Motherlode - Ralph Edenhofer - E-Book

Motherlode E-Book

Ralph Edenhofer

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Beschreibung

Wie begann Sal Haggards Karriere im Konzernmilitär der Cynarian Corporation? Wie wurde der Titan-Bund ins Leben gerufen? Was geschieht auf der Raumstation Aurora nach dem Abzug der Mutanten? Wie wurde Terence McLean zum reichsten Menschen des Sonnensystems? Diesen und anderen Fragen widmen sich 18 Kurzgeschichten, in denen verschiedene Nebencharaktere aus den Bänden 1 bis 3 der c23-Reihe die Hauptrolle spielen. Zum Verständnis der Romane nicht zwingend erforderlich, beleuchten die Kurzgeschichten die Haupthandlung aus bislang unbekannten Perspektiven und geben neue Einblicke in die Welt des 23. Jahrhunderts. Aufgrund von Spoilern und zum Verständnis der Geschichten wird empfohlen, sie erst nach der Lektüre der Bände 1 bis 3 zu lesen.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Motherlode

und andere Kurzgeschichten aus dem 23. Jahrhundert

Ralph Edenhofer

c23 – Die Welt im 23. Jahrhundert

Die Mutantenkrieg-Trilogie

- Band 1: ex vitro

- Band 2: per ignem

- Band 3: in abyssum

- Motherlode und andere Kurzgeschichten aus dem 23. Jahrhundert

Die Arctica-Trilogie

- Band 4: Gambit

- Band 5: Rochade

- Band 6: Matt

- Omega – Die Krieger des 23. Jahrhunderts

- /dev/mind – Im Cyberspace des 23. Jahrhunderts

Die Dreadnought-Trilogie

- Band 7: si vis bellum

- Band 8: ante portas

- Band 9: vae victoribus

- Crimson – Die Piraten des 23. Jahrhunderts

- Farout – Die Außenposten des 23. Jahrhunderts

Weitere Bände in Vorbereitung.

Eine stets aktuelle Auflistung sämtlicher Werke aus der Feder von Ralph Edenhofer, auch über die c23-Reihe hinaus, ist unter https://www.century23.de/index.php/buecher zu finden. Und für alle, die ganz sichergehen wollen, keine Neuerscheinung zu verpassen, gibt’s hier die Anmeldung zum Newsletter: http://eepurl.com/hKnuUH.

Inhalt

Vorwort des Autors

Beförderung

Abwehrschlacht

Parlamentäre

OGO3-0782

Revolution

Hades

Protektor

Blockade

Meuterei

Im Spinnennetz

Bestimmung

Exil

Der Administrator

Feindliche Übernahme

Familie

Freiheit

Motherlode

Heimkehr

Anhang

Vorwort des Autors

Ich weiß, Vorworte sind doof, aber ich glaube, in diesem Fall schadet es nicht, vorab ein paar Bemerkungen in den Raum zu stellen. Ich verspreche auch, mich kurzzufassen (zumindest für meine Verhältnisse. Wer einen (oder mehrere) der c23-Romane gelesen hat, weiß, dass ich eine leichte Neigung zum Epischen habe).

Die folgenden Kurzgeschichten spielen im c23-Universum (selbst, wenn einige bereits im 22. Jahrhundert ansetzen). Das Ziel der Übung ist, die Welt des 23. Jahrhunderts auch abseits der Haupthandlung in den Romanen ein wenig mit Leben zu füllen. Die Protagonisten sind Nebencharaktere aus den Bänden 1 bis 3, die entweder eine interessante Vorgeschichte aufweisen oder von denen es den einen oder anderen Leser interessieren könnte, wie es ihnen ergeht, nachdem die Handlung der Romane an ihnen vorbeigezogen ist. Letzteres bedingt, dass einige der Geschichten Spoiler zu den Ereignissen in den Romanen enthalten. Weiterhin wird gelegentlich auf Begebenheiten aus den Romanen Bezug genommen, so dass die Kurzgeschichten für sich alleine möglicherweise nicht vollständig selbsterklärend sind. Wer sich also die Spannung und das Verständnis nicht beeinträchtigen lassen will, dem sei angeraten, zuerst die c23-Bände 1 bis 3 zu lesen und sich erst danach die Kurzgeschichten zu Gemüte zu führen. Wer das bereits getan hat oder wem die genannten Einschränkungen egal sind, dem wünsche ich im Folgenden viel Vergnügen. Aber es sage nachher niemand, ich hätte nicht gewarnt (und das sogar in fett und kursiv)!

Und noch ein Hinweis: Für alle, bei denen das Lesen der Romane schon ein Weilchen zurückliegt, so dass sie sich möglicherweise nicht mehr im Detail an jeden Nebencharakter erinnern, habe ich im Anhang unter ‚Protagonisten‘ ein paar Worte zu deren Rolle in den c23-Bänden 1 bis 3 als kleine Gedächtnisstütze beigefügt.

Ralph

Beförderung

20.07.2159 (51 Jahre vor den Ereignissen in ‚ex vitro‘), Kyoto, Yamato-Konsortium, Erde

Streng nach der firmeninternen Hierarchie aufgereiht hielt die zehnköpfige Delegation der Sony Genetic Engineering Corporation Einzug in den Sitzungssaal. Okatomo Kashima war drittletzter hinter Ietenagu Yonoko, der Leiterin seiner Abteilung. Nach ihm kamen nur noch Itori Moko, seine persönliche Assistentin, und Yugora, Kashimas jüngster Doktorand. Jeder bezog hinter dem für ihn vorgesehenen Stuhl Stellung.

Kashimas Blick wurde von dem Panorama, das sich ihm jenseits der Fensterfront darbot, magisch angezogen. Aus dieser Perspektive hatte er die Stadt bislang nur von Coptern und Flugzeugen aus gesehen. Sie befanden sich nur wenige Stockwerke unterhalb der Spitze der Shinjizu-Arkologie, rund zwei Kilometer über den Straßen von Kyoto und damit oberhalb der Berggipfel, die die Metropole einrahmten. Im Süden, hinter dem Yodogawa-Damm, war die Bucht von Osaka mitsamt der überfluteten Altstadt als blauer Schimmer zu erkennen. Bei klarem Wetter hätte er sogar den Pazifik sehen können. Doch er war nicht hier, um die Aussicht zu bewundern.

