Im Licht des Mondes - A. Cayden - E-Book

Im Licht des Mondes E-Book

A. Cayden

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Beschreibung

Als der Dämon Skip in seiner Katzengestalt bei Mick in die Wohnung einbricht, um dessen Leben zu stehlen, ahnt er nicht, dass er sich in den jungen Mann verlieben wird. Doch nicht jeder ist mit dem Verlauf einverstanden und so bedrohen bald nicht nur seine eigenen Artgenossen ihr Leben, sondern auch die sogenannten Anwärter des Lichts. Kann Skip sich behaupten und Mick für sich gewinnen? Und vor allen Dingen: Können sie ihrem Schicksal entkommen?

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Seitenzahl: 685

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Im Licht des Mondes

Skip und Mick

1. Auflage: Februar 2018

Copyright by A. Cayden, Alexandra Kraus

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags, sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung der Autorin A. Cayden

Cover-/Umschlaggestaltung: BUCHGEWAND |

www.buch-gewand.de

Verwendete Grafiken/Fotos:

© DigitalArtB - depositphotos.com

© rangizzz / shutterstock

© Hoika Mikhail / shutterstock

© smmartynenko - depositphotos.com

© FotoJagodka - depositphotos.com

© iraua / shutterstock

© Avesun / shutterstock

Die Handlung und die handelnden Personen dieser Geschichte sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit toten oder lebenden Personen oder Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ist nicht beabsichtigt und wäre rein zufällig.

Widmung

Prolog – Die Suche

Ich sitze hier und fühl mich leer,

wenn das so weitergeht, kann ich nicht mehr.

Für jeden soll es jemanden geben,

damit es sich lohnt, frei und fröhlich zu leben.

Allein ist der Mensch nicht vollkommen

Ohne seine zweite Hälfte ist er zerronnen.

Auch die Hartgesottenen auf der Welt

brauchen jemanden, der zu ihnen hält.

Der Regen prasselt auf mich nieder

und die Luft ist voll trauriger Lieder.

Wo ist der Mensch, der zu mir hält?

Wo ist der Mensch, damit mir das Leben gefällt?

Ich bin seit Jahren auf der Suche nach dir

und hoffe, du suchst ebenso nach mir.

Eines Tages werden wir uns hoffentlich begegnen,

denn ohne dich ist das hier kein Leben.

Wo und wer immer du auch bist,

Kapitel 1

Mick:

Geschafft! Erleichtert schließe ich den Werkzeugkasten und wische mir den Schweiß aus der Stirn. Die Reparatur hat länger gedauert als angenommen. Schnell suche ich meine Sachen zusammen und spurte in das kleine WC für Angestellte. Automatisch greife ich nach dem alten Lichtschalter und mit einem zischenden ZAWAFF wird der schmuddelige Toilettenraum von dem matten Licht der losen Glühbirne an der rissigen Decke beleuchtet. Mein Blick fällt zuerst in den mit Fettflecken beschmutzten Spiegel, obwohl ich das hatte vermeiden wollen, denn das, was ich darin sehe, gefällt mir nicht. Das war schon immer so. Ein müdes mit Motoröl verschmiertes Gesicht mit trüben und hellgrünen Augen starrt mir entgegen. Ich gehe etwas näher heran. Nur ein bisschen, mehr brauche ich nicht um zu erkennen, dass in beiden Augen Äderchen geplatzt sind. Kein Weiß ist mehr zu sehen, einfach nur ein milchig und unnatürlich erscheinendes Rot. Leise seufze ich auf und fahre mir durch mein hellbraunes Haar, welches durch die stundenlange Arbeit, dem Öl und der Wärme, völlig strähnig geworden ist. Schnell wende ich mich von dem deprimierenden Bild ab und drehe den Wasserhahn auf. Ich warte ungefähr eine Minute, bis die dickflüssige braune Brühe dem klaren, kalten Wasser weicht und hebe meine dreckigen Hände darunter. Ein schwarzer Strudel bildet sich im Waschbecken, ein dunkler Sog ins Nichts. Gähnend schrubbe ich meine Hände und danach mein ausgezerrtes Gesicht. Wenngleich ich so müde bin, würde ich liebend gern noch zehn weitere Autos reparieren. Mir graut vor dem Nachhauseweg und vor allen Dingen vor meiner leeren Wohnung, die mich erwartet. Schon allein der Gedanke daran lässt meine Glieder schwerer werde. Ich beiße mir intuitiv auf die Unterlippe und schüttle den Kopf, so als könne ich den Gedanken damit vertreiben. Es wird nichts bringen, darüber nachzudenken. Ich muss meinen Blick nach vorne richten. Auch dieser Tag neigt sich dem Ende und er wird bald vorbei sein. Entschlossen knipse ich das Licht aus und verlasse die Toilette. Am besten keine Zeit verlieren, denn nachts sind die Straßen gefährlich und nur Gesindel wagt sich für gewöhnlich nach draußen. Hastig schnappe ich mir meine Jeansjacke und meine klobige Umhängetasche und verlasse die Werkstatt. Ich brauche nicht nachzusehen, ob noch jemand arbeitet, denn ich bin so gut wie immer der Letzte und drinnen brennt keine Lampe mehr. Behände schließe ich die Tür ab und mache mich auf den Weg zur Straßenbahnhaltestelle, die in der Innenstadt auf der Hauptstraße liegt. Die breiten, porösen Straßen werden von dem grellen Licht der halb zerfallenen Laternen beleuchtet und bieten einen trostlosen Anblick. Ich muss ungefähr fünf Minuten zu Fuß zurücklegen, um zu dem belebteren Viertel zu gelangen. Diese wenigen Minuten sind jedes Mal besonders kostbar, denn in dem kurzen Augenblick kann ich meinen Gedanken freien Lauf lassen und entspannen. Auf der Strecke gibt es, außer der brüchigen Straße, alten Laternen und trockener Erde, nichts. Ich atme tief durch und genieße den Moment, in dem mich die kühle Nachtluft nach dem langen Arbeitstag willkommen heißt, wie eine Mutter ihr wiedergefundenes Kind. Die Sterne erleuchten das Himmelszelt und bilden das einzig schöne Bild in der heruntergekommenen Gegend. Ich reibe mir kurz die trockenen Augen und erfreue mich noch einmal an den glänzenden Punkten, dann wende ich meine Aufmerksamkeit meiner Umgebung zu. Ich komme nun in die Innenstadt. Der plattierte, graue Boden geht hier über in grobe Reste von einstmals buntem Kopfsteinpflaster. Wie schön muss die Fußgängerzone in früheren Zeiten erstrahlt haben. Viele Betonbauten mit farbenprächtig geschmückten Schaufenstern, die Straßen voller fröhlicher Leute, die ihren Einkäufen nachgegangen waren und dem Brummen und Klingen fahrender Straßenbahnen in leuchtendem Gelb. Doch ich hatte nie das Glück, die Stadt ihn ihrer damaligen Pracht zu sehen. Ich kenne sie nur als die übergroße, nicht enden wollende Baracke: Die einst hohen Gebäude sind abbruchreif, zum größten Teil eingestürzt mit eingeschlagenen Fensterscheiben und klaffenden Löchern in den verschmutzten Wänden und Mauerwerk. Die Straßen sind überflutet von Müll, haben ihre gesamte Schönheit eingebüßt und können der Nacht danken, dass die Dunkelheit sie versucht zu verschleiern, denn die schwachen Laternen lassen das nicht vollständig zu. Doch selbst wenn die Finsternis Erfolg hätte, die traurige Szenerie zu überschatten, den Gestank von Urin, Verwesung und verbrannten Unrat, der sich jedes Mal penetrant in meine Nase brennt, hätte sie nicht verbergen können. Aufmerksam lasse ich meine Augen die Ecken absuchen und trotz der an mir zerrenden Müdigkeit und der schlechten Lichtverhältnisse kann ich die vereinzelten Gruppen und Gauner sofort ausfindig machen. Heute scheinen es besonders viele zu sein. Dicht gedrängt stehen sie in den Seitengassen und taxieren die Straßen mit ihren gierigen Blicken, auf der Suche nach leichter Beute oder einem guten Kampf. Vorsorglich mache ich einen Bogen um die Meuten, bemüht, meine Schrittgeschwindigkeit nicht zu verändern und selbstbewusst zu wirken. Die Kunst nicht hervorzuragen liegt darin, sich den Menschen und der Umgebung anzupassen und jede noch so kleine Auffälligkeit zu vermeiden. Außerdem kenne ich die Gassen hier fast in- und auswendig, sodass ich genau weiß, wann ich wo hinsehen muss. Der Anfang war schwer gewesen, doch mit der Zeit hatte ich den Dreh rausbekommen. So konnte ich mich halten, obwohl ich nicht gerade der Stärkste oder Schnellste bin. Natürlich gehört die morgendliche Fitness dazu, aber es ist nicht schwer, in Städten wie dieser jemanden zu finden, der stärker und schneller ist als man selbst. Vorsichtig gehe ich den Betrunkenen aus dem Weg, die mir entgegentaumeln wie angeschossene Tiere. Ich möchte jede Konfrontation vermeiden, bloß keinen Anlass für Streit bieten. Auch wenn es sich hierbei um überwiegend alte Männer handelt, sind die meist unberechenbar und ruckzuck hat man ein Messer in den Rippen. Abgesehen davon verstehen meist die harmlos erscheinenden Gauner es, einen im Handumdrehen zu bestehlen. Ich seufze. Die Hoffnung, dass die Stadt jemals wieder so werden könnte wie sie vor den ganzen Kriegen und den darauffolgenden Krankheiten und Hungersnöten war, hat hier schon längst keiner mehr. In den Nachbarorten sieht es nicht anders aus. Viele davon sind ganz zerstört und mittlerweile unbewohnbar. Die verbliebene Menschheit hat sich zwar gut regeneriert, dennoch ist die gekippte Wirtschaft völlig am Ende. Eigentlich bin ich froh, dass es mir so gut geht. Denn ich bin gesund, habe eine ehrliche Arbeit, verdiene mein eigenes Geld, mit dem ich mir meine Wohnung und die nötigsten Dinge leisten kann. Doch warum kann ich dann nicht glücklich sein? Wahrscheinlich bin ich einfach nur zu blöd. Ich habe kein Recht dazu, deprimiert rumzulaufen und andere Leute mit meiner drückenden Laune herunterzuziehen. Deswegen bemühe ich mich, mir nichts anmerken zu lassen, und ich kann nicht sagen, wie oft ich vor dem Spiegeln geübt habe zu lächeln. Immerhin kann ich nun wann immer es nötig ist ein Schmunzeln aufsetzen.

