"Ihre Eltern dachten, dass sie ein Junge wäre." - Robin Bauer - E-Book

"Ihre Eltern dachten, dass sie ein Junge wäre." E-Book

Robin Bauer

3,0

Beschreibung

Männer, Frauen – und was noch? Transsexuelle, die von einem Geschlecht zum anderen wechseln, Transgenders, die zwischen den Geschlechtern leben, Intersexuelle, deren biologisches Geschlecht weder eindeutig Mann noch Frau entspricht: Robin Bauer stellt die Vielfalt von Transgender Identitäten und Lebensweisen vor und kritisiert die Vorstellung einer als natürlich aufgefassten Zweigeschlechtlichkeit. Es geht um das Wechselspiel von 'Betroffenen', Medizin und Psychiatrie, um die Formierung der Transgender-Bewegung und das schwierige Verhältnis selbst zu politisch aktiven Schwulen und Lesben.

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Queer Lectures Heft 7

ROBIN BAUER

«IHRE ELTERN DACHTEN, DASS SIE EIN JUNGE WÄRE.»

TRANSSEXUALITÄT UND TRANSGENDER IN EINER ZWEIGESCHLECHTLICHEN WELT

Mit einem Vorwort von Bodo Niendel

Herausgegeben von Tatjana Eggeling

Männerschwarm Verlag Hamburg 2009

VORWORT

Mit der Einführung des Transsexuellengesetzes (TSG) am 1.1.1981 wurden transsexuelle Menschen zum ersten Mal in Deutschland rechtlich anerkannt. Für Menschen, die ihre Geschlechtsidentität ihrem Körper angleichen wollten oder dies bereits getan hatten, war dies ein großer Fortschritt, waren sie nun doch nicht mehr nur Forschungsobjekt der Medizin oder Psychologie, sondern ein Rechtssubjekt.

Mit dem TSG wurde es möglich, einen anderen geschlechtlichen Vornamen anzunehmen und den Personenstand zu wechseln. Doch das Gesetz ist an erhebliche Hürden gebunden, wie ein kompliziertes Gutachtersystem mit Anwartszeiten, das für die Betroffenen mit erheblichen finanziellen Aufbürdungen verbunden ist.

Dem Wunsch nach rechtlicher Anerkennung steht der Wunsch der Angleichung des anatomischen Geschlechts an die gewünschte Geschlechtsidentität zuvor. Dieser Wunsch mag weit geschichtlich zurück reichen, doch er wurde erst mit dem Fortschritt der Medizin und den Möglichkeiten der Chirurgie von einem Wunsch zu einem Möglichkeitsrahmen. Ein Mitarbeiter Magnus Hirschfelds am Institut für Sexualwissenschaften, Felix Abraham, führte zu Beginn der 1930er Jahre die erste Geschlechtsangleichung von einem Mann zu einer Frau durch. Hiermit begann zugleich eine Diskussion, ob und wie Menschen sich diesem schweren körperlichen – in der Regel irreversiblen – Eingriff unterziehen dürfen.

Darüber hinaus entstand eine Irritation: Handelt es sich hier um Menschen die nicht homosexuell sein wollen, handelt es sich um Menschen, die außerhalb der Kategorie männlich und weiblich stehen, oder bestätigen diese Menschen mit ihrem eindeutigen Wunsch ein Geschlecht anzunehmen, dass es in der Gesellschaft eben nur zwei Geschlechter geben dürfe? Als der deutsche Bundestag 1980 über das TSG debattierte und das Gesetz schließlich verabschiedete, war dies nicht nur vom Wunsch getragen, diese Menschen rechtlich anzuerkennen, sondern die Zweigschlechtlichkeit sollte zugleich bestätigt werden. Denn ein Mensch, der sein Geschlecht angleicht, würde dann nicht in die Gefahr geraten, homosexuell zu werden. Hieran erkennt man, wie die gesellschaftliche Kategorie der zwei Geschlechter, die zugleich sexuell aufeinander bezogen seien (Hetrosexualität), normativ prägend bzw. wie konstituierend die «heterosexuelle Matrix» (Judith Butler) der Gesellschaft ist. Doch nicht wenige Transsexuelle gehen homosexuelle Beziehung ein.