Direkten Augenkontakt peinlichst vermeidend musterte Kashima die Abordnung des Shigano-Kombinats auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches, mit zehn Personen ebenso groß wie die der Gäste, so wie die Etikette es gebot. Viele von ihnen waren auffallend schlank und hochgewachsen. Ein eindeutiges Zeichen, dass sie schon ihre Kindheit im Weltall verbracht hatten. Bei dreien erkannte er unter den Konzernuniformen die Ausbuchtungen von Exoskeletten, ohne die sie sich nicht in der Schwerkraft der Erde aufhalten konnten.

Auch auf der Gegenseite wurden verstohlene Blicke auf die SGE-Angehörigen geworfen. Wie zu erwarten, zog insbesondere Yugora die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Sein kahler Schädel und die prägnante Knochenstruktur hoben ihn unübersehbar aus der Menge hervor.

Direktor Hideki eröffnete die obligatorische Verbeugung, der sich alle SGE-Angehörigen anschlossen, die Tiefe dem jeweiligen eigenen Status im Vergleich zum höchsten Rang der Gegenseite angepasst. Für Kashima bedeutete dies, dass seine Stirn beinahe die Stuhllehne berührte. Die Delegation des Kombinats erwiderte die Begrüßung gleichermaßen. Die minimale Verzögerung demonstrierte jedoch unzweifelhaft, wer hier die Bittsteller waren.

„Im Namen aller Konzerne des Shigano-Kombinats heiße ich Sie hier in der Zentrale der Shinjizu Corporation willkommen“, eröffnete der Anführer der Gastgeber die Sitzung. Seine virtuelle Visitenkarte wies ihn als Shenyo Isoke aus, leitender Direktor von Shinjizu. „Ich danke Ihnen für Ihren Besuch.“

Mit einer einladenden Geste deutete er auf die Stühle. In lange einstudiertem Drill nahmen alle Anwesenden gleichzeitig Platz.

„Im Namen aller Angehörigen der Sony Genetic Engineering Corporation danke ich Ihnen für die freundliche Einladung“, erwiderte Hideki. „Wir haben das Angebot, die SGE dem Shigano-Kombinat anzugliedern, mit großem Interesse entgegengenommen und betrachten es als große Ehre, hierfür ausgewählt worden zu sein.“

„Dies ist ein logischer Schritt“, führte Shenyo aus. „Die Firmen des Kombinats profitieren in höchstem Maße von den Produkten der SGE.“ Sein Blick verharrte auf Yugora. „Erlauben Sie mir die Frage, zu welchem Zweck Sie eines von ihnen hierher gebracht haben?“

„Yugora ist Mitglied unseres Entwicklungsteams“, erläuterte Hideki. „Ein äußerst talentierter junger Wissenschaftler. Dr. Okatomo lobt seine Fähigkeiten stets in den höchsten Tönen.“

Shenyo starrte mit versteinerter Miene auf den genetisch Veränderten. „Giko-Klasse?“

„So ist es“, bestätigte Hideki.

Der Shinjizu-Direktor nickte anerkennend. „Die Techniker der Giko-Klasse haben sich auch bei uns in der zurückliegenden zweijährigen Testphase weitestgehend bewährt. Alle Mitglieder des Kombinats sind sich einig, den Einsatz der genetisch optimierten Arbeiter auf ihren extraterrestrischen Einrichtungen auszuweiten. Auf der Erde hingegen“, er legte die Fingerspitzen aneinander, „so höre ich zumindest, scheint es, mit der löblichen Ausnahme Ihres eigenen Entwicklungsteams, erhebliche Vorurteile gegen Ihre Produkte zu geben. In der Amerikanischen Liga bezeichnet die Presse sie sogar als ‚Mutanten‘ und der Kongress erwägt ein amtliches Verbot.“

Hideki ließ keine Reaktion auf die offene Provokation erkennen. „Die Markteinführung gestaltet sich hier in der Tat etwas schwierig. Aber das ist nicht verwunderlich. Derart tiefgreifende technologische Revolutionen haben die Menschen seit jeher verunsichert. Es wird einige Zeit benötigen, bis die genetisch Optimierten auf allgemeine Akzeptanz stoßen. Dass eine Integration möglich ist, haben wir in unseren eigenen Betrieben bereits demonstriert. Yugora ist das beste Beispiel dafür. Ich bin sehr erfreut zu hören, dass dieser Prozess auch in den Kolonien des Yamato-Konsortiums zügig voranschreitet.“

Kashima musste ein Grinsen unterdrücken. Yugora war in der Tat fest in das Konstruktionsteam integriert. Er hatte sogar eine Affäre mit Itori Moko begonnen, auch wenn die beiden sich intensiv darum bemühten, ihre Beziehung geheim zu halten. Doch die verstohlenen Blicke, die sie austauschten, sobald sie sich unbeobachtet fühlten, waren ein untrügliches Zeichen.

„Nun ja“, Shenyo lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, „die Eigenschaften, die die Optimierten auszeichnen – hohe körperliche Belastbarkeit, weitgehende Resistenz gegen Strahlung und so fort – sind auf Raumschiffen und Stationen von allergrößtem Wert, ebenso wie in den Kolonien auf dem Mars und im Asteroidengürtel. Damit erhalten wir gegenüber den Chinesen und den Ratskonzernen einen erheblichen Wettbewerbsvorteil bei der Erschließung des Sonnensystems, zumindest, bis auch sie vergleichbare humangenetische Programme auflegen.“

„Unser technologischer Vorsprung beträgt mindestens zehn Jahre“, erläuterte Hideki. „Und die Chinesen werden ein solches Projekt politisch vermutlich gar nicht durchsetzen können. Ihre Vorbehalte gegenüber der Humangenetik sind noch größer als die der Amerikaner.“