„IIIIEEEF!“

Ich zucke zusammen, als das schrille Jaulen die Nacht durchdringt. Reflexartig drehe ich mich zu der nahen Stelle nach rechts um, von dem das markerschütternde Quieken gekommen war, und verharre in meiner Bewegung. Gänsehaut überzieht meinen Körper gepaart mit eisiger Kälte. Ein kahler, knochiger Typ in meinem Alter, der übersät mit Tattoos und umringt von ein paar Halbstarken mit Lederjacken ist, hält den leblosen Körper eines jungen Straßenhundes triumphierend in die Höhe. Sein Fell ist verfilzt und dreckverkrustet, die Farbe allerdings in der Entfernung nicht auszumachen, und an seinem Kopf klafft eine faustgroße, bluttropfende Wunde, die ihm wohl den Rest gegeben hat. Die Meute fängt an laut zu grölen. Jubelnd strecken sich Hände nach oben, während der kahle Typ den toten Körper des Hundes immer wieder ruckartig in die Höhe schwingt wie ein Cowboy sein Lasso. Eine junge Frau hat eine Blechtonne besorgt in den sie den kleinen Leichnam schmeißt. Unter Klatschen und freudigem Brüllen wird schließlich ein Feuer entfacht und der Gestank von verbrennendem Fleisch steigt in die Luft. Endlich schaffe ich es, den Blick von dem abscheulichen Bild abzuwenden und meinen Weg fortzusetzen. Mir ist mit einem Schlag kalt und ich schnalle meine große, ausgebeulte Umhängetasche noch fester an mich. Ich weiß, dass solche Szenen durchaus normal sind, denn die Leute hassen Tiere, nicht nur, weil sie kostbares Essen stehlen. Mit den großen Kriegen kamen Hungersnot und Krankheit über uns und es wird behauptet, dass die Erreger der tödlichen Krankheiten von Tieren übertragen und hauptsächlich ausgelöst wurden, dennoch kann ich solche Anblicke nur schwer ertragen. Ich fühle mich zwischen Mitleid und Angst hin- und hergerissen. Das sind die Momente, die mir immer wieder aufs Neue zeigen, wie schwach und hilflos ich bin. Ein Rattern lässt mich ein weiteres Mal aufhören und ich bin erleichtert, als die vergilbte und mit Graffiti beschmierte Straßenbahn direkt vor mir an der kleinen Haltestelle zum Stehen kommt. Ich bin der Einzige, der hier einsteigt. Fast alle Plätze sind noch unbesetzt. Noch während ich durch den schmalen Gang über leere Dosen und zusammengeknülltem Papier stolpere, fährt die Bahn plötzlich und wackelnd an. So laut knatternd, dass man fast Angst haben muss, dass sie gleich auseinanderbricht. Schnell setze ich mich nach hinten auf einen nicht ganz von Alkohol durchtränkten und von Kaugummi besudelten Sitz aus abgewetzten dunkelbraunen Polstern und schaue aus dem halb zersplitterten Fenster. Meine Augen bleiben ein weiteres Mal an der überschaubaren Gruppe von Leuten hängen, die nun halb tanzend um das Feuer springt, sich gegenseitig anrempelnd, auf der Suche nach dem nächsten Kick. Kühler Nachtwind weht durch die kaputten Scheiben der Bahn und wirbelt ein Potpourri an unangenehmen Gerüchen auf. Erschöpft drücke ich mich gegen die Sitzlehne, verschränke wärmend meine Arme um meinen Körper und schließe endlich meine brennenden Augen. Nichts – ich will einfach an nichts mehr denken.

***

Zwanzig Minuten später steige ich in meinem Wohnort aus. Frische Nachtluft umhüllt mich und lässt meine schlaffen Glieder prickelnd erwachen. Ich strecke mich kurz und gehe dann die mit Schlaglöchern übersäte Betontreppe nach unten. Im Gegensatz zur Stadt ist es in meinem Dorf zu dieser Uhrzeit sehr ruhig, was wahrscheinlich daran liegt, dass hier überwiegend alte Leute und vor allen Dingen deutlich weniger Menschen wohnen. Allerdings gibt es hier auch nichts, was mehr junge Leute anziehen würde. Nur ein einziger Supermarkt ist erhalten geblieben, kein einziges Kleidergeschäft oder gar ein richtiges Café – einfach nichts. Wer Kleider oder besondere Artikel und Medikamente braucht, muss in die nächste Stadt fahren, in der ich arbeite. Aber dafür gibt es hier etwas anderes, was mir hundert Mal mehr wert ist als vielfältige Einkaufsmöglichkeiten. Ich bleibe kurz an einer der wenigen funktionierenden Laternen stehen und blicke an dieser herab. Mickrige Grashalme in strohigen Grün ragen aus der Erde leicht empor als kleine Funken der Hoffnung. Es ist nicht viel, doch gibt es mehrere Stellen, an denen sich die Natur wieder regeneriert, als würde sie beschließen, der Menschheit Stück für Stück mehr Vertrauen zurückzuschenken. Und ich hoffe, dass sie nicht enttäuscht wird. Schlurfend trotte ich weiter, den Blick über die leere Hauptstraße gleitend. Ich passiere die ehemalige Tankstelle, die seit ich geboren bin wohl noch kein einziges Mal in Betrieb war, und sehe in den Himmel. Das Sternenzelt ist überall gleich schön, egal wie kaputt oder verdorben der Untergrund auch sein mag, den es mit seinem Licht beglückt. Ich passiere einige Blechhütten, die notdürftig am Straßenrand errichtet und die Öffnungen mit dreckigen Lacken verdeckt sind, und biege in meine Straße ein. Kahle Mauerwerke einst mehrstöckiger Häuser sehen mir entgegen, eine eigene kleine Geisterstadt. Was für Menschen haben hier früher gelebt? Wenn diese Mauern sprechen könnten, welche Geschichten wüssten sie zu erzählen? Wie gerne würde ich eine Maschine besitzen oder eine magische Kugel, die mir die Vergangenheit zeigen kann.

Abermals biege ich links ab und laufe über den erdigen und staubtrockenen Geröllboden der Seitenstraße, welche in einer Sackgasse endet. Als ich meine Mietwohnung sehe, erfasst mich ein flaues Gefühl in der Magengegend. Soll ich doch lieber noch eine Runde laufen? Auf der anderen Seite ist es schon sehr spät und ich muss morgen wieder früh raus, um zu arbeiten.

