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Auf dem Jupiter und seinen Monden versuchen die Mutanten und ihre Verbündeten, der Verfolgung zu entkommen. Doch der Frieden im jovianischen System währt nicht lange. Eine Serie von Anschlägen erschüttert das Protektorat. Alte und neue Feinde drohen, die mühsam aufgebaute neue Heimat zu vernichten. Auch Kareenas Weg führt zum Jupiter. Um die Verantwortlichen für den Tod ihrer Eltern und ihres Geliebten zur Rechenschaft zu ziehen, muss sie ein weiteres Mal in die Geschicke der Mutantennation eingreifen. Auf dem Jupitermond Kallisto kommt es zur alles entscheidenden Schlacht. Wer sich behaupten kann und wer in den Abgrund gezogen wird, steht auf Messers Schneide.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
c23 – Die Welt im 23. JahrhundertBand 3
in abyssum
Ralph Edenhofer
Im Anhang findet sich unter ‚Zeitlinie‘ eine tabellarische Auflistung einiger ausgewählter Ereignisse, die zwischen unserer Gegenwart und dem Beginn der Story liegen.
Die Mutantenkrieg-Trilogie
- Band 1: ex vitro
- Band 2: per ignem
- Band 3: in abyssum
- Motherlode und andere Kurzgeschichten aus dem 23. Jahrhundert
Die Arctica-Trilogie
- Band 4: Gambit
- Band 5: Rochade
- Band 6: Matt
- Omega – Die Krieger des 23. Jahrhunderts
- /dev/mind – Im Cyberspace des 23. Jahrhunderts
Die Dreadnought-Trilogie
- Band 7: si vis bellum
- Band 8: ante portas
- Band 9: vae victoribus
Eine stets aktuelle Auflistung sämtlicher Werke aus der Feder von Ralph Edenhofer, auch über die c23-Reihe hinaus, ist unter https://www.century23.de/index.php/buecher zu finden. Und für alle, die ganz sichergehen wollen, keine Neuerscheinung zu verpassen, gibt’s hier die Anmeldung zum Newsletter: http://eepurl.com/hKnuUH.
in abyssum(lat.: „in den Abgrund“)
Was bisher geschah
Das innere jovianische System
Kapitel 1: Terror
Kapitel 2: Krieg
Kapitel 3: Vergeltung
Epilog
Anhang
https://www.century23.de/index.php/buecher#exvitro
Die Welt im 23. Jahrhundert. Rohstofffördernde Firmen haben im Sonnensystem zahlreiche Kolonien gegründet, in denen Millionen Menschen leben. Um den lebensfeindlichen Umgebungen im Weltall sowie auf der von Klimawandel und Umweltverschmutzung gezeichneten Erde zu trotzen, haben die Konzerne gentechnisch veränderte Arbeiter produziert, verächtlich ‚Mutanten‘ genannt. Als auf dem Mars Mutantenkinder gefunden wurden, die dem Anschein nach auf natürlichem Wege gezeugt und geboren worden sind, hat dies auf der Erde heftige Proteste in der Bevölkerung ausgelöst. Insbesondere in der Europäischen Föderation, in der sowohl Staat als auch Konzerne zahlreiche Mutanten in ihren Diensten hatten, sah die Regierung sich durch den Volkszorn gezwungen zu reagieren. Die Mutanten sammelten sich in Protektoraten und wehrten sich gewaltsam gegen die drohende Internierung. Den Bewohnern des Protektorats Rheinberg ist es gelungen, eine Kompanie Kampfmutanten der Omega-Klasse auf ihre Seite zu ziehen und eine Meuterei in den Streitkräften der Föderation zu initiieren. Mit deren Unterstützung sind sie in den Erdorbit geflohen und haben die Raumstation Aurora besetzt.
https://www.century23.de/index.php/buecher#perignem
Gerade, als das Protektorat Aurora sich im Erdorbit zu festigen schien, wurde es von einer Kriegsflotte Künstlicher Intelligenzen unbekannter Herkunft angegriffen und wieder in die Defensive gedrängt. Die Konzern-Sicherheitsoffizierin Kareena Toran fand heraus, dass die USI Corporation hinter dem Angriff steckte, weil ihr falsche Informationen zugespielt worden waren, nach denen das Protektorat die USI als Feind ansehen würde. Als Drahtzieher dieser Intrige identifizierte sie den Manager Eric Vandemool aus ihrem eigenen Konzern Cynarian. Vandemool nutzte die Schwäche des Protektorats, um es in ein Bündnis mit Cynarian zu drängen und sich damit einen Verbündeten für die Besiedlung des Jupiters und seiner Monde sowie die Ausbeutung der dortigen Ressourcen zu sichern. Die Mutanten, angeführt von ihrem Protektor Skip, besser bekannt unter seinem Kampfnamen ‚Avenger‘, verließen notgedrungen den Erdorbit und errichteten gemeinsam mit Cynarian im Jovianischen System eine neue Heimat. Kareena Toran wurde indes von dem USI-Agenten Dan Aden angegriffen, der fälschlicherweise sie dafür verantwortlich machte, dass die USI in den Konflikt hineingezogen worden war. Bei einem Gehirnscan erkannte er die Wahrheit und verschonte Kareenas Leben, hatte jedoch zuvor bereits ihren Geliebten getötet. Da auch Eric Vandemool Kareena als Mitwisserin seiner Machenschaften zum Schweigen bringen wollte, hängte er ihr den Mord an, so dass sie gezwungen wurde unterzutauchen. Unterschlupf fand sie bei ihrer Schwester Nia auf dem Saturnmond Titan, wo sie auf Rache sann.
Der Mann zitterte am ganzen Leib. Sein Anzug war zerknittert und von dunklen Flecken gesprenkelt. Getrocknetes Blut formte verzweigte Muster auf seinem Gesicht. Tränen standen ihm in den Augen.
„Bitte!“, flehte er verzweifelt. „Bitte nicht!“
Er hatte es aufgegeben, sich gegen den Griff des Cyborgs aufzubäumen, der ihm die Arme mit stählernen Klauen auf den Rücken drehte. War zu einem mitleiderweckenden Häufchen Elend zusammengesunken. Doch es gab kein Entrinnen. Der Richtspruch über ihn war gefällt.
Schuldig.
Als Beweis für seine Vergehen war das Emblem auf dem Kragenspiegel vollkommen ausreichend. Es bestand nur aus drei Buchstaben. Doch sie verkörperten alles, was seine Peiniger hassten und bis zum Letzten bekämpften. ‚USI‘ stand dort geschrieben. United Space Industries. Der mächtigste, habgierigste und skrupelloseste der Megakonzerne, die das Sonnensystem mitsamt seinen Bewohnern im Würgegriff hielten. Diesem menschenverachtenden Firmenkonstrukt anzugehören, kam in der Gesellschaft, in der der Mann sich befand, einem Todesurteil gleich. Nichts konnte ihn noch retten. Sein Leben war bereits verwirkt gewesen, als er hier angekommen war. Doch bevor er starb, würde er sein Wissen über die Machenschaften des Konzerns noch teilen. Ob er wollte oder nicht.
Sein Kopf zuckte, als das Datenkabel in die Buchse einrastete, die hinter seinem Ohr implantiert war.
„Nicht!“, schluchzte er mit letzter Kraft.
Wie von einem elektrischen Schlag getroffen, bäumte er sich auf, den Mund weit aufgerissen, ohne dass ein Laut seine Kehle verließ. Jeder Muskel seines Körpers war zum Zerreißen gespannt. Der Cyborg hatte keine Mühe, das unkontrollierte Zappeln im Zaum zu halten. Doch er war ohnehin nicht der wahre Gegner des USI-Agenten. Der eigentliche Kampf fand jenseits der physischen Welt statt, im Gehirn des Konzernmannes.
Die Firewalls seines Korteximplantats waren kein nennenswertes Hindernis. Die Softwareagenten, die über das Datenkabel eindrangen, zerpflückten die Abwehrprogramme innerhalb von Sekunden und ebneten den Weg in den Geist des wehrlosen Opfers.
Sein oberflächliches Denken war bestimmt von nackter Panik. Er fürchtete um sein Leben – vollkommen zu recht. Bilder rasten durch sein Hirn. Orte, Gesichter von Verwandten und Freunden, aber auch Feinde und Ängste. Besonders Ängste. Für einen Psychonauten war jeder dieser Gedanken ein gangbarer Pfad, der tiefer in die Erinnerungen des Subjektes führte. Die einzige Chance, sich gegen einen solchen Tiefenscan zu wehren, war, alle persönlichen Erlebnisse aus seinem Bewusstsein zu tilgen, zum Beispiel, indem man sich auf Belanglosigkeiten konzentrierte. Doch die geistige Disziplin dafür brachten nur wenige Menschen auf, insbesondere im Angesicht des eigenen Todes. Der USI-Agent gehörte diesem auserlesenen Kreis nicht an.
Er dachte an den Weg, der ihn hierhergeführt hatte. Ein guter Ansatzpunkt, den zu verfolgen sich meist lohnte. Seit seiner Gefangennahme vor zwei Tagen hatte sein Dasein nur aus Dunkelheit, Angst und Schmerz bestanden. Keine besonders ergiebige Informationsquelle. Doch eine sichere Route tiefer in die Vergangenheit. Plötzlich blitzten hektische Bilder auf. Schreie hallten durch Korridore. Schüsse fielen. Das musste der Überfall sein, bei dem der Agent gefangen genommen worden war. Der Nachschubtransporter war für die Piraten ein gefundenes Fressen. Ein ganzer Frachter voller Versorgungsgüter für die Gasminen und Raffinerien der USI auf dem Saturn. Alles hochwertige Produkte aus dem inneren Sonnensystem, vom Mars oder sogar der Erde, hier draußen ein Vermögen wert. Dazu bestimmt, die hart verdienten Prämien der braven Konzernarbeiter mit vollkommen überhöhten Preisen wieder zurück in den Säckel ihrer Firma zu überführen. Doch das hatten die Piraten vereitelt. Stattdessen landete die gesamte Fracht auf den Schwarzmärkten des Titan und der anderen Saturnmonde.