Shenyo nickte mit versteinerter Miene. „Dies bringt mich zu einem weiteren Punkt, den ich klären möchte, bevor wir endgültig über die Aufnahme der SGE ins Kombinat entscheiden. Ein derartiger Vorstoß wird unweigerlich Widerstand hervorrufen. Weniger von den Chinesen, die geraten seit dem Asteroidenkrieg immer mehr in die Defensive. Aber die Ratskonzerne, insbesondere die United Mining Group, führen ihre Expansion ins Sonnensystem mit großem Eifer voran. Wenn sie merken, dass sie technologisch ins Hintertreffen geraten, befürchte ich gewaltsame Reaktionen, bis hin zu einem neuerlichen Krieg. Wir haben bereits Tests mit der Giko-Klasse durchgeführt, wie sie sich in militärischen Operationen bewähren. Die Ergebnisse sind gemischt. Die überlegenen körperlichen Eigenschaften gereichen ihnen auch hier sicherlich zum Vorteil, aber sie sind manchmal zu zögerlich, zu abwägend. Es fehlt ihnen an Aggressivität.“

Alle Augen wandten sich zu Ietenagu Yonoko, Kashimas Vorgesetzter, als sie neben ihm urplötzlich aufstand, sich knapp verbeugte und ungefragt das Wort ergriff. „Mit Verlaub, aber das ist auch so gewollt. Unser Ziel ist es, bessere Menschen zu erschaffen. Nicht nur körperlich, sondern auch geistig und ethisch. Die Gemütsruhe ist den Giko, ebenso wie allen anderen Klassen, genetisch vorgegeben. Und in der Ausbildung legen wir allerhöchsten Wert auf die Vermittlung pazifistischer Ideale. Ich warne eindringlich davor, daran etwas zu ändern. Wenn wir jemals erreichen wollen, dass die Menschen in Yamato, den anderen Ländern der Erde und in den Kolonien die genetisch Optimierten akzeptieren, dann dürfen wir sie unter keinen Umständen zu Kriegern machen.“

Kashima beobachtete, wie ihre Hände zitterten. Sie senkte den Kopf, verbeugte sich noch einmal und setzte sich wieder hin.

Ein paar Sekunden lang herrschte absolute Stille.

„Ich bitte für das ungebührliche Verhalten von Ietenagu-san um Verzeihung“, ergriff Hideki das Wort. „Sie ist die Leiterin unserer Entwicklungsabteilung und vertritt sehr hohe moralische Ansprüche.“

„Das respektiere ich“, erklärte Shenyo. „Aber die Ansprüche Ihrer Entwicklungsleiterin ändern nichts an den Anforderungen, die wir an Ihre Produkte stellen. Wenn wir den Einsatz der genetisch Optimierten ausweiten wollen, müssen sie im Ernstfall zur Waffe greifen können, und zwar mit derselben Effizienz, die sie auch bei allen anderen Tätigkeiten an den Tag legen.“

Hideki nickte eifrig. „Wir werden Ihre Anforderungen erfüllen, Shenyo-sama.“

„Nein“, Ietenagu schüttelte energisch den Kopf, „das ist unmöglich. Die Eigenschaften, die Sie fordern, sind denen diametral entgegengesetzt, die den Erfolg der Giko-Klasse ausmachen. Es tut mir leid, aber für einen guten Techniker sind vollkommen andere Voraussetzungen notwendig als für einen Kämpfer. Eine Kombination ist unmöglich.“

Der Blick, mit dem der SGE-Direktor seine Abteilungsleiterin bedachte, war vernichtend. Kashima hatte etwas in der Art schon lange befürchtet. Er schätzte seine Vorgesetzte für ihre unbestreitbare fachliche Brillanz, doch ihr Ethos stand ihr immer wieder im Weg. Die Auseinandersetzung mit der Konzernleitung lag bereits seit geraumer Zeit in der Luft. Der Zeitpunkt hätte allerdings nicht ungünstiger sein können. Der Erfolg jahrzehntelanger Arbeit und die Zukunft der Firma hingen von dieser Unterredung ab. Ohne die Aufnahme in das Shigano-Kombinat war die SGE dem Untergang geweiht, und mit ihr das gesamte humangenetische Entwicklungsprogramm. Einem Verkauf der Patente an Firmen außerhalb Yamatos würde das Konsortium niemals zustimmen. Kashimas Lebenswerk wäre ebenso vernichtet wie die SGE. Außer, er tat etwas dagegen.

Er atmete tief durch, bevor er sich erhob und gegenüber Shenyo und Hideki verbeugte. „Wenn Sie erlauben, möchte ich einen Vorschlag machen.“

Shenyo musterte ihn abschätzig. „Ich muss schon sagen, Hideki-san, das Benehmen Ihrer Mitarbeiter erstaunt mich. Wer ist das nun wieder?“

Hideki war sichtlich am Ende seiner Geduld angelangt. Es kostete ihn Mühe, ruhig zu bleiben. „Das ist Okatomo Kashima, der Leiter des Konstruktionslabors. Ich bitte erneut um Entschuldigung. Okatomo-san, bitte setzen Sie sich wieder.“

„Lassen Sie ihn sprechen!“, widersprach Shenyo. „Wie lautet Ihr Vorschlag, Okatomo-san?“

Kashima wäre am liebsten im Boden versunken. Er musste sich zusammenreißen, um sich nicht auf der Stelle umzudrehen und den Raum zu verlassen.

„Ietenagu-bucho hat recht“, begann er mit bebender Stimme, „die geforderten Eigenschaften sind unvereinbar. Aber ich halte es für möglich, eine eigenständige Klasse von genetisch optimierten Kriegern zu erschaffen, die jedem natürlich geborenen Menschen im Kampf überlegen sind.“

Seine Vorgesetzte war entsetzt. „Setz dich auf der Stelle, Kashima! Wir erschaffen keine Soldaten. Nicht, solange ich die Entwicklungsabteilung leite. Das ist nicht verhandelbar.“

Kashima hockte sich eilig wieder hin. Er schalt sich für seinen Ausbruch. Das würde Ietenagu ihm niemals verzeihen.

„Nun, da kann man wohl nichts machen.“ Shenyo erhob sich. Die übrigen Vertreter des Kombinats taten es ihm gleich. „Es war mir eine Freude, Sie hier zu empfangen, aber mir scheint, wir werden nicht zu einer Einigung gelangen.“

Hideki streckte beschwörend die Hände aus. „Das sehe ich nicht so, Shenyo-sama. Ich denke, wir sollten mit Okatomo-san, dem neuen Leiter unserer Entwicklungsabteilung, noch einmal die genannte Option einer gesonderten genetischen Klasse durchgehen, falls dies für Sie akzeptabel wäre.“

Shenyo hielt inne. Kashima glaubte, den Anflug eines Lächelns auf dem ansonsten perfekten Pokerface auszumachen. „Nun gut, in diesem Fall reden wir weiter.“ Betont langsam setzte er sich wieder.