„Den Moment hinauszögern bringt doch nichts…“, murmle ich resigniert vor mich hin, bemühe mich zu lächeln, obwohl niemand neben mir steht und öffne die Wohnungstür mit meinem Haustürschlüssel. Um meine Nachbarn nicht zu wecken, lasse ich das Licht ausgeschaltet, da das Flurlicht immer unangenehm laut zischt und durch die Wände rauscht, als müsse es sich aus dem hintersten Winkel durch alle Zimmer kämpfen, um in den Gang zu gelangen. Vorsichtig taste ich im Dunkeln meinen Weg ins erste Obergeschoss zu meiner zerkratzten Haustür. Geduldig suche ich das Schlüsselloch und schließe auf. Ich husche so geräuschlos wie mir möglich durch den Eingang. Hier mache ich mein Flurlicht an. Meine Wohnung ist schön eingeteilt. Mir gefällt besonders, dass man beim Betreten im Flur steht und nicht gleich in einem der Zimmer. Links ist das kleine Bad, während geradeaus mein Schlafzimmer liegt. Die Küche liegt rechts daneben gefolgt vom Wohnzimmer mit dem kleinen Balkon. Etwas achtlos schmeiße ich meine Umhängetasche auf den Boden und tappe ins Badezimmer. Mir fällt auf, dass ich die zum Teil gesprungenen rosa Platten polieren müsste und ich nehme mir vor, dies bei nächster Gelegenheit zu tun. Vorerst möchte ich nur noch unter die Dusche, etwas essen und in mein kuscheliges Bett, das mich aus meinem Zimmer verlockend zu rufen scheint. Bei dem Gedanken huscht ein erschöpftes Lächeln über mein Gesicht.

***

Kapitel 2

Skip:

Auf vier schwarzen Samtpfoten bahne ich mir meinen Weg in das offene Schlafzimmer der muffigen und mit Dreck übersäten Wohnung. Meine gesamte Aufmerksamkeit richte ich auf mein Ziel: die schlafende Person auf dem knarzenden Bett. Ich brauche mich nicht umzusehen, um zu wissen, dass die Wände mit irgendwelchen laienhaften Schmierereien versaut und zudem mit Postern von nackten Frauen behangen sind. Eine typische Singlewohnung eines Mannes im mittleren Alter. Vor dem verdunkelten Schlafzimmer verharre ich einen Moment und lausche, doch der ahnungslose Tölpel schläft tief und fest. Geschwind husche ich in das Zimmer und springe ohne abzuwarten auf das Bett, denn so wie der schnarcht, wecken ihn keine zehn Pferde auf. Vorsicht kann ich mir somit sparen. Auch gut. Jedoch rümpfe ich angewidert meine Nase bei dem Anblick, der sich vor mir erstreckt. Mein Opfer liegt nackt und auf dem Rücken auf einem speckigen Lacken, seine rechte Hand auf seinem Schritt verweilend, während seine linke Hand ein zerfleddertes Pornomagazin umfasst. Würde ich meinen Rekord nicht um jeden Preis halten wollen und wäre ich nicht zu faul, um mir eine andere Beute zu suchen, würde ich auf der Stelle kehrtmachen und von diesem widerwärtigen Wesen ablassen, doch so bleibt mir keine andere Wahl. Abgesehen davon ist sein Lebensatem recht stark, da er weder krank, schwach oder alt zu sein scheint. Dies wird mir weitere Pluspunkte einbringen und ein erbärmlicher Mann weniger auf dieser verrotteten Erde ist auch keine schlechte Aussicht. Dennoch grenzt es an ein Wunder, dass die Menschen bis heute überleben konnten, getrieben von ihrer grenzenlosen Lust, Gier und ihrem selbstgerechten Egoismus. Angeekelt schleiche ich um die bunten, teils frischen und teils alten Flecken herum, so gut es mir nur möglich ist, bis ich auf der Höhe seines Kopfes angelangt bin. Vorsichtig steige ich auf seinen sich immer wieder hebenden und senkenden Oberkörper, der ab und zu, ununterbrochen von dem ratternden Gesang seines Schlafes, ruckelt. Wiederum warte ich einen kurzen Moment, nur um sicher zu gehen, dass er seinen ahnungslosen Schlummer fortsetzt. Mir jagt ein Schauer über den Rücken, doch da muss ich nun durch. Ungeachtet meiner Abneigung senke ich meinen Kopf zu seinem geöffneten Mund und versuche nicht durch die Nase einzuatmen, damit ich seinen Alkohol dunstigen Atem nicht riechen muss. Vorsichtig nähere ich mein Gesicht dem seinen, sodass sich unsere Lippen fast berühren. Jetzt ist es soweit. Nur nicht hetzen. Ich konzentriere mich, schließe die Augen und spüre seinen Herzschlag, sein Blut, das durch seine Adern fließt wie ein rauschender Fluss, und seine Lebensenergie, die ihn als Aura in einem klaren und kräftigen Rot umgibt. Fast wie ich es mir gedacht hatte. Solche Leben haben einen hohen Stellenwert bei meinem Herrn. Mit einem siegessicheren Grinsen beginne ich mein Werk und nehme mir Stück für Stück sein Leben. Sein Schnarchen verstummt mit einem Mal und sein Körper bäumt sich im stummen Protest vergebens auf. Es dauert nur ein paar Atemzüge in denen ich ihm ganz allmählich seine Lebensenergie aussauge. Ich spüre die warme fremde Hitze, die sich in meinem Innern ausbreitet, rasend schnell wie die Pest im Mittelalter. Er japst erfolglos nach Luft, sein Körper erzittert, dann sackt er in sein versifftes Lacken zusammen und liegt still.

***

Die Nachtluft empfängt mich willkommen kühl und legt sich wie ein sanfter Mantel um meinen warmen Körper. Genüsslich strecke ich mich und sehe mich um. Wohin als Nächstes? Ich habe schon zwei frische Leben in dieser Nacht gesammelt und so viel Zeit übrig, denn die Nacht ist noch lange nicht vorüber. Um meine Spuren zu verwischen, sollte ich das Dorf wechseln. Ich bin zwar das erste Mal hier, aber zwei Todesfälle in einer Nacht von jungen Männern weckt nur unnötig Aufsehen und das kann ich so ganz und gar nicht gebrauchen. In den vergangenen Monaten sitzen mir zwei der sogenannten Anwärter des Lichts besonders im Nacken, sodass ich bei jedem Schritt auf der Hut sein muss … lästig. Einfach nur lästig. Gott muss wohl besonders viel Langeweile haben, um seine Möchtegernengel auf die Erde zu schicken, um uns zu jagen und zu beseitigen. Doch wofür? Für das Ungeziefer, was wir Menschen nennen? Was haben die Menschen aus seiner Erde gemacht, die er ihnen geschenkt hat? Mein Blick streift durch die leeren, holprigen Straßen. Was einst mal schön gewesen war, ist durch die vielen Kriege, Rebellionen und Straßenkämpfe völlig zerstört worden. Die Häuser, falls man diese noch so nennen kann, sind nichts weiter als aufgereihte Trümmerhaufen. Blumen, blühende Bäume und Sträucher – ausradiert. Und dann noch überall dieser grenzwertige Gestank nach Ausdünstungen, Schweiß, Moder und Verwesung … Mir fehlt dafür einfach das Verständnis. Wieso kann Gott der Menschheit nicht entsagen? Jedes verfluchte Mal gibt er ihnen eine neue Chance, nur damit sie diese immer wieder in den Sand setzen. Womit hat das Ungeziefer, das sich wie eine Plage über der Erde ausgebreitet hat, diese fortwährende Güte verdient? Oder ist er einfach nur dumm? Denn wer solche Wesen erschafft und diese krampfhaft versucht am Leben zu erhalten und zu beschützen, obwohl die den Glauben an ihn längst verloren haben und mit Füßen treten, muss einfach nur bescheuert sein! So gesehen geschieht es dem alten Tattergreis da oben ganz recht. Für ein paar Sekunden huscht ein gehässiges und selbstgefälliges Grinsen über mein Gesicht. Doch nur kurz, denn mein inneres Alarmsystem wird sofort aktiviert, als ich ein immer lauter werdendes Motorengeräusch vernehme. Bevor ich realisieren kann, von welcher Richtung das unheilverkündende Geräusch kommt, schlittert ein Motorrad samt Anhänger um die Ecke. Der Beifahrer hat einen Baseballschläger in der Hand, mit dem er wahllos nach Briefkästen und Mülleimern ausholt, als gäbe es dafür Punkte. Ohne zu zögern, beginne ich zu rennen, denn ich kann mir denken, was jetzt passiert. Meine Hoffnung, unentdeckt geblieben zu sein, ist nicht groß und ich soll leider recht behalten. Hinter mir ertönt grölendes Gelächter und ich weiß, dass sie ein neues, lebendiges Ziel haben: mich.

So schnell mich meine vier Pfoten über den holprigen Lehmboden tragen, renne ich davon und versuche meine Verfolger abzuwimmeln, während diese sich bei ihrer Jagd köstlich amüsieren. Wenn ich doch nur meine menschliche Gestalt annehmen könnte, dann würde ich es diesem erbärmlichen Gesindel zeigen! Doch es ist mir nicht erlaubt, meine wahre Gestalt vor dem Pöbel anzunehmen und schon gar nicht, während ich den Dienst für meinen Herrn erledige. So bleibt mir nichts anderes übrig, als in meiner jetzigen Form als mickriger Kater das erniedrigende Spiel mitzuspielen und mich jagen zu lassen.