Seit die USI die Kontrolle über das Umfeld des Ringplaneten verloren hatte, versuchte sie verzweifelt, ihre Angehörigen von dort fernzuhalten. Doch die Waren würden ihren Weg zu den Arbeitern finden. Vermutlich sogar günstiger, als wenn sie sie direkt über die USI bezogen hätten, selbst wenn man die Margen der Hehler und Schmuggler berücksichtigte. Ein gutes Geschäft für alle Beteiligten – mit Ausnahme der USI natürlich. Auch die Besatzungen der ausgeraubten Frachter kamen meist glimpflich davon. Die einfachen Matrosen hatten üblicherweise nicht viel zu befürchten und wurden von den Piraten schnell wieder freigelassen. Aber wenn sich an Bord ein hochrangiger Manager oder, wie in diesem Fall, ein Konzernagent befand, winkte den Freibeutern ein nettes Extraeinkommen, entweder über Lösegeld oder, indem sie ihre Geisel an jene verkauften, die sich dem offenen Widerstand gegen die Konzernherrschaft verschrieben hatten. Der Agent wusste das. Im Gegensatz zur restlichen Mannschaft hatte er sich daher gegen die Angreifer gewehrt. Seine Erinnerungen an den Kampf waren noch frisch. Er hatte sich im Laderaum versteckt. Doch er war nicht lange unentdeckt geblieben. Er sprang aus der Deckung und eröffnete das Feuer mit einer kompakten Elektropistole. Seine Überraschung war groß, als die Projektile vom metallenen Leib des Cyborgs, der sich ihm entgegenstellte, einfach abprallten. Derselbe Cyborg, der ihn nun gerade festhielt, während sein Gehirn nach verwertbaren Informationen durchwühlt wurde.
Doch viel interessanter als die Geschichte seiner Gefangennahme war, warum er sich überhaupt dort befunden hatte und was seine Mission auf dem Saturn gewesen war. Am besten wäre die Erinnerung an Befehle, ein Briefing oder etwas in der Art. Der Frachter und die monatelange, eintönige Reise auf ihm bildeten eine hervorragende Brücke zu solchen früheren Ereignissen.
Da! Der erste Schritt in die enge Kabine. Weiter zurück. Das Boarding. Von dort aus war es nicht mehr weit. Räume, Korridore voller Passanten. Eine vertraute Umgebung. Der Mars. Elysium City, die größte Stadt auf dem Roten Planeten. Hochburg zahlreicher interplanetarer Konzerne, auch der USI. Menschen, Gesichter. Ein Büro.
Der Agent wehrte sich, versuchte, die Erinnerung zu verdrängen. Doch dafür fehlte ihm die Kraft. Seine verzweifelten Versuche, andere Gedanken in den Vordergrund zu stellen, endeten immer wieder bei derselben Szene. Zwei Personen saßen sich gegenüber. Der dritte Stuhl war leer. Doch es befand sich noch jemand im Raum, jenseits des Blickfeldes. Der Agent war einer Frau zugewandt. Am Revers ihrer ansonsten schmucklosen Jacke prangte das USI-Emblem.
„Wir können es uns nicht leisten, dass noch mehr unserer Spezialisten zum Protektorat überlaufen“, referierte sie. „Wenn das so weitergeht, haben wir bald kein Personal mehr auf unseren eigenen Gasminen. Sie haben freie Hand bei der Wahl der Mittel, aber machen Sie den Minenarbeitern unmissverständlich klar, dass wir nicht bereit sind, die Deserteure widerstandslos gewähren zu lassen!“
Ihr Blick wanderte an dem Agenten vorbei. Hinter seinem Rücken stand der dritte Anwesende.
„Und wenn Sie einen Abtrünnigen identifizieren, aber nicht aufhalten können, senden Sie eine Nachricht zum Jupiter, wo ich mich um ihn kümmern werde“, ordnete die Stimme aus dem Off an. Eine bekannte Stimme. Eine Stimme, die schreckliche Erinnerungen weckte.
Der Mann wanderte langsam ins Sichtfeld. Der sitzende Agent drehte den Kopf, hob den Blick. Sah dem Mann in die Augen. Kalte Augen, gefühllos, berechnend. Nur dem Anschein nach die Augen eines Menschen.
Weitere Bilder mischten sich in die Szenerie. Erinnerungen an Kämpfe, Morde und Verrat. Eine Gestalt, hoch aufragend über einem nackten Leichnam. Nicht die Erinnerungen des USI-Agenten, sondern die des Eindringlings in seinem Kopf.
Der Hirnscan war eine zweigleisige Verbindung. Der Psychonaut und sein Opfer teilten alle Gedanken. Verlor der Psychonaut die Kontrolle, hatte das Subjekt ebenso Zugriff auf seine Erinnerungen wie umgekehrt. Der Anblick des dritten Mannes brachte Kareena vollkommen aus dem Gleichgewicht. Ihre Konzentration war mit einem Schlag dahin. Panik stieg in ihr auf. Sie wollte weglaufen, so schnell ihre Beine sie trugen, doch sie befand sich nicht einmal in ihrem eigenen Körper, war gefangen, dem Angreifer, der sich über sie beugte, hilflos ausgeliefert. Sie musste weg. Raus aus dem fremden Geist. Abbrechen! Abbrechen!
In wilder Flucht entfernte sie sich aus dem Gehirn des Konzernagenten. Kappte die Verbindung und kehrte in ihren eigenen Kopf zurück. Nur langsam entließ die Furcht Kareena aus ihren eisigen Klauen. Der Mann mit den unmenschlichen Augen war weg. Er war nie hier gewesen. Es waren nur Erinnerungen. Die des gefangenen Agenten und Kareenas eigene. Nun nur noch ihre eigenen. Sie konzentrierte sich. Schüttelte die letzten Spuren der Angst ab. Ein paar Atemzüge lang trat eine tiefe Einsamkeit an ihre Stelle, das Gefühl, einen Teil ihrer selbst verloren zu haben. Nach einem Hirnscan war es jedes Mal wieder ungewohnt, plötzlich mit seinen Gedanken alleine zu sein. Insbesondere nach einem derart überhasteten Ausstieg. Auch, wenn die Zweisamkeit erzwungen war, stellte sie die intimste Verbindung mit einem anderen Menschen dar, die Kareena kannte. Vorsichtig kehrte sie in die Realität zurück, öffnete die Augen. Der USI-Agent, der ihr gegenübersaß, war in sich zusammengesackt. Sein Atem ging stoßweise. Noch hatte er keinen dauerhaften Schaden davongetragen. Beim nächsten Mal würde sich das vermutlich ändern.
„War’s das schon?“, fragte der Cyborg.
Kareena benötigte noch einen Moment, um die Benommenheit endgültig abzuschütteln, bevor sie antworten konnte. „Ich gehe später nochmal rein. Ist vielversprechend. Wir nehmen ihn.“
„Fünftausend“, forderte der Pirat.
Sie blieb ruhig sitzen. Hob beinahe unmerklich den Kopf. Drehte nur die Augen in seine Richtung.
„Vier“, korrigierte er.
„Wir hatten zwei ausgemacht“, stellte Kareena vollkommen sachlich fest.
Die Kiefer des Cyborgs mahlten. Er hatte sich von dem Gefangenen abgewandt und ließ die implantierten Klingen im Sekundentakt aus seinen Handrücken springen. Die künstlichen Arme mit den eingebauten Waffen mussten ein Vermögen gekostet haben. Im Gegensatz zu den zahlreichen Möchtegern-Killern, die sich billige Show-Implantate einsetzen ließen, war sein internes Arsenal voll funktionstüchtig und absolut tödlich. Und ohne Zweifel wusste er damit umzugehen. Vermutlich konnte er es mit einem Omega-Krieger aufnehmen und hätte dabei gute Aussichten gehabt, den Sieg davonzutragen. Auch an Selbstvertrauen mangelte es ihm nicht im Geringsten. Ganz im Gegenteil war er es sichtlich nicht gewohnt, klein beizugeben und sein Temperament im Zaum zu halten.
Dennoch legte er gegenüber Kareena höchsten Respekt an den Tag, wirkte beinahe kleinlaut. Selbst er ließ sich von der Aura der Psychonauten einschüchtern. Fürchtete die Macht der unumschränkten Herrscher über Neuronen, Gehirne und den Geist selbst. Kareena sah keine Veranlassung, den Gerüchten über Gedankenkontrolle und Todesbefehlen per Blickkontakt entgegenzuwirken, die sich um die Neuralhacker rankten. Auch, wenn sie wusste, dass der Großteil davon purer Unsinn war, zumindest, solange keine physische Verbindung zum potenziellen Opfer bestand. Die Bandbreite, die ein Hirnscan erforderte, war drahtlos schlicht nicht zu realisieren. Aber das musste sie ja nicht jedem dahergelaufenen Schläger auf die Nase binden.
Um zu erraten, dass der Pirat gerade abwog, ob er noch dreitausend fordern sollte, brauchte man allerdings keinen Zugang zu seinem Gehirn.
„Also gut, zwei“, entschied er schließlich.
Ohne, dass es einer Absprache bedurft hätte, trat Nia, die sich bislang im Hintergrund gehalten hatte, auf den Cyborg zu und überreichte ihm die vorbereitete CashCard. Er nahm sie entgegen, warf Kareena noch einen unsicheren Blick zu, nickte zum Abschied und verließ eilig den Raum. Sein Kumpan, der die ganze Zeit über reglos neben der Tür gestanden hatte, schloss sich ihm an. Auch er wirkte erleichtert, Kareenas Gegenwart zu entfliehen.
„Was hast du gesehen?“, wollte Nia wissen, sobald die Piraten gegangen waren.
Kareena stand auf und zog das Datenkabel aus dem Schädel des USI-Agenten. Ein dünner Speichelfaden hing ihm aus dem Mund und bereicherte die Fleckensammlung auf seinem Anzug. Er blinzelte hektisch. Bald würde er wieder zu sich kommen.
„Fessle ihn!“, wies Kareena ihre Schwester an.
Nia tat, wie ihr geheißen.
„Was hast du da drin gesehen?“, wiederholte sie die Frage, während sie Hand- und Fußgelenke ihres Gefangenen mit Kabelbindern fixierte.
„Seinen Auftraggeber.“ Kareena betonte jede Silbe überdeutlich.
Nia wusste den Tonfall richtig zu deuten. „Er?“
Kareena nickte.
„Dan Aden?“, hakte Nia nach, um jeden Zweifel auszuschließen.
Wieder nicken.
„Weißt du, wo er steckt?“
„Jupiter“, gab Kareena wieder, was sie in den Erinnerungen des USI-Agenten belauscht hatte.
