Verlag: btb Kategorie: Geisteswissenschaft Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

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E-Book-Beschreibung How To Be Irish - David Slattery

Wie werde ich zum waschechten Iren – in 10 Kapiteln.Was macht einen wahren Iren aus? Wer wird zu einer irischen Beerdigung eingeladen und wenn ja, warum? Wie feiert man hier eine Hochzeit? Und warum sind dort immer mindestens 200 Gäste eingeladen? Was sind die wichtigsten Regeln in einem Irish Pub? Und was sorgt an Weihnachten für Konfliktstoff?David Slattery zeigt uns, welche Besonderheiten und Eigenheiten die Iren von ihren Nachbarn unterscheiden. Mit Fachkenntnis und einer ordentlichen Portion Humor führt uns der studierte Anthropologe durch die Regeln des irischen Miteinanders. Für seine Recherchen schleuste er sich in eine politische Partei ein, nahm an unzähligen Hochzeiten und Beerdigungen teil, arbeitete am Empfang einer Arztpraxis, trug Frauenkleidung und besuchte zahlreiche Pubs – alles im Dienste der Wissenschaft!

Meinungen über das E-Book How To Be Irish - David Slattery

E-Book-Leseprobe How To Be Irish - David Slattery

Zum Buch

Was macht einen wahren Iren aus? Wer wird zu einer irischen Beerdigung eingeladen? Wie feiert man in Irland eine Hochzeit? Und warum sind dort immer mindestens 200 Gäste eingeladen? Was sind die wichtigsten Regeln in einem Irish Pub? Und was sorgt an Weihnachten für Konfliktstoff?

Der Sozialanthropologe David Slattery zeigt uns, welche Besonderheiten und Eigenheiten die Iren von ihren Nachbarn unterscheiden. Mit Fachkenntnis und einer ordentlichen Portion trockenen Humors führt uns David Slattery durch die Regeln des irischen Miteinanders. Für seine Recherchen schleuste er sich in eine politische Partei ein, nahm an unzähligen Hochzeiten und Beerdigungen teil, arbeitete am Empfang einer Arztpraxis, trug Frauenkleidung und besuchte zahlreiche Pubs – alles im Dienste der Wissenschaft.

Eines ist sicher: Nach der Lektüre dieses Buches können Sie problemlos als waschechter Ire durchgehen.

Zum Autor

David Slattery hat einen Doktortitel in Sozialanthropologie, unterrichtete bereits an zahlreichen Universitäten und arbeitet als Berater in den Bereichen Lernen und Weiterbildung. »How To Be Irish« erschien in einem Independent Verlag und wurde zu einem Überraschungserfolg. David Slattery lebt in Dublin.

David Slattery

How To Be Irish

Ein Anthropologe packt aus

Deutsch von Gabriele Haefs

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.Die irische Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel »How to Be Irish« bei Orpen Press, Dublin.Die Übersetzung wurde vom Ireland Literature Exchange (Übersetzungsfonds) in Dublin, Irland, gefördert, wofür sich der Verlag herzlich bedankt.www.irelandliterature.cominfo@irelandliterature.com

1. AuflageCopyright © 2011 by David SlatteryCopyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2015 by btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 MünchenCovergestaltung: semper smile, MünchenCovermotiv: © Chris Hill/Getty Images / SchutterstockSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-641-15434-9V002www.btb-verlag.de

Vorwort

Dieses Buch ist eine volkskundliche Anleitung zum Irischsein. Sie können ja nicht ahnen, in welchem Notfall Sie dieses Wissen vielleicht noch einmal brauchen werden. Falls Sie dumm genug sind, wirklich eine oder einer von uns sein zu wollen, oder Sie schon so lange im Ausland leben, dass Sie vergessen haben, wie das geht, wenn Sie Ferien bei uns planen, oder wenn Sie sich bei uns schon wie zu Hause fühlen und einfach neugierig sind, werden Sie dieses Buch möglicherweise nützlich oder vielleicht sogar lebensrettend finden.

Die Aufgabe des Volkskundlers ist es, Kuriositäten im Verhalten bloßzulegen. Dazu nimmt er die sozialen und kulturellen Merkmale der Verhaltensweisen unter die Lupe, die uns allen gemeinsam sind. Ganz allgemein interessiert mich mehr, was wir sagen und tun, als was wir zu sagen und zu tun glauben (oder gar was wir gern sagen und tun würden), aber nicht tun. Und ich interessiere mich auch dafür, was wir zu denken behaupten, ohne dass dies tatsächlich der Wahrheit entspräche.

Natürlich kommt eine Studie über irisches Verhalten nicht ohne ein Themengebiet aus. Ich habe mir die Aspekte des Lebens in Irland vorgenommen, die mich stolz machen, Ire zu sein, die Dinge, die uns anders machen, und die Dinge, die uns bisweilen aufstöhnen lassen.

Viele Besucher unseres Landes glauben, wir sprächen Englisch. Einige verbringen Jahre hier, bis ihnen endlich aufgeht, dass das nicht der Fall ist. In diesem Buch werden Sie etliche Beispiele für das Hiberno-Englische finden – das ist die Sprache, die wir sprechen und die dem Englischen verwirrend ähnlich, aber doch ganz anders ist. Diese Sprachvariante, die niemals konsequent ins Englische übersetzt worden ist, macht es Fremden schwer, uns zu verstehen, und noch schwerer, einer oder eine von uns zu werden.

Hiberno-Englisch unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht deutlich vom Englischen. Zum einen erlaubt es uns, etwas zu sagen und etwas ganz anderes zu meinen. Diese linguistische Eigenheit lässt uns vor Dritten vielleicht bisweilen als Heuchler erscheinen, in erster Linie verkörpert sie aber die unserem Volk von Natur aus eigene Ironie. Wir stellen uns sprachlich nicht bloß, denn im Grunde wollen wir gar nicht, dass andere etwas über uns erfahren – und Dritte schon gar nicht. Unsere hiberno-englische Sprachvariante gestattet es uns hier perfekt, in einem Meer aus Mehrdeutigkeit zu sprechen, was ganz im Sinne unseres Volkes ist und unsere Ziele und Absichten perfekt darlegt. Zweitens erlaubt das Hiberno-Englische es uns, so zu tun, als ließen wir uns durchaus von der englisch geprägten globalen Kultur beeinflussen. Ja, es hilft uns sogar, der Außenwelt weitgehend aus dem Weg zu gehen. Mit seiner Hilfe können wir nämlich urban erscheinen und dabei dennoch unseren Traditionen verhaftet bleiben. Drittens ist Hiberno-Englisch eng mit der irischen Sprache verwandt. Wie das Irische ist es eine pathetische Sprache, die vor Übertreibungen, Schuldgefühlen und – vielleicht vor allen Dingen – romantisiertem Gejammer nur so strotzt. Wenn wir in der Schule Peig1 auf Irisch lesen müssen, lernen wir, uns auf zwei Sprachen im Elend zu suhlen.

Ich versuche hier durchaus nicht bewusst, zu unserem umfangreichen Kanon des Elends und Selbstbemitleidens beizutragen, aber ich ertappe mich doch oft in dieser Stimmung, weil sie eben einfach Spaß macht.