***

Gefrustet und genervt sehe ich mich aus meinem Versteck um. Doch von den beiden Motorradrowdys fehlt jegliche Spur. Es war ein ziemlich langer Spurt gewesen. Ich habe es in das nächste Dorf geschafft und meine Verfolger zum Glück abgehängt. Dennoch kann ich mich darüber nicht freuen. Ich fühle mich gedemütigt, ausgelaugt und meine Kehle brennt von der Hetzjagd wie das Höllenfeuer selbst. Diese niederen und hässlichen Kreaturen!

Müde springe ich zwischen dem Blechhaufen des ehemaligen Spielplatzes für Bälger hervor und bahne mir meinen Weg zu der abbruchreifen Häuserfront. Ein Haus sieht aus wie das andere. Monotone, halb zerfallene Betonklötze in vertrockneter und verdreckter Landschaft. Sorgfältig lasse ich meine Augen suchend die Reihen analysieren. Ich muss nicht lange suchen, bis ich fündig werde. Es ist die erste Wohnung, die mich einlädt durch das sperrangelweit geöffnete Fenster über den kleinen Balkon einzutreten. Es lebe der Sommer, der immer wieder einfältige Menschen dazu verleitet, achtlos die Fenster zur Lüftung offen stehenzulassen. Dies erleichtert mir die Arbeit und meine Suche ungemein. Sofort setze ich mich in Bewegung und unterdrücke den aufkeimenden Hustenreiz. Das kann ich jetzt gar nicht gebrauchen. Wenn nur meine Kehle nicht so trocken und kratzig wäre!

Mein Ziel liegt im ersten Stock und ist nicht leicht zu erreichen. Abwägend sehe ich mich nach Klettermöglichkeiten um. Die Hauswand ist sehr uneben und brüchig, nicht unbedingt dafür geeignet. Doch so leicht gebe ich nicht auf. Mit Bedacht schleiche ich um die Wohnung herum und tatsächlich werde ich am anderen Ende fündig. Das morsche Gemäuer ist zum Teil so beschädigt und eingestürzt, dass ich es als vortrefflichen Zustieg für den hintersten Balkon nutzen kann. Leichtfüßig springe ich meinen Weg nach oben. Ungehindert und ohne Probleme erreiche ich den ersten Balkon. Von hier aus ist es ein leichtes über die Verandareihe zu dem mit dem offenen Fenster zu springen. Es ist einer der wenigen, die eine alte, wenngleich auch halb verrottete Sitzgarnitur beherbergt. Dem äußeren Anschein nach wird diese regelmäßig benutzt. Noch einmal muss ich mich räuspern, denn das Kratzen in meinem Hals lässt mir einfach keine Ruhe, dann nehme ich die Einladung der fremden Wohnung an und springe auf den schmalen Fenstersims. Dort verharre ich einen Moment, um die Lage zu checken. Wie ich es mir schon gedacht habe, ist das Heim recht karg, jedoch nicht schäbig eingerichtet. Rechts vor mir befindet sich eine mit dunkelbraunem Stoff bezogene Couch an deren Ende zwei Wolldecken sorgfältig zusammengelegt sind. Davor steht eine große hölzerne Kiste, die wohl die Funktion eines Tisches haben soll, wenn man sich die fast abgebrannte Kerze, Feuerzeug und einige Unterlagen betrachtet, die darauf ordentlich aufgereiht sind. Auf der linken Seite des Raumes befindet sich eine alte, aber zur Couch passende Schrankgarnitur. Auf den ersten Blick kann ich nicht sagen, ob es sich um die Unterkunft einer Frau oder eines Mannes handelt. Vielleicht wohnt hier aber auch ein Paar, dann hätte ich gleich vier Leben an einem Abend gesammelt. Zielstrebig hüpfe ich auf den etwas verblassten, dennoch gepflegten PVC-Boden und lausche, doch alles ist still. Eilig husche ich an das andere Ende des rechteckigen Wohnzimmers, wo sich der Zugang zum Flur befindet. Zu spät entdecke ich den Besen, der flapsig an der Ecke angelehnt ist, und stolpere unsanft dagegen. Bevor ich agieren kann, fliegt der Besen, als wolle er sich über mich lustig machen, wie in Zeitlupe krachend zu Boden. Noch nie zuvor ist mir so ein gravierender Fehler unterlaufen. Wie konnte das passieren? Das darf doch nicht wahr sein!

Ich bin starr vor Schreck. Obwohl ich rennen müsste, bleibe ich fassungslos stehen und schaue mit verschleierten Augen auf den Feger, auch als ich im hintersten Zimmer jemand aufspringen höre. Erst als der hintere Vorhang schwungvoll auf die Seite gerissen wird und ein Paar nackte Füße mir entgegen hetzt, bin ich wieder Herr meiner Sinne. Sofort setze ich einen Sprung zurück, fahre meine Krallen aus und fauche ihn bedrohlich an. Ich weiß, dass das nicht viel bringen wird, aber sollte er mich angreifen, würde er es nicht ohne tiefe Kratzer überstehen. Ich werde hier heil rauskommen – koste es, was es wolle.

Bei meinem Gegenüber handelt es sich um einen jungen, nicht unbedingt unattraktiven Mann von circa 20 Jahren, dessen zuerst erschrockenes Gesicht nun pure Überraschung und Erleichterung widerspiegelt. So stehen wir uns eine gefühlte Ewigkeit gegenüber, jeder die Reaktion des anderen abwartend. Schließlich löst er sich zuerst aus seiner Starre. Verwundert streicht er sich durch seine leicht strubbligen, hellbraunen Haare und geht dann langsam in die Knie.

„Hey, wie kommst du denn hier rein?“

Freundlich blicken mir seine hellgrünen Augen entgegen und zögernd streckt er mir die Hand entgegen. Misstrauisch beäuge ich ihn. Zugegeben, ich habe mit einer anderen, der üblicheren Reaktion gerechnet. Oder ist seine Freundlichkeit nur gespielt und dient der Täuschung, um mich einzufangen und mir den Garaus zu machen? Unschlüssig verharre ich in meiner Position und warte auf seinen nächsten Zug. Ich fühle mich deutlich unwohl. Was für eine beschissene Nacht. Dabei hatte sie so vielversprechend begonnen.

„Du brauchst keine Angst vor mir zu haben, ich tu dir nichts“, redet er mir geduldig mit sanfter Stimme zu. Mir fällt auf, dass seine Stimme einen ziemlich angenehmen Klang hat, doch das hat nichts zu heißen. Diese wandelnden Sterblichen sind alle gleich und gehören ausnahmslos von der Erde vertilgt. Ich fauche ihn warnend an, doch dies scheint ihm nicht im Geringsten zu beeindrucken.

„Du bist bestimmt hungrig … etwas Milch habe ich bestimmt noch übrig.“

Mit diesen Worten richtet er sich vorsichtig auf, als könne er mich durch eine ruckartige Bewegung erschrecken. Ich lasse ihn nicht aus den Augen, als er sich mir mit gemächlichen Schritten nähert und kurz vor mir in den Raum zu meiner rechten einbiegt, welcher sich als kleine Küche entpuppt. Argwöhnisch setze ich mich zwischen Tür und Angel und sehe ihm zu, wie er ein kleines Schälchen aus dem klobigen, schwarz-weißen Hängeschrank nimmt, vor dem Kühlschrank in die Hocke geht und ein angebrochenes Päckchen Milch entnimmt. Ich gebe es nur ungern zu, doch bei dem Anblick, wie die weiße Flüssigkeit in das Gefäß läuft, wird mir wieder bewusst, wie trocken meine Kehle ist und wie gut es tun würde, jetzt etwas zu trinken. Für dieses Zugeständnis würde ich mir am liebsten selbst wohin beißen, doch es hilft alles nichts, ich kann meinen Blick einfach nicht von der gefüllten Schale lösen und als er es dann endlich vor mir auf den Boden stellt, gebe ich meinem quälenden Drang nach und stürze mich förmlich auf die Milch. Erfrischend kühl rinnt die weiße Substanz meine Kehle hinunter und ich kann einfach nicht aufhören, bis ich alles ausgetrunken habe. Lächelnd sieht er mir dabei zu und wartet geduldig, bis ich fertig bin. Vorsichtig nimmt er das leere Geschirr weg und legt es in die Spüle.

Was nun? In so einer Situation war ich noch nie und irgendwie ist es mir verdammt peinlich. Ich mag dieses Gefühl nicht. Machtlos. Untergeordnet. Ausgeliefert.