Nia lächelte. Ein grausames Lächeln. Kareena verzog keine Miene. Jupiter. Das eröffnete Möglichkeiten.
„Wir sollten wohl mal das Protektorat besuchen“, stellte sie fest.
Die Zeit der Rache schien endlich gekommen.
Der schlanke Rumpf der Valkyrie pflügte durch die unendliche Wolkendecke des Jupiter. Trotz der leistungsstarken Scheinwerfer betrug die Sicht nur wenige hundert Meter. Bei einer Geschwindigkeit von rund einem Kilometer pro Sekunde war eine Navigation nach Augenmaß unmöglich, ganz abgesehen davon, dass es ohnehin keinerlei visuelle Wegmarken gab, an denen man sich hätte orientieren können. Nicht einmal auf die Lage des Jagdbombers gab es irgendwelche Hinweise. Nur die monströse Schwerkraft des Gasriesen bot einen Anhaltspunkt, ob man richtig herum oder kopfüber flog. Ansonsten erstreckten sich in alle Richtungen dichte, blassbraune Schwaden aus Wasser, Ammoniak und anderen chemischen Verbindungen.
José verließ sich vollständig auf die Sensordaten, die der Bordcomputer auf seine Netzhaut projizierte. Aus einem Breitbandscan über das gesamte elektromagnetische Spektrum sowie akustischen Signalen formte das NavSystem der Valkyrie ein Bild der näheren Umgebung. Mit viel Mühe hatten die Ingenieure es in den vergangenen Monaten geschafft, den Sensorradius innerhalb der Jupiteratmosphäre zu vergrößern. Die Reichweite war allerdings stark von der Tiefe abhängig. Auf dem aktuellen Flugniveau betrug sie mehrere hundert Kilometer, zumindest in horizontaler Richtung. Für José fühlte es sich trotzdem wie ein Blindflug an. Er war es gewohnt, das halbe Sonnensystem zu überblicken. So tief in die bodenlose Gashülle des Riesenplaneten einzudringen, kostete ihn erhebliche Überwindung. Das hier war so gar nicht seine Welt. In seiner ersten Dienstzeit bei der Europäischen Föderation war er viel in der Atmosphäre der Erde geflogen. Doch damit war der Jupiter kaum zu vergleichen. Der Außendruck betrug auf der derzeitigen Flughöhe rund vier Bar. Die Temperatur lag etwas unterhalb des Wassergefrierpunktes. Aber der größte Unterschied zur Erde waren die irrsinnigen Ausmaße des Gasriesen. Und zwar in alle Richtungen. Der Gigant war mit einem Durchmesser von etwa 140.000 Kilometern fast elfmal so groß wie Josés Heimatplanet. Bei der aktuellen Geschwindigkeit des Jagdbombers würde eine vollständige Umrundung des Planeten mehr als fünf Tage dauern. Über José lagen rund zweihundert Kilometer bis zum Rand des Weltraums. Und unter ihm lauerte ein tausende Kilometer tiefer Abgrund, in dem der Druck immer weiter zunahm, bis der Wasserstoff, aus dem der Gasriese hauptsächlich bestand, flüssig und schließlich fest wurde. Doch bereits in weitaus geringeren Tiefen würden selbst die stabilsten von Menschenhand erschaffenen Konstruktionen zerquetscht wie reife Tomaten in einer hydraulischen Presse. Die Ingenieure behaupteten, die Valkyrie wäre in der Lage, einem Außendruck bis fünfzig Bar standzuhalten. José könnte also theoretisch noch einige Dutzend Kilometer hinabtauchen. Allerdings stieg dort unten die Temperatur des Gases auf mehrere hundert Grad Celsius an. José war nicht gewillt, diese Grenze zu testen, alleine schon, weil die Wärmetauscher des Jagdbombers solchen Bedingungen nicht lange standhalten würden. Er verspürte wenig Lust darauf, in seinem Cockpit von der Abwärme des eigenen Fusionsantriebs gebraten zu werden.
Ein unbestreitbarer Vorteil des Fliegens innerhalb der Atmosphäre war die Verfügbarkeit von Materie in der Umgebung seines Jägers. Im Gegensatz zu Raumschiffen, die nur für den Einsatz im Vakuum des Weltalls ausgelegt waren, verfügten die Valkyries über Kollektoren, die das Gasgemisch aufnahmen und dem Fusionsreaktor als Treibmasse zuführten. Auf diese Weise war die Reichweite der Jagdbomber nur durch den Helium-3-Vorrat an Bord begrenzt, solange sie sich in der Gashülle des Riesenplaneten aufhielten.
Ein hektisches Signal forderte Josés Aufmerksamkeit. Die Sensoren meldeten einen Kontakt. Ein gerichteter Scan bestätigte die Anwesenheit eines weiteren Jägers. Deutlich zeichnete der heiße Abgasstrahl sich vor dem kalten Dunst ab. José ging auf Parallelkurs und drosselte sein eigenes Triebwerk, um unerkannt zu bleiben. Er nutzte die Thermik eines aufsteigenden Windes, damit er nicht allzu viel Höhe verlor. Ein weiteres Signal erschien auf dem Display. Die beiden Jäger flogen in loser Formation. Vermutlich bildeten sie das Ende einer Viererkette. Ihre Entfernung voneinander lag knapp unterhalb der maximalen Sensorreichweite, um gemeinsam ein möglichst großes Gebiet scannen zu können. Sie waren auf der Suche. Nach José. Er lächelte. Bald würden sie ihn finden.
Mit minimalen Korrekturen der Leitwerke ging er auf Abfangkurs, immer noch im Gleitflug. Erst bei einer Distanz von weniger als fünfzig Kilometern reagierten sie und zogen die Formation zusammen. José fuhr den Reaktor hoch und beschleunigte mit maximaler Kraft. Er entließ eine Salve aus den Zwillings-Gaußkanonen der Valkyrie. Sein Ziel flog ein Ausweichmanöver und zog steil nach oben. Der neue Kurs brachte es nicht aus Josés Abfangkorridor, verschaffte seinem Flügelmann aber Zeit, zu ihm aufzuschließen. Selbst bei voller Geschwindigkeit würde José es mit beiden Jägern gleichzeitig aufnehmen müssen, statt sie sich einzeln vornehmen zu können.
Er öffnete einen Funkkanal. „Toro an Staffel. Gutes Manöver. Ich seh’ schon. So einfach kriege ich euch nicht mehr dran.“
„Angel an Toro“, kam die verrauschte Antwort. „Wäre ja noch schöner, wenn wir uns von einem Norm hochnehmen lassen. So weit kommt’s noch!“
„Die Übungsmunition verliert in der Atmosphäre zu schnell an Geschwindigkeit“, relativierte José seine Niederlage. „Mit einer scharfen Salve hätte ich dich erwischt.“
„Das glaubst du doch selber nicht“, konterte die Sigma-Klasse-Pilotin.
Die letzten Worte gingen beinahe in elektrostatischen Störungen unter. Irgendwo zog wieder ein Gewitter heran. Von so etwas hielt man sich auf dem Jupiter besser fern. José hatte bereits die Ausläufer jovianischer Unwetter gestreift. Diese Erfahrung hatte ihn eindringlich gelehrt, sich von Gewitterstürmen künftig fernzuhalten.
„Toro an Staffel. Wir beenden das Übungsmanöver für heute. Sammeln und in enger Formation nach Hause!“
„Verstanden, Toro“, bestätigte Angel. „Hast Angst, wir machen dich fertig, was?“
José musste grinsen. Die junge Mutantin war ein freches Biest. Sie erinnerte ihn an Zapp. Nicht äußerlich natürlich, aber sie war genauso aufmüpfig wie damals die Yankee-Söldnerin in seinem Kampfgeschwader auf Aigis. Mehr als zwei Jahre war das nun her. José kam es vor wie ein anderes Leben. Damals hatte er in den Raumstreitkräften der Europäischen Föderation gedient. Sie hatten ihn reaktiviert, um gegen die aufständischen Mutanten des Protektorats zu kämpfen. Doch letztlich hatte José die Seiten gewechselt und sich dem Protektorat angeschlossen. Zusammen mit den Mutanten hatte er den erdnahen Raum verlassen und war ins äußere Sonnensystem gezogen, zum Jupiter. Der Riesenplanet und seine Monde waren ihm eine neue Heimat geworden. Ihm und Lucy, seiner Frau, sowie seinem Sohn Miguel, der hier geboren worden war.
Er seufzte innerlich. Die Affäre mit Zapp hatte er Lucy nie gestanden. Er wollte sie nicht unnötig verletzen. Mit Zapps Tod war die Angelegenheit ohnehin erledigt. Nur Josés Erinnerungen und sein schlechtes Gewissen waren geblieben. Und sein Vorsatz, es nie wieder zu tun. Glücklicherweise stand Angel nicht auf Norms, sondern stellte den anderen Sigma- und Eta-Klasse-Piloten nach. Ganz abgesehen davon, dass sie ohnehin viel zu jung für einen abgehalfterten Veteranen wie José war.
„Pass lieber auf!“, konterte er ihren vorlauten Kommentar. „Sonst testen wir mal aus, wer hier wen fertigmacht. Und jetzt mir nach, zurück nach Hellgate!“
Auch von Buster, Talon und Cyan, den drei anderen Piloten, kam die Bestätigung des Befehls.
José zog die Nase der Valkyrie steil nach oben und erhöhte den Schub. Zu den zwei g der Jupiterschwerkraft gesellten sich noch vier weitere durch die Beschleunigung des Jagdbombers und pressten José in die Gelpolster. Die Pilotenliege richtete sich in ihrer kardanischen Aufhängung neu aus, bis José senkrecht zur Flugrichtung stand. In dieser Position war der menschliche Körper am unempfindlichsten gegen die brachialen Kräfte der Triebwerke.
Eine plötzliche Sturmbö schüttelte ihn durch. Das Gewitter zog heran. Das Wetter des Gasriesen war immer für Überraschungen gut, selbst in so hohen Breiten wie hier. Je näher man dem Äquator kam, umso gewaltiger wurden die Stürme. Unangefochtener Spitzenreiter war der Große Rote Fleck, ein riesiger Antizyklon mit einem Durchmesser größer als die gesamte Erde und Windgeschwindigkeiten von mehr als sechshundert Kilometern pro Stunde. Der Sturm wütete bereits, seit das erste Mal ein Mensch ein Teleskop auf den Jupiter gerichtet hatte, und zeigte keinerlei Anzeichen, an Stärke zu verlieren.