Seine Vorgesetzte – beziehungsweise seit zehn Sekunden Ex-Vorgesetzte – starrte Kashima mit offenem Mund an. Sie schien kurz davor, ihn anzuschreien oder ihm eine Ohrfeige zu geben.

„Ietenagu-san“, sprach Hideki sie ruhig an, „bitte verlassen Sie uns! Diese Sitzung ist vertraulich. Nur Führungskräfte und Angehörige der Forschungsabteilung dürfen anwesend sein.“

Das Blut wich ihr aus dem Gesicht. Ihr Unterkiefer bebte. Ihre Augen wanderten unstet zwischen Kashima und Hideki hin und her. „Sie begehen einen großen Fehler!“

„Vielen Dank für Ihre Einschätzung, Ietenagu-san.“ Hidekis Stimme wurde fordernder. „Bitte gehen Sie nun!“

Ihre Wut verrauchte von einem Augenblick zum nächsten. Kashima glaubte zu erkennen, wie ihre Augen feucht wurden. „Du weißt nicht, was du gerade angerichtet hast, Kashima“, flüsterte sie ihm zu, während die erste Träne sich den Weg über ihre Wange bahnte. „Deinetwegen werden Menschen sterben. Viele Menschen.“ Dann wandte sie sich abrupt ab und marschierte mit weit ausholenden Schritten zum Ausgang.

„Also, Okatomo-san“, forderte Hideki ihn auf, nachdem die Tür sich hinter Ietenagu geschlossen hatte, „bitte erläutern Sie uns das Konzept, das sie angedeutet haben!“

Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Jetzt hieß es, keine Fehler zu machen, wenn der spontane Karrieresprung, den er soeben vollführt hatte, nicht ein ebenso jähes Ende finden sollte.

„Sehr geehrte Damen und Herren“, begann er etwas unsicher, „bitte verzeihen Sie mir, dass ich noch kein ausgearbeitetes Strategiepapier präsentieren kann, aber ich habe bereits einige grundlegende Vorstellungen, wie wir die neue Genlinie realisieren können. Ich nenne sie die Musha-Klasse.“

Mit jedem Wort wurde seine Stimme fester. Er wusste, wovon er sprach und er wusste, was er wollte. Er würde die SGE ins Shigano-Kombinat führen und beiden zusammen die weitere Expansion ins Weltall ermöglichen. Er würde die Welt verändern. Mit einer neuen Menschheit. Vielleicht nicht die, die Ietenagu im Sinn hatte, aber dafür einer, die in der Lage war, sich gegen ihre Gegner durchzusetzen, egal, ob sie in den Reihen des Yamato-Konsortiums oder in der Amerikanischen Liga zu finden waren. Seine Kinder sollten eine Zukunft haben. Und in einer unerbittlichen Welt erforderte dies, stark zu sein. Oh ja, seine Kinder würden stark sein, dafür würde er Sorge tragen.

Abwehrschlacht

01.09.2177 (33 Jahre vor den Ereignissen in ‚ex vitro‘), Elysium Planitia, Mars

„Weg hier!“, brüllte Sal. „Sofort umdrehen und zurück in die Kolonie!“

Der direkte Befehl holte Corporal Podds vor ihm aus ihrer Schreckstarre. Sie riss den Joystick herum und jagte die Motoren des Rovers auf volle Leistung. Das Fahrzeug wendete auf der Stelle. Die Beschleunigung drückte Sal in das ausgefranste Polster des Sitzes. Der Rover bockte und holperte über die staubige Ebene, doch er schien nicht weniger entschlossen zu sein als seine Besatzung, dem Inferno zu entrinnen, das von einer Sekunde zur nächsten über sie hereingebrochen war.

„Was zur Hölle war das?“, kreischte Podds.

„Was wohl? Kombinatssoldaten. Mit Plasmawerfern“, antwortete Sergeant Lemanenkow, der dritte Mann im Cockpit. Obwohl er schon seit Jahrzehnten in den Kolonien lebte, war ihm ein leichter russischer Akzent immer noch anzumerken. „Wir hatten Glück, dass der aufgewirbelte Dreck die Reichweite der Werfer beschränkt hat, sonst wäre von uns nur noch ein Schlackehaufen übrig.“

Dass der allgegenwärtige Marsstaub auch mal etwas Gutes bewirken konnte, war für Sal eine neue Erfahrung. Doch ihm blieb nicht viel Zeit zur Freude. Der Rover entfernte sich zwar von den roten Punkten, die die Positionen der wie aus dem Nichts aufgetauchten Feinde auf dem Taktikdisplay markierten, aber schon tauchten neue Objekte auf.

Auch Lemanenkow hatte sie entdeckt. „Raketen im Anflug.“

Die Schweife der Abgasstrahlen zeichneten sich grell vor dem dunklen Nachthimmel ab. „Abwehren!“

Der Bordschütze benötigte die Aufforderung nicht. Die holografische Zielerfassung der automatisierten Dachlafette erschien vor Lemanenkows Gesicht. Weniger als eine Sekunde später mischte das Rattern der Railgun sich zum Dröhnen und Poltern der rasanten Fahrt. Podds holte das Letzte aus dem Rover heraus, bewegte das antike Gefährt, ein chinesisches Fabrikat aus der Zeit, bevor die transnationalen Konzerne die Kolonie übernommen hatten, weit jenseits aller Spezifikationen. Trotz der langen Federwege verloren die sechs mannshohen Räder regelmäßig den Bodenkontakt und setzten mit schweren Schlägen wieder auf, so dass die Insassen kräftig durchgeschüttelt wurden.

Ein besonders heftiger Stoß warf Sal in den Fünfpunktgurt, begleitet von ohrenbetäubendem Krachen. Gleißendes Licht flutete das Cockpit, Flammen schlugen über der Cockpitverglasung zusammen. Dann wurde es schlagartig wieder dunkel.

„Was war das?“ Podds’ Stimme überschlug sich beinahe.