Das TSG ist restriktiv, so mussten sich Menschen scheiden lassen, wenn sie eine Geschlechtsangleichung vollzogen und ihren neuen Personenstand rechtlich dokumentieren wollten. Dies hob das Bundesverfassungsgericht (BVG) am 27. Mai 2008 auf, nicht ohne auf das besondere Interesse des Staates am Fortbestand der Ehe (Art. 6 Abs. 1 des Grundgesetzes) zu verweisen. Pikanterweise ermöglichte es damit zum ersten Mal die Ehe zwischen zwei Menschen des gleichen Geschlechts – etwas, das homosexuellen Menschen in der Bundesrepublik verwehrt bleibt. Zuvor urteilte das BVG in fünf weiteren Punkten und stellte verfassungswidrige Elemente des TSG fest. Doch mit der Entscheidung des Bundesverfassungsgericht vom Mai 2008 entstand Handlungsdruck, das Gericht setzte dem Gesetzgeber eine Frist bis zum 1.8. 2008, während der dieser die Verfassungskonformität herzustellen habe.

Während dieser Beitrag von Robin Bauer erscheint, wird der Bundestag voraussichtlich ein verändertes TSG beschließen. Unter Ausschluss der Betroffenen erarbeiteten Mitarbeiter im Bundesfamilienministerium ein neues TSG, welches lediglich die bisher angemahnten Verfassungsmängel berücksichtigt. Doch die von Transsexuellen immer wieder geäußerte Kritik an der unwürdigen Begutachtung, der Pflicht zur Unfruchtbarkeit beim Personenstandswechsel und der erheblichen Probleme bei der Finanzierung durch die Krankenkassen bleibt hiervon unberührt. Insbesondere die Pflicht zur Unfruchtbarkeit scheint den Gesetzgeber nicht zum Handeln anzuregen, obwohl auch hier ein verfassungsrechtlich problematischer Einschnitt in die Würde des Menschen und eine geschichtliche Vorbelastung vorliegt.

Dennoch wird der deutsche Bundestag das neue TSG voraussichtlich noch im Juni 2009 beschließen – gegen den ausdrücklichen Wunsch der Betroffenen und voraussichtlich aller (!) Oppositionsparteien, die ein grundsätzlich liberales Gesetz bzw. eine Neureglung fordern. Wahrscheinlich befinden sich Transsexuelle heutzutage in einer ähnlichen Situation der Anerkennung und der rechtlichen Verworfenheit, in der die Homosexuellen in den 1970er Jahren steckten. Zwar sind auch Homosexuelle weiterhin rechtlich Bürger zweiter Klasse, doch sie haben erhebliche Fortschritte erreicht, die den Transsexuellen verwehrt werden. Robin Bauer schreibt in diesem Beitrag nicht über Opfer des medizinischen Establishments, er schreibt über Subjekte, die um Anerkennung und Rechte kämpfen. Auch die Homosexuellen haben lange gerungen, um vom Objekt des Rechts zu einem Subjekt ihres Handelns zu werden. Wir können heutzutage nicht genau erklären, warum ein Mensch heterosexuelle, homosexuelle oder transsexuelle Neigungen hat, aber die Würde des Menschen gebietet es, sie als Subjekte anzuerkennen und sie gesellschaftlich und rechtlich gleichzustellen. Robin Bauers vielschichtige Analyse bietet einen Beitrag zur Diskussion dieser komplexen Problematik aus sozialwissenschaftlicher Perspektive.

Bodo Niendel

«IHRE ELTERN DACHTEN, DASS SIE EIN JUNGE WÄRE.»