Doch selbst, in den gemäßigteren Breiten zu fliegen, war eine echte Herausforderung. Genau deswegen führten sie das intensive Manöverprogramm durch. Sollte es innerhalb der Atmosphäre des Jupiter irgendwann einmal zu Kampfhandlungen kommen, mussten die Piloten mit den Umgebungsbedingungen vertraut sein, damit sie sich auf ihre Gegner konzentrieren konnten. José hoffte allerdings, dass dies nicht geschehen würde. Ein Gefecht inmitten von Sturmwinden und Gewittern, mit derart eingeschränkten Sensordaten, kam weitgehend einer Lotterie gleich. Aber mit geübten Piloten hatte man zumindest die Chance, das Glück ein wenig zu seinen Gunsten zu beeinflussen.
Je weiter José emporstieg, umso ruhiger wurde der Flug. Der Druck nahm kontinuierlich ab. Die Gaskollektoren zu beiden Seiten des Rumpfes fanden nicht mehr genug Nahrung, um den Schub aufrechtzuerhalten, so dass José dem Triebwerk schrittweise Treibmasse aus den internen Tanks zuführen musste.
Jenseits der obersten Wolkenschicht kam blassblauer Himmel zum Vorschein. Jeder Anflug von Ähnlichkeit zur Erde wurde allerdings jäh zerstört durch die winzige Sonne, die keinen Zweifel daran ließ, dass José weit von seinem Geburtsort entfernt war.
Aber auch jenseits der sichtbaren Welt unterschied der Jupiter sich vom Rest des Sonnensystems. José aktivierte die Feldspulen im Rumpf der Valkyrie. Die magnetische Schutzhülle lenkte die elektrisch geladenen Teilchen ab, die den Riesenplaneten in einem gigantischen Wirbel umhüllten und seine gefürchteten Strahlungsgürtel bildeten. Üblicherweise benötigten Raumschiffe die Schilde nur bei Sonneneruptionen oder zur Abwehr von Partikelwaffen. In der Nähe des Jupiters jedoch waren sie permanent erforderlich, um Besatzung und Bordelektronik vor Schäden zu bewahren. Insbesondere für José, der im Gegensatz zu den Mutanten nicht über eine genetisch erhöhte Zellregeneration verfügte, war der Magnetschild überlebenswichtig, sobald er die schützende Gashülle verließ.
Wenigstens verringerte sich jenseits der dichten Wolken das atmosphärische Rauschen, so dass er sich endlich störungsfrei an seine Schützlinge wenden konnte.
„Toro an Staffel. Gute Arbeit, alle miteinander. Heute habt ihr euch euer Feierabendbier redlich verdient.“
Während er sprach, entdeckte er rege Aktivität auf mehreren Notrufkanälen. Er schaltete den Empfänger um.
„… nicht rechtzeitig, um euch zu helfen. Ihr müsst zusehen, dass ihr das Leck schließt und die Kammern wieder flutet!“ Der Spruch kam von Adrastea, dem Mond, auf dem Hellgate, die Heimatbasis von Josés Ausbildungsgeschwader lag.
Die Antwort war kaum verständlich. „Negativ. Keine … eit, die Mine … sieren. Sin ... tiefer.“
José wechselte auf den Kommandokanal. „Toro an Hellgate. Haben Übungsmanöver abgeschlossen. Sind auf Rückflug zur Basis. Ich höre einen verstümmelten Notruf. Was ist da los?“
Es dauerte ein paar Sekunden, bis er eine Rückmeldung erhielt. „Toro. Hier Hellgate. Auf einer der Gasminen gab es einen Unfall.“
José stutzte. „Schon wieder?“
Erst vor zwei Wochen war eine Gasmine auf dem Jupiter havariert. Ein weiterer Verlust wäre ein herber Rückschlag für die jovianische Heliumförderung.
„Wisst ihr, was passiert ist?“
„Eine Explosion unbekannter Ursache hat die Auftriebskörper beschädigt“, erklärte der Funkoperator. „Die Mine sinkt. Das Shuttle erreicht sie nicht mehr rechtzeitig. Bis das da ist, sind sie zu tief. Außerdem wird der Kontakt immer schlechter, je tiefer sie sinken.“
„Warum haben sie nicht evakuiert?“, fragte José.
„Die Rettungsfähre wurde wohl bei der Explosion beschädigt.“
„Verdammt!“
Die Vorstellung, dass die gesamte Besatzung einer Gasmine ohne Chance auf Rettung immer tiefer in den tödlichen Abgrund gezogen wurde, jagte José Schauer über den Rücken.
„Wie ist die Position der Mine?“, wollte er wissen.
„42 07 Nord, 14 83 Ost. Letzte Höhenangabe minus 122.“
Das war ganz in der Nähe, zumindest angesichts der Entfernungsmaßstäbe des Gasriesen, allerdings fast vierzig Kilometer unterhalb des Niveaus, auf dem sie das Manöver durchgeführt hatten. In dieser Tiefe betrug der Druck schon über zehn Bar. Dorthin konnten nur wenige Schiffe vordringen.
„Wie schnell sinken sie?“
„Wissen wir nicht genau. Vermutlich etwa einen Kilometer pro Minute.“
José überschlug ein paar Zahlen im Kopf. „Wir waren die meiste Zeit in der Atmosphäre unterwegs und haben kaum Treibmasse verbraucht. Auch die Heliumtanks sind noch gut gefüllt. Wenn wir uns beeilen, müssten wir die Mine noch erreichen können, bevor sie zu tief abgesunken ist. Erbitte Erlaubnis für Rettungsmission.“
„Was hast du vor, Toro? Die Valkyries sind Einmannjäger. Damit könnt ihr niemanden da rausholen.“
„Vielleicht können wir irgendwie anders helfen“, spekulierte José. „Lasst es uns zumindest versuchen! Oder wollt Ihr die Mine kampflos aufgeben?“
Ein paar Sekunden lang herrschte Stille. Dann erklang die grollende Stimme von Lord Commander Grendel, dem Oberkommandierenden der Hellgate Station: „Also gut, Toro. Schaut euch die Sache an! Aber keine Heldentaten! Wenn ihr merkt, dass nichts zu retten ist, haut ihr wieder ab! Und wenn sonst irgendetwas grenzwertig wird, ebenfalls. Schlimm genug, wenn wir eine Mine verlieren. Ich will nicht riskieren, dass auch noch eine Kampfstaffel dabei draufgeht.“
„Verstanden“, antwortete José. „Wir halten euch auf dem Laufenden. Toro Ende.“
Er kontaktierte die anderen Valkyries und erklärte ihnen die Situation.
„Also los! Kehrt marsch und mir nach!“
Er schaltete das Triebwerk ab, wendete mit den Manövrierdüsen und beschleunigte mit zehn g in Richtung der Zielkoordinaten. Unter ihm zogen die gigantischen Wolkenwirbel der Jupiteratmosphäre dahin.
„Was hast du vor, wenn wir dort sind?“, fragte Angel über einen privaten Kanal. Ihre Stimme klang gepresst. Auf allen Piloten lastete das Zehnfache ihres normalen Gewichtes. Ohne ihre genetisch – oder in Josés Fall kybernetisch – verstärkten Lungen wäre keiner von ihnen auch nur halbwegs zu artikulierter Sprache fähig gewesen.
„Sehen, wie schlimm die Lage ist und ob wir irgendetwas tun können.“ José war bewusst, dass sein Plan überaus vage war. „Im Zweifelsfall dokumentieren wir den Unfall und seine Ursachen und helfen damit vielleicht den Ingenieuren, zukünftig solche Zwischenfälle zu verhindern.“
Auch, wenn die Erklärung dürftig war, stellte niemand Josés Entscheidung infrage.
Der Flug dauerte rund eine Viertelstunde. Sofern die Informationen der Realität entsprachen, war die Mine in dieser Zeit einige Kilometer tiefer in die bodenlose Atmosphäre gesunken. José versuchte, Funkkontakt zu ihrer Besatzung aufzunehmen, aber die Verbindung war bereits abgebrochen. Wetterleuchten illuminierte die Wolkenwirbel unter dem Jagdbomber. Kein ausgewachsener Gewittersturm, aber in jedem Fall erschwerte Bedingungen.
Zügig sanken sie hinab. Mit zunehmendem Außendruck nahmen die Gaskollektoren die Arbeit wieder auf. José drosselte die interne Treibmassezufuhr. Den Rest würden sie später benötigen, um nach Adrastea zurückzukehren. Um auch Helium-3 zu sparen, bremste José den Flug nicht mit den Triebwerken, sondern durch die Reibung der Jupiteratmosphäre ab. In einem exakt berechneten Winkel näherten die Valkyries sich den Wolken. Die Hitzeschilde begannen zu glühen. Lange Feuerschweife erstreckten sich hinter den Jagdbombern. Josés Liege kehrte stufenweise in eine flachere Position zurück, die für den Einsatz in der Atmosphäre mit steilen Kurvenflügen angenehmer für den Piloten war. Als die Geschwindigkeit sich auf zwei Kilometer pro Sekunde verringert hatte, senkte José die Nase der Valkyrie nach unten und begann den Tauchflug in die Tiefe. Der Jagdbomber wurde durchgeschüttelt, als würde er mit einem Presslufthammer bearbeitet. Die Reibung bremste ihn schrittweise weiter ab, bis José bei einem Kilometer pro Sekunde die Triebwerke zündete, um nicht noch langsamer zu werden. Die Sicht verringerte sich rapide, sobald sie in die Wolken eindrangen. Scherwinde wirbelten den Rumpf des Jägers wie ein Spielzeug hin und her. Dafür konnte er den Magnetschild nun wieder deaktivieren.
Sie hatten die letzte bekannte Position der Gasmine erreicht. José berechnete anhand der Wetterdaten, die die Sensoren der Valkyrie lieferten, wie weit die Mine seitlich abgedriftet war. Ohne exakte Angaben über den Zustand der Auftriebskörper war aber bestenfalls eine grobe Schätzung machbar. Zumindest schränkten die Daten, die er erhielt, die mögliche Position der sinkenden Mine ein wenig ein.