Im Grunde ist es unmöglich, das Irischsein in einem einzigen Buch zu definieren. Spaßeshalber habe ich ein Mädchen von acht Jahren gefragt, was Irischsein für sie bedeutet. Bezeichnenderweise trug sie eine überdimensionale Perücke mit traditionell verwuschelten roten Locken und ein mit einer Milliarde von Pailletten dekoriertes Stepptanzkostüm. Auf meine Frage antwortete sie ohne Zögern, Irischsein sei »Kuchen, Kekse und Grün«. Nun gut, das würden vielleicht nicht alle so sehen, aber für den Moment war es eine vollkommen akzeptable Antwort. Nur wenige Achtjährige wissen, dass unsere Nationalfarbe Blau ist – und was spielt das schon für eine Rolle? Grün ist auch hübsch. Um ein demografisches Gleichgewicht zu erlangen, richtete ich dieselbe Frage an eine ältere Frau mit einer nicht weniger hervorstechenden roten Perücke. Sie entgegnete: »Heilige und Gelehrte und Tayto-Kartoffelchips – und … oh, Cadbury-Schokolade.« Ich will gar nicht erst versuchen, hier selbst eine Definition des Irischseins zu liefern, dieser Antwort jedoch würde ich allzu gern noch Denny-Würstchen, Barry-Tee, Kerrygold-Butter, gebratene Blutwurst Marke Clonakilty und Kimberley- und Mikadokekse anfügen, um so wenigstens die ernährungstechnische Definition des Irischseins vorerst zu komplettieren. Vielleicht sind wir ja doch, was wir essen …

Wann immer ich meine Interviewpartner – in meiner Sparte Gewährsleute genannt, dazu später mehr – um Hilfe dabei bat, Licht in die Geheimnisse irischen Verhaltens und Brauchtums zu bringen, nannten mir die meisten als Erstes die Dinge, die ihrer Vorstellung nach sofort geschehen müssten, um dieses Land zu retten. Ich finde es interessant, dass so viele von uns ein unmittelbares Bedürfnis danach verspüren, uns zu verbessern oder zu erziehen. Mir selbst läge nichts ferner, denn ich sehe mich gar nicht in der Lage dazu, festzulegen, was mit uns nicht in Ordnung sein und wie diesen Tatsachen Abhilfe geschaffen werden könnte. Ohnehin ist allgemein bekannt, dass Sie von einem Volkskundler keine Problemlösungen erwarten können. Im Grunde können Sie nicht einmal das Problem erwarten, denn in der Volkskunde geht es vor allem darum, Verhalten zu beschreiben und zu erklären, und nicht darum, es zu beurteilen. Dafür huldigt mein Fach dem Verhalten dann aber auch wirklich in all seinen Erscheinungsformen. Wobei ich einmal mehr betonen möchte, dass es meine Aufgabe ist, uns so zu beschreiben, wie wir sind, und nicht so, wie wir sein sollten. Die Aufgabe, uns zu retten, überlasse ich dann doch lieber einer höheren Instanz.

Volkskunde ist die Kunst, Informationen zu sammeln und zu verarbeiten. Zu diesem Zweck wurden etliche Techniken entwickelt. Wir greifen zu den sogenannten qualitativen Methoden, was bedeutet, wir werden alle Arten von Daten heranziehen, nur keine Statistiken, denn wir sind keine schamlosen Lügner. Obwohl viele Volkskundler nicht sämtliche Forschungsregister ziehen würden, gehören zu unseren Methoden neben den grundlegenden (die teilnehmende Beobachtung) auch die folgenden mitunter nicht total salonfähigen: Nachahmung, Bewerbung, Stalking, Geflunker, Fantasie, das Ersinnen von Material, um Lücken zu füllen, Betteln sowie Übertreiben. Unterschiedliche Methoden führen zu unterschiedlichen Ergebnissen, und meine volkskundliche Herangehensweise besteht darin, so viele Techniken zu verwenden wie nur möglich, um die Komplexität und den Reichtum der irischen Kultur vorzuführen. Ich habe gebettelt, spioniert, herumgelungert, an den abwegigsten Versammlungen teilgenommen, mein Haus abgerissen, mich um diverse Tätigkeiten beworben, Beerdigungen und Hochzeiten beigewohnt, bin in eine politische Partei eingetreten und habe in vielen Kneipen getrunken – und das alles im Dienste der Wissenschaft.

Volkskundler sind, wie Detektive, auf die Menschen angewiesen, die wir in beiden Branchen Gewährsleute nennen. Für gewöhnlich vertrauen wir Volkskundler unseren Gewährsleuten aus professionellem Respekt vor ihrer Mithilfe, was bedeutet, dass wir in der Regel alles glauben, was sie uns erzählen. Es gehört nicht zum volkskundlichen guten Ton, unsere Gewährsleute ins Kreuzverhör zu nehmen und zu fragen: »Ist das wirklich passiert?«, denn eine solche Frage könnte unser Gegenüber vor den Kopf stoßen, und die goldene Regel der Feldforschung besagt, niemals jemanden zu kränken – unsere Profession ist nämlich der Leuchtturm des guten Benimms. In diesem Buch erzähle ich Ihnen deshalb alles genau so, wie ich es von meinen vielen hilfsbereiten Quellen erfahren habe. Persönlich hege ich im Übrigen den Verdacht, dass die Dinge, die mir in der Kneipe erzählt wurden, einen besonders hohen Wahrheitsgehalt aufweisen.

Wenn es um irische Familien geht, ist professionelle Hilfe unabdingbar, deshalb habe ich einen Psychiater konsultiert. Überhaupt empfiehlt es sich in Irland immer, einen Psychiater an der Hand zu haben. Wie die meisten Berichterstatter weist er die Schuld an jeglichen Übeln der irischen Mama zu. Ein Großteil der zeitgenössischen Psychiatrie basiert auf den Theorien von Sigmund Freud, dem österreichischen Vater der Psychoanalyse. Nun mag es ja sein, dass in Österreich die Mamas die Wurzel allen Übels sind, darüber weiß ich nichts. Aber es ist keinesfalls fair, den irischen Mamas alle Schuld zuzuschreiben, wo doch ihr einziges erkennbares Vergehen darin besteht, dass sie ihre Söhne ein klein wenig zu sehr lieben. Danke, Mama!

Ich bin meinen Gewährsleuten sehr dankbar für ihre Bemühungen, daher möchte ich mich an dieser Stelle in aller Öffentlichkeit bei ihnen bedanken. In meinem Fach geziemt es sich, die Namen der entsprechenden Personen zu ändern, um ihre Anonymität zu wahren. Leider ergibt sich daraus der Nachteil, dass es nicht mehr so leicht für mich ist, allen gebührend zu danken. Deshalb möchte ich das hier noch einmal in aller Deutlichkeit tun. Die nun folgenden Personen sind vielleicht mit ihrem wirklichen Namen aufgeführt, vielleicht aber auch nicht. Unter Umständen kann die Ähnlichkeit mit real lebenden Personen auch Zufall sein.

Ich bin denen dankbar, die rechtzeitig ihr Leben ausgehaucht haben, um mir die Möglichkeit zu geben, an ihren Beerdigungen teilzunehmen, außerdem danke ich ihren Angehörigen sowie diversen Bestattungsunternehmern für ihre Hilfsbereitschaft; ich danke Rob und Victoria Heyland, die einen Großteil Irlands bereist haben, nebst ihrem Hund Billie, dazu allen auf der Dingle-Halbinsel, die ich unmöglich einzeln aufführen kann, besonders aber Sam, Lone, Antonio, Ursula, Chris und Helen O’Riordan; allen, mit denen ich in der Vergangenheit zusammengearbeitet habe, speziell denen, die den tristen Büroalltag ein wenig interessanter gemacht haben – ihr wisst schon, wer ihr seid! Ich danke Janice Gaffey für Hochzeit und Gelassenheit gleichermaßen; Austin O’Carroll, Declan Sheerin und ihren Patienten für diverse medizinische Erkenntnisse; allen in der Montjoy St. Family Practice – darunter ganz besonders Elaine; Phil Cahill sowie Richie und seiner Crew für die Bauarbeiten; allen in Irland, die noch immer in den Kneipen trinken, sich zum Rauchen jedoch nach draußen begeben; meinen leidgeprüften Verwandten und Verschwägerten für das Weihnachtsfest; Paschal, John und Ray für die Politik; allen, die zu cool sind, um erwähnt zu werden, und allen, die verrückt nach der GAA sind. Außerdem ein Danke an Piotr Sadowski, Mark, Chiara, David, Steve, Catherine, Emma und Garret.