„Eine ist durchgekommen“, erklärte Lemanenkow seelenruhig.

Anscheinend war es kein Volltreffer. Sonst wäre der nur schwach gepanzerte Rover Schrott. Statt alle Systeme einzeln auf Funktionalität zu prüfen, konzentrierte Sal sich auf das Vibrieren unter seinem Hintern. Die Frequenz der Antriebsaggregate änderte sich nicht merklich. Demnach schien ihr Gefährt noch fahrtüchtig zu sein.

„Weiter!“, forderte er die Crew auf. „Scheinwerfer aus!“

Zusammen mit dem Lichtkegel verschwanden der rote Sand und die Felsen vor dem Fenster des Rovers. Lediglich der Input der Infrarotsensoren verblieb Podds, um das Fahrzeug sicher durch die Wüste zu lenken. Dennoch verringerte sie die halsbrecherische Geschwindigkeit nicht. Jedes Mal, wenn sie eine Felskante oder einen großen Stein zu spät erkannte und den Rover nur durch heftiges Gegenlenken wieder in die Spur brachte, kommentierte sie das Manöver mit Keuchen und Schimpfen.

„Von wegen: Langweiliger Patrouillendienst“, murmelte Lemanenkow vor sich hin. „Unter Langeweile verstehe ich was anderes.“

Sal reagierte nicht darauf, sondern aktivierte das Bedienmenü für die Kommunikationsanlage. Statt der vertrauten Schaltflächen zeigte das Hologramm nur eine Fehlermeldung an. Mehrere Versuche, das System zu rebooten, scheiterten.

„Mist“, gab er von sich. „Der Treffer scheint die Antennen beschädigt zu haben.“

„Das heißt, wir kriegen keine Verstärkung?“, fragte Podds mit gepresster Stimme.

„Vor allem heißt das, wir können der Kolonie keine Warnung schicken, dass sich feindliche Einheiten in unmittelbarer Nähe befinden“, rückte Sal die Prioritäten zurecht. „Wir müssen die Nachricht eigenhändig überbringen.“

Dafür mussten sie mindestens auf zehn, besser fünf Kilometer herankommen. So weit reichten die Kurzstreckensender ihrer persönlichen Ausrüstung.

Er verzichtete darauf, den Corporal zur Eile zu drängen. Sie tat bereits, was in ihrer Macht stand. Ganz im Gegenteil forderte Sal sie nach einigen Minuten auf, die Fahrt ein wenig zu verlangsamen. Es nützte niemandem etwas, wenn sie zwar den Feinden entkamen, aber den Rover gegen einen Felsen oder in einen Abgrund setzten. Doch mit jedem Kilometer wurde sie sicherer darin, das Fahrzeug nur mit den rudimentären Sensorinputs zu steuern.

„Irgendwas zu sehen?“, fragte Sal den Bordschützen.

Lemanenkow war in die Anzeige der Zielerfassung vertieft. „Keine Raketen. Nur die eine Salve. Seitdem nichts mehr.“

„Haben wir sie abgehängt?“ Zweifel schwangen in Podds’ Stimme mit.

„Schon möglich“, mutmaßte Sal. „Wenn ich es richtig gesehen habe, waren dort nur Infanteristen.“

„Die sind nicht zu Fuß von den Valles Marineris bis hier gewandert“, warf Lemanenkow ein.

Alle hielten kurz die Luft an, als der Rover mit einem mehrere Meter weiten Satz einen steilen Abhang übersprang und polternd wieder aufsetzte. Podds wirkte gefasst. Sie schien alles im Griff zu haben.

„Sicher nicht“, bestätigte Sal nach einem tiefen Atemzug. Er legte eine Landkarte auf sein Display. „Die Position, bei der wir Feindkontakt hatten, ist rund fünfzig Kilometer von der Kolonie entfernt. Das stimmt in etwa mit der Distanz überein, ab der die Überwachung des bodennahen Luftraumes aufgrund der Krümmung der Oberfläche nicht mehr möglich ist, solange sie unsere Überwachungssatelliten mit Störsignalen bombardieren. Schätze, die sind bis dort geflogen und abgesetzt worden.“

„Aber wozu?“, wollte Podds wissen. „Wollen die die Kolonie angreifen?“

„Was denn sonst?“, entgegnete der Russe.

„Aber es hieß doch, die Kämpfe wären nur auf der anderen Seite des Mars. In den Valles und in Olympus City.“

„Anscheinend halten die Kombis sich nicht an die Analysen unserer Strategen.“ Lemanenkow blieb vollkommen gelassen, zumindest äußerlich.

Sal beugte sich nach vorne, spähte zwischen den beiden vor ihm sitzenden Crewmitgliedern hindurch in die Dunkelheit jenseits der Cockpitverglasung. Nur die Sterne erleuchteten die endlose Wüste. Er bewunderte, wie sicher Podds den Rover trotz der fehlenden Beleuchtung steuerte. Sie schien sogar noch genug Gehirnleistung übrig zu haben, um die strategische Lage zu analysieren.

„Was wollen die in Elysium?“, beschwerte sie sich lauthals. „Sich mit den Chinesen rumärgern, die immer noch nicht kapiert haben, dass die Kolonie nicht mehr ihnen gehört? Verdammte Scheiße! Warum mischen wir uns da überhaupt ein? Cynarian hat mit den Kombis doch gar nichts zu schaffen. Wir sollten den Krieg der USI überlassen. Die haben ihn ja schließlich auch angezettelt.“

„Die Chefetage will der USI und dem Konzernrat zeigen, dass Cynarian bereit ist, auch in einer Krise Verantwortung zu übernehmen.“ Lemanenkow grinste spöttisch. „Jetzt haben sie ihre Krise, und zwar vor der eigenen Haustür.“

„Und wir sind es, die ihren Arsch in die Schusslinie halten dürfen, wenn die Herren und Damen Manager bei den ganz Großen mitspielen wollen.“

Staub und kleine Steinchen schlugen gegen die Frontscheibe, als Podds den Rover in eine enge Kurve lenkte, um einem tiefen Einschnitt in der Ebene auszuweichen.