Er schaut mich nachdenklich an, allerdings liegt nichts Bedrohliches in seinen Augen. Im Gegenteil: Sie strahlen eine solche Ehrlichkeit und Sanftheit aus, wie ich es noch nie zuvor gesehen habe. Dann dreht er sich um, holt sich eine Flasche Wasser aus dem Schrank und schlendert ins Wohnzimmer, wo er sich auf der Couch niederlässt. Ohne nachzudenken, setzen sich meine Pfoten wie von allein in Bewegung und folgen dem seltsamen jungen Mann mit den faszinierenden Augen bis vor die braune Polstergarnitur. Ein Ausdruck der Freude passiert seine weichen Gesichtszüge, als er bemerkt, dass ich ihm blindlings hinterhergelaufen bin und auffordernd klopft er leicht neben sich auf die flauschige Couch. Sehe ich denn aus wie ein Schoßhündchen?! Dieser Lackaffe! Doch noch während ich ihn gedanklich verfluche, springe ich auf den mir zugewiesenen Platz und setze mich artig nieder wie ein kleines gehorsames Kind. Ich weiß nicht, warum mein Körper so widersprüchlich handelt, doch gebe ich nun völlig auf und wehre mich nicht, als er anfängt, mich zaghaft zu streicheln. Sachte gleitet seine warme Hand über mein schwarzes Fell und ich lasse es müde über mich ergehen, wobei eine Hälfte in mir seine Zuwendung sehr genießt, auch wenn ich mir schwertue, das einzugestehen. Diese Nacht ist irgendwie verflucht.

„Du hast ein schönes Fell, so glänzend und seidig. Was du wohl alles erlebt haben musst … du hast es da draußen bestimmt nicht leicht. Armes Ding …“

Wenn der wüsste, wer ich bin und vor allen Dingen, weshalb ich hier bin! Na ja, nicht mein Problem. Dennoch muss ich zugeben, dass mein Körper, obgleich der Streicheleinheiten oder dem Klang seiner beruhigenden Stimme, mich urplötzlich entspannen lässt. Meine Aufmerksamkeit schwindet dahin wie ein versiegender Fluss. Jedoch kämpfe ich nur kurz dagegen an. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Gefahr besteht. Schläfrig rolle ich mich neben ihm auf der Polstergarnitur ein und schließe meine brennenden Augen, während er mich weiterhin schmust und mit mir spricht. Ich bekomme nicht mehr viel mit, nur dass er Mick heißt und 19 Jahre alt ist, dann schlafe ich ein.

***

Träge öffne ich meine Augen und sehe mich um. Es dauert einen Moment bis ich mich entsinne, wo ich bin und was vorgefallen ist. Ein verächtlicher Ausdruck über mein erbärmliches Verhalten huscht über meine Miene. Wie konnte ich mich nur so gehen und als Schmusetier herabstufen lassen? Am liebsten würde ich mich selbst verprügeln. So leichtsinnig war ich noch nie gewesen … was geht nur in mir vor? Unverzeihlich.

Langsam rapple ich mich auf. Mein Zeitgefühl sagt mir, dass es Zeit für den Aufbruch ist, bevor die Sonne aufgeht und den schützenden Mantel der Nacht brutal verdrängt. Jetzt erst fällt mir auf, dass er sich noch neben mir befindet. Halb sitzend, halb liegend schläft er friedlich auf der Couch. Vorsichtig, um ihn nicht aufzuwecken, schleiche ich mich zu seinem Gesicht vor, welches seicht vom silbernen Licht des Mondes beschienen wird. Das ist meine Chance, die Tat, für die ich seine Wohnung betrat, zu beenden. Drei Leben mit starker Aura in einer Nacht – sehr verlockend. Behutsam trete ich näher auf ihn zu, sodass ich ganz dicht vor ihm stehe. Nochmals betrachte ich ihn, wie er so nichtsahnend seinen Träumen nachgeht. Unwissend, wie nah er dem Tode in diesem Augenblick ist. Armer, dummer Mensch – selbst schuld. Wenn er sein Fenster so einladend offenstehen lässt, fordert er den Tod heraus und hier bin ich. Jedoch … wieso zögere ich dann? Liegt es daran, dass ich eigentlich meine Chance vertan habe, indem ich tollpatschig den Besen umgeschmissen habe und er mich nicht davongejagt hat? Im Gegenteil, er war ungewöhnlich freundlich für einen Menschen und hat mir etwas zu Trinken gegeben. Allerdings hat er mich unwissend erniedrigt. Ach verdammt! Meine Augen blitzen wütend auf, als ich erkenne, dass ich dies hätte verhindern können und müssen. Ihn trifft somit keine Schuld. Ich beiße mir verbittert auf die Unterlippe, dann wende ich mich von ihm ab und verschwinde auf dem gleichen Weg wie ich gekommen bin. Wir sind quitt, Menschlein. Du hast mir geholfen und ich habe dein Leben verschont. Eilig renne ich über die holprigen Wege, um eine Schnittstelle zu meiner Dämonenwelt aufzusuchen. Wieder endet eine lausige Nacht meines Lebens.

Kapitel 3

Drew:

Auf meinem Gesicht breitet sich ein triumphierendes Lächeln aus. Diesmal kriegen wir ihn! Es gibt keinen Ausweg. Wir verfolgen ihn über die holprigen Straßen seit über zehn Minuten.

„Da vorne! Er biegt nach rechts ab!“, höre ich meine Zwillingsschwester dicht hinter mir rufen. Ich nicke. Lange kann er dieses Tempo nicht mehr durchhalten und dann haben wir ihn! Den pechschwarzen Dämon, einer der Topsammler von Menschenleben des Dämonenreichs. Lange haben wir darauf gewartet und nun soll es endlich soweit sein. Wie gemein und doch so typisch für diese Höllenbrut, sich als so sanfte Wesen zu tarnen! Rasant biegen wir nach rechts ab und ganz kurz verdrehe ich meine Augen, als ich den hindernisreichen Weg erblicke. Das hat es sich ja gut ausgesucht, dieses kleine Biest! Zahlreiche umgeworfene Mülltonnen und Müllsäcke säumen den ohnehin schon holprigen Weg der schmalen Seitenstraße. Doch meine Motivation wird wieder schlagartig angeheizt, als ich unser Zielobjekt geschickt über die Hürden sprinten sehe. Sofort verdopple ich meine Geschwindigkeit und spurte hinterher, dicht gefolgt von meiner Schwester. Es ist nicht leicht, sowohl den Kater in den Augen zu behalten, als auch den im Weg liegenden Gegenständen auszuweichen. Doch der Preis bei Gelingen ist hoch und den möchte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen. Meiner Zwillingsschwester geht es genauso, dazu muss ich mich nicht umdrehen und in ihr Gesicht blicken, um dies zu wissen. Es ist nicht so, dass wir völlig gleich sind, doch in dieser Sache sind wir uns mehr als nur einig.

Schwungvoll meistern wir die Hürden, ohne nur ein einziges Mal zu taumeln. Abermals biegt er in eine weitere menschenleere Seitenstraße ein. Strategisch klug von ihm, muss ich zugeben. Denn im Menschengetümmel wäre er leicht auszumachen und er hätte noch mehr Verfolger. Meine Kehle brennt und Schweiß tropft mir aus allen Poren. Doch ich lasse ihn nicht aus den Augen, den kleinen Dämon mit dem glänzenden, schwarzen Fell. Ein schmerzlicher Stich fährt mir durchs Herz. Wie ich diese Kreaturen verabscheue. Nicht genug, dass die Menschen die letzten Jahre von Kriegen, Krankheiten, Hunger und Tod gepeinigt worden sind, jetzt haben sich auch noch die Dämonen auf der Erde breitgemacht. Dies war allerdings nur möglich, weil die Menschheit den Glauben in das Gute verloren hatte und der Nährboden der Städte nur noch aus Hass und Gewalt bestand. Doch die Hoffnung und die Zuversicht werden wiederkehren. Ich glaube fest daran. Und meine Schwester und ich werden ein Teil des Werkzeugkastens sein, um dies herbeizuführen.

Mist! Er ist wirklich verdammt schnell und ausdauernd. Ich muss nicht zum ersten Mal gestehen, dass sich die harten und unerbittlichen Trainingsstunden in unserer Ausbildung mehr als gelohnt haben und auch jetzt noch ihren Dienst nicht versagen.

Wiederrum biegt der wetzende Fellknäul um eine Ecke, doch diesmal hat er sich vertan!

„Joy, jetzt haben wir ihn! Mach dich bereit!“, rufe ich meiner Schwester zu und zeige ohne anzuhalten auf das Straßenschild mit dem Symbol der Sackgasse. Meine andere Hand wandert im selben Moment in meine Jackentasche und umklammert das kleine Kreuz mit dem geweihten Blut. Gleich haben wir dich! Dann hat dein Morden ein Ende!