„Toro an Staffel“, wandte er sich an seine Mitstreiter. „Suchformation bilden und schrittweise aufweiten bis auf maximale Sensordistanz! Wer etwas findet, schlägt Alarm.“
Die Jagdbomber ordneten sich in einem Fünfeck an und entfernten sich langsam voneinander, während sie in die Jupiteratmosphäre vorstießen. Druck und Temperatur nahmen stetig zu. In rund 120 Kilometern Tiefe, von wo die letzte Meldung der Mine gekommen war, herrschten bereits mehr als zehn Bar bei fünfzig Grad Celsius. José war bewusst, dass das Knacken und Knirschen des Rumpfes seiner Valkyrie eine normale Reaktion auf den steigenden Druck war. Trotzdem reduzierte er die Sinkgeschwindigkeit auf dreihundert Meter pro Sekunde. Tiefer und tiefer drangen sie in den Abgrund vor.
130 Kilometer.
Das ohnehin spärliche Sonnenlicht blieb endgültig über den Wolken zurück. Nur die Scheinwerfer der Jagdbomber erhellten die wabernden Gasschwaden.
140 Kilometer.
Bei 150 kam der erlösende Funkspruch von Talon: „Wir haben sie.“
Die Eta-Klasse-Pilotin übermittelte die Sensordaten. José und die anderen passten ihren Kurs an. Ganz langsam schälte sich ein Signal aus dem Rauschen der Instrumente. Ein massives Objekt. Beinahe einen halben Kilometer lang. Die Gasmine.
José öffnete einen Breitbandkanal. „Toro an Mine. Könnt ihr mich hören?“
Nur die Entladungen entfernter Blitze unterbrachen das statische Rauschen. Dann ein Knacken. „Hier ist Ira. Seid ihr das Rettungskommando?“
Selbst durch die schlechte Verbindung entlarvte die Bassstimme Ira als Alpha-Klasse-Mutantin.
„Hier Toro“, antwortete José. „Unsere Möglichkeiten sind, so fürchte ich, beschränkt. Wir haben nur fünf Valkyries dabei.“
„Valkyries?“, dröhnte Ira. „Verdammt! Kein Shuttle?“
„Negativ. Es wird auch keines kommen. Ihr seid schon zu tief gesunken. Wie ist die Lage?“
„Beschissen. Wir haben die Hälfte unserer Auftriebskörper verloren. Keine Chance, die Dinger zu flicken. Die Rettungsfähre ist auch hinüber. Wir haben mehrere Lecks. Der Druck hier drin ist bei 16 Bar, Tendenz steigend. Und es wird immer heißer. Wir haben uns in die Dekompressionskammer verkrochen. Aber selbst hier drin wird es langsam echt warm. Lange halten wir nicht mehr durch.“
Bei einer Entfernung von zweihundert Metern hatte José Sichtkontakt. Wie eine gewaltige Säule ragte der zylindrische Rumpf der Mine zwischen den Wolken hervor. Die Außenbeleuchtung funktionierte noch und hüllte den Koloss in gespenstisches Licht. Die mehrere tausend Tonnen schwere Konstruktion wurde von sechs riesigen Auftriebskörpern in der Schwebe gehalten wie ein Heißluftballon. Nur, dass keine heiße Luft, sondern reiner Wasserstoff die Kammern füllte, die rund um das obere Ende der Mine angeordnet waren. Drei von ihnen hingen allerdings in Fetzen. Soweit José wusste, konnte der Verlust von zwei der Kammern noch ausgeglichen werden, aber nur mit der Hälfte des Auftriebes kamen sie gegen die mehr als zwei g der Jupiterschwerkraft nicht mehr an. Meter für Meter wurde die Mine in den Abgrund gezogen.
Unterhalb der Ballons lagen die Arbeitsplattformen mit den Mannschaftsquartieren und den drei Andockklammern, die gleichmäßig um den Umfang verteilt waren. Daran schlossen sich die Helium-3-Tanks mit den Befüllungsstutzen für die Feeder an, die den wertvollen Brennstoff regelmäßig abtransportierten und in den Orbit brachten. Den untersten und mit Abstand größten Teil der Mine bildete die riesige Gaszentrifuge, die unablässig die Mischung aus Wasserstoff, Helium und den anderen Komponenten, aus denen der Jupiter bestand, aufsaugte und durch die Ventilationsöffnungen unterhalb der Tanks wieder ausstieß. Nur die winzigen Spuren von Helium-3 – ein Atom auf zehntausend des gewöhnlichen Helium-4 – wurden gesammelt und so weit aufkonzentriert, dass es wirtschaftlich abtransportiert und zur Weiterverarbeitung in die Raffinerie im Orbit verschifft werden konnte. Das Doppel-C-Logo der Cynarian Corporation prangte in meterhohen Lettern auf dem Zylinder, dessen unteres Ende sich in den Wolkenschwaden verlor.
José balancierte die Valkyrie auf den Manövrierdüsen in einen Schwebezustand. Angel neben ihm folgte seinem Beispiel.
„Können wir denn gar nichts tun?“, fragte sie.
José besah sich die Mine. Abgesehen von den Auftriebskörpern war sie weitgehend intakt. In einer der drei Andockklammern hing das Rettungsshuttle. Die Cockpitkanzel war geborsten. Alleine schon aufgrund dieser offensichtlichen Beschädigung war das Shuttle unbrauchbar.
„Sie müssten leichter werden“, räumte José ein. „Aber um einen nennenswerten Effekt zu erzielen, wäre irgendetwas drastisches notwendig.“
„Verdammt!“, schimpfte Angel. „Mit scharfer Muni hätten wir einfach die Zentrifuge abgesägt.“
Grundsätzlich keine schlechte Idee. Aber mit den ultraleichten Übungsgeschossen, die sie an Bord hatten, vollkommen unmöglich.
„In den Jägern können wir niemanden mitnehmen“, dachte er laut. „Wir müssten schon die ganze Mine …“
Er hielt inne. Sein Blick fiel auf die Andockklammern.
„Toro an Ira. Bist du noch da?“
„Wo soll ich schon hin?“, fragte die Mutantin.
„Funktionieren die Andockklammern noch?“
„Ich denke schon …“
„Könnt ihr sie öffnen?“
„Dafür müssen wir aus der Deko-Kammer. Wird ein heißer Ausflug, aber könnte klappen.“
„Öffnet sie! Sowohl die Klammern für die Feeder als auch die mit dem Shuttle. Wir docken drei der Valkyries an.“
„Und dann?“
José ging seinen verwegenen Plan noch einmal im Geiste durch. „Dann schieben wir euch nach oben.“
Ira zögerte einen Augenblick. „Habt ihr dafür genug Leistung?“
„Müsste reichen“, überlegte José laut. „Das Problem sehe ich eher in der Stabilität der Klammern. Aber eine andere Idee habe ich gerade nicht.“
Angel meldete sich über den privaten Kanal: „Toro, die Klammern sind nicht dafür ausgelegt, dass Valkyries daran anlegen. Wir haben keinen Andockring.“
„Die Klammern müssten in der Lage sein, den Rumpf zu umfassen“, entgegnete er.
Ihre Stimme war offenkundig besorgt. „Es gibt keine Garantie, dass die Verbindung hält. Und, wenn sie es tut, ob sie sich wieder lösen lässt. Wenn das nicht klappt, gehen wir mit drauf.“
„Das sehe ich auch so. Aber ich werde es versuchen.“
„Das widerspricht eindeutig den Befehlen von Lord Commander Grendel.“
„Stimmt“, gab José unumwunden zu. „Von daher werde ich auch niemandem anordnen, sich an dem Rettungsversuch zu beteiligen. Wer lieber zurück zur Basis will, soll das tun.“
Einige Sekunden lang herrschte Schweigen.
„Verdammt!“, gab Angel schließlich nach. „Bin dabei.“
Auch die übrigen Staffelmitglieder meldeten ihre Bereitschaft.
José atmete erleichtert durch. „Danke Leute. Bin stolz auf euch. Jetzt lasst uns das Ding anschieben!“
Die Besatzung der Gasmine hatte in der Zwischenzeit die Andockklammern geöffnet. Das unbrauchbare Rettungsshuttle fiel herab. Die Geschwindigkeit, mit der es in den lichtlosen Tiefen verschwand, verdeutlichte allen Betrachtern noch einmal unmissverständlich die Unbarmherzigkeit der fremdartigen Welt, auf der sie sich befanden. Doch für solch existenzielle Sorgen hatte José gerade keine Zeit.
Mit höchster Präzision steuerte er eine der Andockklammern an und setzte die Valkyrie darauf, das Heck dem Abgrund zugewandt. Buster und Talon wiederholten das Manöver an den beiden übrigen Klammern. Angel koordinierte die Aktion von außen. Cyan hielt sich in Bereitschaft. Eine nach der anderen schlossen die Klammern sich. Der Rumpf von Josés Valkyrie ächzte, als der stählerne Greifer sich um ihn krallte. Eigentlich waren die Klammern dafür konstruiert, sich um standardisierte Andockringe zu legen. Gleich würde sich zeigen, wie stabil der improvisierte Kontakt war.
„Alle Verbindungen hergestellt“, meldete Angel.
„OK“, übernahm José, „langsam Schub aufbauen. Ein g in drei, zwo, eins, los!“
Die Fusionsreaktoren der Jäger schleuderten Plasma in Richtung des Planetenzentrums. Der Stahl rund um José knarrte und knirschte. Aber er hielt. Bei dieser minimalen Leistung reichte der Schub aber bei weitem noch nicht, um den Sinkflug der Mine aufzuhalten.
„Erhöhen auf zwei g!“
Wieder Knirschen. Der Griff der Klammern um die Jäger hielt immer noch. José schöpfte Mut.
„Langsam weiter steigern!“
Schrittweise erhöhten sie synchron die Triebwerksleistung bis zum Maximum. Da die Kollektoren relativ zu ihrer Umgebung stillstanden, statt mit hoher Geschwindigkeit durch die dichten Gaswolken zu pflügen, erreichten sie nicht ihre volle Effizienz. Erst, als José und seine Kameraden interne Treibmasse zugaben, entfalteten die Triebwerke ihre gesamte Kraft. Wären sie nicht an die Gasmine gekoppelt, würden die Jagdbomber mit zwanzig g beschleunigen und ihre Piloten mit Macht in die Gelpolster der Cockpitliegen pressen. So schafften sie es kaum, die zwei g der Jupiterschwerkraft zu kontern, aber Josés Sensoren zeigten eindeutig an, dass der Außendruck nicht weiter anstieg. Die Greifer der Andockklammern verbogen sich und drückten tiefe Dellen in die Rümpfe der Valkyries. Doch die Verbindung schien den gewaltigen Kräften standzuhalten.