Mein besonderer Dank schließlich geht an meine Lektorin Elizabeth Brennan für ihre zuverlässige Unterstützung und ihre hilfreichen Vorschläge.

1 Die Autobiografie von Peig Sayers, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf der Großen Blasket-Insel lebte. Keine Sorge, Sie werden in diesem Buch noch häufiger von dieser Frau hören.

Für Mairead

Inhalt

1 Tod: Ist es zu heiß, um ihn in diesem Pullover zu begraben?

2 In der Kneipe: Wer ist eigentlich mit der nächsten Runde dran?

3 Hereingeschneite: Dingle, das Schull des armen Plastic Paddy

4 Hochzeit: Sogar die Glutenfreien haben sich amüsiert

5 Gesundheit: Im Wartezimmer aufgeschnappt

6 Berufsleben: Unverschämt genug für zwei Ärsche

7 Bauen: Haben Sie mein Tec-7 gesehen?

8 Weihnachten: Und wer macht den Abwasch?

9 Politik: Sie hat nicht die Frisur für ein hohes Amt

10 Cool sein: Bono wer?

Glossar

1 Tod: Ist es zu heiß, um ihn in diesem Pullover zu begraben?

Ich könnte ein großes Bier killen.

(IRISCHE REDENSART)

Tod und Sterben sind bereits seit den Ursprüngen dieses Studienfaches im neunzehnten Jahrhundert beliebte volkskundliche Untersuchungsgegenstände; immerhin kann das Studium des Ablebens nahezu einzigartige forschungsmäßige Herausforderungen stellen. Einerseits können Volkskundler durch den Besuch von Beerdigungen selbst gespenstische Züge annehmen. Andererseits möchte der Volkskundler unter gar keinen Umständen den Eindruck erwecken, die Begräbnisforschung könne womöglich Spaß machen. In Hinblick darauf kann er im Übrigen auf einige Gemeinsamkeiten mit den älteren Jahrgängen der irischen Bevölkerung verweisen, für die der Besuch von Beerdigungen ein wichtiger Zeitvertreib ist. Viele unserer betagten Mitbürger erfreuen sich zudem an der Erkenntnis, ihre Freunde überlebt zu haben. Auf Friedhöfen begrüßen sie sich gerne mit high five, um in aller Deutlichkeit ihre Begeisterung darüber zu zeigen, dass sie selbst noch nicht an der Reihe sind. Diese Beerdigungsbefriedigung ist die irische Version der Schadenfreude. Der Volkskundler wählt als optimale Herangehensweise an diesen Forschungsbereich am besten einen Gesichtsausdruck, der irgendwo zwischen der regungslosen Miene des Bestattungsunternehmers und dem unbezwinglichen Grinsen des Haupterben liegt.

Das gebührende Verhalten bei einer Totenwache kennzeichnet das wahre Irischsein. Um ganz natürlich irisch zu wirken sollten Sie lernen, welche Regeln Sie beim Besuch einer Beerdigung und letztendlich auch beim Sterben auf irische Art zu befolgen haben. Sollten Sie sich auf Ihrer eigenen Beerdigung wiederfinden, verhalten Sie sich ganz einfach ruhig und machen Sie ein würdevolles Gesicht. Egal was über Sie gesprochen werden mag, setzen Sie sich bloß nicht in Ihrem Sarg auf, um die Frevler zusammenzustauchen.

Regeln bei Beerdigungen

In Irland ist es seit jeher Sitte, gemeinsam mit den Toten zu leben. Lange Zeit wurden sie nach ihrem Dahinscheiden in der Küche aufgebahrt und später auf einem Friedhof in Hanglage bestattet – mit Blick auf den Ort, der einst ihr Lebensmittelpunkt war. Der letzte Ruheplatz in Sichtweite der Lebenden machte es diesen einfach, sich an ihre Lieben zu erinnern. Die Toten wiederum konnten aus ihrer erhöhten Position das Treiben der Anwohner verfolgen – und ihnen nachts nahe sein, indem sie in ihren früheren Wohnhäusern und auf dunklen Landstraßen umgingen.

In der jüngsten Vergangenheit allerdings hat unser Interesse an den Toten abgenommen. Wir lassen sie zu hübsch eingerichteten Bestattungsunternehmen abtransportieren oder – sozusagen der letzte Schrei – in Bestattungssalons, sofern es sich bei ihnen um ein wenig angeberische Tote handelt. Diese Salons sind eine Art außerhäusliches Zuhause oder Motel für unsere Toten. Auch Einäscherung gilt mittlerweile als akzeptabel, jedoch stellen wir die Asche gemeinhin nicht auf unseren Kaminsims. Dennoch gibt es Anzeichen für eine sich anbahnende Trendwende: Man bevorzugt es nicht länger, die Verstorbenen aus unserem Leben auszuschließen, vielmehr lebt die Sitte der Totenwache wieder auf. Vielleicht werden die Verschiedenen in Bälde erneut umgehen – aus Dankbarkeit, weil wir sie wieder in unsere Häuser lassen.

Eine typische irische Beerdigung sollte zu Hause beginnen. In alten Zeiten wurde die Verstorbenen auf der Küchentür aufgebahrt, welche man zuvor ausgehängt und über vier Stühle gelegt hatte.2 Heutzutage braucht die Küchentür jedoch nicht mehr aus den Angeln gehoben zu werden. Sie können stattdessen einen Sarg benutzen. Oder auch einen geflochtenen Weidenkorb. Und sich in einem solchen bestatten zu lassen, ist ja wohl ganz schön cool, oder etwa nicht?

Die Regeln beim Sterben

Als allgemeines medizinisches Prinzip in Irland gilt, dass Sie, egal wie tot Sie sich auch fühlen mögen, erst dann verstorben sind, wenn Ihre Todesanzeige im Irish Independent abgedruckt worden ist. Selbst als Augenzeuge eines Dahinscheidens sollten Sie die Anzeige im Indo abwarten, um ganz sicher sein zu können. Falls Sie einen Mörder angeheuert haben, damit er einen reichen Verwandten umbringt, zahlen Sie die letzte Rate erst, wenn Sie im Indo lesen, dass Ihr Familienmitglied »unerwartet« von uns gegangen ist. Kurz gesagt: Sie sind erst tot, wenn der Indo es schwarz auf weiß proklamiert.

Die Bekanntgabe von Todesfällen wird im Indo nach überaus strengen Regeln gehandhabt. Hierfür ist eine begrenzte Anzahl austauschbarer Euphemismen vorgesehen, die abwechselnd zum Einsatz kommen, um darüber hinwegzutäuschen, dass das Dahinscheiden bisweilen unangenehm unvorhersagbar und auf verschiedenste Arten geschieht.

Die beliebteste Art zu sterben, wollen wir dem Indo Glauben schenken, ist friedlich einzuschlafen. Dies ereignet sich zumeist in einem Hospiz oder Pflegeheim, nach langer, tapfer ertragener Krankheit. Sie können auch zu Hause friedlich einschlafen, oder wenn Sie reich sind, wahlweise in Ihrer Villa oder Residenz. Als friedlich einschlafen wird man Ihr Dahinscheiden auch dann bezeichnen, wenn Sie schreien, dass Sie noch nicht sterben wollen; wenn Sie sich am Bett festklammern und verzweifelt beteuern, dass Sie noch am Leben sind, während Sie bereits in Richtung Leichenhalle geschleift werden; wenn Sie sich aus dem Krankenhausfenster stürzen als letzten Ausweg, Ihren Qualen ein Ende zu bereiten; wenn Sie um Medikamente flehen, um die Schmerzen zu betäuben; und selbst wenn Sie mit wehendem Krankenhaushemd zwei Meilen die Straße entlanghasten und vorüberkommende Fremde, die Sie nach Kräften ignorieren, verzweifelt um Hilfe ersuchen.

Als Ire oder Irin können Sie aber auch unerwartet sterben. Anders als friedlich bedeutet dies, dass Sie ohne vorherige Hinweise auf Ihr bevorstehendes Ende dahingehen. Um sensationslüsternen Gemütern Genüge zu tun, ist in diesem Zusammenhang der Ausdruck »durch einen tragischen Unfall« ein gern gesehener Begleiter. Sie können aber auch zu »nach kurzer, schwerer Krankheit« greifen, was sich im Falle einer verpfuschten Operation anbietet. »Nach langer Krankheit« lässt sich gut mit friedlich kombinieren und bietet sich bei mehreren verpfuschten Operationen an. Unerwartet gilt nicht für: vom Baum gefallen, während man den Ast absägte, auf dem man gerade saß; beim Zurechtrücken der Satellitenschüssel vom Dach gerutscht, beim Versuch, den eigenen Selbstmord vorzutäuschen, aus Versehen in die Luft gesprengt worden, weil man sich dabei eine Zigarette angezündet und vergessen hat, dass man das Haus gerade mit Gas füllte; bei spontaner Selbstzündung; Mord; einem Termin bei einem kannibalischen Zahnarzt sowie bei einer beliebigen Kombination dieser Todesursachen. Derlei Sterbearten fallen nämlich in die Rubrik plötzlich. In Irland stirbt man zum Beispiel plötzlich, weil man von einem Meteor getroffen wurde. Für diese Klassifikation reicht es aber auch, erstickt zu werden – wahlweise von einem ungeduldigen Verwandten oder nach einer Sauftour von der eigenen Kotze. Bisweilen werden sowohl plötzlich als auch friedlich in Klammern gesetzt, was ihre euphemistische Verwendung zusätzlich verstärkt und den Lesern als Hinweis gilt, dass sie sich in diesem Fall wirklich das Allerschlimmste vorstellen dürfen.

Eine gute Methode, den haarfeinen Unterschied zwischen plötzlich und unerwartet wirklich zu erfassen, ist, an das Beispiel des reichen Verwandten zu denken. Ein Verwandter kann unerwartet sterben, ehe Sie ihn überreden konnten, Sie in sein Testament aufzunehmen; er kann aber auch plötzlich sterben, nachdem er Sie zum Haupterben eingesetzt hat. Oft bezieht sich der haarfeine Unterschied zwischen plötzlich und unerwartet auf einen medizinischen Eingriff der aktiven oder passiven Art: Der friedlich Dahingeschiedene hat möglicherweise den Doktor erwürgt, um eine tödliche Dosis an schmerzstillenden Medikamenten an sich zu bringen, während die Verwandtschaft vermutet, dass der Doktor am unerwarteten Dahinscheiden des Patienten nicht unschuldig ist, hegte er doch offenbar die Absicht, diesen zum Schweigen zu bringen. In der Tat ist die Frage, ob ein Todesfall als friedlich oder unerwartet dargestellt wird, meist eine rein familiäre Entscheidung.

Auf gar keinen Fall darf die Anzeige im Indo jenen Absatz vermissen lassen, der versichert, dass die überlebenden Angehörigen zutiefst trauern – nur für den Fall, dass die Leser daran den geringsten Zweifel hegen könnten. Die Etikette der Todesanzeigen verlangt von uns allen eine untypische Höflichkeit, die jede realistische Darstellung vollkommen unmöglich macht. Unappetitliche Einzelheiten fallen dabei selbstverständlich zuerst unter den Tisch. Es ist so ziemlich das genaue Gegenteil von unserem normalen Verhalten.

Aus der Zeitung werden Sie nicht erfahren, was wirklich passiert ist. Wenn Sie das wissen wollen, müssen Sie zur Beerdigung gehen und dort ein offenes Ohr für den Klatsch haben. Um das tun zu können, bietet es sich an, über die Einzelheiten des Bestattungsvorgangs informiert zu sein, welche wiederum in der Todesanzeige aufgeführt sind. Bis jetzt also wissen Sie, wer tot ist – und dass diese Person wirklich tot ist. Außerdem ist Ihnen klargeworden, dass Sie die Beerdigung besuchen müssen, um in Erfahrung zu bringen, was genau passiert ist. Aber zuvor müssen Sie noch ausrechnen, wie viel der Besuch dieser Beerdigung Sie kosten wird.

Ein kostspieliger Tod

Sollten Sie planen, in Irland zu sterben, und es der Fall sein, dass Sie irische Freunde und Verwandte im Ausland haben, dann bemühen Sie sich bitte, für Ihr Dahinscheiden eine Zeit anzustreben, in der Flüge zu Sonderkonditionen zu haben sind. Iren fliegen nämlich höchst ungern – es sei denn, es ist wirklich unverschämt billig. Billigfluglinien reichen uns schon lange nicht mehr, wir wollen zusätzlich Sonderangebote. Sollten Sie es nicht einrichten können, zu einer Zeit zu sterben, in der Fliegen zum Schnäppchenpreis möglich ist, dann rechnen Sie bitte nicht damit, bei Ihrer Beerdigung einen im Ausland lebenden Iren zu sehen.

Was die Kontaktaufnahme mit Fremden angeht, so ist es in Irland ein traditioneller Gesprächseinstieg, den anderen etwas raten zu lassen. Erraten werden kann eigentlich alles. »Raten Sie mal, wie lange ich diesen Mantel schon habe«, »Raten Sie mal, wie viel mich dieser Haarschnitt gekostet hat«, oder »Raten Sie mal, was ich gerade denke« sind beliebte Denksportaufgaben. Wenn Sie zu einer Beerdigung nach Irland fliegen, sollten Sie diese Ratetradition beherzigen und die anderen Trauergäste auffordern, den Preis Ihres Fluges zu raten. Auf dem Friedhof können mit diesem lustigen Spiel viele peinliche Augenblicke überbrückt werden, noch dazu ist die Menge der möglichen Mitspieler unbegrenzt. Die praktische Umsetzung verläuft in etwa so: Spieler A (der den Anfang macht) sagt: »Raten Sie mal, was ich für meinen Hin- und Rückflug nach Chicago bezahlt habe. Ich geb Ihnen auch einen Tipp. Das Taxi vom Flughafen hat mehr gekostet als der Flug.« Spieler A sollte jetzt selbstzufrieden lächeln, worauf Spieler B einen realistischen, aber durchaus billigen Preis vorschlagen sollte. Er darf jedoch nicht »einen Cent« sagen, denn das wäre gegen die Regeln. Spieler B sagt also: »Ach, ich weiß nicht. Zweihundert Euro hin und zurück?« An dieser Stelle steigt Spieler C ein und unterbietet Spieler B: »Nie und nimmer. Höchstens einhundertundfünfzig.« Spieler D fährt fort: »Einhundertundzehn«, und so geht es weiter. Spieler A sollte dem Spiel ein Ende machen, ehe die Vorschläge sich der tatsächlichen Summe annähern – bis dahin sind vermutlich um die zwanzig Trauergäste eingestiegen –, indem er erklärt: »Deine zweihundert Euro kannst du dir sonst wohin stecken.« Mit arrogant selbstzufriedenem Grinsen antwortet er daraufhin: »Vier Euro und fünfundsiebzig Cent.« Dramatische Pause. »Hin und zurück.« Erneut dramatische Pause. »Mit Gepäck.« In diesem Moment schreitet für gewöhnlich die Mutter des Verstorbenen ein und sagt: »Jetzt seid bitte still und zeigt ein bisschen Respekt, während der Sarg hinabgelassen wird.«

Die Rangfolge beim Trauerstatus

Nicht nur im Showgeschäft lassen sich die Berühmtheiten verschiedenen Listen zuordnen, wobei die bei den Stars begehrte A-Liste an oberster Stelle steht. Mindestens genauso hilfreich ist es, dieses System zur Einteilung der Trauergemeinde bei einer Beerdigung anzuwenden. Trauernde der Kategorie A sind solche, die wirklich und ehrlich einen Verlust erlitten haben. Dazu gehören Ehegatte oder Lebensgefährtin, Eltern, Kinder und wahre Freunde, die den Dahingeschiedenen derart schmerzlich vermissen, dass sie die Beerdigung eigentlich gar nicht genießen können. Logischerweise möchte niemand in diese Kategorie fallen, denn Trauer ist bei einer so geselligen Zusammenkunft, wie es eine Bestattung nun einmal ist, überaus störend.

Da ich die Regeln, die beim Besuch einer Beerdigung gelten, genauer unter die Lupe nehmen möchte, werde ich mich hier ausschließlich den Trauernden der Kategorien B und tiefer widmen. Als Trauergast der Kategorie B sind Sie qualifiziert, wenn der Verstorbene beispielsweise ein nur selten besuchter Verwandter war, ein Schwippschwager, den Sie nicht leiden mochten, oder ein Onkel, von dem Sie sich mit gutem Grund eine kleine Erbschaft erwarten. A-Trauernde, die von Dahingeschiedenen sehr viel Geld erben, können als B-Trauernde durchgehen, da sie allem Anschein zum Trotz die Beerdigung genießen. Zu den Trauernden der Kategorie C gehören jene, die sich auf der Beerdigung eines Verwandten von Freunden oder ihres eigenen Chefs sehen lassen. Trauernde der Kategorie D schließlich sind entfernte Verwandte, Freunde von Freunden sowie alle, die eine eben erst entdeckte entfernte Kusine betrauern, welche gestorben ist, während die D-Trauergäste gerade zufällig Ferien in Irland machten. Außerdem gehören den D-Trauernden die Senioren an, die sich munter gegenseitig begraben, weil sie auf diese Weise aus dem Haus kommen. Als Daumenregel gilt, je weiter unten im Alphabet Sie sich ansiedeln, umso besser werden Sie sich auf der Trauerfeier amüsieren.

Regeln für Anreise und Kleidung

Trauernde der Kategorien C und tiefer müssen keine weiten Reisen zurücklegen, um eine Beerdigung zu besuchen. Die eigene Verbindung mit dem Verstorbenen sollte sorgfältig gegen die räumliche Entfernung abgewogen werden. Dagegen verlangt die Etikette der Beerdigungsteilnahme, dass Trauernde der Kategorie A jede noch so große Distanz überbrücken müssen, während Trittbrettfahrer und Beerdigungsgroupies sich auf eine Entfernung von zwanzig Kilometern zum Grab beschränken sollten. Alles, was darüberliegt, wird als soziale Verzweiflung ausgelegt und möglicherweise sogar als pervers gewertet werden.

Wenn Sie schon dabei sind, die angemessene Reiseentfernung zu einer Beerdigung zu überdenken, können Sie auch gleich die Kleiderordnung in Ihre Überlegungen miteinbeziehen. Trauernde aus den unteren Kategorien sollten im Idealfall dunkle Farben wie Marineblau oder Braun tragen, jedoch kein Schwarz. Nur die Trauernden der Kategorie A sollten diese Nicht-Farbe wählen. Helle Farben und Cocktailkleider sowie Federboas und Kopfschmuck sind in jedem Fall zu meiden. Beerdigungen können zwar ein angenehmer gesellschaftlicher Zeitvertreib sein, jedoch gilt es nichtsdestotrotz, die angemessene Fassade ehrerbietigen Ernstes zu wahren – zumindest bis zu dem der Beerdigung folgenden Trinkgelage, im Rahmen dessen Sie dann auch erstmals laut und herzlich lachen dürfen.

Was die Intensität der zum Ausdruck gebrachten Trauer angeht, so sollten Anwesende der Kategorien B und darunter bemüht sein, in angemessenem Grad zu trauern – das heißt, auf keinen Fall zu sehr. B-Trauernde, die sich in untröstlicher Trauer geradewegs dem Sarg hinterher ins Grab stürzen, werden zwangsläufig zum Gegenstand von Spekulationen und Klatsch avancieren.

Seit in Irland Scheidungen gesetzlich erlaubt wurden, ist die schwierige Frage aufgekommen, ob der ehemalige oder der aktuelle Angetraute den Rang des Ersten Trauernden für sich beanspruchen darf. Die Entscheidung, wer den tragischeren Verlust erlitten hat, führte in der Vergangenheit sogar schon zu der einen oder anderen Schlägerei. Machen Sie sich stets bewusst, dass es theoretisch keine vorgeschriebene Höchstzahl an A-Trauernden gibt, die bei Ihrer Bestattung aufeinander losgehen können.

Stadien der Beerdigung

Ausgehend von der Kategorie, der Sie zugeordnet werden, müssen Sie unter Umständen mehreren Stadien einer Beerdigung beiwohnen. Das erste Stadium ist dasjenige, in dem der Leichnam ruht beziehungsweise aufgebahrt wird, was in der Regel an einem von drei möglichen Orten geschieht. Zur Wahl stehen hierfür ein Bestattungsunternehmen – dies ist meist der Fall, wenn der Verstorbene relativ arm ist und nur ein kleines oder nicht sonderlich schön eingerichtetes Haus besitzt –, ein Bestattungssalon – auch hier handelt es sich um einen armen Toten, allerdings mit gesellschaftlichem Ehrgeiz – oder das eigene Haus – Letzteres wird gerne von wohlhabenden Verstorbenen gewählt, jenen, die sich der Bohème zugehörig fühlen, oder solchen, denen die eigenen Möbel einfach egal sind. Trauergästen der Kategorien B oder darunter ist es gestattet, das Stadium der Aufbahrung unbekümmert zu genießen.

Das zweite, der Aufbahrung folgende Stadium ist eine Zeremonie – die sogenannte »Überführung« des Leichnams in eine Kirche. Diese erfolgt auch dann, wenn es sich bei der Trauergemeinde um überzeugte Atheisten handelt, die sich solcherlei Getue eindeutig verbeten haben. Im heutigen Irland gibt es zwar angeblich religionsfreie Beerdigungen, im Rahmen meiner Forschungen konnte ich jedoch keine einzige ausfindig machen. Dafür habe ich sogar an der Überführung eines jüdischen Leichnams in eine katholische Kirche teilgenommen.

Als nächster Schritt folgt die eigentliche Beerdigung, zu der auch der Leichenzug zum Friedhof oder zum Krematorium gehört, also zu jenem Ort, an dem der Leichnam bestattet oder eingeäschert wird. Für die nahe Zukunft wird übrigens die Möglichkeit umweltfreundlicher Beerdigungen geplant.

Alles in allem bieten sich hier also drei Gelegenheiten zum geselligen Austausch. Abhängig von Ihrem Trauerstatus dürfen Sie an einer, zwei oder allen drei davon teilnehmen. Trauernde der Kategorien B und C ziehen es vielleicht vor, nur bei der Aufbahrung und der Überführung der sterblichen Überreste am Vorabend der Beerdigung zugegen zu sein. Oder sie nehmen lediglich an der Beerdigung und dem folgenden Umtrunk teil. Gäste der Kategorie D sowie Eckensteher aus noch tieferen Kategorien besuchen dagegen normalerweise alle Teile der Beerdigung, ohne sich zu schämen oder sich gar fehl am Platz zu fühlen.

Regeln für die Aufbahrung

Zu Forschungszwecken reiste ich nach West Cork, um als Trauergast der Kategorie B die Beisetzung eines entfernten Verwandten zu besuchen. Der üblichen Einteilung nach wäre ich in Kategorie C angetreten, aufgrund meiner volkskundlich forschenden Funktion durfte ich mich jedoch guten Gewissens eine Kategorie hochstufen. So ist es der Verantwortung für meine Feldforschung zu verdanken, dass ich überhaupt angereist bin – unter normalen Umständen wäre ich der Entfernung und der schlechten Straßenverhältnisse wegen vermutlich gar nicht hingefahren.

Der Verstorbene, Joe-Pat, war ein Bauer, der es in den fünf Jahrzehnten seiner landwirtschaftlichen Karriere zu einer ordentlichen Menge an Weideland gebracht hat. Er war das jüngste von vier Geschwistern, und ebenso wie seine drei älteren Schwestern hat auch er nie geheiratet. Alle vier lebten unter Harem-ähnlichen Bedingungen im Bauernhaus zusammen, wobei die Schwestern allesamt um die Zuneigung des Bruders wetteiferten. Platonisch, versteht sich. Ich erinnere mich von meinen seltenen Besuchen her noch gut an ihr häusliches Leben. Die Schwestern standen morgens früher und früher auf, weil jede diejenige sein wollte, die ihm seinen Morgentee kochte. Die beiden, die beim Frühstück den Kürzeren zogen, begaben sich daraufhin schnurstracks in den nahe gelegenen Ort, um einen besonderen Leckerbissen für sein Mittagsessen oder ein kleines Geschenk in Form von Socken oder Unterwäsche aufzutun, das selbstverständlich auf der Heizung vorgewärmt wurde, ehe es den entsprechenden Körperteil des Bruders wärmen durfte. Dieser war zwar ein hart arbeitender Bauer, die schwesterliche Rivalität hatte ihn jedoch zu einem totalen Haushaltsmuffel werden lassen.

Joe-Pat hatte für sich und seine Schwestern ein großes Haus oben auf einem Hügel gebaut, um aus allen Fenstern sein Land sehen zu können und – mindestens ebenso wichtig – um von allen Seiten gesehen zu werden. In manchen Ländern verstecken Bauern sich und ihre Häuser gern hinter Hügeln und Baumgruppen, um vor Wind und Wetter geschützt zu sein, was sie zweifellos bescheiden und zurückhaltend erscheinen lässt, aber eben auch zu einem gewissen Grad antisozial – denn wer sich auf ihren Feldern verirrt oder in Not gerät, kann sie ja nicht finden. Mein Vetter dagegen wollte gesehen werden. Er war zwar unbestreitbar von angeberischer und prahlerischer Natur, jedoch war er auch hilfsbereit und gastfreundlich, wenn sich Fremde verirrt hatten oder es sie nach einer Tasse Tee gelüstete – der Weg zu seinem hell beleuchteten Haus auf dem Hügel war nämlich mit Leichtigkeit zu finden. Ein Nachbar beschrieb ihn mit den folgenden Worten: »Er war so einer, von dem man nicht wusste, was er für einer war, wenn du weißt, was ich meine.«

Das Vorbild für die meisten Bauernhäuser, die in Irland seit den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts errichtet wurden, ist die Hacienda. Gelegentlich findet man auch Einflüsse der Southfork Ranch aus der Fernsehserie Dallas. Beide Einflüsse zeigen sich auch im Domizil meines Vetters. Eine schmale Straße schlängelt sich den Hügel zum Haus hinauf, welches erst nach der allerletzten Kurve vollständig zu sehen ist. Als ich um elf Uhr vormittags vorfuhr, zeigte sich bereits durch das Wohnzimmerfenster deutlich die Gestalt meines Vetters, der sich in einem aufrecht stehenden Sarg ein letztes Mal von seinem Land und der Trauergemeinde, die ihn aufgebahrt sehen wollte, bewundern ließ.

Ich hatte für meinen Auftritt als Trauernder der Kategorie B diskretes Grau gewählt. Sowie ich die Haustür passiert hatte, wurden mir ein Glas Whiskey, ein dickes Stück Guinnesskuchen und ein Truthahnsandwich in die Hand gedrückt. Die Totenwache hatte längst begonnen.

Die Über-die-Toten-nur-Gutes-Regel

Wenn man dem Leichnam gegenübertritt, der auf einem Bett, auf der Küchentür oder, wie in diesem Fall, in einem aufrecht stehenden Sarg vor dem Fenster aufgebahrt ist, ist es Pflicht, sich beifällig über sein Aussehen zu äußern. Diese Regel, dem Leichnam ein Kompliment zu machen, gehört zu der allgemeinen Devise, niemals schlecht über die Toten zu sprechen, egal wie berüchtigt ihre Fehltritte auch gewesen sein mögen. Zum Glück gibt es eine Menge standardisierter Redewendungen, die sich auf das Aussehen des Leichnams beziehen. Dass sie bisweilen unpassend erscheinen mögen, gehört dabei zum guten Ton. Einige dieser Aussprüche lauten etwa: »Er hat in seinem ganzen Leben noch nicht so gut ausgesehen«, »er sieht aus wie das blühende Leben«, »sie sieht aus, als ob sie schläft«, »man würde nie auf die Idee kommen, dass ihr etwas fehlt«, oder »ich wusste gar nicht, dass er ein so gut aussehender Mann war«. Offenheit und Ehrlichkeit sind hier einwandfrei nicht angebracht. Aussagen wie: »Dieses hässliche Geschwür wird ihm jetzt keine Sorgen mehr machen«, »aus der Nähe wird mir erst klar, wie viele Runzeln er hat«, und »was hast du noch gesagt, wie viel hat er dir hinterlassen?« sollten nicht einmal später am Tag fallen, wenn man bereits ziemlich betrunken ist.

Sobald Sie dem Leichnam Ihr Kompliment gemacht haben, können Sie sich nach den näheren Umständen des Todes erkundigen. Es hat sich bewährt, das ganz allgemein mit der Frage »Um Gottes willen, was ist denn passiert?« zu tun. Diese allgemeine Nachfrage sollte dann zu einer ausführlichen Beschreibung des Sterbeverlaufs führen, inklusive Röntgenaufnahmen – falls vorhanden –, einer Schilderung des letzten Tages, Stunde für Stunde, mit lückenlosem Wer-hat-was-zu-wem-Gesagt und ebenso ausführlichen medizinischen Auskünften. Im Falle meines Vetters wusste ich bereits, dass er, dem Indo zufolge, friedlich eingeschlafen war, nichtsdestotrotz war ich neugierig auf die Einzelheiten. Es stellte sich heraus, dass er vom Scheunendach gefallen war, als er gerade bei heftigem Wind Wellblechplatten festnagelte, und das nur zwei Tage nachdem er sich von einer Bypassoperation ausreichend erholt hatte, um aus dem Krankenhaus entlassen zu werden. Dass er friedlich eingeschlafen war, traf in seinem Fall tatsächlich zu – wenn auch nach zwei Wochen im vegetativen Koma. Seine Schwestern hatten sich zunächst erbittert darum gestritten, welche von ihnen die lebenserhaltenden Apparate abschalten dürfe. Nachdem sie im Laufe ihrer Diskussion dann jedoch übereingekommen waren, dass dies Mord wäre, stritten sie sich darum, welche Schwester es tun müsse. Der ärztlichen Erklärung, es handele sich schlussendlich um einen Akt der Barmherzigkeit, folgte ein weiterer Streit um das Privileg.

Sind die Umstände des Todes erst einmal klargestellt, können Sie zu allgemeineren Gesprächsthemen übergehen. Bei der Wahl derselben ist es üblich, jegliche erfolgversprechenden Unternehmungen, Zukunftspläne, den Sinn des Lebens und überhaupt alles auszuschließen, was mit dem Zustand des Lebendigseins an sich zu tun hat. Es empfiehlt sich durchaus nicht, sich vor den Leichnam zu stellen und über neue Erkenntnisse den Sinn des Lebens betreffend zu verbreiten, ebenso wenig wie zum Thema gemacht werden sollte, den Wert dieses vom Verstorbenen soeben beendeten Lebens zu hinterfragen. Sollten Sie der Ansicht sein, dass ihm die ewige Verdammnis droht, dann seien Sie das bitte in aller Stille. Wie einst ein betrunkener Trauergast über einen verstorbenen Nachbarn zu sagen: »Es überrascht mich gar nicht, dass er jetzt ein bisschen heiß aussieht«, sollte unbedingt vermieden werden. Ihre Wahl des Gesprächsthemas sollte dem Anlass entsprechend verbindlich oder unauffällig sein. Als allgemeine Regel für das irische Zusammenleben gilt: »Je tiefgreifender und lebensverändernder der Anlass, umso unverfänglicher die Kommentare.« Das benommene Schweigen der traumatisierten Augenzeugen einer Katastrophe lässt sich nicht besser brechen als mit dem Vorschlag, den Kessel aufzusetzen und eine Runde Tee zu kochen.

Als ich eintraf, waren meine Kusinen – seine Schwestern – damit beschäftigt, sich gegenseitig die Schuld daran zuzuschreiben, dass ihr Bruder im Sturm auf dem Scheunendach gestanden hatte. Jede von ihnen behauptete, sie wäre bereit gewesen, an seiner Stelle das abgerundete Scheunendach zu erklimmen, um die rutschenden Wellblechplatten selbst festzunageln. Und jede betonte, wie gern sie den Platz des Bruders im senkrecht stehenden Sarg einnehmen würde, wenn das nur möglich wäre. »Dann wäre ich zwar jetzt tot, aber er wäre noch immer hier bei seinen beiden Schwestern«, »er ist der größere Verlust«. Man darf jedoch den am stärksten Trauernden bei einer Beerdigung keine indirekten Vorwürfe machen, indem man diesen wenig ernst gemeinten Äußerungen zustimmt. Sie können denken, was Sie wollen, aber niemals sollten Sie Ihre Überlegungen laut aussprechen. Halten Sie sich an Gemeinplätze: »War es nicht ein friedlicher Abgang?«, »gesegnetes Alter«, »wunderbares Leben« und »besser, man geht, wenn man noch unabhängig ist« – das alles dürfen Sie angesichts des aufgebahrten Leichnams murmeln. Derartige Floskeln können jederzeit in ein Gespräch mit Trauernden der Kategorie A eingestreut werden, egal ob Sie betrunken oder aus befremdlichen Gründen noch nüchtern sind. Bitten um Kopien von Gewebeproben und den genauen Zeitverlauf des sogenannten Unfalls oder gar die Andeutung, es könne möglicherweise nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein, müssen dagegen warten, bis Sie sich zu den in der Küche trinkenden Trauernden der Kategorie D gesellen dürfen.

Meist sitzt eine Handvoll Trauergäste beim Sarg, die Ihnen bei Ihrem verlegenen Gemurmel helfen. Denen können Sie sich anschließen, nachdem Sie den Leichnam eine Weile lang ordnungsgemäß betrachtet haben. Alternativ können Sie auch den Rückzug in die Küche antreten, sich in eine ruhige Ecke verkriechen und mit den D-Trauernden trinken. Falls Sie sich nicht in der Küche verkriechen, sollten Trittbrettfahrer die sichtbarsten Plätze belegen. Trauernde der Kategorie B dürfen fast sofort mit Essen und Trinken anfangen. Lautes Gelächter jedoch sollte so lange wie möglich hinausgezögert werden. Wenn es aber ausbricht, sollte es sich auf die Kategorien abwärts von B beschränken.

Die Trauernden der Kategorie D, die bei der Totenwache für meinen Vetter in der Küche saßen, erzählten mir, dass ich den Streit der Schwestern darüber verpasst hatte, wie ihr Bruder im Sarg gekleidet sein solle. Eine Schwester hatte darauf bestanden, ihm unter dem Anzug seinen hellblauen Lieblingswollpullover mit dem V-Ausschnitt anzuziehen, während eine andere der Meinung war, darin würde er vor Hitze doch eingehen, es sei schließlich ein außergewöhnlich warmer Herbst. »Ich vermute, es hängt davon ab, welche Richtung er nehmen wird, nach oben oder nach unten«, steuerte jemand aus Kategorie D bei.

Für die Harmonie sämtlicher Beteiligter bei einer Beerdigung ist es wichtig, sich seinen Status bewusst zu machen und, sofern man nicht zur Kategorie A gehört, seiner eigenen Trauerkategorie zuzugesellen. Im Prinzip dürfen Sie sich in der Trauerskala jederzeit abwärts-, keinesfalls aber aufwärtsbewegen. Trauernde der unteren Kategorien sollten das Wort nur dann an solche der höheren richten, sofern sie von diesen angesprochen worden sind. Manche Gäste werden rasch versuchen wollen, Ihren Trauerstatus festzulegen, indem sie Sie direkt fragen, wie Sie mit dem Verstorbenen bekannt waren, zum Beispiel mit den Worten: »Wer sind Sie denn eigentlich?«, oder: »In welcher Beziehung stehen Sie zu Joe-Pat?«

Mitunter ist es durchaus üblich, dass sich etliche der trauernden Verwandten miteinander oder mit dem Verstorbenen überworfen haben. Jahrelange Funkstille lässt sich oft auf unpassende, aus jugendlicher Torheit eingegangene Ehen oder, noch häufiger, Streitigkeiten um Landbesitz zurückführen. Aber wenn schon ein Verwandter, mit dem Sie seit zwanzig Jahren oder noch länger nicht gesprochen haben, stirbt, dann sollten Sie es als Ihr gutes Recht betrachten, die Beerdigung als leidgeprüfter Trauergast der Kategorie A zu besuchen. Heulen und wehklagen Sie aus vollster Kehle. Dabei sollten Sie nur die Regel Nichts Böses über die Toten beherzigen und sich auf positive Anekdoten aus dem Leben und Wirken des Verstorbenen beschränken.