„Immer mit der Ruhe!“, ermahnte Sal die Fahrerin. „Konzentrieren Sie sich darauf, den Rover heil nach Hause zu bringen! Dort machen wir Meldung. Dann scheidet zumindest ein Überraschungsangriff aus.“

„Da wär ich mir nicht so sicher, Lieutenant“, brummte Lemanenkow.

Der alte Veteran stand zwar im Rang unter Sal, war aber mit Abstand das erfahrenste Mitglied der kleinen Truppe. Seinen Rat zu ignorieren, wäre dumm. „Was meinen Sie, Sergeant?“

„Na ja, Sie haben doch bestimmt auch die Gerüchte über diese neuen, genetisch hochgezüchteten Soldaten des Kombinats gehört. Mit servounterstützten Panzeranzügen kommen auch normale Infanteristen in der Marsschwerkraft zügig voran. Diese neuen Supersoldaten sind vielleicht noch schneller. Die schießen zwar nicht mehr auf uns, aber ich würde nicht darauf wetten, dass unser Vorsprung allzu groß ist.“

Podds war entsetzt. „Ich dachte, die Mutantensoldaten hätten sie nur auf der Erde.“

„Wer kann das schon mit Sicherheit sagen?“

„Verbreiten Sie hier keine Schauermärchen!“, wies Sal den Bordschützen an.

„Ich sage nur, was ich gehört habe“, verteidigte er sich.

„Wenn das tatsächlich diese Supersoldaten sind, bin ich endgültig raus!“, kündigte Podds an. „Soll die beschissene USI doch gefälligst die beschissene Elysium-Kolonie verteidigen und sich auf beschissenen Patrouillen den Hintern mit Plasmawerfern ankokeln lassen!“

Das Genörgel begann, Sal zu nerven. „Die USI hat all ihre Truppen aus Elysium für die Offensive gegen die Valles abgezogen und den anderen Konzernen vor Ort die Verteidigung überlassen. Deswegen ist es unser Job, uns hier den Hintern ankokeln zu lassen. Ende der Diskussion! Konzentrieren Sie sich darauf, uns so schnell wie möglich nach Elysium zu bringen! Wenn wir tatsächlich diese Supersoldaten im Genick haben, ist es umso wichtiger, dass wir die Kolonie vor ihnen erreichen und unsere Leute warnen, und seien es nur wenige Minuten.“

Niemand widersprach.

Der Rover raste weiter durch die Dunkelheit. Allmählich wich die schroffe Steinwüste sanften Sand- und Staubdünen. Sie näherten sich der Kolonie.

„Funktioniert wenigstens das IFF-Signal noch?“, fragte Sal.

Wenn nicht, würde die Freund-Feind-Erkennung ihrer Kameraden in der Siedlung sie als potenzielle Ziele ausweisen.

Lemanenkow prüfte seine Instrumente. „Das Signal ja, der Sender nicht. Ich gebe es auf den Kurzstreckenkanal.“

„Hoffentlich reicht das.“

„Ansonsten werden wir von den Kombis und unseren eigenen Leuten in die Zange genommen.“ Lemanenkow trug seine harsche Analyse im Plauderton vor, obwohl das Szenario, das er beschrieb, ihren sicheren Tod bedeuten würde.

Am Horizont erschienen die Lichter der Elysium-Kolonie. Das Landefeld des Raumhafens, die hoch aufragenden Öfen der Erzhütten, die künstliche Beleuchtung der Agrarkuppeln. Alles veritable Ziele für einen Angriff. Niemand dort rechnete damit, dass der Krieg bis hierhin vordrang. Wenn sie nicht gewarnt würden, wäre der Überraschungsangriff perfekt. Es war Sals Aufgabe, das zu verhindern.

Sie näherten sich der Zehn-Kilometer-Marke. Er griff nach seinem Helm und verband die eingebaute Antenne mit dem Headset-Funkgerät. „Captain De Boer, hier spricht Lieutenant Haggard. Können Sie mich hören?“

Die Antwort bestand aus statischem Rauschen.

„Ich gehe raus, um besseren Empfang zu haben“, teilte er der Besatzung mit.

„Aye, Lieutenant“, kommentierte Lemanenkow. Podds richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Steuerung.

Sal setzte noch im Sitzen den Helm auf und verband ihn mit dem stählernen Kragen seiner Kampfmontur. Ein Zischen zeigte den luftdichten Verschluss an. Er löste die Gurte und stand auf. Er musste sich gut festhalten, um bei der holperigen Fahrt nicht wild im Cockpit herumgeschleudert zu werden. Mühsam hangelte er sich zur Luke in den Laderaum des Rovers, von dem aus die Schleuse nach draußen führte. Er wollte gerade den Öffnungsmechanismus betätigen, als seine Finger wenige Millimeter über dem Schalter verharrten. Der flüchtige Blick auf die an allen luftdichten Türen vorhandenen Druckanzeigen war jedem Bewohner des Mars in Fleisch und Blut übergegangen. Das Display neben der Luke meldete einen Wert nahe Null. Sal stöhnte leise und kehrte um. Lemanenkow sah ihn an, nachdem er sich wieder gesetzt und den Helm abgenommen hatte.

„Scheint so, als hätten wir keinen Laderaum mehr“, beantwortete Sal die unausgesprochene Frage.

Der prüfende Blick des Sergeants wandte sich zur Luke, als wollte er sie bitten, noch ein paar Minuten lang standzuhalten, dann widmete er sich wieder seinen Instrumenten.

Sal mühte sich weiter mit dem Helmfunkgerät ab. „Captain De Boer, hier spricht Lieutenant Haggard. Können Sie mich hören? Lieutenant Haggard an Elysium Kolonie, kann mich irgendjemand empfangen?“

Nichts.

„Verdammtes Mistding!“ Er gab dem Helm einen Stoß. „Irgendeine Reaktion von der Kolonie?“

„Negativ“, meldete Lemanenkow.

Das bedeutete zumindest, von dort schoss niemand auf sie. Sal wertete das als gute Nachricht.

Seine Aufmerksamkeit richtete sich spontan wieder auf sein Funkgerät, als sich in das Rauschen weitere Geräusche mischten. „… sium … onie an unbe … Rover … dentifi … sich, sonst eröff … euer.“

„Hier spricht Lieutenant Haggard von der Cynarian Konzernsicherheit.“ Er bemühte sich um eine möglichst deutliche Aussprache. „Wir kommen von der Patrouille zurück. Wir hatten Feindkontakt. Die Kolonie wird angegriffen. Over.“

Angestrengt lauschte er auf eine Antwort.

„… holen sie!“

Er gab denselben Text ein weiteres Mal durch.

„… ben verstanden.“ Mit abnehmender Entfernung wurde die Stimme deutlicher. Sal erkannte Captain De Boer, seinen Vorgesetzten. „Fahren Sie … en Hangar!“

„Verstanden.“ Erleichterung breitete sich spürbar im Cockpit aus. Sie waren so gut wie zu Hause und hatten die Kolonie gewarnt. Ihre Aufgabe war erfüllt.

„Scheinwerfer einschalten“, ordnete Sal an.

Corporal Podds befolgte die Anweisung umgehend. Mit den breiten Lichtkegeln war es ein Leichtes, die letzten Kilometer zurückzulegen.

Sie steuerten gerade den Hangar an, von dem aus sie die Patrouille begonnen hatten, als Lemanenkow plötzlich hektisch wurde. „Raketen!“

Sal reckte den Kopf vor, um den Himmel abzusuchen. „Von wo?“

„Hinter uns.“

„Abwehren! Podds, Ausweichkurs und Lichter aus!“

Der Corporal reagierte sofort. In der spontan einsetzenden Dunkelheit konnte Sal durch die Cockpitverglasung helle Streifen am nächtlichen Himmel erkennen. Die Feuerschweife hielten auf die Kolonie zu.

„Sind nicht auf uns gerichtet“, bestätigte Lemanenkow die Beobachtung.

Sal zählte rund zwanzig Triebwerksspuren. Kurz bevor sie sich auf die äußersten Gebäude senkten, rasten ihnen von den provisorischen Verteidigungsstellungen auf den Dächern hunderte kleinere Lichtpunkte entgegen: glühende Railgungeschosse. Soweit Sal es sehen konnte, wurde etwa die Hälfte der Raketen abgefangen. Dann erfüllte von einem Augenblick zum nächsten grelles Gleißen das Sichtfeld jenseits der Frontscheibe des Rovers. Instinktiv schirmte Sal die Augen mit der Hand ab. Es sah aus, als stünde die gesamte Kolonie in Flammen. Auch die Sensoren waren geblendet.

„Multispecs“, analysierte der Waffensystemoffizier das Geschehen. „Deswegen hat der Rover den Treffer vorhin überlebt.“

Multispecs. Multispektralblendgranaten. Nur mäßige Zerstörungskraft, aber das ultimative Mittel, um dem Gegner die Sicht zu rauben, zumindest für ein paar Sekunden. Sal wusste, was das bedeutete. „Sie rücken vor.“

Als wollten die Angreifer seine Schlussfolgerung bestätigen, erkannte er vor dem lodernden Inferno die Umrisse massiger Gestalten, die mit weit ausholenden Sprüngen auf die vordersten Gebäude von Elysium zuhielten. Noch bevor er Lemanenkow den Befehl geben konnte, das Feuer zu eröffnen, waren die Feinde im langsam verebbenden Schein der Granaten verschwunden. Als die Sicht wieder vollständig hergestellt war, fehlte jede Spur der Infanteristen.

„Die waren uns tatsächlich dicht auf den Fersen“, stellte Lemanenkow lakonisch fest.

Podds starrte angestrengt in die Dunkelheit. „Wo sind sie hin?“

Die Infrarotsensoren des Rovers hatten sich von den Blendgranaten weit genug erholt, um mehrere ringförmige Wärmesignaturen auf den Betonmauern hervorzuheben.

„Sie haben sich den Weg mit den Plasmawerfern freigesprengt“, erklärte Sal. Er aktivierte sein Helmfunkgerät. „Lieutenant Haggard an Elysium Kolonie. Die Angreifer dringen in die Habitate ein.“

Die Antwort kam diesmal klar verständlich. „Verstanden.“ Captain De Boer klang zuversichtlich. „Wir werden sie gebührend empfan …“

Nicht die schlechte Qualität der Verbindung unterbrach ihn, sondern das harte Rattern automatischer Waffen.

„Feuer konzentrieren!“, hörte Sal seinen Vorgesetzten über den Lautsprecher des Headsets. „Haltet die Stellung!“

Auch Lemanenkow und Podds lauschten gebannt, wie der Kampf im Inneren der Kolonie fortgeführt wurde. Innerhalb kürzester Zeit waren im allgemeinen Getöse keine Einzelheiten mehr auszumachen. Schüsse, Explosionen und gebellte Befehle bildeten eine Kakofonie des Schreckens. Dann brach die Verbindung abrupt ab.

„Das hört sich nicht gut an“, kommentierte Lemanenkow.

Sal benötigte noch ein paar Atemzüge, um das Geschehen zu verdauen. „Die Plasmawerfer machen auf kurze Distanz Kleinholz aus unseren Leuten. Gelungene Strategie. Mit den Multispecs stellen sie die Verteidigungsstellungen auf den Dächern kalt und suchen dann den Nahkampf im Inneren der Gebäude.“ Er rief einen Plan der Kolonie auf sein Display. „Und wenn sie die dortigen Abwehrstellungen überwunden haben, kann sie niemand mehr davon abhalten, durch die Tunnel ins Zentrum von Elysium vorzudringen.“

Das Bild gepanzerter Infanteristen, die wahllos Zivilisten niedermetzelten, erschien vor seinem geistigen Auge.

„Dann hoffen wir mal, dass unsere Leute standhalten“, sprach Podds aus, was sie wohl alle dachten.

Sal versuchte, wieder Funkkontakt herzustellen. „Lieutenant Haggard an Captain De Boer, wie ist die Lage? Ich bitte um Anweisungen.“

Nichts.

Zweimal wiederholte er den Ruf, dann kam eine verrauschte Antwort. „De Boer ist tot.“ Der Mann klang hektisch, fast schon panisch. „Wir brauchen dringend Verstärkung. Sie haben die Stellung durchbrochen.“

„Wer hat das Kommando?“, fragte Sal.

„Keine Ahnung.“ Lautes Krachen, wie von Explosionen, drang aus dem Lautsprecher.