TRANSSEXUALITÄT UND TRANSGENDER IN EINER ZWEIGESCHLECHTLICHEN WELT

Obwohl queer den Anspruch vertritt, Trans*1-Identitäten und -Praxen mit einzubeziehen, bleiben Trans*-Perspektiven oft eine Randerscheinung und nur bestimmte Trans*-Lebensentwürfe finden Akzeptanz, andere werden als reaktionär verworfen. In diesem Beitrag zu den Queer Lectures werde ich daher zunächst in das Thema Zweigeschlechtlichkeit als gesellschaftliche Struktur und Norm einführen. Dann werde ich die Entstehung des klassischen Konzepts von Transsexualität aus der Perspektive der Transgender Studies vorstellen, um anschließend auf die Transgender-Bewegung einzugehen. Schließlich werde ich das schwierige Verhältnis von les-bi-schwuler und Trans*-Politik und -Community aus der Sicht eines schwulen Transmanns, der sich beiden Szenen verbunden fühlt, beleuchten und nach Möglichkeiten und Grenzen der Zusammenarbeit fragen.

DIE VORSTELLUNG DER ZWEIGESCHLECHTLICHKEIT IN UNSERER GESELLSCHAFT

Die Vorstellung, dass es zwei und nur zwei Geschlechter gibt, gilt in unserer heutigen Gesellschaft als selbstverständliche Tatsache. Es gab und gibt jedoch aus historischer und kultureller Perspektive betrachtet immer Orte und Zeiten, an denen mehr als zwei Geschlechter gesellschaftlich akzeptiert waren oder eine bestimmte Nische besetzten. (Herdt 1994; Feinberg 1996) Bevor bestimmte medizinische Interventionen technisch machbar wurden, gab es beispielsweise eine Anerkennung von Hermaphroditen, sei es als vollwertiges drittes Geschlecht mit besonderen spirituellen Aufgaben wie bei den Hijras in Indien (Nanda 1990), sei es durch juristische Regelungen wie im Preußischen Allgemeinen Landrecht von 1794, das Hermaphroditen erlaubte, bei Erreichen der Volljährigkeit zwischen Mann und Frau zu wählen (Plett 2002, S. 31f.). So wurde die Tatsache, dass es anatomisch gesehen mehr als zwei Geschlechter gibt, als Realität akzeptiert und die Betreffenden sozial integriert.2

Auch für Menschen, die körperlich eindeutig als männlich oder weiblich gelten, sich aber diesem Geschlecht nicht zugehörig fühlen, gab und gibt es in vielen Kulturen und historischen Epochen einen Platz, mal eher am Rande, mal in der Mitte der Gesellschaft. In ethnologischer Forschung sind mittlerweile zahlreiche Kulturen dokumentiert, die ein drittes Geschlecht (manchmal auch ein viertes oder fünftes) mit besonderen spirituellen Aufgaben, manchmal auch mit besonderen Tätigkeitsfeldern kennen. (Schröter 2002; Balzer 2006; Tietz 2006)

Die Existenz dritter oder vierter Geschlechter in bestimmten Kulturen darf dabei nicht dahingehend missverstanden oder romantisiert werden, dass dort Zweigeschlechtlichkeit weniger von Bedeutung sei oder weniger normierend wirke. Die Akzeptanz von Intersexualität oder die Möglichkeit des Geschlechterwechsels stellen in der Regel nicht das System der Zweigeschlechtlichkeit in Frage, sondern vielmehr bestätigt die Ausnahme die Regel. Umgekehrt wird eher ein Schuh draus: Gerade die Existenz geschlechtlicher Arbeitsteilung sowie an Geschlechter gekoppelter Verhaltensnormen überall führen dazu, dass einzelne Individuen sich unfähig fühlen, diesen Standards zu entsprechen und nach Alternativen suchen. Das soziale System kann darauf entweder mit Repression antworten, oder alternative Wege institutionalisieren und somit die Stabilität des Zweigeschlechtersystems letztlich wieder absichern. Häufig finden sich auch repressive und produktive Antworten auf die Frage, was mit Personen geschehen soll, die aus der Zweigeschlechtlichkeit herausfallen, nebeneinander, z.B. wenn Geschlechterwechsel zwar möglich ist, aber nur im eng abgesteckten Rahmen einer bestimmten sozialen, spirituellen oder sexuellen Rolle. In manchen Native American Stämmen ist es sogar pragmatischerweise üblich, Jungen als Mädchen großzuziehen, wenn nicht genügend Frauen vorhanden sind, um die in der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung als Frauenarbeit gesehenen Tätigkeiten zu verrichten. (Lang 1990)

Angesichts der Stärke der zweigeschlechtlichen Norm im Nordamerika und Westeuropa der Nachkriegsjahre galt die Existenz von zwei Geschlechtern als naturgegeben und wurde nicht hinterfragt. Die Medizin fungierte und fungiert bis heute als normierende Institution, indem sie Intersexuelle chirurgisch und hormonell einem Geschlecht anpasst (Reiter 1998; Kessler 1998; Fausto-Sterling 2000, S. 30-114) und von ihnen und Transsexuellen verlangt, sich für eine Seite zu entscheiden, dementsprechend als Mann oder Frau durchzugehen und somit gesellschaftlich nicht sichtbar zu sein. Die Existenz von Menschen, die nicht eindeutig oder selbstverständlich Mann oder Frau sind, wurde so aus dem öffentlichen Bewusstsein ins Reich der Mythologie und der Groschenromane (Stryker 2001, S. 73-96) verwiesen. Die Beschäftigung mit geschlechtlich Anderen blieb vor allem der medizinischen und psychiatrischen Fachwelt vorbehalten. In den 1960ern und 1970ern jedoch erschien eine Reihe von Autobiographien transsexueller Menschen, die nun selbst erstmals öffentlich ihre Geschichte erzählten3. (Jorgensen 1967; Morris 1974; Martino 1977) Auch der Sexualwissenschaftler John Money trat in Talkshows auf und vertrat seine These, dass die geschlechtliche Identität eines Menschen in den ersten Lebensjahren geprägt würde und somit in einer bestimmten Phase beliebig veränderbar sei. Er trennte somit körperliches Geschlecht, englisch Sex, radikal von der Geschlechtsidentität, Gender. Für Transsexuelle und bestimmte Feministinnen waren dies gewissermaßen gute Neuigkeiten: Es bedeutete, dass das soziale Geschlecht und die Geschlechtsidentität innerhalb eines gewissen Zeitfensters in der Entwicklung eines Menschen praktisch beliebig sozialisierbar, formbar, und veränderbar seien. Geschlechtsstereotype Verhaltensweisen könnten demnach also verändert werden, was die Theorien des Gleichheitsfeminismus bestätigte und seine politischen Ziele greifbar werden ließ. Für Transsexuelle stellten Moneys Thesen eine Erklärung und somit potenziell Akzeptanz für die Entstehung einer transsexuellen Entwicklung dar; sie wurden einfach in der entscheidenden Phase ihrer Kindheit von ihrer Umgebung zu Mitgliedern des anderen Geschlechts erzogen. Da nach Abschluss dieser Lebensphase kein Zurück mehr möglich war, hieß das also, dass die einzig sinnvolle «Therapie» in der Angleichung des Körpers an die Geschlechtsidentität bestand, was dem Wunsch der meisten Transsexuellen entsprach. Aus Moneys Sicht folgte daraus für die Behandlung von Intersexuellen jedoch, dass die beste Lösung darin bestand, kurz nach der Geburt dasjenige Geschlecht festzulegen, das medizinisch einfacher herstellbar ist und das jeweilige Kind konsequent im von den Ärzten zugewiesenen und medizinisch konstruierten Geschlecht aufzuziehen. (Money 1969) Ein Vorgehen, das zwangläufig ohne Einvernehmen der intersexuellen Kinder initiiert wird und das viele Intersexuelle als traumatische und verstümmelnde Zwangsmaßnahmen empfinden. (Reiter 1998, S. 6-8; Chase 1998, S. 193-195) Intersexuelle zahlen somit persönlich einen hohen Preis für die Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Norm der Zweigeschlechtlichkeit.4

