Programm geführt, so, als ob er noch nie etwas anderes getan hätte. Er war eben der geborene Geschichtenerzähler, und das Publikum hatte seine kurzen, interessanten und informativen Einwürfe rund um Nordamerika und seine Bevölkerung von Beginn an geliebt. Das Programm war so abgestimmt, dass jede Geschichte in der nachfolgenden Performance aufgegriffen wurde, und das führte auch noch auf den nachfolgenden Touren dazu, dass die Vorstellungen einen umfassenden und abgerundeten Zusammenhang bildeten. Wie ein zartes Netz verwoben sich die Erzählungen mit den Artisten und dem Publikum.
Yanko hatte zunächst, was seine Trinkerei anging, alles ganz gut im Griff gehabt. Doch mit der Zeit war es doch wieder mehr geworden, und Ron hatte nicht daran vorbei gekonnt ihn darauf anzusprechen. Und wie in einem Film sah er die Begebenheiten vor sich: