»Ich will fortleben, auch nach meinem Tod« - Thomas Sparr - E-Book

»Ich will fortleben, auch nach meinem Tod« E-Book

Thomas Sparr

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Beschreibung

Die bislang unerzählte Geschichte von Anne Franks weltberühmtem Tagebuch schließt eine Leerstelle in der Erzählung über Anne Frank Anne Frank träumte davon, eines Tages eine berühmte Schriftstellerin zu werden. Ihr Vater Otto Frank, der den Krieg als einziges Familienmitglied überlebte, wollte seiner Tochter diesen Wunsch erfüllen und machte die Verbreitung von Annes Tagebuch zu seinem Lebensinhalt. 1947 erschien »Het Achterhuis« in den Niederlanden, 1950 wurde die erste deutsche Ausgabe veröffentlicht. Heute zählt das Tagebuch zu den meistgelesenen Büchern der Welt; die Wirkung, die es seit der Nachkriegszeit entfaltet, ist unvergleichlich und ungebrochen. Doch die Geschichte seines Erfolgs ist geprägt von Hindernissen und Rückschlägen – und weitgehend unbekannt. Kenntnisreich entschlüsselt Thomas Sparr, wie es entstanden ist, wie es verbreitet wurde, wie es auf der ganzen Welt rezipiert wird und warum es uns bis heute nicht loslässt.

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Seitenzahl: 326

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Thomas Sparr

»Ich will fortleben, auch nach meinem Tod«

Die Biographie des Tagebuchs der Anne Frank

 

 

Über dieses Buch

 

 

Die bislang unerzählte Geschichte von Anne Franks weltberühmtem Tagebuch

Anne Frank träumte davon, eines Tages eine berühmte Schriftstellerin zu werden. Ihr Vater Otto Frank, der den Krieg als einziges Familienmitglied überlebte, wollte seiner Tochter diesen Wunsch erfüllen und machte die Verbreitung von Annes Tagebuch zu seinem Lebensinhalt. 1947 erschien »Het Achterhuis« in den Niederlanden, 1950 wurde die erste deutsche Ausgabe veröffentlicht. Heute zählt das Tagebuch zu den meistgelesenen Büchern der Welt; die Wirkung, die es seit der Nachkriegszeit entfaltet, ist unvergleichlich und ungebrochen. Doch die Geschichte seines Erfolgs ist geprägt von Hindernissen und Rückschlägen – und weitgehend unbekannt. Kenntnisreich entschlüsselt Thomas Sparr, wie es entstanden ist, wie es verbreitet wurde, wie es auf der ganzen Welt rezipiert wird und warum es uns bis heute nicht loslässt.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Thomas Sparr, 1956 in Hamburg geboren, ist Autor, Literaturwissenschaftler und Verlagslektor. Nach dem Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie in Marburg, Hamburg und Paris war er von 1986 bis 1989 an der Hebräischen Universität in Jerusalem tätig, anschließend im Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Von 1990 bis 1998 leitete er den Jüdischen Verlag, war Cheflektor des Siedler Verlags und arbeitet heute im Suhrkamp Verlag als Editor-at-Large. 2020 erschien sein vielbesprochenes Buch »Todesfuge. Biographie eines Gedichts« (DVA). Für seine Recherchen zur Geschichte von Anne Franks Tagebuch wertete er zahlreiche Archive aus. Er lebt in Berlin.

Inhalt

[Hinweis zu den Zitaten in diesem Buch]

Prolog: Staatsbesuch

Amsterdam im Sommer 1945

Von Auschwitz nach Amsterdam

Die verwüstete Stadt

Zahlen

Tagebücher

»Das besondere Fräulein Anne«

Auf dem Weg zum Tagebuch

Abschriften

»Ondergedoken«

Contact

Impressum

»Weltweit verbindlich«

Literatur

Anne Frank in Deutschland

Akademische

1950. Kapitel

Fälschung

»Was schrieb das Kind?«

»Ein Tagebuch für Anne Frank«

»Spur eines Kindes«

»Draußen vor der Tür«

Das gerettete Kind

Anne Frank auf dem Broadway

Broadway gesamtdeutsch

Der abwesende Zuschauer

Die großartige Presse

Die dressierte Katze

Höchstes Lob

»Anne Frank in America«

»Zum Geleit«

Fürsorge

Friedenspreis

Das Brandopfer

Vereinte Nationen

Zeitgenosse

La Leçon

Getrennte Nationen

Jiddischland

Anne Frank’s Voice

Prozess

Israel

Togbuch fun a Mejdel

Wem gehört Anne Frank?

Worüber sprechen wir …

Anne Frank global

Het Wonder van Anne Frank

Mademoiselle Frank

Skandinavien

Herbstgasse

Kafka liest Anne Frank

Pen-Friend

Japans Anne

Das südafrikanische Tagebuch

Bilder

Buchumschläge

Porträts

Das Versteck

Theater

Rückkehr

Helfer

Staatsbesuche

Otto Frank als Fotograf

Das Tagebuch

Handschrift

Filme

Wo ist Anne Frank

Ausstellungen

Die vergessene Margot

Striche

Schulzeiten

»Schwesterchen«

Beste Freundinnen

Der doppelte Peter

Generation Anne Frank

Kontexte

Jahrgang 1929

Heidelberg

Fortleben

Das öffentliche Werk

Deutsche und Juden

Vermächtnis

Anne-Frank-Bücher

Queerness

Epilog: Geschichtsbuch oder schöne Literatur?

Anhang

Dank

Zeittafel

Die Versionen des Tagebuchs im Überblick

Literatur

Archive

Das Tagebuch der Anne Frank

Primärliteratur (zitiert)

Literatur

Audiodokumente

Filme

Abbildungsverzeichnis

Register

Zitiert wird nach der weltweit verbindlichen Ausgabe

 

Anne Frank Tagebuch

Edition von Mirjam Pressler (Version d, in Überarbeitung der Fassung von Otto H. Frank)

Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag, 30. Aufl. 2022

 

Für die Zitate wird das Datum dem Tagebuch folgend ausgewiesen. Zitate aus früheren Ausgaben des Tagebuchs oder aus dessen frühen Fassungen (Versionen a und b) werden eigens benannt.

Prolog: Staatsbesuch

Am Vormittag des 24. November 1969 traf Bundespräsident Gustav Heinemann mit dem Zug aus Bonn zum Staatsbesuch in den Niederlanden ein. Am Amsterdamer Hauptbahnhof empfingen ihn und seine Frau Hilda Königin Juliana und Prinz Bernhard. Mit der Kutsche ging es zum königlichen Palast. Das Protokoll hatte diesen Besuch lange und sorgfältig geplant. Es war der erste Staatsbesuch von Gustav Heinemann, der im März des gleichen Jahres zum dritten Bundespräsidenten gewählt worden war, dem ersten aus den Reihen der SPD. Der letzte offizielle Besuch eines deutschen Staatsoberhaupts lag 62 Jahre zurück. 1907 war Kaiser Wilhelm II. zu Besuch in den Niederlanden. Seine Gastgeberin, Königin Wilhelmina, die Mutter von Juliana, würde ihm elf Jahre später, am Ende des Ersten Weltkriegs, Exil in ihrem Land gewähren. Er starb 1941, ein Jahr nachdem deutsche Truppen die neutralen Niederlande besetzt hatten. Bis heute streiten Historiker und Historikerinnen über die Rolle des emigrierten Kaisers wie seines Sohnes, Kronprinz Wilhelm, nach 1933 und über die Frage, ob die Hohenzollern dem Nationalsozialismus Vorschub geleistet haben.

Mit Gustav Heinemann stieg ein Repräsentant »des anderen Deutschland«, wie die Zeitung Het Vrije Volk ihn nannte, aus dem Zug: 1899 in Westfalen, dem Nachbarland der Niederlande, geboren, war das Mitglied der Bekennenden Kirche ein Gegner des Nationalsozialismus gewesen, anders als sein Vorgänger Heinrich Lübke, den Regierung und Königshaus ausdrücklich nicht in ihrem Land willkommen heißen wollten, trotz einiger Vorstöße der deutschen Regierung in den Jahren zuvor. Noch hatte man die Protestrufe in Amsterdam in den Ohren, »Claus raus«, als die Thronfolgerin Beatrix den deutschen Diplomaten Claus von Amsberg dreieinhalb Jahre zuvor geheiratet hatte. Die Beziehungen zwischen beiden Ländern waren schwierig, weit schwieriger als die zu Frankreich, Großbritannien oder den USA. Zu nah waren noch die Erfahrungen der Besatzung durch die »Moffen«, zu lastend die Fragen nach Verstrickungen von Niederländern in den Terror. »Es gibt schwierige Vaterländer«, hatte Heinemann in seiner Antrittsrede am 1. Juli 1969 gesagt. »Eines davon ist Deutschland.« Und die Niederlande waren und sind ein schwieriges Partnerland. Die deutsche Seite bemühte sich entsprechend darum, die Delegation von Herren (an Damen war damals im höheren diplomatischen Dienst nicht zu denken) freizuhalten, die unrühmlich in die zwölf Jahre des Tausendjährigen Reiches verstrickt waren. 1969 kein leichtes Unterfangen für das Präsidialamt und das Auswärtige Amt, deren leitende Beamte oft im Nationalsozialismus aufgestiegen waren.

Außenminister Walter Scheel begleitete den Bundespräsidenten und vertrat die neue sozialliberale Regierung, die gerade vier Wochen im Amt war.

Auch der Zeitpunkt des Staatsbesuchs wurde symbolisch erwogen und für richtig befunden. Die deutsche Seite hatte als Datum Anfang 1970 ins Spiel gebracht. Das aber war den Gastgebern zu nah am 25-jährigen Gedenken an die Befreiung vom »deutschen Joch«, wie die niederländische Botschaft in Bonn unumwunden formulierte. Die Regierung in Den Haag hatte ein Komitee einberufen, das den hohen Besuch vorbereiten sollte. Darin waren Repräsentanten der jüdischen Gemeinde der Niederlande ebenso vertreten wie ehemalige Kämpfer des nationalen Widerstands. An eine solche Beteiligung der Zivilgesellschaft, wie wir sie heute nennen würden, war auf der anderen Seite nicht zu denken.

Der deutsche Botschafter Hans Arnold, ein literarisch gebildeter, diplomatisch wie politisch erfahrener Mann, hatte zuvor vorgeschlagen, der Bundespräsident solle in Amsterdam das Anne Frank Haus besuchen; der Amsterdamer Rabbiner Jacob Soetendorp aber sah darin eine »Entweihung« des Ortes. Der Besuch wurde gestrichen. Gustav Heinemann legte stattdessen noch in den ersten Stunden seines Besuchs am nationalen Ehrenmal zum Gedenken an den Widerstand einen Kranz nieder und besuchte die Hollandsche Schouwburg, ein ehemaliges Theater, den Sammelplatz der überall im Land verhafteten Jüdinnen und Juden, bevor sie in eines der Durchgangslager Westerbork und Amersfoort oder ins KZ Herzogenbusch gebracht wurden. Von dort rollten die Deportationszüge in die Vernichtungslager im Osten.

An diesem Gedenkort begrüßte Soetendorp, der die liberale jüdische Gemeinde vertrat, den Bundespräsidenten und seine Frau. Der Rabbiner hatte die Zeit der deutschen Besatzung im Amsterdamer Untergrund überlebt, den 1943 geborenen Sohn Awraham hatte eine Pflegefamilie die ersten Lebensjahre in ihre Obhut genommen. Jacob Soetendorps Einspruch gegen den Besuch des Hauses in der Prinsengracht 263, in dem Anne Frank sich mit ihrer Familie und anderen verfolgten Juden versteckt hatte, war biographisch beglaubigt.

Was aber hob diesen Ort so heraus, dass ein Besuch des höchsten Repräsentanten Westdeutschlands einer »Entweihung« gleichkam? Was machte ihn, so betrachtet, zu einer geweihten Stätte?

Es muss mit der Aura des Ortes zusammenhängen, mit etwas, das sich rational nicht genau fassen lässt, und so hatte der Rabbiner auch nicht argumentiert. Über die Jahre war diesem Haus eine Bedeutung zugewachsen, die es von anderen historischen Orten in der Stadt, aber auch weit darüber hinaus unterschied.

Der protokollarisch ausgesparte Ort erstrahlt in umso hellerem Licht. Das Anne Frank Haus zieht bis heute Jahr um Jahr Millionen von Besuchern an, auch gekrönte Häupter wie Präsidenten, Premierminister wie Ministerinnen aus aller Welt – auch aus Deutschland – haben das Haus in der Prinsengracht besucht, seit es im Mai 1960 als Museum eröffnet wurde.

Dynastien haben ein langes Gedächtnis und wirken dadurch unserer Vergesslichkeit entgegen. Das Haus Oranje begleitet das Tagebuch von Beginn an, nicht nur weil die heranwachsende Anne Bilder von Juliane und Beatrix aus Illustrierten ausgeschnitten und in ihrem Versteck aufgehängt hatte, sondern auch weil ihr Vater einen ausgeprägten Sinn für Repräsentation zeigte. So bescheiden er auftrat, was ihn selbst betraf, oft von ergreifender Bescheidenheit; wenn es um das Tagebuch seiner toten Tochter ging, suchte er das Licht der Öffentlichkeit, indem er die Neuausgaben des Tagebuchs Königinnen und Präsidenten, wie Theodor Heuss, oder deren Ehefrauen, Witwen, wie Eleanor Roosevelt, Schriftstellern wie Übersetzerinnen zusandte, sie um Unterstützung durch ein Vorwort, eine Empfehlung, einen Rat bat. Lange bevor der Begriff der Multiplikatoren aufkam, wusste Otto Frank um die Gesetze von Aufmerksamkeit, Öffentlichkeit, Präsentation und lernte die Gegebenheiten des Buchmarkts kennen und damit umzugehen.

Königin Wilhelmina, deren lange Regentschaft noch ins 19. Jahrhundert zurückreichte, erhielt im letzten Jahr vor ihrer Abdankung eines der ersten Exemplare des Tagebuchs der Anne Frank. Der Vater, Otto Frank, hatte es ihr am 1. Juli 1947 zugeschickt und dabei nicht vergessen, ihre Tochter Juliana am gleichen Tag mit einem eigenen Exemplar zu bedenken. Der Hof bedankte sich postwendend. Juliana wiederum besuchte als Königin im Mai 1960 das neu eröffnete Museum in der Prinsengracht; Kronprinzessin Beatrix übernahm die Schirmherrschaft der Feier aus Anlass des 50. Geburtstags von Anne Frank 1979 in der Westerkerk, deren Glockenschläge den Versteckten nahebei mehr als ein Vierteljahrhundert zuvor wie ein Metronom die Zeit angezeigt hatten. Und König Willem-Alexander besuchte im Mai 2014 die Premiere von Anne, einem multimedialen Theaterstück von Jessica Durlacher und Leon de Winter, in einem eigens dafür neu erbauten Theater in Amsterdam. Der König verließ es nach der Aufführung tränenüberströmt.

Der Gustav Heinemann 1969 verwehrte Besuch des Anne Frank Hauses ist heute ein fast vergessenes Detail der Nachkriegsgeschichte und wirft doch ein Licht auf den Ort und auf das, wofür er steht: das Tagebuch der Anne Frank. Keinem zweiten Buch kommt in der jüngeren Vergangenheit solche Bedeutung zu, kein überliefertes Schriftstück aus der Zeit des Nationalsozialismus hat so sehr die Gemüter bewegt wie dieses Buch, individuell wie kollektiv, und wohl kein zweites Buch und dessen Entstehungsort, das Hinterhaus in der Prinsengracht, vermag in die Speichen des Protokolls eines Staatsbesuchs zu greifen wie dieses Tagebuch. Bücher haben ihr Schicksal und eine eigene Biographie.

Im Juni 1942 hatte die 13-jährige Tochter einer deutsch-jüdischen Familie aus Frankfurt am Main in ihrem Versteck Tagebuch zu schreiben begonnen, fast bis zu dem Tag der Razzia. Die Nationalsozialisten verhafteten am 4. August 1944 die acht untergetauchten Jüdinnen und Juden, Familie Frank wurde über das Lager Westerbork am 3. September 1944 nach Auschwitz deportiert. Dort starb die Mutter Edith im Januar 1945. Die beiden Schwestern Margot und Anne erreichten das Konzentrationslager Bergen-Belsen Anfang November 1944 in einem Güterzug. Im März 1945 starb die drei Jahre ältere Margot an dem dort grassierenden Typhus, einige Tage später die 15-jährige Anne.

Einzig der Vater und Ehemann Otto Frank überlebte Auschwitz und kam nach einer monatelangen Fahrt über Odessa, Czernowitz und Frankreich im Sommer 1945 schließlich in Amsterdam an. Dort erfuhr er vom Schicksal seiner ausgelöschten Familie, zunächst vom Tod seiner Frau, dann vom Tod der beiden Mädchen. Er erhielt aus der Hand von Miep Gies, einer Angestellten seiner früheren Firma Opekta, die die untergetauchte Familie von 1942 an unterstützt und mit Lebenswichtigem versorgt hatte, das Tagebuch seiner Tochter Anne. Nach einem Moment des Haderns mit sich machte er sich an die Lektüre und fertigte eine erste Übersetzung von Teilen des Textes ins Deutsche an. Die Verbreitung des Tagebuchs wurde zu seinem Lebensinhalt.

Das Tagebuch der Anne Frank erschien 1947 unter dem Titel Het Achterhuis (Das Hinterhaus) – ein Titel, den Anne selbst noch erwogen hatte für das, was sie ihren Roman nannte – zuerst auf Niederländisch. 1950 wurde das Buch auf Französisch veröffentlicht, dann auf Deutsch, 1952 in den USA, in Israel und in vielen anderen Ländern.

Es wurde zu einem der meistgelesenen Bücher der Welt. Das darf aber nicht den Blick auf den mühsamen Beginn verstellen, das Werk überhaupt zu veröffentlichen, auf die Vorwürfe, sein Inhalt sei gefälscht, eine gezielte Geschäftemacherei des Vaters. Der Erfolg dieses Buches – seine Verbreitung, seine Übersetzungen, seine Verwandlungen auf den Bühnen und Leinwänden der Welt, die Verbreitung des Namens von Anne Frank überhaupt –, diese »Erfolgsgeschichte«, wenn man sie überhaupt so nennen darf, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Kette von Misserfolgen, Missverständnissen, Anfechtungen. Der Ruhm des Tagebuchs musste der Niedertracht des nachwirkenden Nationalsozialismus in Deutschland, aber auch anderswo abgerungen werden, das Bild der Anne Frank teilt sich von früh an in zahllose Spiegelbilder. Und dennoch – oder gerade deswegen – hat kein anderes literarisches Werk nach 1945 eine solche Wirkung entfaltet wie dieses Buch. Kein Erwachsener in Europa oder andernorts, kaum ein Schulkind in mittlerem Alter hat nicht von Anne Frank gehört, das Tagebuch gelesen, als Film oder Theaterstück gesehen – ob in den Niederlanden, in Deutschland, den USA, Südafrika, Asien, Australien oder Lateinamerika.

Man hat in den vergangenen 70 Jahren Anne Franks Biographie nahezu lückenlos erforscht, die Herkunft ihrer Familie, das Leben Otto Franks, den Kreis der Helfenden, der Freundinnen wie Freunde, der möglichen Verräter des Verstecks. Man hat minutiös die Entstehung des Tagebuchs untersucht und dabei vier Stufen unterschieden und schließlich eine kritische Ausgabe herausgebracht. Kinder können die Prinsengracht 263 mit dem Versteck der Untergetauchten nachbauen. Es gibt Filme, Bühnenfassungen, Lesestücke, Ausstellungen, Zentren wie Initiativen, die Anne Franks Namen tragen, und zahlreiche Bücher. Nur den Weg oder vielmehr die Wege, die das Tagebuch in seiner Verbreitung, seiner Wirkung eingeschlagen hat, hat man noch nicht genauer betrachtet.

Dieses Buch fragt nach der Geschichte des Tagebuchs, genauer: nach den Geschichten. Ist es ein Tagebuch im landläufigen Sinn, wie man es bis heute zumeist liest? Oder ist es Literatur in Form eines Tagebuchs, was der Absicht der jungen Autorin viel näher kommt? Was hat die enorme – weltweite – Wirkung erzeugt? Welche Besonderheiten und Strategien gab es bei der Verbreitung des Tagebuchs? Was war vorhersehbar oder beabsichtigt, was hat sich unbeabsichtigt ergeben? Inwieweit hat das Tagebuch der Anne Frank dazu beigetragen, die nationalsozialistischen Verbrechen zu verstehen? Und umgekehrt gefragt: Inwieweit wurden diesem Verstehen durch Sentimentalisierung Grenzen auferlegt? Hat man Anne Frank und ihr Tagebuch nicht allzu oft verkitscht? Wie hat sich die Rezeption des Tagebuchs über die Jahrzehnte verändert? Wie wird man es in Zukunft lesen und verstehen?

Um Antworten auf diese Fragen zu finden, müssen wir Verlagskorrespondenzen durchforsten, Redaktionen besuchen, Kritiken lesen, Rundfunkbeiträgen lauschen, verworfene neben angenommene Pläne für Theateraufführungen oder Filme legen, Gerichtsprozesse rekonstruieren. Die Biographie eines Buches kennt nicht die Linearität, die wir bei einem Leben oft fälschlicherweise vermuten, an der wir zumindest Biographien von Menschen ausrichten, wenn wir sie niederschreiben. Die Biographie eines Buches kennt noch weniger Kausalitäten, die wir dem Leben oft unterstellen. Die Wirkungsgeschichte des Tagebuchs der Anne Frank ist auch von Zufällen bestimmt, schafft mitunter eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, die sich erst im Nachhinein erschließt. Das Tagebuch wurde nach vorne gelesen, nach hinten verstanden, um Kierkegaards berühmtes Wort zu zitieren. Bestimmte Etappen der Wirkungsgeschichte lassen es uns neu lesen; in Kapstadt oder Durban liest man es anders als in Tel Aviv, New York, Damaskus oder in Kopenhagen und Berlin. Nur: Es wird überall gelesen. Die Geographie ist mindestens so wichtig wie die Chronologie.

Einmal fragte ich eine Gruppe von Studentinnen und Studenten, wer von ihnen Anne Franks Tagebuch gelesen habe. Alle meldeten sich, bis auf eine. Die Studentin bekannte, sie habe das Tagebuch nicht gelesen. Auf meine erstaunte Nachfrage, warum nicht, antwortete sie, sie habe sich vom Tagebuch eingeschüchtert gefühlt – eingeschüchtert von Bedeutsamkeit, den vielen Deutungen und wohl auch, sie studierte Theologie, vom Weihevollen.

Die Wirkungsgeschichte des Tagebuchs legt Ambivalenzen frei, die in ihm – zum Glück für die Nachwelt, zum Leid für die unmittelbaren Angehörigen – angelegt sind. Das Tagebuch ist ein so ungewöhnliches zeitgeschichtliches Dokument wie ungewöhnliches literarisches Werk. Im Laufe der Jahre hat man es eher als ein historisches Dokument gelesen.

Das Tagebuch ist nicht frei von Sentimentalität und doch getragen vom stupenden Selbstbewusstsein eines Mädchens, sagen wir besser: einer heranwachsenden jungen Frau, die formbewusst, aber auch wieder verspielt ist. Diese Ambivalenzen, die Kraft, sie auszuhalten, macht die Bedeutung des Tagebuchs der Anne Frank aus. Es gibt wenig Gewissheiten: am Anfang das karierte Notizheft und das erste Datum, der 12. Juni 1942, und das letzte, Dienstag, 1. August 1944. Es gibt aber noch ein zweites Entstehungsdatum: den Sommer 1945. Damit setzt dieses Buch ein und versucht, bis an die Grenze der Gegenwart zu führen.

Über 50 Jahre nach dem denkwürdigen Staatsbesuch in Amsterdam besuchten das niederländische Königspaar und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Sommer 2021 das Anne Frank Zentrum in Berlin, eine Partnerorganisation des Anne Frank Hauses in Amsterdam. »Es wird weltweit wohl nur wenige Menschen geben, die das Bild und den Namen Anne Franks nicht kennen«, sagte Steinmeier über diesen symbolischen Besuch, wiederum bei einem Staatsbesuch, wiederum an dessen Beginn. »Annes Geschichte, ihr viel zu kurzes, glückliches Leben mit ihrer Familie in Frankfurt am Main, ihr Leiden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, die Zeit, in der die Familie Schutz und Aufnahme in den Niederlanden fand, und schließlich ihr gewaltsamer Tod im Konzentrationslager Bergen-Belsen – diese Geschichte hat uns verstehen lassen, dass hinter der abstrakten Zahl jüdischer Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns in Europa sechs Millionen Menschen stehen, ausgelöschte Leben und Biographien. Jedes dieser Leben ist einzigartig. Jede Lebensgeschichte ist einzigartig. Doch um verstehen zu können, brauchen wir einen Namen, ein Bild, eine Geschichte. Anne Frank hat sie uns gegeben. Wir sind Erben ihrer Erzählung. Sie ist ein Teil unserer Geschichte, der gemeinsamen Geschichte unserer Länder. Und wir sind dankbar dafür, dass wir diese Erinnerung an Anne Frank heute gemeinsam bewahren dürfen und bewahren können.«

Amsterdam im Sommer 1945

»ARRIVEE BONNE SANTE MARSEILLE PARTONS PARIS BAISERS – OTTO FRANK« – dieses Telegramm erreichte die Familie von Otto Frank am 27. Mai 1945 in Basel. Seine Angehörigen hatten im Schweizer Exil über Jahre keine direkte Nachricht von Otto, Edith und deren Töchtern Margot und Anne erhalten. Nun endlich gab es ein erstes Lebenszeichen, das von einer Ankunft bei guter Gesundheit sprach und davon, dass »wir« nach Paris abreisen würden, »Küsse – Otto Frank«. Als er es in der Hafenstadt am Mittelmeer aufgab, lag eine monatelange Odyssee hinter dem befreiten KZ-Häftling, die ihn mittlerweile über Kattowitz, Czernowitz, über Odessa, Marseille nach Amsterdam geführt hatte. Die Station Paris würde entfallen. Das telegraphierte »wir« verstanden Sender und Empfänger anders, der eine bezog es auf die Passagiere des Schiffs, die anderen dachten an Otto, Edith, Margot und Anne.

Otto Frank begann unmittelbar nach seiner Befreiung, ein Tagebuch – eher ein Notizbuch – zu führen, so dass wir über die Stationen seiner langen Reise im Bilde sind. Carol Ann Lee hat es 2002 für ihr Buch The Hidden Life of Otto Frank ausgewertet. Ihr Buch erschien drei Jahre später auf Deutsch unter dem Titel Otto Franks Geheimnis. Der Vater von Anne Frank und sein verborgenes Leben. Der englische Titel trifft eher die Intention der Autorin, das von der Öffentlichkeit zunächst kaum beachtete Leben von Annes und Margots Vater zu beleuchten, ein Leben, das er ganz der Verbreitung von Annes Tagebuch widmete. Wie es aufgefunden, geborgen, gelesen und bewertet wurde, sehen wir heute klarer als in den zurückliegenden Jahrzehnten.

Von Auschwitz nach Amsterdam

Die Rote Armee hatte Otto Frank am 27. Januar 1945 in Auschwitz befreit; am 5. März trafen die russischen Züge mit den Überlebenden im schlesischen Kattowitz ein. Am gleichen Tag bestätigte das polnische Rote Kreuz Otto Frank und zwei weiteren überlebenden Niederländern, dass sie in die Niederlande zurückkehren dürften. Zunächst brachte man die befreiten KZ-Häftlinge in einer Schule im Zentrum von Kattowitz unter. In der Stadt waren russische Soldaten; die deutsche Bevölkerung war zum größten Teil geflohen, und erste ausgesiedelte polnische Familien waren in deren Wohnungen und Häuser gezogen.

Am 15. März schrieb Otto seiner Mutter einen Brief nach Basel, den sie Monate später, lange nach dem hoffnungsvollen Telegramm erhalten sollte:

Nun sind wir hier und warten auf einen Weitertransport nach Holland. Von Edith und den Kindern weiß ich nichts. Sie sind vermutlich nach Deutschland deportiert. Werden wir uns gesund wiedersehen? Wie verlange ich nach allen und Euch allen! Es ist ein Wunder, dass ich noch lebe. Ich hatte viel Glück und muß dankbar sein. Wir besitzen nichts mehr. Hoffentlich treffen Euch diese Zeilen gesund an. Ich schreibe bald wieder. In Liebe, Dein Ottel

Drei Tage später schrieb er wieder aus Kattowitz, wie sehr ihn der Gedanke quäle, nicht zu wissen, wo seine Frau Edith und die Kinder sind, und setzte dagegen:

Ich habe jedoch Hoffnung, alle gesund zu sehen, und will nicht niedergedrückt sein … Wir werden ausreichend verpflegt, und ich werde immer mit Dankbarkeit an die Befreiung durch die Russen denken. Hätte ich [in Auschwitz, TS] nicht im Krankenhaus gelegen wegen Körperschwäche – ich wog 52 kg –, so wäre ich zweifellos nicht mehr am Leben. Ich hatte viel Glück u. gute Freunde … Was unsere Amsterdamer Freunde – Miep Gies, Kleiman, Kugler, Bep – für uns getan haben, um uns in unserem Versteck zu verpflegen, das kann man nie vergelten. Kleiman und Kugler wurden von der Gestapo mit uns verhaftet und kamen auch in ein Konzentrationslager. Der Gedanke daran verfolgt mich stets, ich hoffe nur, daß diese Leute inzwischen frei sind.

Vier Tage später, am 22. März, erfuhr Otto Frank, immer noch in der Ferdinand-Schule in Kattowitz, durch Rootje de Winter, der er zuerst im Lager Westerbork begegnet war, vom Schicksal seiner Familie in Auschwitz. Am 27. Oktober 1944 hatte es in der Baracke eine Selektion gegeben. Die jüngeren, kräftigen Frauen wurden zur Arbeit in einer Munitionsfabrik in der besetzten Tschechoslowakei abkommandiert; die Tochter von Rootje de Winter, Judith, gehörte zu ihnen. Die beiden Töchter von Otto Frank, Margot und Anne, hätten gute Chancen gehabt, auch dorthin zu kommen. Aber Anne kam zunächst in den »Krätzeblock«; Margot schloss sich ihr an.

Drei Tage später, am 30. Oktober, überlebten Rootje de Winter und Edith Frank eine »Massenselektion«, indem sie, schon zum Gang in die Gaskammern bestimmt, in eine andere Baracke fliehen konnten. Im Winter erkrankte Edith schwer und kam auf eine Krankenstation, ständig bedroht, vom SS-Arzt Dr. Mengele in den Tod geschickt zu werden. Rootje sah die Weggefährtin Anfang Januar in der Krankenbaracke: »Sie kommt von einer anderen Station. Sie ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Einige Tage später stirbt sie, völlig entkräftet.«

In sein Notizbuch notiert Otto Frank an jenem Märztag in Kattowitz:

Mrs. de Winter, Zutphen. Nachricht von Ediths Tod am 6. Januar 1945. Starb im Lagerkrankenhaus an Erschöpfung, ohne zu leiden. Kinder im Oktober ins Sudetenland, sehr tapfer, vor allem Anne, das besondere Fräulein Anne.

Und in einem Brief an die Mutter fügte er »so getroffen« hinzu: »In Wirklichkeit auch ein Mord der Deutschen.«

Anfang April 1945 kam Otto Frank in Czernowitz an, der Metropole der Donaumonarchie in der Bukowina, dem Buchenland, einer Vielvölkerstadt, durch die der Krieg und die deutsche Besatzung eine Schneise der Verwüstung gezogen hatten. Dort hätte Otto Frank in jenem Frühjahr Paul Antschel treffen können, der ungefähr zur gleichen Zeit oder einige Wochen zuvor die »Todesfuge« geschrieben hatte, ein Gedicht, das Jahre später berühmt wurde, eine der ersten poetischen Manifestationen über die Vernichtung des europäischen Judentums. Paul – der sich später Celan nannte – hatte seine Eltern und Freunde in den deutschen Arbeits- und Vernichtungslagern verloren.

Zwei Wochen später, am 21. April, ging es auf einem Transport mit dem Zug nach Odessa, der Hafenstadt am Schwarzen Meer, wo die ehemaligen Häftlinge mehr schlecht als recht untergebracht wurden. Nach mehreren Wochen brachte die Monowai, ein neuseeländisches Schiff, sie nach Marseille.

Eine Woche später, am 3. Juni 1945, erreichte Otto Frank schließlich den Ort, von dem die Besatzer ihn im Herbst 1944 zusammen mit seiner Familie verschleppt hatten: »Um zehn Uhr im Personenwagen nach Utrecht – Rotterdam – Amsterdam. Um acht Uhr ist alles in Ordnung. Mit Taxi zu Miep. Alle gesund, Kugler, Kleiman und Lotte Pfeffer. Was für ein freudiges Wiedersehen und welche Trauer! Mir fällt ein großer Stein vom Herzen, dass alle da sind.«

So enden Otto Franks Aufzeichnungen über seine Reise von Auschwitz nach Amsterdam.

Die verwüstete Stadt

Otto Frank kam in eine Stadt, die vom Krieg gezeichnet war. In den Monaten vor der Befreiung hatte es einen entsetzlichen Hungerwinter gegeben. Die inneren, auf den ersten Blick nicht wahrnehmbaren Zerstörungen reichten noch viel weiter. Tausende von Amsterdamern wussten nicht, was aus ihren verschleppten Angehörigen, Freunden geworden war, nahezu die gesamte jüdische Bevölkerung Amsterdams war deportiert und zum größten Teil ermordet worden. Die Besatzer hatten im Sommer 1941 eine Zählung erzwungen: Demnach lebten in den Niederlanden 140522 »Volljuden«, davon 14381 jüdische Immigranten aus Deutschland wie die vierköpfige Familie Frank aus Frankfurt, 7621 kamen aus anderen Ländern. Nahezu 80000 der 1941 gezählten »Volljuden« lebten in Amsterdam; von ihnen waren 69111 niederländische Juden, 6916 deutsche, einige wenige waren anderer Nationalität. Am 10. Oktober 1941 wurde Dr. Hans Böhmcker von seinem Förderer, dem Reichskommissar Seyß-Inquart, zum »allgemeinen politischen Vertreter für die Maßnahmen gegen die Judenschaft« in Amsterdam ernannt. Er befahl die noch schärfere Verfolgung und schließlich die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung. Die Niederlande waren das europäische Land mit der höchsten Zahl deportierter Juden.

Am Merwedeplein 37 im Amsterdamer Süden beging Anne am 12. Juni 1942 ihren 13. Geburtstag:

Am Freitag, dem 12. Juni, war ich schon um sechs Uhr wach, und das ist sehr begreiflich, da ich Geburtstag hatte. Aber um sechs Uhr durfte ich noch nicht aufstehen, also musste ich meine Neugier noch bis Viertel vor sieben bezwingen. Dann ging es nicht länger. Ich lief ins Esszimmer, wo ich von Moortje, unserer Katze, mit Purzelbäumen begrüßt wurde.

Kurz nach sieben ging ich zu Papa und Mama und dann ins Wohnzimmer, um meine Geschenke auszupacken. An erster Stelle warst du es, die ich zu sehen bekam und was wahrscheinlich eines von meinen schönsten Geschenken ist. Dann ein Strauß Rosen, eine Topfpflanze und zwei Pfingstrosen. Von Papa und Mama habe ich eine blaue Bluse bekommen, ein Gesellschaftsspiel, eine Flasche Traubensaft, der ein bisschen nach Wein schmeckt (Wein wird ja aus Trauben gemacht), ein Puzzle, Creme, Geld und einen Gutschein für zwei Bücher. Dann bekam ich noch ein Buch, »Camera Obscura«, aber das hat Margot schon, darum habe ich es getauscht, selbst gebackene Plätzchen (von mir gebacken, natürlich, denn im Plätzchenbacken bin ich zur Zeit stark), viele Süßigkeiten und eine Erdbeertorte von Mutter. Auch einen Brief von Omi, ganz pünktlich, aber das ist natürlich Zufall.

»An erster Stelle« liegt an jenem Freitagmorgen ein rot-weiß-braun kariertes Poesiealbum auf dem Gabentisch, das später weltberühmt werden wird. »Ich werde, hoffe ich, dir alles anvertrauen können, wie ich es noch bei niemandem gekonnt habe, und ich hoffe, du wirst mir eine große Stütze sein«, so lautet der erste Eintrag.

Derweil nimmt die Drangsal der jüdischen Bevölkerung Amsterdams zu. Adolf Eichmann, der auch hier die Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden befiehlt, erhöht Mitte Juni die Zahl der zu deportierenden Juden von 15000 auf 40000. Als am 5. Juli 1942 die ältere Schwester Margot den »Aufruf« zur Arbeit in Deutschland – zur Deportation – erhält, taucht Familie Frank am nächsten Tag im Hinterhaus in der Prinsengracht unter.

Zahlen

Man muss sich die Zahlen gegenwärtig halten, die uns Barbara Beuys in ihrem Buch Leben mit dem Feind. Amsterdam unter deutscher Besatzung 1940–1945 nach dem Standardwerk von Louis de Jong Het Koninkrijk der Nederlanden in de Tweede Wereldoorlog vor Augen führt: Von den etwas über 140000 Jüdinnen und Juden in den Niederlanden wurden von Juli 1942, als Familie Frank mit anderen untertauchte, bis Oktober 1943, in gut 14 Monaten, rund 107000 aufgegriffen und deportiert. 5000 überlebten. 102000 der niederländischen Juden wurden ermordet, über die Hälfte (exakt 54,9 Prozent) von ihnen starben im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau – wie die Mutter und Ehefrau Edith Frank –, 33,4 Prozent in Sobibor. Die übrigen starben – wie Margot und Anne – in den Lagern wie Bergen-Belsen oder kamen 1945 auf den Todesmärschen gen Westen um.

Fast 99 Prozent aller Deportationen von Amsterdam nach Westerbork wurden in nur 14 Monaten, zwischen Juli 1942 und Oktober 1943, durchgeführt. Als Familie Frank ein Dreivierteljahr später, im August 1944, verhaftet wurde, galt Amsterdam in deutscher Terminologie als »judenrein«. Die Familie kam über Westerbork mit dem letzten Transport nach Auschwitz.

Die im Juni 1944 in der Normandie gelandeten Alliierten erreichten die niederländische Hauptstadt erst spät. Am 4. Mai 1945 meldete Radio Herrijzend Nederland von Eindhoven aus: »Die Niederlande sind frei.« Am Abend darauf sprach Königin Wilhelmina, die zwei Tage zuvor aus dem britischen Exil nach Den Haag zurückgekehrt war, über den gleichen Radiosender zu ihrem Volk:

Männer und Frauen der Niederlande! Unsere Sprache kennt kein Wort für das, was in dieser Stunde der Befreiung der ganzen Niederlande in unseren Herzen vor sich geht. Endlich sind wir wieder Herren am eigenen Hof und Herd. Der Feind ist geschlagen, von Ost bis West, von Süd bis Nord; verschwunden sind Hinrichtungskommando, Gefängnis und Folterlager.

Tagebücher

Otto Frank hatte das Grauen als ein Mann mit Mitte 50 und als Einziger seiner Familie überlebt. Es war eher eine Ausnahme, dass jemand aus dieser Generation die Zeit im Konzentrationslager, die Zwangsarbeit, den Hunger und die Krankheiten überstand. Das Rote Kreuz stellte 1947 fest, dass jüdische Menschen unter 16 Jahren oder über 50 Jahren durch die Verfolgung »praktisch ausgerottet« waren. Dass der überlebende Otto Frank eine Art Reisetagebuch führte und später einen Kalender, war nicht ungewöhnlich für diese Zeit. Die Überlebenden wollten Zeugnis ablegen über das, was sie erlebt hatten. Noch während des Krieges – in den Lagern, Ghettos oder Verstecken – begannen Menschen, Geschehnisse, Zeit und Ort aufzuzeichnen, oft auch um die kaum zu glaubenden Umstände ihres Lebens und Sterbens der Nachwelt zu überliefern. So schrieb Victor Klemperer in Dresden sein Tagebuch, ein einzigartiges Zeugnis des Überlebens im Nationalsozialismus, und so entstand Oneg Shabbat, das geheime Archiv des Warschauer Ghettos, nach seinem Leiter auch Ringelblum-Archiv benannt. Etty Hillesum schrieb ihr Tagebuch Het verstoorde leven, Das gestörte Leben, ein Tagebuch über die Jahre 1941 bis 1943, das knapp 40 Jahre später zum ersten Mal veröffentlicht wurde. Die deutsche Ausgabe trägt den Titel Das denkende Herz der Baracke, nach einem Wort von ihr selbst, das schon darauf deutet, was diese Tagebücher, die zwischen Westerbork und Auschwitz entstanden, auszeichnet: die Verbindung von Spiritualität und Rationalität, alltäglichen Beobachtungen und Einsichten, Skepsis und Vitalität, eines kosmisch ausgreifenden, doch zugleich inneren Glaubens: »Der Doktor sagte gestern, ich führe ein zu intensives inneres Leben, ich lebe zu wenig auf der Erde und fast schon an der Grenze des Himmels, und meine Konstitution halte das nicht aus«, schreibt die 28-Jährige am 5. September 1942 und fährt fort: »Vielleicht hat er recht. Die letzten 1 ½ Jahre, mein Gott! Und die beiden letzten Monate, die für sich allein ein ganzes Leben aufwiegen. Und habe ich nicht Stunden erlebt, von denen ich sagen konnte: Diese eine Stunde ist ein ganzes Leben gewesen, und wenn ich sofort sterben müsste, wäre diese eine Stunde das ganze Leben wert gewesen? Und ich habe viele solcher Stunden erlebt. Warum darf ich nicht auch im Himmel leben? Da es den Himmel ja gibt, warum darf man dann nicht darin leben? Aber eigentlich ist es eher umgekehrt: Der Himmel lebt in mir.« Und Etty Hillesum zitiert ein Wort von Rilke: »Weltinnenraum«.

David Rousset, der mehrere Konzentrationslager überlebt hatte, schrieb im Sommer 1945 innerhalb von drei Wochen in Paris seine Erinnerungen an die gerade zurückliegende Lagerzeit nieder, die wenige Monate später unter dem Titel L’Univers concentrationnaire als Buch erschienen, erst 76 Jahre später auf Deutsch, es ist eine Anatomie des Lagerlebens und -sterbens, der Hierarchie, der Ordnung der Zerstörung.

Oft entstanden diese Aufzeichnungen unter äußersten Bedrohungen und erreichten die Nachwelt wie eine Flaschenpost; etliches müssen wir auch verloren geben. Man darf dabei aber nicht allein an die literarischen Zeugnisse denken, die später berühmt wurden. Es gibt Aufzeichnungen und Dokumente des alltäglichen Lebens jener Zeit, von Einzelnen verfasst, einzelne Schicksale über eine kollektiv verhängte Geschichte von Verfolgung und Vernichtung. In diesen Zusammenhang gehört der Aufruf des niederländischen Ministers Gerrit Bolkestein vom 28. März 1944, den Anne mit den anderen Untergetauchten in ihrem Amsterdamer Versteck im Radio hörte. Am Tag darauf schrieb sie an Kitty, die imaginäre Freundin:

Gestern Abend sprach Minister Bolkestein im Sender Oranje darüber, dass nach dem Krieg eine Sammlung von Tagebüchern und Briefen aus dieser Zeit herauskommen soll. Natürlich stürmten alle gleich auf mein Tagebuch los. Stell dir vor, wie interessant es wäre, wenn ich einen Roman vom Hinterhaus herausgeben würde. Nach dem Titel allein würden die Leute denken, dass es ein Detektivroman wäre.

Aber im Ernst, es muss ungefähr zehn Jahre nach dem Krieg schon seltsam erscheinen, wenn erzählt wird, wie wir Juden hier gelebt, gegessen und gesprochen haben. Auch wenn ich dir viel von uns erzähle, weißt du trotzdem nur ein kleines bisschen von unserem Leben. Wie viel Angst die Damen haben, wenn bombardiert wird, wie zum Beispiel am Sonntag, als 350 englische Maschinen eine halbe Million Kilo Bomben auf Ijmuiden abgeworfen haben, wie die Häuser dann zittern wie Grashalme im Wind, wie viele Epidemien hier herrschen …

Der »Minister van Onderwijs, Kunsten, Wetenschapen van de Nederlandse Regering in London«, also des Ressorts Unterricht, Kunst und Wissenschaft, hatte über Radio Oranje, den Radiosender der niederländischen Exilregierung, an die Niederländer appelliert:

Geschichte kann nicht nur aufgrund offizieller Unterlagen und Archivakten geschrieben werden. Soll das nachkommende Geschlecht voll und ganz begreifen, was wir als Volk in diesen Jahren mitgemacht und überstanden haben, dann brauchen wir gerade die einfachen Schriftstücke – ein Tagebuch, Briefe eines Arbeiters aus Deutschland, die Predigten eines Pfarrers oder Priesters. Erst wenn es uns gelingt, dieses einfache, alltägliche Material in überwältigender Menge zusammenzutragen, erst dann wird das Bild dieses Freiheitskampfes in voller Tiefe und vollem Glanz gemalt werden können.

Das Tagebuch wurde in diesem Appell ein Medium politischer Aufklärung und historischer Vergegenwärtigung, ein Auftrag der niederländischen Exilregierung ans Volk im besetzten Land: Sammelt Zeugnisse und Dokumente, nicht nur als nüchterne Dokumentation, sondern als Akt des Widerstands selbst! Der Aufruf des Ministers jedenfalls führte noch im Mai 1945 zur Gründung eines Büros und bald darauf des »Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie«, des Reichsinstituts für Kriegsdokumentation, des »RIOD«, heute abgekürzt als »NIOD« nach der Umbenennung in »Instituut voor Oorlogs-, Holocaust- en Genocidestudie«. Dem Institut wird später zusammen mit Otto Frank eine Schlüsselrolle bei der Verbreitung des Tagebuchs von Anne Frank zukommen. Es verwahrt über 2000 Tagebücher aus der Kriegszeit.

»Das besondere Fräulein Anne«

Die Stadt war erst wenige Wochen vor Otto Franks Ankunft durch die Alliierten befreit worden. Bis heute gedenkt die Nation an jedem 5. Mai der Befreiung. Amsterdam nahm im frühen Sommer 1945 zahllose Flüchtlinge, zurückkehrende Niederländerinnen und Niederländer, Staatenlose wie Otto Frank auf, ohne Wohnung, ohne Einkommen, ohne Arbeit, meist nur mit dem Notwendigsten versorgt. Die unmittelbare Vergangenheit barg nur Schrecken, ein Hungerwinter lag hinter der Stadtbevölkerung, die Überlebenden der Konzentrationslager waren oft auf sich gestellt, suchten über lange, immer lückenhafte Listen des Roten Kreuzes nach ihren Angehörigen. Deutsche Juden hatten einen besonders schweren Stand: Die meisten Niederländer setzten sie vor allem in der ersten Nachkriegszeit mit den Besatzern gleich.

Gleich nach seiner Ankunft in Amsterdam fuhr Otto Frank zu Miep und Jan Gies. Jan war Angestellter der Firma Opekta. Das Ehepaar hatte die Untergetauchten über zwei Jahre mit Lebensmitteln versorgt. Otto Frank bezog ein Zimmer bei ihnen und kehrte ins Kontor in der Prinsengracht zurück, zu seiner vertrauten Arbeit bei Opekta und wartete auf Nachricht über seine Töchter. »Bislang war ich davon überzeugt, daß ich sie wiedersehen würde, doch allmählich regen sich Zweifel in mir. Wer nicht selbst miterlebt hat, wie es in Deutschland zuging, kann sich keine Vorstellung davon machen«, schreibt er am 21. Juni 1945 an seine Schwester Leni und deren Mann Erich Elias in Basel und fährt fort:

Was die Kinder anbelangt, können wir nichts tun, das weiß ich. Wir müssen abwarten, das ist alles. Ich gehe täglich ins Büro, es ist das einzige, was mich ein wenig ablenkt. Wie ich ohne die Kinder weiterleben sollte, wo ich nun schon Edith verloren habe, kann ich mir nicht vorstellen. Ihr wißt nicht, wie die beiden sich entwickelt haben. Es wühlt mich zu sehr auf, über sie zu schreiben. Natürlich hoffe ich noch immer und warte und warte und warte.

Gut drei Wochen später, am 18. Juli 1945, entdeckt Otto Frank auf den Listen des Roten Kreuzes die Namen »Annelies Marie Frank« und »Margot Betti Frank« und dahinter Kreuze. Sie waren gestorben.

Otto Frank erfuhr den Namen der Frau, die die Kreuze hinter den Namen seiner beiden Töchter hatte anbringen lassen: Lien Brilleslijper. Die beiden Schwestern Lien und Janny waren Anfang Oktober 1944 von Auschwitz nach Bergen-Belsen verschleppt worden. In dem Konzentrationslager trafen sie die beiden Schwestern Margot und Anne wieder, die den gleichen Weg von Auschwitz, wo die Front nahte, in die Lüneburger Heide gehen mussten. Der Platz in den Baracken reichte nicht, und man hatte riesige Zelte errichtet. Am Waschplatz, erinnert Lien Brilleslijper (verheiratete Rebling) sich später, »tauchten zwei dürre, abgerissene Gestalten auf. Sie sahen aus wie kleine halberfrorene Vögel.« Das waren Margot und Anne. Beide bekamen im Winter 1945 Typhus; die Geschwister Brilleslijper fanden sie in der Krankenbaracke wieder. »Wir flehten sie an, nicht dort zu bleiben, da die Menschen dort so schnell verfielen und alle Widerstandskraft verloren … Anne sagte einfach: ›Hier können wir zusammen auf der Holzpritsche liegen, wir sind beieinander und haben unsere Ruhe.‹ Margot flüsterte nur noch. Sie hatte hohes Fieber.«

Im März 1945 starb zuerst Margot, dann Anne. Lin und Janny trugen beide Schwestern in Decken gehüllt zu den Massengräbern. Im April 1945 befreiten britische Truppen das Konzentrationslager Bergen-Belsen.

Otto Frank notierte in seinem Kalender: »18. Juli: Lien Rebling.«

Jahrzehnte später schrieb die Journalistin Roxane van Iperen das Buch Ein Versteck unter Feinden. Die wahre Geschichte von zwei jüdischen Schwestern im Widerstand. Lien und Janny waren während der Besatzungsjahre Teil des jüdischen Widerstands im ’t Hooge Nest, dem Hohen Nest, einem Haus, umzingelt von den Villen hochrangiger Nazis. Im Verborgenen wurden Widerstandsaktionen organisiert, bis das Versteck im Sommer 1944 gestürmt wurde. Beide Schwestern überlebten mehrere Konzentrationslager und wurden nach dem Krieg Teil der erzählten Geschichte von Anne Frank.

Aus den Händen von Miep Gies erhielt Otto Frank im Juli 1945 Annes Papiere: »Als wir im Juli 1945 hörten, dass Anne und Margot in Bergen-Belsen gestorben waren, gab ich alles, was ich von Annes Aufzeichnungen hatte, an Herrn Frank zurück.«