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In den Geschichten "Sommergarten", "Weiße Nacht", "Kukolka", "Russian Reds" und "Die Liste" lernen die Leserinnen und Leser ein St. Petersburg en miniature kennen, das sich dem fremden Auge als facettenreiche und überraschende Welt erschließt.
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Seitenzahl: 31
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Kirsten Döbler
Im Licht der Weißen Nacht
St. Petersburg-Geschichten
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Sommergarten
Weiße Nacht
Kukolka
Russian Reds
Die Liste
Impressum neobooks
»Ruf an, sobald du im Hotel bist«, sagte Borja und stellte den Samowar, den er mir am Abend geschenkt hatte, neben mich auf den Rücksitz des Taxis. Er beugte sich zu mir herunter, küsste mich zum Abschied und musterte kurz den regungslos nach vorn starrenden Fahrer. »Ich hab mir Ihre Autonummer notiert«, rief er ihm zu. Der Fahrer antwortete nicht. »Also ruf an«, wiederholte Borja und warf die Autotür zu.
Der Fahrer stieß einen langen Fluch aus, bevor er seinen bulligen Oberkörper über den Beifahrersitz beugte, die Wagentür öffnete und brüllte:
»Fester, zum Teufel!«
Borja knallte meine Tür nochmals zu, fasste nach und klopfte als Bestätigung auf das Dach des Wolgas. Der Wagen setzte sich in Bewegung. Ich schaute zurück und sah Borja hinter den Schlieren der Heckscheibe in einer Landschaft aus Plattenbauten rasch kleiner werden. Im Taxi roch es nach kaltem Rauch und Werkstatt. Es war vier Uhr am Morgen. Neuschnee bedeckte die Asphaltdecke, und im Lichtkegel der Scheinwerfer stürzten unzählige Flocken auf die Windschutzscheibe zu, wo sie von einem klapprigen Scheibenwischer mühsam zur Seite geschoben wurden.
Der fremde Mann vor mir klammerte sich an sein Lenkrad, das er ruhelos von links nach rechts, von rechts nach links bewegte, als wolle er es durch stetes Ruckeln aus seiner Verankerung herauslösen. Trotzdem geriet der Wolga in einer Kurve ins Schlittern und rutschte seitlich über die Fahrbahn, bis er mit den Rädern gegen einen hohen Kantstein prallte. Abermals stieß der Fahrer einen handfesten Fluch aus.
Während er den Wagen vorsichtig wieder in Bewegung setzte, fiel mir die Carrera-Bahn meiner Kindheit ein, in der jeder aus der Spur gesprungene Wagen beim erneuten Aufsetzen und Anfahren einen unendlich lang erscheinenden Moment der Trägheit überwinden musste, der mir stets die Gewissheit gab, der Gegner werde mich nun zweifelsfrei besiegen.
Die Fahrt ging weiter durch den schwarzen Morgen. Schon lagen die Plattenbauten der Peripherie hinter uns. Wir bogen links ab, rutschten rechts um die Ecke, fuhren kilometerweit geradeaus durch die Finsternis, die ganze Stadtviertel verschluckt zu haben schien. Wohnhäuser waren nicht mehr zu erkennen. Lediglich hohe Mauern ließen sich vereinzelt ausmachen, eine Fabrik oder ein Lager, kümmerlich erhellt von gelbstichigen Lämpchen. Stimmte die Richtung? Fuhren wir ins Stadtzentrum?
Ich starrte durch die Windschutzscheibe und verfolgte hartnäckig den Sturzflug der angestrahlten Kristalle, bis mir schwindelig wurde. Obwohl weit und breit nichts und niemand zu sehen war, rollte der Wagen plötzlich langsamer, und ich klammerte mich an dem Karton meines Samowars fest. Der Fahrer sah mich im Rückspiegel an, und da ich nicht wusste, wohin ich blicken sollte, fixierte ich seinen hochgeschlagenen Kragen.
»Woher sind Sie?«, fragte er und bremste ab.
»Aus Hamburg.« Ich überlegte angestrengt, doch mir fiel partout nichts ein, das meinem Chauffeur hätte Furchtlosigkeit vorspiegeln können. Er brummte etwas, das ich nicht verstand, und mit einem Mal federte ich auf meinem Sitz auf und ab wie auf einem Trampolin. Ich prallte mit dem Kopf gegen das Wagendach, und als ich ausgeschaukelt hatte, beschleunigte der Fahrer erneut. Erleichtert begriff ich, dass wir nur einen Bahnübergang passiert hatten.
Bald fuhren wir unter einer Überführung hindurch, und jenseits der Brücke meinte ich wieder Häuser durch die tanzenden Flocken hindurch zu erahnen. Ja, dunkle Blocks, die jetzt näher an die Straße heranrückten. Straßenlaternen, die mir sagten, hier gab es Menschen, wozu denn sonst das Licht, Menschen, die jetzt schliefen, aber sicherlich nicht alle, niemals alle, in St. Petersburg doch nicht, immer war dort jemand wach, arbeitete Schicht oder feierte mit Freunden bis zum Morgen, und ich beruhigte mich etwas.