Zu dieser Zeit befasst sich der US-Amerikaner Harold Garfinkel ebenfalls – das erste Mal aus soziologischer Sicht – mit diesem Themenbereich. In seiner berühmten Fallstudie zur Transsexuellen Agnes5 untersuchte er, wie sie es schaffte zu «passen» (aus dem Englischen «to pass»), also im Alltag als Frau durchzugehen. (Garfinkel 1967) Um dafür erfolgreiche Strategien zu entwickeln, musste Agnes die Wirkungsweisen von Geschlecht in ihrem Umfeld erforschen und erhielt einzigartige Einblicke darin, wie Geschlecht in der US-amerikanischen Gesellschaft der Zeit funktionierte. Garfinkel nutzte dieses trans*-spezifische Wissen, das Agnes ihm präsentierte, um unterhinterfragte gesellschaftliche Annahmen zu Geschlecht akribisch herauszuarbeiten und sichtbar zu machen. Er beschrieb unter anderen folgende unausgesprochene gesellschaftliche Annahmen zu Geschlecht:

– Es gibt zwei und nur zwei biologische Geschlechter.

– Jeder Mensch entspricht einem der beiden Geschlechter und die Zuordnung erfolgt bei der Geburt qua Anatomie.

– Aufgrund des biologischen Geschlechts entwickelt man die entsprechende Geschlechtsidentität, d.h. biologisches Geschlecht und Geschlechtsidentität entsprechen sich immer.

– Man behält sein Geschlecht ein Leben lang und es bleibt auch nach dem Tod unverändert. (Ein Historiker würde nach unserem Tod womöglich einige Aspekte unserer Persönlichkeit anders interpretieren als wir zu Lebzeiten, aber nicht unsere Zugehörigkeit zu unserem Geschlecht.)

Also wird gemeinhin angenommen, dass jeder Mensch nur ein unveränderliches Geschlecht hat. Seit den 1960er Jahren hat sich daran gesamtgesellschaftlich wenig verändert, nur wenige Ausnahmen werden anerkannt, so wie im deutschen Transsexuellengesetz (TSG). Dieses regelt, unter welchen Bedingungen ein Mensch seinen Vornamen und seinen Personenstand ändern darf. Die Bereitstellung juristischer Möglichkeiten für Transsexuelle ist jedoch nicht unbedingt als gesellschaftlicher Fortschritt zu deuten. Das Verständnis von Transsexualität, das dem Gesetzesentwurf zugrunde liegt, ist vielmehr als Versuch zu deuten, zweigeschlechtliche Normalität wied erherzustellen.6 Transsexuelle sollen in die heterosexuelle, zweigeschlechtliche Gesellschaft wiedereingegliedert werden. Die heteronormative Ordnung soll nicht durch gleichgeschlechtliche Ehen oder schwangere Männer gestört werden; so müssen ursprünglich verheiratete Transsexuelle sich scheiden lassen und unfruchtbar sein, wenn sie ihren Personenstand ändern wollen7. Ein Fall wie der des schwangeren Transmanns Thomas Beatie, der juristisch Mann ist und ein Kind austrägt, ist somit in Deutschland nicht möglich. Denkbar wäre allerdings eine Schwangerschaft eines Transmanns8 mit männlichem Vornamen und weiblichem Personenstand. Die Reaktionen auf den Fall Beatie in der Presse und Diskussionsforen im Internet in den USA und der BRD zeigen deutlich, dass die gesellschaftliche Akzeptanz von Transsexuellen und dem Überschreiten von Geschlechtergrenzen klare Grenzen hat. So wird in einem Artikel in der Tageszeitung zu Thomas Beatie Transsexualität als «Quatsch» abgetan und Beatie die Selbstbestimmung seiner geschlechtlichen Identität abgesprochen: «Thomas Beatie ist kein Mann, sondern eine schrecklich verstümmelte Frau.» (Akyol und Frank 2008)

Dem TSG gingen die Etablierung von Transsexualität als medizinischer Diagnose und der Konsens unter Sexualwissenschaftlern, dass die wirksamste Therapie die geschlechtsangleichende Maßnahme sei, sowie das Einfordern rechtlicher Anerkennung von Seiten Transsexueller selbst, voraus.9 Die Reglementierung von Transsexualität und die Behandlung von Intersexuellen deuten daraufhin, dass Zweigeschlechtlichkeit keine biologische Tatsache ist, sondern gesellschaftlich hergestellt wird. Die Aufrechterhaltung des Systems der Zweigeschlechtlichkeit ist ständig gefährdet, eben weil dieses nicht natur- oder gottgegeben ist, und sie bedarf daher juristischer, medizinischer und sozialer Regulierungen und Normierungen. Aber Trans* sind der lebende Beweis dafür, dass es zwischen Anatomie und Geschlechtsidentität keinen zwingend allgemeingültigen Zusammenhang gibt.

ZUR GESCHICHTE DES KONZEPTS TRANSSEXUALITÄT

Menschen, die nicht in das enge Schema von Mann und Frau passen, gab es schon immer (Feinberg 1996); das Konzept der Transsexualität, wie wir es heute kennen, ist hingegen historisch relativ neu. Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Endokrinologie, das neue Feld derjenigen Wissenschaft, die die Wirkungsweise von Hormonen erforschte. So führte der Wiener Endokrinologe Eugen Steinach Anfang des 20. Jahrhunderts Experimente mit Ratten und Meerschweinchen durch. Er kastrierte beispielsweise männliche Meerschweinchen, setzte ihnen Eierstöcke ein und beobachtete anschließend, dass sie weibliche körperliche Merkmale und Eigenschaften entwickelten. (Fausto-Sterling 2000, S. 158-169) Schon früh interessierten sich Sexualwissenschaftler wie Magnus Hirschfeld, der Steinach sogar persönlich in seinem Labor besuchte, für die Möglichkeiten, die diese neuen Erkenntnisse über die Wirkungsweise der sogenannten Sexualhormone10 für den medizinischen Einsatz bei Inter- und Transsexuellen11 eröffneten. Hirschfeld und sein Institut für Sexualwissenschaft in Berlin wurden zu Pionieren in dieser Angelegenheit. Er begann in den 1920ern den Wunsch nach Geschlechtsangleichungen einiger «Transvestiten»12, die ihm bei seiner Forschung begegneten, zu unterstützen. Ein Mitarbeiter des Instituts, der Arzt Felix Abraham, führte Anfang der 1930er die ersten Geschlechtsangleichungen an Mann-zu-Frau-Transsexuellen durch (Abraham 1931). Berichte solcher Geschlechtsangleichungen von Mann zu Frau und umgekehrt von Frau zu Mann, gelangten nach und nach auch als Sensationsberichte über Populärmedien, aber auch in Fachzeitschriften, in die USA, in denen solche Operationen Transsexuellen noch nicht offenstanden. US-amerikanische Transsexuelle verfolgten die Entwicklung dieser Forschung in den Fachzeitschriften aufmerksam und verlangten in Leserbriefen immer wieder nach dieser Behandlungsmethode. (Meyerowitz 1998: 166f.) Sie sind somit keinesfalls als reine Opfer oder Objekte der Medizin ohne politisches oder mit falschem Bewusstsein zu betrachten, wie manche feministische oder queere Analysen nahelegen (Raymond 1979; Genschel 199813). Vielmehr nahmen sie aktiv an der Erweiterung der Möglichkeiten, ihr Geschlecht zu leben, teil (Meyerowitz 1998, 2002, 2006). Der Begriff Transsexualität selbst geht auf den US-amerikanischen Psychiater David Cauldwell zurück. In einem 1949 veröffentlichten Artikel fasste er Transsexuelle erstmals als eigenständige Kategorie auf, unterschied Geschlechtsidentität von biologischem Geschlecht und sexueller Orientierung und behandelte den Wunsch nach körperlicher Veränderung als einen psychologisch motivierten, statt ihn als Ausdruck von Intersexualität oder biologisch bedingten Pathologien zu betrachten (Cauldwell 1949). Cauldwell selbst lehnte jedoch Geschlechtsangleichungen als Lösung des «Problems» ab, u.a. da er es nicht für ethisch vertretbar hielt, «gesunde» Körper medizinischen Interventionen auszusetzen. Es war ein deutscher Endokrinologe, ein Freund von Steinach und Hirschauer, der in die USA migrierte und geschlechtsangleichende medizinische Maßnahmen als Behandlungsmethode für Transsexuelle auch dort etablierte. Im Gegensatz zu Cauldwell sah Benjamin, in der Tradition Hirschauers stehend, Transsexualität als physiologisch bedingt an und sah so in der medizinischen Behandlung die einzig wirkungsvolle Therapie. (Benjamin 1966) Doch zunächst hatte er nur mit einzelnen Fällen zu tun. Es bedurfte des mutigen öffentlichen Auftretens von Christine Jorgensen in den US-amerikanischen Medien Anfang der 1960er Jahre, um das neue Konzept Transsexualität bekannt zu machen und damit mehr und mehr Menschen die Möglichkeit zu geben, sich selbst als transsexuell zu identifizieren. Die US-amerikanische Transfrau Jorgensen war nach Dänemark gereist, um dort geschlechtsangleichende Operationen vornehmen zu lassen und wurde in den USA anschließend zu einer Art Medienstar und regelrechter Legende, da bis heute häufig fälschlicherweise angenommen wird, sie sei die erste Transsexuelle gewesen. Jorgensens Popularität könnte auch dazu beigetragen haben, dass sich in den 1960ern überwiegend Transfrauen an Ärzte und Psychiater mit der Bitte um Geschlechtsangleichungen wandten, während in den Jahrzehnten vorher Geschichten über Transmänner ebenso häufig vorkamen.14 Die Medienpräsenz von Jorgensen veränderte die Situation für Transsexuelle, da sie geschlechtsangleichende Operationen in der breiten Öffentlichkeit bekannt machte und mehr und mehr Patient_innen15 zu Benjamin kamen. Trotz rechtlicher16 und anderer Hindernisse in den USA war es nur noch eine Frage der Zeit, bis diese Operationen auch in den USA Transsexuellen eröffnet wurden. In der folgenden Entwicklung wurden Mediziner und Psychiater wie Benjamin und seine Kollegen jedoch auch zu Torwächtern, was den Zugang zu solchen Maßnahmen betrifft. Transsexuelle hatten es zwar geschafft, sich mit ihren Forderungen nach medizinischer Behandlung durchzusetzen (Meyerowitz 2002), aber ihnen fehlt bis heute die Selbstbestimmung über ihre eigenen Körper. Im Gegensatz zu anderen körperverändernden Praxen wie Schönheitsoperationen, Tätowierungen und Piercings, die Volljährigen ohne ein Gutachterverfahren offenstehen, behalten sich medizinische Institutionen das Recht vor, Geschlecht zu regulieren. Und das in mehrfacher Hinsicht: Es wird nicht nur bestimmt, wer sich für medizinische Maßnahmen nach bestimmten Diagnosekriterien qualifiziert, sondern auch wie die Körper verändert werden dürfen. Das Ergebnis der medizinischen Maßnahmen soll einem weiblichen bzw. männlichen Normkörper möglichst nahekommen. Es ist nicht erwünscht oder möglich, intersexuelle Körper als Vorlage zu nehmen oder alternative Genitalien zu erfinden. Zwar müssen die Chirurgen bei Transmännern bisher die Grenzen des Machbaren im Genitalbereich einräumen, so dass hier noch mit unterschiedlichen Methoden experimentiert wird; das eigentliche Ziel bleibt dabei jedoch die Orientierung an einem Normkörper des biologischen Mannes, obwohl auch biologische Männer und Frauen durchaus sehr unterschiedliche Körper haben.17 Dass viele Transsexuelle sich selbst einen möglichst «normalen» Frauen- bzw. Männerkörper wünschen, ist dabei vollkommen legitim und steht nicht zur Debatte. Es geht hier vielmehr um das grundlegende Problem der Selbstbestimmung: Jede/r sollte die Wahl haben, was für ein Körper ihren/seinen Bedürfnissen am ehesten entspricht.

Benjamin selbst ist eine beispielhafte Verkörperung dieses somit von Anfang an ambivalenten Verhältnisses von Transsexuellen und Medizinern18. Einerseits war er ein sympathisierender und unterstützender Arzt und setzte sich auf vielfache Weise für seine Patient_innen ein. Er versuchte nicht nur, ihnen den Weg zu medizinischen Behandlungen zu eröffnen, sondern begann auch, die ihm bekannten Transfrauen einander vorzustellen, damit sie sich austauschen und gegenseitig unterstützen konnten. So entwickelten sich soziale Netzwerke von Transfrauen auf diese Weise, bevor die politische Selbstorganisation von Trans* in den 1960ern begann. Andererseits ist sein Umgang mit Transsexuellen als paternalistisch zu bezeichnen (Califia 1997, S. 52-85; Meyerowitz 2002) und die von ihm entwickelten Diagnosekriterien reproduzierten hegemoniale Vorstellungen von Geschlecht seiner Zeit und waren heteronormativ, z.B. mussten Transsexuelle im Wunschgeschlecht heterosexuell sein (Ekins 2005). Auch die Gender Identity Kliniken, die schließlich nach dem Vorbild der ersten von Money in Baltimore gegründeten in den 1960ern überall in den USA entstanden, waren beteiligt an der weiteren Ausarbeitung und Verfestigung des klassischen Konzepts der Transsexualität, das in vielen Fällen so oder mit kleinen Revisionen noch heute Anwendung im Gutachtersystem findet. Es versteht das transsexuelle Individuum als gefangen im falschen Körper und sieht es somit einem enormen Leidensdruck ausgesetzt. Die Entfremdung vom eigenen Körper muss dabei so stark sein, dass manche Gutachter es als Ausschlusskriterium betrachten, wenn der oder die Transsexuelle vor der körperlichen Transformation ein (befriedigendes) Sexualleben hat. Während dieses Verständnis von Transsexualität auf einige Transsexuelle zutreffen mag, ist es keinesfalls für alle gültig und schließt so einen Teil der Transsexuellen (im Sinne von Menschen, die einen Wunsch nach Veränderung des geschlechtlichen Körpers äußern) aus bzw. zwingt sie dazu, ihre Biographie gegenüber Gutachter/innen entsprechend «anzupassen».

In Deutschland wurden erst 1997 die «Standards» der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung, der Akademie für Sexualmedizin und der Gesellschaft für Sexualwissenschaft zur »Behandlung und Begutachtung von Transsexuellen» verabschiedet, um den Umgang mit Transsexuellen zu vereinheitlichen und damit auch zu normieren. Somit wurde in Deutschland das klassische Konzept von Transsexualität erst spät in dieser Form von den «Expert/innen» endgültig fixiert, absurderweise zu einem historischen Zeitpunkt, in dem bereits die Kritik der Transgender-Bewegung an diesen Konzepten und der Zweigeschlechtlichkeit an sich bekannt war. Die deutschen Standards of Care führen den Paternalismus Benjamins fort, wenn das Gutachterwesen folgendermaßen legitimiert wird:

«Wegen der weitreichenden und irreversiblen Folgen hormoneller und/oder chirurgischer Transformationsmaßnahmen besteht im Interesse der Patienten die Notwendigkeit einer sorgfältigen und sachgerechten Diagnostik und Differentialdiagnostik. Die Heftigkeit des Geschlechtsumwandlungswunsches und die Selbstdiagnose allein können nicht als zuverlässige Indikatoren für das Vorliegen einer Transsexualität gewertet werden. Eine zuverlässige Beurteilung ist nur im Rahmen eines längerfristigen diagnostisch-therapeutischen Prozesses möglich.» (Becker 1997, S. 2)

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Queer Lectures

Zeitschrift der Initiative Queer Nations e.V., Heft 7

Robin Bauer: «Ihre Eltern dachten, dass sie ein Junge wäre.»

Transsexualität und Transgender in einer zweigeschlechtlichen Welt

Mit einem Vorwort von Bodo Niendel

Herausgegeben von Tatjana Eggeling

© Männerschwarm Verlag, Hamburg 2009

Umschlaggestaltung: Hermann Schmidt, Neueform, Göttingen,

mit freundlicher Unterstützung der Stiftung Akademie Waldschlösschen

1. Auflage 2009

ISBN Buchausgabe 978-3-939542-76-6

ISBN Ebook-Ausgabe: 978-3-86300-146-9

Männerschwarm Verlag GmbH

Lange Reihe 102 – 20099 Hamburg

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«Ihre Eltern dachten, dass sie ein Junge wäre.»

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