Viel zu lange erscheint mir der Augenblick bis ich endlich die Straßenecke erreiche, dabei kann es sich nur um ein paar Sekunden handeln. Dann ist es soweit. Gehetzt, jedoch vollen Mutes, rase ich um die Ecke und bleibe abrupt stehen, so jäh, dass meine Schwester hart in meinen Rücken prallt. Doch dies ist Nebensache. Enttäuschung und Wut fluten meinen Körper und lassen mich zittern.

„Scheiße! Das darf doch nicht wahr sein!“

Verzweifelt springe ich nach vorne, weiter in die Sackgasse herein, und sehe mich hektisch um. Hunderte von bernsteinfarbenen Augen blitzen mir entgegen. Ängstlich, wütend und hungrig drängen sie sich dicht aneinander und betrachten uns – die Eindringlinge, die ihr Versteck gefunden haben.

„Verdammt!“

So sehr ich mich auch konzentriere, ich nehme zwar seine dämonische Aura wahr, doch ich kann ihn unter den unzähligen Straßenkatzen nicht orten. So kann das doch nicht enden! Das ist einfach nicht fair! Er ist hier noch irgendwo, das spüre ich. Das Spiel ist nicht vorbei! Zumindest versuche ich mir dies einzureden, als ich wie besessen die Straße abrenne und versuche, ihn unter all den Vierbeinern auszumachen.

Nichts! Wieso bekomme ich das nicht hin? Er sitzt bestimmt unter ihnen und grinst sich einen ab, dieser elende Mistkerl! Er darf nicht davonkommen! Ein zweites Mal laufe ich die Sackgasse ab, meinen Blick durch die bunte Meute der Straßenkatzen schweifend. Woher kennt er sich nur dermaßen gut hier aus? Diese Stadt kann noch nicht lange zu seinen Jagdrevieren gehören und dennoch … Ist das alles ein Wink des Zufalls, der uns damit auslachen möchte und sich über uns lustig macht? Wir sind so nah dran gewesen.

„Drew … es ist vorbei!“, höre ich meine Schwester kleinlaut hinter mir, welche immer noch stark nach Luft schnappt. Im Inneren weiß ich, dass sie recht hat, doch eine große Seite in mir weigert sich, diese Tatsache zu akzeptieren. Abgespannt renne ich von einer Seite zur anderen, schaue hektisch von einer Ecke zur nächsten, doch das Resultat bleibt genauso ernüchternd wie zuvor. Er ist uns ein weiteres Mal entkommen.

Verbittert bleibe ich stehen, beiße mir auf die Zunge und balle meine Hände zu Fäusten. Jetzt kann ich nicht einmal mehr seine Aura wahrnehmen. Ist er etwa durch einen Schlupfwinkel verschwunden? Wieso ist er uns immer einen Schritt voraus?! Fast würde ich denken, er hätte einen Schutzengel, doch der Gedanke ist zu paradox.

Ich zucke kurz zusammen, als mir meine Schwester beruhigend eine Hand auf meinen Rücken legt und erst jetzt bemerke ich, dass ich vor Aufregung und Wut geradezu bebe.

„Drew, bitte beruhige dich. Wir schnappen ihn uns ein andermal! Er kann uns nicht ewig entkommen. Wir brauchen nur etwas mehr Geduld. Bitte.“

„Es ist nicht fair! Wie oft ist er uns nun schon entwischt? Wie lange sind wir jetzt hinter ihm her? Warum … warum können wir ihn nicht endlich stellen! Wieso kann er uns immer entkommen?“

Ich kann nicht verhindern, dass meine Stimme dünn klingt und kurz vor dem Versagen ist. Und mit einem Mal spüre ich, wie der ganze Druck, die gesamte Anspannung, die ich bei unserer Verfolgungsjagd angesammelt hat, von mir abfällt. So sehr ich mich bemühe, nun kann ich es nicht mehr aufhalten. Ungehindert fließen Tränen aus meinen Augen wie Sturzbäche und ich sinke auf die Knie, lasse meinen Gefühlen freien Lauf. Joy geht nun ebenfalls in die Knie und nimmt mich tröstend in ihre Arme. Ich könnte mich in diesem Moment für meinen Gefühlsausbruch selbst ohrfeigen, wollte ich sie doch immer beschützen und keine Schwäche zeigen, damit sie sich keine Sorgen machen muss, jedoch kann ich einfach nicht aufhören zu weinen. Zu groß ist die Enttäuschung über die erneute Niederlage, zu groß der Frust über mein erneutes Versagen.

„Schon gut, Schwesterherz. Unsere Bemühungen und unser Ehrgeiz werden sich am Ende auszahlen. Diesmal hat er wieder gewonnen, aber das nächste Mal sind wir an der Reihe!“

Sie zieht mich fester zu sich und flüstert mir unentwegt besänftigende Worte ins Ohr. Schluchzend klammere ich mich an sie, umringt von unzähligen, gelb funkelnden Katzenaugen in der trostlosen Nacht.

***

Mit einem herzlichen Lächeln im Gesicht tritt meine Schwester mit mir den Rückweg an. Es ist nicht das erste Mal, dass ich mich frage, wie sie das macht. Im Gegensatz zu mir lässt sie sich nicht so schnell durch eine Niederlage entmutigen. Oftmals habe ich schon gedacht, dass sie die Stärkere von uns beiden ist. Nicht ich, wie es die Priester und Ausbilder immer behaupten. Auch sie selbst ist dieser Ansicht. Doch alle irren sich.

Schweigend laufen wir nebeneinander her, zurück durch die schmalen Gassen, durch die wir vor ein paar Minuten noch in wilder Verfolgungsjagd gerannt sind. Ihr hüftlanger Pferdeschwanz wippt emsig im Takt ihrer federnden Schritte hin und her. Fast erscheint es mir, als würde sie schweben. Ein leichtes Schmunzeln huscht über mein Gesicht, als ich sie so beobachte. Sie erinnert mich an ein kleines Kind, dass gerade auf dem Weg zu einem Spielplatz ist. Ausgelassen, fröhlich und sorglos. Was würde ich dafür geben, ihr alle Ängste für immer fernzuhalten. Ich bin froh, dass sie ein leichtes Gemüt hat, trotz der ganzen Umstände und den alltäglichen Situationen, denen wir uns oft stellen müssen. Wieder wundert es mich, dass wir charakterlich so verschieden sind, obwohl wir eineiige Zwillingsschwestern sind. Beide haben wir glatte, hüftlange Haare, die wir Aubergine gefärbt haben, da wir diese Farbe lieben. Hier besteht der Unterschied allerdings darin, dass meine Schwester sich die Zeit nimmt und immer süße Zöpfe und Frisuren kreiert. Ich bin in diesem Gebiet nicht besonders geduldig und nicht wirklich angetan davon. Ihr steht es wirklich super, es passt zu ihr. Ich fühle mich damit nicht wohl, weswegen ich meine Haare meistens offen trage oder einfach zusammenbinde. Wir haben beide die Augenfarbe unserer Mutter in einem dunklen Saphirblau. Ich ertappe mich oft dabei, dass ich Joy mit einer kleinen Elfe vergleiche. Sie ist zierlich, quirlig und quietschvergnügt. Sie passt so gar nicht in diese raue, von Hass zerfressene Welt … Als hätte sich ihre reine Seele hierher verirrt. Ist es denn ein Wunder, dass ich immer das Gefühl habe, sie vor allem Übel beschützen zu müssen? Vielleicht wird sich dies ändern, wenn wir erst einmal unsere Prüfung bestanden haben und nicht mehr nur Anwärterinnen sind, aber bis dahin ist es ein weiter Weg. Und wenn alle unserer Patrouillen so erfolglos wie die heutige verlaufen …

„Was guckst du denn wieder so unglücklich drein? Ist es immer noch wegen ihm?“

Meine Schwester versetzt mir einen lockeren Schubs in die Seite und zieht eine Grimasse, die mich aufmuntern soll. Ich seufze. Egal wie sehr ich mich auch versuche zu verstellen, sie liest aus mir wie aus einem offenen Buch. Ich kann ihr einfach nichts vormachen. Alle Versuche sind zwecklos.

„Ja, es wurmt mich eben. Wir waren so knapp davor und ich war mir sicher, dass wir ihn diesmal schnappen würden. Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall, na ja … Ich bin enttäuscht, aber du hast recht. Das nächste Mal kommt bestimmt.“

Ihre Grimasse verwandelt sich in ein breites Grinsen und ihre blauen Augen, die gleichen wie meine, funkeln mir frech entgegen.

„Natürlich habe ich recht, ist ja schließlich immer so! Oder hast du etwas anderes erwartet?“

Scherzhaft verziehe ich das Gesicht und schmolle gespielt bis wir beide anfangen müssen zu lachen. Was würde ich nur ohne sie tun? Sie ist mein Sonnenschein, die Rose auf dem kalten Asphalt, der Grund, warum ich es immer wieder schaffe, aufzustehen und nicht aufzugeben.

„Die arme Frau! Drew warte mal, ich …“, setzt Joy plötzlich mitleidig an und läuft mit schnellen Schritten zur gegenüberliegenden Straßenecke, wo eine alte Frau, eingemummelt in fleckigen Stofffetzen, gegen die grauen Hausmauern lehnend sitzt und apathisch vor sich hinstarrt. Ihre Haut ist unnatürlich blass und faltig wie ein zu oft gefaltetes Blatt Papier. Vorsichtig kniet sich meine Zwillingsschwester der gekrümmten Fremden gegenüber und spricht sie besorgt an. Ich bleibe stehen und beobachte gedankenverloren die Szene. Wie aufmerksam doch Joy ist. Ich selbst habe die Frau nicht wahrgenommen und wäre an ihr vorbeigegangen. Doch selbst wenn ich sie gesehen hätte, muss ich gestehen, dass ich, ohne ein Wort an sie zu verlieren, meinen Weg fortgesetzt hätte. Zwar tun mir die Leute leid, die vom Schicksal derart hart bestraft werden, allerdings kann man nichts groß für sie tun. Ich selbst bin nicht besonders gut in Reden und Trost spenden, das liegt mir einfach nicht. Stattdessen versuche ich, der Menschheit zu helfen, indem ich die Erde von den Dämonen säubere, die sich hier wie Parasiten ausgebreitet haben. Mehr kann ich nicht tun, so gern ich es auch möchte.

Tatsächlich schafft es meine Schwester zu der alten Frau durchzudringen. Ich sehe, wie sich die beiden unterhalten und Joy ihr teilnehmend über den Oberarm streicht. Die Unterlippe der fremden Frau fängt an zu zittern und Tränen laufen über ihr faltiges Gesicht. Ich fokussiere meine Schwester, ihr einfühlsamer und barmherziger Blick, ihre feinen und jetzt angespannten Gesichtszüge, welche vom grauen Schleier der Besorgnis getrübt werden. Dies sind die Situationen, die an ihr nagen und sie mitnehmen. Sie hat es mir nie gesagt, doch ich weiß es. Es ist nicht zu übersehen. Schon immer. Ein schmerzhafter Stich durchfährt ein zweites Mal in dieser Nacht meinen Körper und langsam schlendere ich auf die beiden zu.

„Joy, was hat sie?“, flüstere ich fragend meiner Schwester mit belegter Stimme zu.

„Ich glaube, sie ist krank und braucht Hilfe“, antwortet meine Schwester und streicht der Frau über die weiße Wange. Ich betrachte mir die Fremde noch einen Moment, über deren schwarzen Augen sich ein leichtes Tuch des nahenden Todes gelegt zu haben scheint und nicke dann zustimmend.

„Lass sie uns ins Krankenhaus bringen. Sie sollte nicht hier draußen sein.“

„Was ist mit den anfallenden Kosten für die Aufnahme?“, hakt Joy zaghaft nach, doch ich kann ihr ansehen, dass sie meine Antwort bereits kennt. Dennoch bleibe ich ihr diese nicht schuldig.

„Die Gebühren übernehmen wir.“

„Wenn die Priester uns nach dem Grund der Ausgaben fragen?“

Meine Schwester blickt zögernd zu mir auf, doch ich winke flüchtig ab.

„Mir wird schon eine passende Ausrede oder Erklärung einfallen.“

Joy nickt und ich sehe die Erleichterung, die meine Worte ihr geschenkt haben, in ihren glänzenden Augen aufblitzen wie kleine, wertvolle Diamanten. Gemeinsam helfen wir der zerbrechlichen Frau auf und machen uns auf den Weg in das nächstgelegene Krankenhaus. Es wird nicht gern gesehen, wenn wir Anwärter das Geld rausschmeißen. Es ist auch nicht das erste Mal, dass meine Schwester und ich mit einem Verstoß dieser Art auffallen. Höchstwahrscheinlich wird es großen Ärger geben und ich werde versuchen, diesen auf mich zu nehmen. Aber was soll ich anderes tun? Ich kann meine Schwester nun mal nicht so traurig sehen, es zerreißt mir einfach das Herz und außerdem bin ich selbst der Meinung, dass kein Mensch so einsam und verlassen, mit leerem Magen, auf dieser dreckigen Straße, umhüllt vom Gestank des Verfalls, elendig sterben sollte. Das wäre einfach nicht fair.

Kapitel 4

Mick:

Ausgelaugt von der schlaflosen Nacht schließe ich meine Haustür ab. Es dauert eine Weile, bis ich das Türschloss mit meinem Schlüssel treffe und mich danach die Treppen vorsichtig nach unten taste. Die kühle Morgenluft schlägt mir wuchtig entgegen. Benebelt bleibe ich kurz stehen, bis sich meine Gedanken wieder klären und mein Körper das tut, was er tun soll. Es ist noch dämmrig, doch bis ich an meinem Arbeitsplatz ankomme, wird die Sonne schon aufgegangen sein. Ich atme tief durch, während ich die kahlen Straßen zur Haltestelle entlanglaufe und die frische Luft sich auf meiner Haut niederlässt und diese unter regem Prickeln zum Leben erweckt. Langsam beginnt die Müdigkeit aus meinen Körper zu weichen und gibt diesen frei. Meine Gedanken scheinen wirr und unkontrolliert umherzuschwirren, bis einer von ihnen, der mich die ganze Woche heimgesucht hat, es schließlich schafft, sich in den Vordergrund zu stellen und alle anderen beiseitezuschieben.

Wie es dem schwarzen Kater wohl geht? Ob er genug zu fressen hat? Hoffentlich hat er einen Unterschlupf gefunden, in dem er schlafen und sich ausruhen kann …

Ich seufze auf. Die Begegnung mit dem Vierbeiner ist nun schon sieben Tage her und er ist kein einziges Mal erneut vorbeigekommen. Ich weiß, dass es blöd von mir ist, doch ich stelle jeden Abend eine Schale mit frischer Milch hin, nur für den Fall, dass er kurz hereinplatzt und etwas trinken möchte. Die ersten paar Tage nach seinem Besuch war ich sogar extra länger aufgeblieben und habe auf ihn gewartet – vergebens. Ich bin doch einfach nur zu bescheuert. Wenn meine Arbeitskollegen dies wüssten, würden sie aus dem Lachen nicht mehr herauskommen. Ich weiß, wie armselig mein Verhalten ist, doch ich kann und will es nicht leugnen. Zwar habe ich mir in den letzten Jahren immer wieder selbst gesagt, dass es schlimmere Dinge gibt, als allein zu sein, doch es genügt nur ein kleiner Schubs und meine Mauer der Zufriedenheit gerät ins Wanken. Das ist schwach. Geradezu armselig.

Zum Glück habe ich nun die Haltestelle erreicht und muss mich auf die unebenen Stufen konzentrieren, sodass für weitere Haarspalterei keine Zeit bleibt. Aufmerksam steige ich hinauf und genieße gleichzeitig die Stille, denn ich weiß, sobald ich die Straßenbahn betreten werde, wird es damit vorbei sein. Zu dieser Zeit sind die öffentlichen Verkehrsmittel überfüllt mit Halbstarken, die auf ihrem Weg in die Schulen und Ausbildungsstellen sind.

Oben angelangt steht schon eine Gruppe von fünf Schülern am Bahnsteig und starrt mit gelangweilten Blicken durch die Gegend. Ich werde kurz taxiert, da wir uns allerdings jeden Werktag um diese Uhrzeit sehen, verlieren sie ihr Interesse an mir so schnell wie es gekommen war. Keine Konversation findet unter ihnen statt, nur die aggressiven Beats aus ihren kleinen MP3-Playern, welche sie sich lautstark in ihre Ohren zu dröhnen scheinen. Das Bild von langgesichtigen, blassen Aliens schiebt sich in meine Gedanken und ich kann den Vergleich nicht mehr aus meinen Kopf verbannen. Schnell wende ich meinen Blick ab und krame in meiner Umhängetasche selbst nach meinem veralteten MP3-Player, denn den werde ich gleich brauchen, wie mich ein leichtes Dröhnen in meinen Schläfen erahnen lässt. Vorsorglich verstaue ich diesen in meine Jackentasche und befestige die Ohrstöpsel an meinen Ohren. In diesem Moment ertönt das durchdringende Quietschen der bremsenden Straßenbahn. Ich behalte den kleinen Apparat griffbereit, warte kurz, ob jemand aussteigen möchte und betrete die Straßenbahn. Eine gewaltige Flut aus Geräuschen schwappt mir entgegen und reißt mich mit wie eine alles verschlingen wollende Flutwelle. Von allen Seiten prasseln Wortfetzen und Bruchteile von Melodien und Rappgesängen auf mich ein. Aus Gewohnheit halte ich dabei die Luft an, um das Unweigerliche hinauszuzögern und suche mir einen freien Stehplatz, der mehr am Anfang der Bahn liegt, um nicht ganz in dem Lärm unterzugehen. Es fühlt sich jedes Mal an, als würde man vergeblich gegen das Ertrinken ankämpfen. Stoßweise atme ich die angehaltene Luft aus und neue Luft ein, mit ihr den Gestank von verfaulten Eiern, ungewaschenen Körpern und Unmengen von verschiedenen Deos und Parfüms. Ich warte eine Weile, bis meine Nase sich an den penetranten Geruch gewöhnt hat und versuche kurz den Gesprächen der einzelnen Jugendlichen zu lauschen.