Regeln für Speis und Trank

Während Alkohol als unentbehrliches soziales Gleitmittel für irische Beerdigungen gilt, spielt auch das Essen eine wichtige Rolle. Sollten Sie nicht trinken dürfen, weil Sie fahren müssen, dann widmen Sie sich umso heftiger dem Essen. Vor allem in ländlichen Gegenden bringen die Nachbarn gern essbare Zuwendungen ins Trauerhaus, wenn jemand gestorben ist. Diese Spenden sollten aus traditioneller irischer Kost bestehen oder zumindest als traditionell durchgehen, schließlich gibt es keine große Vielfalt an althergebrachten Speisen. Mit konservativem Essen, das nicht viel hermacht, liegen Sie immer richtig. Versuchen Sie auf keinen Fall mit kulinarischer Raffinesse zu punkten und verzichten Sie unbedingt auf exotische Gerichte sowie Produkte der Nouvelle Cuisine als Gaben für eine Totenwache – es sei denn, Sie sind ein anerkannter Spitzenkoch von internationalem Ruhm. Zu den üblichen konservativen Speisen, die dem Anlass entsprechend sind, gehört das gebratene Fleisch sämtlicher Nutztiere. Hase, Kaninchen und wildes Geflügel – darunter fallen auch Tauben – sind dagegen nicht zugelassen. Rindfleisch, Lamm, Truthahn und Hähnchen gelten als akzeptabel, sofern sie matschig gekocht worden sind. Hähnchenfleisch darf alternativ auch nicht ganz durchgegart sein – das verstärkt das allgemeine Bewusstsein um die Zerbrechlichkeit des Lebens, das unser Denken bei Beerdigungen gerne in Besitz nimmt. Schinken muss sein, jedoch darf er nicht umgeben von Carbonara auftreten. Ente mit Orange ist ebenfalls tabu. Curry, unbedingt mild, kann durchgehen, ganz besonders sind belegte Sandwiches aus Weißbrot sowie jegliche Kuchen willkommen. Nachtisch in allen Varianten, wenn er nur unter reichlich Schlagsahne begraben ist, braucht ebenfalls nicht mit negativen Kommentaren zu rechnen.

Abgesehen vom Essen gehören zu den üblichen Aktivitäten bei einer Totenwache auch Singen, Weinen, Kartenspielen und Geschichtenerzählen. Einmal durfte ich sogar miterleben, dass die herkömmlichen Gespenstergeschichten durch Berichte von Alienentführungen in der Nachbarschaft und einen von einer fliegenden Untertasse verursachten Verkehrsunfall ersetzt wurden. Dieser war bei der lokalen Polizeistation gemeldet worden, demnach muss er sich also tatsächlich ereignet haben. Aliens entführen derzeit eine beunruhigende Menge von Bauern überall in den ländlichen Gebieten Irlands.

Regeln bei der Überführung

Am nächsten Tag kommt dann der Moment, in dem der Deckel auf den Sarg gelegt wird und alle dem Leichenwagen zur Kirche folgen. Das ist natürlich für die Hinterbliebenen einer der schwierigsten Teile der Beerdigung. Im Fall von Joe-Pats Schwestern wollte ich den engsten Angehörigen gegenüber Diskretion wahren. Leider war ich jedoch zu langsam beim Aufbruch, sodass ich mich letztendlich dann doch mit einem oder zwei weiteren Nachzüglern im Zimmer eingesperrt wiederfand – zusammen mit dem aufrecht stehenden Sarg, dem Bestattungsunternehmer, Joe-Pat und seinen Schwestern. Die drei umkreisten den Sarg, ehe jede Joe-Pat noch einmal küsste und dazu einige Abschiedsworte sprach. Mit dem dritten Kuss hätte es gut sein sollen, doch unmittelbar nach Schwester Nummer drei huschte die erste Schwester ein weiteres Mal um den Sarg herum und küsste Joe-Pat erneut, nun mit etwas größerer Leidenschaft. Dann gab sie dem Bestattungsunternehmer, der mit dem Deckel bereitstand, ein Zeichen, diesen jetzt aufzulegen. Ehe dieser sich jedoch rühren konnte, war schon die zweite Schwester am Platz, senkte den Kopf und gab Joe-Pat einen letzten Kuss. Die dritte Schwester wollte da nicht zurückstehen und tat es ihnen gleich, worauf die erste Schwester wieder hinter den Sarg trat, um eine neue Runde zu beginnen. Auf diese Weise wurde der Sarg mehrere Minuten lang umkreist, bis der Bestattungsunternehmer sich schließlich zwischen die Schwestern warf, alle drei beiseitestieß und den Deckel mit Entschlusskraft festschraubte. Dazu verkündete er energisch: »Das reicht jetzt. Genug geküsst!«

Befindet sich der Sarg erst einmal im Leichenwagen und hat dieser sich in Bewegung gesetzt, folgt als nächster Schritt der Auftritt der Lokalpolitiker. Diese schließen sich meist den Trauernden der Kategorie A an, manchmal gehen sie auch vor dem Leichenwagen her, und immer schluchzen sie laut hörbar. Aus soziologischer Sicht vermute ich, dass sie den Verlust eines Wählers betrauern. Ein idealer Zeitpunkt für diese Klientel, sich dem Leichenzug anzuschließen, ist der Moment, wenn er bei der Kirche eintrifft und die wichtigsten Trauernden schon ihrem Rang nach drinnen in den Bänken sitzen. Bei diesem Teil der Überführung ist es nämlich am leichtesten, ohne große Mühe gesehen zu werden. Der Brauch schreibt vor, zu diesem Zeitpunkt sein Beileid auszusprechen. Arbeiten Sie sich an der Reihe der Trauernden entlang, schütteln Sie jede Hand und murmeln Sie »mein Beileid«. Sollten Sie wirklich traurig sein, können Sie auch »mein tief empfundenes Beileid« sagen. Sobald Sie den Eindruck haben, bei der Kategorie C angekommen zu sein, stellen Sie das Händeschütteln ein.

Die Regeln am Grab

Falls Sie zur Kategorie A gehören, dürfen Sie sich möglicherweise an dem unvermeidlichen Streit beteiligen, der am Familiengrab jedes Mal ausbricht. Besonders wichtig nehmen diesen die älteren Generationen, die seit Jahrzehnten ihre eigene Beerdigung planen, sowie Geschwister, die nicht mehr miteinander reden. Eine tradionelle Art, einen Heiratsantrags zu machen, war, die Angebetete zu fragen, ob sie gern zusammen mit der Sippe des Fragestellers beerdigt werden würde. Überraschenderweise fasste die heiratswillige Frau das nicht als Drohung auf. Die Einführung der Scheidung hat diesen Aspekt der Familiengrabstätten allerdings verkompliziert. Vorgegangen wird gern nach folgendem Grundprinzip: Wenn die Grabstätte groß genug ist, können versöhnlichere Verwandte zwischen lebenslang Verfeindeten beigesetzt werden und so eine Art Pufferzone zwischen denjenigen bilden, die sich nicht wohlgesonnen sind.

Ein Gewährsmann erzählte mir von seinem entfernten Vetter aus England, der als Angehöriger der Kategorie C eine Beerdigung in Irland besucht hatte. Während der Aufbahrung hatten die irischen Verwandten ihn dazu überredet, den Sarg zum Grab zu tragen. Es ist eine große Ehre, als Sargträger ausgesucht zu werden, insbesondere für jemanden aus Kategorie C. Zur Übung marschierten die angehenden Sargträger – fünf Iren und ein Engländer – durch den Garten und trugen dabei mit vereinten Kräften den Wohnzimmertisch. Die irischen Verwandten erklärten, die Tradition verlange Stechschritt, was sie bei der Probe auch beherzigten. Dann nüchterten die fünf Iren aus und vergaßen die Sache. Am nächsten Tag war dann der englische Sargträgerlehrling der einzige von ihnen, der stechschritt, weshalb er logischerweise stolperte, den Sarg gegen einen Grabstein knallen ließ und den Leichnam in die Arme der versammelten Trauergemeinde katapultierte, die auf diese Weise erfuhr, dass Bestatter die Kleider der Toten hinten aufschneiden, um diese so bequemer hineinbefördern zu können. Der halb nackte Leichnam wurde eilends wieder eingewickelt, in den zerbrochenen Sarg verfrachtet und vorsichtig in die Erde hinabgelassen. Und der englische Vetter kehrte fluchtartig nach Coventry zurück.

Sollten Sie es dagegen schaffen, den Verstorbenen und die Trauernden der Kategorie A nicht zu demütigen, indem Sie den Sarg fallen lassen, werden Sie vielleicht zum Leichenschmaus eingeladen.