„Es klappt“, bestätigte Angel seine Beobachtung. „Die Mine steigt.“
Vielfacher Jubel erklang über das Funkgerät.
„Immer langsam mit den Siegesmeldungen!“, dämpfte José die Freude. „Mein Außenthermometer zeigt über 130 Grad Celsius an. Ich weiß nicht, wie lange die Wärmetauscher das bei voller Leistung mitmachen. Und auch mir läuft jetzt schon der Schweiß in Strömen aus allen Löchern. Angel, flieg zur Basis und fordere eine Rettungsmission an! Wir versuchen, die Mine in eine Höhe zu bugsieren, in der ein Shuttle anlegen kann, um die Besatzung zu evakuieren. Vielleicht können sie einen Schlepper schicken und sogar die Mine selber retten.“
„Bin unterwegs“, verkündete sie und entschwand mit maximaler Beschleunigung.
José rief Ira an. „Wie ist euer Status?“
„Wir kriechen hier alle auf dem Zahnfleisch. Ist irre heiß hier drin. Aber es geht aufwärts. Ich weiß nicht, wie wir euch danken sollen.“
„Das klären wir, wenn alles geschafft ist.“
Er blieb angespannt. Noch konnte vieles schiefgehen. Selbst, wenn die Andockklammern die Belastung aushielten, bestand die Gefahr, dass die Triebwerke überhitzten. Oder die Piloten. Glücklicherweise verfügten sowohl José als auch die Mutanten über einen widerstandsfähigen Kreislauf, er aufgrund seiner künstlichen Organe, sie durch ihre genetische Optimierung. Eine Dosis Stimulanzien aus den Injektoren des Pilotenanzuges bot zusätzliche Hilfe. Ein normaler Mensch wäre unter diesen Bedingungen schon längst kollabiert. In solchen Momenten spürte José überdeutlich, dass das Alter seinen Tribut forderte. Dank seiner Implantate und der fortschrittlichen Medizin des 23. Jahrhunderts war er zwar noch ziemlich fit, aber vor ein paar Jahrzehnten wäre es ihm mit Sicherheit leichter gefallen, eine derartige Tortur durchzustehen.
Aber nicht nur sein eigener Zustand, sondern auch das Material bereitete ihm Sorgen. Der Brennstoffverbrauch war bei dieser Leistung enorm. In den Vorratstanks der Gasmine war zwar vermutlich genug Helium-3, um die Valkyries wochenlang bei voller Last zu versorgen, doch für direkte Betankung waren weder die Mine noch die Jagdbomber ausgestattet. Wenn Angel nicht rechtzeitig Hilfe holte, wären alle Anstrengungen umsonst. Immerhin entfernten sie sich langsam von dem lauernden Höllenschlund des Gasriesen. Meter für Meter hievten die Valkyries die Gasmine den oberen Atmosphärenschichten entgegen. Mehrfach mussten sie die Triebwerksleistung leicht drosseln, um die Wärmetauscher abkühlen zu lassen, doch mit steigender Höhe sank die Außentemperatur und milderte zumindest dieses Problem ein wenig ab.
Mehr als eine Stunde lang mühten sie sich, die Mine anzuheben. Sie schafften es bis zu einer Tiefe von achtzig Kilometern unter der Tropopause. Ungefähr dort hatte die Staffel ihr Übungsmanöver abgehalten.
Endlich kam der erlösende Funkspruch. „Angel an Toro. Alles OK bei euch?“
„Hier Toro.“ Seine Stimme war schwach. Seit mindestens einer halben Stunde kämpfte er trotz der stetigen Zufuhr von Aufputschmitteln gegen die drohende Bewusstlosigkeit an. „Wir sind noch da. Wie ist die Lage?“
„Ein paar Minuten hinter mir kommt ein Schlepper. Der übernimmt die Mine. Ihr habt es gleich geschafft.“
„Ist auch besser so“, keuchte er. „Die Brennstofftanks sind so gut wie leer. Und ich auch.“
Am Rumpf der Gasmine und den verbliebenen Auftriebskörpern vorbei hielt José Ausschau nach dem Schlepper. Das Glühen mächtiger Abgasstrahlen kündigte sein Kommen an und erhellte die Szenerie. Die vier Triebwerke umrahmten eine massive, über hundert Meter durchmessende Gitterrohrkonstruktion, von der aus Magnethaken herabgelassen wurden. Roboterdrohnen befestigten die Halterungen an den dafür vorgesehenen Ösen am Rumpf der Mine. Dann brach ein Inferno aus, das selbst Josés hartgesottenes Gemüt erschaudern ließ. Die Fusionsreaktoren des Schleppers gehörten zu den leistungsstärksten, die die Menschheit je gebaut hatte. Kilometerlange Plasmastrahlen schossen an der Mine und den angedockten Valkyries vorbei dem Abgrund entgegen und wirbelten die Wolken zu Miniaturtornados auf. José schaltete das Triebwerk des Jagdbombers ab. Sie wurden nicht mehr gebraucht. Die Profis hatten übernommen.
Die nahende Rettung erfüllte José mit neuer Kraft. Er mobilisierte seine letzten Reserven und pumpte eine weitere Dosis der Kreislaufstabilisatoren in seinen Körper.
Ein Funkspruch kam herein. „Schlepper CY-S02 an Valkyrie-Staffelführer.“
„Hier Toro“, meldete José sich. „Nett, dass ihr vorbeischaut.“
„Wir können doch nicht zulassen, dass ihr unsere Arbeit übernehmt. Aber im Ernst: Reife Leistung! Bin lange nicht mehr beeindruckt worden.“
„Was mich betrifft, kann es auch ruhig eine Zeit lang dauern, bis das wieder geschieht. Zumindest ich habe nicht vor, solche Manöver zur Regel werden zu lassen.“
„Hoffen wir mal, dass das nicht nötig ist. Kommt ihr alleine aus den Klammern raus oder braucht ihr Hilfe?“
„Ich weiß nicht, inwieweit die Valkyries beschädigt worden sind. Aber in jedem Fall haben wir so gut wie keinen Sprit mehr. Eine Mitfahrgelegenheit würde ich nicht ausschlagen.“
„Alles klar, Toro. Wir schicken unser Beiboot runter. CY-S02 Ende.“
José schloss die Augen. Allmählich ließ die Anspannung von ihm ab. Sie hatten es geschafft.
Er vergewisserte sich, dass der Raumanzug korrekt saß und sein Helmvisier geschlossen war. Atmete mehrmals tief durch. Dann öffnete er das Druckventil und flutete das Cockpit langsam mit dem Wasserstoff-Helium-Gemisch der Jupiteratmosphäre. Den Innendruck des Anzuges erhöhte er synchron, bis er vier Bar erreicht hatte. Seine künstlichen Hochleistungslungen hatten keine Mühe, die verdichtete Luft zu atmen. Er öffnete die Kanzel. Wind blies ihm entgegen. Ein infernalisches Getöse erfüllte die Welt außerhalb des Cockpits. Die entfesselten Urgewalten der vier Fusionsfackeln verwandelten die ohnehin schon lebhafte Jupiteratmosphäre in eine wirbelnde Hölle. Glücklicherweise war das Beiboot bereits im Anmarsch. José griff das Tragegeschirr, das zu ihm herabgelassen wurde, und ließ sich an Bord hieven, allerdings nicht, ohne wild hin- und hergeschaukelt zu werden.
Ein Beta-Klasse-Mutant mit einem hautengen Raumanzug nahm ihn in Empfang. „Alles in Ordnung?“
José formte Daumen und Zeigefinger zu einem Kreis. Der Beta war zufrieden und widmete sich wieder der Seilwinde. José ließ sich gegen die Wand des Bootes sinken. Er war endgültig am Ende seiner Kräfte angelangt. Die Schwerkraft des Jupiter gab ihm den Rest. Er konnte sich kaum noch auf den Beinen halten.
Buster und Talon, die als Nächstes aus ihren Cockpits gefischt wurden, ging es kaum besser, obwohl sie erheblich jünger und Mutanten waren, einer Sigma-, die andere Eta-Klasse. Zuletzt flog das Boot die Galerie der Gasmine an, die den zylindrischen Rumpf auf Höhe der Mannschaftsquartiere umringte. Da die Andockklammern von den Valkyries belegt waren, mussten sie hierüber festmachen. Zwei Alphas nahmen das Beiboot in Empfang. Sie trugen keine Raumanzüge, sondern nur Atemmasken und gefütterte Overalls. An einem prangte der Schriftzug ‚Ira‘.
José klinkte sich in den Kurzstreckenfunk ein: „Hallo Ira. Schön, dich kennenzulernen.“
Das riesige Gesicht der Hünin verzog sich nach kurzer Verwirrung zu einem breiten Grinsen. „Toro! Ich würde dich am liebsten umarmen.“
„Später!“, winkte er erschöpft ab.
Einer nach dem anderen gingen die etwa zwanzig Besatzungsmitglieder der Gasmine an Bord des Beibootes. Rund zwei Drittel von ihnen waren zweieinhalb Meter große Alpha-Klasse-Mutanten, so dass es recht eng wurde. Die zwergenhaften Sigmas, die den Rest der Mannschaft bildeten, fielen kaum ins Gewicht. Sie alle waren dafür konstruiert worden, hohen körperlichen und psychischen Belastungen standzuhalten. Doch mehr als einem von ihnen war anzusehen, dass sie ihre Grenzen erreicht oder gar überschritten hatten. Viele waren verletzt und trugen provisorische Sprühverbände.
Als alle angekommen waren und das Beiboot sich auf den Weg zum Schlepper über ihnen machte, gesellte Ira sich zu Jose.