„Das nächste Mal, wenn er muckt, Alter, dann hau ich ihm die Fresse ein! Aber so richtig, verstehste? So wie ich den kleenen Pisser aus unsrer Nachbarschaft alle gemacht hab. Ich sag dir, der hat dann nix mehr zu lachen!“

„Männer stehen auf rote Schuhe, ehrlich! Denn rote Schuhe bedeuten, du bist bereit für Abenteuer. Das habe ich erst neulich gelesen und echt, es funktioniert! Jedes Mal wenn ich rote Schuhe anhabe, kann ich mich vor den Typen fast gar nicht mehr retten!“

„Und dann hat die mir ihre Titten gezeigt, voll krass, Dicker! Ich sag dir, dann ging’s richtig ab! Ich hab’s ihr so …“

Hastig drücke ich den Anschaltknopf meines MP3-Players und schalte mit einem Mal alle Geräusche um mich herum aus. Die Welt scheint einen kurzen Moment still zu stehen als die ersten Takte von „Join me in Death“ von „HIM“ erklingen. Ermattet schließe ich meine Augen, tauche in meine eigene Welt ab und vergesse alles um mich herum.

***

„Hey Mick! Wie sieht’s mit ner Pause aus?“

Als ich die vertraute, raue Stimme vernehme drehe ich meinen Kopf nach rechts und sehe direkt auf Jürgens Füße inklusive Waden. Ich überlege kurz, doch wenn ich heute pünktlich gehen möchte, um meine Einkäufe zu erledigen, dann muss ich die Pause durcharbeiten. Deswegen rolle ich mich nicht unter dem zu reparierenden Auto hervor, sondern bleibe, wo ich bin und antworte, ohne von meiner Arbeit abzulassen.

„Danke, doch ich passe heute. Aber morgen wieder.“

„Mmh … alles klar. Doch übernimm dich nicht. Pausen sind dafür da, um eingehalten zu werden, du kleiner Workaholic. Nicht, dass du uns irgendwann aus den Latschen kippst!“

Ich muss kurz über seine Aussage lächeln, auch wenn er das nicht sehen kann, und erwidere knapp: „Keine Sorge, Unkraut vergeht bekanntlich nicht. Aber das müsstest du ja wissen.“

„Hey, hey! Pass auf, dass dir das Auto nicht auf deinen Sturkopf fliegt! Die Jugend von heute, kein Respekt mehr vor dem Alter, tss!“

Er klopft zum Gruß gegen den Wagen und entfernt sich dann mit schlurfenden Schritten in den Hof. Ich atme noch einmal auf, dann konzentriere ich mich wieder ganz auf meine Arbeit. Manchmal fühle ich mich wie ein Arzt in einer Klinik, nur dass ich keine lebendigen Patienten habe, sondern Autos und Motorräder. Sicher, die Werkstatt ist nicht wirklich sehr steril, aber so manch ein Krankenhaus ist das heutzutage auch nicht mehr.

***

Nur noch fünf Minuten, dann habe ich es geschafft. Nicht, dass ich es besonders eilig habe, doch heute ist irgendwie nicht so mein Tag. Die Stunden haben sich wie Kaugummi gezogen und ich bin einfach nur noch müde und möchte meine Einkäufe schnell erledigen, damit ich mich daheim hinlegen kann. Ich stehe auf und beginne erleichtert, das Werkzeug zu säubern und einzuräumen. Aus den Augenwinkeln sehe ich Jürgen und Thomas miteinander tuscheln und ich weiß nicht warum, aber irgendwie macht sich ein ungutes Gefühl in mir breit. Gerade als ich dabei bin, den grauen Werkzeugkasten zuzuklappen, kommt Thomas mit einem fragenden Gesichtsausdruck auf mich zu. Unsicher spielt er an seinem Schlüsselbund und ich warte geduldig, bis er endlich ansetzt zu sprechen.

„Du, hör mal Mick, ich habe da ein kleines Problem. Ich sehe, du möchtest gerade gehen, aber …“

Er stockt nochmals und blickt mich fast bettelnd an. Das ungute Gefühl bestätigt sich sofort.

„Könntest du heute meine Schicht übernehmen? Ich weiß, du hast schon viele Überstunden und ich bin dir auch noch ein oder zwei Schichten schuldig, aber meine Freundin hat gerade angerufen und meinte, dass es unserem Sohn ziemlich schlecht geht. Er muss sich irgendetwas eingefangen haben. Ich würde gerne heim und ihn ins Krankenhaus fahren. Natürlich gibt es auch die Straßenbahn, aber mir wäre nicht wohl dabei, meine Freundin mit dem Kleinen allein rumfahren zu lassen, du verstehst?“

Seine braunen Augen bohren sich in meine und unsicher fährt er sich mit seinen Fingern durch seine blonde Mähne. Thomas soll vor ein paar Jahren ein ziemlicher Schürzenjäger gewesen sein und ich weiß, dass er bei den Frauen immer noch sehr gut ankommt und wohl nicht lange nach einer Bettgefährtin suchen müsste, wenn er wollte. Umso bemerkenswerter finde ich es, dass er zu seiner Freundin steht, die er vor zwei Jahren leichtsinnig geschwängert hat, und, so wie ich bisher mitbekommen habe, sich sehr fürsorglich um seine Familie kümmert. Ich nicke ihm flüchtig zu und lächle beschwichtigend, wenngleich meine Augen vor Müdigkeit brennen und meine schweren Glieder nach meinem Bett geradezu schreien. Doch wenn es um die Gesundheit von Kindern geht, ist nicht zu spaßen, und ich kann seine Beweggründe sehr gut nachvollziehen. Ich an seiner Stelle, hätte meine Freundin und meinen Sohn auch nicht allein durch die Straßen ziehen lassen wollen. Zumal es nicht mehr lange dauern kann, bis es zu dämmern beginnt.

„Hey, ist doch kein Thema. Wenn dein Sohn krank ist, geht das natürlich vor.“

Seine Augen erhellen sich schlagartig und er klopft mir kurz dankend auf die Schulter.

„Klasse, Mick. Danke, echt. Ich bin dir wirklich was schuldig, ehrlich Mann. Die nächsten Schichten übernehme ich bestimmt für dich … du rettest mir damit meinen Arsch!“

„Passt schon. Fahr mit deinem Sohn ins Krankenhaus. Ich drück euch die Daumen, dass es nichts Ernstes ist.“

Thomas nickt mir abermals zu und verschwindet dann mit schnellen Schritten mit Jürgen in der Umkleidekabine. Unmerklich seufze ich auf, nehme meinen Werkzeugkasten und gehe zur anderen Schichtgruppe. Jörn, ein hagerer Mann im mittleren Alter, sieht mich kopfschüttelnd an.

„Übernimmst du schon wieder ne Schicht?“

„Ja … für Thomas. Er muss heute früher raus“, entgegne ich mit einem aufgesetzten Lächeln und stelle meinen Werkzeugkoffer auf den Tisch. Ich merke, wie Jörn mich mit seinem Blick prüfend durchleuchtet, als hätte ich irgendetwas zu verbergen, dann meint er nur: „Du solltest mal auf deine Überstunden achten, Junge, und auch mal zur Abwechslung früher gehen und dich erholen. Siehst heute ziemlich scheiße aus.“

„Wenn sein Sohn krank ist, kann man nun mal nichts machen. Die Familie geht vor“, erwidere ich hoffentlich noch lächelnd und wende mich ihm zu. „Und was hast du denn Schönes für mich?“

Er mustert mich einen Augenblick mit hochgezogenen Augenbrauen, schüttelt nochmals seinen dunkelbraunen Schopf und bezeugt mir mit einer Geste ihm zu folgen.

„Das wird ne lange Schicht heute, Junge. Das kannst du mir glauben. Wir haben noch einige Geräte fertig auszubeulen und zu lackieren.“ Wortlos folge ich ihm zu den zerbeulten Blechen, sammle meine Konzentration und gebe mich erneut der Arbeit hin.

***