Für einen Moment herrschte betretenes Schweigen in Cockpit des Rovers. Die Blicke seiner beiden Kameraden waren erwartungsvoll auf Sal hinter ihnen gerichtet.

Er schluckte, dann öffnete er den allgemeinen Kanal von Cynarians Konzernsicherheit. „Hier spricht Lieutenant Haggard. An alle, die mich empfangen können: Verlassen Sie die Verteidigungsstellungen in den Habitaten! Ziehen Sie sich ins Innere der Kolonie zurück und sprengen Sie die Verbindungstunnel hinter sich! Ich wiederhole: Rückzug und Tunnel sprengen!“ Systematisch studierte er den Kolonieplan. „Alle, die die Tunnel nicht mehr erreichen, verlassen die Habitate und gehen an die Oberfläche. Sammelpunkt ist Planquadrat FJ 129, vor der Erzraffinerie.“ Er wandte sich Podds zu. „Fahren Sie dorthin!“

Sie steuerte den Rover zwischen die Gebäude. Zwanzig Meter hohe Wände ragten zu beiden Seiten der Piste auf, vom Staub, der sich auf dem rauen Beton abgelagert hatte, im selben Rotton gefärbt wie die umliegende Wüste. Lemanenkow benötigte keine Anweisung, um sich auf die Zielerfassung der Railgun zu konzentrieren und nach Feinden Ausschau zu halten. Auch Sal beäugte durch die Cockpitverglasung die dunklen Umrisse der Hallen und Hangars um sie herum. Doch niemand griff sie an.

Ihr Ziel war ein großer Komplex in der zweiten Reihe der Bebauung, noch weit außerhalb des Zentrums, aber nicht mehr am äußersten Rand. Der Großteil der Erzhütte war, wie die inneren Sektoren von Elysium, unterirdisch angelegt. Lediglich die obersten Sektionen der Öfen ragten wie die Turmspitzen einer versunkenen Stadt über die Oberfläche hinaus. Schlackehalden säumten das weitläufige Gelände. Sal wies Corporal Podds an, den Rover auf einer davon zu postieren. Der Betrieb der Anlage war bereits eingestellt worden, als Sals Einheit die Stellungen bezogen hatten. Der Manager hatte gegen die aus seiner Sicht vollkommen überzogene Maßnahme lautstark protestiert. Im Nachhinein betrachtet war die Evakuierung wohl eine gute Idee gewesen.

Nervös beobachteten sie alle die Umgebung. Jede Bewegung konnte einer der Feinde sein. Lemanenkow richtete die Railgun auf eine einzelne Person, die das Areal vorsichtig betrat. Sie trug den leichten Körperpanzer der Sicherheitskräfte.

„Identifizieren Sie sich!“, forderte Sal den Mann über Funk auf.

„Nicht schießen!“ Er hob die Hände. In einer hielt er ein automatisches Gewehr. „Corporal Serata, Cynarian.“ Die IFF-Kennung bestätigte seine Meldung. „Hinter mir sind noch mehr.“

„Kommen Sie her! Wie ist die Lage?“

Serata bedeutete einer Gruppe weiterer Soldaten, ihm zu folgen. Im Laufschritt erklommen sie den Schlackehügel.

„Die haben uns vollkommen überrannt.“ Der Bericht des Corporals war von keuchenden Atemzügen unterbrochen. „Unsere Waffen waren so gut wie nutzlos. Die hatten schwere Rüstungen. Und waren riesig. Alle weit über zwei Meter groß.“

Sal mochte nicht ausschließen, dass einzelne Aspekte der Schilderung ein wenig übertrieben waren, aber zweifellos waren die Gegner ihnen überlegen.

„Was ist mit den Tunneln?“, fragte er.

„Ich habe Explosionen gehört“, fuhr Serata fort. „Die kamen ungefähr aus der Richtung.“

Das machte Hoffnung, dass die Zugänge von den eroberten Stellungen ins Innere der Kolonie blockiert waren und die Angreifer irgendwo in den umliegenden Gebäuden festsaßen. Sal nahm erneut den Stationsplan zur Hand. Die nächste Möglichkeit, in die unterirdischen Sektionen zu gelangen, befand sich in der Erzraffinerie.

Mittlerweile hatten sich rund dreißig Soldaten um den Rover versammelt. Verletzte schien es keine zu geben. Das war typisch für Kämpfe auf dem Mars. Selbst leichte Schäden der vakuumfesten Anzüge führten zum Entweichen der Atemluft und bedeuteten das unausweichliche Todesurteil für den Getroffenen. Die Kolonien jenseits der Erdoberfläche waren ein gnadenloses Schlachtfeld.

Zu Sals Bedauern befand sich unter den Leuten, die sich um ihn scharten, kein Offizier. Das bedeutete dann wohl, dass er weiterhin das Kommando innehatte. Eine Ehre, auf die er gerne verzichtet hätte.

„Alle zuhören!“, verkündete er über den allgemeinen Funkkanal der Einheit. „Wir müssen verhindern, dass die Feinde weiter in die Kolonie eindringen. Sobald sie entdecken, dass von den Gebäuden, die sie bereits erobert haben, alle Zugänge zerstört sind, werden sie sich der Erzraffinerie zuwenden. Soweit wir es bisher gesehen haben, besteht die Primärbewaffnung der feindlichen Kräfte aus Plasmawerfern. Die sind nur auf kurze Distanz effektiv. Wir errichten eine Verteidigungsstellung genau hier auf der Schlackehalde. Hier haben wir viel freies Feld um uns herum und den Eingang zur Raffinerie im Blick. Solange wir die Gegner mit unseren Railguns auf Abstand halten, stehen die Chancen gut, dass wir sie aufhalten können. Corporal Serata, Ihre Aufgabe ist es, Kontakt zu den anderen Sicherheitseinheiten von Elysium aufzunehmen und Verstärkung anzufordern. Suchen Sie sich irgendein Com und sagen Sie denen, sie sollen alles schicken, was sie haben, und zwar schnell! Alle anderen gehen in Deckung und halten die Augen offen.“

Serata machte sich mit weiten Sätzen davon. Die übrigen Soldaten bildeten eine ringförmige Verteidigungslinie rund um den Rover.

---ENDE DER LESEPROBE---