„Scheiße, Mann!“, brummte sie. „Ich kann immer noch nicht fassen, dass wir das überstanden haben. Ich habe gedacht, wir wären am Arsch.“
„Hätte nicht viel gefehlt“, bestätigte José. „Reiner Zufall, dass wir in der Gegend waren. Und auch die Rettungsaktion stand auf Messers Schneide. Oft solltet ihr euch so einen Unfall nicht erlauben.“
„Unfall?“ Sie sah ihm in die Augen. „Das war kein Unfall.“
José war verwirrt. „Was denn sonst?“
„Das war Sabotage.“
Skip rieb sich mit den Handflächen über das Gesicht. Im Augenblick kam mal wieder alles auf einmal. Er wünschte sich, die Probleme und Katastrophen würden ein wenig gleichmäßiger verteilt auf ihn einstürzen, statt immer so gehäuft. Die Vorbereitungen auf das Treffen mit der Delegation des Shigano-Kombinats liefen auf vollen Touren. Sein Zeitplan war ohnehin schon knapp bemessen. Und nun so etwas.
Eigentlich hätte als Nächstes die Fortsetzung des Benimmkurses stattfinden sollen. Im Umgang mit Vertretern des Kombinats spielten Formalitäten eine große Rolle. Skip wollte nicht riskieren, durch eine unbedachte Äußerung oder Geste die Stimmung der Zusammenkunft zu gefährden. Mit Hato, seinem Leibwächter, hatte er einen hervorragenden Lehrmeister in den fremdartigen Gebräuchen und Formalitäten. Der Omega-Krieger stammte selber aus dem Kombinat. Musha-Klasse nannte man seine Produktionslinie dort. Doch die heutige Lektion würde warten müssen. Oder ausfallen. Statt also die korrekte Verbeugungstiefe und angemessene Dauer eines Augenkontaktes zu üben, ließ Skip sich vor dem ComTerminal nieder und aktivierte die Verbindung.
Das verwaschene Bild eines Menschen erschien über dem Holoprojektor. Die Übertragungsqualität war nicht optimal. Jupiters Strahlungsgürtel interagierten mal wieder mit dem Sonnenwind oder was auch immer heute die Ausrede der Kommunikationstechniker war. Egal. Die vorhandene Bandbreite würde ausreichen, um Informationen auszutauschen. Skip hatte nicht vor, mit seinem Gesprächspartner zu flirten.
„Hi José“, begrüßte er den Norm. „Wie geht es dir? Ich habe gehört, du hast dich mal wieder mit Ruhm bekleckert.“
Die Antwort ließ einige Sekunden auf sich warten. Selbst mit Lichtgeschwindigkeit brauchten die Signale eine Weile, um die Distanz der Gesprächspartner zu überbrücken. Es erforderte ein wenig Disziplin, ein Gespräch mit derart großer Verzögerung ohne Zwischenfälle zu führen. Skip und José waren beide erfahren darin.
„Ach was!“, winkte der Pilot ab. „Alles halb so wild. Das Schlimmste ist, dass ich mein vollklimatisiertes Cockpit verlassen musste und mir etwas zu viel Außendruck eingefangen habe. Aber in ein oder zwei Tagen lassen sie mich aus der Dekompressionskammer raus. Dann bin ich wieder voll kampfbereit. Bis dahin genieße ich den Aufenthalt. Kannst mich ja mal besuchen kommen. Urgemütlich hier. Für dich würden wir ein bisschen zusammenrücken.“
Mit einer pathetischen Geste präsentierte er sein wenige Kubikmeter großes Zwangsdomizil, das er sich mit mehreren anderen Personen teilte. Soweit Skip erkennen konnte, Sigma- und Eta-Klasse-Mutanten. Die Hälfte von ihnen schien kopfüber im Raum zu schweben, doch das war nur eine Frage der Perspektive. Die Hellgate-Basis verfügte über keine Rotationsgravitation, so dass sie alle in der Schwerelosigkeit hingen.
Skip musste schmunzeln. „Gut zu hören, dass dir nichts passiert ist. Deinem Team geht es auch gut?“
„Alle wohlauf.“ José wandte sich zu seinen Zimmergenossen um. „Winkt mal zu Avenger!“
Mehrere kurze Arme wurden geschwenkt. „Siehst du? Alles in Ordnung.“
„Fein, fein“, gab Skip zurück. Es war ungewohnt, seinen offiziellen Namen aus Josés Mund zu hören. Doch abgesehen von seinen engsten Freunden und Vertrauten kannte man ihn im gesamten Sonnensystem nur unter dem Kampfnamen, den er bei den Auseinandersetzungen in Rheinberg erhalten hatte. „Aber mal im Ernst: Was ist passiert?“
Der Übermut schwand blitzartig aus dem Gesicht des Norms. „Zuerst dachten wir, es wäre wieder ein Unfall. Aber ich habe mit der Besatzung der Mine gesprochen. Es scheint so, als hätte einer von ihnen zuerst das Shuttle unbrauchbar gemacht und anschließend die Auftriebskörper mit Luft geflutet.“
„Ach du Scheiße!“, entfuhr es Skip.
Eine der größten Gefahrenquellen bemannter Fahrzeuge auf dem Jupiter bestand im Kontakt des Sauerstoffs aus der mitgeführten Atemluft mit dem Wasserstoff der Atmosphäre. Ein winziger Funke genügte, diese hochexplosive Mischung zur Detonation zu bringen.
„Wer ist dieser Saboteur?“
„Ein Alpha namens Pitch“, erklärte José.
„Ein Alpha?“ Skip sollte eigentlich nicht überrascht sein. Auf den Gasminen arbeiteten fast ausschließlich Mutanten. Nur sie waren den Bedingungen dort auf Dauer gewachsen. Aber es fiel ihm schwer, sich vorzustellen, dass ein Mutant zum Verräter geworden war. „Gibt es irgendwelche Hinweise, warum er das getan hat?“
José zuckte die Schultern. „Wir haben noch nicht ausgiebig darüber gesprochen. Soweit ich es mitbekommen habe, sind seine Kameraden ziemlich ratlos über das, was geschehen ist. Aber die sind alle noch ein wenig mitgenommen. War ein harter Tag.“
„Das glaube ich gerne. Ist die Minenbesatzung noch auf Hellgate?“
„Ja. Sind gleich nebenan in der nächsten Deko-Kammer.“
„Rede noch mal mit denen! Finde heraus, wer dieser Pitch war und was ihn dazu getrieben haben könnte!“
Der Norm winkte ab. „Ich habe gehört, ein Ermittler von Cynarian ist schon auf dem Weg hierher. Der übernimmt das.“
Das war zu befürchten gewesen. „Mir wäre es trotzdem ganz lieb, wenn du da auch ein Auge drauf wirfst. Wenn die Angelegenheit einmal bei Cynarian gelandet ist, bekommen wir alle Informationen nur noch gefiltert. Kriegst du das hin?“
Josés Begeisterung hielt sich offenbar in Grenzen, aber er fügte sich. „Na klar. Ich werde meinen unwiderstehlichen Charme spielen lassen.“
„Danke, José.“
„Keine Ursache. Und wie sieht’s bei euch aus? Bei den Frauen und Kindern alles im grünen Bereich?“
„Alle wohlauf“, bestätigte Skip. „Hab’ gestern noch mit Lucy gesprochen. Sie freut sich darauf, dich wiederzusehen. Miguel natürlich auch.“
„Grüß sie von mir! Sobald ich aus der Kammer rauskomme, melde ich mich persönlich.“
„Mach das! Genieß deinen Aufenthalt noch!“
Die Antwort beschränkte sich auf eine obszöne Geste. Beide lachten. Dann trennte Skip die Verbindung.
Sabotage. Als ob ein Unfall nicht schon schlimm genug gewesen wäre. Und dann auch noch von einem Alpha. Wenn sie nicht einmal mehr den Mutanten vertrauen konnten, hatte das Protektorat ein ernstes Problem.
Ein weiteres.
Die Norms im Protektorat wurden ohnehin schon misstrauisch beäugt. Natürlich mit Ausnahme langjähriger Angehöriger von Cynarian und Protektoratsbürgern wie José, die ihre Loyalität bereits mehrfach unter Beweis gestellt hatten. Für alle Norms, die sich ihnen nach dem Exodus aus dem Erdorbit zum Jupiter angeschlossen hatten, galten verschärfte Sicherheitsvorkehrungen. Jeder von ihnen konnte ein Spion der USI sein. Zu so kritischen Einrichtungen wie einer Gasmine hatten derartige Personen daher prinzipiell keinen Zugang. Dass der Saboteur auf der Gasmine ein Mutant war, erschütterte Skip. Vielleicht war das Ganze ja auch gar kein Anschlag der USI. Der Megakonzern war zwar grundsätzlich der Hauptverdächtige bei allem, was nach Spionage, Sabotage oder Ähnlichem aussah. Aber allzu oft hatten sich in der Vergangenheit scheinbare Agententätigkeiten schon als Unfälle oder Missverständnisse herausgestellt. Skip hoffte, auch dieser Fall würde sich als internes Problem entpuppen. Ein unerklärlicher Einzelfall war ihm lieber als eine Eskalation des kalten Krieges zwischen dem Protektorat und der USI.
Er erhob sich und verließ sein Arbeitszimmer. Sie hatten so viel erreicht in den vergangenen zwei Jahren. Es sah wirklich so aus, als könnte der verwegene Plan, der sie hierher geführt hatte, funktionieren. Dies blieb allerdings auch den Feinden des Protektorats nicht verborgen. Sie konnten ebenfalls erkennen, dass rund um den Jupiter ein potenzieller Konkurrent heranwuchs.
In Gedanken versunken blieb Skip an einem Fenster stehen. Ließ den Blick schweifen über das Ungetüm, das sich seinen Augen darbot. Der Armageddon Raumkomplex war der materialisierte Alptraum jedes Raumfahrtingenieurs. Ursprünglich ein Provisorium, dazu gedacht, die zigtausende Flüchtlinge aufzunehmen, die dem Protektorat zum Jupiter gefolgt waren, etablierte das stählerne Monstrum sich immer deutlicher als inoffizielle Kapitale der Mutantennation. Seine Ausmaße wetteiferten mit dem Zentraldock der USI im Marsorbit um den Rang der größten Raumstation des Sonnensystems, auch, wenn die beiden Konstruktionen kaum unterschiedlicher sein könnten.
Armageddon war eine wilde Ansammlung von hunderten zweckentfremdeten Frachtschiffen, Shuttles, aus Containern und Treibmassetanks gezimmerten Habitaten und anderen, nicht näher zu identifizierenden Bestandteilen. Um Rotationsgravitation zu erzeugen, waren all die einzelnen Komponenten in einen riesigen zylindrischen Rahmen aus grob zusammengeschweißten Stahlträgern eingefügt und in Drehung versetzt worden. Meterdicke Röhren und Schläuche verbanden die Sektionen miteinander und bildeten ein Labyrinth von Passagen, das vermutlich keinem einzigen Bewohner des Ungetüms bis ins letzte Detail vertraut war. Um ein unkontrolliertes Taumeln der Konstruktion zu verhindern, waren Dutzende Ingenieure permanent damit beschäftigt, durch Umgruppieren der Sektionen und das Hin- und Her pumpen von Ballastwasser eine halbwegs gleichmäßige Massenverteilung zu gewährleisten. Im Gegensatz zu den meisten anderen Ring- und Zylinderhabitaten, die lautlos um ihre Achse rotierten, stöhnte und ächzte Armageddon bei jeder Umdrehung. Ständig wanderten tiefe Seufzer des Stahls durch die Struktur. Dass der Koloss mit jedem eintreffenden Immigrantentransporter weiter wuchs, machte seine Stabilisierung zu einer nicht endenden Sisyphusarbeit.
Die, wenn auch nicht äußerliche, so doch durch den provisorischen Charakter gegebene Ähnlichkeit zum Flüchtlingslager Rheinberg, in dem das Protektorat seinen Anfang genommen hatte, war der Anlass für die Namensgebung gewesen. Das Armageddon war dort auf der Erde der Treffpunkt der Mutanten gewesen, damals noch unter der Führung von Zerberus, der bei den Kämpfen gegen die Föderation den Tod gefunden hatte. Skip konnte sich nicht mehr erinnern, wer die Bezeichnung für die Station vorgeschlagen hatte, aber der Name war sofort angenommen worden.
Auch die Cynarian Corporation hatte einen Sektor hinzugefügt. Er setzte sich durch seine Ordnung und planvolle Struktur deutlich vom Rest des Komplexes ab. Auch, wenn manche Angehörige des Protektorats die Nähe des Konzerns kritisierten, hielt Skip sie für einen Segen. Er hatte das Angebot, seinen Amtssitz hier einzurichten, gerne angenommen. Die unmittelbare Nachbarschaft zu den Räumlichkeiten des Konzerns erlaubte eine enge Zusammenarbeit mit seinen Vertretern. Außerdem stellte der Cynarian-Sektor einige zentrale Dienstleistungen für den gesamten Komplex zur Verfügung, ohne die er niemals auf die aktuelle Größe hätte anwachsen können.
Mittlerweile war Armageddon Heimat für schätzungsweise hunderttausend permanente Bewohner. Nochmal in etwa die doppelte Anzahl von Menschen verteilte sich auf mehrere weitere Stationen, von denen die bedeutendste Nike war. Sie war von Cynarian aus dem Marsorbit, wo sie den Namen Neu-Groningen getragen hatte, zum Jupiter geschleppt worden und beherbergte neben der lokalen Zentrale des Konzerns auch eine große Mutantenzuchtfarm. Der gesamte Nachwuchs des Protektorats an Omega-Klasse-Kriegern wurde dort herangezogen.
Das langfristige Ziel der Besiedlung des jovianischen Systems war, Niederlassungen auf den zahlreichen Monden des Gasriesen zu errichten. Doch die Umsetzung dieses Planes würde im günstigsten Fall noch einige Jahre in der Zukunft liegen. Wahrscheinlicher waren Jahrzehnte. Das größte Problem war die Strahlung. Das gigantische Magnetfeld des Riesenplaneten sammelte in mehreren Gürteln elektrisch geladene Teilchen und verwandelte sie in einen tödlichen Partikelsturm, vor dem sowohl elektronische Bauteile als auch jede Form biologischen Gewebes intensiv abgeschirmt werden mussten. Alle Raumschiffe, die sich innerhalb dieser Strahlungsgürtel bewegten, benötigten verstärkte Panzerung und Magnetschilde, um ihre Insassen vor einem qualvollen Tod zu bewahren. Und selbst mit derartigen Schutzmaßnahmen war es ratsam, die Aufenthaltsdauer in der Nähe des Planeten auf ein Minimum zu beschränken. Alle marktgängigen Mutantenklassen verfügten über eine erhöhte Resistenz gegen die Auswirkungen solcher Strahlung, doch immun waren auch sie nicht.
Von den vier großen jovianischen Monden lagen die drei, die dem Jupiter am nächsten waren, innerhalb der Strahlungsgürtel. Io, der innerste, war eine vulkanische Hölle. Lediglich einige mobile Förderstationen schürften dort nach seltenen Erzen und Chemikalien, die sonst nirgendwo im jovianischen System zu bekommen waren. An eine permanente Besiedlung war mit den derzeit verfügbaren Mitteln nicht zu denken.
Europa und Ganymed waren von kilometerdickem Eis bedeckt, unter dem sich gewaltige Ozeane aus flüssigem Wasser befanden, geschmolzen von der inneren Wärme der Monde. Bereits vor vielen Jahrzehnten war versucht worden, hier permanente Basen einzurichten, mehrere Meter unterhalb der Oberfläche und durch den eisigen Panzer vor der Strahlung geschützt. Die Niederlassungen auf Europa waren bis auf ein paar Forschungsstationen schon vor langer Zeit aufgegeben worden. Das Eis war zu instabil, um in seinem Inneren größere Siedlungen oder gar Städte einzubetten. Auf Ganymed war Mitte des 22. Jahrhunderts ein chinesischer Stützpunkt eingerichtet worden. Nach dem Zerfall des chinesischen Kolonialreiches wenige Jahre später waren die Siedlungen elend zugrunde gegangen. Die transnationalen Konzerne, die sich allerorts die Überreste der chinesischen Expansion einverleibten, hatten um Ganymed einen großen Bogen gemacht. Hier gab es nichts, was nicht anderenorts einfacher zu erlangen gewesen wäre. Schmuggler, Piraten und andere wenig vertrauenswürdige Gesellen waren die einzigen, die sich dort noch herumtrieben. Nur langsam entstanden dort auch Kolonien der Mutantennation.
Anders stand es um Kallisto, den äußersten der vier großen Monde. In dieser Distanz vom Jupiter, rund 1,9 Millionen Kilometer beziehungsweise sechs Lichtsekunden, war die Strahlung auf ein Maß reduziert, das keine überdimensionalen Abschirmungen erforderte. Alle großen raumfahrenden Mächte hatten hier Niederlassungen errichtet. Wirtschaftlich war Kallisto zwar ebenfalls nur mäßig interessant, doch alle Parteien wollten einen Fuß in der Tür haben, sollte sich doch einmal eine ökonomische Nutzung des jovianischen Systems ergeben. Im Schatten der korporativen Außenposten hatte sich im Laufe der Jahre eine Vielzahl verschiedener Gemeinden mit den unterschiedlichsten Zielsetzungen angesiedelt. Gaianer und andere pseudoreligiöse Gruppierungen, die sich von der Nähe zu dem Gasriesen Erleuchtung erhofften, Neodemokraten, die abseits der Zentren der Zivilisation ihr ganz persönliches Utopia errichten wollten, und natürlich die unvermeidlichen halb oder vollständig kriminellen Subjekte, die die Segnungen des nahezu rechtsfreien Raums genossen, sie alle bildeten eine der exotischsten Gemeinschaften, die das Sonnensystem zu bieten hatte. Und mitten in diesen wirren Schmelztiegel waren die Flüchtlinge des Protektorats geplatzt.
Die Ankunft der Mutanten hatte unter den alteingesessenen Siedlern hochgradig unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Die Begeisterung derjenigen, die hier ungestört ihre ureigensten Ideologien ausleben wollten, hielt sich, gelinde gesagt, in Grenzen. Ganz anders sahen dies die Geschäftsleute und solche, die es gerne wären. Für sie eröffneten sich gerade ungeahnte Möglichkeiten. Die Bestrebungen des Protektorats und der Cynarian Corporation, auf dem Jupiter Helium-3 zu fördern, hatten einen wahren Goldrausch ausgelöst. Aus allen Winkeln des Sonnensystems reisten hoffnungsvolle Glücksritter an, die an den in Aussicht gestellten Reichtümern teilhaben wollten. Unabhängige Firmen und Ableger transnationaler Konzerne eröffneten Filialen, um die wachsende Bevölkerung rund um den Jupiter mit allem zu versorgen, was sie zum Leben benötigte. Und natürlich den Dingen, die das Leben angenehmer machten. Überall im jovianischen System sprossen Habitate aus dem Nichts hervor, doch am einfachsten – und billigsten – war ihre Errichtung auf Kallisto. Daher konzentrierte der Zustrom sich auf den äußersten der großen Jupitermonde. Obwohl er vom Mandat des Transnationalen Konzernrates ausgenommen war und damit offiziell nicht zum Protektorat gehörte, beherbergte er mit mittlerweile rund einer halben Million Bewohner die mit Abstand größte Kolonie von Angehörigen der Mutantennation, und das ausgerechnet in unmittelbarer Nachbarschaft zu den bereits bestehenden, weitgehend anarchistischen Siedlungen voller korporativer Agenten und sonstiger subversiver Elemente. Ein nicht unbedingt idealer Zustand.
In einem der Lagrangepunkte Kallistos, dem L4, war der Armageddon-Raumkomplex positioniert. Weit genug entfernt, um die explosive Situation auf dem Mond nicht noch weiter anzuheizen – so hoffte Skip zumindest.
Die unzähligen kleineren Monde des Jupiter, zumeist nur wenige Kilometer große Fels- und Eisbrocken, beherbergten eine Handvoll mäßig ergiebiger Erzminen, keine ernsthafte Konkurrenz für die Claims im Asteroidengürtel. Lediglich auf Adrastea, einem der beiden innersten Monde des Jupiter, mit 16 Kilometern Länge ein wahrer Winzling, hatte das Protektorat gemeinsam mit Cynarian eine eigene Kolonie errichtet. Die Hellgate-Basis enthielt die größte Heliumraffinerie des jovianischen Systems und diente als militärischer und logistischer Stützpunkt für die Aktivitäten auf dem Gasriesen selbst, allen voran die Förderung des Helium-3. Der Brennstoff für die zahllosen Fusionsreaktoren, die überall im Sonnensystem Energie im Überfluss bereitstellten, war der Grundpfeiler, auf den sich die wirtschaftliche Zukunft des Protektorats stützte.
